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Jura (Kanton)

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Der Kt. J., dessen amtl. Bezeichnung "Republik und Kanton J." lautet, ist der jüngste Gliedstaat der Eidgenossenschaft, zu der er territorial seit 1815 gehört. Sein Gebiet liegt inmitten der Höhenzüge der Region Jura und umfasst ungefähr den sog. germanischen Teil des ehem. Fürstbistums Basel. Dieser wurde im Gefolge der Franz. Revolution vorübergehend zur unabhängigen Raurachischen Republik, dann zum franz. Dep. Mont-Terrible und zum Arrondissement im Dep. Haut-Rhin, bis er schliesslich durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses an den Kt. Bern gelangte. Die Grenzen des heutigen Kantons entsprechen mit geringen Abweichungen jenen der Amtsbez. Pruntrut, Delsberg und der Freiberge in der Zeit 1815-1978. Diese Bez. bildeten damals einen Bestandteil des Berner Juras, der seit der Gründung des Kt. J. und dem Anschluss des Laufentals an Baselland 1994 auf die Amtsbez. Moutier (abzüglich einiger Gem.), Courtelary und La Neuveville reduziert ist. Am 24.9.1978 hiess die Schweizer Bevölkerung die Gründung des neuen Kantons an der Urne gut; mit der Zustimmung zur Änderung der Bundesverfassung nahm sie den J. in den Kreis der schweiz. Kantone auf und ermöglichte dessen Schritt in die Souveränität am 1.1.1979. Amtssprache ist Französisch. Hauptort: Delsberg.

Fläche (2001)838,6 km² 
Wald / bestockte Fläche370,4 km²44,2%
Landwirtschaftliche Nutzfläche413,2 km²49,3%
Siedlungsfläche48,0 km²5,7%
Unproduktive Fläche7,0 km²0,8%

Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktura
Jahr 18501880b1900195019702000
Einwohner 44 92152 11657 57559 55467 32568 224
Anteil an Gesamtbevölkerung der Schweiz1,9%1,8%1,7%1,3%1,1%0,9%
Sprache       
Französisch  46 25749 09850 51755 28561 376
Deutsch  5 8987 2728 1055 7233 001
Italienisch  2071 1878664 5061 210
Rätoromanisch   3172427
Andere  1415491 7872 610
Religion, Konfession       
Katholischc 43 81048 09550 28948 57856 47651 092
Protestantisch 1 0103 7087 06310 45310 2848 513
Christkatholisch    2743855
Andere 1015732232495278 564
davon jüdischen Glaubens 101235195826222
davon islamischen Glaubens     1 310
davon ohne Zugehörigkeitd     4 250
Nationalität       
Schweizer 42 21747 87351 78456 80459 00059 500
Ausländer 2 7044 5035 7912 7508 3258 724
Jahr  19751985199119952001
Beschäftigte im Kanton1. Sektor 3 4514 4833 7874 109e3 578e
 2. Sektor 14 77214 20416 13013 85714 109
 3. Sektor 8 39512 54816 05015 95716 513
Jahr  19791985199019952001
Anteil am Schweiz. Volkseinkommen 0,8%0,7%0,7%0,6%0,7%

a Angaben 1850-2000 gemäss Kantonsgebiet 2000

b Einwohner: Wohnbevölkerung; Sprache, Religion, Nationalität: ortsanwesende Bevölkerung

c 1880 und 1900 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

d zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

e gemäss landwirtschaftl. Betriebszählungen 1996 und 2000

Quellen:HistStat; eidg. Volkszählungen; BFS

1 - Von den Anfängen bis zur Eingliederung ins Fürstbistum Basel

Ur- und Frühgeschichte des J.s sind stark von der geogr. Lage und den topograf. Verhältnissen bestimmt. Die Gebiete, die sich zum Doubsbecken (Ajoie) oder zur Oberrhein. Tiefebene hin öffnen (Delsberger Tal), teilen die Siedlungsgeschichte des Rheinknies und des Juranordhangs. Die Gebirgszüge hinderten die letzten grossen Alpengletscher am weiteren Vordringen und haben so die Böden vor Erosion geschützt, weshalb die ältesten prähist. Stätten der Schweiz erhalten geblieben sind.

1.1 - Erste menschliche Spuren

Aus der Riss-Würm-Zwischeneiszeit (Eem-Interglazial), die vor ungefähr 120'000 Jahren einsetzte, sind in Alle, am Fundort Noir Bois, bedeutende Werkstätten für die Bearbeitung von Silex (Feuerstein) belegt. Die von den Neandertalern getragene Kultur des Moustérien dauerte mit Unterbrüchen bis um 35'000 v.Chr. Die Silexlager von Alle (Noir Bois und Pré Monsieur) und bei Löwenburg (Gem. Pleigne) lieferten die Ausgangsmaterialien, die, besonders in den wärmeren Phasen, welche die letzte Eiszeit (Würm 35'000-8'000 v.Chr.) unterbrachen, vor Ort bearbeitet wurden. Zehntausende von Abschlägen zeigen die Herstellung von Werkzeugen nach der Levallois-Technik (gezielte Abschläge nach Vorplanung). Die meisten Artefakte sind Schaber, einige weisen Einkerbungen auf (Steingeräte, deren eine Schneide konkav behauen ist), andere Zacken (Werkzeuge, bei denen ein Rand gezähnt ist). Bei diesen Lagerplätzen wurden auch Artefakte gefunden, die aus Silex- und Quarzitgestein vom Juranordfuss, von den südl. und östl. Abhängen der Vogesen und vom Schwarzwald hergestellt sind. Einige stammen aus dem Mittelland, aus den Regionen Olten und Orvin. Auf der Hochebene von Bure sowie in Alle, Boncourt, Bure, Courtedoux, Courtemaîche und Pruntrut wurden Knochenreste von Tieren gefunden (Mammuts, Wollhaarnashörner, Hyänen, Pferde, Rentiere). Höhlenbären hausten in den meisten Grotten des J.s. In jenen von Saint-Brais entdeckte Frédéric-Edouard Koby den Schneidezahn eines Neandertalers und einige behauene Feuersteine.

Im Magdalénien um 13'000 v.Chr., als sich das Klima erwärmte, müssen mindestens drei Menschen in Alle-Noir Bois tätig gewesen sein, wo sie Klingen (kleine Abschläge) aus Silex schlugen, um ihre Speere zu reparieren. Einer von ihnen verwendete einheim. Silexmaterial, die beiden andern bearbeiteten Feuerstein aus Bendorf (Oberelsass), den sie mitgebracht hatten.

Aus der Übergangsphase zum Mesolithikum, dem Azilien, stammen Funde bei Löwenburg. Einheim. Feuerstein wurde im 12.-11. Jt. v.Chr. zu Spitzen und Klingen mit Rücken (Splitter, bei denen eine der Kanten nachträglich überarbeitet wurde), zu abgestumpften Klingen, Sticheln, Kratzern und Bohrern verarbeitet.

Autorin/Autor: François Schifferdecker / AHB

1.2 - Menschen auf Wanderschaft - der Weg zur Sesshaftigkeit

In dem Masse, wie sich das Klima erwärmte, der Wald sich wieder ausdehnte und eine neue, typ. Fauna in Erscheinung trat (Hirsch, Reh, Wildschwein, Auerochse, Biber, Wolf), passte sich der Mensch der veränderten Umwelt an. Die Fundverteilung lässt eine Beschränkung seiner Präsenz auf die Ajoie und das Laufental unterhalb von Liesberg vermuten. Aus dem Delsberger Tal und den Tälern des Berner J.s fehlen für diese Epoche Zeugnisse. In der Gem. Saint-Ursanne wurde beim kleinen Felsunterstand (Abri) von Les Gripons, in einem Seitental des Doubs, ein Werkplatz zur Bearbeitung von Feuersteinabschlägen (sog. Mikrolithen) entdeckt, der die Weiterentwicklung der Artefaktformen vom Dreieck zum Trapez belegt; er wird auf den Zeitraum von 8'000 bis 7'000 v. Chr. datiert und ist reich an dreieckförmigen Abschlägen, die mit einem Schaft versehen als Werkzeuge zur Herstellung von Pfeilen oder Harpunen dienten. Das dort behauene Silexgestein ist im Wesentlichen einheim. Herkunft und zeigt damit die Fähigkeit dieser Populationen, sich an einen eng begrenzten Lebensbereich anzupassen. Am selben, nur vorübergehend benutzten Ort ist auch die Bearbeitung von Häuten und Fellen belegt. Zwei Jahrtausende später, im Spätmesolithikum, suchte eine andere Menschengruppe, die ebenfalls Mikrolithen herstellte (Trapezformen und Klingen mit Einkerbungen und unregelmässigen Retuschen vom Typ Montbani), diesen Abri regelmässig auf, vermutlich um dort Pfeilbögen herzustellen. Weitere mesolith. Spuren sind in Pruntrut und in der Umgebung von Bure gefunden worden.

Der Übergang zur Sesshaftigkeit und bäuerl. Wirtschaftsweise mit Ackerbau und Viehzucht (sog. Neolithisierung) ist in der Ajoie nur sehr schwach belegt. Das Gebiet gehörte - wenn auch in Randlage - zum Einflussbereich der beiden grossen Strömungen, die Westeuropa durchzogen: der danubischen, welche die mitteleurop. Ebenen erfasste, und der mediterranen, die sich rhone- und saôneaufwärts ausbreitete. In einigen juranahen Höhlen der Freigrafschaft Burgund wurden typ. Töpferwaren aus der 2. Hälfte des 5. Jt. v.Chr. gefunden. Zur gleichen Zeit nahm der Güteraustausch über grössere Distanzen zu. In den Vogesen hergestellte Äxte aus poliertem Stein wurden über den J. in Richtung Mittellandseen transportiert (Zürich, Biel, Neuenburg). Zwei solche in Alle gefundene Exemplare waren aus demselben Silex gefertigt, der in Löwenburg und in den Seeufersiedlungen des 4. und 3. Jt. v.Chr. nachgewiesen wurde.

Die Jurahöhen wurden demnach regelmässig überquert. Dennoch geben Polle- und Sedimentanalysen keinen Hinweis auf einen bewohnten Ort im Delsberger Tal. In der Ajoie hingegen ist in Alle-Sur Noir Bois eine Siedlung vermutlich aus dem Ende des mittleren Neolithikums (um 3'500 v.Chr.) belegt. Dazu kommt die Pierre Percée ("Lochstein") von Courgenay, die Vorderplatte eines Dolmens und letzter Überrest eines Gemeinschaftsgrabs, das um 3'000 v.Chr. gemäss der am Juranordhang üblichen Praxis errichtet wurde. Der Megalith beweist die Existenz eines oder mehrerer Dörfer in der näheren Umgebung. Das einzige, das bisher gefunden wurde (Alle-Noir Bois), wird auf 2'300 v.Chr. datiert, stammt also aus der Endzeit des Neolithikums, d.h. aus der Glockenbecherkultur. Da es schlecht erhalten ist, weiss man weder über seine Grösse noch über die Bauweise der Hütten Bescheid. Die Bewohner züchteten Rinder, Schweine, Ziegen sowie Schafe und betrieben Ackerbau. Kontakte mit Bevölkerungsgruppen im Elsass und in Süddeutschland sind offenkundig, Einflüsse aus weiter östlich gelegenen Gegenden sowie aus dem Rhonetal wahrnehmbar. Die bevorzugte Verwendung einheim. Materialien (Silex, diverse Lehmarten) lässt auf gute Kenntnis des Gebiets und eine weit zurückreichende Ansiedlung schliessen. Weitere zeitgleiche Stätten sind an mehreren Orten der Ajoie identifiziert worden.

Autorin/Autor: François Schifferdecker / AHB

1.3 - Besiedlung und soziale Organisation

Zu Beginn der Bronzezeit dürfte die Bevölkerungszahl angestiegen sein. Die Hinweise auf menschl. Präsenz nehmen über das ganze 2. Jt. v.Chr. zu. Nach und nach wurden die Ebene der Ajoie und das Delsberger Tal besiedelt. Am Ende der mittleren und zu Beginn der Spätbronzezeit lagen zahlreiche Einzelhofsiedlungen verstreut am Fuss und auf den Abhängen der Hügelzüge. In den Höhlen von Saint-Brais an der Schwelle zur Hochebene der Freiberge kam ein bedeutender Bestand an Töpferwaren aus dem Ende der mittleren Bronzezeit zum Vorschein. Unweit südlich, bei Lajoux, ergaben Pollenanalysen, dass schon in dieser Zeit Rodungen stattfanden, welche die Sömmerung von Vieh vermuten lassen. Eine Siedlung aus der gleichen Zeit wurde auf dem Mont-Terri in der Ajoie entdeckt. Jene von Le Roc (Gem. Courroux), eine bedeutende spätbronzezeitl. Fundstelle, kontrollierte in den Felsen hoch über der Klus von Vorbourg den östl. Zugang zum Delsberger Tal.

Das soziale Leben wurde zunehmend komplexer und hierarch. Strukturen bildeten sich heraus. Auf den beiden Gräberfeldern von Alle-Les Aiges und von Delsberg-En La Pran sind Brandbestattungen nachgewiesen. Die beiden ältesten Grabstätten (in Alle-Les Aiges) reichen bis zum Beginn der Spätbronzezeit zurück. In der Nekropole von Delsberg war wohl ein Bereich für Erdbestattungen abgetrennt. Die hier entdeckten Perlen aus Glaspaste belegen Beziehungen zu den mediterranen Kulturen, während die in Alle gefundenen Goldfäden von Kontakten mit den Regionen an der Maas und der Marne zeugen.

Die wenigen Artefakte und Fundstätten der älteren Eisenzeit (800-500 v.Chr.) können ebenfalls mit den Begräbnisriten in Zusammenhang gebracht werden, doch wie im Mittelland sind auch hier die archäolog. Belege für diese Zeitspanne dürftig. Bis heute ist noch keine Siedlung mit Sicherheit bekannt. Der vom Flugzeug aus entdeckte abgeflachte Tumulus bei Bonfol ist noch nicht erforscht worden. Er hatte einen Durchmesser von rund 20 Metern und war vermutlich von einer steinernen, etwa 2 Meter breiten Einfriedung umgeben. Auf dem Mont-Terri wie auch in Delsberg weisen Bruchstücke von Lignitarmbändern auf die Anwesenheit von Menschen hin. Die Funde stammen vielleicht aus Gräbern, wie auch das in Courfaivre freigelegte Einzelgefäss.

Über die jüngere Eisenzeit (500-15 v.Chr.) ist mehr bekannt dank einiger Bauernhöfe mit Speichern aus der frühen Latènezeit (Alle-Noir Bois), einer Abfallgrube (Courtételle-Tivila), einer Siedlung (Courrendlin-En Solé) und fünf Fundstätten aus der Schlussphase der Latènezeit: Alle-Pré au Prince, Alle-Pré Monsieur, Chevenez-Combe Varu, die Schmiede in Chevenez-La Combe en Vaillard und das Oppidum auf dem Mont-Terri.

Autorin/Autor: François Schifferdecker / AHB

1.4 - Sequaner, Römer und Germanen

Laut Caius Iulius Caesars "De bello gallico" und anderer röm. Schriften bewohnte damals der kelt. Stamm der Sequaner den J. Im Krieg gegen die Häduer gingen sie die Germanen Ariovists 58 v.Chr. um Verstärkung an. In dieser Zeit, in die neben dem Vordringen der germ. Völker auch der Auszug der Rauriker und der Helvetier fiel, soll das Plateau des Mont-Terri mit einem murus gallicus befestigt worden sein.

Der Bau von villae und von Strassen zu Beginn des 1. Jh. n. Chr. markiert den Einbezug der Jurahöhen in den Machtbereich Roms. Die Römer erstellten ihre Bauten an den gall. Siedlungsorten, nutzten das Netz kelt. Wege aus gestampfter Erde und konsolidierten dieses in den 30er Jahren, indem sie die Wege mit Steinen und Kies ausbesserten. Im heutigen Kantonsgebiet verzweigte sich die Römerstrasse, welche die Jurakette querte. Vom schweiz. Mittelland herkommend, verlief die Route über die Pierre Pertuis und Bellelay. Im äussersten Westen des Delsberger Tals zweigte ein der Birs folgender Ast in Richtung Augusta Raurica ab, während der Hauptweg weiter über den Pass von La Caquerelle-Les Rangiers führte und die Ajoie in Richtung Epomanduodurum (Mandeure) durchquerte, wo er mit der grossen Juranordachse zusammentraf, die Augusta Raurica mit Vesuntio (Besançon) verband. Die strateg. Bedeutung dieser Linienführung fiel dahin, als die Rheingrenze des Imperiums mit der Eroberung des Dekumatenlands durch Ks. Vespasian 73-74 n.Chr. weiter nach Osten verschoben wurde.

Die Überreste galloröm. villae liegen, mit Ausnahme der wasserarmen Hochebene von Bure, über das ganze Gebiet der Ajoie und des Delsberger Tals verstreut. Aus den Freibergen stammt nur ein Fund aus röm. Zeit, der wohl mit der vermuteten Relaisstation von Lajoux an der Strecke zur Pierre Pertuis zusammenhängt. In Ausgrabungen zu Tage beförderte Bodendekorationen, Wandbemalungen und Importgeschirr zeugen vom Wohlstand der Bewohner (Buix, Develier, Vicques), andere Fundstätten hinterlassen einen bescheideneren Eindruck (Boécourt, Damvant). In der Ebene von Delsberg, die, wie das gesamte Tal, der Provinz Germania Superior angegliedert wurde und dann vermutlich infolge der territorialen Neuordnung Ks. Domitians (86 n.Chr.) mit dem Oberelsass in der Civitas Rauracorum aufging, wurde ein Mausoleum errichtet. Die Ajoie, in der nördlich von Pruntrut ein galloröm. Heiligtum (fanum) erstellt wurde, blieb zusammen mit Mandeure und dem Doubs sequanisch. Die beiden Gebiete kamen unter Diokletian (284-305) zu der von ihm geschaffenen Provinz Maxima Sequanorum, in der Helvetier, Rauriker und Sequaner vereinigt wurden. 260-261 verursachten die Raubzüge der Alemannen schwere Zerstörungen. Einzelne villae wurden aufgegeben, andere teilweise wieder instand gestellt, allerdings nur für wenige Jahrzehnte. Der Mont-Terri wurde erneut befestigt und war vermutlich zu Beginn des 4. Jh. während einiger Zeit von röm. Truppen besetzt. In der Mitte des 4. Jh. nutzten die Alemannen die Kämpfe zwischen Ks. Constans und dem gall. Usurpator Magnentius, um in den Kriegszügen von 353 bis 354 und 378 jurass. Gebiet zu erobern. Die Münzfunde in der Region belegen deutlich diese beiden grossen Zerstörungswellen. Ein paar Münzen aus dem ausgehenden 4. Jh. weisen zwar darauf hin, dass die galloröm. Kultur in der Region weiterhin Bestand hatte, doch für das 5. Jh. schweigen die archäolog. und hist. Quellen diesbezüglich für das Gebiet des Kt. J. Einige Dörfer haben jedoch einen Ortsnamen lat. Ursprungs bewahrt. Sie bezeugen, wie Chevenez, Montignez (von den Personennamen Cavinius bzw. Montanius abgeleitete Toponyme) oder Vicques (von vicus), die Kontinuität der Siedlung.

Autorin/Autor: François Schifferdecker / AHB

1.5 - Anfänge der Feudalherrschaft und Christianisierung

Vom 6. Jh. an war die Besiedlung in der Ajoie und im Delsberger Tal nachweislich recht dicht. In der ländl. Siedlung im Gebiet von Develier und Courtételle war damals die Verhüttung von Eisenerz in vollem Gang. Diese Tätigkeit bewog Giesser dazu, sich weiter südlich niederzulassen, insbesondere in der Umgebung von Corcelles und Court, wie die dort gefundenen Rennöfen und Schlackenhaufen belegen. Die zahlreichen Grabstätten lassen eine stärkere Besiedlung ab der 2. Hälfte des 6. Jh. und v.a. im 7. Jh. annehmen. Die reichen Grabbeigaben aus dem bedeutenden merowing. Friedhof in Bassecourt, der Mitte der 1870er Jahre entdeckt und ausgegraben wurde, weisen auf das Bestehen einer fränk. Aristokratie in der Gegend hin. Der Friedhof gehörte zur wichtigsten Ansiedlung des Sornegaus, dessen Territorium sich bis zu den Quellen der Birs erstreckte und der vermutlich den elsäss. Herzögen im zentralen Teil Austrasiens unterstand. Das grosse Gebiet des Elsgaus, der die heutige Ajoie umfasste, blieb der Diözese Besançon und dem Königreich Burgund angegliedert. Der Bevölkerungsanstieg des 7. Jh., der Reichtum an Eisenerz sowie der Verbindungsweg ins Mittelland zogen missionierende Mönche an: Ursicinus, der sich im Clos du Doubs niederliess, und Germanus, den ersten Abt des Klosters Moutier-Grandval, die später beide heilig gesprochen wurden.

Die karoling. Zeit hat im J., der nach der Teilung des Frankenreichs im Vertrag von Verdun (843) zu Lotharingien im Mittelreich gehörte, wenig Spuren hinterlassen. Und doch wurden vermutlich in dieser Epoche Festungstürme errichtet, wie jener von Le Chetelay in Courfaivre, von Le Béridier (Vorbourg) in Delsberg oder auf dem Mont-Terri in der Ajoie, die als Vorboten der Feudalherrschaft aufgefasst werden können. Im 8. und 9. Jh. gewann die Abtei Moutier-Grandval an Bedeutung und vergrösserte ihren Besitz im Delsberger Tal auf Kosten der kleinen lokalen Grundherren. 999 vergabte Kg. Rudolf III. von Burgund das Kloster mit dem gesamten dazugehörigen Besitz dem Bf. von Basel.

Autorin/Autor: François Schifferdecker / AHB

2 - Das ehemalige Fürstbistum Basel

Mit der Schenkung von 999 konnte der Bf. von Basel seine weltl. Macht nach und nach auf das Gebiet des späteren Kt. J. ausdehnen. Folgende Teile des ehem. Fürstbistums Basel bilden den heutigen Kanton: die Herrschaften Ajoie, Delsberg und Freiberge sowie das Gebiet der Propstei Saint-Ursanne, zwei Dörfer der Klosterherrschaft Bellelay und die sous les Roches genannten Pfarreien des Klosters (ab ca. 1100 Kollegiatstifts) Moutier-Grandval.

2.1 - Entstehung des fürstbischöflichen Territoriums

Zu Beginn des 12. Jh. fiel die Propstei Saint-Ursanne, die zur Diözese Besançon gehörte, in den weltl. und geistl. Hoheitsbereich der Bf. von Basel. 1241 kamen die Güter des Herrn von Hasenburg dazu. 1271 erwarb der Bischof den Besitz des Gf. von Pfirt. 1283 übernahm er vom besiegten Gf. von Montbéliard, der von Rudolf I. von Habsburg unterstützt worden war, die Hoheitsrechte über Pruntrut und die Ajoie.

Um die Macht gegenüber dem Adel abzusichern, begünstigten der Kaiser und der Bischof die Vergabe des Stadtrechts, das Pruntrut (1283), Delsberg (1289) und Saint-Ursanne (1338) erhielten. 1384 gewährte Bf. Imer von Ramstein auch den Bewohnern des Mons Falconis erste Freiheiten, worauf es "Franche Montagne (des Bois)" und später, mit der Besiedlung und der Gründung weiterer Pfarreien, "Franches-Montagnes" (Freiberge) genannt wurde. Das Fürstbistum hatte dieses auch als "Herrschaft von Muriaux" (Spiegelberg) bezeichnete Gebiet gegen 1360 erworben und der Kastlanei Saint-Ursanne angegliedert.

Im 14. Jh. mussten die geschwächten und in Geldnot geratenen Bf. von Basel ihre jurass. Besitzungen verpfänden, vermochten aber im 15. Jh. die Macht des Fürstbistums teilweise wieder herzustellen. Zu Beginn des 16. Jh. konnte der Fürstbischof seine Herrschaft aber nur in den Kastlaneien Ajoie, Delsberg und Saint-Ursanne (mit Freibergen) sowie im Laufental voll ausüben. Da dieses Gebiet beim Hl. Röm. Reich verblieben war, wurde es der "germanische" Teil des Fürstbistums genannt, im Unterschied zum südl. Teil (Propstei Moutier-Grandval, Erguel, La Neuveville, Tessenberg und Biel), der wegen der Burgrechtsverträge mit Bern, Freiburg oder Solothurn in die eidg. Neutralität einbezogen war und als "eidgenössisch" galt.

Autorin/Autor: François Kohler / AHB

2.2 - Der Fürstbischof und die jurassischen Untertanengebiete

Im 16. Jh. setzte sich die Reformation zunächst in Basel (1529), dann im "eidg." Teil des Fürstbistums durch (1530-31). In den "germ." Vogteien ist die ref. Bewegung in Pruntrut und im Laufental um 1580 endgültig erstickt worden. Schon 1528 hatte der Fürstbf. von Basel seine Residenz nach Pruntrut verlegt, und das Kapitel Moutier-Grandval war 1534 nach Delsberg ausgewichen. 1555 nützten die Untertanen des Delsberger Tals und der Freiberge die Vakanz des Bischofssitzes aus, um mit der Stadt Basel Burgrechtsverträge abzuschliessen. Fürstbf. Melchior von Lichtenfels, der sich dem nicht zu widersetzen vermochte, handelte mit den 13 freien Gem. des Delsberger Tals ein neues Landrecht aus (1562), um die Nutzung der Wälder zu regeln. Bf. Jakob Christoph Blarer von Wartensee bekämpfte die Autonomiebestrebungen hingegen tatkräftig. Er bewirkte die Auflösung der Burgrechtsverträge mit Basel und handelte mit seinen Untertanen dauerhafte Vereinbarungen aus: das Abkommen von Delsberg mit den Freibergen (Franche-Montagne des Bois, 1595), die neue Polizeiverordnung von Pruntrut (1598), die Revision des alten Rodels der Ajoie (1601). Während des Dreissigjährigen Kriegs war der Norden des Fürstbistums 1634-40 mehrmals Opfer erpresser. Geldforderungen, die nacheinander von schwed., franz. und kaiserl. Söldnertruppen durchgesetzt wurden. Im 18. Jh. geriet die im Geist des aufgeklärten Absolutismus betriebene Modernisierung des Staats mit den Freiheiten (franchises) und den jahrhundertealten Gewohnheitsrechten in Konflikt. Die Verordnungen von 1726, die eine Verwaltungsreform des Fürstbistums zum Ziel hatten, lösten die Landestroublen aus (1730-40), deren diplomat. Folge die Annäherung des Fürstbischofs an Frankreich war (gegenseitiges Verteidigungsabkommen von 1739, erneuert 1780).

Autorin/Autor: François Kohler / AHB

3 - Von der französischen Republik zum Kanton Bern (1792-1978)

Die Franz. Revolution fand grossen Widerhall im Fürstbistum Basel, das im polit., militär. und wirtschaftl. Einflussbereich Frankreichs lag. Dennoch führten die Volksunruhen, deren Zentrum die Stadt Pruntrut war, nicht zum Sturz der Bischofsherrschaft. Kurz vor der Besetzung des Landes durch franz. Freiwilligenbataillone im April 1792, entschloss sich der Fürstbischof zur Flucht. Die Anwesenheit der franz. Truppen stärkte die revolutionäre Bewegung, die von Josef Anton Rengger, Syndikus der Landstände des Fürstbistums, und Weihbf. Johann Baptist Joseph Gobel angeführt wurde; die Notabeln von Pruntrut und Delsberg schlossen sich ihr aus Opportunismus an.

3.1 - Unter französischer Herrschaft (1792-1815)

Am 17.12.1792 wurde die Raurachische Republik ausgerufen. Doch da sich die jurass. Nationalversammlung über die Zukunft des Landes nicht einig wurde, liess sie sich am 23.3.1793 den Anschluss an Frankreich aufzwingen. Das neu geschaffene Dep. Mont-Terrible mit dem Hauptort Pruntrut bestand aus zwei Distrikten, dem Distrikt Pruntrut mit der Ajoie, dem Clos du Doubs und den Freibergen und dem Distrikt Delsberg, Sitz des Militärkommandos, mit dem ganzen Delsberger Tal und dem Laufental. Im März 1797 wurde das Departement um die Landschaft Montbéliard und im Dezember um die nun ebenfalls besetzten südl. Gebiete des Fürstbistums erweitert, während unter dem Konsulat das Dep. Mont-Terrible aufgehoben (1800) und dem Dep. Haut-Rhin mit Hauptort Colmar angegliedert wurde. Es bildete nun zwei Arrondissements, unterteilt wiederum in je fünf Kantone, mit Delsberg und Pruntrut als Unterpräfekturen.

Durch den Zusammenbruch des napoleon. Kaiserreichs wurde der polit. Status der Region erneut in Frage gestellt. 1815 sprach der Wiener Kongress das ehem. Fürtbistum Basel der Eidgenossenschaft zu und schloss es dem Kt. Bern an, mit Ausnahme der ehem. Vogtei Birseck und von Teilen der ehem. Vogtei Pfeffingen, die zum Kt. Basel kamen. Am 21. Dezember übergab der eidg. Kommissar Johann Conrad Escher das Land den Repräsentanten des wiedererrichteten patriz. Stadtstaats Bern.

Die Vereinigungsurkunde vom 14.11.1815, die zwischen der bern. Delegation und Vertretern aus dem ehem. Fürstbistum in Biel ausgehandelt und unterzeichnet wurde, garantierte die offizielle Stellung der kath. Religion in den traditionell kath. Gemeinden. Sie sah auch die Aufhebung des franz. Straf- und Zivilgesetzbuchs sowie die Wiedererrichtung der Bürgergemeinden vor. Die Abschaffung des Zehnten und der Feudalabgaben, die unter der franz. Republik durch die Grundsteuer ersetzt worden waren, wurde bestätigt.

Autorin/Autor: François Kohler / AHB

3.2 - Die bernische Zeit und das politische Leben

Im Territorium des Kt. Bern bildete der spätere Kt. J. den kath. und französischsprachigen Teil des Leberbergs, der nun zum Berner J. geworden war. Das auch als Nordjura bezeichnete heutige Kantonsgebiet setzt sich aus (Teilen von) vier bern. Oberämtern (offizielle Bezeichnung ab 1803 Amtsbezirke) zusammen, deren Oberamtmann bzw. Regierungsstatthalter bis 1894 durch den Gr. Rat bestimmt und nachher vom Volk gewählt wurde. Der Amtsbezirk Delsberg, zu dem bis 1846 auch das Laufental gehörte, erstreckte sich fast auf das gesamte Delsberger Tal. Jener von Pruntrut umfasste die Ajoie und fünf der acht Gem. der ehem. Propstei Saint-Ursanne, während die drei übrigen zum Amtsbezirk Freiberge kamen. Aus dem Amtsbezirk Moutier, der nach 1979 mehrheitlich bei Bern blieb, stammen acht kath. Grenzgemeinden, die aufgrund der 1975 durchgeführten Plebiszite zum Kt. J. wechselten; Vellerat konnte dem neuen Kanton erst 1996 beitreten.

Der Klerus und die bürgerl. Kreise des J.s schickten sich in das Restaurationsregime. Doch eine intellektuelle Elite, zu der etwa Xavier Stockmar, Jules Thurmann und Auguste Quiquerez zählten, strebte schon damals danach, "den J. von der bern. Oligarchie zu befreien". So nahmen die Liberalen von Pruntrut, ermutigt durch die Julirevolution von 1830 in Paris, aktiv an der Bewegung teil, die das bern. Patriziat zu Fall brachte.

Die liberale Kantonsverfassung von 1831 führte die repräsentative Demokratie ein, ersetzte den Oberamtmann (oft noch "Landvogt" genannt) durch einen Regierungsstatthalter, stellte aber auch die von der eidg. Tagsatzung garantierten Grundsätze der Vereinigung des J.s mit Bern in Frage. Die jurass. Katholiken fühlten sich gegenüber dem Bischof der 1828 reorganisierten Diözese Basel zu Gehorsam verpflichtet und widersetzten sich Massnahmen, die darauf abzielten, die Kirche dem Staat zu unterstellen und ihr das Unterrichtswesen zu entziehen. 1832 weigerten sich die Priester, den Eid auf die Verfassung zu leisten; erst als der Hl. Stuhl einwilligte, waren sie dazu bereit. 1834 stiess die Errichtung eines konfessionell gemischten jurass. Lehrerseminars in Pruntrut auf heftigen Widerstand. Als der bern. Grosse Rat 1836 die Badener Artikel annahm, welche die kath. Kirche der Kontrolle der Diözesankantone unterstellte, kam es zu einem Volksaufstand. Um die Ordnung im kath. J. wieder herzustellen, intervenierte die Armee.

Unter der radikalen Regierung nahmen die Spannungen zwischen Anhängern der neuen staatl. Ordnung und Verteidigern der Rechte der kath. Kirche zu. Die Auseinandersetzungen um schulpolit. oder konfessionelle Fragen mehrten sich und kulminierten schliesslich in den 1870er Jahren im Kulturkampf, der sich tief ins kollektive Gedächtnis der Jurassier einprägte. Am Ende des Jahrhunderts verstärkten die Wahlkämpfe und der polemisch geführte Schlagabtausch zwischen der Zeitung "Le Démocrate" und dem mit ihr konkurrierenden Blatt "Le Pays" die Spaltung zwischen Freisinnigen und Katholisch-Konservativen. Ihre Meinungsverschiedenheit hinderte die beiden verfeindeten Zeitungen aber nicht daran, sich zur Verteidigung der regionalen Interessen zusammenzuschliessen, etwa wenn es um die Beibehaltung der franz. Rechtssprechung und der Bürgergemeinden sowie um den Eisenbahnbau ging.

Nachdem die Sozialdemokrat. Partei zu Beginn des 20. Jh. und die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) nach dem 1. Weltkrieg im J. Fuss gefasst hatten, veränderten sich die polit. Kräfteverhältnisse hauptsächlich auf Kosten der Freisinnigen. In den 1950er Jahren führten die Jurafrage und der Vormarsch der Sozialdemokraten im Amtsbez. Delsberg 1957 zur Spaltung der Katholisch-Konservativen in eine Konservative christl.-soziale Partei (ab 1971 CVP) und eine Unabhängige christl.-soziale Partei. Die anfänglich eher konservative jurass. Wählerschaft zeigte sich ab Mitte des 20. Jh. fortschrittlicher und hiess Vorlagen gut, die auf gesamtschweiz. Ebene abgelehnt wurden: 1959 das Frauenstimmrecht, 1962 und 1963 die Antiatom-Initiativen, 1970 das Recht auf Wohnung und 1974 die Initiative für eine sozialere Krankenkasse. 1959 unterstützte der Nordjura die Initiative des Rassemblement jurassien (RJ) zur Durchführung einer Volksbefragung über die Selbstbestimmung mit deutl. Mehrheit. 1974 sprach er sich mit 74% Jastimmen für die Schaffung des Kt. J. aus.

Autorin/Autor: François Kohler / AHB

3.3 - Bevölkerung und Entwicklung des Siedlungsraums

1818 wurden auf dem Territorium des späteren Kt. J. rund 34'000 Personen gezählt, während die Bevölkerung bei Beginn der kant. Selbstständigkeit (1979) knapp 65'000 Einwohner zählte. Diese im Vergleich zum schweiz. Durchschnitt (250%) relativ schwache Zunahme von 91% erklärt sich aus der - chronisch defizitären - Migrationsbilanz. Die Zuwanderung von Berner Bauern und Arbeitern aus der Deutschschweiz oder dem Ausland im 19. Jh. sowie von ital. und span. Arbeitskräften ab den 1960er Jahren vermochte die Abwanderung der jungen Jurassier nicht zu kompensieren. Die Bevölkerungszahl entwickelte sich je nach Amtsbezirk unterschiedlich. In Delsberg nahm sie - in Übereinstimmung mit dem schweiz. Durchschnitt - um 251% zu. In Pruntrut und in den Freibergen stieg sie im 19. Jh. an (um 51% bzw. 28%); im 20. Jh. erlitt sie in beiden Amtsbezirken einen Rückgang .

Die Zu- und die Abwanderung veränderte die Zusammensetzung der Bevölkerung spürbar. Der Anteil der in ihrer Heimatgemeinde wohnhaften Ortsbürger ging stark zurück, während die sprachl. und konfessionellen Minderheiten zulegten. An der Schwelle zum 20. Jh. entsprach die Zahl der Deutschsprachigen einem Viertel der Bevölkerung im Bez. Delsberg, aber weniger als einem Zehntel in den beiden anderen Bezirken. Die 2. Hälfte des 20. Jh. hingegen war geprägt vom Vorrücken des Französischen, einem starken Rückgang des Deutschen und dem Auftreten der Minderheitssprachen Italienisch und Spanisch. Der Anteil der Reformierten stieg von 2% im Jahr 1850 auf 12% 1910 und 17% 1950, um bis 1970 wiederum auf 15% abzunehmen. An mehreren Orten wurden ref. Kirchen gebaut, so in Delsberg (1865), Pruntrut (1891), Saignelégier (1913), Bassecourt (1945); ref. Kapellen entstanden in Miécourt (1909), Courrendlin (1930) und Boncourt (1940). In der 2. Hälfte des 19. Jh. gründeten Juden aus dem Elsass zwei kleine Gemeinschaften, die in Pruntrut (1874) und Delsberg (1911) zwei Synagogen errichteten.

Die sozioökonom. Veränderungen beeinflussten auch die räuml. Verteilung der Bevölkerung, die sich zunehmend in den industriellen und von der Bahn gut erschlossenen Gebieten konzentrierte. 1970 vereinigten 17 Ortschaften mit mehr als 1'000 Einwohnern 70% (1818 39%) der Jurassier des späteren Kantons auf sich, von denen 32% (1818 10%) in Delsberg oder in Pruntrut lebten. In den Freibergen, die eine markante Streusiedlung aufweisen, erfolgte der demograf. Rückgang im 20. Jh. hauptsächlich auf Kosten der Weiler, von denen einige im 19. Jh. noch über 100 Einwohner gezählt hatten. In 54 der 83 Gem. des Kantons schlug sich die Landflucht in sinkenden Bevölkerungszahlen nieder.

Autorin/Autor: François Kohler / AHB

3.4 - Wirtschaftliche Entwicklung

1815 arbeitete mehr als die Hälfte der aktiven Bevölkerung der Ajoie, des Clos du Doubs und des Delsberger Tals im 1. Sektor: Sie betrieb Ackerbau und züchtete hauptsächlich Rindvieh sowie Pferde. In der Mitte des 19. Jh. zählte man in dieser Region noch etwa 100 Mühlen, Sägereien und Stampfen sowie rund zehn Gerbereien - alles Betriebe, die eng mit der Land- und Forstwirtschaft verbunden waren. Die Töpferei in Bonfol, die Steingutmanufaktur in Cornol, die Tabakfabrik in Boncourt (Burrus) sowie die Seidenstickerei in Heimarbeit im Amtsbezirk Delsberg vervollständigten das Spektrum der gewerbl. Aktivitäten.

In der 1. Hälfte des 19. Jh. verbreitete sich die Uhrenindustrie in den Dörfern und Weilern der Freiberge. In den 1840er Jahren setzte sie sich in der Ajoie und nach 1870 auch im Delsberger Tal fest. Dort war die Eisenindustrie, die in der Mitte des 19. Jh. einen beachtl. Aufschwung erlebt hatte (Metallindustrie), im Niedergang begriffen. Zu den drei alten Hochöfen in Courrendlin, Undervelier und Bellefontaine (Gem. Saint-Ursanne) kamen jene von Delsberg (1838), Choindez (Gem. Courrendlin, 1846) und Les Rondez (Gem. Delsberg, 1855) hinzu. Auf ihrem Höhepunkt (1858) beschäftigte die jurass. Eisenindustrie etwa 1'800 Bergarbeiter, Giesser, Schmiede, Fuhrleute, Holzfäller und Köhler. Doch die starke ausländ. Konkurrenz führte zur Schliessung der Giessereien, mit Ausnahme der Anlagen von Choindez und Les Rondez, die unter der Leitung der Firma Von Roll während des 20. Jh. etwa 1'000 Arbeitsstellen boten.

Der Bau der jurass. Eisenbahn (1872-77) verband die Ajoie und das Delsberger Tal mit dem franz. und dem schweiz. Schienennetz. Nach der Annexion des Elsasses durch das Dt. Kaiserreich (1871) wurde Pruntrut, als Ersatz für Basel, zu einem wichtigen Grenzbahnhof im Verkehr mit Frankreich. Das von den Linien Biel-Delsberg-Basel und Delsberg-Pruntrut-Delle gebildete Basisnetz wurde 1903 mit den Linien der Jura-Simplon-Bahn (JS) in die SBB integriert. Die abseits liegenden Gebiete unternahmen grosse Anstrengungen, um auch ans Eisenbahnnetz angeschlossen zu werden. Die 1892 eröffnete Verbindung zwischen La Chaux-de-Fonds und Saignelégier wurde 1904 bis Glovelier und 1913 via Le Noirmont bis nach Tramelan verlängert. Die 1901 in Betrieb genommene Strecke Pruntrut-Bonfol wurde 1910 mit dem elsäss. Netz verbunden. All diese Linien wurden 1944 in der Compagnie des chemins de fer du J. (CJ) vereinigt. In der Haute-Ajoie und im Val-Terbi (Tal der Scheulte) wurden die Postkutschen erst in den 1920er Jahren ersetzt. Von den 1960er Jahren an erhoben die Jurassier die Forderung nach einer transjurass. Autobahn, doch erst 1984 wurde die Streckenführung der Transjurane ins nationale Autobahnnetz aufgenommen und erst Ende des Jahrzehnts wurde mit dem Bau begonnen.

In der 1. Hälfte des 20. Jh. gelang es der jurass. Industrie, in der die Uhrenfabrikation deutlich vorherrschte, neue Märkte zu erschliessen: Textilien in der Ajoie, Velos und Motorräder in Courfaivre (Condor), Messer in Delsberg (Wenger), Metallverarbeitung in Saint-Ursanne. Der Anteil der im 2. Sektor tätigen Bevölkerung verdoppelte sich zwischen 1860 und 1970 beinahe; von einem Drittel stieg er auf 60%, während der Anteil der in der Landwirtschaft Beschäftigten von 50% auf 10% zurückging. Wegen der geringen Diversifizierung der Industrie blieb die jurass. Wirtschaft bis heute krisenanfällig. Die Hälfte der im 2. Sektor Beschäftigten arbeitet in der Uhrenindustrie, ein Viertel in der Metall verarbeitenden und in der mechan. Industrie. Die High-Tech-Industrie und der 3. Sektor sind untervertreten.

Autorin/Autor: François Kohler / AHB

3.5 - Sozialer und kultureller Wandel

Gegen Ende des 19. Jh. bildete sich eine Arbeiterklasse zunächst in den Städten Delsberg und Pruntrut, in denen der industrielle Aufschwung die Fabrikproduktion konzentriert hatte. Durch die Zunahme der Handelsaktivitäten und der Dienstleistungsangebote stieg auch die Zahl der Angestellten, Lehrer und Beamten um ein Vielfaches an. Zu Beginn des 20. Jh. fasste die Gewerkschaftsbewegung bei den Uhren- und Metallarbeitern sowie bei den Eisenbahnern Fuss, etwa zur gleichen Zeit, als die Sozialdemokrat. Partei und eine christl.-soziale Bewegung auf den Plan traten. Letztere war Teil eines sehr dichten Vereinsnetzes, das vom kath. Klerus und den Führern der konservativen Partei geknüpft worden war, um dem religiösen und polit. Leben einen ordnenden Rahmen zu geben. Der kath. J. bezeugte jedes Jahr öffentlich seinen Glauben bei den Fronleichnamsprozessionen und durch seine Teilnahme an den Festen zu Ehren von Notre-Dame du Vorbourg (Gem. Delsberg).

Die Tradition der geselligen veillées, der langen Abende im Kreis der Fam. und der Nachbarn, und die bäuerl. Mentalität verblassten allmählich. Von der Mitte des 19. Jh. an trugen der Ausbau des öffentl. Unterrichtswesens (Primar- und Sekundarschulen; Lehrerseminare in Pruntrut 1834 und in Delsberg 1846; Kantonsschule in Pruntrut 1856 und später noch Berufsschulen), der Aufschwung des Vereinswesens (Hilfsvereine und Landwirtschaftsgenossenschaften, Musik-, Kultur- und Sportvereine, Berufs- und Gewerkschaftsverbände sowie polit. Organisationen) wie auch die Entstehung einer regionalen Presse ("Le Jura", "Le Pays", "Le Démocrate") zur Erweiterung des Wissens und zur Veränderung der sozialen Beziehungen bei. Die Entwicklung hin zur modernen Welt, die sich im 20. Jh. noch beschleunigte, führte auch zum Verschwinden des Patois, des regionalen Dialekts, Symbol einer ländl. Gesellschaft und ihrer mündl. Tradition. Als erste der grossen regionalen Gesellschaften entstand 1847 die Société jurassienne d'émulation, die sich zum Ziel setzte, die franz. Kultur zu verteidigen und die literar. und wissenschaftl. Tätigkeit ihrer Mitglieder zu fördern.

Autorin/Autor: François Kohler / AHB

4 - Republik und Kanton Jura (seit 1979)

Ab 1947 wurde die Kantonsgründung als möglicher Lösungsansatz für die Jurafrage diskutiert (Berner Jura). Am 23.6.1974 stimmte die jurass. Bevölkerung der sieben Amtsbezirke bei einer Stimmbeteiligung von 90% der Schaffung eines Kt. J. mit 36'802 Ja- gegen 34'057- Nein und 1'726 Leerstimmen schliesslich zu. Dieses Votum für die Selbstbestimmung war der eigentl. Gründungsakt des jurass. Kantons. Doch die durch den bern. Verfassungszusatz von 1970 ermöglichte Plebiszitkaskade von 1975 begrenzte dann das kant. Territorium auf die drei Bezirke mit separatist. Mehrheit (Pruntrut, Delsberg und Freiberge), zu denen noch acht Gem. aus dem Bez. Moutier (Châtillon, Corban, Courchapoix, Courrendlin, Lajoux, Les Genevez, Mervelier und Rossemaison) hinzukamen, während zwei kleine Gem. aus dem Bez. Delsberg (Roggenburg und Rebévelier) bei Bern verblieben.

Im Sommer 1975 bildeten die Vertreter des späteren Kt. J. im bern. Grossen Rat eine Gruppe, die sich den eidg. und den bern. Behörden bis zum Inkrafttreten der Souveränität als privilegierter Gesprächspartner zur Wahrung der jurass. Interessen anbot. Am 11.12.1975 präsentierte der jurass. Anwaltsverband einen Verfassungsentwurf, der von den polit. Parteien sowie vom Rassemblement jurassien (RJ) rasch als Diskussionsbasis akzeptiert wurde. Um die Kontrolle über die Ausgestaltung des zukünftigen Kantons zu behalten, stellte das RJ eine Koordinationskommission auf die Beine, welche die Organisation und die Arbeiten der Konstituante (verfassunggebenden Versammlung) stark beeinflusste.

4.1 - Die Schaffung des Kantons Jura (1974-1978)

Die Wahlresultate für den Verfassungsrat (21.3.1976) bestätigten die bestehenden Kräfteverhältnisse; sie unterstrichen den persönl. Erfolg der wichtigsten Führerfiguren des RJ und die Niederlage linksalternativer und unabhängiger Listen. Um die 50 Sitze bewarben sich elf Gruppierungen mit insgesamt 529 Kandidaten. Die Christdemokraten gewannen 19 Sitze, die Freisinnigen 11, die Sozialdemokraten 10, die unabhängigen Christlichsozialen 7, die Vertreter der Schweiz. Volkspartei 2 und die Parti radical réformiste (separatist. Abspaltung der jurass. FDP) 1 Mandat. Die Arbeit des Verfassungsrats, die am 12.4.1976 nach einer feierl. Zeremonie in Angriff genommen wurde, kam am 3.2.1977 zum Abschluss. Am 20.3.1977 wurde das von den Volksvertretern einstimmig angenommene Grundgesetz von Republik und Kt. J. mit 80% Jastimmen vom Volk ratifiziert.

Die jurass. Verfassung zeichnet sich besonders durch die Anerkennung des Rechts auf Arbeit und auf Wohnung sowie des Streikrechts aus. Sie beauftragt den Staat überdies, die Vollbeschäftigung zu fördern, dem Prinzip der Gleichstellung von Mann und Frau Nachdruck zu verleihen sowie auf die Integration von Migranten und Behinderten zu achten. Der Kantonalbank übertrug sie die Aufgabe, die Wirtschaftspolitik des Kantons zu unterstützen. Der Artikel 44, der die Errichtung eines Büros für Frauenfragen vorgibt, stellte für die damalige Schweiz ebenfalls ein Novum dar.

Nachdem der Verfassungsrat ordnungsgemäss mandatiert worden war, arbeitete er die Gesetze aus, wobei er die bern. Gesetzgebung provisorisch beibehielt, wenn sie den Bestimmungen der jurass. Verfassung nicht widersprach. Er stellte das Verwaltungsorganigramm des zukünftigen Kantons auf und vereinbarte mit dem Kt. Bern die Modalitäten der Güteraufteilung. Im Sept. 1977 hiessen die eidg. Räte die jurass. Verfassung gut, mit Ausnahme des Art. 138, der die Möglichkeit vorsah, den ganzen oder einen Teil des bernisch gebliebenen J.s - unter dem Vorbehalt einer gesetzeskonformen Ablösung - dem neuen Kanton anzugliedern. Am 24.9.1978 ratifizierten das Schweizer Volk (71% Ja) und alle Stände die Schaffung des Kt. J., indem sie einer diesbezügl. Änderung der Bundesverfassung zustimmten. Im November nahm das jurass. Volk die ersten kant. Gesetze an und wählte Parlament und Regierung. Zwei Ständeräte, ein Christdemokrat und ein Sozialdemokrat, wurden im Dezember in stiller Wahl bestellt. Am 1.1.1979 begann für den Kt. J. die Souveränität als 23. Teilstaat der Eidgenossenschaft.

Autorin/Autor: François Kohler / AHB

4.2 - Organisation und Verwaltung des Kantons

Die Organisation des jurass. Staates unterscheidet sich kaum von jener der anderen Stände. Die polit. Rechte sind jedoch umfassender: Das passive Wahlrecht gilt für Schweizer ab 18 Jahren, die ausländ. Bevölkerung verfügt auf kommunaler und kant. Ebene über das Stimm- und aktive Wahlrecht, seit 1998 auch über das passive Wahlrecht für kommunale Legislativorgane. 2'000 Wahlberechtigte oder acht Gem. können mit einer Volksinitiative die Aufnahme, die Veränderung oder die Abschaffung von Verfassungs- oder Gesetzesbestimmungen verlangen.

4.2.1 - Die Behörden

Vom obligator. oder fakultativen Referendum abgesehen, wird die gesetzgebende Gewalt vom kant. Parlament ausgeübt, das auch mit der Oberaufsicht über die Regierung, die Verwaltung und die Justizbehörden betraut ist. Die 60 Volksvertreter werden nach dem Proporzsystem gewählt, und zwar für vier Jahre, wobei eine zweimalige Wiederwahl hintereinander möglich ist. Das Parlament ernennt den Präs. des Jugendgerichts, den Staatsanwalt und den kant. Untersuchungsrichter sowie bestimmte hohe Beamte. Jeder Bezirk bildet einen Wahlkreis. Delsberg hatte anfänglich 27 Sitze (2002 29), die Freiberge 10 und Pruntrut 23 (2002 21). Drei Beobachter aus dem bernisch gebliebenen J. wohnen den Sitzungen des Parlaments bei.

Die Regierung besteht aus fünf Mitgliedern (ministres genannt), die nach dem Majorzsystem für vier Jahre gewählt werden und einer Amtszeitbeschränkung von 16 Jahren unterstehen. Die kant. Verwaltungsstellen sind auf die Staatskanzlei und die fünf Departemente verteilt. Die Bezirksgerichte bildeten ursprünglich die erste Rechtsprechungsinstanz in Zivil-, Straf- und Verwaltungsangelegenheiten. 2000 wurden sie zu einem einzigen Gericht (dem Tribunal de première instance) mit fünf Berufsrichtern zusammengefasst, das seinen Sitz in Pruntrut hat. Das Kantonsgericht besteht aus elf auf vier Jahre gewählten Richtern, darunter fünf vollamtliche, und ist in sechs Gerichtshöfe unterteilt (Verfassungs-, Zivil-, Straf-, Kriminal-, Verwaltungs- und Kassationsgericht). Zwei zukunftsweisende Besonderheiten zeichnen das jurass. Gerichtswesen aus: das gut ausgestaltete Verwaltungsgericht und das Verfassungsgericht, das auf Anrufung hin die Gesetze vor deren Inkraftsetzung auf ihre Vereinbarkeit mit der Kantonsverfassung überprüft.

Exekutive und Legislative, die ihre Sitzungen nach der Kantonsgründung in privaten oder gemieteten Lokalitäten abhielten, erhielten 2003 mit dem Hôtel du Parlement et du Gouvernement in Delsberg ein eigenes Gebäude (eingeweiht am 19. März). Dieses hatte zuvor als Residenz des bischöfl. Kastlans, dann des bern. Oberamtmanns, schliesslich als Sitz des bern. Regierungsstatthalters und des Gerichts von Delsberg gedient.

Autorin/Autor: François Kohler / AHB

4.2.2 - Verwaltung und Kooperation

In den ersten Jahren staatl. Souveränität wurde das nahtlose Weiterfunktionieren der Verwaltung durch etwa hundert Übereinkommen zwischen dem neuen Stand und dem Kt. Bern sichergestellt. Die jurass. Verwaltung ist teilweise dezentral organisiert; ein Teil der rund vierzig kant. Ämter mit ihren insgesamt 792 Arbeitsplätzen im Jahr 2002 ist in Delsberg angesiedelt. Pruntrut ist Sitz des Kantonsgerichts, des Sportamts und des Amts für Kulturgüter (heute Kulturamt). Das Amt für Wasserwirtschaft und Naturschutz befindet sich in Saint-Ursanne und das Sozialversicherungsamt in Saignelégier. Ein Teil der Steuerverwaltung ist in Les Breuleux zu finden, das kant. Zeughaus in Alle.

Die Einkünfte des Kantons sind von 139 Mio. Fr. (1979) auf 335 Mio. (1990), 588 Mio. (2000) und 649 Mio. (2003) angestiegen. Der Anteil der Steuern an den kant. Einnahmen ist von 56% (1979) auf 42% (1990) und 32% (2003) gesunken. Die nach 1991 aufgetretenen finanziellen Schwierigkeiten haben zu einer Verwaltungsreform geführt.

Seit der Angliederung von Vellerat (1996) zählt der Kanton 83 Gem. (20 Einwohnergem. und 63 Gemischte Gem.), die zur Bewältigung gemeinsamer Aufgaben (Spitäler, Schulen, Abwasserreinigung) in Gemeindeverbänden zusammengeschlossen sind. In Pruntrut, Delsberg und in zehn Dörfern des Delsberger Tals ist noch die Ortsbürgergem. erhalten geblieben.

Das in der Verfassung verankerte Prinzip der Kooperation wurde durch eine aktive Teilnahme an interkant. Institutionen und Konferenzen umgesetzt. Es schlug sich auch in der Unterzeichnung bilateraler Abkommen nieder (mit Quebec, Wallonien, den Seychellen und Kamerun) sowie im Beitritt zu grenzüberschreitenden Einrichtungen (Communauté de Travail du J., heute Conférence transjurassienne, Versammlung der Regionen Europas, Deutsch-Franz.-Schweiz. Oberrheinkonferenz).

Autorin/Autor: François Kohler / AHB

4.2.3 - Erziehungs- und Gesundheitswesen

Der Kt. J. verfügt über ein sehr dichtes und vielfältiges Schulsystem. Aber nur die Hälfte der Kinder trat vor 1991 nach vier Jahren Primarschule in die Sekundarschule ein. Die 1995 abgeschlossene Reform verlängerte die Primarschulzeit auf sechs Jahre und ermöglichte von da an allen Schülern den Übertritt in eine der drei Niveaugruppen der Sekundarstufe. Mit Ausnahme der Landwirtschaftsschule (seit 1989 Institut agricole du J.) in Courtemelon (Gem. Courtételle) sind die nachobligator. Bildungseinrichtungen in den beiden Städten konzentriert. Pruntrut ist Sitz des kant. Gymnasiums, einer höheren Handelsschule, des Institut pédagogique (1982 gegr., um die Lehrerseminare abzulösen, und 2001 in die Pädagog. Hochschule Bern-J.-Neuenburg, HEP-BEJUNE integriert), einer Berufsschule für kaufmänn. und handwerkl. Berufe sowie der Fachschule für Uhrmacherei und Mikrotechnik. Die 1979 gegr. Diplommittelschule (Ecole de culture générale), die auf die Berufsausbildung im sozialen, erzieherischen und im paramedizin. Sektor vorbereitet, hat ihren Sitz in Delsberg, wo sich auch das zweite kaufmänn.-gewerbl. Berufsschulzentrum sowie die 1988 gegr. Schule für Krankenpflege befinden. Zusammengefasst unter dem gemeinsamen Logo HES-SO haben sich 1997 auch die Fachhochschule der Westschweiz (Haute Ecole spécialisée de Suisse occidentale) und 2002 die Fachhochschule Gesundheit - Soziale Arbeit der Westschweiz (Haute Ecole spécialisée Santé - Sociale de Suisse romande, HES-S2) im jurass. Hauptort niedergelassen. Das Angebot wird durch private, aber staatlich subventionierte Institutionen, darunter das Collège Saint-Charles in Pruntrut, ergänzt.

Das Gesundheitsamt überprüft die Tätigkeit der medizin. und paramedizin. Berufe. Es organisiert das Fürsorgewesen sowie das Angebot an medizin. und pfleger. Leistungen, die von einer ganzen Reihe öffentl. Einrichtungen erbracht werden: den drei Spitälern in Delsberg, Pruntrut und Saignelégier, dem kant. medizin.-psycholog. Zentrum und dem Rehabilitationszentrum für Herz- und Kreislaufpatienten in Le Noirmont sowie von einem Dutzend Alterswohn- oder Pflegeheimen, dem Betreuungsdienst für Hauspflege und von Heimen und geschützten Werkstätten für Behinderte. Um die Gesundheitskosten in den Griff zu bekommen, wurde die Verwaltung des jurass. Spitalwesens 1993 einer einzigen öffentlichrechtl. Unternehmung anvertraut. Die zwecks Kostenreduktion eingeleitete Reform führte zur Schaffung des sog. Hôpital multisites du J., dessen Führungsinstanzen 2003 eingesetzt wurden, sowie zur Reduktion der Bettenzahl von total 613 (1990) auf 318 (2002). 2004 hat die Bevölkerung an der Urne gutgeheissen, dass in Zukunft nicht mehr die Gem., sondern ausschliesslich der Kanton die Gesundheitskosten trägt.

Autorin/Autor: François Kohler / AHB

4.3 - Bevölkerungsentwicklung

Die Wohnbevölkerung des Kt. J. stagnierte im letzten Viertel des 20. Jh.; sie stieg von 67'325 Einwohnern (1970) auf nur gerade 68'224 (2000). Der Rückgang am Ende der 1970er Jahre (64'986 Einw. 1980, 66'233 Einw. 1990) konnte im letzten Jahrzehnt des ausgehenden Jahrhunderts knapp wettgemacht werden. 1980-2000 legten der Bez. Delsberg 8,5% und die Freiberge 10,6% zu, während der Bez. Pruntrut um 2% abnahm.

1980-2000 wuchs die jurass. Bevölkerung um 4,8%, d.h. dreimal weniger als im schweiz. Durchschnitt (14,5%). Stagnation und Überalterung der Bevölkerung beunruhigten die kant. Behörden so, dass sie 2000 das Projekt "J. pays ouvert" lancierten. Dessen Ziel war es, bis 2020 mittels fiskal., wirtschaftl., sozialer und kultureller Massnahmen die Schwelle von 80'000 Einwohnern zu erreichen, doch 2004 wurde das besonders von den Sozialdemokraten bekämpfte Projekt vom Volk abgelehnt.

Autorin/Autor: François Kohler / AHB

4.4 - Wirtschaft

4.4.1 - Allgemeine Entwicklung

Die kant. Arbeitsplatzsituation widerspiegelt die wirtschaftl. Entwicklung. 1970-80 sank die Zahl der Arbeitsstellen von 30'000 auf rund 29'000 und stieg 1985 wieder auf 31'446, 1998 auf 32'173 und 2001 auf 34'451 an. Der Kt. J., dessen Geburtsstunde in eine besonders ungünstige Konjunkturlage fiel, war rasch mit dem Problem der Arbeitslosigkeit konfrontiert; diese lag schon 1982 bei über 1% und stieg 1990 auf 1,9% und 1997 auf 6,6% an, bevor sie 2000 auf 1,9% sank und 2002 wieder auf 3,8% kletterte. 1980-96 hatte die jurass. Wirtschaft ein geringeres Wachstum (75%) im Vergleich zur gesamten Schweiz (117%).

Auch die Beschäftigungsstruktur der jurass. Wirtschaft wandelte sich. Der 1. Sektor schrumpfte erheblich: Dessen Anteil an der Gesamtzahl der Beschäftigten ging von 14,9% im Jahr 1985 auf 12,8% 1998 und auf 11,1% im Jahr 2001 zurück, lag aber gleichwohl deutlich über dem schweiz. Mittel (5,7% 2001). Der einst dominierende 2. Sektor nahm von 1985 (45,2%) bis 1998 (39,2%) ab, danach konnte er sich anteilmässig halten (41% 2001). Das sehr starke Wachstum des tertiären Sektors zwischen 1985 (39,9%) und 1998 (48,2%) flachte sich in der Folge ab (47,9% 2001). Die Zahl der Vollzeitstellen ist in der Industrie immer noch grösser als im Dienstleistungssektor, wo ein Drittel der Arbeitsplätze auf Teilzeitstellen entfallen, die mehrheitlich von Frauen besetzt sind. Der Vergleich zwischen der aktiven Wohnbevölkerung und den im Kanton angebotenen Stellen zeigt, dass die Mobilität der Arbeitskräfte zugenommen hat. Die Zahl der Pendler stieg von 9'800 (33%) im Jahr 1980 auf 16'200 (49%) im Jahr 2000, darunter rund 4'000 im J. wohnhafte, die 2000 ausserhalb des Kantons arbeiteten, v.a. in Bern und Basel. Ausländ. Arbeitskräfte wurden 2001 an 7'500 Arbeitsplätzen beschäftigt, darunter ca. 200 meist span. oder portugies. Saisonniers und 4'000 fast ausnahmslos franz. Grenzgänger.

Autorin/Autor: François Kohler / AHB

4.4.2 - Landwirtschaft

Die jurass. Landwirtschaft zählte 2001 noch 1'174 Betriebe (1'341 im Jahr 1996), davon 85% hauptberuflich geführte (84% 1996) mit einer durchschnittlichen landwirtschaftl. Nutzfläche von 37 ha (34 ha 1996), der grössten der Schweiz. Sie bot 3'540 Arbeitsplätze (3'814 im Jahr 1996), davon 58% (61% 1996) als Vollzeitstellen. Die Futterfläche bedeckte 74% (71% 1996) der rund 40'000 ha landwirtschaftl. Nutzfläche. Das Ackerland brachte hauptsächlich Brotgetreide, Silomais, Zuckerrüben und Raps hervor. Die Anbaufläche dieser Kulturen hat seit den 1980er Jahren stark zugenommen. Zu Beginn des 21. Jh. setzte sich der jurass. Tierbestand aus rund 55'000 Stück Rindvieh, darunter 20'000 Kühe, aus 13'000 Schweinen, 6'000 Schafen und 4'500 Pferden zusammen. Seit 1980 ist die tier. Produktion insgesamt rückläufig, nur bei den Schafen und Pferden hat sie um 60% zugelegt.

Mit der Gründung des jurass. Bauernverbands (Chambre d'agriculture du Jura) 1975 hat sich der Bauernstand neu organisiert und bedeutende Investitionen in Unternehmungen wie die landwirtschaftl. Genossenschaft Centre Ajoie ermöglicht. Unterstützung erhalten die Bauern vom kant. Amt für Landwirtschaft, vom Veterinäramt sowie von der kant. Landwirtschaftsschule in Courtemelon. Das Forstamt überwacht die Bewirtschaftung der bewaldeten Flächen (37'041 ha), die 2001 44% des kant. Territoriums und damit nach dem Tessin (48%) den grössten Waldanteil der Schweiz ausmachten. Sie gehören zu 75% den Gem. und dem Kanton.

Autorin/Autor: François Kohler / AHB

4.4.3 - Industrie

Die jurass. Industrie, die 1975 55% und 2001 41% der Arbeitsplätze stellte, zeichnet sich durch das Vorherrschen der Uhren- und der Maschinenbranche sowie durch die grosse Zahl kleiner und mittlerer Unternehmen aus. 2001 boten nur 30 Betriebe (1985 32) von insgesamt über 3'500 (1985 3'200) mehr als hundert Vollzeitäquivalente an. Die Krise von 1975-79 zwang die jurass. Industrie zu tief greifenden Restrukturierungs- und Diversifikationsmassnahmen, durch die schliesslich ein engmaschiges Netz von kleinen, spezialisierten Zulieferbetrieben (Maschinenbau, Dreherei, Polieren, Endbearbeitung) entstand. Die Umstrukturierungen und die Anwendung von Elektronik und Informatik reduzierten 1991-95 die Arbeitsplätze in der Uhren- und der Präzisionswerkzeugindustrie um 26%, was von der wirtschaftl. Erholung in den folgenden Jahren (1995-98 8% mehr und 1998-2001 13% mehr Arbeitsplätze) nicht vollständig wettgemacht werden konnte. Der Personalabbau in der Maschinen- und der Investitionsgüterindustrie (1985 37 Betriebe, 1995 45, 2001 38) wurde in der Metallverarbeitung kompensiert (1985 97 Betriebe, 1995 154 und 2001 166).

Die grössten Unternehmen wie die Von-Roll-Werke in Delsberg und Choindez (1985 990 Beschäftigte, 2000 730), seit den 1990er Jahren die Tabakfabrik Burrus in Boncourt (heute British American Tobacco; 1996 600 Beschäftigte, 2004 400) und Benteler Automotive, die ehem. Thécla, in Saint-Ursanne (2000 300 Beschäftigte) hängen von Entscheidungszentren ausserhalb des Kantons ab.

Autorin/Autor: François Kohler / AHB

4.4.4 - Der 3. Sektor

Die jurass. Wirtschaft ist immer noch durch einen vergleichsweise schwachen 3. Sektor gekennzeichnet, obwohl dieser unterdessen auch im J. der grösste geworden ist (12'548 Arbeitsplätze 1985, 15'957 1995 und 16'513 im Jahr 2001). 1975 entfielen um die 50% der Dienstleistungsstellen auf den Handel (inklusiv Hotellerie). Dessen relativer Anteil am 3. Sektor ist jedoch auf 35% (1995) gesunken infolge der starken Zunahme der Stellen im öffentl. Dienst (Verwaltung, Schule, Gesundheitswesen und v.a. Sozialhilfe, zusammen 37%). Dagegen ist der Banken-, Versicherungs- und Treuhandbereich (5%), der in den ersten Jahren des Kantons aufblühte, infolge der Umstrukturierung in diesen Branchen stark geschrumpft. 1979-90 verzeichnete der jurass. Tourismus einen Zuwachs an Übernachtungen von 86'000 auf 113'000, dann aber einen markanten Rückgang ab 1992 (69'000 Übernachtungen 1998, 71'000 2002). Die Kundschaft des jurass. Gastgewerbes kommt im Wesentlichen aus dem Inland (mehr als 80%) und besteht v.a. aus Durchreisenden.

Autorin/Autor: François Kohler / AHB

4.4.5 - Verkehr und Kommunikation

Eines der grössten Probleme der jurass. Wirtschaft liegt in der ungenügenden Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur. Die hügelige Randregion wurde zudem von der schweiz. und franz. Strassenbau- und Eisenbahnpolitik vernachlässigt. Die Pläne des neuen Kantons, bis ins Jahr 2000 ein multimodales Verkehrsnetz (Schiene und Strasse) zu realisieren, konnten nur teilweise verwirklicht werden. Im Bereich des Strassenverkehrs hat die Kantonsgründung den Bau der Autobahn A16 (Transjurane), der in der kant. Volksabstimmung vom März 1982 mit grossem Mehr gutgeheissen wurde, unzweifelhaft beschleunigt. Doch die Arbeiten gingen nicht so schnell voran wie vorgesehen. Nur der Abschnitt Delsberg-Pruntrut wurde im Nov. 1998 für den Verkehr geöffnet. Die ursprünglich für 2008 vorgesehene Vollendung der Transjurane von Boncourt bis Biel musste auf 2015 verschoben werden. Was den Schienenverkehr betrifft, so wurde das Projekt des Anschlusses der Chemins de fer du Jura an Delsberg 1992 von der Kantonsbevölkerung abgelehnt. Zudem haben die Sparmassnahmen der SBB und der Post sowie die Aufgabe der Strecke Delle-Belfort durch die Société Nationale des Chemins de Fer Français (SNCF) die Projekte zur Erneuerung des jurass. Eisenbahnnetzes und zur Anbindung an das Netz der franz. Hochgeschwindigkeitszüge (TGV) vollständig in Frage gestellt. Die 2001 entstandene Association interligne TGV Belfort-Bienne bemüht sich, die Infrastruktur in Stand zu halten und die Linie im Hinblick auf den Bau des Ostasts des TGV Rhin-Rhône wieder zu eröffnen.

Autorin/Autor: François Kohler / AHB

4.4.6 - Berufsorganisationen und Wirtschaftspolitik

Die Sozialpartner warteten die Kantonsgründung nicht ab, um ihre Organisationen den neuen polit. Gegebenheiten anzupassen. Die dem Schweiz. Gewerkschaftsbund (SGB) angegliederten jurass. Sektionen bildeten 1975 den Jurass. Gewerkschaftsbund (Union syndicale jurassienne), der etwa 9'000 zur Hälfte aus dem Smuv stammende Mitglieder zusammenschloss. Die Arbeitergeber organisierten sich 1976 im Jurass. Arbeitgeberverband (Association patronale jurassienne), der darauf zum Jurass. Handels- und Industrieverband (Association jurassienne du commerce et de l'industrie) wurde. Dieser gründete 1979 die Industrie- und Handelskammer des J.s (Chambre de commerce et d'industrie du Jura), die, mit einem ständigen Sekretariat ausgestattet, die wirtschafts- und sozialpolit. Interessen von etwa 300 Unternehmen wahrnimmt.

Ziel der 1973 gegr. Association pour le développement économique du district de Porrentruy und der entsprechenden Organisationen in den Bez. Delsberg und Freiberge ist die regionale Wirtschaftsförderung: Ausserkant. Firmen sollen zur Ansiedlung in der Region bewegt werden. Die Association régionale Jura wurde hingegen von den Gem. gegründet, und zwar 1975 im Rahmen des Bundesgesetzes über die Investitionshilfe für Berggebiete (IHG). Die kant. Wirtschaftsförderung ist auch Aufgabe des Delegierten für Wirtschaftsförderung und der Société pour le développement de l'économie jurassienne, die 1979 von den sechs im Kanton ansässigen Banken ins Leben gerufen wurde.

Autorin/Autor: François Kohler / AHB

4.5 - Kultur und Religion

4.5.1 - Schutz des Kulturerbes und kulturelles Leben

Archive, Bibliotheken, Kulturgüterschutz, Denkmalpflege und Archäologie wurden dem Amt für Kulturgüter (Office du patrimoine historique), 2002 umbenannt in Amt für Kultur (Office de la culture), in Pruntrut anvertraut. Seit 1984 wird das Archiv des ehem. Fürstbistums Basel in Pruntrut von einer gemeinsamen Stiftung der Kt. Bern, J. und - als Folge des Kantonswechsels des Laufentals - Basel-Landschaft (1997) verwaltet. Die Aufbewahrung und Erhaltung der Kulturgegenstände obliegt hauptsächlich den Museen, darunter dem Musée jurassien d'art et d'histoire in Delsberg.

Die Unterstützung und Förderung der Kulturschaffenden und der ebenso zahlreichen wie unterschiedl. Vereine und Gesellschaften gehört zu den Aufgaben des Kulturbeauftragten. Dessen Vollzeitstelle war zum Leidwesen der kulturellen Vereinigungen reduziert worden und wurde erst 2003 wieder neu bestellt; von 1997 an war die Funktion vom Leiter des Amts für Kulturgüter ausgeübt worden.

Aus der Fusion von "Le Pays", herausgegeben in Pruntrut, und dem in Delsberg erschienenen "Le Démocrate" ging 1993 "Le Quotidien jurassien" hervor, dessen Auflage 2004 auf über 25'000 Exemplare stieg. Der 1984 gegr. Radiosender "Fréquence Jura" hat eine der stärksten Hörerquoten unter den schweiz. Regionalradios.

Autorin/Autor: François Kohler / AHB

4.5.2 - Die Kirchen

Die röm.-kath. und die evang.-ref. Kirche sowie ihre Kirchgemeinden sind durch die Kantonsverfassung als öffentl.-rechtl. Körperschaften anerkannt. Sie organisieren sich selbstständig auf der Grundlage einer von der Regierung genehmigten Kirchenverfassung. Die Collectivité ecclésiastique cantonale catholique-romaine, die zur Diözese Basel gehört, zählt 63 Pfarreien, deren Mitglieder im Jahr 2000 75% der Bevölkerung ausmachten. Der Bf. von Basel wird im J. von einem bischöfl. Vikar vertreten, der Anrecht auf Einsitz im Domkapitel Solothurn als nicht residierender Domherr hat. Die evang.-ref. Kirche des Kt. J. ist Teil des Synodalverbands der Ref. Kirche Bern-J. 2000 vereinigten die drei jurass. Kirchgemeinden 10,7% der Kantonsbevölkerung auf sich. Der Anteil der Andersgläubigen und der Religionslosen betrug 6,5%.

Autorin/Autor: François Kohler / AHB

4.6 - Politisches Leben

Die Wahlen ins jurass. Parlament von 1978 bis 2006 bestätigten die stabilen polit. Kräfteverhältnisse zwischen den vier grossVen Parteien CVP, FDP, SP und unabhängigen Christlichsozialen (CSP) sowie den drei kleinen Gruppierungen SVP, PdA und Combat socialiste, einer 1981 gegr. Bewegung der ökolog. Linken. Als Partei sollte den Grünen erst 2006 der Einzug ins Parlament gelingen.

Die Regierungsratswahlen erbrachten kontrastreichere Resultate. Die erste war geprägt von einer Koalition der Autonomisten aus CVP, SP, unabhängiger CSP und separatist. Freisinnigen (PRR) unter der Ägide des Rassemblement jurassien gegen die (berntreue) FDP. 1978 und 1982 vermochten die Autonomisten ihre Kandidaten bei der Wahl durchzubringen (2 CVP, 1 SP, 1 CSP und 1 PRR). 1986 konnte das RJ jedoch nicht verhindern, dass der FDP-Kandidat den vakant gewordenen Sitz der PRR einnahm. 1990 wurden die fünf bisherigen Regierungsräte wiedergewählt, aber die Teilerneuerungswahl von 1993 ermöglichte es einer Kandidatin des Combat socialiste und einem Dissidenten der CVP, den sozialdemokrat. und den freisinnigen Sitz zu erobern. Die Wahlen von 1994 führten zu einer neuen Sitzverteilung (3 CVP, 1 FDP, 1 SP), die 1998 bestätigt wurde. 2002 gewann die SP auf Kosten der CVP einen Sitz hinzu, und die FDP verlor den ihren an die CSP. 2006 musste die SP den erst gerade eroberten zweiten Sitz an die FDP abgeben (2 CVP, 1 SP, 1 CSP, 1 FDP).

Die kant. Vertretung in die Bundesversammlung (2 National- und 2 Ständeräte) wird durch Proporzwahlen bestimmt. Ihre Wählerstärke sichert der CVP in jeder Kammer einen der beiden Sitze, während die zweiten zwischen Sozialdemokraten und Freisinnigen jeweils hart umkämpft sind. Seit der Kantonsgründung hat sich das polit. System des J.s gewandelt. Die Parteien und die Interessengruppen, die zuerst durch die Jurafrage und die dominante Stellung des RJ in den Hintergrund gedrängt worden waren, spielten ziemlich bald wieder eine wichtige Rolle in der Führung des neuen Kantons. Die Resultate der eidg. Abstimmungen zeichnen das Bild eines fortschrittl. und nonkonformist. Teilstaates. Im Unterschied zur Mehrheit der schweiz. Bevölkerung und der Stände sprach sich der J. 1992 für den Beitritt zum Europ. Wirtschaftsraum (EWR) und 1999 für die Mutterschaftsversicherung aus und lehnte 2002 die Leistungskürzungen bei der Arbeitslosenversicherung ab.

Die Nationalratswahlen 1979-2007
 19791983198719911995199920032007
CVP1 11111 
FDP 111    
SP 1  1111
Andere1a       
Total Sitze22222222

a Liste d'unité jurassienne et populaire

Quellen:BFS

Die Wahlen ins jurassische Parlament 1978-2006
 19781982198619901994199820022006
FDP1416161515141211
CVP2120222122192019
SP1111111212151513
CSP88888889
SVP11111123
PdA211  11 
Combat socialiste 113222 
Andere32     5
Total Sitze6060606060606060

Quellen:BFS; Staatskanzlei

Autorin/Autor: François Kohler / AHB

4.7 - Vom Kampfkanton zur Interjurassischen Versammlung

Die Schaffung des neuen Kantons hat die Jurafrage nicht abschliessend gelöst. Im bernisch gebliebenen J. setzte die Autonomiebewegung mit Unterstützung des Kt. J., der offiziell für die Wiedervereinigung eintrat, den Kampf fort. Doch gleich nach dem Erlangen der kant. Unabhängigkeit begannen die Vorstellungen der Kantonsregierung und des RJ über strateg. Fragen auseinanderzugehen. Erstere musste sich ins polit. System der Schweiz integrieren und den Dialog mit der Eidgenossenschaft suchen, während das RJ, angeführt von Roland Béguelin, einen "Kampfkanton" anstrebte. Unter seinem Druck musste die jurass. Regierung das Fest zur Kantonsgründung - diese hätte am 11.5.1979 im Beisein von eidg. und kant. Behördenmitgliedern gefeiert werden sollen - absagen. Dieses Ereignis markiert den Beginn des Zerwürfnisses. Durch eine heftige Krise in den folgenden Jahren innerlich gespalten, konnte das RJ den Beschluss der kant. Behörden zur Teilnahme an der CH 91, der 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft, nicht verhindern; die Bewegung erreichte aber, dass Regierung und Parlament eine Stiftung für die Wiedervereinigung mit 300'000 Fr. unterstützten. Das auf das Initiativbegehren des RJ hin ausgearbeitete kant. Gesetz über die polit. Einheit des J.s wurde im Sept. 1992, trotz negativem Vorentscheid des Bundesgerichts, vom Volk angenommen. Der Berner Regierungsrat erachtete diesen Entscheid als unvereinbar mit dem Dialog, der im März 1992 mit Hilfe der vom Bundesrat eingesetzten Konsultativkommission (unter der Leitung von alt Nationalrat Sigmund Widmer) in Gang gekommen war, und forderte Letztere auf zu intervenieren.

Der "Widmer-Bericht" vom April 1993 schlug eine Lösung der Jurafrage in zwei Etappen vor, an deren Ende ein neuer Kanton, bestehend aus dem J. und dem aktuellen Berner J., stehen könnte. Bilaterale Verhandlungen unter der Schirmherrschaft des Bundesrats führten am 25.3.1994 zur Vereinbarung zwischen den drei Parteien Bund, J. und Bern, aus der die Interjurass. Versammlung (Assemblée interjurassienne, AIJ) hervorging.

Die Interjurass. Versammlung arbeitet in sechs Kommissionen (Institutionen, Unterricht und Berufsbildung; Wirtschaft; Gesundheit und Soziales; Verkehr; Kommunikation und Raumplanung; Kultur). Die Geschäfte werden von einem Büro vorbereitet. Gültige Entscheide verlangen die Zustimmung sowohl der bern. als auch der jurass. Versammlungsmehrheit. Sie gelangen in der Regel in der Form von Resolutionen an die beiden Regierungen und fordern diese zur gegenseitigen Absprache, zur interkant. Zusammenarbeit oder zur gemeinsamen Umsetzung von Massnahmen auf. Im Hinblick auf die Lösung der Jurafrage war die Resolution Nr. 44 vom 20.12.2000 bislang die politisch wichtigste. Sie schlug den beiden Kantonen ein zweistufiges Prozedere vor: In einem ersten Schritt sollten die Instrumente für eine Kooperation geschaffen, in einem zweiten dann die eigentliche interjurrass. Zusammenarbeit implementiert werden. Die gesetzten Fristen waren allerdings 2004 schon verstrichen.

Auf den 1.1.2006 trat das Sonderstatut für den Berner J. in Kraft, das aber nicht den Erwartungen nach "weitgehender Autonomie" entsprach, wie sie besonders von der Groupe Avenir formuliert worden waren. Die Mitglieder des Mouvement autonomiste jurassien (MAJ), das 1994 aus dem Zusammenschluss des RJ und der Unité jurassienne entstanden war, verurteilten es sogleich. 2004 nahm das jurass. Parlament die 2002 lancierte Volksinitiative "Un seul Jura" trotz gegenteiliger Empfehlung der Regierung an; die Debatte über dieses Begehren könnte wieder eine angespannte Lage, ähnlich der vor der Schaffung der Interjurrass. Versammlung erzeugen.

Autorin/Autor: François Kohler / AHB

Quellen und Literatur

Archive
– AAEB
– Archives départementales du Haut-Rhin, Colmar
– ARCJ
– BiCJ
– Generallandesarchiv, Karlsruhe
– Musée de l'Hôtel-Dieu, Pruntrut
– Musée jurassien d'art et d'histoire, Delsberg
– StABE
– StABL
– StABS
Quellen
Literatur