• <b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Oro- und hydrografische Karte mit den wichtigsten Ortschaften  © 2017 HLS und Kohli Kartografie, Bern.
  • <b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Quelle: Angaben von Michel Egloff  © 2009 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.
  • <b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Quelle: W. Kreisel, Siedlungsgeographische Untersuchungen zur Genese der Waldhufensiedlungen im Schweizer und französischen Jura, 1972  © 2009 HLS und Kohli Kartografie, Bern.
  • <b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Der Graf von Neuenburg und sein Sohn leisten vor dem Schultheiss und dem Rat von Bern den Eid anlässlich des Burgrechtsvertrags von 1406. Beschrieben und illustriert in der "Spiezer Chronik" von  Diebold Schilling,   1485 (Burgerbibliothek Bern, Mss.h.h.I.16, S. 550). Nach dem Tod der Gräfin Isabella von Neuenburg trat ihr Neffe Konrad von Freiburg die Erbfolge an. Er geriet mit der Bürgerschaft der Stadt Neuenburg in Streit, worauf er mit Bern einen Burgrechtsvertrag eingehen musste. Gleichentags nahm Bern die Neuenburger in sein Burgrecht auf. Ungeachtet der Chronologie stellte der Zeichner auf dem Wappenschild des jungen Johann von Freiburg die Farben der Hochberg dar, die die Grafschaft 80 Jahre später regierten, als Schilling die Chronik verfasste.
  • <b>Neuenburg (Kanton)</b><br>"Carte de la Souveraineté de Neufchatel et Valangin", aufgenommen Ende des 17. Jahrhunderts von  David-François de Merveilleux und Guillaume de l'Isle,  verbessert, erweitert und koloriert von einem Nürnberger Drucker, 1778 (Universitätsbibliothek Bern, Sammlung Ryhiner). Die Karte zeigt die Grenzen der Grafschaft Neuenburg und der Herrschaft Valangin (rot), die vom Ende des 16. Jahrhunderts an das Fürstentum Neuenburg bildeten.
  • <b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Quellen: H.J. Leu, Allgemeines helvetisches, eydgenössisches oder Schweitzerisches Lexicon 14, 1758, 72–83; G.-A. Matile, Histoire des institutions judiciaires et législatives de la principauté de Neuchâtel et Valangin, 1838, 152 f.; P. Henry, Crime, justice et société dans la Principauté de Neuchâtel au XVIII<SUP>e</SUP> siècle (1707-1806), 1984, 78 f.; R. Scheurer et al., Histoire du Conseil d'Etat neuchâtelois, 1987  © 2009 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.
  • <b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Quelle: Archives de l'Etat de Neuchâtel  © 2009 HLS und Marc Siegenthaler, Bern. In den Jahren 1707–1848 erfolgten 123 Ernennungen in den Neuenburger Staatsrat. Die Grafik listet jene Familien auf, die mehr als zwei Staatsräte stellten. Zwar berücksichtigte der Landesherr über 40 Familien, doch entfiel allein auf die vier Familien Chambrier, de Montmollin, Sandoz und Pury knapp ein Drittel aller Ernennungen.
  • <b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Vorder- und Rückseite eines Dickens mit dem Kopf von Henri II. d'Orléans-Longueville (Musée d'art et d'histoire Neuchâtel, Cabinet de numismatique). Dieser Dicken mit dem Bildnis des Grafen von Neuenburg wurde 1631 auf einer Walzpresse hergestellt. Auf der Rückseite findet sich das Wappen des Grafen mit den Lilien von Frankreich und den Sparren von Neuenburg.
  • <b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Huldigungseid von Gouverneur Louis Théophile de Béville und den Untertanen im Val-de-Travers. Kolorierte Radierung von  Alexandre Girardet,   1786 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv). Der Landesherr, zu jener Zeit der Preussenkönig Friedrich Wilhelm II., wurde durch den Gouverneur repräsentiert. Dieser leistete bei seinem Amtsantritt im Fürstentum mit der Bürgerschaft und den Untertanen den Huldigungseid. Das Bild zeigt die Eidesleistung vor dem Rathaus in Môtiers mit den Vertretern der Herrschaft des Val-de-Travers und der Mairies von La Côte-aux-Fées und Les Verrières.
  • <b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Royalistische Karikatur, die den republikanischen Aufstand vom 17. und 18. Dezember 1831 aufs Korn nimmt. Kolorierte Lithografie (Schweizerisches)  Nationalmuseum.   Um die Schweizer Fahne, das Symbol der Républicains, sind die bunt zusammengewürfelten Truppen mit ihrem Anführer Alphonse Bourquin versammelt. Der Text macht sich über die scharfen Kritiker des Ancien Régime lustig, welche die Neuenburger vom Fürst befreien wollen.
  • <b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Royalistische Karikatur, die den republikanischen Aufstand vom 17. und 18. Dezember 1831 aufs Korn nimmt. Kolorierte Lithografie (Schweizerisches Nationalmuseum).  Die besser organisierten preussischen Soldaten haben die aufständischen Truppen bereits niedergeschlagen. Der Verfasser der Bildunterschrift mokiert sich über die "Helden", die lieber die Flucht ergreifen als ihr Blut für die Freiheit zu vergiessen.
  • <b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Die Indiennemanufaktur Les Iles in Boudry. Lavierte Zeichnung von  Jean-Pierre Preud'homme,  um 1785 (Musée d'art et d'histoire Neuchâtel). In Boudry gab es neben Les Iles noch die Stoffdruckereien Grandchamp und Vauvilliers. Das 1727 von Henri Sandoz an der Areuse – hier konnte die Wasserkraft genutzt werden – gegründete Unternehmen war bis 1844 in Betrieb.
  • <b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Porträt von Guillaume Farel vor einer Ansicht der Stadt Neuenburg mit dem Neuenburgersee. Öl auf Leinwand, 1590 (Bibliothèque publique et universitaire de Neuchâtel). Der mit einem lateinischen Schriftzug versehene Lichtstrahl, der auf die Stadt Neuenburg fällt, symbolisiert in der christlichen Kunst das Göttliche. Die Inschrift verweist auf den 23. Oktober 1530, als der Reformator Farel in der Stiftskirche predigte und deren Ausstattung anprangerte, während Bilderstürmer Kruzifixe und Statuen zerstörten.
  • <b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Erster Band der "Descriptions des Arts et Métiers" von Jean Elie Bertrand, 1771 herausgegeben von der Société typographique de Neuchâtel (Bibliothèque publique et universitaire de Neuchâtel). Der Bannerherr Frédéric Samuel Ostervald gründete 1769 mit Pfarrer Jean Elie Bertrand, Jonas-Pierre Berthoud, Schreiblehrer, sowie dem Buchhändler Samuel Fauche die Société typographique de Neuchâtel. Eine ihrer wichtigsten Publikationen war Bertrands neunzehnbändige Reihe über das Handwerk, die 1771–1783 als erweiterter und überarbeiteter Nachdruck der in Frankreich erschienenen Ausgabe publiziert wurde. Die Ausstrahlung Neuenburgs in der Aufklärung verdankte das Fürstentum u.a. der Société, die zwischen 1769 und 1789 über 220 Bücher herausbrachte.
  • <b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Die von den eidgenössischen Truppen unter dem Kommando von Oberst Louis Denzler unterstützten Républicains eroberten das Schloss Neuenburg am 4. September 1856 von den aufständischen Royalistes zurück. Lavierte Federzeichnung von  Heinrich Jenny (Schweizerische Nationalbibliothek). Die Zeichnung wurde mit zwei anderen Bildern zu diesem Ereignis am 18. Oktober 1856 in Leipzig auf einer Doppelseite der "Illustrierten Zeitung" als Holzschnitt abgedruckt.
  • <b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Die 1870 eröffnete kantonale Strafanstalt auf dem Hügel Le Mail in Neuenburg nach Plänen von Samuel Vaucher. Fotografie von  Victor Attinger,  um 1890 (Musée d'art et d'histoire Neuchâtel). Die Anlage bestand aus einem kreuzförmigen Gebäude, welches die Überwachung der Insassen erleichterte, und einer 6,5 m hohen Ringmauer. Die Anstalt wurde 1909 geschlossen und die Sträflinge auf Grund von interkantonalen Konkordaten in Lausanne und Bern untergebracht. Nach mehreren Umbauten und Umnutzungen blieb von der ehemaligen Strafanstalt Saarberg nur eine historische Fassade als Teil des 2001 eingeweihten Universitätsgebäudes UniMail bestehen, das die naturwissenschaftliche Fakultät beherbergt.
  • <b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Quelle: Eidgenössische Volkszählungen  © 2008 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.
  • <b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Plakat für eine 1986–87 im Musée d'ethnographie gezeigte Ausstellung über das Böse und den Schmerz (Schweizerische Nationalbibliothek). Bekannt wurde das Neuenburger Musée d'ethnographie unter den Konservatoren Jacques Hainard und Roland Kaehr, die ab 1981 zahlreiche originelle Ausstellungen organisierten. Auf überraschende Art übertrugen sie den spezifisch ethnologischen Blick, der bis anhin auf sogenannt primitive Gesellschaften fokussiert gewesen war, auf die Riten und Fetische der postindustriellen Gesellschaft.
  • <b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Plakat für die Ausstellung "1291–1991, L'homme et le temps en Suisse" im Musée international d'horlogerie in La Chaux-de-Fonds (Schweizerische Nationalbibliothek). Im Rahmen der 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft 1991 widmete das Musée international d'horlogerie dem Verhältnis von Mensch und Zeit über die Jahrhunderte eine Ausstellung.

Neuenburg (Kanton)

Ab dem 12. Jh. Herrschaft und Grafschaft, vom 17. Jh. bis 1848 Fürstentum, ab 1814 Kanton, seit 1848 Republik und Kanton N. (amtl. Name). Franz. Neuchâtel. Die Amtssprache ist Französisch, der Hauptort die Stadt N. Ab dem Ende des 13. Jh. war N. mit mehreren eidg. Orten und Städten durch Burgrechtsverträge verbunden, insbesondere mit Freiburg (1290), Bern (1308), Solothurn (1369) und Luzern (1501). Als das lokale Geschlecht der Herren von N. 1395 erlosch, ging die Grafschaft an die aus Süddeutschland stammenden Fam. von Freiburg und von Hochberg über. Zu Beginn des 16. Jh. gelangte sie an die franz. Dynastie d'Orléans-Longueville. Nach dem Tod von Marie de Nemours 1707 wurde das Fürstentum dem preuss. Königshaus der Hohenzollern zugesprochen, die es - abgesehen von einem Zwischenspiel während der napoleon. Ära, als Marschall Louis-Alexandre Berthier 1806-14 Fürst von N. war - bis zur Revolution von 1848 behielten.

Das Territorium hat sich seit dem Ende des 16. Jh., als die Gf. von N. 1564 von ihren Vasallen die Herrschaft Colombier erwarben und die ebenfalls lehenspflichtige Herrschaft Valangin 1592 mit der Grafschaft vereinigten, nicht mehr wesentlich verändert. Die Aussengrenzen erfuhren im 19. Jh. nur noch kleinere Anpassungen: 1814 die im Pariser Frieden beschlossene Angliederung des Dorfs Le Cerneux-Péquignot, 1815 die im Vertrag von Wien geregelte Übernahme des gesamten Allods Lignières und 1894 die Abtretung des Schlosses Thielle an den Kt. Bern nach der Juragewässerkorrektion.

Das Kantonsgebiet mit seinen 36 Gemeinden (Stand 2017) gliedert sich in drei unterschiedl. Regionen, die Seeregion zwischen dem Nordufer des Neuenburgersees und den ersten Juraausläufern (mit La Béroche), die mittleren Täler Val-de-Travers und Val-de-Ruz sowie die Montagnes neuchâteloises, die nahe der franz. Grenze eine Hochebene auf rund 1000 m Höhe bilden.

<b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Oro- und hydrografische Karte mit den wichtigsten Ortschaften  © 2017 HLS und Kohli Kartografie, Bern.<BR/><BR/>
Oro- und hydrografische Karte mit den wichtigsten Ortschaften

Fläche (2004/05)803,1 km² 
Wald/bestockte Fläche308,8 km²38,4%
Landwirtschaftliche Nutzfläche334,5 km²41,7%
Siedlungsfläche67,0 km²8,3%
Unproduktive Fläche92,8 km²11,6%

Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur
Jahr 18501880a1900195019702000
Einwohner 70 753102 744126 279128 152169 173167 949
Anteil an Gesamtbevölkerung der Schweiz3,0%3,6%3,8%2,7%2,7%2,3%
Sprache       
Französisch  77 525104 551108 408123 573143 191
Deutsch  24 48917 62915 14915 6306 849
Italienisch  1 3463 6643 93921 6075 407
Rätoromanisch  15349711495
Andere  3574015598 24912 407
Religion, Konfession       
Protestantisch 64 95291 076107 291100 15897 84363 974
Katholischb 5 57011 65117 73124 82964 91951 257
Christkatholisch    768673559
Andere 2311 0051 2572 3975 73852 159
davon jüdischen Glaubens 2316891 020506417266
davon islamischen Glaubens     2195 056
davon ohne Zugehörigkeitc     3 34636 582
Nationalität       
Schweizer 65 77393 791113 090121 357132 478129 377
Ausländer 4 9808 95313 1896 79536 69538 572
Jahr  19051939196519952005
Beschäftigte im Kanton1. Sektor 12 50313 2214 5093 537d3 269
 2. Sektor 33 82825 95147 54129 86329 154
 3. Sektor 12 06112 80525 66249 75851 301
Jahr  19651975198519952005
Anteil am Schweiz. Volkseinkommen 2,8%2,4%2,0%1,8%2,1%

a Einwohner, Nationalität: Wohnbevölkerung; Sprache, Religion: ortsanwesende Bevölkerung

b 1880 und 1900 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

c zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

d gemäss landwirtschaftl. Betriebszählung 1996

Quellen:HistStat; eidg. Volkszählungen; BFS

Autorin/Autor: Lionel Bartolini / AHB

1 - Das Territorium in ur- und frühgeschichtlicher Zeit

1.1 - Urgeschichte und römische Zeit

Die Vielfalt der Neuenburger Landschaft prägte die Besiedlung des Kantonsgebiets, das sich von 426,5 m, dem tiefsten Punkt der am Ende des Pleistozäns entstandenen Ufer, bis auf 1400 m erstreckt. Je nach Stand der Vergletscherung, der Ausdehnung des Waldes und der Zugänglichkeit der Ufer boten sich den Menschen auf den versch. Höhenstufen mehr oder weniger gastl. Lebensräume. Vom Moustérien bis zur galloröm. Zeit sind alle in der Westschweiz bekannten Kulturen vertreten, mit Ausnahme einiger Perioden des Paläolithikums, die aus klimat. Gründen fehlen.

Autorin/Autor: Michel Egloff / AHB

1.1.1 - Die Neuenburger Archäologie

Die archäolog. Forschung setzte in N. früh ein. Sie wurde geprägt von Frédéric DuBois de Montperreux, Friedrich Schwab, Edouard Desor und Paul Vouga. Die ersten Untersuchungen, so die Ausgrabung der galloröm. villa von Colombier ab 1840, erfolgten noch recht unsystematisch. Die 1855 begonnene Erforschung der Pfahlbauten genügte erst 1919-20 wissenschaftl. Ansprüchen, als Vouga in Auvernier arbeitete. 1857 wurde die berühmte kelt. Siedlung La Tène entdeckt, die der späteren Eisenzeit den Namen gab. 1866 fand in N. der 1. internat. Kongress für Ur- und Frühgeschichte statt.

Auf einer grossen Fläche entlang des Autobahntrassees der A5 wurden 1964 systemat. Prospektionen und Untersuchungen, auch unter Wasser, vorgenommen. Dabei kamen die Luftfotografie, naturwissenschaftl. Techniken und die Dendrochronologie, die besonders wertvolle Daten über die Entwicklung der Behausungen und Pfahlbaudörfer lieferte, zum Einsatz. Hauterive-Champréveyres liess sich dank dieser Methoden auf 3810 v.Chr. datieren. Es ist die älteste ausgegrabene Siedlung im Kanton.

Autorin/Autor: Michel Egloff / AHB

1.1.2 - Paläolithikum und Mesolithikum

Die ersten menschl. Spuren auf Neuenburger Gebiet wurden in der Höhle von Cotencher (Gemeinde Rochefort) nachgewiesen. Die Höhle liegt in der Areuse-Schlucht, auf einer Achse, die vom schweiz. Mittelland in die Ebenen der Saône führt. Auf einer Höhe von 660 m öffnet sich ein nach Süden ausgerichtetes Abri (Felsunterstand), dessen Belegung auf etwa 40'000 v.Chr. datiert wird. Wegen der Überreste zahlreicher Tiere, die bei den Grabungen 1916 gefunden wurden, erlangte das Abri europaweite Bekanntheit. 62 Arten wurden gezählt, darunter Bär, Löwe, Höhlenpanther, Wollnashorn, Rentier, Pferd und sechzehn Vogelarten. Die Steinwerkzeuge weisen Ähnlichkeiten mit jenen des Moustérien in Südfrankreich auf. Ein 1964 ausgegrabener Oberkiefer ist einer von nur zwei gesicherten Überresten des Neandertalers in der Schweiz. Oberhalb von Cotencher, auf 1120 m Höhe, liegt die Grotte des Plaints (Couvet), in der ebenfalls Knochen und behauene Steinwerkzeuge gefunden wurden, die dem Moustérien zugeordnet werden können.

Nach einer langen Kältephase hielten sich um 13'000 v.Chr. Cro-Magnon-Menschen an den Ufern des Neuenburgersees auf, dessen Wasserspiegel damals 3 m tiefer lag. Sie jagten v.a. Pferde, aber auch Rentiere, Murmeltiere, Schneehasen und Schneehühner. Das Jungpaläolithikum war im Kt. N. bis zur Entdeckung einer magdalénienzeitl. Temporärsiedlung in Hauterive-Champréveyres 1983 nicht belegt. Deren Untersuchung ergab, dass dort, im steppenartigen Uferbereich mit Weiden und Zwergbirken, wie auch am 1 km weiter südwestlich gelegenen Fundort N.-Monruz Jägergruppen ihre saisonalen Lager aufschlugen. Bei den Grabungen im Zusammenhang mit dem Bau der Autobahn konnte die Anordnung der Feuerstellen, der Knochenhaufen, der von rotem Ocker verfärbten Flächen sowie der Werkplätze zur Bearbeitung des lokalen oder importierten Silex aufgezeichnet werden. Bei den Werkzeugen herrschten Stichel, Kratzer, Rückenmesser und Bohrer vor. Es liessen sich auch zahlreiche Kernsteine rekonstruieren. Unter den meist aus fossilen Muscheln oder aus Zähnen gefertigten Schmuckanhängern befanden sich drei Frauenfigürchen aus Lignit von weniger als 2 cm Höhe, die als erste Darstellung von Menschen in der Schweiz gelten.

Auf das Magdalénien folgte um 10'300 v.Chr. das Azilien (Spätpaläolithikum). Am Fundort Champréveyres wurden datierbare Kiefernstämme ausgegraben, die sich neben den bescheidenen Überresten eines Jägerlagers befanden. In Monruz kam ebenfalls ein Lagerplatz zum Vorschein, während in der Grotte du Bichon (Gemeinde La Chaux-de-Fonds) hoch über dem Doubs das Skelett eines Cro-Magnon-Mannes und Knochen eines durch eine Pfeilspitze aus Silex verletzten Höhlenbären gefunden wurden.

Auf dem Col-des-Roches (Gemeinde Le Locle) wurden 1926 zum ersten Mal in der Schweiz mesolith. Überreste nachgewiesen. Die geometr. Mikrolithen, Ahlen aus Knochen und durchbohrten Hirscheckzähne sind typisch für die Spätphase der mesolith. Kultur, die der produzierenden Wirtschaftsweise unmittelbar vorausging. Jäger, Fischer und Sammler der gleichen Kultur wie auf dem Col-des-Roches suchten die Ufer des Doubs in Les Brenets, aber auch in Villers-le-Lac (F) auf.

Autorin/Autor: Michel Egloff / AHB

1.1.3 - Neolithikum

Die ersten Bauern und Viehzüchter des Kt. N. stammen, im Unterschied zu jenen des Kt. Schaffhausen, die dem Lauf der Donau folgend in die Schweiz gelangten, aus dem Mittelmeerraum. Die neolith. Fundstätten Bevaix-Treytel-A Sugiez und Saint-Aubin-Derrière la Croix am Fuss des Schlosses Vaumarcus gaben Feuerstellen frei, die mit der Radiokarbonmethode auf das 5. Jt. v.Chr. datiert wurden. Sie waren begleitet von feiner bis halbfeiner rötl.-brauner Keramik mit Henkeln und Knubben, gleich jener, die im Abri des Col-des-Roches entdeckt wurde. Diese erste auf Neuenburger Boden nachgewiesene Ausprägung des Neolithikums wird als frühe Cortaillodkultur bezeichnet. Mühlsteine, Läufer und verkohlte Körner belegen das Verarbeiten von Getreide (hier von Nacktweizen). Beile aus grünem, geschliffenem Felsgestein dienten der Holzbearbeitung. Ein durchbohrtes und geschliffenes Beil wurde sicherlich importiert. Bei den Herdstellen standen ursprünglich Menhire wie an der europ. Atlantikküste. Das Alter der Fundstätten Bevaix und Saint-Aubin spricht dafür, dass die Megalitharchitektur der Westschweiz zuerst in der Region La Béroche aufgetreten ist. In Saint-Aubin, an der Grenze zwischen den Kt. Waadt und N., zwischen See und Jura gelegen, entstand ein Alignement von vier Menhiren, ab dem Ende des 3. Jt. v.Chr. ein zweites Ensemble von fünf Steinen. Die Anlage wurde wahrscheinlich als Kultstätte und Versammlungsort bäuerl. Gemeinschaften genutzt. Mit dem Dolmen von Colombier-Plant de Rives (auch Allée couverte d'Auvernier genannt) wurde 1876 ein megalith. Gemeinschaftsgrab entdeckt.

Zur klass. Cortaillodkultur (3900-3750 v.Chr.) gehört der geräumige Abri Baume du Four (Gemeinde Boudry), ein Jägerrastplatz in der Areuse-Schlucht. Die ersten nachweisbaren Dörfer gehen bis 3900 v.Chr. zurück. Auf die Cortaillodkultur folgte die Horgener Kultur, dann die Lüscherz- und schliesslich die Auvernierkultur (Auvernier cordé), bis um 2400 v.Chr. die Glockenbecherkultur auftauchte, die der Kupferzeit (auch Chalkolithikum) entspricht. Während der eineinhalb Jahrtausende dauernden neolith. Uferbesiedlung wurden die Häuser immer in der Nähe eines Sees, keinesfalls aber auf Plattformen über dem Wasser errichtet. Kennzeichen des Neolithikums sind die Beschaffung von Nahrung durch Jagd, Fischfang, Viehzucht, Land- und Sammelwirtschaft, der Bau rechteckiger Holzhäuser, der Einbaum als Fortbewegungsmittel sowie bestimmte Bearbeitungstechniken von Stein, Hirschgeweih, Knochen und Tonerde. Die Seeufer boten sich als ideales Terrain für das Studium dieser langen Epoche an, weil die Schätze aus verderbl., organ. Material wie Holzwerkzeuge, Wagenräder, Flechtwerk, Gewebe, Früchte und Körner dank der konstanten Feuchtigkeit konserviert blieben. Die Schwankungen des Seespiegels sind an den Kreideschichten ablesbar, die sich zwischen die Siedlungsphasen geschoben haben. Die Formen und Verzierungen der Gebrauchsgegenstände, die dank der Dendrochronologie manchmal bis auf das Jahr genau datierbar sind, dienen zur typolog. Bestimmung.

Die stratigraf. Beobachtungen und die wachsende Zahl der erforschten Zonen gewähren immer detailliertere Einblicke in die damaligen Lebensweisen und die Umwelt. So zeugt z.B. der qualitativ hochstehende braun-gelbe Silex aus Le Grand-Pressigny (Loiretal), aus dem Tausende hier gefundene Dolche, Klingen, Kratzer und Pfeilspitzen bestehen, von einem transjurass. Tauschhandel im 3. Jt. v.Chr. Allerdings weiss man nicht, gegen welche Güter er eingetauscht wurde. Während neolith. Ufersiedlungen in grosser Zahl (Vaumarcus, Saint-Aubin, Bevaix, Colombier, Auvernier, N., Hauterive, Saint-Blaise, Marin-Epagnier, Thielle-Wavre, Le Landeron) entdeckt wurden, sind Fundstellen der Glockenbecherkultur rar. Bis auf einige Wohnstätten in Cortaillod-Sur les Rochettes auf einer Anhöhe über der Areuse sowie zwei Gräber in Cortaillod-Courbes Rayes und Saint-Blaise-Chemin du Diable finden sich hierfür keine Belege. Die Pfahlbausiedlungen, die zwischen 2500 und 1900 v.Chr. aufgegeben wurden, liefern praktisch keine Zeugnisse der Glockenbecherkultur.

Autorin/Autor: Michel Egloff / AHB

1.1.4 - Bronzezeit

Im Jura kommt Kupfererz nicht vor. Die Region war deshalb auf die Einfuhr von Kupfer angewiesen, das mit dem ebenfalls importierten Zinn zu Bronze legiert und bearbeitet wurde. Die neue Technologie verbreitete sich - zuerst in den Alpen, dann im Mittelland - um den Übergang vom 3. zum 2. Jt. v.Chr. Die ersten dendrochronolog. Datierungen reichen jedoch nur bis 1700 v.Chr. zurück (Bevaix, Auvernier). Diese Besiedlungsphase ist durch Beile, kleine dreieckige Dolche mit Nieten, massive Halsringe, Krüge und Keramiktöpfe vom Typ Morges-Les Roseaux in der Seeregion nur schwach belegt.

Zeugnisse der mittleren Bronzezeit (1500-1200 v.Chr.) fehlen, abgesehen von einigen wenigen Einzelfunden, in den Ufersiedlungen ganz. Im Wald von Eter, bei La Baraque oberhalb von Cressier, enthielt ein Hügel von 12 m Durchmesser ein Grab mit besonders reichen Beigaben (Goldring, Beil, Dolch, lange Nadel). Ein anderes Tumulusgrab wurde in Les Favargettes (Coffrane) entdeckt. Das "Hinterland der Pfahlbauten" bot Weidegründe, deren Nutzung die in La Baume du Four entdeckte Keramikware der mittleren Bronzezeit sowie der Fund eines Beils im Creux du Van belegen. Die Wiedereroberung des Ufergeländes erreichte ihren Höhepunkt in der Zeit zwischen 1050 und 850 v.Chr., die von Edouard Desor als bel âge du Bronze bezeichnet wurde. Der Kt. N. trug viel dazu bei, das Wissen über diese schriftlose Kultur zu erweitern, namentlich durch die im Winter durchgeführten Luftaufnahmen ganzer, unter Wasser liegender Dörfer, die später in Tauchgängen erforscht wurden. Cortaillod-Ost und Bevaix-Süd sind Beispiele eines Proto-Urbanismus, der die vorgängige Planung des zu bebauenden Raums erforderte. Die Dendrochronologie legt eine planmässige Nutzung des Waldes, eine Waldwirtschaft als Ergänzung zur Landwirtschaft nahe. Geometr. Strenge der parallelen Häuserreihen, „standardisierte“ Ausdehnungen der Wohnstätten (Längen von 8-15,5 m, Breiten von 5,5-6,5 m), durchgehende Verwendung von Pfählen, die das Grundgerüst der Bauten mit erhöhtem Fussboden bilden, sind die typ. Merkmale der Siedlungskomplexe Cortaillod-Ost und Bevaix-Süd in den beiden Seebuchten. Aus Tausenden von Gegenständen lässt sich der bronzezeitl. Alltag rekonstruieren: Gussformen aus Molasse oder Ton zur Herstellung von Beilen, Nadeln, Sicheln, Messern, Rasiermessern, Ringen und Armreifen, nicht gedrehte, manchmal mit Zinn verzierte Keramikware, Beil- und Sichelgriffe aus Holz, Ohrringe aus Gold, Perlen aus Glas oder Ambra sowie Waren aus Flechtwerk. Das Verschwinden dieser Kultur bleibt hingegen ein Rätsel; eine Klimaverschlechterung, die zum Anstieg der Seespiegel führte, scheint daran beteiligt gewesen zu sein.

<b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Quelle: Angaben von Michel Egloff  © 2009 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.<BR/><BR/>
Ur- und frühgeschichtliche Fundorte im Kanton Neuenburg

Autorin/Autor: Michel Egloff / AHB

1.1.5 - Eisenzeit

200-400 m über dem Seespiegel finden sich im heutigen Wald die Spuren einer neuen, ein bis zwei Jahrhunderte später einsetzenden Siedlungsperiode: jene der älteren Eisenzeit oder Hallstattzeit. Aus ihr stammen Hügelgräber hauptsächlich in La Béroche, aber auch oberhalb von N., in der Zihlebene und im Val-de-Ruz. Die Körper- oder Brandgräber enthielten die für die Westschweiz typ. Beigaben wie Töpferware, ein Tonnenarmband aus Blech mit geometr. Verzierungen, Schmuckgehänge und Armreifen. Der Tumulus von Les Favargettes, der zu dieser Zeit wieder benützt wurde, gab u.a. einen Kessel und eine bronzene Tasse frei.

Die Latènezeit, wie die jüngere Eisenzeit genannt wird, beginnt in der Mitte des 5. Jh. v.Chr. Zur Frühlatènezeit gehören ein Grab in Le Landeron und einige Fibeln, wobei jene von Rochefort-Champ-du-Moulin aus Bronze und Koralle mit einander zugewandten Vogelköpfen und maskenartigen Menschengesichtern verziert ist. Mit diesen bescheidenen Überresten kontrastiert der Reichtum der Fundstätte von La Tène, deren Schätze grösstenteils der Mittellatènezeit zuzuordnen sind. Dank der zwischen 1857 und 2003 immer professioneller durchgeführten Ausgrabungen stiess man auf nahezu 3'000 oft sehr gut erhaltene Objekte: Gefässe aus Ton oder Holz, 166 Schwerter und Scheiden, 269 Spitzen von Lanzen und Speeren, 3 vollständige Schilde, 382 Fibeln, 193 Gürtelteile, 25 Rasiermesser, 50 Messer, mehr als 200 andere Geräte, Schmuckgegenstände aus Bronzeblech, 2 Joche, 4 Räder, 4 Goldmünzen, Eisenbarren und zahllose Knochen von Pferden und Menschen. La Tène, das an einem stillen Gewässer lag, galt als heiliger Ort, an dem vom Ufer aus oder von der Zihlbrücke, dem sog. Pont Vouga (Mitte 3. Jh. v.Chr.), Opfer und Weihgaben dargebracht wurden. Die andere Brücke von La Tène, der sog. Pont Desor, datiert von 660-655 v.Chr. In diese Zeit fällt auch die ausgegrabene Höhensiedlung bei den Steinbrüchen von Cornaux-Le Roc.

Mit jedem Fund in der Zihlebene gewann das Bild einer latènezeitl. Landschaft an Schärfe. Zu den bedeutenden Fundstellen zählen die beiden, nur 1 km von La Tène entfernten Viereckschanzen von Marin-Les Bourguignonnes und Marin-Chevalereux, das Oppidum auf dem Mont-Vully, das mit einer Ausdehnung von 70 ha das Drei-Seen-Gebiet überragte, sowie die eingestürzte kelt. Brücke von Cornaux-Les Sauges. Dazu kommen die reichen Funde (menschl. Skelette, Waffen, Werkzeuge) in etwa 3 km Entfernung unterhalb von La Tène.

Autorin/Autor: Michel Egloff / AHB

1.1.6 - Römische Zeit

Die galloröm. Überreste im Kt. N. erfuhren nicht die gleiche Aufmerksamkeit wie jene der Urgeschichte. Die frühen Ausgrabungen dokumentieren eine Besiedlung, die sich über den Zeitraum vom 1. bis zum 4. Jh. erstreckte. Mit Ausnahme von Münzfunden (Schatz von Dombresson) erwies sich das Fundmaterial jedoch als wenig ergiebig.

Aufgrund der Verteilung der Fundorte (Fresens, Montalchez, Gorgier, Bevaix, Colombier, N.-Serrières, N.-Crêt, Saint-Blaise, Wavre, Cornaux, Cressier, Le Landeron) und der Orts- und Flurnamen muss ein dichter Siedlungsgürtel entlang des Nordufers des Neuenburger- und des Bielersees bis auf eine Höhe von 550 m sowie in der sumpfigen Zihlebene bestanden haben. Die galloröm. Strasse Vy d'Etra führte nördlich des Sees auf einer Höhe von 500 m dem Balcon du Jura entlang. Sie bildete ein Teilstück der Verbindung von Eburodunum (Yverdon-les-Bains) nach Vindonissa (Windisch). Der Hauptast zweigte in Saint-Blaise Richtung Norden ab und erreichte vermutlich den Tessenberg auf der Höhe der villa von Lignières. Die Dichte der Funde in der Zihlebene und die Brücken über die Zihl weisen auf eine Abzweigung Richtung Avenches und Mittelland hin. Die von einer Schifferkorporation kontrollierten Transporte auf dem See wurden mit flachbödigen Lastkähnen durchgeführt. Ein Exemplar aus Eiche (182 n.Chr.) wurde vor Bevaix auf dem Seegrund gefunden. Es diente vermutlich der Beförderung von Kalkstein aus den Steinbrüchen von Concise, Bevaix und Hauterive. Die villa von Colombier (1.-4. Jh.), eine der grössten der Schweiz, war über einen Weg mit dem Ufer des Neuenburgersees verbunden und gehörte vielleicht zu einer Reihe von Gebäuden, die speziell für die Fluss- und Seeschifffahrt erstellt wurden.

Während die Hochtäler des Neuenburger Juras offensichtlich nicht besiedelt waren, lassen sich für die mittleren Täler Val-de-Ruz und Val-de-Travers aufgrund der Orts- und Flurnamen und der ausgegrabenen Überreste (u.a. Engollon, Boudevilliers, Chézard-Saint-Martin, Villiers) röm. Siedlungen belegen. Spuren röm. Landvermessung (Bevaix), ein Graben (Noiraigue), Überreste von Wegen (Bevaix, Saint-Blaise), ein Aquäduktabschnitt (Bevaix), Gräber, das Mausoleum von Wavre (Gemeinde La Tène) und ein den Gottheiten Mars und Naria Nousantia geweihtes Heiligtum (Cressier) sind weitere Zeugnisse der Antike.

Autorin/Autor: Michel Egloff / AHB

1.2 - Frühmittelalter

Nach dem Ende des weström. Reichs gelangte die Region N. zum Frankenreich (534) der Merowinger bzw. später der Karolinger. 888 kam es zum zweiten Königreich Burgund. Unsere Kenntisse über die Zeit vor dem 10.-11. Jh. beruhen ausschliesslich auf archäolog. Quellen und den Ergebnissen der Ortsnamenforschung. Einige karoling. Gebietseinteilungen lassen sich rekonstruieren, einzelne bestehen noch heute (Val-de-Travers, Val-de-Ruz), andere sind verschwunden, wie das Tal von Nugerol. Die Region N. bildete keine territoriale Einheit, sondern gehörte zu den karoling. Grafschaften Waadt und Bargen, zwischen denen die Areuse die Grenze bildete.

Trotz der frühen, dürftig dokumentierten Ausgrabungen und des geringen Fundmaterials verweisen die archäolog. Untersuchungen darauf, dass die galloröm. Siedlungsgebiete während des ganzen 1. Jt. n.Chr. bewohnt waren. Die Ortsnamenkunde bestätigt die ununterbrochene Besiedlung des nördl. Seeufers von der Römerzeit an: Die Ortschaften, deren Namen auf -y oder -ier enden - Ableitungen vom lat. Suffix -acum -, liegen hier dicht beieinander. Dem See und dem Jurasüdfuss entlang sind ferner Ortschaften belegt, deren Namen aus einem germ. Namen und der von -ingos abgeleiteten Endsilbe -ens zusammengesetzt sind. In den Juratälern kommt die Endung -acum nur im Val-de-Travers, mit Fleurier und Suvagnier (Buttes), sowie im Val-de-Ruz vor, wo Savagnier und Cernier die gleichen Wurzeln aufweisen und zudem mehrere Ortschaften ihren Namen in einer etwas späteren Ausdehnungsphase aus den Wörtern villa oder curtis entwickelt haben. Im Val-de-Ruz trugen ausserdem zwei Dörfer im FrühMA einen vom Patrozinium ihrer Kirche abgeleiteten Namen: Dombresson und Dommartin (heute Chézard-Saint-Martin). Die Verwendung von domnus statt des üblichen sanctus weist auf ihren besonders alten Ursprung hin, der durch die in Dombresson entdeckten 24 Gräber bestätigt wird. Diese enthielten Schmuckgegenstände aus dem Ende des 7. Jh. Sie wurden 1996-97 unter dem Schiff der ma. Kirche gefunden, die einen älteren Bau umschliesst. Mit Ausnahme der Fundstellen in Bevaix und in Le Landeron-Les Carougets weiss man über die frühma. Siedlungsweise fast nichts, doch die archäolog. Untersuchungen am Schloss Colombier, das teilweise auf den Mauern der galloröm. villa errichtet ist, bestätigen erneut eine gewisse Siedlungskontinuität.

Von den rund zwanzig Kirchen auf neuenburg. Gebiet, die das Pfarreiverzeichnis der Diözese Lausanne aufführt (Chartular von 1228), gehen nur fünf mit Sicherheit auf die vorrom. Zeit zurück: Die Kirche Saint-Jean de Serrières, in der 1945 und 1997 Grabungen durchgeführt wurden, löste einen Bau aus dem 7. Jh. ab, der sich an galloröm. Mauern anlehnte und die gleichen Steinkistengräber enthielt wie das nahe gelegene Gräberfeld von N.-Serrières-Les Battieux. Die Kirche von Chézard-Saint-Martin wird ab 998 erwähnt, in Engollon kamen 2004-05 während der Kirchenrenovation die Mauerreste eines Vorgängerbaus aus dem 8. Jh. und in Môtiers im Val-de-Travers jene eines Sakralbaus aus dem 6.-7. Jh. zum Vorschein. Die Kirchen von Saint-Blaise und Cressier - letztere scheint einen galloröm. Tempel abgelöst zu haben - gehören vermutlich ebenfalls zu den vorrom. Bauten. Diese Stätten weisen darauf hin, dass der Uferstreifen samt Bergfuss, das Val-de-Ruz und das Val-de-Travers spätestens ab dem 7. Jh. christianisiert wurden. Zur Gruppe der schon im 7. Jh. bestehenden oder gegründeten jurass. Klöster zählt auch jenes von Môtiers, obwohl die Ersterwähnung in den Quellen vermutlich erst 1093 erfolgt. Môtiers besitzt heute noch zwei Kirchen: Die seit der Reformation säkularisierte Klosterkirche Saint-Pierre, die am Ende des 6. oder im 7. Jh. erbaut und im 8.-9. Jh. beträchtlich vergrössert wurde, sowie die Pfarrkirche Notre-Dame, die in karoling. Zeit errichtet und im Verlaufe des 11. Jh. aus- und umgebaut wurde. Die beiden Gotteshäuser waren durch eine Kapelle baulich miteinander verbunden.

Über die Ausdehnung der rund zwanzig Gräberfelder, die in der Seeregion und in der Zihlebene entdeckt wurden, ist fast nichts bekannt. Das geringe Fundmaterial gibt eine vage Vorstellung von der Kleidertracht der mehrheitlich galloröm. Bevölkerung. Es stammt fast ausschliesslich aus dem 7. Jh., während Funde aus dem 6. Jh., abgesehen von einigen Objekten in Cortaillod, Gorgier oder Saint-Aubin, fehlen. Im Vergleich zu den angrenzenden Gebieten im Osten, wo den Toten - wie zahlreiche Funde belegen - schon im 6. Jh. Gegenstände mit ins Grab gegeben wurden, kam dieser Brauch im neuenburg. Gebiet trotz eines gewissen Wohlstands, der sich in der Qualität des Schmucks und im guten Gesundheitszustand der Bestatteten in Dombresson zeigt, erst später auf.

Zwei typ. Exemplare der eisernen, tauschierten oder silber- und messingplattierten Gürtelschnallenbeschläge, die im 7. Jh. in Burgund üblich waren, stammen aus Gräbern in Corcelles-Cormondrèche, während in der Nekropole von Bel-Air bei Areuse (Gemeinde Boudry) 1903 neun Körpergräber mit reichen Beigaben (bronzene Ohrringe, eine Spange mit Doppelhaken und Kette, eine Scheibenfibel und eine Gürtelgarnitur mit symmetr. Beschlägen) freigelegt wurden. Zwei weitere Gräberfelder lieferten Fundmaterial von aussergewöhnl. Qualität: La Rondenire bei Cortaillod einen aus einem Stück geschmiedeten Schnallenbeschlag und ein Fragment aus Bronzeblech, verziert mit zwei sitzenden Greifen, Le Landeron eine goldene Scheibenfibel, geschmückt mit in Filigrandekor eingelassenen Steinen, Ohrringe und einen Gürtelbeschlag. Die Objekte aus Le Landeron kamen allerdings abhanden.

Bei Les Battieux in N.-Serrières wurden im 19. Jh. etwa 150 Gräber zerstört, aber 38 konnten 1982 freigelegt werden. Die darin enthaltenen trapezförmigen, mit Silber überzogenen Beschläge, die breite, tauschierte Gürtelgarnitur, Sax und Messer entsprechen den regionalen Sitten an Grabbeigaben des 7. Jh. Um 1840 wurde bei Le Châtelard in Bevaix, auf dem Gut des 998 gegr. Priorats Saint-Pierre, ein in Reihen angelegtes Gräberfeld aus dem 7. Jh. zerstört. 200 m davon entfernt kamen 1996 bei einer Rettungsgrabung zu einer Siedlung gehörende Pfostenlöcher, Gruben und Gräben neben einer galloröm. Nekropole zum Vorschein. Das zu Tage geförderte Material und dessen Datierung nach der C-14-Methode belegen eine ununterbrochene Besiedlung der Fundstätte zwischen dem 5. und 7. Jh.

Im 10. Jh. besassen die Burgunderkönige zahlreiche Güter rund um den See, darunter Auvernier und Saint-Blaise, und herrschten wahrscheinlich über Colombier und das castrum von N. Letzteres wurde offensichtlich kurz vor 1011, dem Jahr seiner Ersterwähnung, gebaut. Die Burgunderkönige befestigten das castrum und errichteten darin eine Pfalz. Dieser Bau bildete den Ursprung des Schlosses, das Colombier als Machtzentrum ablösen sollte. Die Verlegung des Herrschaftssitzes entsprach den Bedürfnissen der Zeit: Von Colombier in der Ebene wechselte er auf einen leicht zu befestigenden Hügel. Erst später entwickelte sich die Stadt N., nach der ab dem 13. Jh. der See benannt wurde.

Autorin/Autor: Jacques Bujard, Jean-Daniel Morerod / AHB

2 - Macht, Politik und Institutionen vom Mittelalter bis 1848

2.1 - Bildung und Organisation des Territoriums

Um 1000, der Zeit, aus der die ersten schriftl. Quellen stammen, hatten sich in der Region wohl schon zwei grosse Grundbesitze herausgebildet: Die königl. Güter, mit denen 1011 Irmingard, die Verlobte des Burgunderkönigs Rudolf III. ausgestattet wurde, umfassten N. (novum castellum), Saint-Blaise und Auvernier, jene der Sigiboldides, wichtiger Dienstleute der Kg. von Burgund, lagen hauptsächlich in Bevaix, Brot, Corcelles, Chézard und Coffrane. Das Gut von Colombier, das sich 937 noch in den Händen des Kg. von Burgund befand, gelangte später möglicherweise auch an die Sigiboldides, jedenfalls waren die Herren von Colombier deren Erben. Ab 1033 gelangte das neuenburg. Gebiet nach und nach mit dem Königreich Burgund ans Reich. Die von N., über deren Herkunft und anfängl. Besitz Unklarheit herrscht, bauten ihre Herrschaft wohl eher auf den königl. Gütern als auf jenen der Sigiboldides auf. Dafür spricht, dass sich der Machtbereich der von N. v.a. zwischen N. und dem Bielersee erstreckte, während ihnen das Ufer westlich von N. lange vorenthalten blieb. Laut einer familiären, von 1200 an fassbaren Überlieferung stammten die von N. von den Gf. von Fenis ab, einem um 1100 bezeugten Geschlecht. Es ist allerdings fraglich, ob dessen Grafschaft je existiert hat. Zu den von Fenis gehörten Burkhard (gestorben 1107), Bf. von Basel, und sein Bruder Kuno, Bf. von Lausanne (gestorben um 1103). Möglicherweise gingen einige Rechte ihrer Bistümer auf die Fam. über. Die von Fenis sollen auch kaiserl. Schenkungen bekommen haben, insbesondere von Heinrich IV. im Val-de-Travers. Die ersten gesicherten Angaben stammen aus den 1140er Jahren, in denen zwei Brüder, Mangold und Rudolf I. (gestorben um 1149), N. gemeinsam regierten. Die Gemeinderschaft deutet darauf hin, dass zumindest die Eltern der Brüder schon im Besitz von N. waren. Rudolf I. herrschte durch seine Heirat mit einer Tochter aus der Fam. de Glâne auch über Arconciel. Sein Sohn Ulrich II. (gestorben 1191/92) erhielt das gesamte Familienerbe. Während seiner Herrschaft mehrte er seinen Einfluss in der Drei-Seen-Region, v.a. in Erlach, und als Kastvogt des Priorats von Môtiers in den Juratälern. Er behielt Arconciel und andere Güter der de Glâne, z.B. in der Nähe von Yverdon.

<b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Quelle: W. Kreisel, Siedlungsgeographische Untersuchungen zur Genese der Waldhufensiedlungen im Schweizer und französischen Jura, 1972  © 2009 HLS und Kohli Kartografie, Bern.<BR/><BR/>
Verbreitung und räumliche Ordnung von Waldhufensiedlungen im Jura, 12.-17. Jahrhundert

Die Erben Ulrichs II., Rudolf II. und Ulrich III., bewahrten die Einheit der Herrschaft und stärkten die Rolle N.s als Hauptsitz. Die weitere Entwicklung der Grafschaft N. brachte dann die Auflösung der alten regionalen Strukturen mit sich. Als die gemeinsame Herrschaft um 1218 zu Ende ging, teilten Ulrich III. und sein Neffe Berchtold das Territorium unter sich auf; eine Chronik des 13. Jh. besagt, dass die Güter nach sprachl. Kriterien getrennt wurden. Nach der Teilung zogen die von Aarberg, ein Zweig der N.-Nidau, die 1242 erstmals erw. Herrschaft Valangin an sich. Im 12. Jh. hatte sich diese anscheinend noch im Besitz einer freien Fam. befunden.

Durch die Aufteilung des Familienguts kam Berchtold in den Besitz der französischsprachigen Gebiete, die sich hauptsächlich in N. und in der Zihlebene befanden. Als die Gf. von N., die bis 1288 unmittelbar dem Reich unterstellt waren, zu Vasallen der von Chalon wurden, ging dieser Herrschaftswechsel mit einer Erweiterung ihres Territoriums nach Westen einher. Sie erhielten das Val-de-Travers und das von der Herrschaft Valangin umschlossene Dorf Boudevilliers als Lehen. Wie aus einem Treueeid hervorgeht, den Rudolf IV. (Rollin) von N. 1311 Johann von Chalon leistete, umfasste das Herrschaftsgebiet damals auch die Güter der Schlösser Rochefort und Boudry. Diesem homogenen Besitz, in dem sie alle grund- und gerichtsherrl. Rechte ausübten, fügten die Gf. von N. im 14. Jh. vorübergehend die Schlösser Gorgier und Vaumarcus sowie als Folge ehel. Verbindungen für mehrere Jahre Rechte und Herrschaften im Waadtland und v.a. in der Freigrafschaft Burgund hinzu. Am Ende des MA hatten sie jedoch ihre Besitzungen im Vully, in der Waadt und in der Freigrafschaft Burgund wieder aufgegeben oder verloren.

Der Kern der Grafschaft N., an welche die Herrschaftsrechte der rätselhaften, in der Huldigung von 1311 beschriebenen baronnie übergingen, wurde erst im 16. Jh. territorial und administrativ erweitert, hauptsächlich mit dem Erwerb der Lehensherrschaft Colombier 1564. Nach einem langen Prozess vereinigte sich 1592 die Herrschaft Valangin mit der Grafschaft. Die d'Orléans-Longueville standen nun an der Spitze eines Staats, dessen Grenzen fast mit jenen des heutigen Kantons übereinstimmten. In La Béroche, das dem Gewohnheitsrecht von Estavayer unterstand, setzte sich die fürstl. Verwaltung erst spät durch, weil dort die Herren von Gorgier und Vaumarcus bis 1831 Feudalrechte behielten.

Autorin/Autor: Jean-Daniel Morerod, Rémy Scheurer / AHB

2.2 - Regierung und Institutionen im Mittelalter

Um die Mitte des 12. Jh. liessen sich die Herren von N. definitiv im Schloss nieder. Die ehem. Residenz der Kg. von Burgund wurde erweitert und mit Befestigungsbauten sowie einer Stiftskirche ergänzt. Ausgehend von diesem Kern entwickelte sich eine kleine Stadt. Sie bildete das Zentrum einer von Rudolf I. und seinem Sohn Ulrich II., den ersten in den Quellen fassbaren Dynasten, gegr. Herrschaft.

Die Fam. von N. identifizierte sich so stark mit Schloss und Kirche, dass sie diese neben dem Familienwappen in ihren Siegeln führte. In den letzten Jahren des 12. Jh. nahmen die Herren von N. den Grafentitel an, der unter Ulrich II. von Papst und Kaiser anerkannt wurde und den Aufstieg der Fam. krönte. Als 1218 die Herrschaft der Zähringer mit dem Aussterben des Geschlechts zu Ende ging, regelten die von N. ihre Beziehungen zum Reich neu. Eine Klärung des Verhältnisses drängte sich auf, weil Güter und Rechte der von N. scheinbar auf kaiserl. Schenkungen sowie auf alte Rechte zur Nutzung der joux (Wälder) und zur Einsetzung bewaffneter Pächter zurückgingen. Auf letzterem Recht gründet wahrscheinlich die Ansiedlung der homines regales ("königl. Männer") im Val-de-Ruz und im Val-de-Travers, die direkt dem Grafen unterstanden.

Vom Ende des 12. Jh. an wurde die Region zunehmend von N. aus regiert. An der Herrschaftsausübung beteiligten sich neben dem Grafen die Prämonstratenser von Fontaine-André und die Chorherren der Stiftskirche, unter denen sich auch Guillaume, der spätere Schutzheilige von N., befand. Der Gf. oder Herr von N. machte seine Rechte als Richter in seinem Territorium und als Kastvogt von Klöstern wie jenem von Môtiers geltend. Die schon 1185 erw. Bürger von N. erhielten 1214 einen dem Gewohnheitsrecht von Besançon folgenden Freiheitsbrief. Sie spielten eine wachsende Rolle in der Rechtspflege, hauptsächlich auf dem Gerichtstag (plaid), und später, ab etwa 1400, auf der Ständeversammlung (audiences), an die Urteile aus der ganzen Grafschaft weitergezogen wurden. Während N. im 12. und zu Beginn des 13. Jh. das Zentrum einer aufstrebenden dynast. Macht war, litten die Stadt und ihr Umland danach bis Ende des 13. Jh. unter den Folgen der Gebietsteilung von 1218 sowie unter den Rivalitäten zwischen Cousins oder mit den Bf. von Basel. 1249 nahm der Bischof die Stadt sogar ein und zerstörte sie. Berchtold verlor den Grafentitel an Ulrich III. und damit an den Zweig von Nidau. 1288 wurde die Reichsunmittelbarkeit der geschwächten und zu einfachen Herren herabgesunkenen von N. aufgehoben, und Rudolf I. von Habsburg unterstellte sie der Oberlehensherrschaft der von Chalon. Diese Oberlehensherrschaft, die bis 1458 bestand und erst aufgelöst wurde, als Ludwig von Chalon die von Hochberg nicht als Erben der von Freiburg anerkannte, beeinflusste noch den Prozess um die Erbfolge 1707. Bei den Verhandlungen von 1288 bildeten N. und alle seinem Besitzer zustehenden Rechte ein einziges Reichslehen.

<b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Der Graf von Neuenburg und sein Sohn leisten vor dem Schultheiss und dem Rat von Bern den Eid anlässlich des Burgrechtsvertrags von 1406. Beschrieben und illustriert in der "Spiezer Chronik" von  Diebold Schilling,   1485 (Burgerbibliothek Bern, Mss.h.h.I.16, S. 550).<BR/>Nach dem Tod der Gräfin Isabella von Neuenburg trat ihr Neffe Konrad von Freiburg die Erbfolge an. Er geriet mit der Bürgerschaft der Stadt Neuenburg in Streit, worauf er mit Bern einen Burgrechtsvertrag eingehen musste. Gleichentags nahm Bern die Neuenburger in sein Burgrecht auf. Ungeachtet der Chronologie stellte der Zeichner auf dem Wappenschild des jungen Johann von Freiburg die Farben der Hochberg dar, die die Grafschaft 80 Jahre später regierten, als Schilling die Chronik verfasste.<BR/><BR/>
Der Graf von Neuenburg und sein Sohn leisten vor dem Schultheiss und dem Rat von Bern den Eid anlässlich des Burgrechtsvertrags von 1406. Beschrieben und illustriert in der "Spiezer Chronik" von Diebold Schilling, 1485 (Burgerbibliothek Bern, Mss.h.h.I.16, S. 550).
(...)

Ab Ende des 13. Jh. erholte sich N. unter Rudolf IV. (Rollin) und Ludwig. Die Familienstreitigkeiten waren nach dem schicksalhaften Sieg über die Aarberg-Valangin 1296 in Coffrane, auf den fünf Jahre später die Zerstörung von La Bonneville folgte, zu ihren Gunsten beendet worden. Für Rudolf IV. bot dies die Gelegenheit, fortan den Grafentitel wieder zu führen. Das neue Ansehen der von N. dokumentierten weiter ein vom Kaiser verliehenes, aber selten ausgeübtes Privileg der Münzprägung, ein Netz von Burgrechtsverträgen zwischen den Grafen und den regionalen Mächten Freiburg (1290), Bern (1308) und Solothurn (1369) sowie ihre militär. Abenteuer in Flandern, der Lombardei und Frankreich zur Zeit des Hundertjährigen Kriegs. Auf Rudolf IV. geht auch die Gründung von Le Landeron (1328/29) an der Grenze zwischen der Grafschaft und dem Bistum Basel zurück. Ludwig errichtete ein eindrückl., die Dynastie verewigendes Grabmonument in der Stiftskirche, das von seinen Nachfolgern ausgebaut wurde.

Rudolf IV. und Ludwig richteten eine dauerhafte Verwaltung ein, die einheitl. Akten anfertigte, insbesondere Urbare und Rechnungen nach savoy. Vorbild. Von N. aus kontrollierte der Graf ein Netz von Kastlaneien und Mairies. Ihm standen der Steuereinnehmer, der Vogt und der Hofmeister zur Seite. Sie wurden von gräfl. Notaren unterstützt, die Urkunden in Französisch ausfertigten. Diese Organisation bestand in N. bis 1848. Die Herren von Valangin, die sich mit ihrer Lehensabhängigkeit schwertaten, behielten allerdings bis zum Ende des 16. Jh. eine eigenständige Verwaltung.

<b>Neuenburg (Kanton)</b><br>"Carte de la Souveraineté de Neufchatel et Valangin", aufgenommen Ende des 17. Jahrhunderts von  David-François de Merveilleux und Guillaume de l'Isle,  verbessert, erweitert und koloriert von einem Nürnberger Drucker, 1778 (Universitätsbibliothek Bern, Sammlung Ryhiner).<BR/>Die Karte zeigt die Grenzen der Grafschaft Neuenburg und der Herrschaft Valangin (rot), die vom Ende des 16. Jahrhunderts an das Fürstentum Neuenburg bildeten.<BR/>
"Carte de la Souveraineté de Neufchatel et Valangin", aufgenommen Ende des 17. Jahrhunderts von David-François de Merveilleux und Guillaume de l'Isle, verbessert, erweitert und koloriert von einem Nürnberger Drucker, 1778 (Universitätsbibliothek Bern, Sammlung Ryhiner).
(...)

Weil die Grafen, später die Fürsten oft abwesend waren, nahm der Einfluss des in der Regel weltl. Verwaltungspersonals vor Ort zu. Während die von N. gelegentlich fernblieben, waren die von Freiburg (Ende 1395-1458) und die von Hochberg (1458-1503) häufig weg, Letztere wegen wichtiger Ämter, die sie in Burgund und später in Frankreich ausübten. Die d'Orléans-Longueville (1504-1707) hielten sich praktisch nie in N. auf. Im 14. und 15. Jh. kam die Grafschaft daher einem grossen Gut gleich, das seinen Besitzern v.a. Einnahmen aus grundherrl. Rechten brachte. Weder die Bürgerschaften - jene von N. stellte eine kleine Ausnahme dar - noch die wenigen Adelsfamilien, noch die Klöster vermochten der Macht der Grafen etwas entgegenzusetzen. Das Schloss diente den Grafen trotz ihrer häufigen Abwesenheiten nicht nur als Verwaltungssitz, sondern war zuweilen auch Schauplatz eines Hoflebens voller Pracht und Eleganz.

Autorin/Autor: Jean-Daniel Morerod, Rémy Scheurer / AHB

2.3 - Staatsbildung und Regierung unter den d'Orléans-Longueville

Nach dem Tod Philipps von Hochberg 1503 erbte seine Tochter Johanna die Grafschaft N. Im Jahr darauf heiratete sie Louis d'Orléans (gestorben 1516), einen Prinzen von Geblüt und Nachkommen von Jean d'Orléans, dem berühmten Kampfgefährten der Jeanne d'Arc. Die unübersehbare franz. Präsenz in unmittelbarer Nachbarschaft bewog die eidg. Orte dazu, die Grafschaft während der Mailänderkriege vorsorglich zu besetzen und sie 1512-29 durch Vögte verwalten zu lassen. Die Gräfin gewann mit der Unterstützung von Kg. Franz I. die Herrschaft über ihr Territorium zurück, konnte aber nicht verhindern, dass ihre Untertanen zur Reformation übertraten. Ihre schlechte Finanzverwaltung zwang sie, den Bürgern von N. den grössten Teil der Einkünfte aus der Grafschaft zu verpachten. Sie zog sogar den Verkauf der Grafschaft an Freiburg in Betracht. Erst am Ende des 16. Jh. schwand dank der guten Staatsführung der Regentin Marie de Bourbon für die d'Orléans-Longueville die Gefahr, dass N. zu einem Stadtstaat nach dem Vorbild anderer eidg. Städte würde. Aber in Stadt und Grafschaft hatte sich eine Opposition gegenüber der Obrigkeit formiert, die in den folgenden Jahrhunderten bestehen blieb. Die d'Orléans-Longueville, die sich nie in der Grafschaft aufhielten, liessen sich ab 1529 durch einen Gouverneur in N. vertreten. Um diesen Gouverneur bildete sich ein Rat, der 1580 die Bezeichnung Conseil d'Etat (Staatsrat) annahm. Er hatte beratende, aber auch administrative und richterl. Funktionen, die besonders bei der Konfliktprävention und -schlichtung, v.a. zwischen den Bürgerschaften, zum Tragen kamen. Obwohl der Rat eine Institution des Ancien Régime war, sollte er die Revolution von 1848 überleben.

Léonor d'Orléans nahm 1571 den Grafen- (comte souverain de Neuchâtel en Suisse), Henri II. 1618 den Fürstentitel an (par la grâce de Dieu prince et seigneur souverain des comtez de Neufchastel et Vallangin). Der Graf bzw. Fürst wählte den Gouverneur in der Regel aus kath. Patrizierfamilien Freiburgs und Solothurns. Manchmal liess er sich vorübergehend durch einen franz. Seigneur vertreten, der mit dem Titel eines Botschafters ausgestattet wurde und die Befehlsgewalt über den lokalen Gouverneur besass. Der Staatsrat setzte sich aus zwei bis vierzehn meist weltl. Magistraten zusammen, v.a. aus Amtleuten mit Aufgaben in gerichtl. und finanziellen Belangen, die auf Lebenszeit ernannt und aus den Bürgerfamilien N.s, seltener aus Boudry und Le Landeron stammten. Vom 16. Jh. an wurde ihnen vom Fürsten der Adelstitel zuerkannt. Viele Staatsräte sowie zivile und militär. Beamte begaben sich nach Frankreich an den Hof des Fürsten. Dort kümmerte sich ein eigens dafür geschaffener Rat um die Angelegenheiten des Fürstentums, so dass die Geschicke N.s einem franz. Einfluss unterlagen. Der Staatsrat setzte sich an die Spitze der bisherigen Verwaltung und baute eine Zentralverwaltung auf, die ab Mitte des 17. Jh. durch einen Kanzler repräsentiert wurde. Der Staatsrat schlug dem Fürsten die Finanz- und Gerichtsbeamten für die Verwaltungs- und Gerichtskreise des Fürstentums (Kastlaneien und Mairies) vor, die vom Fürsten ernannt und vom Staatsrat kontrolliert wurden. Oft amtierten die Staatsräte, auch wenn sie manchmal Ministerverpflichtungen hatten wie der Generalsteuereinnehmer, selbst als Kastlane, Maires oder regionale Steuereinnehmer.

<b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Quellen: H.J. Leu, Allgemeines helvetisches, eydgenössisches oder Schweitzerisches Lexicon 14, 1758, 72–83; G.-A. Matile, Histoire des institutions judiciaires et législatives de la principauté de Neuchâtel et Valangin, 1838, 152 f.; P. Henry, Crime, justice et société dans la Principauté de Neuchâtel au XVIII<SUP>e</SUP> siècle (1707-1806), 1984, 78 f.; R. Scheurer et al., Histoire du Conseil d'Etat neuchâtelois, 1987  © 2009 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.<BR/><BR/>
Politisches System des Fürstentums Neuenburg im 18.Jahrhundert
<b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Quelle: Archives de l'Etat de Neuchâtel  © 2009 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.<BR/>In den Jahren 1707–1848 erfolgten 123 Ernennungen in den Neuenburger Staatsrat. Die Grafik listet jene Familien auf, die mehr als zwei Staatsräte stellten. Zwar berücksichtigte der Landesherr über 40 Familien, doch entfiel allein auf die vier Familien Chambrier, de Montmollin, Sandoz und Pury knapp ein Drittel aller Ernennungen.<BR/>
Neuenburger Staatsratsfamilien

Die Carolina beeinflusste ab 1532 das Strafrecht des Fürstentums, wurde aber nie offiziell eingeführt. Im 16. und 17. Jh. wurden N.s Verwaltungssprache und -gepflogenheiten von jenen des franz. Königreichs geprägt. Die d'Orléans-Longueville verteidigten ihre Souveränität gegenüber Kg. Ludwig XIV. und verhinderten erfolgreich, dass sich der Pariser Gerichtshof (parlement de Paris) zum Appellationsgericht für die in N. abgeurteilten Fälle entwickelte. 1648 versuchte Henri II. sogar, N. als Stand in die Eidgenossenschaft einzubinden. Um die Einnahmen aus der Grafschaft leichter nutzbar zu machen, legten die d'Orléans-Longueville die abgabepflichtigen Gebiete zu einem einzigen Einnahmekreis zusammen und schufen das ständige Amt eines Generalsteuereinnehmers. Die Einkünfte, die nach wie vor jenen einer grossen Gutsdomäne entsprachen, bestanden weiterhin aus Naturalien. Aus dem Rebgebiet wurde Wein auf dem Wasserweg v.a. an Solothurner Händler verkauft, die in Sonnenkronen bezahlten, so dass ein Teil des vom franz. König an die Schweizer ausbezahlten Golds nach Frankreich, in die Kasse der d'Orléans-Longueville, zurückkehrte. Die von Marie de Bourbon 1589 wieder eingeführte und von den d'Orléans-Longueville fortgeführte Münzprägung spiegelte mehr den Souveränitätsanspruch des Fürstentums als seine wirtschaftl. Bedeutung. Diese blieb bescheiden, auch wenn Henri II. den Plan der neuen Stadt Henripolis entwarf, die dank der Anlage einer schiffbaren Route von Rotterdam bis Marseille florieren sollte (Projekt des Entreroches-Kanal).

Die Herrschaft der d'Orléans-Longueville ging wegen der späteren Zugehörigkeit N.s zum Königreich Preussen fast vergessen. Sie ist aber von einiger Bedeutung, wurde doch in dieser Zeit das Territorium geeint. Ausserdem bildete sich eine starke Obrigkeit heraus, und es wurden Verwaltungsreformen durchgeführt. Zu diesen zählt die Schaffung der Mairie La-Chaux-de-Fonds 1656, die in den Montagnes zu einer parallel und nicht mehr senkrecht zu den Jurahöhen verlaufenden Aufteilung der Verwaltungsbezirke führte. Weiter schafften die d'Orléans-Longueville 1634 die Tellpflicht ab, die an wenigen Orten, v.a. im Val-de-Travers, noch bestand. Sie erhoben zivile und militär. Amtleute bürgerl. Herkunft sowie deren Nachkommen in den Adelsstand und schieden die Einflussbereiche der weltl. und der geistl. Obrigkeit deutlich voneinander, so dass im Fürstentum die in weiten Teilen Europas angewandte Herrschaftsmaxime cuius regio, eius religio keine Geltung erlangte.

<b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Vorder- und Rückseite eines Dickens mit dem Kopf von Henri II. d'Orléans-Longueville (Musée d'art et d'histoire Neuchâtel, Cabinet de numismatique).<BR/>Dieser Dicken mit dem Bildnis des Grafen von Neuenburg wurde 1631 auf einer Walzpresse hergestellt. Auf der Rückseite findet sich das Wappen des Grafen mit den Lilien von Frankreich und den Sparren von Neuenburg.<BR/>
Vorder- und Rückseite eines Dickens mit dem Kopf von Henri II. d'Orléans-Longueville (Musée d'art et d'histoire Neuchâtel, Cabinet de numismatique).
(...)

Zur Eidgenossenschaft unterhielt das Fürstentum N. enge Beziehungen durch die vom Fürsten, aber auch von der Stadt N., von Le Landeron und Valangin abgeschlossenen Burgrechtsverträge. N.s Obrigkeit beanspruchte diese Verbindungen besonders in religiösen und wirtschaftl. Angelegenheiten. Obgleich N. ein zugewandter Ort der Eidgenossenschaft war, besass es keinen Sitz in der Tagsatzung. Nach der Besetzung von 1512-29 betrachteten die eidg. Orte N. als ihre Einflusssphäre. Zwar gelang es Henri II. nicht, sein Fürstentum als eidg. Ort anerkennen zu lassen, doch er erhielt 1657 von Kg. Ludwig XIV. einen Allianzvertrag, der N. in die künftigen Erneuerungen des franz.-schweiz. Bündnisses einschloss und ihn als prince souverain de Neufchastel et Valengin en Suisse bezeichnete.

Im 16. und frühen 17. Jh. stand die Grafschaft meist unter der Führung von Frauen - von Marie de Bourbon in erster Linie -, welche die Regentschaft während der Minderjährigkeit des legitimen Erben ausübten. Henri II., der bedeutendste Fürst der Dynastie, hinterliess 1663 zwei männl. Erben. Der ältere, Jean-Louis-Charles, dankte 1668 zu Gunsten des jüngeren, Charles-Paris, ab, doch dieser starb 1672. Damit setzte eine längere Zeit der Rivalität zwischen den Anwärtern auf das Erbe ein, zuerst zwischen Marie de Nemours, Tochter aus Henris II. erster Ehe, und Anne-Geneviève de Bourbon, Mutter und Vormund des geistesschwachen Jean-Louis-Charles, dann, nach dessen Tod 1694, zwischen Marie de Nemours und François-Louis de Bourbon, Prince de Conti. Der Kampf um die Erbfolge hatte also lange vor dem Tod von Marie de Nemours, der letzten Vertreterin der Dynastie an der Spitze des Fürstentums, eingesetzt.

Autorin/Autor: Jean-Daniel Morerod, Rémy Scheurer / AHB

2.4 - Die zwei preussischen Regimes und Berthiers Zwischenspiel (1707-1848)

2.4.1 - Der Prozess von 1707

Der Tod von Marie de Nemours am 15.6.1707 führte im Fürstentum zu einer tief greifenden Umwälzung, und die Nachfolgeregelung weitete sich zu einer europ. Angelegenheit aus. Das souveräne Gericht der Drei Stände, das Marie de Nemours 1694 zur Herrscherin gewählt hatte, sollte im Sommer 1707 deren Nachfolger bestimmen. Vor den zwölf Neuenburger Richtern des Tribunals erschienen 19 angebl. Erben, um ihre Sache zu verteidigen. Neun Bewerber wurden schliesslich zum Prozess zugelassen, die ihre Ansprüche auf die Nachfolge der d'Orléans-Longueville oder die Erbschaft des Hauses von Chalon alle testamentarisch oder erbrechtlich begründeten. Die Neuenburger Richter, in deren Bewusstsein sich die Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 tief eingeprägt hatte, verschafften ihrer Abneigung gegen jeglichen franz. Einfluss Ausdruck und bestimmten am 3.11.1707 Friedrich I., Kg. von Preussen, zum Nachfolger mit dem Titel eines Fürsten von N. Dieser Entscheid löste in Frankreich heftige Reaktionen aus. Anfang 1708 beabsichtigte Kg. Ludwig XIV. sogar, seine in der Freigrafschaft stationierten Garnisonen ins Fürstentum einmarschieren zu lassen. Die eidg. Verbündeten N.s boten Truppen auf, doch vereitelten die Wechselfälle der europ. Geschichte den Besetzungsplan. 1713 anerkannten die Grossmächte im Vertrag von Utrecht die Abtretung N.s. an die von Hohenzollern. Darauf willigte von den drei verbündeten kath. Orten nur Solothurn 1756 in eine Erneuerung des Burgrechtsvertrags ein. In der Folge kam keine weitere Allianz oder Bündniserneuerung zwischen N. und einem eidg. Ort mehr zustande.

Autorin/Autor: Jean-Pierre Jelmini / AHB

2.4.2 - Das erste preussische Regime (1707-1806)

Um seine Herrschaft abzustützen, gestand der Kg. von Preussen verschiedenen staatl. Körperschaften eine gewisse Anzahl ihrer erworbenen Rechte zu, die er in den "Articles généraux" zuhanden der Quatre-Bourgeoisies N., Boudry, Le Landeron und Valangin und in den "Articles particuliers" für die Bürgerschaften von N. und Valangin festhielt. Unter einem prot. Herrscher sahen sich die Neuenburger in ihrer Religionsausübung nicht gefährdet, zudem ihnen dieser versicherte, in der Verwaltung ausschliesslich Einheimische zu beschäftigen. Nur der Gouverneur war ein Fremder, gehörte aber der ref. Konfession an. Auf den Machtwechsel folgte eine lange Zeit des Friedens, in der sich Handel und lokale Industrie günstig entwickelten. Bis 1848 herrschten, abgesehen von einem kurzen Interregnum Napoleons I. 1806-14, sechs preuss. Könige in Personalunion über das Fürstentum: 1707-13 Friedrich I., 1713-40 Friedrich Wilhelm I., 1740-86 Friedrich II., 1786-97 Friedrich Wilhelm II., 1797-1806 und 1814-40 Friedrich Wilhelm III. sowie 1840-48 Friedrich Wilhelm IV. Insgesamt zeigten die neuen Landesherren, die stark mit der Konsolidierung des 1701 gegr. Königreichs Preussen beschäftigt waren, nur geringes polit. Interesse an ihrem entlegenen Fürstentum. N. war für sie hauptsächlich von materiellem Nutzen. Die Führung der Staatsgeschäfte überliessen sie der lokalen Aristokratie, die ihren Einfluss auf Land und Leute vergrösserte. Das fehlende Interesse der Fürsten und die Anwesenheit fremder, mit dem Land wenig vertrauter Gouverneure wie George Keith begünstigten die Hinwendung von Teilen der Neuenburger Eliten zur Eidgenossenschaft.

<b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Huldigungseid von Gouverneur Louis Théophile de Béville und den Untertanen im Val-de-Travers. Kolorierte Radierung von  Alexandre Girardet,   1786 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).<BR/>Der Landesherr, zu jener Zeit der Preussenkönig Friedrich Wilhelm II., wurde durch den Gouverneur repräsentiert. Dieser leistete bei seinem Amtsantritt im Fürstentum mit der Bürgerschaft und den Untertanen den Huldigungseid. Das Bild zeigt die Eidesleistung vor dem Rathaus in Môtiers mit den Vertretern der Herrschaft des Val-de-Travers und der Mairies von La Côte-aux-Fées und Les Verrières.<BR/>
Huldigungseid von Gouverneur Louis Théophile de Béville und den Untertanen im Val-de-Travers. Kolorierte Radierung von Alexandre Girardet, 1786 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).
(...)

Trotz seiner kurzen Herrschaftszeit kümmerte sich Friedrich I. um das Wohl seiner Untertanen. Sein Nachfolger war v.a. bestrebt, durch eine ausgleichende Politik zu vermeiden, dass die internen Probleme des Fürstentums den Aufstieg Preussens zur Grossmacht störten. Friedrich II. zeigte sich dem Fürstentum gegenüber kleinlich, streitsüchtig und eigennützig. Seine aufgeklärte Herrschaft schien sich nicht auf N. zu erstrecken. Indem er 1748 zur Steigerung seiner Einnahmen die Verpachtung der Steuereinkünfte durchsetzte, provozierte er einen Volksaufstand, der weiterschwelte und 1768 in der brutalen Ermordung des Generalstaatsanwalts Claude Gaudot gipfelte (Gaudot-Affäre). Dagegen gewährte er den Industriellen die in den "Articles généraux" niedergelegten Privilegien.

Die Regierungszeit Friedrich Wilhelms II. war geprägt von den Koalitionen und Kriegen gegen das revolutionäre Frankreich. N. beteiligte sich kaum daran. Im Unterschied zum benachbarten Fürstbistum Basel wurde N. von den franz. Truppen nicht besetzt, da die Revolutionsbehörden den Kg. von Preussen schonend behandelten. Die Franz. Revolution stiess im Fürstentum auf ein gewisses Echo, hauptsächlich in den Montagnes: Ab 1791 kam es zu Sympathiekundgebungen, 1792 und 1793 wurden Freiheitsbäume aufgestellt und Unruhen brachen aus. Der standhaften Regierung gelang es, die Bewegung zu spalten, und es kehrte wieder Ruhe ein. Doch wurde das Ancien Régime in seinen Grundfesten erschüttert. 1798 dagegen stellte in der Geschichte N.s keine Zäsur dar. Das Fürstentum blieb weiterhin ein schweiz. Ausnahmefall, es gehörte weder zur Helvet. Republik noch zu einem franz. Departement.

Autorin/Autor: Jean-Pierre Jelmini / AHB

2.4.3 - Die Regierungszeit von Louis-Alexandre Berthier (1806-1814)

Unmittelbar nach dem Sieg von Austerlitz 1805 trat Napoleon I. das besetzte Hannover im Tausch gegen verstreute Besitzungen der von Hohenzollern, darunter auch das Fürstentum N., an Preussen ab. Die Landesherrschaft überliess er einem seiner tüchtigsten Offiziere, dem Kriegsminister und Generalstabschef Marschall Berthier. Im März 1806 besetzte Marschall Nicolas-Charles Oudinot das Fürstentum, und Berthier nahm den Titel eines Fürsten und Hzg. von N. und Valangin an.

Wie die vorangegangenen Monarchen liess Berthier, der nie nach N. kam, seinen Besitz durch den Staatsrat und einen Gouverneur, den geschätzten François Victor Jean de Lesperut, verwalten. Von ferne diktierte er jedoch die Hauptlinien der "napoleon." Reformen: Verbesserung der Verkehrswege, Justizreform sowie Modernisierung der Landwirtschaft durch die Abschaffung alter Rechte und Abgaben. Er organisierte den Postdienst und das Polizeiwesen neu, konnte aber seinen Traum von der Vereinheitlichung des Rechts nicht verwirklichen. Ferner erlaubte er die öffentl. Feier der Messe in der Stiftskirche von N.

Wer von Berthier eine grundlegende Modernisierung des Staats erwartet hatte, wurde enttäuscht, die Machthaber, die sich seiner Autorität unterstellen mussten, schätzten den Wechsel nicht. Als Übergangsregime zwischen zwei Epochen dauerte die Regierungszeit dieses Empirefürsten zu wenig lang, um die Geschichte N.s. zu prägen. Dennoch zeichnete es Wege hin zu einem dynamischeren und mehr auf das Wohl seiner Bevölkerung bedachten Staat vor.

Autorin/Autor: Jean-Pierre Jelmini / AHB

2.4.4 - Das zweite preussische Regime (1815-1848)

Durch die Abtretung des Fürstentums an Napoleon I. 1806 hatte sich Friedrich Wilhelm III. einem Teil seiner ehem. Untertanen entfremdet. Als er N. 1815 zurückerlangte, hatte sich dieses verändert. Die Anhänger einer Annäherung an die Schweiz, darunter Generalprokurator Georges de Rougemont, waren immer aktiver geworden und hatten am 12.9.1814 von der Tagsatzung die Aufnahme N.s als 21. Kanton erreicht.

Die Neuenburger Obrigkeit erwartete vom Wiener Kongress, dass er das Territorium durch Angliederung der Herrschaft Erguël, der ehem. Vogtei Grandson und des Landstrichs südlich des Doubs zwischen dem Schloss Joux und Les Brenets vergrössere. Diese Forderungen wurden abgelehnt, stattdessen erhielt N. Le Cerneux-Péquignot und das gesamte Allod Lignières. Wider Erwarten ratifizierte der Wiener Kongress den Beitritt des Fürstentums zur Eidgenossenschaft als Kanton nicht. N. musste sich mit einem faulen Kompromiss zufriedengeben: Die Grossmächte setzten die von Hohenzollern wieder an die Spitze des Fürstentums und sanktionierten gleichzeitig dessen Status als souveräner Kanton, wodurch N. einen in der Schweiz einmaligen Doppelstatus erhielt. Sie schufen damit eine unklare Situation, die das weitere Schicksal N.s bestimmen sollte.

<b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Royalistische Karikatur, die den republikanischen Aufstand vom 17. und 18. Dezember 1831 aufs Korn nimmt. Kolorierte Lithografie (Schweizerisches)  Nationalmuseum.  <BR/>Um die Schweizer Fahne, das Symbol der Républicains, sind die bunt zusammengewürfelten Truppen mit ihrem Anführer Alphonse Bourquin versammelt. Der Text macht sich über die scharfen Kritiker des Ancien Régime lustig, welche die Neuenburger vom Fürst befreien wollen. <BR/>
Royalistische Karikatur, die den republikanischen Aufstand vom 17. und 18. Dezember 1831 aufs Korn nimmt. Kolorierte Lithografie (Schweizerisches) Nationalmuseum.
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<b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Royalistische Karikatur, die den republikanischen Aufstand vom 17. und 18. Dezember 1831 aufs Korn nimmt. Kolorierte Lithografie (Schweizerisches Nationalmuseum).<BR/> Die besser organisierten preussischen Soldaten haben die aufständischen Truppen bereits niedergeschlagen. Der Verfasser der Bildunterschrift mokiert sich über die "Helden", die lieber die Flucht ergreifen als ihr Blut für die Freiheit zu vergiessen.<BR/>
Royalistische Karikatur, die den republikanischen Aufstand vom 17. und 18. Dezember 1831 aufs Korn nimmt. Kolorierte Lithografie (Schweizerisches Nationalmuseum).
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Ohne Überzeugung richtete der König mit den Audiences générales eine Vorform eines Parlaments ein, dessen Mitglieder er mehrheitlich selbst ernannte. Die franz. Julirevolution von 1830 rief im Fürstentum Unruhen hervor. 1831 ersetzte Friedrich Wilhelm III. die Audiences générales durch den Corps législatif, der in einem Zensusverfahren gewählt wurde und den Beginn der Gewaltentrennung darstellte. Doch die Unzufriedenheit der Demokraten hielt an und führte 1831 zu einer von Alphonse Bourquin angeführten Rebellion. Der Aufstand zwang die Obrigkeit dazu, um eidg. Vermittlung zu bitten. Er wurde schliesslich niedergeschlagen. Die als "Märtyrer der Freiheit" bezeichneten Unruhestifter wurden hart bestraft, doch bereiteten sie den Weg zur erfolgreichen Revolution. Die Abschaffung von Privilegien und der Besuch Friedrich Wilhelms IV. 1842 täuschten über die grosse Unbeliebtheit des Regimes hinweg. Tatsächlich wurden die Verbindungen zwischen einem Teil der lokalen Elite und der polit. Führungsschicht der eidg. Orte immer enger. Die Neuenburger Milizen wurden den eidg. Militärreglementen unterstellt, und N. hielt ein Auszugs- und ein Landwehrkontingent für die Eidgenossenschaft bereit, nahezu 2'000 Mann. Die eidg. Übungen und Inspektionen, die Offiziersschulen, aber auch die eidg. Vereinsfeste mit ihrem patriot. Charakter trieben die Entwicklung zu einer Republik voran. Die Obrigkeit des Fürstentums hingegen wurde von 1832 an immer misstrauischer gegenüber der Schweiz, weil die Radikalen in mehreren Kantonen die Macht übernommen hatten. 1832 trat N. dem Sarnerbund der konservativen Kantone bei und ersuchte den König erfolglos, die Verbindung zur Eidgenossenschaft zu lösen. Die Missstimmung erreichte ihren Höhepunkt zur Zeit des Sonderbunds: Indem sich N. neben Basel-Stadt als einziger ref. Kanton für neutral erklärte, diskreditierte es sich in den Augen der künftigen Sieger vollends. Nach und nach bekam das alternde Gebäude des Fürstentums Risse. Mit Ausnahme jener Familien, deren polit. oder materielle Interessen mit dem aus der Feudalzeit stammenden System verknüpft waren, erstrebten immer mehr Neuenburger - besonders in den Montagnes und im Val-de-Travers - die Umwandlung ihres Staats in einen echten Schweizer Kanton.

Autorin/Autor: Jean-Pierre Jelmini / AHB

3 - Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur vom Mittelalter bis 1848

3.1 - Bevölkerung und Siedlungsentwicklung

Zur Bevölkerungsentwicklung in N. bis Mitte des 18. Jh. lassen sich aufgrund der Quellenlage keine verlässl. Aussagen machen. Die preuss. Verwaltung führte erst 1750, dann wieder ab 1752 jährl. Bevölkerungszählungen durch, die noch keine genauen Zahlen, aber immerhin ungefähre Grössenordnungen liefern. Angaben aus den erst im 16. Jh. - also relativ spät - eingeführten Tauf-, Ehe- und Sterberödeln ergänzen diese Daten.

3.1.1 - Erste Siedler und Kolonisation der Berggebiete

Die frühma. Siedler am Seeufer waren galloröm. oder burgund. Ursprungs. Die Rodungstätigkeit lässt auf eine Bevölkerungszunahme im 12., 13. und zu Beginn des 14. Jh. schliessen. Später wurde das Hochland, das lange nahezu unbewohnt blieb, nach und nach besiedelt und bebaut: Vom Val-de-Ruz und Val-de-Travers ausgehend, liessen sich die Menschen dauerhaft in der Region La Chaux-de-Fonds, Le Locle, Les Verrières und im Tal von La Brévine nieder. Die höher gelegenen Gebiete wurden auch vom Morteau-Tal und der Freigrafschaft aus aufgesucht. Mitte des 14. Jh. brach eine Pestepidemie von katastrophalem Ausmass diese Entwicklung abrupt ab: Etwa ein Drittel der Bevölkerung fiel der Seuche zum Opfer.

Die spärlichen, lückenhaften und ungenauen ma. Belege stammen erst aus dem 15. Jh. (1416-17 und 1453 Pfarrvisitationen). Eine Hochrechnung der Zahlen von 1416-17 ergibt ca. 6'500 Einwohner. Offenbar fand im 15. Jh. zumindest in den Montagnes ein wirtschaftl. und demograf. Aufschwung statt. Die Besiedlung verlieh der Herrschaft Valangin eine gewisse Bedeutung, wie das im folgenden Jahrhundert geweckte Interesse der Gf. von N. an diesem Gebiet verrät.

Autorin/Autor: Philippe Henry / MD

3.1.2 - Wachstum im 16. und Stagnation im 17. Jahrhundert

Die dynam. Bevölkerungsentwicklung setzte sich im 16. und Anfang des 17. Jh. fort, wobei über deren Umfang und zeitl. Verlauf wenig bekannt ist. Der Ausbau von Infrastrukturen in Verwaltung (Gerichtskreise, Pfarreien, Schulen) und Wirtschaft (Messen und Märkte) bietet sichere Anzeichen hierfür. Während dieser letzten Besiedlungswelle verdreifachte sich die Bevölkerung von Le Locle, La Chaux-de-Fonds und Les Verrières innert eines Jahrhunderts. Für die Mitte des 17. Jh. darf man von 25'000 bis 27'000 Einwohnern ausgehen: 14'000 bis 15'000 für die Grafschaft N., davon 2'000 bis 3'000 im Hauptort sowie 11'000 bis 12'000 in der Herrschaft Valangin, die 1531 erst 3'600 Einwohner gezählt hatte. Die Besiedlung der Berggebiete führte demnach zu einer Verschiebung der demograf. Gewichte vom unteren in den oberen Teil N.s.

Das 17. Jh. bildete insgesamt eine Phase der Stagnation. Die Bevölkerung litt unter den Auswirkungen des Dreissigjährigen Kriegs, der an der Grenze zum Fürstbistum Basel wütete. Ernteausfälle und Epidemien trieben die Mortalität in die Höhe. Die im 16. Jh., v.a. für die 1550er und 80er Jahre gut belegten Pestzüge häuften sich in den 1620er und 30er Jahren. Ausgehend von der Zählung von 1712 ergab eine erste Hochrechnung für das 18. Jh. die ungefähre Zahl von 28'000 bis 29'000 Einwohnern. Laut anderen Schätzungen lebten Anfang des 18. Jh. 25'000 bis 28'000 Menschen im neuenburg. Gebiet. Die Zahlen entsprechen somit dem geschätzten Bevölkerungsstand Mitte des 17. Jh.

Die Stagnation dauerte bis um 1750. Vor der Protoindustrialisierung war die Region N. weitgehend von Acker- und Weinbau sowie Viehzucht abhängig. Es herrschte Überbevölkerung und vermutlich mehr Ab- als Zuwanderung. Nach dem Widerruf des Edikts von Nantes 1685 reisten zahlreiche Hugenotten in der zweiten Flüchtlingswelle durch N. Richtung Deutschland, allerdings liessen sich nur wenige auf Neuenburger Boden nieder.

Autorin/Autor: Philippe Henry / MD

3.1.3 - Die Expansion Ende des 18. Jahrhunderts und die demografische Erneuerung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Klimaänderungen, bessere Ernährung und Fortschritte in Hygiene und Medizin, v.a. aber der wirtschaftl. Aufschwung führten ab den 1750er Jahren zu einem demograf. Wandel in N. 1752-1806 stieg die Zahl der Einwohner von 32'300 auf 48'700, 1815 erreichte sie 51'300. Damit verzeichnete N. eine der höchsten Zuwachsraten unter den industrialisierten Schweizer Kantonen. Die Zunahme ging hauptsächlich auf die zahlreichen zugewanderten Arbeitskräfte in den wirtschaftlich starken Gebieten zurück. Der Anteil Ortsfremder (Schweizer oder Ausländer im heutigen Sinn) stieg von 10% 1750 auf 27% 1806. Von der guten Konjunktur profitierten v.a. die Uhrmacherei und der Zeugdruck (Indiennedruckerei). 1806 lebten im Zivilgerichtskreis von La Chaux-de-Fonds, einem Zentrum der Uhrmacherei, 34% Fremde, in Boudry und Cortaillod, beides Zentren der Zeugdruckerei, fast 47% bzw. 37%. In der Stadt N. wohnten sogar 51% Nicht-Neuenburger.

Über die natürl. Bevölkerungsentwicklung in diesem Wandlungsprozess ist wenig bekannt. Örtlich begrenzte Analysen, z.B. für Cortaillod, zeigen eine erhöhte Natalität mit mehr vorehel. Schwangerschaften, was auf eine freiere Auffassung der Ehe hindeutet. Wichtiger als die gesteigerte Natalität dürfte für den natürl. Zuwachs die gesunkene Mortalität gewesen sein. In Fleurier z.B. sank die Sterblichkeit von ca. 30‰ in den 1750er und 60er Jahren auf 18‰ Anfang des 19. Jh. Tödliche Infektionskrankheiten wie die Pocken gefährdeten die Menschen, insbesondere Kinder, weiterhin. Krankheiten und Missernten führten aber zu keinem grossen Sterben mehr wie noch Ende des 17. Jh.

Die Bevölkerungszunahme, die in den 1750er Jahren begonnen hatte, setzte sich bis zum Beginn des 19. Jh. fort. 1846 zählte N. 68'250 Einwohner, 1850, laut der ersten eidg. Volkszählung, 70'753. Die Entwicklung verlief aber nicht linear: Stark verlangsamt während der napoleon. Kriege (1815 51'300 Einwohner, 1827 nur 53'600), beschleunigte sie sich v.a. in den 1830er und 40er Jahren (1832 54'800 Einwohner, 1837 59'500). Neben allg. Faktoren, die ab der Mitte des 18. Jh. auch für das demograf. Wachstum im übrigen Europa verantwortlich waren, spielten in N. wirtschaftl. Strukturen und die Konjunktur eine entscheidende Rolle. Zwischen 1825 und 1848 nahm die Einwanderung zu, während die aufkommende Auswanderung in andere Kantone und ins Ausland, besonders nach Nordamerika, kaum ins Gewicht fiel. 1846 betrug der Anteil der Nicht-Neuenburger, darunter v.a. Schweizer, 36%. Dieser hohe Prozentsatz gründete in der boomenden Uhrmacherei, die sich nach dem Niedergang der Textilindustrie von der Restaurationszeit an zum Schlüsselsektor der wirtschaftl. Modernisierung entwickelte. 1846 beschäftigte dieser Sektor in N. 10'000 Personen, über zwei Mal mehr als 1827. Wo die Modernisierung die Städte oder deren Umland erfasste, stiegen die Bevölkerungszahlen an: N. zählte 1850 nur 7'700 Einwohner, La Chaux-de-Fonds jedoch 12'600 und Le Locle 7'500. Schweizweit hatten damals nur acht Städte über 10'000 Einwohner. Anfang des 19. Jh. beschleunigte sich demnach die demograf. Erneuerung (Zuwachs, Öffnung). Sie führte zu einer Urbanisierung, die den demograf. und wirtschaftl. Schwerpunkt in die Montagnes verlegte. Dieser Prozess leitete einen sozialen Wandel mit schwerwiegenden polit. Konsequenzen ein.

Autorin/Autor: Philippe Henry / MD

3.2 - Wirtschaft und Gesellschaft

3.2.1 - Mittelalter

Da die wichtigsten Verkehrswege der Schweiz das neuenburg. Gebiet nicht durchquerten, blieb dieses von den Wirtschaftszentren abgeschnitten. Einzig auf dem Seeweg liessen sich Güter wie Steine aus Hauterive in die Städte des Mittellands transportieren, während sich der regionale Handel mit der Freigrafschaft, besonders die Einfuhr von Salz aus Salins, über das Val-de-Travers, die sog. Route de France, abwickelte.

Die Pest von 1349 beendete wohl vorerst den Ausbau der selbstversorgenden Landwirtschaft. Magerer Boden und klimat. Schwankungen schmälerten die Erträge, so dass oft Getreidemangel herrschte. In den Viehzuchtgebieten bedurfte es für den Unterhalt kleinerer Herden grosser Weideflächen. Der Zehnt und die Grundzinsen, die je nach Region und Status der abgabepflichtigen Personen unterschiedlich ausfielen, belasteten die kleinen Landbesitzer. Die Feudalherren, deren Einkünfte mehrheitlich aus der Landwirtschaft stammten, liessen auch Reben anbauen und gaben den Bauern ein Drittel der Traubenernte ab. Während des gesamten MA nahm der Weinbau stetig zu und stellte am Seeufer eine bedeutende Einnahmequelle dar. In den höher gelegenen Gebieten wurde durch Rodungen zusätzl. Boden für die Viehwirtschaft und den Haferanbau gewonnen.

Die handwerkl. Tätigkeiten blieben marginal. Einzig die Eisenverhüttung ab 1396, v.a. in Saint-Sulpice, aber auch im übrigen Val-de-Travers, war rentabel. Sie lieferte den Rohstoff zur Herstellung von Landwirtschaftsgeräten. Im 16. Jh. ging sie aber zurück und im 18. Jh. verschwand sie ganz. Dagegen entstanden an den Wasserläufen ab dem 15. Jh. Mühlen, die von einem überregional bedeutenden Handwerk zeugen, so v.a. in Serrières, wo auch eine Papiermühle betrieben wurde.

Autorin/Autor: Jean-Marc Barrelet / MD

3.2.2 - Ungenügende Agrarproduktivität bis 1848

Die Landwirtschaft war bis Mitte des 18. Jh. der dominierende Wirtschaftssektor. Gegen 1848 beschäftigte sie noch ein Drittel der Erwerbstätigen, aber ihre Produktion konnte die Nachfrage einer stetig wachsenden Bevölkerung nicht mehr befriedigen. Zudem unterlagen die Agrarpreise grossen Schwankungen als Folge schwieriger klimat. Bedingungen und polit. Krisen. Dank den neuen, von den Physiokraten verbreiteten Bewirtschaftungsmethoden (Aufhebung der Brache, Abschaffung des Trattrechts), die allerdings nur langsam Fuss fassten, verbesserten sich die Erträge im Laufe des 18. Jh. Die 1791 gegr. gemeinnützige Gesellschaft Société d'émulation patriotique veröffentlichte Schriften über landwirtschaftl. Reformen und förderte die Versuche von Pionieren der Agrarmodernisierung wie Jean-Charles-Albert de Büren, Frédéric-Auguste de Montmollin und David-Guillaume Huguenin. Trotz deutl. Fortschritte in der Landwirtschaft musste N. Nahrungsmittel v.a. aus Frankreich und Süddeutschland importieren. Auch der Wald vermochte die regionalen Bedürfnisse nicht zu decken und litt unter Übernutzung, da der Betrieb von Kalköfen und Köhlereien, die Zeugdruck-Manufakturen, das Baugewerbe und die Uhrmacherwerkstätten grosse Mengen Holz verschlangen. Die Bauernhäuser wurden im 18. Jh. um Räume erweitert, die der Uhrmacherei oder Spitzenklöppelei dienten.

In der Seeregion blieb der Weinbau der wichtigste Erwerbszweig. Anfang des 19. Jh. erstreckten sich die Reben auf über 1'200 ha, was der doppelten Anbaufläche von 2006 entsprach. Vom MA an verdrängte der Weinbau den Ackerbau, obwohl dies die Obrigkeit wegen des Getreidemangels nicht gerne sah. Die meisten Rebberge gehörten kleineren Winzern, doch besassen einige Bürger von N. umfangreiche Domänen. Gekeltert wurde fast ausschliesslich Weisswein (Chasselas) von meist geringer Qualität. Der Weinpreis gab wiederholt Anlass zu Streitereien zwischen den Winzern und den Bewohnern der Montagnes, die den Wein lieber aus Frankreich importierten. Erst in der 1. Hälfte des 19. Jh. wurde ein Teil der Trauben zu Sekt verarbeitet, der sich leichter nach Preussen verkaufen liess. 1811 entstand mit der Firma Bouvier Frères (heute Caves Chatenay-Bouvier) der erste Sektproduzent, die Firma Mauler in Môtiers wurde 1829 gegründet.

Autorin/Autor: Jean-Marc Barrelet / MD

3.2.3 - Der Aufstieg der Protoindustrie ab 1750

Trotz schwerer Krisen erlebten die exportorientierten Manufakturen der Spitzenklöppelei, Indiennedruckerei und Uhrenindustrie 1750-1848 einen Aufschwung. Die Uhrmacherei verdrängte die Textilindustrie schrittweise und setzte sich als bestimmender Industriezweig im Fürstentum durch. Die Protoindustrialisierung beruhte auf einer vorwiegend handwerkl. Arbeitsorganisation. Die ersten Uhrenfabriken kamen z.B. erst in der 2. Hälfte des 19. Jh. auf. Mit Ausnahme der Uhrenrohwerk-Herstellung und einigen Zeugdruckereien wurde in Heimarbeit produziert, die nach dem Verlagssystem organisiert war. Einzig die Fabrique-Neuve de Cortaillod (1752-1854) und die Uhrenrohwerk-Fabrik von Fontainemelon (gegr. 1793, heute Eta SA) beschäftigten eine nennenswerte Zahl an Arbeitern. Vor der Eröffnung dieser Fabriken förderte N. geringe Rohstoffmengen, nämlich Eisen und Asphalt in den Minen des Val-de-Travers, und nutzte mit Mühlen intensiv die Wasserkraft. Der Übergang zur protoindustriellen Produktion wurde dank dem Know-how der Eisenhüttenarbeiter und der Schmiede möglich. Die prot. Ethik und die zweite Flüchtlingswelle der Hugenotten, die neue Kenntnisse nach N. brachten, trugen zur weiteren industriellen Entwicklung bei. Zudem war das Fürstentum dem Wirtschaftsliberalismus verpflichtet und förderte die Ansiedlung von Gewerben, die sich andernorts wegen des Konkurrenzschutzes nicht niederlassen durften. Jurist. Personen wurden kaum besteuert.

<b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Die Indiennemanufaktur Les Iles in Boudry. Lavierte Zeichnung von  Jean-Pierre Preud'homme,  um 1785 (Musée d'art et d'histoire Neuchâtel).<BR/>In Boudry gab es neben Les Iles noch die Stoffdruckereien Grandchamp und Vauvilliers. Das 1727 von Henri Sandoz an der Areuse – hier konnte die Wasserkraft genutzt werden – gegründete Unternehmen war bis 1844 in Betrieb.<BR/>
Die Indiennemanufaktur Les Iles in Boudry. Lavierte Zeichnung von Jean-Pierre Preud'homme, um 1785 (Musée d'art et d'histoire Neuchâtel).
(...)

So gewann der Handelsplatz N. an Attraktivität für ausländ. Investoren, zumal er der preuss. Krone unterstand. Ohne eine Interventionspolitik zu betreiben, gelang es dem Staatsrat, Handel und Industrie anzukurbeln und damit den Lebensstandard der Bevölkerung zu erhöhen. Händler und Bankiers wie die Pourtalès, v.a. Jacques-Louis, David de Pury in Lissabon sowie Jean-Frédéric Perregaux und Denis de Rougemont in Paris machten sich international einen Namen.

Die im 17. Jh. aufkommende Spitzenherstellung beschäftigte zahlreiche Frauen auf den Bauernhöfen in den Montagnes. Sie arbeiteten für Verleger, die ihnen den Rohstoff beschafften und das Endprodukt auf den europ. Märkten vertrieben. Mangels Mechanisierung und unter dem Konkurrenzdruck der Uhrmacherei verschwand die Spitzenklöppelei ab den 1820er Jahren allmählich.

Hugenott. Unternehmer wie Jean-Jacques Deluze brachten die Zeugdruckerei in der 1. Hälfte des 18. Jh. von Genf, einem Zentrum der Indienneherstellung, in die Seeregion N.s. Mehrere Manufakturen im Gebiet der Areuse produzierten für international tätige, in N. ansässige Handelshäuser, deren Reichtum auch der Stadt zugute kam. Doch ereilte die Zeugdruckerei, die N. zu weltweiter Bekanntheit verholfen hatte, dasselbe Schicksal wie die Spitzenklöppelei.

Nur die Uhrmacherei, die in den Montagnes ab dem 17. Jh. praktiziert wurde und wie die Spitzenklöppelei im Verlagssystem organisiert war, überlebte die diversen Industriekrisen. Die extreme Arbeitsteilung erlaubte es den Verlegern, Einzelteile für die Herstellung von Pendulen und anderen Uhren günstig zu kaufen. Obschon zahlreiche Bauern von dieser Beschäftigungsmöglichkeit profitierten, wurde ihre Rolle oft überschätzt. Sehr rasch wandelte sich die Uhrenherstellung zu einer technisch ausserordentlich anspruchsvollen Arbeit. Erste städt. Ateliers entstanden in Le Locle und La Chaux-de-Fonds. Um berühmte Uhrmacher wie Pierre und Henri-Louis Jaquet-Droz, Ferdinand Berthoud, Jacques-Frédéric Houriet sowie Abraham-Louis Breguet entwickelte sich eine Industrie, die das wirtschaftl. Leben des Kantons nachhaltig prägen sollte. Vom 18. Jh. an waren Neuenburger Uhren in allen Erdteilen zu finden. Die Uhrenindustrie verhalf den Städten in den Montagnes zu Wohlstand und machte die Bevölkerung für neues Gedankengut empfänglich.

Autorin/Autor: Jean-Marc Barrelet / MD

3.3 - Religion und Kultur

3.3.1 - Kirchliches und religiöses Leben

Im MA war das neuenburg. Gebiet Teil der Diözese Lausanne (Dekanate N. und Solothurn), ausser Les Verrières und die letzte vor der Reformation geschaffene Pfarrei, Les Brenets, die zur Diözese Besançon gehörten. Von den 19 vorreformator. Pfarreien des Landes sind 15 vor dem 13. Jh. bezeugt. Zum Priorat Bevaix, dessen Gründungsurkunde 998 als erstes Dokument der lokalen Kirchengeschichte gilt, gesellten sich die zwei Benediktinerpriorate Môtiers (gegr. 6.-7. Jh., belegt 1107) und Corcelles (gegr. 1092, Cluny angegliedert) sowie die 1143 erstmals erw. Prämonstratenserabtei Fontaine-André. 1185 ist ein Chorherrenstift in N. belegt; der Bau der Stiftskirche war kurz zuvor in Angriff genommen worden. Ab 1505 bestand eine Stiftskirche und ein Kapitel in Valangin.

Die schwache Stellung der Grafen nach der Besetzung N.s durch die eidg. Orte 1512-29, die Abwesenheit und Nachlässigkeit von Johanna von Hochberg sowie die Emanzipation der Bürger von N. und ihr Burgrechtsvertrag mit Bern bereiteten den Boden für die Reformation. Der von Bern gesandte Reformator Guillaume Farel hielt sich ab 1529 zeitweise in der Stadt N. und in der Herrschaft Valangin auf. Seine Predigertätigkeit und die Verwüstung der Stiftskirche während eines Volksaufstands am 23.10.1530 lösten eine Bewegung aus, die am 4. Nov. zum Entscheid (dem sog. Plus) einer knappen Mehrheit der Neuenburger Bürger führte, die Messe abzuschaffen.

<b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Porträt von Guillaume Farel vor einer Ansicht der Stadt Neuenburg mit dem Neuenburgersee. Öl auf Leinwand, 1590 (Bibliothèque publique et universitaire de Neuchâtel).<BR/>Der mit einem lateinischen Schriftzug versehene Lichtstrahl, der auf die Stadt Neuenburg fällt, symbolisiert in der christlichen Kunst das Göttliche. Die Inschrift verweist auf den 23. Oktober 1530, als der Reformator Farel in der Stiftskirche predigte und deren Ausstattung anprangerte, während Bilderstürmer Kruzifixe und Statuen zerstörten.<BR/>
Porträt von Guillaume Farel vor einer Ansicht der Stadt Neuenburg mit dem Neuenburgersee. Öl auf Leinwand, 1590 (Bibliothèque publique et universitaire de Neuchâtel).
(...)

Während die Reformation in der Seeregion rasch Anhänger fand, verbreitete sie sich im Val-de-Travers und in der Herrschaft Valangin nur langsam. Guillemette de Vergy, die den Regenten, ihren Enkel René de Challant, in Valangin vertrat, wies den neuen Glauben zunächst entschieden zurück. Erst 1536 gab sie aus Sorge um ihre Besitztümer in der Waadt nach, die von der Eroberung durch Bern bedroht waren. Cressier und Le Landeron (mit Lignières) im Osten des Landes verblieben als einzige Pfarreien dank dem Burgrechtsvertrag zwischen Le Landeron und Solothurn und dem Einfluss der mächtigen Fam. Vallier beim kath. Glauben. N. wurde zum Propagandazentrum für die französischsprachigen Gebiete: Der Drucker Pierre de Vingle edierte versch. Pamphlete, u.a. 1533 "Le Livre des marchans", 1534 die Traktate gegen die Messe von Antoine Marcourt und v.a. die Olivétan-Bibel von 1535, die erste Bibel der Reformierten in franz. Sprache.

1538 publizierte der Stadtrat das Sittenmandat "Articles servans à la réformation des vices". Mittels Ordnungen versuchten die Pfarrer 1541 ihrerseits, sich als oberste Disziplinierungsinstanz zu behaupten. 1542 nahmen die Magistraten diese Ordnungen wieder auf und passten sie in ihrem Sinn an. In N., Môtiers, später in den Lehensherrschaften Gorgier und Travers entstanden mit weltl. Mitgliedern besetzte Ehe- und Sittengerichte, die über die Vorrechte eines Gerichtshofs verfügten. 1539 schuf René de Challant sein eigenes Sittengericht in Valangin. An der Synode von 1562 gestand der Gf. von N. den Pfarrern in den Kirchgemeinden die Schaffung von Sittengerichten zu, die aber nur rügen durften. Auf Druck der Bürger wurde dem städt. Sittengericht das Recht zu strafen entzogen. Unter dem Einfluss Jean-Frédéric Ostervalds festigte das Ende der 1530er Jahre gegr. Pfarrkapitel im 17. Jh. seine Macht. Der international bekannte Theologe Ostervald wird auch zweiter Reformator von N. genannt.

Mit den "Articles généraux" von 1707 sicherte das preuss. Regime dem Kapitel erneut alle seine Vorrechte zu, trug aber nichts zur Klärung der Beziehungen zwischen Kirche und Staat bei. Nach dem Tod Ostervalds, der versucht hatte, die Neuenburger Kirche einer zeitgemässeren Theologie und Pastoraltätigkeit anzupassen, kapselte sich das Kapitel von anderen staatl. Organen und den Gläubigen ab. Als Hüter der Traditionen und unnachgiebig in Sittenfragen verteidigte es die öffentl. Busse, die jedoch 1755 nach einer königl. Intervention verboten wurde. Seine Kompromisslosigkeit gegenüber dem Pfarrer Ferdinand-Olivier Petitpierre, den es wegen Uneinigkeit in der 1760 diskutierten Frage, ob Höllenstrafen ewig dauerten, zum Exil zwang, und gegenüber Jean-Jacques Rousseau, den es 1765 exkommunizierte und aus Môtiers vertreiben half, erregte sogar im Ausland Anstoss. Der Rationalismus der Aufklärung setzte der Organisation zu. Der Toleranzgedanke, den die neue Geistesströmung mit sich brachte, zwang das Kapitel während der Restauration, die Kultusfreiheit für Katholiken und die Aktivitäten angelsächs. Methodisten zuzulassen. Gleichzeitig sympathisierten einige dem Kapitel angehörende und meist im Ausland ausgebildete Pfarrer mit der Erweckungsbewegung, was ihnen Disziplinarmassnahmen eintrug. Mit der allmähl. Öffnung des Kapitels durchliefen sie jedoch eine brillante Karriere, so Abram-François Pettavel, der Professor an der ersten Akademie wurde, oder James DuPasquier als letzter Dekan des Kapitels. Die Revolution von 1848 schaffte das Kapitel und die disziplinierenden Institutionen der Neuenburger Kirche faktisch ab.

Trotz der Kontrolle der Kirche über die Gesellschaft bildeten sich nach der Reformation erste Splitterbewegungen. Mitte des 16. Jh. wurden die Täufer aus dem neuenburg. Gebiet vertrieben. 1707 liessen sich verfolgte Berner Täufer in den Montagnes und im Val-de-Ruz nieder. Da die preuss. Herrscher in Religionsfragen relativ tolerant waren, gründeten die Herrnhuter in der 2. Hälfte des 18. Jh. ein Institut für Mädchen in Montmirail (Gemeinde La Tène).

Unter Berthier wurde der kath. Kultus schrittweise wieder eingeführt, zuerst in der Stadt N., dann im übrigen Gebiet, so dass 1806 erstmals seit der Reformation in der Stiftskirche wieder eine Messe gelesen wurde. Die Hospitaliterinnen aus Besançon, die im ersten modernen, von Jacques-Louis de Pourtalès gegr. Spital die Kranken pflegten, erhielten 1811 eine Kapelle. In der Restaurationszeit verordnete der preuss. König Religionsfreiheit "unabhängig von ihrem Wohnsitz" für Reformierte und Katholiken. 1828 ersetzte die Kapelle La Maladière die Spitalkirche; sie war das erste nach der Reformation gebaute kath. Gotteshaus und wurde später Pfarrkirche.

Autorin/Autor: Michèle Robert / MD

3.3.2 - Bildung und Kultur

In N. bestanden einigen wenigen Quellen zufolge bereits im SpätMA Elementarschulen. Aber erst mit der Reformation wurde in Ansätzen ein umfassendes Schulwesen aufgebaut. Die Schulen entwickelten sich unter Oberaufsicht der Kirche in den Bürgergemeinden und Dorfgenossenschaften, zuerst in der Seeregion und den mittleren Tälern, im 17. Jh. auch in den Montagnes. Ab dem 16. Jh. bereitete eine Lateinschule in der Stadt N. Schüler auf höhere Studien vor. Erste akadem. Unterrichtsformen entstanden im 18. Jh. 1731 besetzte Louis Bourguet den ersten Lehrstuhl für Philosophie und Mathematik, 1737 wurde ein Lehrstuhl für Literatur geschaffen. Der Unterricht fand aber noch unregelmässig statt. Die Neuenburger Studenten schlossen deshalb ihr Studium an Schweizer Akademien und Universitäten (Lausanne, Genf, Basel und Zürich), ab einige studierten auch im Ausland.

Bis Ende des 17. Jh. bestimmte die Kirche das gesellschaftl. und kulturelle Leben. Die Lektüre der Neuenburger beschränkte sich grösstenteils auf Gebrauchs- und Andachtsbücher. Das Nützlichkeitsdenken und der Konservatismus der staatl. und geistl. Obrigkeit behinderten die Entfaltung von Wissenschaft und Kunst. Erweiterte Handelsbeziehungen und die Entstehung erster Medien begünstigten zu Beginn des 18. Jh. die Öffnung der Gesellschaft und deren Bereitschaft, neues Gedankengut aufzunehmen. Dank kleiner privater Lesezirkel, deren Mitglieder sich ein Abonnement teilten, setzte sich die Zeitungslektüre nach und nach im ganzen Gebiet durch. 1732 wurde in N. der "Mercure suisse" gegründet, der sich der Geistesbildung verschrieb und das Interesse seiner Leser an Literatur und Wissenschaft wecken wollte. Er diente Gelehrten wie Laurent Garcin und Jean-Antoine d'Ivernois als Plattform. Diese sammelten sich um Louis Bourguet, dessen Studien den Weg für die Geologie, Paläontologie und Botanik bereiteten. Rousseau, der sich 1762-65 in Môtiers aufhielt, machte die Botanik mit seinen Pflanzensammlungen zusätzlich populär.

In den 1750er Jahren gewann der Kunst- und Wissenschaftsbetrieb an Boden. Angeregt durch die neusten Geistesströmungen aus Frankreich, entdeckten die Eliten die Verfeinerung der Sitten und die Annehmlichkeit der Künste. Musik und Gesellschaftstheater kamen auf. 1754 wurde in der Stadt N. eine Musikakademie gegründet und 1769 ein Musiksaal erbaut, der auch als Ball- und Theatersaal diente. In den 1770er Jahren bestand in La Chaux-de-Fonds ebenfalls eine Musikakademie. Die Innendekoration eleganter Villen förderte das Kunstschaffen, v.a. die Miniatur- und Familienporträtmalerei, deren bedeutendster Vertreter Jean-Pierre Preudhomme war. Dank Henri Courvoisier-Voisin und den Söhnen Alexandre, Abraham und Abram-Louis des Buchhändlers Samuel Girardet von Le Locle erlebte der Kupferstich eine Blütezeit. Die begabtesten Künstler machten aber im Ausland Karriere, so der in Italien tätige Kunstmaler Léopold Robert.

Früh erreichten die Ideen der Aufklärung das Fürstentum N. Sie verbreiteten sich in kleinen, antiklerikal gesinnten und Freidenkern nahestehenden Zirkeln um Pierre-Alexandre DuPeyrou, Jean-Jacques Rousseau oder Isabelle de Charrière. Ab den 1770er Jahren beteiligten sich Neuenburger Drucker - Samuel Fauche und die Société typographique de Neuchâtel - an der Verbreitung aufklärer. Gedankenguts, indem sie sich auf den Nachdruck und den Vertrieb enzyklopäd. und philosoph. Literatur spezialisierten.

<b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Erster Band der "Descriptions des Arts et Métiers" von Jean Elie Bertrand, 1771 herausgegeben von der Société typographique de Neuchâtel (Bibliothèque publique et universitaire de Neuchâtel).<BR/>Der Bannerherr Frédéric Samuel Ostervald gründete 1769 mit Pfarrer Jean Elie Bertrand, Jonas-Pierre Berthoud, Schreiblehrer, sowie dem Buchhändler Samuel Fauche die Société typographique de Neuchâtel. Eine ihrer wichtigsten Publikationen war Bertrands neunzehnbändige Reihe über das Handwerk, die 1771–1783 als erweiterter und überarbeiteter Nachdruck der in Frankreich erschienenen Ausgabe publiziert wurde. Die Ausstrahlung Neuenburgs in der Aufklärung verdankte das Fürstentum u.a. der Société, die zwischen 1769 und 1789 über 220 Bücher herausbrachte.<BR/>
Erster Band der "Descriptions des Arts et Métiers" von Jean Elie Bertrand, 1771 herausgegeben von der Société typographique de Neuchâtel (Bibliothèque publique et universitaire de Neuchâtel).
(...)

Der Gemeinsinn und die philanthrop. Gesinnung der Spätaufklärung waren die Voraussetzungen zur Gründung gemeinnütziger Gesellschaften (Société d'émulation patriotique, Société du jeudi), die sich der Verbreitung von zuverlässigem und anwendbarem Wissen verschrieben. Die Errichtung einer ersten öffentl. Bibliothek 1788 in N., die den Studenten und Forschern Studienbücher zur Verfügung stellte, ist ein Ausdruck dieser Geisteshaltung. 1838 zog die Bibliothek ins 1835 eingeweihte Collège latin um und rückte damit näher zu den Schülern. Im selben Gebäude, das eigentlich als "Kulturpalast" zur Bewahrung des städt. Erbes entworfen wurde, befanden sich ferner das naturwissenschaftl. Kabinett, die ethnograf. Sammlungen, aus denen das Musée d'ethnographie hervorging, und eine Gemäldegalerie. Die später ebenfalls in Gymnasien gegr. Bibliotheken von Le Locle (1830) und La Chaux-de-Fonds (1838) blieben im Wesentlichen der Jugend vorbehalten.

Das Kunst-, Musik- und Theaterleben gewann in den 1830er Jahren an Bedeutung. 1832 wurde in N., 1833 in La Chaux-de-Fonds eine Musikgesellschaft gegründet. La Chaux-de-Fonds baute 1837 ein Theater im ital. Stil, in dem Konzerte und Bälle veranstaltet und Stücke aufgeführt wurden. 1842 rief Maximilien de Meuron in N. zur Förderung der Künste die Gesellschaft der Kunstfreunde ins Leben. Zwischen 1832 und 1838 erlangte die wissenschaftl. Tätigkeit in N. ihren vorläufigen Höhepunkt: 1832 wurde die Naturwissenschaftl. Gesellschaft und 1838 die erste Akademie gegründet, beide brachten Forschung und Lehre voran. Louis Agassiz' Arbeiten über Glaziologie und über Fischfossilien, die in Hercule Nicolets Werkstatt lithografiert wurden, verschafften den Naturwissenschaften einen internat. Ruf. Der Naturforscher Edouard Desor, der Geograf Arnold Guyot, der Archäologe Frédéric DuBois de Montperreux, der Bryologe (Mooskundler) Léo Lesquereux und der Jurist Georges-Auguste Matile trugen bis zur Schliessung der Akademie 1848 zur wissenschaftl. Blüte bei. Mehrere dieser Forscher setzten ihre Laufbahn in den Vereinigten Staaten fort.

Autorin/Autor: Michel Schlup / MD

4 - Der Staat von 1848 bis zur Gegenwart

4.1 - Verfassungsentwicklung und politische Geschichte

4.1.1 - Die Grundlagen der Republik

Von den Revolutionen, die 1848 in Europa ausbrachen, setzte sich nur jene in N. langfristig durch. Die junge Republik von 1848 schuf trotz ihres schwachen Fundaments zügig beständige Institutionen. Unmittelbar nach der Revolution entband der Fürst seine Untertanen von der Eidespflicht, verzichtete aber nicht auf seine Rechte über das Fürstentum, weshalb seine Anhänger, die Royalistes, keinen entschiedenen Widerstand gegen das neue Regime leisteten. Deren Gegenspieler, die Républicains, handelten schnell, ohne den Royalistes übermässigen Schaden zuzufügen. Da die neuen Behörden zudem unter dem Schutz der Eidgenossenschaft standen, machten sie sich in relativer Ruhe an die Konsolidierung und Weiterentwicklung ihrer Republik. Dennoch handelte es sich um eine echte Revolution, die ohne Blutvergiessen die bestehende Ordnung umstürzte und das Ancien Régime beseitigte. Auch wenn nicht alle Républicains mit den z.T. als überhastet erachteten Vorgehensweisen einverstanden waren, teilten sie die demokrat. Ideale und den Willen zur Modernisierung des Landes.

Den Anstoss zur revolutionären Bewegung in N. gab der Fall der Julimonarchie in Frankreich. Am 26. Februar erreichte die Nachricht vom Pariser Aufstand die Montagnes. Drei Tage später brachten die Républicains Le Locle unter ihre Kontrolle. Am selben Tag obsiegten die Revolutionäre in La Chaux-de-Fonds und im Val-de-Travers. Am 1. März zogen die von Fritz Courvoisier und Ami Girard angeführten republikan. Milizen in die Stadt N., wo sie das Schloss einnahmen.

Es wurde eine zehnköpfige provisor. Regierung gebildet, welche die ersten Beschlüsse fasste und einen Verfassungsrat einberief. Dessen Vorsitz übernahm Alexis-Marie Piaget, der als eigentl. Gründer der neuen Institutionen hervortrat. Kontrolliert wurde das Land mittels der Verwaltungskomitees, die in jeder Gemeinde die Wahlen organisierten. Die in kürzester Zeit erarbeitete Verfassung von 1848 wurde mit einer leichten Mehrheit von 5'813 zu 4'395 Stimmen angenommen. An der Abstimmung, welche die Royalistes boykottierten, beteiligten sich nur gebürtige Neuenburger. In derselben Abstimmung hiess die Wählerschaft die nahtlose Überführung des Verfassungsrats in den ersten Grossrat gut. Ein neu gebildeter, siebenköpfiger Staatsrat widmete sich umgehend der Gesetzgebung.

<b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Die von den eidgenössischen Truppen unter dem Kommando von Oberst Louis Denzler unterstützten Républicains eroberten das Schloss Neuenburg am 4. September 1856 von den aufständischen Royalistes zurück. Lavierte Federzeichnung von  Heinrich Jenny (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>Die Zeichnung wurde mit zwei anderen Bildern zu diesem Ereignis am 18. Oktober 1856 in Leipzig auf einer Doppelseite der "Illustrierten Zeitung" als Holzschnitt abgedruckt.<BR/>
Die von den eidgenössischen Truppen unter dem Kommando von Oberst Louis Denzler unterstützten Républicains eroberten das Schloss Neuenburg am 4. September 1856 von den aufständischen Royalistes zurück. Lavierte Federzeichnung von Heinrich Jenny (Schweizerische Nationalbibliothek).
(...)

Die Royalistes hielten an der Wiederherstellung des Ancien Régime fest und wagten am 3.9.1856 den bewaffneten Aufstand. Doch mit Hilfe der vom Bundesrat entsandten Truppen brachten die Républicains die Lage rasch unter Kontrolle. In der Folge wandelte sich der Neuenburgerhandel zu einem europ. Konflikt. Der preuss. König Friedrich Wilhelm IV. drohte mit dem Einmarsch in die Schweiz, die ihrerseits Truppen mobilisierte. Dank der Vermittlung der Grossmächte wurde der Konflikt am 26.5.1857 mit dem Vertrag von Paris beigelegt. Darin verzichtete der preuss. König auf N., während als Gegenleistung den Aufständischen Amnestie gewährt wurde.

Autorin/Autor: Jean-Marc Barrelet / EM

4.1.2 - Die Verfassung von 1848

Die eidg. Tagsatzung garantierte die Verfassung, die festhielt, dass der Kt. N. "ein demokrat. Staatswesen und ein Stand der schweiz. Eidgenossenschaft" sei. Der Kanton gliederte sich in die sechs von Präfekten geleiteten Verwaltungs- und Gerichtsbezirke N., Boudry, Val-de-Travers, Val-de-Ruz, Le Locle und La Chaux-de-Fonds. Die Verfassung gewährleistete die Volkssouveränität, die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz und sämtl. Grundrechte wie etwa die Presse- und Vereinsfreiheit oder die Niederlassungs- und Gewerbefreiheit, führte die Gewaltentrennung ein und verbot die Schaffung von Sondergerichten. Die Verfassung verpflichtete die Bürger aber auch, eine nach ihrem Vermögen und Einkommen bemessene Steuer zu entrichten. Die alten Abgaben hingegen wurden aufgehoben oder abgelöst. Allerdings blieb das Ehrschatzgesetz von 1842 (code des lods) bis 1991 in Kraft.

Die Volkssouveränität wurde über die drei Gewalten ausgeübt. Der Grossrat als gesetzgebende Versammlung wird jeweils für vier Jahre gewählt. Der von der Legislative gewählte Staatsrat leitete die Verwaltung, veröffentlichte Gesetze, sorgte für deren Vollzug, vertrat die Staatsgewalt und war für die Beziehungen mit dem Bund zuständig. Als republikan. Element initiierte er die meisten Reformen. Die Gerichtsorganisation entwickelte sich schrittweise, mit der Einführung von Friedensrichtern, erstinstanzl. Gerichten und einem Appellationsgericht. 1899 kam ein Arbeitsgericht hinzu.

Die Autonomie der Gemeinden wurde durch die Verfassung stark eingeschränkt, indem sie alle auf Gewohnheitsrecht basierenden Privilegien und Freiheiten aufhob. Zu den Verlierern der Revolution gehörten v.a. die Bürgergemeinden und einige Einwohnergemeinden, aber auch die Kirche. Das Pfarrkapitel wurde 1849 aufgelöst, die Zivilehe für obligatorisch erklärt und das Kirchenwesen der Regierung unterstellt. Die Kirchengüter gelangten an den Staat, der von nun an die Pfarrer entlöhnte.

In den ersten zehn Jahren nach der Revolution entstanden zahlreiche Gesetze zur Modernisierung des Staatsapparats, die u.a. die Errichtung eines Steuersystems, die Verbesserung des Schulwesens, die Gründung einer Kantonalbank (1854), die Ausarbeitung eines Zivilgesetz- (1853-55) und Strafgesetzbuchs (1854) sowie den Eisenbahnbau anstiessen. All diese Reformen verliefen nicht ohne Spannungen und Schwierigkeiten. So wurde den Behörden trotz der Verabschiedung fortschrittl. Gesetze über die Arbeitslosigkeit und das Hypothekarwesen vorgeworfen, sie seien zuwenig sozial.

Autorin/Autor: Jean-Marc Barrelet / EM

4.1.3 - Verfassungsrevisionen

Die Verfassung von 1848 schuf eine Basis, die nie grundlegend in Frage gestellt wurde, aber diverse Teil- und zwei Totalrevisionen erfuhr. Nachdem zwei Revisionsversuche an den Bestimmungen zur Einschränkung der Gemeindeautonomie gescheitert waren, brachte die Verfassungsänderung vom 21.11.1858 v.a. eine Reform des Grossrats, den obligator. und kostenlosen Primarschulunterricht sowie die Umgestaltung der Kirchenorganisation. Ferner wurden die staatsbürgerl. Rechte mit der Einführung des obligator. Finanzreferendums und der Verfassungsinitiative (3'000 gültige Unterschriften) erweitert. Zwischen 1858 und 2000 folgen 34 Verfassungsänderungen, wobei die meisten die Volksrechte betrafen: 1873 beispielsweise erhielten Schweizer mit Wohnsitz im Kt. N. ab dem 20. Altersjahr bereits drei Monate und nicht mehr erst zwei Jahre nach Hinterlegung ihrer Papiere das Stimmrecht. 1879 kam das Referendumsrecht (3'000 gültige Unterschriften), 1882 die Gesetzesinitiative dazu. Seit 1906 wählt das Stimmvolk den Staatsrat. 1959 nahm N. als zweiter Kanton nach der Waadt das kant. Frauenstimmrecht an. 1978 wurde das Stimmrechtsalter auf 18 Jahre gesenkt.

Die letzte Totalrevision von 2000 brachte einerseits eine Harmonisierung des Textes mit anderen Kantonsverfassungen und der Bundesverfassung von 1999, andererseits eine Modernisierung und Klärung der verfassungsrechtl. Grundlage der Republik. In der Präambel wurden einige republikan. Grundsätze bestätigt und erneuert. Am 24.9.2000 wurde die vom Grossrat ausgearbeitete neue Verfassung mit einer deutl. Mehrheit von 30'513 zu 9'327 Stimmen angenommen. Art. 1 besagt, dass die Republik N. sich als demokrat., laizist. und soziales Staatswesen versteht und die Grundrechte achtet. Der Text präzisiert die Aufgaben von Staat und Gemeinden. Neu verankert wurde ein bis anhin vernachlässigter gesellschaftl. Aspekt, nämlich der Grundsatz, wonach ein jeder frei ist, eine andere Form des Zusammenlebens als diejenige der Ehe zu wählen. Auf diesen Artikel stützte sich insbesondere das Gesetz von 2004 über die eingetragene Partnerschaft für hetero- und homosexuelle Paare. Die Verfassung von 2000 will auch die Bürgernähe fördern. Sie vereinfachte das Einbürgerungsverfahren, für das nur noch der Staatsrat zuständig ist, führte die Volksmotion ein, eine einfache Form der Initiative, welche die Stimmberechtigten an den Grossrat richten können, und ermöglichte die Einsichtnahme in amtl. Dokumente. Überdies gewährte sie Ausländern, die eine Niederlassungsbewilligung besitzen und seit fünf Jahren im Kt. N. wohnen, das kant. Stimm- und Wahlrecht.

Autorin/Autor: Jean-Marc Barrelet / EM

4.1.4 - Politische Geschichte 1848-1914

Die Républicains von 1848 schlossen sich in der Association patriotique zusammen. Die Bezeichnung "radikal" wurde erstmals 1858 bei deren Umbenennung in Association radicale neuchâteloise verwendet. Obwohl die Radikalen anfänglich keine eigentl. Partei bildeten, dominierten sie in der 2. Hälfte des 19. Jh. das polit. Leben in N. Trotz aller Gegensätze einten die Républicains die Verbundenheit mit der Schweiz, der Hang zum Laizismus sowie der Wille zur Modernisierung des Landes mittels Bereitstellung von Infrastruktur und der Schaffung günstiger rechtl. Rahmenbedingungen für die Industrie. Die sich formierenden Radikalen rekrutierten ihre Anhänger aus dem Mittelstand, den Uhrenfabrikanten, Lehrern und Beamten. Sie duldeten keine Konkurrenz und stimmten dem Proporzsystem, dem Initiativrecht und der Direktwahl des Staatsrats durch das Volk erst spät zu. Sie teilten die Macht nur bedingt mit den Konservativen - ehem. Royalistes und gemässigten Republikanern - und zwar erst, als die Linke im Grossrat und bei den eidg. Wahlen zugelegt hatte. Doch Ende des 19. Jh. kamen die Radikalen, die sich in allen drei Gewalten eine Monopolstellung verschafft hatten, in Bedrängnis. Die 1873 von den Konservativen gegr. Association démocratique libérale sprach sich für mehr Gemeindeautonomie und mehr Föderalismus auf nationaler Ebene aus. Diese sog. grüne Partei - Rot war die Farbe der Radikalen - stellte sich auch gegen direkte Steuern. Sie war eher im unteren Kantonsteil verankert und fand im Gegensatz zu den Radikalen v.a. bei den alteingesessenen Neuenburger Fam. Zulauf. Als erster Liberaler gelangte 1898 Edouard Droz in den Staatsrat.

Der Sozialismus fasste in den Industriestädten der Montagnes zuerst Fuss. 1865 entstand in La Chaux-de-Fonds auf Veranlassung des Arztes Pierre Coullery eine Sektion der Internat. Arbeiter-Assoziation (IAA). Die revolutionäre Bewegung Fédération jurassienne, die 1871 von neuenburg. und jurass. Mitgliedern der IAA gegründet und von James Guillaume geleitet wurde, beteiligte sich nicht an den kant. Wahlkämpfen. Die wirtschaftl. und gesellschaftl. Veränderungen Ende der 1870er Jahre begünstigten die Gründung von Gewerkschaften sowie die Entstehung einer sozialist. Partei und Presse. Coullery rief Sektionen des Grütlivereins ins Leben, aus denen 1896 die sozialdemokrat. Partei hervorging.

Die polit. Presse war sehr aktiv: Die 1856 gegr. Zeitung "Le National suisse" diente als Sprachrohr der Radikalen, "La Suisse libérale" vertrat ab 1881 die Meinungen der Liberalen, während sich die Linke ab 1890 mittels ihres Organs "La Sentinelle" zu Wort meldete. Weitere, kurzlebigere Zeitungen zeugen von der Intensität der damaligen polit. Auseinandersetzungen.

In den 1870er Jahren profitierte die radikale Partei von den Wahlerleichterungen, die den im Kanton wohnhaften Schweizern gewährt wurden. 1874 stimmte eine klare Mehrheit für die Annahme der neuen Bundesverfassung. Die Liberalen behaupteten sich jedoch in Steuerfragen gegen die radikale Politik, während die Sozialdemokraten Anfang des 20. Jh. in den Städten und auf eidg. Ebene entscheidende Wahlsiege davontrugen. Am Vorabend des 1. Weltkriegs setzte sich die Neuenburger Abordnung in den eidg. Räten aus vier Radikalen, zwei Sozialdemokraten und einem Liberalen zusammen.

Autorin/Autor: Jean-Marc Barrelet / EM

4.1.5 - Politische Entwicklung von 1914 bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Der 1. Weltkrieg führte auch in N. zu einer Polarisierung der Politik. Die Sozialdemokraten verfochten ihre pazifist. Überzeugungen, obwohl sie in dieser Frage deutlich in der Minderheit waren. Charles Naine und Ernest Paul Graber enthielten sich 1914 der Stimme bei der Übertragung der Vollmachten an den Bundesrat. Den internationalist. Roten standen die nationalen Parteien gegenüber, die mit der Entente sympathisierten. 1917 wurde Graber nach einem in der Zeitung "La Sentinelle" erschienenen Artikel verhaftet. Nach einer öffentl. Protestaktion kam er wieder frei, worauf die Armee La Chaux-de-Fonds besetzte, bevor Graber sich stellte. Der Landesstreik von 1918 verursachte in dieser Stadt, in der die Gewerkschaften eine starke Stellung innehatten, weitere heftige und lang nachwirkende Auseinandersetzungen. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung zog der Staatsrat bewaffnete Bürgerwehren bei. In Le Locle schlossen sich die Ortssektionen der radikalen und liberalen Partei zur Liga Ordre et liberté zusammen, aus welcher der 1919 gegr. Parti progressiste national (PPN) hervorging. Die Partei erlangte einen, später zwei Sitze im Staatsrat und fusionierte 1981 mit der liberalen Partei.

Während der 1. Weltkrieg die rechten Kräfte einte, spaltete er die Arbeiterbewegung. Die Kommunisten unter der Führung von Jules Humbert-Droz kamen nie über eine Randstellung hinaus. Den Sozialdemokraten wurde trotz ihrer Stärke im Grossrat (1916 34 Sitze) erst 1941 ein Sitz im Staatsrat zugestanden. Die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre führte innerhalb der polit. Mitte zu einem minimalen Konsens, während extremist. Gruppierungen wie der 1934 gegr. Ordre national neuchâtelois marginale Erscheinungen blieben. Zwischenfälle waren an der Tagesordnung, und der Tod von Eugène Bourquin, einem der Anführer der extremen Rechten, diente 1937 als Vorwand, die kommunist. Partei zu verbieten. Diese formierte sich 1944 als Parti ouvrier et populaire (POP) neu.

Der 2. Weltkrieg glättete die polit. Wogen. Bei den kant. Wahlen von 1945 gewann die POP im Grossrat 14 von 103 Sitzen. Der Ralliement neuchâtelois, der sich als neue unabhängige Kraft verstand, erreichte hingegen nur zwei Sitze. Die Zusammensetzung des Staatsrats blieb ab 1941 für lange Zeit bestehen: Er umfasste einen Radikalen, einen Liberalen, einen Vertreter des PPN, einen Sozialdemokraten und ein Mitglied des Ralliement (1947 durch einen Radikalen ersetzt). Nach den bewegten 1930er Jahren folgte in N. eine Phase von bemerkenswerter Stabilität und konsensorientierter Politik. Die wichtigsten Parteien bestimmten das Geschehen, ungeachtet kleinerer Gruppierungen wie die Nouvelle gauche socialiste (1958-63), die kaum Einfluss auf die allg. Entwicklung hatten.

Ab den 1960er Jahren legten die linken Kräfte sowie deren linksradikalen und grünen Verbündeten zu. Die Sozialdemokraten gewannen 1965 einen zweiten Sitz im Staatsrat. 2005 errang die Linke erstmals die Mehrheit im Gross- und Staatsrat, wenn auch nur mit einer Stimme mehr in der Legislative und drei von fünf Mandaten in der Exekutive, die neu aus zwei Sozialdemokraten, einem Grünen und zwei Liberalen bestand. 2009 baute sie die Mehrheit im Grossrat um einen weiteren Sitz aus, verlor diese aber gleichzeitig im Staatsrat (drei Bürgerliche, zwei Sozialdemokraten). Auch bei den eidg. Wahlen legte die Linke ab den 1970er Jahren zu: 1999 und 2003 stellte sie drei von fünf Nationalräten, 2003 und 2007 beide Ständeräte, wobei sie 2008 nach einem Rücktritt den einen Ständeratssitz nicht verteidigen konnte.

2001 wurde in N. eine kant. Sektion der Schweiz. Volkspartei (SVP) gegründet, die 2005 17 Grossratsmandate eroberte und 2013 einen Sitz in der Regierung erwarb; wegen Demission ihres Vertreters aus gesundheitl. Gründen verlor sie diesen bereits wieder 2014 an die FDP. Seit 2003 stellt sie auch einen Nationalrat. 2004 rief auch die Christlichdemokrat. Volkspartei (CVP) in N., dem einzigen Kanton, in dem sie noch nicht vertreten war, eine kant. Sektion ins Leben, doch hat sie erst seit 2013 einen Abgeordneten im Grossrat (2017 2). 2008 war N. der erste Kanton, in dem die Liberalen und Radikalen fusionierten, und zwar zum Parti libéral-radical neuchâtelois.

Wahlen in die Bundesversammlung 1919-2015 (ausgewählte Jahre)
 1919192219311943195919671971197919871991199519992003200720112015
Ständerat
FDP1221111 1111 111
SP      11   12111
LPa1  111 1111     
Nationalrat
FDP2222212111211121
LPa221111122211 1  
PPNb 1              
SP3232222222222111
POP/PdA     1         1
GP           1111 
SVP            1111
Total7765555555555554

a Die Liberale Partei fusionierte 2008 mit der FDP unter der neuen Bezeichnung FDP. Die Liberalen.

b Der Parti progressiste national fusionierte 1981 mit der Liberalen Partei.

Quellen:HistStat; BFS

Zusammensetzung des Regierungsrats 1981-2017
 1981198519891993199720012005200920132017
FDP11 1111312
LPa2222221   
SP2222222233
GP      1   
SVP        1 
Parteilos  1       
Total5555555555

a Die Liberale Partei fusionierte 2008 mit der FDP unter der neuen Bezeichnung FDP. Die Liberalen.

Quellen:HistStat; BFS; Staatskanzlei

Grossratswahlen 1919-2017 (ausgewählte Jahre)
 191919281937194519571965197719811989199720012005200920132017
FDP392832283330302925242515413543
LPa242119192222273334383525   
PPNb10168913117        
SP363933314442414645413941363332
POP/PdA   14510644676886
Grüne        75710141217
Solidarités         121212
SVP           1714209
CVP             12
Diverse  62  43     54
Total10910498103117115115115115115115115115115115

a Die Liberale Partei fusionierte 2008 mit der FDP unter der neuen Bezeichnung FDP. Die Liberalen.

b Der Parti progressiste national fusionierte 1981 mit der Liberalen Partei.

Quellen:HistStat; BFS; Parlamentsdienst des Grossen Rats

Autorin/Autor: Jean-Marc Barrelet / EM

4.2 - Staatsführung und Verwaltung von 1848 bis zur Gegenwart

4.2.1 - Der Staatsrat

Für Alexis-Marie Piaget war das Ausarbeiten von Gesetzen im Kontext einer Revolution Sache eines Kollegialorgans. Der Staatsrat verfügte selbst nach Ansicht konservativer Kreise über weit reichende Befugnisse, die jene der Obrigkeit während des Ancien Régime übertrafen. Die ursprünglich in sieben Departemente gegliederte Exekutive verteilte ihre Aufgaben in eigener Kompetenz. Die Beratungen fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, und es wurde kein Protokoll geführt. Lediglich die Beschlüsse wurden schriftlich festgehalten. Dem Staatsrat oblag die Ein- und Absetzung der Verwaltung. Ein von Aimé Humbert vorgelegtes Gesetz von 1850 regelte die Verfahren und Organisation des Staatsrats bis in die Einzelheiten und definierte dessen Kompetenzen. Im Verlauf der Jahre wurden diese Bestimmungen immer wieder den Bedürfnissen der Politik angepasst. Zu Beginn der 1880er Jahre wurde die Zahl der Staatsräte auf fünf beschränkt; erst 1993 folgte auch die entsprechende Reduktion auf fünf Departemente (heute Justiz, Sicherheit und Finanzen; Gesundheit und Soziales; Bildung, Kultur und Sport; Raumplanung; Wirtschaft). Ab 1898 unterstützte ein Kanzler den Staatsrat. 1905 wurde in einer Petition die Volkswahl des Staatsrats gefordert, welche die Stimmbürger 1906 annahmen. Da für die Wahl des Staatsrats weiterhin das Majorzverfahren galt, änderte diese Neuerung nichts an seiner Zusammensetzung. Radikale und Liberale stellten bis 1989 die Mehrheit. Eine erste Verschiebung brachten die Wahlen von 1941, bei denen mit Camille Brandt ein Sozialdemokrat und mit Léo-Pierre DuPasquier ein Vertreter des Ralliement in den Staatsrat gelangten. Seit 1965 haben die Sozialdemokraten zwei Sitze inne. Als erste Frau wurde 1997 die Sozialdemokratin Monika Dusong gewählt.

Das Kollegialitätsprinzip wurde durch polit. Krisen häufig auf die Probe gestellt, so im Fall der Eisenbahnaffäre. 1853 waren nämlich die Radikalen in Anhänger der Franco-Suisse-Bahn, die N. durch das Val-de-Travers mit Frankreich verbinden sollte, und Verfechter der Bahn Jura-Industriel, die zwischen den Montagnes und dem Hauptort verkehren wollte, gespalten. Dies führte zum Rücktritt von zwei, später von drei weiteren Staatsräten. Mit diesem Schritt versuchten sie, die zwei übrigen Staatsräte aus den eigenen Reihen auszuschalten, die jede finanzielle Beteiligung des Staats am Bahnprojekt der Jura-Industriel ablehnten. Da sich die Regierung nicht einigen konnte, unterstützte der Grossrat die Zurückgetretenen und erneuerte die gesamte Exekutive.

Mehrfach warf der Grossrat dem Staatsrat die Überschreitung seiner Befugnisse sowie eine unverantwortl. Ausgabenpolitik vor. Die Kritik wurde zunächst von der liberalen Opposition, später von der SP geäussert, die das Budget wiederholt zurückwies. Seit 1980 regelt ein Gesetz über die Staatsfinanzen, das eine Schuldenbremse enthält, alle Einzelheiten des öffentl. Haushalts.

Autorin/Autor: Jean-Marc Barrelet / EM

4.2.2 - Zur Organisation des Kantons

Die Präfekten, die ab 1848 an der Spitze der sechs Bez. standen, vertraten den Staatsrat und verfügten über weitreichende Kompetenzen. Sie wachten über die Umsetzung der Gesetze und kontrollierten die staatl. Institutionen. Zu ihren Aufgaben gehörten u.a. die Verkündung und der Vollzug von Gesetzen, die Überwachung des Erziehungs- und Zivilstandswesens, die Gewährleistung der öffentl. Sicherheit mit Hilfe der Polizei, die Kontrolle der Steuererhebung sowie die Berichterstattung über die öffentl. Meinung in den ihnen unterstellten Regionen. Wahrscheinlich waren die Präfekten die Beamten, die der Macht am nächsten standen, und mehrere unter ihnen wurden später Staatsräte. Als Diener der Republik hatten sie den Auftrag, die Gemeinden und Bürgergemeinden, die weiterhin dem Ancien Régime und ihren früheren Gewohnheiten anhingen, auf Kurs zu bringen. Mit der Durchsetzung der neuen Gesetze und der republikan. Ordnung wurde ihre Funktion allmählich überflüssig. Im 20. Jh. hob man die Präfekturen nach und nach auf, als letzte 1991 jene der Montagnes, die aus dem Zusammenschluss der Präfekturen Le Locle und La Chaux-de-Fonds entstanden war.

Um die Autonomie der Bürgergemeinden und Gemeinden des Ancien Régime zu beschneiden, wurde mit Hilfe eines Gesetzes von 1850 ein paralleles System von Munizipalitäten geschaffen. Das Gesetz sah u.a. für die in den Gemeinden wohnhaften Ausländer das Stimmrecht auf lokaler Ebene vor; 1861 wurde es vorübergehend aufgehoben. Nach dem Royalistenaufstand von 1856 musste die nun als commune bezeichnete Bürgergemeinde N. die Errichtung einer Munizipalität hinnehmen. 1858 wurden Illegitime und ihre Nachkommen in den Bürgergemeinden zwangsweise eingebürgert. Der Grossrat beschränkte 1872 die Vorrechte der Bürgergemeinden auf fürsorger. Aufgaben und auf die Verwaltung ihrer Güter. 1874 wurde das Munizipalitätssystem für obligatorisch erklärt. Da die Bürgergemeinden ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen konnten, verloren sie ihre Daseinsberechtigung. Ihr Aufgehen in den Munizipalitäten wurde 1877 vom Volk gutgeheissen und 1888 mit dem Gemeindegesetz bestätigt. Seither besteht nur noch eine Verwaltungseinheit, die polit. Gemeinde (sog. commune) mit dem Gemeinderat als Exekutive und dem Generalrat als Legislative. Während der Wirtschaftskrisen des 20. Jh. löste die Verteilung der Gelder aus der Arbeitslosenversicherung neuerl. Spannungen zwischen dem Staat und den Gemeinden aus, denn die mangelnde Autonomie machte den Gemeinden zu schaffen. Bis Ende des 20. Jh. stellte sich der Staatsrat auch gegen die Volkswahl der bis anhin von der Legislative gewählten Gemeinderäte, weil er die Exekutive als reines Verwaltungsorgan betrachtete.

Der Staat förderte Anfang des 21. Jh. mit finanziellen Beiträgen die interkommunale Zusammenarbeit und den Zusammenschluss von Gemeinden zu regionalen Interessenvertretungen. So nahm die Zahl der Gemeinden bereits 2009 mit den Fusionen zu den neuen Gemeinden Val-de-Travers und La Tène um neun ab. Das ebenfalls zu Beginn des 21. Jh. vom Staatsrat initiierte Agglomerationsprojekt Réseau urbain neuchâtelois wird vom Bund unterstützt und strebt eine kohärente und ausgewogene Entwicklung des Kantons durch die Vernetzung der Regionen und Ortschaften sowie der Verdichtung des Verkehrs an. In diesem Rahmen schlossen die Städte La Chaux-de-Fonds, Le Locle und N. 2008 einen Agglomerationsvertrag und bilden seither das sog. Réseau des trois villes.

Autorin/Autor: Jean-Marc Barrelet / EM

4.2.3 - Entwicklung der Gesetzgebung

Unmittelbar nach der Revolution schlug Piaget vor, ein Zivil- und ein Strafgesetzbuch nach franz. Vorbild zu schaffen. Innert kürzester Zeit wurden mehrere Gesetze, etwa zur Einführung eines Hypothekarsystems oder der Zivilehe, ausgearbeitet, die heikle zivilrechtl. Fragen regelten. Zwischen 1853 und 1855 wurden dann nacheinander die einzelnen Teile des Zivilgesetzbuchs angenommen, ohne die ersten Bestimmungen zu revidieren. Als Synthese aus dem früheren Neuenburger Recht und dem Code Napoléon blieb es bis zur Einführung des Schweiz. Zivilgesetzbuchs 1912 in Kraft. In aller Eile reformierte der Staatsrat 1848 auch die Strafrechtspflege, indem er die Gerichte reorganisierte. Die Friedensrichter waren bis zu ihrer Absetzung 1924 für Übertretungen zuständig, die Bezirksrichter für leichtere Straftaten. Mit der Beurteilung der schwersten Fälle wurde ein Kantonsgericht betraut, dem vierzehn Richter angehörten. Körperstrafen und die ab dem 16. Jh. angewandte Carolina wurden aufgehoben. 1854 wurde die Todesstrafe per Dekret abgeschafft, 1855 das ebenfalls von Piaget redigierte Strafgesetzbuch eingeführt. Auf dem Hügel Le Mail in N. wurde 1870 die kant. Strafanstalt eröffnet. Deren erster Direktor, der angesehene Hygieniker Louis Guillaume, setzte sich nachhaltig für diese Einrichtung ein. Staatsrat Auguste Cornaz besorgte die Anpassung der Neuenburger Gesetzgebung an die Bundesverfassung von 1874. Neben dem neuen, hauptsächlich von Cornaz verfassten Strafgesetzbuch von 1891 traten in der Folge weitere Erlasse wie das Landwirtschaftsgesetz von 1899 und das Forstgesetz von 1917 in Kraft.

<b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Die 1870 eröffnete kantonale Strafanstalt auf dem Hügel Le Mail in Neuenburg nach Plänen von Samuel Vaucher. Fotografie von  Victor Attinger,  um 1890 (Musée d'art et d'histoire Neuchâtel).<BR/>Die Anlage bestand aus einem kreuzförmigen Gebäude, welches die Überwachung der Insassen erleichterte, und einer 6,5 m hohen Ringmauer. Die Anstalt wurde 1909 geschlossen und die Sträflinge auf Grund von interkantonalen Konkordaten in Lausanne und Bern untergebracht. Nach mehreren Umbauten und Umnutzungen blieb von der ehemaligen Strafanstalt Saarberg nur eine historische Fassade als Teil des 2001 eingeweihten Universitätsgebäudes UniMail bestehen, das die naturwissenschaftliche Fakultät beherbergt.<BR/>
Die 1870 eröffnete kantonale Strafanstalt auf dem Hügel Le Mail in Neuenburg nach Plänen von Samuel Vaucher. Fotografie von Victor Attinger, um 1890 (Musée d'art et d'histoire Neuchâtel).
(...)

Autorin/Autor: Jean-Marc Barrelet / EM

4.2.4 - Öffentlicher Haushalt

Seit der Gründung der Republik treibt die Herausforderung eines ausgeglichenen Finanzhaushalts die Politiker um. 1848 wurde anstelle des auf Ungleichheit beruhenden Steuerwesens des Ancien Régime ein neues System eingeführt. Die Verfassung proklamierte die Gleichheit der Bürger und präzisierte, dass jeder gemäss seinem Vermögen und Einkommen zu den Ausgaben des Staats beizutragen habe. Sie sah zudem eine gesetzl. Grundlage für die Aufhebung der Feudallasten vor. 1848 wurde auch beschlossen, dass nicht nur die Bürger, sondern alle Einwohner sowie Ausländer, die im Kanton Güter besassen, und gewinnorientierte Körperschaften steuerpflichtig waren. Die damalige, besonders krit. Situation zwang zu diesem Schritt, denn es galt, die Schulden des Ancien Régime sowie die militär. und administrativen Kosten, welche die Revolution verursacht hatte, mittels einer ausserordentl. Steuer zurückzuzahlen. 1849 folgte ein Gesetz zur Einführung einer direkten Vermögens- und Einkommenssteuer. Diese Steuern wurden entsprechend den jeweiligen Verhältnissen erhoben, und der Steuersatz jedes Jahr dem Bedarf des Staats und den budgetierten Ausgaben angepasst. Der neue Staat benötigte Mittel, u.a. für den Bau und Unterhalt von Strassen, nachdem ein Gesetz die Gemeinden in diesem Bereich entlastet hatte.

Autorin/Autor: Jean-Marc Barrelet / EM

5 - Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur von 1848 bis zur Gegenwart

5.1 - Bevölkerung und Siedlung

Das Bevölkerungswachstum im Kt. N. lag 1800-1910 über dem schweiz. Durchschnitt: 1850-88 betrug die Wachstumsrate im Kanton 11,2%, in der Schweiz 5,2%, in einer zweiten Phase 1888-1910 11,5% gegenüber 9,5% auf nationaler Ebene. Danach ging die Bevölkerung im Kt. N., die 1917 mit 135'900 Einwohnern einen ersten Höchststand erreichte, im Gegensatz zu jener der Schweiz zurück. So verlor N. 1910-41 auf Grund der Wirtschaftskrise in der Zwischenkriegszeit 11,4% seiner Einwohner, während in derselben Zeitspanne die Bevölkerung der Schweiz um 13,7% zunahm. Nach 1945 löste der wirtschaftl. Aufschwung eine neue Wachstumsphase aus, in der N. fast mit der Schweiz Schritt hielt. Ab 1960 brachte die Zuwanderung von Ausländern einen deutl. Anstieg der Wohnbevölkerung und 1973 wurde in N. mit 169'498 Einwohnern eine neue Rekordmarke gemessen. Die Uhrenkrise der 1970er Jahre führte zu einem erneuten Rückgang der Bevölkerung, die erst ab 1985 wieder anwuchs. 2000 wurden 167'949 Einwohner gezählt, was 2,3% der Schweizer Bevölkerung entsprach. 2008 wies der Kanton erstmals mehr als 170'000 Einwohner aus.

Die Städte, in denen ab 1900 mehr als 55% der Kantonsbevölkerung lebten, bestimmten die jüngere Entwicklung von N. Im 19. Jh. wirkte La Chaux-de-Fonds dank seiner Uhrenindustrie als demograf. Lokomotive. Die Krisen der Uhrenbranche im 20. Jh. mündeten jeweils in einen Bevölkerungsrückgang und führten dazu, dass ab den 1960er Jahren in der Seeregion mehr Menschen lebten als in den Montagnes. Mit 37'016 Einwohnern blieb La Chaux-de-Fonds 2000 aber die drittgrösste Stadt der franz. Schweiz, während die Stadt N. mit 32'914 Einwohnern nur an fünfter Stelle stand. Die Bedeutung der Städte im 19. Jh. zeigte sich auch daran, dass sich La Chaux-de-Fonds als "Metropole der Uhrmacherei" verstand. Dieses Selbstverständnis spiegelte sich in einer regen Bautätigkeit und architekton. Entfaltung, im industriellen Aufstieg sowie in einem vielfältigen kulturellen und gesellschaftl. Leben, an dem sich u.a. zahlreiche religiöse Vereinigungen sowie Sport-, Theater- und Musikvereine beteiligten. Sie alle trugen zur Ausbildung einer städt. Identität und eines Lokalpatriotismus bei. Le Locle versuchte, der Nachbarstadt nachzueifern, erlebte jedoch einen bescheideneren Aufschwung. Zwischen den beiden Städten in den Montagnes bestanden Gemeinsamkeiten (Uhrenfabrikation, polit. Fortschrittlichkeit dank der Radikalen, später der Sozialdemokraten), aber auch wirtschaftl. und kulturelle Rivalitäten. Seit 2009 gehören die von der Uhrenindustrie geprägten Stadtlandschaften von La Chaux-de-Fonds und Le Locle zum Unesco-Welterbe.

Während sich im oberen Kantonsteil ein städt. Industriezentrum entwickelte, dominierten in der Seeregion der Weinbau und die Kantonsverwaltung, obwohl sich auch hier erfolgreiche Industrieunternehmen, etwa die Câbles Cortaillod, etablierten. Jahrzehntelang wurden Fabriken im Unterland im Grünen angesiedelt. Erst die Wirtschaftskrise der 1970er Jahre veränderte den Kanton nachhaltig: Die Bez. Le Locle und Val-de-Travers glitten in eine lang anhaltende Rezession, die auch den Bez. La Chaux-de-Fonds erfasste. In den Bez. Val-de-Ruz, Boudry und N. hingegen setzte ein sanfter Aufwärtstrend ein, der sich Ende des 20. Jh. beschleunigte.

Der Boom der Agglomeration N. prägt die gesamte Seeregion. Im Val-de-Ruz beispielsweise wurde die Landflucht, die zum Bevölkerungsrückgang im Val-de-Travers beigetragen hatte, durch den Bau neuer Einfamilienhäuser aufgefangen. Der Wandel in der Siedlungsstruktur, der sich z.B. in der immer grösseren Distanz zwischen Wohn- und Arbeitsort ausdrückte, fusste auf dem von den Behörden vorangetriebenen Ausbau der Verkehrsverbindungen. Im 19. Jh. entstanden auf dem Kantonsgebiet Eisenbahnlinien, so 1859 die Strecke entlang dem Jurafuss, 1860 jene der Jura-Industriel und der Franco-Suisse sowie versch. Regionallinien, was polit. Kontroversen und Finanzierungsprobleme nach sich zog. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jh. wurde das Verkehrsnetz mit dem Bau der Autobahn A5 entlang des Seeufers und der Errichtung mehrerer Strassentunnels, u.a. des 1975 eröffneten Clusette-Tunnels (in den ehemaligen Gemeinden Noiraigue und Brot-Dessous) zur Anbindung des Val-de-Travers und des 1994 fertiggestellten Vue-des-Alpes-Tunnels als Zugang zu den Montagnes, verfeinert. 2002 kam das Autobahnteilstück durch die Region La Béroche hinzu, 2005 das letzte Teilstück der A5 (ohne Serrières-Tunnel) auf Kantonsgebiet, so dass von nun an N. vollumfänglich ins schweiz. Autobahnnetz integriert war. Trotz der von N. und Frankreich getätigten Investitionen für den Strassenbau im franz.-neuenburg. Jura bleibt die Verkehrserschliessung der Montagnes ungenügend, weil im 20. Jh. das Bahnnetz nicht erweitert worden ist.

Die gesteigerte Mobilität ging mit einer Wanderungsbewegung (Binnenwanderung, Immigration, Emigration) einher. Trotz der Emigration von Neuenburgern auf Grund der period. Krisen in der Uhrenindustrie und dank der aussenwirtschaftl. Beziehungen überwog die Zuwanderung von Schweizern und Ausländern, die zunächst aus der Grenzregion kamen (2008 rund 8'000 Grenzgänger), später aus immer weiter entfernteren Gebieten. Im 19. Jh. lag der Ausländeranteil im Kt. N. über dem schweiz. Durchschnitt, im 20. Jh. ist er tiefer, obwohl N. weiterhin zu den Kantonen mit vergleichsweise hohem Ausländeranteil gehört. Die Zuzüger aus der Schweiz und dem Ausland treffen in N. seit je auf ein polit. und gesellschaftl. Umfeld, das deren Integration anstrebt. 2000 lebten Personen aus 138 Staaten im Kt. N., wobei Menschen aus Italien, Portugal, Frankreich, Spanien, Serbien und Montenegro die grössten Gemeinschaften bildeten. 85% der ausländ. Bevölkerung stammten aus Europa. Im Zug der Einwanderung von Menschen aus ferneren Ländern veränderte sich auch die religiöse Zusammensetzung des Kantons.

<b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Quelle: Eidgenössische Volkszählungen  © 2008 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.<BR/><BR/>
Herkunft der Ausländer im Kanton Neuenburg 1860-2000

Die Rezession des ausgehenden 20. Jh. führte zu einer relativen Senkung des Wohlstands im Kanton, der vom 2. Weltkrieg und der Hochkonjunktur der Nachkriegsjahre profitiert hatte. Diese Entwicklung schlug sich im demograf. Wandel nieder. Das kant. Pro-Kopf-Einkommen betrug 1965 101,4% des schweiz. Mittels, fiel aber ab 1970 wegen der Uhrenkrise erstmals darunter und belief sich 1995 nur noch auf 77% des schweiz. Durchschnittseinkommens, was im kant. Vergleich der 23. Stelle entsprach. Danach holte N. auf und erreichte 2000 den 15. Rang. Die Expansion des 3. Sektors und der Zustrom von Grenzgängern hinterliessen Ende des 20. Jh. im wirtschaftl. und sozialen Gefüge des Kantons ihre Spuren.

Bevölkerungsentwicklung 1850-2000
JahrEinwohnerAusländer- anteilAnteil ProtestantenAnteil KatholikenAlters- struktur (Anteil >59)ZeitraumGesamt- zunahmeaGeburten- überschussaWanderungs- saldoa
185070 7537,0%91,8%7,9% 1850-186019,9‰8,9‰11,0‰
186087 3699,9%88,2%10,6%6,6%1860-18708,9‰10,6‰-1,7‰
187095 4258,9%86,7%11,7%6,9%1870-18806,4‰8,8‰-2,4‰
1880102 7448,7%87,8%11,2%7,8%1880-18886,4‰10,5‰-4,1‰
1888108 1539,1%87,3%11,5%7,0%1888-190013,0‰10,9‰2,1‰
1900126 27910,4%85,0%14,0%7,6%1900-19105,2‰9,3‰-4,1‰
1910133 06110,9%84,2%13,9%8,2%1910-1920-1,3‰3,3‰-4,6‰
1920131 3498,2%83,7%14,2%9,7%1920-1930-5,5‰1,7‰-7,2‰
1930124 3246,5%83,5%13,8%12,3%1930-1941-4,8‰-1,6‰-3,2‰
1941117 9004,0%83,6%14,6%15,4%1941-19509,3‰3,0‰6,3‰
1950128 1525,3%78,2%19,4%16,3%1950-196014,3‰3,2‰11,1‰
1960147 63311,3%68,6%28,7%16,8%1960-197013,7‰5,7‰8,0‰
1970169 17321,7%57,9%38,4%17,4%1970-1980-6,6‰1,9‰-8,5‰
1980158 36817,6%54,1%36,2%19,8%1980-19903,5‰0,2‰3,3‰
1990163 98522,4%45,5%36,4%21,1%1990-20003,3‰2,0‰1,3‰
2000167 94923,0%38,1%30,5%21,5%    

a mittlere jährliche Zuwachsrate

Quellen:HistStat; eidg. Volkszählungen; BFS

Autorin/Autor: Marc Perrenoud / EM

5.2 - Wirtschaft und Gesellschaft

Der Uhrenbranche kommt innerhalb des Industriesektors des Kt. N. eine Vorrangstellung zu. Deren Geschichte lässt sich in fünf Phasen gliedern. In einer ersten Phase 1848-76 wurden die Uhren häufig in gewerbl. Betrieben in den Städten, v.a. in La Chaux-de-Fonds, produziert. Die Uhrenfabrik in Fontainemelon mit über 100 Beschäftigten bildete eine Ausnahme. Dank Vertriebsnetzen in allen Kontinenten wurden die aus unzähligen Ateliers stammenden Uhren weltweit verkauft. Der Schock sass deshalb umso tiefer, als 1876 die amerikan. Konkurrenz an der Weltausstellung in Philadelphia Neuheiten wie die Mechanisierung, austauschbare Teile und Grossfabriken präsentierte und die heim. Produktion in eine schwere Krise stürzte.

In einer zweiten Phase 1876-1914 ging die Uhrenbranche allmählich zur Fertigung in Manufakturen und modernen Fabriken über, z.B. Zenith und Tissot in Le Locle. Berufsverbände und -schulen sowie neue gesetzl. Rahmenbedingungen unterstützten den neuerl. Industrialisierungsschub. Dennoch spielten die Ateliers und die Heimarbeit nach wie vor eine wichtige Rolle. 1914 war die amerikan. Konkurrenz zurückgedrängt, und die Neuenburger Uhrenindustrie hatte sich - analog zur Metall- und Maschinenindustrie - mit der Herstellung von Kriegsmaterial neue Absatzmärkte erschlossen. Dies stärkte zwar ihre Position, verschärfte aber gleichzeitig die sozialen und wirtschaftl. Unterschiede.

Kriege und Krisen von nie dagewesenem Ausmass kennzeichnen die dritte Phase 1914-45: Die Zahl der Arbeitsplätze ging für lange Zeit zurück, die Einkommen sanken, der Konzentrationsprozess innerhalb der Industrie schritt voran und Anstrengungen zur Modernisierung und Umstrukturierung wurden unternommen. So unterstützten die Banken in der Uhrenregion 1926 die Gründung der Holding Ebauches SA in N., 1931 die Schaffung der Allg. Schweizerischen Uhrenindustrie AG (Asuag). Die Reorganisation der Schweizer Uhrenindustrie erfolgte mit Hilfe des Staats (Bund und Kantone), der bei der Gründung und Expansion von Unternehmen mitbestimmte.

Der allg. Wirtschaftsboom 1945-75 charakterisierte die vierte Phase, wenngleich die Angst vor einer neuerlichen tiefen Krise immer wieder umging. Die florierenden Unternehmen, die dazu neigten, ihren Maschinenpark aufzublähen und die techn. Innovation zu vernachlässigen, stellten zunehmend Arbeitskräfte aus Italien, später v.a. aus Spanien und Portugal ein. Die Uhrenbranche boomte. Zwar investierten Persönlichkeiten wie Sydney de Coulon in die techn. Forschung und gründeten 1962 das Centre électronique horloger, das versch. Erfindungen hervorbrachte, doch gelangten diese Innovationen in zu geringem Mass und mit Verzögerung in die Produktion. 1971 öffnete in Marin (Gemeinde La Tène) die Ebauches électroniques, eine Tochterfirma der Asuag, ihre Tore. Ab Ende der 1960er Jahre steigerten ausländ. Konkurrenten, v.a. aus Japan, dank neuer Produkte (Elektronik, Quartz) ihre Anteile am Weltmarkt. Die Hochkonjunktur der Neuenburger Uhrenindustrie ging zu Ende.

Die fünfte Phase 1975-2000 setzte mit einer schweren Krise ein: Die Zahl der Beschäftigten in der Uhren- und Schmuckbranche sank von 18'876 im Jahr 1965 auf 17'209 1974 und betrug 1984 nur noch 7'741 Personen. Renommierte Firmen stellten ihre Produktion ein, Restrukturierungen wurden unumgänglich. Der Kt. N. verlor seine zentrale Stellung in der Uhrenindustrie an die Stadt Biel und deren Umgebung, obwohl sich die Fabrik in Marin behauptete. 1983 fusionierten die beiden Konzerne Asuag und Société suisse pour l'industrie horlogère, welche die Uhrenregion ein halbes Jahrhundert lang dominiert hatten, und bereiteten damit den Weg für die Gründung der Société suisse de microélectronique et d'horlogerie SA. Diese entwickelte neue Produkte, v.a. die Billiguhr Swatch, produzierte aber auch Luxusuhren, z.T. nach der Übernahme exklusiver Marken. Seit 1998 nennt sie sich Swatch Group. Andere Unternehmen blühten - oft mit Hilfe von ausländ. Kapital - ebenfalls auf und trugen zu einem weiteren Boom der Branche bei. Die ab 1900 in La Chaux-de-Fonds ansässige Schweiz. Uhrenkammer schloss sich 1982 mit dem Schweiz. Uhrenverband zum Verband der Schweiz. Uhrenindustrie mit Sitz in Biel zusammen.

Im 1984 gegr. Centre suisse d'électronique et de microtechnique in N. wurden versch. Forschungsinstitute vereinigt. Dieser Schritt spiegelte einen langfristigen Trend der Neuenburger Wirtschaft: Die Mikrotechnik, lange im Dienst der Uhrenindustrie, stand am Anfang einer Diversifizierung der Industrie, die neue Produkte anbot. Es entwickelten sich bedeutende Unternehmen wie die Papeteries de Serrières, Dubied in Couvet (1867-1987 Strickmaschinen), Dixi in Le Locle (seit 1904 Maschinen), Martini in Saint-Blaise (1903-34 Automobile) und die 1860 von Matthias Hipp gegr. Fabrik für Telegrafen und elektr. Apparate in N. (später Favag SA). Das Unternehmen Câbles Cortaillod (ab 1879) wurde zu einem wichtigen Akteur innerhalb eines internat. Kartells von Weltrang. Suchard (1826-1990) in N. und Klaus (1856-1992) in Le Locle waren die grossen Firmen der Lebensmittelbranche, die 1985 1'761 Personen beschäftigte. Die Vereinigten Tabakfabriken, die 1942 Sitz und Produktion nach N. verlegt und damals 150 Beschäftigte gezählt hatten (2001 1'134 Angestellte), wurden 1963 von Philip Morris übernommen. Als bedeutendes internat. Unternehmen stellte es für den Kt. N. einen erstrangigen Steuerzahler dar. Es war das Verdienst der Behörden, v.a. des Neuenburger Gemeinderats Gérard Bauer, gewesen, dass die Vereinigten Tabakfabriken in die Seeregion wechselten. Ab den 1930er Jahren wurde nämlich mit der Schaffung des Office de recherches des industries nouvelles in den Montagnes die Diversifizierungspolitik Aufgabe des Staats. Dieser unterstützte die Uhrenindustrie und erkannte allmählich, dass er zur Krisenbewältigung neue Wirtschaftszweige ansiedeln und günstige Rahmenbedingungen (Steuervorteile, Berufsbildung, Infrastruktur und Verkehrserschliessung) schaffen musste. Gleichzeitig bemühten sich die Behörden um den Erhalt des Gleichgewichts zwischen den Kantonsteilen. Das 1978 erlassene Gesetz zur kant. Wirtschaftsförderung ermöglichte die Schaffung einiger hundert Arbeitsplätze. 2002 gründete N. mit dem Kt. Waadt die Organisation Development Economic Western Switzerland zur Förderung ausländ. Investitionen, der sich die Kt. Wallis und Jura anschlossen (2010 ersetzt durch die Greater Geneva Berne Area).

2005 arbeiteten von total 83'724 Erwerbstätigen im Kanton 34,8% im 2. Sektor, womit der Anteil der Industrie in N. nach wie vor über dem schweiz. Durchschnitt lag. Dennoch war das ausgehende 20. Jh. vom Aufschwung des 3. Sektors geprägt, der bereits in den 1980er Jahren den 2. Sektor an Bedeutung überholt hatte. 2005 zählte der Dienstleistungssektor 61,3% der Erwerbstätigen.

Nach 1848 trieben die republikan. Behörden die Gesundheitspolitik voran. In versch. Regionen des Kantons entstanden bis ins 20. Jh. Spitäler und Pflegeeinrichtungen, einige davon aus privater Initiative wie die Stiftung Préfargier in der Gemeinde La Tène, die 1849 gegründet wurde, oder die 1894 errichtete Klinik Perreux in der Gemeinde Boudry. Beide psychiatr. Einrichtungen bestehen noch heute. 1921-61 verfügte der Kanton auch über ein Sanatorium in Leysin. Ende des 20. Jh. kam eine umfassende Reorganisation des Spitalwesens in Gang. 2006 wurden sechs Spitäler und eine Einrichtung für Palliativpflege im sog. Hôpital neuchâtelois zusammengeschlossen.

Im Rückblick erweist sich die jüngste Geschichte des Kt. N. als eine Epoche, die von der Industrie, v.a. der Uhrenindustrie, bestimmt wurde. Deren Krisen und Aufschwünge hatten erhebliche demograf., finanzielle, gesellschaftl. und kulturelle Auswirkungen. Ein Flair für Präzisionstechnik, ein Hang zum Lokalpatriotismus, regionale Bindungen, der Korporatismus der Uhrenbranche, aber auch die weltweiten Beziehungen benennen wesentl. Konstanten der Wirtschaft im Kt. N., der schlimmere Rezessionen als andere Kantone erlebt hat. Auch wenn industrielle Flaggschiffe wie Dubied oder Suchard verschwunden sind und eine Marginalisierung erkennbar ist, verfügt N. nach wie vor über ein tragfähiges Wirtschaftsgefüge.

Erwerbsstruktura
Jahr1. Sektor2. Sektor3. SektorbTotal
18609 00021,0%23 11653,9%10 75225,1%42 868
1870c9 15522,5%23 72558,3%7 80019,2%40 680
1880c8 94619,8%27 75561,4%8 50518,8%45 206
18887 57716,7%24 77754,5%13 10028,8%45 454
19007 63312,8%35 28459,3%16 57227,9%59 489
19107 30011,9%34 41956,3%19 48031,8%61 199
19207 18211,1%37 59358,1%19 88430,8%64 659
19306 67511,1%34 04256,5%19 55032,4%60 267
19417 08012,3%31 10754,1%19 36033,6%57 547
19505 7379,2%35 88857,8%20 48033,0%62 105
19604 5596,4%43 79261,0%23 39832,6%71 749
19703 9734,6%51 13159,7%30 56535,7%85 669
19803 4564,5%37 79749,2%35 50046,3%76 753
19902 6523,2%31 28537,9%48 62458,9%82561
2000d2 7143,3%24 52429,7%55 36367,0%82 601

a bis 1960 ohne Teilzeitangestellte

b Residualgrösse einschliesslich "unbekannt"

c ortsanwesende Bevölkerung

d Die Beschäftigtenzahlen der Volkszählung 2000 sind wegen der grossen Zahl "ohne Angabe" (10 108) nur begrenzt mit den vorhergehenden Daten vergleichbar.

Quellen:HistStat; eidg. Volkszählungen

Autorin/Autor: Marc Perrenoud / EM

5.3 - Religion und Kultur

5.3.1 - Kirchen und republikanischer Laizismus

Die im Gefolge der Revolution von 1848 entstandene Verfassung garantierte die Glaubens- und Gewissensfreiheit. Am 29.11.1848 verabschiedete der Grossrat ein Kirchengesetz, das der Allmacht des Pfarrkapitels ein Ende setzte und die ref. Kirche in eine Staatskirche (später Landeskirche genannt) umwandelte. Die kirchl. Autorität wurde einer Synode übertragen, der auch Laien angehörten. Der Staat, der die Kirchengüter beschlagnahmt hatte, entlöhnte fortan die Pfarrer. Somit zählte die Kirche, die früher das gesamte gesellschaftl. Leben dominiert hatte, zu den ersten Opfern des Regimewechsels. Der Staat übernahm die weltl. Macht und übertrug die geistl. Macht der Synode, welche die Kirchenzucht und die Pfarrerausbildung an der Akademie regelte. An die Stelle der Sittengerichte traten die Ratsversammlungen der Kirchgemeinde.

Lange hielt die ref. Kirche dem Säkularisierungsprozess nicht stand. Mit der Revision des Kirchengesetzes von 1873, die der damalige Staatsrat Numa Droz entwarf, verlor die Synode ihre Befugnis zur Einsetzung der Pfarrer, deren Gewissensfreiheit aber garantiert blieb. Auch die Verantwortung für die Pfarrerausbildung wurde ihr entzogen und der neuen Akademie zugewiesen. Das vom Grossrat gutgeheissene Gesetz führte zur Spaltung der Kirche. Eine unabhängige Kirche mit eigener theol. Fakultät bildete sich, worauf der Staat die sog. Landeskirche schuf, die in die Akademie eingegliedert wurde. Im Lauf der Jahrzehnte näherten sich Liberale und Orthodoxe wieder an und gründeten schliesslich 1943 die Eglise réformée évangélique du canton de Neuchâtel. Die völlige Trennung der Landeskirche vom Staat, die 1941 in der Verfassung festgeschrieben worden und einer Anerkennung ihrer Unabhängigkeit gleichgekommen war, hatte die Wiedervereinigung gefördert. Nur die Kt. Genf und N. kennen diese Trennung. Da die Kirchensteuer freiwillig ist, erweist sich die Finanzierung der Kirche als schwierig. 2001 wurde ein Konkordat geschlossen, das die Beziehungen zwischen dem Staat und der ref., kath. und christkath. Kirche neu bestimmte und diese als Institutionen von öffentl. Interesse anerkannte.

Die von der Verfassung eingeräumten Freiheiten begünstigten das Aufkommen evang. Gemeinschaften, die im gesellschaftl. und geistigen Leben des Kantons eine wichtige Rolle spielten. 1883 siedelte sich in N. die Heilsarmee an, was heftige polit. Auseinandersetzungen hervorrief. Im Zug des Kulturkampfs entstand 1875 in La Chaux-de-Fonds eine christkath. Kirche. Nach dem Zusammenschluss der ref. Kirchen anerkannte der Staat im Konkordat von 1943 die beiden kath. Kirchen. In der 2. Hälfte des 19. Jh. hatten sich im Kanton sechs kath. Pfarreien herausgebildet, die in die Diözese Lausanne-Freiburg-Genf eingegliedert und in der Fédération catholique romaine neuchâteloise vereinigt waren. Letzterer gehörte auch der bischöfl. Vikar an. Die 1988 ins Leben gerufene Communauté de travail des Eglises chrétiennes du canton zeugt von der intensiven ökumen. Zusammenarbeit.

1833 wurde in La Chaux-de-Fonds eine isr. Gemeinde gegründet, die sich in der 2. Hälfte des 19. Jh. zu einer wichtigen Gemeinschaft entwickelte, obwohl ihr die rechtl. Anerkennung verwehrt blieb. Trotz des verbreiteten Antisemitismus beteiligte sich die jüd. Bevölkerung an der Entwicklung der Uhrenindustrie sowie am gesellschaftl. und kulturellen Leben der Stadt. Dieses Selbstverständnis spiegelte sich im Bau der grossen Synagoge von 1896.

Die demograf. und gesellschaftl. Entwicklung führte am Ende des 20. Jh. zu einer Auffächerung der Religionsgemeinschaften und zu einer Lockerung der religiösen Bindungen. So gaben 2000 knapp 22% der Bevölkerung an, keiner Religion anzugehören (1970 2%). Trotz Mitgliederschwund stellten die Reformierten (38%) und Katholiken (30%) 2000 nach wie vor die Mehrheit, während sich die Zahlen der Muslime und Christlich-Orthodoxen deutlich erhöht hatten.

Autorin/Autor: Jean-Marc Barrelet, Marc Perrenoud / EM

5.3.2 - Bildung

Radikalismus und Sozialismus sowie die wirtschaftlich und gesellschaftlich bedeutende Uhrenindustrie förderten im 19. Jh. das Bildungswesen. Die Verfassung von 1848 erklärte den Primarschulunterricht für obligatorisch und weitete die Kompetenzen des Staats im Erziehungswesen aus. Zwischen 1850 und 1908 wurden fünf Gesetze zur Ausgestaltung der Primarschule verabschiedet. Das Gesetz über die Industrieschulen von 1853 gab den Anstoss für den Aufbau der Sekundar- und höheren Schulen, die in den nächsten Jahrzehnten ständig verbessert wurden. Damit einher ging um die Jahrhundertwende die Errichtung zahlreicher Schulgebäude in den Dörfern und Städten. 1873 wurde in N. das kant. Gymnasium eröffnet (seit 1997 Lycée Denis-de-Rougemont, ihm angeschlossen das Gymnasium von Fleurier), 1900 das Gymnasium von La Chaux-de-Fonds, das ab 1962 ebenfalls vom Kanton geführt wurde (seit 1997 Lycée Blaise-Cendrars). 1883 entstand eine Handelsschule in N. unter der Leitung von Léopold Dubois (seit 1997 Lycée Jean-Piaget), 1890 eine weitere in La Chaux-de-Fonds (seit 1997 ebenfalls Lycée Blaise-Cendrars). Die 1866 eröffnete zweite Akademie, die bis 1872 versch. Gymnasialabteilungen umfasst hatte, wurde 1909 zur Universität Neuenburg erhoben. N. erwarb sich in der Folge den Ruf einer Universitätsstadt, die man auch besuchte, um Französisch zu lernen. Folglich nahm die Zahl der Schüler- und Studentenunterkünfte zu.

Im Bereich der Berufsbildung ergriffen die polit. Behörden und Berufsverbände versch. Initiativen, was u.a. 1885 zur Gründung der Landwirtschaftsschule Cernier führte. Die notwendig gewordene Modernisierung innerhalb der Uhrenbranche offenbarte Ausbildungslücken am Arbeitsplatz, worauf 1851 in Fleurier, 1865 in La Chaux-de-Fonds, 1868 in Le Locle und 1871 in N. Uhrmacherschulen eröffnet wurden. Nach zögerl. Anfängen stieg die Zahl der Schüler, die Palette der Unterrichtsfächer wurde erweitert und der Stoff vertieft. Ab den 1880er Jahren hielt die Mechanisierung im Unterricht Einzug und entfaltete eine eigene Dynamik. In der Zwischenkriegszeit gelangten der Taylorismus und die Rationalisierung als neue Themen ins Unterrichtsprogramm. Auf Grund der Wirtschaftskrise schlossen sich 1932 die Technika von La Chaux-de-Fonds (1893 gegr.) und Le Locle (1903 gegr.) zum Neuenburger Technikum zusammen. Dieser Schritt half mit, die strukturellen Ursachen der hohen Arbeitslosigkeit zu beheben. Entsprechend der neuen Herausforderungen wurden die Berufsschulen in den folgenden Jahrzehnten laufend ausgebaut. In den 1990er Jahren kam es v.a. mit der Schaffung der Fachhochschule Westschweiz zu Zusammenlegungen und Neugründungen, um den hohen Ausbildungsstandard der Region zu halten.

Autorin/Autor: Jean-Marc Barrelet, Marc Perrenoud / EM

5.3.3 - Kultur- und Vereinsleben

In der 2. Hälfte des 19. Jh. führte die in der Verfassung von 1848 garantierte Pressefreiheit zur Bildung einer reichen Zeitungslandschaft. Allein in den Montagnes entstanden zwischen 1848 und 1914 gegen dreissig Titel, darunter "Le National suisse", "La Sentinelle" und "L' Impartial" (1999 Fusion mit "L' Express"). Die Presse diente der Verbreitung polit. Ideen und bereicherte die Kultur. Dank ihr setzte sich die in N. fest verankerte Tradition des Lesens fort. Anfang des 21. Jh. hat die Presse gegenüber den neuen Medien, dem Neuenburger Lokalradio RTN (1984 gegr.) und dem Lokalfernsehsender Canal Alpha (1987 gegr.), an Bedeutung verloren.

Das einst angesehene Neuenburger Verlagswesen erlebte Anfang des 20. Jh. eine Renaissance. Verlagshäuser wie Delachaux & Niestlé, La Baconnière (1927 von Hermann Hauser gegr.), Ides et Calendes (1941 von Fred Uhler gegr.) und Editions Gilles Attinger (1979 gegr.) veröffentlichten Werke Neuenburger Autoren aus Literatur, Wissenschaft und Kunst. Das Beispiel von Blaise Cendrars zeigt jedoch, dass es Schriftstellern und Intellektuellen mitunter schwer fiel, sich in der Heimat durchzusetzen. Bezeichnenderweise gelten die zugezogenen Friedrich Dürrenmatt und Agota Kristof als die berühmtesten "Neuenburger" Autoren.

Zu den älteren, noch existierenden Einrichtungen wie dem ehem. Stadttheater in N. oder dem Theater von La Chaux-de-Fonds kamen neue Spielstätten hinzu: 1968 liess sich das Théâtre populaire romand nach langjährigem Suchen in La Chaux-de-Fonds (Beau-Site) nieder, 2000 begann in der Stadt N. das neue Théâtre du passage mit seinem Programm. Kleinere und häufig ausserhalb der Zentren gelegene Bühnen stehen dem Laientheater zur Verfügung. Ausserdem findet im Kanton eine Reihe von angesehenen Festivals (Marionetten, Strassenkunst, Musik, Film) statt. 2002 war die Stadt N. ein Standort der Schweiz. Landesausstellung.

Das Musikleben erfuhr im 19. Jh. dank dem Engagement von Louis Kurz, der in N. u.a. 1858 die Musikgesellschaft und 1873 die Chorgesellschaft gründete, einen beachtl. Aufschwung. In La Chaux-de-Fonds ragte das Odéon-Orchester unter der Leitung von Georges Pantillon und Charles Faller hervor, und 1955 baute hier die Association Musica einen Musiksaal von hoher Qualität, in dem namhafte Musiker Aufnahmen machten. In N. boten ab 1917 das Konservatorium, in La Chaux-de-Fonds ab 1924 das Collège musical und ab 1931 das von Charles Faller initiierte Konservatorium ihre Ausbildungsgänge an. Die beiden Konservatorien gingen 1982 an den Kanton über, während die berufl. Ausbildung seit 2008 der Genfer Musikfachhochschule angegliedert ist.

<b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Plakat für eine 1986–87 im Musée d'ethnographie gezeigte Ausstellung über das Böse und den Schmerz (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>Bekannt wurde das Neuenburger Musée d'ethnographie unter den Konservatoren Jacques Hainard und Roland Kaehr, die ab 1981 zahlreiche originelle Ausstellungen organisierten. Auf überraschende Art übertrugen sie den spezifisch ethnologischen Blick, der bis anhin auf sogenannt primitive Gesellschaften fokussiert gewesen war, auf die Riten und Fetische der postindustriellen Gesellschaft.<BR/>
Plakat für eine 1986–87 im Musée d'ethnographie gezeigte Ausstellung über das Böse und den Schmerz (Schweizerische Nationalbibliothek).
(...)
<b>Neuenburg (Kanton)</b><br>Plakat für die Ausstellung "1291–1991, L'homme et le temps en Suisse" im Musée international d'horlogerie in La Chaux-de-Fonds (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>Im Rahmen der 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft 1991 widmete das Musée international d'horlogerie dem Verhältnis von Mensch und Zeit über die Jahrhunderte eine Ausstellung.<BR/>
Plakat für die Ausstellung "1291–1991, L'homme et le temps en Suisse" im Musée international d'horlogerie in La Chaux-de-Fonds (Schweizerische Nationalbibliothek).
(...)

Im Kt. N. befindet sich eine Reihe von Museen: als einziges kant. Museum das Archäologiemuseum Laténium in Hauterive, ausserdem das Musée international d'horlogerie in La Chaux-de-Fonds, das Uhrenmuseum Château des Monts in Le Locle, das Völkerkundemuseum in N., die naturhist. Museen in N. und La Chaux-de-Fonds, das Museum für Kunst und Geschichte in N. sowie die Kunstmuseen in La Chaux-de-Fonds und Le Locle. Die drei Kunstmuseen stellen Werke von Vertretern der wichtigsten Kunstrichtungen des 19. und 20. Jh. aus, u.a. von Maximilien de Meuron, Léopold Robert und Gustave Jeanneret. Die prägende Persönlichkeit zu Beginn des 20. Jh. war Charles L'Eplattenier, Direktor der Kunstschule in La Chaux-de-Fonds und Lehrer von Le Corbusier. Er führte in dieser Stadt den sog. Style sapin ein, eine am Jugendstil orientierte, aber an die jurass. Landschaft angepasste Ausprägung. Die an der Kunstschule unterrichtete Gravierkunst zur Verzierung der Taschenuhren besass ebenfalls einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert, weil diese Technik zahlreiche Künstler beeinflusste. Die Kunstschule besuchten zudem die Bildhauer Léon Perrin, Paulo Röthlisberger und André Ramseyer, die dem Kanton bedeutende Werke hinterliessen.

Das gesellschaftl. Leben im Kt. N. zeichnet sich durch ein dichtes Angebot von Clubs und Vereinen (u.a. Blasmusik, Chöre, Ortsvereine, philanthrop. Vereinigungen) aus. Sie stillten das für industrialisierte Gesellschaften charakterist. Bedürfnis nach Geselligkeit. Eine Neuenburger Besonderheit stellten die Zirkel dar, die bis Ende des 20. Jh. das Nachtleben bereicherten. Diese ursprünglich polit. Einrichtungen waren nicht einfach nur nachts geöffnete Cafés und Restaurants, sondern v.a. Treffpunkte und Clubs mit Bibliotheken, in denen Zeitungen gelesen wurden. Jede Partei und fast jedes Dorf hatte seinen Zirkel, der Raum für gesellschaftl. Aktivitäten bot.

Autorin/Autor: Jean-Marc Barrelet, Marc Perrenoud / EM

Quellen und Literatur

Archive
– AEN
– BPUN
– BVCF
– StadtA N.
Quellen
Monuments de l'histoire de Neuchâtel, hg. von G.-A. Matile, 3 Bde., 1844-48
Documents inédits sur la Réformation dans le Pays de Neuchâtel, hg. von A. Piaget, 1909
Traités d'alliance et de combourgeoisie de Neuchâtel avec les villes et cantons suisses, 1290-1815, hg. von J. Jeanjaquet, 1923
SSRQ NE
Literatur
– Historiografie
– Die Anfänge der Neuenburger Geschichtsschreibung reichen in das frühe 14. Jh. zurück. Es handelt sich dabei um Annalen, die wichtige Ereignisse aus rein dynast. Sicht darstellen. Neben der anonymen Chronik über die Burgunderkriege "Entreprises du duc de Bourgogne contre les Suisses" (Ende 15. Jh.) brachte die Neuenburger Historiografie vor dem 18. Jh. kein nennenswertes Werk hervor. Danach setzte Jonas Boyve die Tradition des Annalenschreibens fort und perfektionierte sie mit seinen "Annales historiques du comté du Neuchâtel et Valangin depuis Jules César jusqu'en 1722" (verfasst 1708-27, doch erst 1854-61 in 5 Bde. publiziert). Sie stützen sich grösstenteils auf Originalquellen. Die polit. Auseinandersetzungen des 19. Jh. erschwerten den unverkrampften Zugang zur Neuenburger Geschichte. Zwischen 1830 und 1860 diente die Geschichtsschreibung Republikanern und Monarchisten als Mittel zur Austragung ihrer Konflikte. Aus dieser bewegten Zeit sticht das Werk von Georges-Auguste Matile hervor, einem der wichtigsten Förderer der ersten Akademie und Vertreter der konservativen Strömung der hist. Rechtsschule. Seine "Histoire des institutions judiciaires et législatives de la principauté de Neuchâtel et Valangin" (1838) erneuerte die Institutionengeschichte grundsätzlich, während seine "Monuments de l'histoire de Neuchâtel" (1844-48) eine wertvolle Sammlung ma. Quellen bieten. Unter die klass. Werke der Neuenburger Geschichtsschreibung reihten sich danach die "Histoire de Neuchâtel et Valangin jusqu'à l'avènement de la maison de Prusse" von Frédéric de Chambrier (verfasst in den 1810er Jahren, publiziert 1840), die "Description topographique et économique de la mairie de Neuchâtel" (1840) von Samuel de Chambrier und die "Histoire de Neuchâtel et Valangin de 1707 à 1806" (1846) von Charles Godefroi de Tribolet ein, die sich als Fortsetzung des Werks von Frédéric de Chambrier verstand. Diese Autoren legten den Grundstein zu einer allg., heute noch brauchbaren Neuenburger Geschichtsschreibung. Einen Wendepunkt stellte die gleichzeitige Gründung der Société d'histoire et d'archéologie des Kt. N. und deren Zeitschrift "Musée neuchâtelois" (ab 1997 "Revue historique neuchâteloise") 1864 dar. Nun wurden die Ereignis- und Rechtsgeschichte von einer als eher konsensfähig empfundenen, in pittoresk-deskriptivem Stil gehaltenen Geschichtsschreibung verdrängt. Die erhabene Darstellung des Neuenburger Landes von der Vorgeschichte bis zur Moderne, von Alltagsleben, Sitten und Bräuchen war wie geschaffen, die Gemüter zu beruhigen. Diese Art von identitätsstiftender Geschichte findet sich besonders ausgeprägt in "Le canton de Neuchâtel" (6 Bde., 1893-1925) von Edouard Quartier-la-Tente. Nach der Jahrhundertwende passte sich die Neuenburger Geschichtsschreibung in method. Hinsicht allmählich modernen wissenschaftl. Ansprüchen an. Deren wichtigster Begründer, Arthur Piaget, entlarvte die "Chronique des chanoines", auf die sich zahlreiche Arbeiten gestützt hatten, als Fälschung des 18. Jh. Mit seiner "Histoire de la Révolution neuchâteloise" (5 Bde., 1909-31) brach er ein themat. Tabu. In der ruhigeren 2. Hälfte des 20. Jh. entstanden allg. Arbeiten wie das "Panorama de l'histoire neuchâteloise" von Jean Courvoisier (1963, durchgesehene und erweiterte Auflagen 1972 und 1978) und die Sammelbände "Histoire du Pays de Neuchâtel" (1989-93).
  • Reihen und Bibliografien

    Messager NE
    MN, (seit 1997 RHN)
    Revue neuchâteloise, 1957-83, (seit 1984 Nouvelle revue neuchâteloise)
    – A. Froidevaux, Bibl. neuchâteloise, 1990-
  • Allgemeines

    – E. Demole, W. Wavre, Histoire monétaire de Neuchâtel, 1939
    – L. Jéquier, Armorial neuchâtelois, 2 Bde., 1939-44
    Kdm NE, 3 Bde., 1955-68
    – L. Montandon et al., Neuchâtel et la Suisse, 1969
    – R. Scheurer et al., Histoire du Conseil d'Etat neuchâtelois, 1987
    Hist.NE
    Biogr.NE
  • Urzeit und Antike

    HA 43/44, 1980
    ArS 7, 1984; 25, 2002
    Archéologie neuchâteloise, 1986-
    SPM 1-6
  • Frühmittelalter

    – H. Miéville, «Noms de lieux et peuplement dans le canton de Neuchâtel», in Paysages découverts 2, 1993, 173-189
    – J. Bujard, «Les églises du haut Moyen Age dans l'arc jurassien», in ZAK 59, 2002, 207-214
    – J. Bujard, J.-D. Morerod, «Colombier NE, de la "villa" au château», in De l'Antiquité tardive au haut Moyen Age (300-800), hg. von R. Windler, M. Fuchs, 2002, 49-57
    – G. Graenert, «Romans entre lac et Jura: le haut Moyen Age dans le canton de Neuchâtel», in RHN, 2003, 63-81
  • Vom Mittelalter bis 1848

    – A. Piaget, Histoire de la Révolution neuchâteloise, 5 Bde., 1909-31
    – J. Courvoisier, Le maréchal Berthier et sa Principauté de Neuchâtel (1806-1814), 1959
    – F. Loew, Le système des échanges à Neuchâtel au XVe siècle, 1966
    – G. Berger-Locher, Neuchâtel sous l'occupation des douze cantons 1512-1529, 1975
    – M. de Tribolet, «La fondation du prieuré de Corcelles et les origines de la maison de Neuchâtel (1092)», in Publication du Centre européen d'études burgundo-médianes 17, 1976, 33-41
    – P. Henry, Crime, justice et société dans la Principauté de Neuchâtel au XVIIIe siècle (1707-1806), 1984
    La Révolution dans la montagne jurassienne (Franche-Comté et pays de Neuchâtel), hg. von A. Bandelier, J.-M. Barrelet, 1989
    – J. Courvoisier, «La formation du territoire neuchâtelois», in La formation territoriale des cantons romands, hg. von L. Hubler, 1989, 41-51
    – J.-P. Jelmini, 12 septembre 1814… et Neuchâtel devint suisse, 1989
    – M. de Tribolet, Dépendance et profit seigneurial: société d'ordres et économie domaniale dans les anciennes possessions des comtes de Neuchâtel, 1990
    – A. Bachmann, Die preuss. Sukzession in Neuchâtel, 1993
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    – D. Queloz, La défense du Comté de Neuchâtel durant la guerre de Trente Ans, 1998
    Conservatisme, réformisme et contestation: aux origines de la Révolution neuchâteloise de 1848, hg. von P. Henry, 1999
    – R. Scheurer, «Henri II d'Orléans-Longueville, les Suisses et le comté de Neuchâtel à la fin de la guerre de Trente Ans», in 1648: Die Schweiz und Europa, hg. von M. Jorio, 1999, 99-109
    – G. Bischoff, «La "langue de Bourgogne": esquisse d'une histoire politique du français et de l'allemand dans les pays de l'entre-deux», in Entre Royaume et Empire: frontières, rivalités, modèles, hg. von J.M. Cauchies, 2002, 101-118
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    – J.-P. Jelmini, Fausses Lettres, vraies nouvelles, 2004
    – J.-D. Morerod, «Comment fonder une principauté d'Empire? Les signes manifestes du pouvoir comtal à Neuchâtel», in La Suisse occidentale et l'Empire, hg. von J.-D. Morerod et al., 2004, 137-163
    Le rayonnement d'une maison d'édition dans l'Europe des Lumières: la Société typographique de Neuchâtel, 1769-1789, hg. von R. Darnton, M. Schlup, 2005
    Sujets ou citoyens?: Neuchâtel avant la Révolution de 1848, hg. von P. Henry, J.-M. Barrelet, 2005
    – L. Bartolini, Une résistance à la Réforme dans le pays de Neuchâtel: Le Landeron et sa région (1530-1562), 2006
    – J. Bujard, C. de Reynier, «Les châteaux et les villes du Pays de Neuchâtel au Moyen Age», in MA: Zs. des Schweiz. Burgenvereins 11, 2006, 69-102
    – M. Evard, Toiles peintes neuchâteloises, 2006
  • Von 1848 bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts

    – C. Thomann, Le mouvement anarchiste dans les Montagnes neuchâteloises et le Jura bernois, 1947
    – J.-J. Schumacher, Partis politiques neuchâtelois et interventionnisme fédéral en matière économique (1874-1978), 1980
    – A. Jeanneret, Le pays de Neuchâtel et l'aménagement du territoire, 1981
    – A. Montandon, Politique hospitalière neuchâteloise, 1984
    Histoire de l'Université de Neuchâtel, 3 Bde., 1988-2002
    – M. Evard, A bonne école: éducation, instruction et formation des potaches sous la République, 1992
    – J.-P. Jelmini et al., L'art neuchâtelois, 1992
    – M. Perrenoud, «Crises horlogères et interventions étatiques: le cas de la Banque cantonale neuchâteloise pendant l'entre-deux-guerres», in Banken und Kredit in der Schweiz (1850-1930), hg. von Y. Cassis, J. Tanner, 1993, 209-240
    – M. Perrenoud, «Entre la charité et la révolution: les Comités de chômeurs face aux politiques de lutte contre le chômage dans le canton de Neuchâtel lors de la crise des années 1930», in Pour une histoire des gens sans histoire, hg. von J. Batou et al., 1995, 105-120
    – Y. Froidevaux, «Mobilité spatiale, immigration et croissance démographique: le Pays de Neuchâtel, 1750-1914», in RSH 49, 1999, 64-86
    Neuchâtel, la Suisse, l'Europe: 1848-1998, hg. von J.-M. Barrelet, P. Henry, 2000
    – T. Christ, S. Riard, Du réduit communal à l'espace national: le statut des étrangers dans le Canton de Neuchâtel 1750-1914, 2000
    – M. Perrenoud, «Face aux guerres et pour la paix: socialisme et pacifisme dans le canton de Neuchâtel (1929-1939)», in Guerres et paix, hg. von M. Porret et al., 2000, 485-501
    – M. Perrenoud, «Attitudes suisses face aux réfugiés du national-socialisme: la politique de la Confédération et le canton de Neuchâtel», in Actes SJE, 2002, 272-288
    – C. Stawarz, La paix à l'épreuve: La Chaux-de-Fonds, 1880-1914: une cité horlogère au cœur du pacifisme international, 2002
    – N.-L. Perret, Croyant et citoyen dans un Etat moderne: la douloureuse négociation des églises issues de la Réforme à Neuchâtel: 1848-1943, 2006
    – J. Boillat, Une ligne à travers les Montagnes: la première compagnie de chemin de fer du Locle à Neuchâtel, 2007
    – P.-Y. Donzé, Les patrons horlogers de La Chaux-de-Fonds, 2007
    – A. Burki, L. Ebel, "A l'heure des petites mains…": l'embauche d'ouvrières italiennes, 2008
    – A. Joseph, Neuchâtel, un canton en images: filmographie, 2008-
    – T. Christ, Pauvreté, mendicité et assistance publique dans le pays de Neuchâtel, 1773-1888, Diss. Neuenburg 2009

Autorin/Autor: Lionel Bartolini / MD