18/07/2008 | Rückmeldung | PDF | drucken

Lungern

Polit. Gem. OW. Die am Fusse des Brünigpasses gelegene oberste Talgemeinde umfasst neben dem Dorf L. am Südende des Lungernsees auch die Weiler Obsee und Bürglen-Kaiserstuhl. 1275 Lutigern (Kopie 14. Jh.), 1275 de Lungern. 1790 1'234 Einw.; 1850 1'413; 1900 1'828; 1950 1'878; 1990 1'859; 2000 1965.

Einzelfunde aus dem Mesolithikum, aus der Bronze- und Römerzeit. Neben herrschaftl. Grundbesitz gab es immer auch ein freies Grundeigentum der Landleute. Die alte Kirche (1275 erw., Katharinapatrozinium), deren Standort heute der Kirchturm aus dem 14. Jh. markiert, war eine Stiftung der Frh. von Wolhusen. Diese schenkten 1303 das Patronatsrecht dem Frauenkloster Engelberg, welches es um 1450 an das Land Obwalden abtrat. Seit 1674 befindet sich das Kollaturrecht uneingeschränkt in den Händen der Kirchgenossen von L. Auch das Stift Murbach-Luzern besass in L. eine Alp und Güter in Obsee und Bürglen. 1739 wurde Bürglen-Kaiserstuhl mit der 1686 erbauten Kapelle (Antonius- und Wendelinpatrozinium) zur Kuratkaplanei erhoben. Die kommunalen Aufgaben, v.a. die Armenpflege, nahm die Gem. der Kirchgenossen wahr. Von ihr unabhängig sind die Nutzungsgenossenschaften entstanden: die Teilsame Obsee mit Bürglen (1388) und die Teilsame Dorf mit Kaiserstuhl (1420), die bis heute ihre Selbstständigkeit gewahrt haben. Das Nutzungsrecht an Allmend, Alpen und Wald war zu jeder Zeit vom Grundbesitz (Güterrecht) innerhalb der Teilsame abhängig. So sind in L. im Gegensatz zu den anderen Korporationen Obwaldens auch Beisassen nutzungsberechtigt. Um die Wende vom 14. zum 15. Jh. verlagerte sich das Schwergewicht vom Ackerbau zur Viehwirtschaft. Die Bedeutung der Teilsamen nahm schnell zu.

1836 wurde der Lungernsee tiefer gelegt, wodurch 170 ha Land gewonnen wurden. Aufgrund der 1919 den Centralschweiz. Kraftwerken verliehenen Konzessionen wurde er zur Energiegewinnung wieder aufgestaut. Seit 1982 ist das Seewerk im Eigentum des Kt. Obwalden. Eine beachtl. Einnahmequelle erbrachte im 19. Jh. die Heimarbeit: die Baumwollspinnerei, v.a. die Seidenweberei (Verlag in Zürich, später Horgen), und bis in die 1950er Jahre die Strohhutflechterei (Verlag in Wohlen AG, ab 1910 in Sarnen). Die Wildbäche Eibach und Laui, während Jahrhunderten eine schwere wirtschaftl. Belastung, erforderten um 1900 grosse Verbauungen. Die Eibachkatastrophe von 1887 zog Kirche und Beinhaus derart in Mitleidenschaft, dass man sie aufgab und 1892-93 die neue Kirche auf dem Sattel erbaute. Der Bau der Brünigstrasse Anfang der 1860er Jahre und die Eröffnung der Brünigbahn Alpnachstad-Brienz 1888 förderten den Fremdenverkehr. Mit der Erweiterung der Hotellerie und der Parahotellerie wurde L. vorerst zum Sommerkurort, mit der Erschliessung des Skigebiets durch die Seilbahn L.-Schönbüel (1961) auch zum Winterkurort. Im 20. Jh. entwickelte sich das Handwerk zu einem leistungsfähigen Gewerbe (u.a. mit Bildhauertradition) und führte zu einheim. industriellen Betrieben: Holzbau, Felsabbau und -sicherung, Fahrzeugaufbauten und Gross-Sattlerei. 2005 bot die Landwirtschaft noch einen knappen Sechstel der Arbeitsplätze, die restl. wurden zu gleichen Teilen von Industrie bzw. Gewerbe und dem Dienstleistungssektor gestellt.


Literatur
– H. Ming, Die Allmendgenossenschaften von L., o.J.
– J. und O. Hess, Der wandernde See von L., 1935
– H. Ming, Bürglen-Kaiserstuhl von damals bis heute, 1991
Aus der Pfarreigesch. von L., 1994

Autorin/Autor: Josef Halter