Waadt

Kanton der Eidgenossenschaft seit 1803. Amtl. Name: Kt. W., franz. Canton de Vaud, ital. Cantone di Vaud, rom. Chantun Vad. Die ältere Bezeichnung Waadtland oder die W. (franz. Pays de Vaud) geht auf pagus waldensis (765) zurück. Amtssprache ist Franzisch, Hauptort ist Lausanne.

Die W. gehörte in der Spätantike bzw. im FrühMA nacheinander zum burgund. Reich, zum fränk. Reich, zum Mittelreich, zum Zweiten Königreich Burgund und zum Hl. Röm. Reich. 1011 erhielt der Bf. von Lausanne vom Kg. von Burgund die comté de Vaud, faktisch die Regalien über das Gebiet. Zu Beginn des 13. Jh. fasste das Haus Savoyen im bischöfl. Gebiet Fuss. 1285-1359 diente das Waadtland als Apanage der jüngeren Linie und fiel dann an den älteren Zweig der Gf. und späteren Hzg. von Savoyen zurück. Als Folge der Burgunderkriege 1474-76 wurden Teile der W. und 1536 das gesamte Gebiet Untertanenland von Bern bzw. von Bern und Freiburg in den gemeinen Herrschaften Orbe-Echallens und Grandson; erst die Waadtländer Revolution 1798 beendete die Fremdherrschaft. Während der Helvet. Republik hiess die W. Kt. Léman, vom Erlass der Mediationsakte (1803) an Kt. W.

Das Territorium umfasst Teile des Faltenjuras (darunter das Vallée de Joux), des Mittellands (mit dem Gros-de-Vaud und dem Jorat) sowie der Voralpen (Les Ormonts, Pays-d'Enhaut) und gehört zum Einzugsgebiet der Rhone (Venoge) und des Rheins (Broye, Orbe, Saane). Der Kanton grenzt an den Genfersee (La Côte, Lavaux, Chablais) sowie an den Neuenburgersee und den Murtensee. Er hat eine gemeinsame Grenze mit Bern und Frankreich sowie mit allen Westschweizer Kantonen mit Ausnahme des Juras. Seit dem Altertum führen europ. Verbindungswege durch sein Gebiet. Seine Grenzen sind seit dem 16. Jh. unverändert, ausser im Broyetal - Avenches und Payerne waren zwischen 1798 und 1802 freiburg. Distrikte - und im Dappental, wo 1862 der Grenzverlauf mit Frankreich bereinigt wurde. Der viertgrösste Kanton der Schweiz mit der drittgrössten Bevölkerung zählte bis Ende 1998 385 Gem., am 1.1.2013 318. Lausanne ist Sitz einer Universität, die im 16. Jh. als Akademie gegründet wurde, einer zuerst kant., seit 1969 eidg. technischen Hochschule, des Bundesgerichts (seit 1875) sowie internat. Organisationen, darunter seit 1915 des Internat. Olympischen Komitees.

Fläche (2006)3 212,1 km² 
Wald/bestockte Fläche1 022,6 km²31,8%
Landwirtschaftliche Nutzfläche1 393,1 km²43,4%
Siedlungsfläche270,0 km²8,4%
Unproduktive Fläche526,4 km²16,4%

Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur
Jahr 18501880a1900195019702000
Einwohner 199 575235 349281 379377 585511 851640 657
Anteil an Gesamtbevölkerung der Schweiz8,3%8,3%8,5%8,0%8,2%8,8%
Sprache       
Französisch  212 164243 463319 287376 908524 234
Deutsch  21 69224 37241 81845 57230 408
Italienisch  2 51810 66710 92550 00218 713
Rätoromanisch  3992272309268
Andere  2 3172 7855 28339 06067 034
Religion, Konfession       
Protestantisch 192 225219 427242 811294 823310 608256 507
Katholischb 6 96218 17036 98075 142184 914215 401
Christkatholisch    810242491
Andere 3881 1331 5886 81016 087168 258
davon jüdischen Glaubens 3885761 0761 8142 7432 062
davon islamischen Glaubens     1 46124 757
davon ohne Zugehörigkeitc     5 67489 405
Nationalität       
Schweizer 194 283222 480250 205350 078396 299463 664
Ausländer 5 29212 86931 17427 507115 552176 993
Jahr  19051939196519952005
Beschäftigte im Kanton1. Sektor 76 26269 87023 66121 749d17 349
 2. Sektor 48 70247 15691 78465 43861 561
 3. Sektor 33 45744 388103 492212 410233 295
Jahr  19651975198519952005
Anteil am schweiz. Volkseinkommen 8,0%7,9%8,2%8,6%8,7%

a Einwohner, Nationalität: Wohnbevölkerung; Sprache, Religion: ortsanwesende Bevölkerung

b 1880 und 1900 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

c zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

d gemäss landwirtschaftl. Betriebszählung 1996

Quellen:HistStat; eidg. Volkszählungen; BFS

1 - Von den Anfängen bis ins Frühmittelalter

1.1 - Ur- und Frühgeschichte

Zu den Pionieren der Waadtländer Archäologie gehören Frédéric-Louis Troyon, Albert Naef und David Viollier, der 1927 die "Carte archéologique du canton de Vaud" erstellte. Der archäolog. Dienst des Kt. W. führt deren Arbeit seit 1973 weiter. 2011 verzeichnete er nahezu 3'500 Fundorte, wovon mehr als ein Viertel vorröm. Spuren aufweisen. Diesen Reichtum an Funden aus der Urzeit verdankt der Kt. W. seiner grossen Fläche (2822 km2, ohne Seen) sowie der geograf. und ökolog. Vielfalt.

1.1.1 - Vom Jungpaläolithikum bis zum Mesolithikum

Die ältesten Belege einer Begehung des waadtländ. Gebiets stammen vom Ende des Paläolithikums. In der Grotte Le Scex du Châtelard (Gem. Villeneuve) wurden Werkzeuge aus behauenem Silex des späten Magdalénien (ca. 13'500 v.Chr.) zusammen mit Überresten der eiszeitl. Fauna entdeckt. Auch im Abri Freymond (Gem. Mont-la-Ville) beim Col du Mollendruz fanden sich einzelne Zeugen aus dieser Periode.

Der spätpaläolith. Kultur des Azilien sind auf 12'500 v.Chr. datierte Spuren in zwei jurass. Abris, auf dem Mollendruz und im Abri de la Cure (Gem. Baulmes), zuzuweisen. V.a. aber das Mesolithikum, das mit der starken Erwärmung und der Entstehung des Walds zusammenfällt, weist auf dem Gebiet der W. viele Funde auf: Mikrolith. Geräte aus Silex (Pfeilspitzen, Schaber), aus Knochen oder Hirschgeweih, Herdstellen und geringe Siedlungsspuren belegen zwischen 9000 und 6000 v.Chr. von Jägern und Sammlern benutzte Rast- oder Lagerstellen. Das bergige Gebiet der Voralpen wurde im Azilien, dann auch im Mesolithikum aufgesucht, wie der Felsunterstand Les Sciernes-Picats (Gem. Château-d'Œx) belegt. Ein kleiner Abri wurde auf dem Molasseplateau in Ogens entdeckt. Nomad. Jäger begingen auch das Ufer des Genfersees in Lausanne-Vidy.

Autorin/Autor: Gilbert Kaenel / AHB

1.1.2 - Das Neolithikum

Auf die Wildbeuter (Jagd, Fischfang, Sammelwirtschaft) folgten Viehzüchter und Ackerbauern, deren älteste Spuren in den bereits früher benutzten Abris nachgewiesen wurden, so in Baulmes (einige Keramikscherben, 5500-5000 v.Chr.), auf dem Mollendruz (Keramik und geschliffener Stein, 5000-4500 v.Chr.), aber auch auf dem Hügel der Cité von Lausanne (um 4500 v.Chr.). Auf den Terrassen des Mittellands und an den Ufern der Seen wurden dauerhafte Siedlungen angelegt, der Wald gerodet und in der Nähe der Höfe und Weiler Getreide gepflanzt. Zwar deuten einige Spuren (Sous-Colachoz, Gem. Concise) auf eine Belegung ab 4500-4000 v.Chr. hin, doch die Siedlungsweise am Ufer (Pfahlbauer) wurde erst ab 3900 v.Chr. allgemein üblich und hielt sich, mit Unterbrüchen von manchmal mehreren Jahrhunderten, bis zur Bronzezeit. Nahezu 90 prähist. Ufersiedlungen liegen am Waadtländer Ufer des Genfer- und des Neuenburgersees, sodass die W. von allen Kantonen die meisten dieser Siedlungen aufweist: U.a. in den Buchten von Morges, Yverdon-les-Bains, Yvonand, Concise folgten jeweils mehrere Dörfer aufeinander. Die hervorragende Konservierung im feuchten Boden (Holz, Gewebeteile, Flechtwaren) erleichtert die Rekonstruktion der Siedlungen. Dank der Dendrochronologie lassen sich die Überreste der viereckigen, auf Pfosten abgestützten Häuser mit meist erhöhtem Fussboden datieren und die baul. Veränderungen der Dörfer nachzeichnen.

Während des ganzen mittleren Neolithikums (ca. 5000 bis 3300/3250 v.Chr.) entwickelte sich in mehreren Phasen die Cortaillodkultur, die aus mediterranen Elementen hervorging und deren Zentrum in der Westschweiz lag. Sie wurde von der aus der Zürichseeregion stammenden Horgener Kultur abgelöst (3250-2950 v.Chr.), gefolgt von der Lüscherzkultur, die südländ. Einflüsse aufnahm (2950-2700 v.Chr.) und dann ins Auvernier cordé überging. Das späte Neolithikum zeigt eine Prägung durch die im Nordosten des Mittellands anzusiedelnde Schnurkeramikkultur (2700-2450 v.Chr.), auf welche die Glockenbecherkultur folgte (2450-2200 v.Chr.). Aufgrund einer Klimaverschlechterung wurden die Ufersiedlungen um 2400 v.Chr. aufgegeben.

Gräber aus dem mittleren Neolithikum sind am Genfersee besonders gut belegt. Die Toten wurden in Hockerstellung beigesetzt, und zwar in Steinkistengräbern, die mehrere Individuen aufnehmen konnten und in Gräberfeldern angeordnet wurden. Die berühmtesten sind jene von Chamblandes, nach denen dieser Typ des Steinkistengrabs benannt ist, und von Pierra-Portay (beide Gem. Pully), von Les Gonelles (Gem. Corseaux) und von Lausanne-Vidy. Die Menhirreihen in Clendy (Gem. Yverdon-les-Bains) und La Possession (Gem. Lutry) sowie mehrere Megalithen oder Megalithgruppen am Nordufer des Neuenburgersees und in Lausanne-Vidy hängen mit religiösen Riten zusammen. Jede dieser Kulturen formte und verzierte Keramikgegenstände und Werkzeuge aus geschliffenem Stein, Silex, Hirschgeweih und Knochen auf ihre eigene Weise und entwickelte sie weiter. Mithilfe dieser Erzeugnisse lassen sich 3000 Jahre des Neolithikums gliedern und charakterisieren. Im 4. Jt. v.Chr. traten die ersten Objekte aus Kupfer auf.

Autorin/Autor: Gilbert Kaenel / AHB

1.1.3 - Bronzezeit

Über die ersten 200 Jahre der frühen Bronzezeit (2200-2000 v.Chr.) ist auf Waadtländer Gebiet praktisch nichts bekannt. Zwischen 2000 und 1550 v.Chr. jedoch entwickelte sich eine eigentl. Bronzeindustrie (Legierung von Kupfer und Zinn). Diese ist hauptsächlich im Chablais durch der Rhonekultur zugeschriebene Körpergräber mit Steinumrandung fassbar, in denen die Toten in ausgestreckter Rückenlage bestattet wurden (Ollon-Saint-Triphon, Pully, Ecublens). Neben den Grabbeigaben und Haushaltsgegenständen wurden rituell gedeutete Waffen- und Metallschmuckdepots entdeckt, so in Neyruz fünf Beile und ein Dolch. Die Funde von Lausanne-La Bourdonnette und Lausanne-Bois-de-Vaux, prunkvolle Grabstätten oder Depots, sind weitere hervorragende Zeugnisse dieser Kultur. Die um 2400 v.Chr. aufgegebenen Siedlungsplätze wurden kurz vor 1800 v.Chr. wieder belegt (Morges-Les Roseaux, Préverenges, Yverdon-les-Bains-Clendy, Concise-Sous-Colachoz). Noch zahlreicher sind die Ufersiedlungen um 1700-1600 v.Chr. in einer mit "Roseaux" bezeichneten Phase nach dem Namen der Siedlung bei Morges.

Der Beginn der mittleren Bronzezeit (1600-1500 v.Chr.), gekennzeichnet durch einen erneuten Unterbruch in der Besiedlung der Seeufer, fällt mit dem Ende der Rhonekultur zusammen. Die folgende Phase (1500-1350 v.Chr.) ist durch vom Ufer zurückversetzte (Champ Vully, Gem. Rances; Le Motti, Gem. Onnens) oder in der Ebene liegende Siedlungen (En Planeise, Gem. Payerne) vertreten, v.a. aber durch Tumuli (En Sency, Gem. Vufflens-la-Ville), Grabhügel mit mehreren übereinanderliegenden Gräbern, die vom allmähl. Wiederaufkommen der Brandbestattung zeugen.

Der Beginn der Spätbronzezeit (1350-1100 v.Chr.) überschneidet sich mit der Endphase der mittleren Bronzezeit. Die befestigte Siedlung (temporäres Refugium?) des auf nahezu 1400 m gelegenen Châtel d'Arruffens (Gem. Montricher) auf den Jurahöhen war vom Ende der mittleren Bronzezeit an bewohnt.

Die letzten Seeufersiedlungen vom Ende der Spätbronzezeit (1050-800 v.Chr.) sind durch grossflächige Dörfer charakterisiert, die mehrere Dutzend Häuser umfassen konnten. Die Fundstätten Corcelettes (Gem. Grandson), Grande Cité (Gem. Morges) und Eau Noire (Gem. Avenches) lieferten eine beeindruckende Menge an materiellen Zeugnissen: bronzene Werkzeuge, Schmuckgegenstände und Waffen, von denen die meisten als rituelle Depots gedeutet werden, und Gefässe aus Keramik. Die teils erhöht liegenden oder durch die natürl. Lage geschützten Landsiedlungen (Lausanne-La Cité, Ollon-Saint-Triphon) sind weniger erforscht. Aus der ausgehenden Spätbronzezeit stammen Erzeugnisse aus Keramik und Metall der Kultur Rhin-Suisse-France orientale, die auch durch Brandbestattungen mit typ. Grabausstattung gekennzeichnet ist, so am Boiron (Gem. Tolochenaz), in Saint-Prex, Saint-Sulpice oder in Lausanne-Vidy.

Autorin/Autor: Gilbert Kaenel / AHB

1.1.4 - Eisenzeit

Die Siedlungen der älteren Eisen- oder Hallstattzeit, die nach dem Verlassen der Ufergebiete gegründet wurden, so jene von Le Motti (Gem. Onnens), Faoug oder Avenches-En Chaplix (8.-7. Jh. v.Chr.), sind noch wenig erforscht. Der schon in der Spätbronzezeit aufgetretene Erdhügel über dem Grab des Verstorbenen wurde allgemein üblich. Der Tumulus von Payerne, der am Ende des 19. Jh. untersucht wurde, gab die Reste eines vierrädrigen Wagens und einen goldenen Halsring frei. Er gehört zu einer grossen Gruppe von sog. Fürstengräbern und -sitzen der Späthallstattzeit und des Beginns der Latènezeit (Ende 7. Jh. bis Anfang 5. Jh. v.Chr.).

Für die ersten nahezu 300 Jahre der jüngeren Eisen- oder Latènezeit (480/450-30 v.Chr.) sind Körpergräber, sog. Flachgräber ohne oberird. Aufbau, praktisch die einzigen Zeugnisse, mit Ausnahme einiger Siedlungsreste in Rances oder unter der röm. villa von Orbe. Die Nekropole von En Pétoleyres (Gem. Saint-Sulpice) mit ihren knapp 100 Grabstätten - die zweitgrösste der Schweiz - wurde von der frühen bis zum Beginn der mittleren Latènezeit benutzt (2. Hälfte des 5. Jh. bis Beginn des 3. Jh. v.Chr.). Mit Speer und Lanze bewaffnete Männer und reich mit Hals-, Arm- und Beinreifen, Glas- und Bernsteinperlen geschmückte Frauen wurden dort ebenso begraben wie Kinder; ein Mädchen trug zwei Figuren aus Glaspaste phöniz. Herkunft. Das teilweise erforschte Gräberfeld von En Crédeyles (Gem. Vevey) hat Fundkomplexe geliefert, die auf 400-200 v.Chr. datiert werden.

Am Ende der Latènezeit wurden diese Nekropolen aufgegeben und teilweise wieder Feuerbestattungen vorgenommen, bei den rund 30 Gräbern von Lausanne-Vidy etwa gleich viele wie Körperbestattungen (2. Hälfte des 2. Jh. v.Chr.). Das auffälligste Merkmal dieser Zeit ist die Entstehung neuer Siedlungen, so des bäuerl. Weilers in La Maule (Gem. Cuarny) oder der grösseren Siedlung von Yverdon, die sich spätestens zu Beginn des 2. Jh. aus einem offenen Dorf zu einem Oppidum entwickelte. Dieser städt. Ort wurde 80 v.Chr. mit einer Befestigungsanlage umgeben, einer durch eichene Frontpfosten verstärkten Trockensteinmauer mit dahinterliegendem Erdwall (Pfostenschlitzmauer). Keramikproduktion, vielseitiges Handwerk, Prägung von Silbermünzen nach röm. Vorbild und von Potinmünzen (kupferhaltige Legierung) sowie Importe aus der röm. Welt sind repräsentativ für diese Kultur der Spätlatènezeit, die den Helvetiern der Westschweiz zugeschrieben werden kann. Die 2006 entdeckte Fundstätte auf dem Mormont (Gem. Eclépens und La Sarraz) vom Ende des 2. Jh. v.Chr. besass sicher kult. Funktion. Dort wurden in zahlreichen, bis auf den kalkhaltigen Untergrund hinabreichenden Gruben Keramikgefässe, Schmuckgegenstände, metallene Werkzeuge, Tiere und Menschen als Opfergaben niedergelegt.

Zur Zeit des Gall. Kriegs (58-51 v.Chr.) wurde in Sermuz (Dorf Gressy, Gem. Yverdon-les-Bains) ein kleines, mit einer gall. Mauer (murus gallicus) geschütztes Oppidum errichtet. Wie jenes in Lausanne-Vidy wandelte sich dieses Oppidum ab der Mitte des 1. Jh. v.Chr. zu einer galloröm. Siedlung. Auf dem Hügel Bois de Châtel in der Ebene von Avenches stand im 1. Jh. v.Chr. ein Oppidum, aus dem zahlreiche Überreste bekannt sind, insbesondere Grabbeigaben aus dem 2. Jh. v.Chr. Diese wurden im hl. Bezirk im Westen der späteren Hauptstadt des röm. Helvetiens entdeckt und zeugen von der Siedlungskontinuität bei Anbruch der Römerzeit.

Autorin/Autor: Gilbert Kaenel / AHB

1.2 - Römische Zeit

In der Antike bildete der Kt. W. keine polit. oder ethn. Einheit: Ab der Spätlatènezeit (2.-1. Jh. v.Chr.) lagen die Genferseeregion und das Mittelland in helvet., das Chablais in nantuat. Gebiet und das Pays-d'Enhaut vermutlich in der rät., nicht-kelt. Zone.

1.2.1 - Das Territorium

Auf dem waadtländ. Territorium kreuzten sich bedeutende Fluss- und Landwege. Die Strecke Lausanne-Yverdon spielte als Verbindung zwischen Rhonebecken und Rheinebene eine wichtige Rolle für den Warenverkehr und die Versorgung der rhein. Gebiete. Die strateg. Route über den Gr. St. Bernhard, die 47 n.Chr. von Ks. Claudius ausgebaut wurde, führte durch den Kanton und überquerte den Jura über den Jougne-Pass. Die Strecke Villeneuve-Genf entlang des Genfersees und die von Vevey, Lausanne und Nyon nach Norden abgehenden Strassen vervollständigten das Netz. Diese Konstellation der Land- und Wasserwege, die Nachbarschaft zur Provinz Narbonensis (Genf, Südufer des Genfersees) und zu Italien sowie die Vielfältigkeit der Landschaft und der natürl. Ressourcen erklären die aussergewöhnl. Dichte an röm. Siedlungen.

Mit der Colonia Iulia Equestris (Nyon) und Aventicum (Avenches) umfasste der Kanton zwei röm. Kolonien (Colonia). Zu den kleineren Ortschaften zählten Pennelocus (Villeneuve), Viviscus (Vevey), Lousonna (Lausanne), Uromagus (Oron), Minnodunum (Moudon) und Eburodunum (Yverdon-les-Bains). In der Ebene lagen zahlreiche Gutshöfe - mindestens so viele wie heutige Dörfer -, darunter besonders prunkvolle wie die villae von Pully, Commugny, Yvonand oder Orbe (Boscéaz). Vom röm. Verkehrsnetz zeugen Reste von Strassen (Meilensteine und Fahrspuren) in Yvorne, Saint-Saphorin (Lavaux), Saint-Prex oder Ballaigues. Einzelne Heiligtümer befanden sich in Ursins oder auf dem Gipfel des Chasseron (Gem. Bullet).

Autorin/Autor: Laurent Flutsch / AHB

1.2.2 - Die Helvetier und Rom

Nach ihrem Auswanderungsversuch und ihrer Niederlage bei Bibracte 58 v.Chr. kehrten die Helvetier wieder in ihr altes Siedlungsgebiet zurück. Über ihren Status in den folgenden 40 Jahren ist nichts Genaues bekannt. Helvetien wurde zwar formell nicht unterworfen, doch die röm. Präsenz verstärkte sich: 45/44 v.Chr. wurde für Veteranen der röm. Kavallerie die Kolonie Nyon gegründet. Ihr Territorium erstreckte sich vom Genfersee bis zum Jura und vom Pas de l'Ecluse bis zur Aubonne, wenn nicht bis zur Morges. Ein Teil der Region La Côte war also schon ab diesem Zeitpunkt röm. Gebiet. Im Mittelland wurden röm. Truppen vermutlich an den strategisch wichtigen Punkten stationiert, u.a. in Sermuz. Der wirtschaftl. Einfluss Roms verstärkte sich durch die Einfuhr von ital. Geschirr und die Verwendung von Ziegeln beim Siedlungsbau, z.B. in Lausanne-Vidy.

Im Vorfeld der Germanenfeldzüge eroberte Augustus 13 v.Chr. die Alpen und schloss damit die Unterwerfung der Helvetier und ihrer alpenländ. Nachbarn, einschliesslich Nantuaten und Räter, ab. Das Land der Helvetier wurde nun als civitas der Gallia Belgica angegliedert, die Nantuaten und die anderen Stämme des Wallis einem Bezirk Rätiens zugeteilt.

Autorin/Autor: Laurent Flutsch / AHB

1.2.3 - Der Aufschwung der städtischen Siedlungen

Die Urbanisierungspolitik von Ks. Augustus entfaltete ihre Wirkung ab dem letzten Jahrzehnt vor unserer Zeitrechnung auch auf waadtländ. Boden. Die bestehenden Kleinstädte wurden umgestaltet oder verlegt (Lausanne, Avenches), andere Siedlungen vermutlich erst gegründet. Mit einer Ortschaft alle 30 km entlang der Verkehrsachsen war dieser Prozess um 20 n.Chr. praktisch abgeschlossen. Diese regionalen Zentren der röm. Macht, in denen die indigene Aristokratie einen günstigen Rahmen für die Bewahrung ihrer Vorrechte fand, förderten die Romanisierung. Ab Mitte des 1. Jh. n.Chr. setzte sich die röm. Mauertechnik durch und in den wichtigsten Ortschaften wurden grosse Bauwerke wie Thermen, Theater und Amphitheater errichtet.

Autorin/Autor: Laurent Flutsch / AHB

1.2.4 - Import, Export, Transportwesen

Die W. und ihre benachbarten Regionen gehörten zum Markt und zum Währungssystem des röm. Imperiums. Die massive Einfuhr röm. Güter (Olivenöl, Wein, Fischsaucen, Geschirr, Rohstoffe), neue Technologien (Mauertechnik, Ziegel- und Backsteinbrennerei, Ingenieurkunst, Rohrleitungsbau, Schlosserarbeit, Glasfabrikation) und der Ausbau des Verkehrswesens verhalfen der W. zu einem wirtschaftl. Aufschwung. Dabei erwies sich die geogr. Lage als grosser Vorteil: Von ihrer Basis in Lausanne-Vidy aus beförderte die Korporation der Genferseeschiffer Waren auf dem See und bis Yverdon, wo die in Avenches stationierten Zihl- und Aareschiffer den Weitertransport übernahmen. Der Nord-Süd-Verkehr und in geringerem Ausmass der Verkehr über den Jura mehrten den regionalen Wohlstand.

Handwerk und Landwirtschaft übernahmen röm. Techniken. Neue Kulturpflanzen wie Rebe, Apfel-, Kastanien-, Pfirsich-, Kirsch- und Pflaumenbaum, Rande, Sellerie, Fenchel und Knoblauch wurden eingeführt. Die Nutzung der natürl. Ressourcen (Stein und Holz, Jagd, Fischfang) intensivierte sich mit den steigenden Bedürfnissen der städt. Siedlungen und dem Bevölkerungswachstum. Die lokalen Produkte wurden kaum exportiert, sondern auf dem regionalen Markt vertrieben.

Autorin/Autor: Laurent Flutsch / AHB

1.2.5 - Die Umgestaltungen im 1. Jahrhundert

Nach dem Tod Neros kam es 68-69 zwischen Servius Sulpicius Galba, Vitellius, Otho und Vespasian zum Kampf um die Nachfolge, von dem auch die Helvetier betroffen waren, die sich die Feindschaft Vitellius' und seiner Truppen zuzogen. Avenches entging nur knapp der Zerstörung. Der Sieg Vespasians 69 veränderte die Lage: Der neue Kaiser begünstigte Helvetien, das sich gegen seinen Rivalen gestellt hatte und zu dem er familiäre Verbindungen unterhielt, denn sein Vater Flavius Sabinus war als Bankier in Avenches ansässig. Die Stadt, die seit mindestens 40 Jahren Hauptort der Civitas Helvetiorum war, erhielt 71 den Status einer Kolonie. Sie wurde mit einer gewaltigen Mauer ausgestattet, deren Bau 72 begann. 79 folgte Titus, der einen Teil seiner Kindheit bei seinem Grossvater in Avenches verbracht hatte, seinem Vater Vespasian nach (Flavier). Zwischen 85 und 89 kam es zu einer neuen Provinzeinteilung, infolge derer die civitas der Helvetier aus der Gallia Belgica ausgegliedert und der Provinz Germania Superior mit der Hauptstadt Mainz zugeteilt wurde. Diese Organisation bestand bis 297.

Autorin/Autor: Laurent Flutsch / AHB

1.2.6 - Die Krisen im 3. und 4. Jahrhundert

Die Stabilität trug im 2. Jh. zur Entwicklung der städt. Zentren bei, förderte die Entstehung einer Mittelklasse und brachte einigen Bürgern grossen Reichtum, wie der Prunk mehrerer Wohnsitze beweist. Die ab 250 gehäuft auftretenden polit. und wirtschaftl. Krisen zogen die Region in Mitleidenschaft ebenso wie die Einfälle der Alemannen, die den Mittellandkorridor für ihre Züge nach Italien oder in die Narbonensis benutzten. 275 wurde Avenches geplündert. Die Stadt wurde zwar nicht aufgegeben, blieb aber nachhaltig geschwächt. Unter Diokletian (284-305) beruhigte sich die Lage. Der Kaiser reformierte den Staat und gestaltete ihn 297 um. Das Land der Helvetier wurde der Sequania angegliedert, deren Zentrum Besançon war.

Konstantin I. (306-337) liess mehrere strategisch wichtige Orte entlang der Einfallsachsen befestigen. In einem castrum in Yverdon, das 325 mit einer Mauer umgeben wurde, stationierte er eine Flottengarnison zur Versorgung der Truppen am Rhein. Ein weiterer Militärposten befand sich in Genf. Zum Bau seiner Umfassungsmauer wurden die Bauwerke in Nyon als Steinbrüche benutzt.

Im Verlauf des 4. Jh. scheinen neue, wenig belegte Gebietseinteilungen vorgenommen worden zu sein. Avenches und der südl. Teil des Mittellandes waren wohl zeitweise Martigny und Genf angegliedert. Die Bevölkerung verliess die Städte in der Ebene und siedelte sich unweit davon an besser geschützten Orten an, so auf dem Hügel Bois de Châtel bei Avenches und jenem der Cité von Lausanne. Die meisten Gutshöfe wurden von ihren Eigentümern aufgegeben. Das Personal aber blieb dort in Gemeinschaften, die später zu Pfarreien und Dörfern wurden. Einige Objekte mit christl. Symbolen, die insbesondere in Avenches und in Lausanne gefunden wurden, zeugen von der Verbreitung des Christentums im Lauf des 4. Jh. Die allg. Christianisierung war aber noch lange nicht abgeschlossen.

Autorin/Autor: Laurent Flutsch / AHB

1.2.7 - Das Ende des Kaiserreichs

Rom gab 401 die Verteidigung der Rheingrenze auf und zog seine Truppen nach Italien zurück. Für das Waadtland war damit die röm. Epoche im eigentl. Sinn zu Ende. Doch das Imperium bestimmte weiterhin die Geschichte der Region, indem es im Süden des Mittellandes 443 die Burgunder ansiedelte, mit Genf als Hauptstadt. Die germ. Burgunder waren vorher von Rom besiegt und zu foederati erklärt worden. Ihr Siedlungsgebiet sollte Italien als Glacis (Aufmarschgebiet) dienen. Da ihre Zahl relativ gering war (ca. 25'000), integrierten sich die Burgunder in die einheim. Bevölkerung und nahmen die lat. Sprache an. 470 hatte sich ihr Königreich über den Jura hinaus ausgedehnt, und die Hauptstadt wurde nach Lyon verlegt.

Der röm. Rückzug, die Ansiedlung der Burgunder und schliesslich der Untergang des weström. Reichs (476) veränderte das Leben der Bevölkerung nicht grundsätzlich. Mit dem Niedergang der alten Hauptorte zugunsten von meist prosperierenden Zentren wie Genf, Sitten und später Lausanne war diese Periode eine Zeit des Übergangs und der Strukturanpassung. Nach 400 Jahren im röm. Reich jedoch hatte sich das Waadtland durch die Verschmelzung von einheim. Tradition und mediterranen Einflüssen nachhaltig verändert. Technolog. und landwirtschaftl. Neuerungen, die Alphabetisierung, die Latinisierung sowie die Aneignung von röm. Kultur, Recht und Religion bildeten das Fundament der heutigen Waadtländer Identität.

Autorin/Autor: Laurent Flutsch / AHB

1.3 - Frühmittelalter

Die Archäologie hat für das FrühMA im Wesentlichen Grab- und Münzfunde erbracht. Das Material, das zum reichsten der Schweiz gehört, bedarf noch weitgehend der Untersuchung und Interpretation. Schriftl. Quellen sind erst ab der Mitte des 8. Jh. vorhanden. Sach- und Schriftquellen entstammen dem kirchl. Bereich, sind daher unvollständig und einseitig. Dennoch lässt sich zeigen, dass das FrühMA zugleich eine Zeit der Beständigkeit und des Wandels war.

Das Gebiet der W. gehörte im FrühMA zur Sapaudia, dem Territorium, das in der 1. Hälfte des 5. Jh. für das Volk der Burgunder geschaffen und um 500 zerschlagen wurde. 534 nahmen die fränk. Könige das burgund. Reich ein, und 561 stellte Kg. Gunthram dessen Einheit unter der Bezeichnung pagus Ultrajoranus wieder her.

1.3.1 - Kontinuität

Durch die frühere Besiedlung und die Migrationen bewahrte die Waadtländer Bevölkerung ihre rom. Sprache und Tradition. Mehrere ältere Siedlungen bestanden weiterhin, so in Aubonne, Bonvillars, Champagne, Concise, Corcelles-près-Concise, Genolier, Lausanne, Onnens, Pully, Saint-Prex, Saint-Saphorin (Lavaux), La Tour-de-Peilz, Ursins, Vevey und Yverdon. Weitere Niederlassungen entstanden erst im FrühMA, wie die Kirche Saint-Léger in Saint-Légier-La Chiésaz und jene in Préverenges sowie die Nekropolen von Bex, Rances Champ-Vully, Saint-Sulpice, Le Clos d'Aubonne oder La Tour-de-Peilz, die mit ihren 578 Gräbern für den Kanton einzigartig ist, belegen. Das Kloster Romainmôtier, seit Mitte des 5. Jh. bezeugt, wurde an der Stelle einer früheren galloröm. Kirche errichtet und im 10. Jh. an Cluny abgetreten.

Die neue territoriale Gliederung bildete weitgehend die röm. Verwaltungseinteilung ab. So fasste die Diözese Lausanne die Gebiete der ehem. Civitas Helvetiorum zusammen, die sie von den beiden früher gebildeten Diözesen Genf und Sitten übernahm. Zu Beginn des 6. Jh. wechselte der Sitz der Diözese noch zwischen Windisch und Avenches. Zwischen dem Ende des 6. und dem Beginn des 7. Jh. errichtete der Bischof seinen Sitz in Lausanne, auf dem Hügel der Cité. Die Siedlung Lausanne war während der ganzen Periode mit der Kirche eng verflochten. Sie bildete das Zentrum des pagus waldensis, dessen Name von den grossen Waldflächen zeugt, welche die Stadt umgaben.

Autorin/Autor: Gilbert Coutaz / AHB

1.3.2 - Veränderungen

Die Machthaber des FrühMA bemühten sich um die Kontrolle über das Gebiet der W., einen strateg. Raum, durch den die wichtigste Strassenverbindung zwischen Frankreich und Italien verlief. Es stand nacheinander unter burgund., dann unter merowing. Herrschaft und wurde schliesslich Teil des Mittelreichs, das 843 aus der Teilung des Karolingerreichs hervorging (Frankenreich), bis es nach dessen endgültiger Zersplitterung 888-1032 unter der Herrschaft der Burgunderkönige stand (Zweites Königreich Burgund).

Ab dem Ende des 6. Jh. verstärkte sich, ausgehend von Romainmôtier, der monast. Einfluss mit der Gründung von Saint-Thyrse (Lausanne), Baulmes und Payerne. Die grossen Friedhöfe am Rand der Siedlungen wurden in die unmittelbare Nähe der Kirchen verlegt. Ab dem Ende des 9. Jh. entstanden mehr und mehr Pfarreien. Lausanne spaltete schon vor der Jahrtausendwende seine Pfarrei auf mehrere Pfarrkirchen auf.

Autorin/Autor: Gilbert Coutaz / AHB

1.3.3 - Die Waadt, Kernland des Zweiten Königreichs Burgund (888-1032)

Unter Kg. Rudolf III., der 993-1032 regierte, nahm das Waadtland eine zentrale Stellung in der Organisation des Königreichs ein. Polit. und religiöse Macht waren dort näher beisammen als anderswo. Hatten zuvor die Äbte von Cluny als Verbündete seiner Vorgänger auf dem Thron bedeutenden Einfluss ausgeübt, fiel diese Rolle nun Romainmôtier und Payerne zu. Die Übertragung der Grafschaft (comitatus) W., des südl. Teils des pagus waldensis, an den Bf. von Lausanne 1011 gab diesem mehr als ein Territorium, nämlich ein Bündel von Rechten über die Stadt und ihr Umland sowie im Lavaux, in Curtilles, Lucens, Albeuve, Bulle, La Roche, Saint-Prex und Chevressy (Gem. Pomy). In diese Zeit fiel auch der demograf., wirtschaftl. und baul. Aufschwung (rom. Abteikirche in Payerne) des Waadtlands. Das Aussterben der Rudolfinger 1032 brachte die Angliederung an das Hl. Röm. Reich. Nach dem Tod Ks. Heinrichs III. 1056, des letzten Kg. von Burgund, blieben dessen Nachfolger dem Waadtland fern. Das Fehlen einer zentralen, anerkannten Gewalt förderte ab Mitte des 11. Jh. den Aufstieg des regionalen und lokalen Adels.

Autorin/Autor: Gilbert Coutaz / AHB

2 - Politische Geschichte vom Mittelalter bis 1798

2.1 - Von 1056 bis 1536

Bis ins 13. Jh. war der Bf. von Lausanne der mächtigste Herr in der W. 1207 fasste das Haus Savoyen in der W. Fuss und errichtete eine Territorialherrschaft mit moderner Verwaltungsstruktur. Seit den Burgunderkriegen waren weder der Bischof noch der Hzg. von Savoyen in der Lage, sich der aufstrebenden Macht Bern zu widersetzen.

2.1.1 - Die Entstehung der Feudalherrschaft (ca. 1050-1200)

Von 1057 an hatte die W. keinen von der lokalen Elite unbestritten anerkannten Herrschaftsträger mehr. Bis ins 13. Jh. unterstand das Land zwar der mehr oder weniger fernen Macht des Kaisers, tatsächlich war es aber Gegenstand zäher Auseinandersetzungen um die Territorialherrschaft zwischen den Adelsfamilien einerseits und den grossen Klöstern und dem Bf. von Lausanne andererseits.

1011 hatte Rudolf III. dem Bf. von Lausanne die gräfl. Rechte abgetreten. Obwohl die unmittelbaren Folgen dieses Akts vermutlich nicht einschneidend waren, übten trotzdem bis zu Beginn des 13. Jh. vornehmlich die Prälaten von Lausanne die öffentl. Rechte in der W. aus. Im jahrhundertelangen Konflikt zwischen Kaiser und Papst schlugen sie sich meist auf die Seite des Ersteren und stärkten so ihre weltl. Rechte, wie z.B. Bf. Burkhard von Oltigen, der 1079 von Heinrich IV. Güter geschenkt erhielt. So konnten die Bischöfe ihre Güter im Lavaux und im Broyetal mehren und zugleich die Eigenständigkeit der Kirche gegenüber den Begierden anderer Hegemonialmächte wie der Hzg. von Zähringen oder der Gf. von Genf verteidigen. Der polit. Einfluss der Bischöfe war nie auf das Territorium der Diözese beschränkt, sondern ging weit über ihren Grundbesitz hinaus, da der Kaiser ihnen wichtige Herrschaftsrechte wie Weg und Zoll, Markt und v.a. das Münzrecht abgetreten hatte.

Zu den Klosterherrschaften liegen am meisten Quellen vor. Im 11. Jh. verfügten die Cluniazenserpriorate Payerne und Romainmôtier über bedeutenden Grundbesitz und Bannrechte. Romainmôtier war v.a. im Nordwesten der W. begütert, hatte aber auch in der Region La Côte und in der Freigrafschaft zahlreiche Besitzungen. Das Kloster bildete ab Mitte des 11. Jh. eine einflussreiche Herrschaft, die sich manchmal vehement gegen Rivalen wie die de Salins oder die von Grandson verteidigte. Von 1120 an lassen sich dank weiterer geistl. Niederlassungen (Zisterzienser in Montheron, Hautcrêt und Bonmont, Benediktiner in Lutry, Grandson und Blonay, Prämonstratenser am Lac de Joux, Kartäuser in Oujon) die Zunahme und Verdichtung der Herrschaften besser fassen. Die neuen Klöster verfügten zwar über weniger, dafür aber kompaktere Güter und Herrschaftsrechte als die Cluniazenser.

Nur kirchl. Quellen sowie archäolog. Studien der Burgen, deren systemat. Erfassung noch aussteht, liefern Aufschlüsse über die Herrschaftspraxis der weltl. Aristokratie vor 1200. Die umfangreichen und relativ gut erhaltenen Klosterarchive lassen Rückschlüsse auf die Machtausübung des weltl. Adels und auf die ihm unterstellte Bevölkerung zu, v.a. mittels Urkunden über fromme Stiftungen und Beilegungen von Rechtsstreiten. Die lokale weltl. Elite scheint nach der Auflösung des Königreichs Burgund im 11. Jh. trotz der polit. Umwälzungen nicht vollständig ausgewechselt worden zu sein. Sie war besonders im Westen der W. schon gut verankert, wie z.B. die Herren d'Aubonne und von Mont.

Von allen Herren der W. waren die von Grandson zweifellos die mächtigsten: 1110 als principes provincie bezeichnet, sind sie wegen ihrer Konflikte mit den Mönchen von Romainmôtier gut bezeugt. Am Jurafuss besassen sie die Festen Grandson, Champvent, La Sarraz, Belmont(-sur-Yverdon) und Montricher, mit denen sie den Zugang zu den Jurapässen kontrollierten. Am anderen Ende der W. übten die de Blonay, die 1109 als principes des Chablais erwähnt werden, faktisch die Oberherrschaft über Chillon, das Rhone- und das obere Broyetal aus. Im Zentrum der W. (Cossonay), aber auch in der Region La Côte (Prangins und Nyon) sind die Herren de Cossonay ab 1096 als Burgbesitzer mit Rittergefolgschaft belegt.

Neben diesen wichtigen weltl. Dynastien existierten auch Geschlechter, deren Einflussbereich sich auf kleinere Gebiete erstreckte, wie die de Vufflens und die von Goumoëns im Gros-de-Vaud. Andere Herrschaften berührten das heutige Kantonsgebiet nur am Rand, u.a. jene der Gf. von Greyerz, deren ursprüngl. Herrschaftskern sich im Pays-d'Enhaut befand. Auch wenn diese Periode von zersplitterten Machtverhältnissen geprägt war, darf sie nicht als anarchisch bezeichnet werden. Die Bande unter dem weltl. Adel waren anscheinend lose und die Feudalbeziehungen unklar. Erst in den Urkunden des 13. Jh. werden die Herrschaften, besonders die Stammburgen als deren Kern, genauer beschrieben und explizit als Eigengüter bezeichnet.

Autorin/Autor: Bernard Andenmatten / MD

2.1.2 - Der Aufbau der savoyischen Territorialherrschaft

Die W. erfuhr im 13. Jh. einschneidende Veränderungen, die auch in anderen Regionen auftraten. Dazu gehörte zum einen die Ausweitung der Schriftlichkeit, zum andern die Einführung einer Verwaltungsstruktur, die bereits den frühneuzeitl. Staat ankündete. Der Urkundenbestand nahm sprunghaft zu. Von dessen grosser typolog. Vielfalt zeugen z.B. die ersten Rechnungsbücher der Kastlanei Chillon von 1257. Obwohl in der W. bis zum SpätMA Gewohnheitsrecht vorherrschte, war eine gewisse Durchdringung mit gelehrtem Recht bemerkbar, v.a. in überwiegend kirchenrechtl. Bereichen wie der Ehe- und Erbpraxis. Diese Entwicklung wurde von Personen unterstützt, die äusseren Einflüssen gegenüber offen standen: vom Bf. von Lausanne Roger de Vico Pisano und dessen ital. Gefolge Anfang des 13. Jh., von Lausanner Kanonikern, die an den Univ. Paris und Bologna studiert hatten, aber auch von Beamten in savoy. Diensten.

Massgebl. Architekten des Wandels in Recht und Verwaltung in der W. waren die Savoyer. Diese waren ab dem 12. Jh. im Chablais ansässig, 1207 erlangten sie Rechte in der W. Im Vertrag von Burier von 1219 gab der Bf. von Lausanne Gf. Thomas I. Moudon zu Lehen. Aber erst dessen Sohn Peter II. nahm die W. eigentlich in Besitz, indem er 1240-60 systematisch Feudalrechte erwarb und zahlreichen Herren (d'Aubonne, de Bioley, Gf. von Greyerz, de Saint-Martin, de Palézieux) den Treueeid abnahm. Zu seinen neuen Vasallen zählten auch Ritter aus Dörfern wie Vuillens, Sottens, Bussy und Chapelle, die meist im Broye- und Saanetal sowie am Ufer des Neuenburgersees Besitzungen hatten. Mit dem Erwerb der Vogtei Payerne schuf sich Peter II. 1240 ein ansehnl. Obereigentum, bestehend aus den Kastlaneien Moudon, Romont, Rue, Yverdon und Les Clées. Gf. Philipp I., sein Bruder und Nachfolger, führte diese Politik weiter und stärkte gleichzeitig die Verwaltungsstrukturen. Gegen Ende seiner Herrschaftszeit kam die Expansion der Savoyer vorübergehend zum Stillstand, da die Habsburger vordrangen und Payerne 1283 lange belagerten. Im heftigen Erbstreit nach Philipps I. Tod 1285 wurde die W. von mehreren Parteien beansprucht. Nach gewalttätigen Konflikten überliess Philipps I. Nichte, Béatrice de Faucigny, ihre waadtländ. Verbündeten, die Cossonay-Prangins, ihrem Schicksal. In der Folge mussten diese ihre Besitzungen in Nyon, Prangins und Grandcour an Philipps I. Neffen, Gf. Amadeus V. und dessen Bruder Ludwig I. von Savoyen-W., abtreten. Diese teilten sich das savoy. Hoheitsgebiet in einem langwierigen Verfahren auf: Der Grossteil der W. wurde zur Apanage für Ludwig I. und seine Nachkommen, genannt Savoyen-W., erklärt (auch "Baronnie W."). Amadeus V. behielt das Chablais, die Treue der mächtigsten Vasallen und die Kontrolle über Payerne. Mit der Gründung von Morges (1286) und von Rolle (um 1318-19) dehnten die Savoyer ihren Einflussbereich noch bis in die Region La Côte aus.

In diesen unruhigen Zeiten wurden viele Waadtländer Burgen errichtet oder umgebaut (Champvent, Lucens, Morges, Grandson); zugleich erlangte die W. eine feste territoriale und polit. Identität. Ihre West- und ihre Ostgrenze entsprachen nun nicht mehr denjenigen der Diözese Lausanne, sondern der Apanage der Savoyen-W.: Diese reichte von Vevey bis Nyon, einschliesslich dem Bugey und dem Valromey, was das westl. Genferseegebiet ins Zentrum des savoy. Besitzes rückte. Die Coutume der W. stammt von 1302. Sie galt in einem um 1350 noch genauer bestimmten Gebiet mit der fortan geläufigen Bezeichnung Patrie de Vaud. Um 1330 wurde Moudon zum Herrschaftszentrum der Vogtei W., während Chillon Zentrum der Vogtei Chablais war. 1359 veräusserte Katharina von Savoyen-W. die Apanage an Gf. Amadeus VI. Danach wurde die Vogtei in der Verwaltungssprache des savoy. Staats, der sich zu Beginn des 15. Jh. von Nizza bis zu den Toren Berns erstreckte, oft als "Mark W." bezeichnet.

Den Expansionsgelüsten der Savoyer bot in der W. einzig der Bf. von Lausanne die Stirn. Nach 1320 schwächte sich diese Rivalität dank einer Reihe von Kompromissen ab, die zwar die savoy. Vorherrschaft festigten, aber dem kleinen Bischofsstaat eine gewisse Autonomie einräumten. Neben Lausanne und dem Lavaux besassen die Bischöfe Lucens, Bulle, Avenches und La Roche. Ihr polit. Einfluss reichte aber darüber hinaus, was sich darin zeigt, dass ihre Währung auch im südl. Teil der Diözese zirkulierte und kalendarisch zu Ehren der hl. Jungfrau, der Schutzpatronin der Kathedrale und der Diözese, der Annuntiationsstil galt. Weitere einflussreiche Fam. besassen auf dem Waadtländer Territorium Herrschaften und verfügten über Vasallen, so die de Montfaucon-Montbéliard und später die de Chalon (beides Grafenhäuser) in Orbe, Echallens und Grandson, die von Greyerz im Pays-d'Enhaut und die von Neuenburg in Champvent. Ab dem 2. Viertel des 14. Jh. galten deren Rechte jedoch stets als Lehen der Savoyer. Als Kastvögte der Klöster übten die Savoyer auch deren wichtigste Herrschaftsrechte aus, überliessen jedoch den Geistlichen den grössten Teil der Einkünfte aus den Kastlaneien.

Die starke staatl. Präsenz der Savoyer liess kommunalen Strukturen nur wenig Raum zur Entfaltung. Auch wenn den Gemeinwesen in den Stadtrechten zahlreiche Konzessionen gewährt wurden (1214 in Villeneuve), betrafen diese weit öfter die Wirtschaft (Zollbefreiung, Weinverkaufspatent) als die polit. Organisation oder die Rechtsprechung. In den beiden letztgenannten Bereichen bewahrte der durch einen Kastlan repräsentierte Herr seine Vorrechte. Zeichen einer gewissen Gemeindeautonomie manifestierten sich deshalb eher in den bischöfl. Besitzungen (Lausanne und Avenches), ebenso in Payerne, wo sich das Priorat und die Savoyer die Herrschaft teilten. Die savoy. W. kannte aber eine seit 1361 bezeugte beratende Ständeversammlung (Etats de Vaud), an der regelmässig Gesandte der Kastlaneien, seltener Adlige und Geistliche teilnahmen. Meist beriefen die Savoyer die Stände ein, um über ihre Steuerforderungen und die Modalitäten der Steuererhebung zu beraten. Da die Stände auch spontan tagen durften, berieten sie gerade in unsicheren Zeiten ausserdem über Fragen der allg. Ordnung. Im Chablais ist keine derartige Institution bekannt, während in der Diözese - allerdings erst Ende des 15. Jh. - Versammlungen der drei Stände bezeugt sind.

Autorin/Autor: Bernard Andenmatten / MD

2.1.3 - Das Ende der savoyischen Herrschaft und des Bischofsstaats

In der 1. Hälfte des 15. Jh., in der Zeit der Blüte des savoy. Herzogtums, das sich rund um das Genferseebecken ausbreitete, wählte der savoy. Hof öfters die W. als Residenzort. Felix V., ehem. Herzog Amadeus VIII. und auf dem Konzil von Basel 1439 gewählter Papst, hielt sich hauptsächlich in Lausanne auf. Danach wurde das Herzogtum von Wirren erfasst, die sich auch auf die W. auswirkten. Immer wieder in eine Apanage umgewandelt - 1460 für Jakob von Savoyen - und verpfändet, um die herzögl. Finanzen wieder ins Lot zu bringen, verlor die W. für die Dynastie an polit. Bedeutung. Die Herrscherfamilie residierte deshalb immer öfter im Piemont. Ausserdem wurde die Region während der Burgunderkriege in Mitleidenschaft gezogen: 1475 wurden La Sarraz und Les Clées geplündert, im Febr. 1476 Yverdon, im folgenden Juni die Ortschaften im Genferseegebiet und im Broyetal. Die Niederlage des Hzg. von Burgund und seines savoy. Verbündeten ebnete den Bernern und Freiburgern den Weg zur Annexion des Waadtländer Besitzes der de Chalon (Grandson, Orbe, Echallens). Bern riss des Weiteren den Teil des Chablais rechts der Rhone (Bex und Aigle) an sich. Der Rückzug der Savoyer liess die Stände der W. erstarken. Sie entwickelten insbesondere im Bereich der Gesetzgebung grössere Initiative und erliessen zwischen 1510 und 1534 rund ein Dutzend Satzungen, darunter die gegen Missbräuche der kirchl. Gerichtsbarkeit gerichteten "Statuta nova patrie Vuaudi". Auch der mit den Savoyern eng verbundene Bf. von Lausanne kam um weitgehende Zugeständnisse nicht herum. 1481 musste er den Zusammenschluss der Verwaltung der Lausanner Cité mit den vier Bannern der Unterstadt hinnehmen. Die Stadt betrieb fortan eine autonome Politik, die v.a. im Abschluss eines Burgrechtsvertrags mit Bern und Freiburg 1525 greifbar wird.

Nachdem sowohl die savoy. als auch die bischöfl. Macht deutlich geschwächt war, nahmen Bern und Freiburg 1536 die W. ein. Die Eroberung bildete nur eine regionale Episode in einem grösseren Konflikt, der beinahe zum Untergang des Herzogtums Savoyen führte. Bern und Freiburg teilten die Waadtländer Kastlaneien unter sich auf, wobei sich Bern zudem den Löwenanteil der bischöfl. Güter samt Lausanne sicherte.

Autorin/Autor: Bernard Andenmatten / MD

2.2 - Die Berner Herrschaft (1536-1798)

2.2.1 - Errichtung und Festigung der Berner Herrschaft

Im Frühling 1536 eroberten Berner Truppen, angeführt von Hans Franz Nägeli, unter Berufung auf den Vertrag von Saint-Julien (1530) die W. Sie waren ausgezogen, um das mit Bern verburgrechtete Genf von der savoy. Blockade zu befreien. Die gleichzeitige Bestätigung der Freiheiten der Waadtländer und das - schon bald gebrochene - Versprechen, sich nicht in religiöse Fragen einzumischen, erleichterten die Eroberung.

Nach der Flucht des Bf. Sébastien de Montfalcon wurde dessen Besitz konfisziert. Den östl. Teil der W. überliess Bern Freiburg, das linke Ufer der unteren Rhone bis Evian dem Wallis, die beide nach anfängl. Zögern ebenfalls gegen Savoyen ausgezogen waren. Die mit Bern verburgrechteten Städte Lausanne und Payerne (1525 bzw. 1344) beteiligten sich an den militär. Operationen, wofür sie zwar steuerl. und rechtl. Privilegien erhielten, nicht aber die erhoffte polit. Unabhängigkeit.

Die der W. am 13.5.1536 verliehenen Satzungen teilten das Land in Landvogteien ein, zu denen nach dem Bankrott des Gf. von Greyerz 1555 mit dem Pays d'Enhaut noch eine weitere dazukam. Anfang des 18. Jh. wurde die Zahl der Landvogteien definitiv auf 16 festgelegt. Während das in den Burgunderkriegen (1474-76) eroberte Gouvernement Aigle und das Pays-d'Enhaut zur "dt." Verwaltung gehörten (Tütsch Bern), wurde die restl. W. in einer neuen französischsprachigen Einheit zusammengefasst (Welsch Bern).

Die Eroberung von 1536 wurde von Savoyen angefochten und war von der übrigen Eidgenossenschaft, die eine Berner Vorherrschaft befürchtete, ungern gesehen. Deshalb dauerte die Konsolidierung der Herrschaft noch einige Zeit: Im Vertrag von Lausanne 1564 musste Bern die Landvogteien Gex, Ternier-Gaillard und Thonon dem Hzg. von Savoyen zurückgeben; im Gegenzug anerkannte dieser die Berner Herrschaft über die W. Die wichtigsten eidg. Orte schlossen die W. erst Ende des 17. Jh. in die Bundesgarantien ein.

Die 16 für sechs, in den gemeinen Herrschaften für fünf Jahre ernannten Landvögte, denen die Verwaltung sowie das Justiz- und Wehrwesen oblagen, waren die einzigen die Landesherrschaft vertretenden Berner vor Ort. Sie stützten sich weitgehend auf den Sachverstand und die persönl. Kontakte ihres Statthalters, des auf Lebenszeit ernannten Untervogts. Dieser Posten war Angehörigen einiger weniger lokalen Notabelnfamilien vorbehalten. Die Tagebücher von Jean Henri Polier de Vernand zeugen von der Bedeutung dieses Amts. Nur wenige Adelsfamilien wie die d'Allinges, d'Aubonne, de Joffrey, de Martines oder Treytorrens beantragten nach 1536 das Berner Burgerrecht, dank dem sie in Staatsstellen aufsteigen konnten. Noch seltener erhielten sie eine solche Stelle auch tatsächlich (z.B. die eingeburgerten de Gingins, von Tavel und von Goumoëns).

Nach ihrem Herrschaftsantritt strebten die Berner eine Rechtsvereinheitlichung an. Sie revidierten den "Coutumier de Moudon" (1577) und druckten das neue Landrecht 1616 unter dem Titel "Der Landtschafft W. Satzung und Statuten" ("Loix et Statuts du Pays de Vaud"). In der Folge änderten sie die alten Gewohnheitsrechte häufig mittels Mandaten ab. 1650-1750 führte Bern eine grossangelegte sog. Lehensreform durch, um die Zehnterhebung und die Herrschaftsrechte, die Bern als Nachfolger des Bischofs und des Hauses Savoyen zugefallen waren, anerkennen zu lassen und zu vereinfachen. Direktbesteuerungen waren die Ausnahme (1555, 1577). Zusammenlegungen, Tausche, Käufe und Verkäufe äufneten - zulasten seiner Vasallen - die Erträge aus Zehnt und Herrschaftsrechten des Staats Bern. Am Ende des Ancien Régime machten die von den Waadtländern bezahlten Zehnten und Grundzinsen fast 50% der bern. Einnahmen aus. Zwei Untersuchungen über das Nobilitierungsverfahren im Waadtländer Adel (1670-72, 1675-77) standen in enger Verbindung mit dieser Bodenreform und führten dazu, dass über 40 Fam. ihre Titel vorlegen mussten. Bern lehnte es aber schliesslich ab, einen einheitl. Rechtsstatus für den Adel festzulegen, weshalb die Geschlechter keine gemeinsame Identität entwickelten, mit der sie ihre Interessen gegenüber Bern hätten verteidigen können.

Im Wehrwesen verpflichtete die neue Obrigkeit die Waadtländer, sieben von insgesamt 21 Regimentern der Berner Miliz zu stellen. Der Grad eines Obersten war grundsätzlich Bernern vorbehalten, doch hatten Waadtländer Untertanen ab Anfang des 18. Jh. Zugang zu einem Drittel der Hauptmannsstellen in fremden Diensten.

Die Landvogteien wurden in 60 Kastlaneien unterteilt, die für das Gerichtswesen zuständig waren. Bern übernahm zwar die vormals von den Savoyern und - in Lausanne - vom Bischof ausgeübten Rechte (Urteile bei Kapitalverbrechen, Begnadigungsrecht, letztinstanzl. Appellationen), behielt aber die zahlreichen, rund 400 Gerichtshöfe bei. Es gestaltete v.a. das Kirchenwesen um, indem es die Reformation einführte (Edikte vom 19.10. und 24.12.1536), den Besitz der Geistlichkeit säkularisierte, diese neu in sechs direkt Bern unterstellte Kapitel einteilte (Lausanne-Vevey, Payerne, Morges, Yverdon, Gex, Thonon) und Anfang des 18. Jh. die Synoden aufhob. Mit den Sittengerichtsordnungen (1640, 1746, 1787) hatte Bern ein wirksames Mittel in der Hand, um das neue Gesetzgebungsrecht auf dem gesamten Territorium durchzusetzen. Durch ihre gleichzeitig geistl. und zivile Amtstätigkeit wurden die Pfarrer zu einem wichtigen Bindeglied zwischen der Regierung und den Städten bzw. der Landschaft.

Autorin/Autor: Danièle Tosato-Rigo / MD

2.2.2 - Lokale Gewalten: Herren, Städte und Gemeinschaften

Die lokalen Herren bewahrten weitgehende Autonomie, da das Berner Regime die Feudalstrukturen im Wesentlichen aufrechterhielt und auch die polit. Elite in den Städten nicht auswechselte, sondern sie in die Verwaltung des Territorialstaats eingliederte. Sie erliessen Dorfsatzungen, gewährten Kredite, schufen Arbeitsstellen und amtierten als Gerichtsherren. Da sie über Verstösse gegen die Reformationsmandate (1560) urteilten, hatten sie vielerorts die hohe Gerichtsbarkeit inne. Mit diesem Machtinstrument ausgestattet, verurteilten sie zwischen 1580 und 1653 in zahlreichen Hexenprozessen rund 1'600 Personen zum Tod.

Ab 1536 konnten auch Nichtadlige Herrschaften, Herrschaftsrechte und Ansprüche auf Feudalabgaben erwerben. Daher bildeten die Rechtsträger eine heterogene Gruppe, obwohl sie alle Vasallen Berns waren. Die Abschaffung des droit de cape 1748, einer vormals von Nichtadligen verlangten Steuer beim Erwerb eines adligen Lehensguts, drängte den Adel weiter zurück. Ausländer und Genfer Bankiers waren besonders auf den Kauf von Herrschaften in der Region La Côte erpicht, wie z.B. die Necker in Coppet, Bière und Rolle.

Städte und Marktflecken behielten ihre Privilegien und Freiheiten. Wo der "Coutumier de Moudon" nicht galt (Lausanne, Payerne, Grandson, Orbe-Echallens, Aigle), wurde das Gewohnheitsrecht im 17. und 18. Jh. schriftlich festgelegt. In ihrer Entwicklung folgten diese Orte Bern, dessen polit. System sich ab Mitte des 17. Jh. mit der Schaffung versch. Kammern oder Kommissionen spezialisierte und oligarch. Züge annahm. Sie wurden im Allgemeinen von zwei Räten regiert, wobei sich der Kl. Rat ab Ende des Jahrhunderts gegenüber dem Gr. Rat zunehmend durchsetzte. In den häufigen Konflikten zwischen beiden Instanzen (z.B. in Morges in den 1760er Jahren) wurde Bern als Schlichtungsorgan angerufen. Die Städte verteuerten den Erwerb des Bürgerrechts im Verlauf des 17. Jh. beträchtlich.

Als die Stände der W. nach 1570 nicht mehr einberufen wurden, übernahmen die Städte die Verteidigung des Gewohnheitsrechts. An ihren vom Ende des 16. bis Anfang des 17. Jh. recht häufigen Zusammenkünften, denen oft auch Gesandte des Adels beiwohnten, nahmen mit der Zeit nur noch die quatre bonnes villes Moudon, Nyon, Yverdon und Morges teil. Diese schrittweise Einschränkung erfolgte nach den von Bern erlassenen Mandaten von 1622, 1647, 1653 und 1680, die das Versammlungs- und Beschlussfassungsrecht immer restriktiver auslegten. Die letzte Versammlung fand 1728 in Morges statt.

Auch die Dorfgemeinschaften verfügten über eine gewisse Autonomie. Wenn sie direkt Bern unterstanden (z.B. im ehem. Herrschaftsgebiet von Romainmôtier), war diese grösser als unter einem lokalen Herrn. Die Dörfer wurden von einem oder zwei Räten verwaltet, die über die Nutzung der Allmend, die Fürsorge und das Schulwesen entschieden, aber auch über die Ausführung bestimmter polizeil. und sogar gerichtl. Aufgaben.

Autorin/Autor: Danièle Tosato-Rigo / MD

2.2.3 - Proteste, Rebellionen und Reformbestreben

Bis 1790 blieb es in der W. politisch weitgehend ruhig. Die Daux-Verschwörung 1588 und der Aufstand unter Major Jean Daniel Abraham Davel 1723 waren nur einzelne Episoden. Die Konflikte zwischen ländl. Gemeinschaften und den Herren sind aber noch wenig erforscht.

Zwei Oppositionsbewegungen, die ihren Ursprung an der Akad. Lausanne hatten, zeugen vom Widerstand gegen den bern. Cäsaropapismus. Weil er die Kompetenzen der Berner Obrigkeit im Kirchenwesen hinterfragte, wurde der erste Stadtpfarrer, Pierre Viret, 1559 verbannt. Die übrigen Professoren der Akademie folgten ihm in die Verbannung. In den 1720er Jahren löste die Formula Consensus einen neuen Machtkampf aus, der wiederum mehrere Professoren vertrieb.

Die Franz. Revolution von 1789 ermutigte die städt. Elite, ihre Reformwünsche zu äussern. Auf der Landschaft löste sie Bestrebungen nach wirtschaftl. Freiheiten aus. Viele Feudalrechte wurden darauf in den 1790er Jahren abgeschafft, und zwar eher von Bern selbst als von den lokalen Herren, weil Bern als Landesherr den inneren Frieden wahren wollte. 1790 gelang es sogar den Kaufleuten ohne Bürgerrecht, also einfachen Habitanten, von Bern die Abschaffung der Handelspatente zu erwirken.

Im Juli 1791 wurden zum ersten Jahrestag des Sturms auf die Bastille in mehreren Waadtländer Städten Revolutionsbankette abgehalten (Bankette). Die Berner Regierung reagierte darauf mit entschiedener Repression. Als 1792 die Schweizergarde in den Tuilerien niedergemetzelt wurde, verstummten im Waadtland die Forderungen nach mehr Freiheit. Nach Bonapartes Siegen und der Schaffung der Schwesterrepubliken im Herbst 1797 erstarkte die Reformbewegung von Neuem: Die Städte und Marktflecken forderten in zahlreichen Petitionen, eine Abgeordnetenversammlung der W. einzuberufen. Der Franzoseneinfall im Jan. 1798 führte zur Revolution, welche die Reformbewegung hinfällig machte.

Autorin/Autor: Danièle Tosato-Rigo / MD

3 - Gesellschaft und Wirtschaft vom Mittelalter bis 1798

3.1 - Vom Mittelalter bis zur Eroberung durch Bern (1056-1536)

3.1.1 - Bevölkerung und Siedlung

Das enge Netz an Burgen, das die W. im 12. Jh. überzog, macht den Anschein einer intensivierten Siedlungstätigkeit. Für eine tatsächl. Erhöhung der Bevölkerungsdichte gibt es jedoch nur spärl. Hinweise, wie z.B. die Erwähnung eines neuen Fleckens in La Sarraz um 1130-35 oder die erste Stadtanlage von Moudon, die zeitgleich mit dem um 1127 errichteten castrum entstanden sein soll. Ab Anfang des 13. Jh. nahm die Bevölkerung stark zu, wie die Gründung von Villeneuve 1214 oder die für 1219 auf 8'000-9'000 geschätzte Einwohnerzahl von Lausanne nahelegen. Mit der Gründung von Saint-Prex 1234 und der Erweiterung des Fleckens Aubonne im gleichen Jahr wuchs sie weiter. In den Zeitraum 1260-1320 fallen viele Neugründungen (Yverdon, La Tour-de-Peilz, Morges) oder Stadterweiterungen, häufig im Uferbereich der Seen. Diese Entwicklung wurde mit der Gründung von Rolle (um 1318-19) abgeschlossen. Die aussergewöhnl. Städtedichte ist v.a. Ausdruck des erbitterten Konkurrenzkampfs der Herrschaftsträger in dieser unruhigen Zeit. Gescheiterte oder nur teilweise erfolgreiche Siedlungsprojekte (L'Isle 1291, Daillens 1301, Saint-Nicolas de Ver bei Rolle vor 1321) zeigen, dass für zahlreiche Städtegründungen im vorgesehenen Gebiet nicht das erforderl. Bevölkerungspotenzial vorhanden war.

Einige noch nicht vollständig ausgewertete Quellen geben näheren Aufschluss über die demograf. Situation im 14. und 15. Jh. Versch. Schätzungen zufolge war die Bevölkerungsdichte Anfang des 14. Jh. sehr hoch, sogar in den Berggebieten, wie ein aufgegebenes Siedlungsprojekt am Col de la Croix 1292 oder Rodungen im Vallée des Ormonts beweisen. Nach diesem Höchststand ging die Bevölkerung wieder zurück, z.B. im Chablais ab dem 2. Viertel des 14. Jh., also noch vor den verheerenden Pestepidemien. Die grosse Pest, die sich rhoneaufwärts ausbreitete, ist in Genf im Spätsommer 1348 belegt, in Lausanne im November, in Vevey und Moudon im Winter 1349. Ein Drittel des Domkapitels Lausanne (rund ein Dutzend Chorherren) erlag der hochansteckenden Krankheit. Die zweite, kaum weniger schlimme Pestwelle im Sommer 1360 bremste die Bevölkerungsentwicklung für lange Zeit. Die Bevölkerungsdichte von Palézieux schrumpfte vermutlich zwischen 1337 und 1416 von ca. 63 auf 43 Einwohner pro km2. 1368 betrug die Gesamtbevölkerung der savoy. Kastlaneien im Waadtland schätzungsweise 40'000-50'000 Einwohner, wobei von fünf Personen pro Feuerstätte ausgegangen wird.

Lange waren die Migrationsbewegungen in quantitativer Hinsicht von eher geringer Bedeutung. Waadtländer Adlige wanderten nach England aus, wo sie v.a. im Dienst Kg. Heinrichs III. standen, und piemontes. Geldverleiher und Beamte aus Savoyen wanderten ein. Ab 1450 zogen der Weinbau im Lavaux und die Rodungen im Jorat saisonale Arbeitskräfte aus dem Piemont (Region Domodossola), später aus dem Faucigny an. Diese wurden allmählich sesshaft und trugen damit zum Wiederanstieg der Bevölkerung im 16. Jh. bei.

Autorin/Autor: Bernard Andenmatten / EM

3.1.2 - Wirtschaft

Ab dem 12. Jh. ist eine Zunahme der Produktivität anzunehmen. Darauf lassen die auf engem Raum gegr. neuen Klöster schliessen, deren Gemeinschaften von den landwirtschaftl. Überschüssen leben konnten. Das System der von Laienbrüdern bewirtschafteten Grangien erreichte seinen Höhepunkt zwischen Ende des 12. und Mitte des 13. Jh., insbesondere bei den Zisterziensern: Montheron besass neun, Hautcrêt sieben und Bonmont fünf Grangien. Die Rodungen hielten sich in Grenzen, da die Mönche bestehendes Kulturland übernahmen. Zisterzienser und Prämonstratenser trugen jedoch massgeblich zur Anlegung der Weinberge im Lavaux bei. Die Eigenwirtschaft endete im 14. Jh. mit der Verpachtung der Grangien an Lehenbauern. Manche Abteien standen teilweise wegen des zunehmenden Mangels an nicht entlöhnten Arbeitskräften (Konversen) kurz vor dem Ruin, wie 1324 das Kloster Lac de Joux. Doch betrafen die wirtschaftl. Schwierigkeiten auch weltl. Herrschaften, wie das Beispiel der herrschaftl. Domäne von Palézieux zeigt, die zur selben Zeit aufgeteilt und an Lehenbauern verpachtet wurde. Allerdings wurden viele weltl. und kirchl. Weingüter bis ins ausgehende MA weiterhin in Eigenwirtschaft betrieben.

Die W. lag an einer der grossen internat. Handelsrouten des ma. Europa, wie aus den Rechnungsbüchern der wichtigen Zollorte Villeneuve und Les Clées hervorgeht. Welchen Einfluss dies auf die örtl. Wirtschaftsbeziehungen hatte, bleibt noch zu untersuchen. Überhaupt beschränken sich die Kenntnisse über den Handel v.a. auf dessen rechtl. Aspekt, der sich aus den entsprechenden Artikeln der Freiheitsbriefe erschliesst. Der Umlauf von Goldmünzen (Gulden) ist bereits 1314-20 belegt. Das relativ weit entwickelte Kreditgeschäft wurde nicht nur von piemontes. Geldverleihern (aus Asti) betrieben, sondern auch von kirchl. Institutionen (Hautcrêt) und Privatpersonen.

Autorin/Autor: Bernard Andenmatten / EM

3.1.3 - Adlige, Bürger und Leibeigene

Bis anhin richtete sich das Forschungsinteresse eher auf die rechtl. Stellung der Bewohner der W. als auf die sozialen Gegensätze. Es gibt jedoch Anzeichen dafür, dass im 14. Jh. die bestehenden Machtverhältnisse infrage gestellt wurden: die Lausanner Revolte 1313, die antiaristokrat. Ausschreitungen in Crassier 1320, die Rebellion der Bürger von Avenches 1350. Proteste regten sich auch, nachdem die W. 1359 wieder als Apanage an den älteren Zweig der Gf. von Savoyen gefallen war. Sie zogen 1362 die Entsendung von Kriegsknechten nach Les Clées und Payerne nach sich. 1420 kam es in Payerne zu einem Aufstand.

Am meisten weiss man über die aristokrat. Eliten. Um 1100 wurden einige Vertreter der grössten Fam. als senior oder princeps bezeichnet, doch äusserte sich die höhere gesellschaftl. Stellung meist in der Herrscherrolle, mit der sich häufig die Bezeichnung "Ritter" verband. 1208 ist erstmals der Titel "Junker" für einen noch nicht zum Ritter geschlagenen Adelsspross belegt, was auf die Erblichkeit des Adelsstatus hinweist. Im 13. Jh. waren Adlige in der Regel vom Klafterzins (toisé, Zins auf Hofstätten) befreit, verloren aber 1340 dieses Privileg. Abgesehen von einer vagen Tendenz zum Erstgeborenenrecht im 15. Jh. gab es kein eigentl. Adelsrecht. Um 1400 kamen die an Notabeln ausgestellten Adelsbriefe auf (Cerjat) und die Adelsschicht begann sich zu erneuern. Mehrere wichtige Geschlechter wie die von Grandson, de Cossonay oder von Montagny erloschen. Dagegen kamen einheim. oder aus anderen Regionen Savoyens stammende Fam. (Champion, Bouvier, Russin) von vergleichsweise bescheidener Herkunft, die in Militär und Verwaltung zu Wohlstand gelangt waren, durch Kauf oder Heirat in den Besitz bedeutender Herrschaften, so z.B. die de Colombier in Vufflens-le-Château.

Die ab dem 12. Jh. erwähnten Stadtbewohner wurden in Lausanne als citoyens und in den Sitzen der Kastlaneien als bourgeois bezeichnet. Sie genossen dort Freiheiten, d.h. rechtl. Privilegien, mit denen sie sich von den Leibeigenen auf dem Land abhoben. Letztere, auch Zinspflichtige genannt, bildeten die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung. Ab 1300 konnten sich einige von ihnen loskaufen. Im ausgehenden MA gab es aber immer noch grosse Gebiete, in denen die Leibeigenschaft weiterbestand, insbesondere in einigen geistl. Herrschaften (bischöfl. Besitzungen, Domkapitel, Klöster Montheron, Lac de Joux und Romainmôtier), aber auch in weltlichen (Vallée des Ormonts).

Vom 14. Jh. an nahm die soziale Ausgrenzung zuweilen gravierende Formen an. 1321 betraf sie die Leprakranken, denen vorgeworfen wurde, sie hätten die Brunnen vergiftet. Während der Pest von 1348-49 wurden die Juden im Chablais dessen bezichtigt und ermordet. Diese hatten sich im Gefolge der Savoyer ab dem 13. Jh. und dann v.a. nach der Vertreibung aus dem Königreich Frankreich in der W. niedergelassen. Einige jüd. Gemeinden bildeten sich neu (1408 in Lausanne), verschwanden jedoch um 1437. Die Ausgrenzung verlagerte sich danach auf Anschuldigungen wegen Hexerei. In zahlreichen Hexenprozessen spielten die dominikan. Inquisitoren von Lausanne bis zur Reformation eine aktive Rolle.

Autorin/Autor: Bernard Andenmatten / EM

3.1.4 - Religiöses Leben

Der grösste Teil des Waadtlands gehörte zur Diözese Lausanne, das westl. Genferseegebiet zur Diözese Genf und das Chablais zur Diözese Sitten. Die Bf. von Lausanne sind v.a. für ihre weltl. Politik bekannt. Manche traten aber auch durch ihre Spiritualität hervor, so Amadeus (1145-59), Zisterziensermönch und Verfasser von Marienhomilien, oder Bonifatius (1231-39), ein intellektueller Reformbischof, den die ablehnende Haltung des Klerus und der Bevölkerung zum Rücktritt zwang. Die Marienverehrung und die Wallfahrt zur Kathedrale von Lausanne, die im 13. Jh. aufkamen, gewannen regionale Bedeutung und blieben bis ins 16. Jh. lebendig. Davon zeugt auch die Beliebtheit der grands pardons (religiöse Feste).

Im 12. Jh. ist der grosse Ordensklerus am besten dokumentiert, auch wenn sich seine pastorale Funktion schwer fassen lässt. Erst mit dem Pfarreiverzeichnis von 1228, das im Lausanner Chartular enthalten ist, wird die geistl. Betreuung greifbar. Dem weltl. Klerus erwuchs durch die höchst erfolgreichen Bettelorden Konkurrenz: Dominikaner liessen sich 1234 in Lausanne nieder, Franziskaner 1258 in Lausanne, 1289/98 in Grandson und 1295/96 in Nyon, Augustiner Emeriten um 1300 kurzzeitig in Vevey. Einige Stiftshäuser, die oft den Kongregationen von Saint-Maurice d'Agaune oder vom Gr. St. Bernhard gehörten, wurden auch für Spitalzwecke genutzt. Diesen zahlreichen Niederlassungen von Männerorden standen nur wenige Frauenklöster gegenüber: in Rueyres (Gem. Chardonne) im 12. Jh. und in Lausanne (ab 1267 Zisterzienserinnen von Bellevaux, 1290-1331 Dominikanerinnen von Chissiez). 1422/24 liessen sich Klarissen-Colettinnen in Vevey nieder, 1426/30 in Orbe.

Über das religiöse Leben der Laien ist wenig bekannt, obwohl im 14. Jh. Beginen belegt sind, v.a. in Lausanne, aber auch in Avenches, Yverdon und Moudon. In Orbe, Vevey, Yverdon, Avenches und in der Umgebung von Lausanne (Vidy, Jorat) lebten auch Reklusen, v.a. Frauen. Diese besonderen religiösen Lebensformen werden im 15. Jh. nicht mehr erwähnt. Von der Volksfrömmigkeit dagegen zeugen die zahllosen Jahreszeitstiftungen und Beitritte zu den Bruderschaften, die bis zur Reformation weit verbreitet waren.

Autorin/Autor: Bernard Andenmatten / EM

3.1.5 - Kultur und Bildung

Die massive Zunahme des Schriftgebrauchs im 13. Jh. beschränkte sich auf Verwaltungsakten, die bis ins 16. Jh. auf Lateinisch verfasst wurden. Spuren eines kulturellen und intellektuellen Lebens sind ausserhalb des kirchl. Kontexts kaum anzutreffen. V.a. in der Kathedrale von Lausanne und den Bettelklöstern finden sich Hinweise auf akadem. Laufbahnen und auf Manuskripte, die fast ausnahmslos verschollen sind. Das einzige literar. Werk aus dieser Zeit, die Dichtungen Ottos III. von Grandson, hat keine regionalen Wurzeln. Zu einer kleinen gebildeten Elite gehörten einige Autoren wie Jean Bagnyon, Jacques de Bugnin ("Congé pris du siècle séculier" 1480) oder der Kartäuser Pierre de Dompierre, der letzte Prior von La Lance (1510-38), der in seiner Jugend Gedichte und eine Grammatik schrieb. Am Hof des gelehrten Bf. Aymon de Montfalcon (1491-1517), der selber dichtete, blühte das kulturelle Leben auf und verlieh damit der vorreformator. W. für kurze Zeit ein humanist. Gepräge.

Im 14. Jh. bildete sich auf Betreiben der kommunalen Behörden, die wohl eher Berufskenntnisse als eine Gelehrtenkultur fördern wollten, in den versch. Flecken ein dichtes Netz von Elementarschulen. Im 15. Jh. überstieg die Nachfrage nach Schulbildung allmählich das örtl. Angebot, sodass Lehrer aus der Freigrafschaft Burgund herangezogen wurden.

Autorin/Autor: Bernard Andenmatten / EM

3.2 - Unter Berner Herrschaft (1536-1798)

3.2.1 - Bevölkerung und Siedlung

Gemäss den beiden Volkszählungen, welche die Berner Obrigkeit durchführte, um die Telle zu erheben (1550) und den Bestand der einsatzfähigen Soldaten zu ermitteln (1558-59), lebten im 16. Jh. zwischen 53'000 und 66'000 Personen in der W. Für das 18. Jh. liefern die Erhebungen von 1764 und 1798 genauere Zahlen. Sie zeigen, dass die Bevölkerung von Mitte bis Ende des Jahrhunderts von 120'000 auf 144'000 Personen anstieg, was einer Wachstumsrate von jährlich rund 0,5% entspricht. Die damals verbreitete Annahme eines Bevölkerungsschwunds, die auch der Dekan Jean-Louis Muret in seiner wegweisenden statist. Schrift "Mémoire sur l'état de la population du Pays de Vaud" (1766) vertrat, ist damit widerlegt.

Während Taufen und Heiraten bereits ab Ende des 16. Jh. erfasst wurden, bestehen erst seit 1728 Sterberegister für alle Kirchgemeinden. Entsprechend lückenhaft sind die Kenntnisse über den Einfluss der grossen Epidemien auf die Bevölkerungsentwicklung. Eine der verheerendsten Pestwellen, jene von 1611-14, soll in Vevey 1'500 Tote gefordert haben, in Lausanne 2'000 und im Pays-d'Enhaut 2'500. Auch nach dem Verschwinden der Pest Mitte des 17. Jh. blieben Infektionskrankheiten die hauptsächl. Todesursache.

Im 18. Jh. verteilte sich die Bevölkerung fast gleichmässig auf das Hinterland (60%) und das Genferseegebiet. Einige voralpine Streusiedlungen wie Château-d'Oex oder Gryon hatten mehr Einwohner als viele Städte im Flachland. In der Volkszählung vom Mai 1798 lag Lausanne mit 9'021 Einwohnern an erster Stelle, gefolgt von Vevey (3'268), Yverdon (2'484) und Morges (2'145). Payerne, Nyon, Orbe, Moudon, Aigle, Aubonne und Rolle zählten zwischen 1'000 und 2'000 Einwohner, Avenches, Grandson und Villeneuve zwischen 800 und 900. Von 382 erfassten Gem. hatten 321 weniger als 500 Einwohner, 161 weniger als 200.

Im Zeitraum 1764-98, in dem die Bevölkerung v.a. auf dem Land zunahm, verzeichneten nur zwei der grössten Waadtländer Städte ein Wachstum: In Lausanne stieg die Einwohnerzahl von 7'191 auf 9'021 (+25%), in Nyon von 1'624 auf 1'934 (+19%). In mehreren Städten im Genferseegebiet veränderte die Zuwanderung das Verhältnis zwischen Einheimischen und Auswärtigen massiv. 1764 waren z.B. in Vevey weniger als die Hälfte der Einwohner Waadtländer, während die andere Hälfte aus Frankreich, Bern oder Neuenburg stammte. Hugenott. Flüchtlinge reisten zu Tausenden durch, aber nur wenige konnten bleiben, meistens als Ewige Einwohner, selten als Bürger (Protestantische Glaubensflüchtlinge).

Die Abwanderung war noch stärker als die Zuwanderung. Aufgrund der Erhebung von 1764, welche die in den Vorjahren weggezogenen Personen erfasste, lebten 10% der Männer und rund 6% der Frauen ausserhalb der W. Dabei war die militär. Auswanderung weniger bedeutend als die zivile Auswanderung von Gesinde, Angestellten, Kaufleuten, Lehrern und Gouvernanten.

Autorin/Autor: Danièle Tosato-Rigo / EM

3.2.2 - Wirtschaft und Gesellschaft

Wichtigster Erwerbszweig war die meist im Dreizelgensystem organisierte Landwirtschaft. An den Hängen des Genferseeufers wurde im grossen Stil Weinbau betrieben, wodurch sich das Waadtland im 18. Jh. zum bedeutendsten Weinanbaugebiet der Schweiz entwickelte. In einigen Gegenden wurde Anfang des 18. Jh. der Anbau von Kunstgräsern (Esparsette) und der Kartoffel eingeführt, die sich v.a. nach den Missernten der 1770er Jahre ausbreitete. Im Voralpenraum und im Jura stellte man schon früh auf Viehwirtschaft um. Die wahrscheinlich im 15. Jh. einsetzende Produktion von Greyerzerkäse erreichte im 18. Jh. einen Höhepunkt.

Die Eisenverarbeitung, die im Jura eine lange Tradition hatte, gelangte im Dreissigjährigen Krieg (1618-48) zur Blüte. Der Abzug des ausländ. Kapitals, dem sie ihren Aufschwung verdankte, bremste ihre Entwicklung. Dasselbe gilt für den Entreroches-Kanal und die Salinen von Bex, die zunächst in Privatbesitz waren und 1685 an Bern gingen. Gleichwohl entstand im Jura in der Gegend des Vallée de Joux, von Vallorbe und Sainte-Croix ein Industriegebiet, in dem in der 2. Hälfte des 18. Jh. die Uhrenbranche Einzug hielt. Hingegen gelang es nicht, die Textilindustrie zu etablieren. Dies lag weniger an der fehlenden Unterstützung durch die Berner Obrigkeit, wie lange behauptet wurde, als vielmehr an den ungünstigen Voraussetzungen für die Seidenraupenzucht im Waadtland und an den fehlenden Absatzmöglichkeiten. Eine industrielle Revolution gab es in der W. nicht, ausser vielleicht im Gerbereigewerbe. Jüngere Forschungen haben jedoch eine ausgeprägte gewerbl. Entwicklung nachgewiesen. Davon zeugen die starke Zunahme und Spezialisierung der Berufe (im 18. Jh. in Lausanne 200) sowie der Aufschwung der Messen, deren Zahl in Städten und Dörfern bis 1781 auf rund 50 angestiegen war. Zeitgleich mit dem aufblühenden Gewerbe entstand im 18. Jh. eine Konsumgesellschaft, die auch auf dem Land die neuen Luxusprodukte wie Fayencen, Glas sowie Seiden- und Baumwollstoffe nachfragte. Die Gold- und Silberschmiedekunst erreichte ihren Höhepunkt, und das Porzellan von Nyon wurde berühmt. Als sich 1736 der Verleger Marc-Michel Bousquet in Lausanne niederliess, begann eine kurze Blütezeit des Buchdrucks, die bis in die 1780er Jahre dauerte.

Aufgrund ihrer Lage an einer der grossen internat. Handelsrouten, auf denen der Warenverkehr im 18. Jh. zunahm, verfügte die W. gegen Ende des Ancien Régime über eines der besten Strassennetze Europas. Neben einem intensiven Binnenhandel florierten die von Ferggern (z.B. Fam. Blanchenay, Mandrot, Muret) abgewickelten Transitgeschäfte. Zwei Drittel der Waren wurden über den Zoll von Nyon eingeführt, nachdem der Zoll von Jougne ab dem 17. Jh. an Bedeutung verloren hatte. Andere Fam. investierten in den internat. Handel oder wandten sich dem Finanzsektor zu, wie die d'Illens, Roguin, van Berchem oder Francillon.

Die wirtschaftl. Bedeutung der fremden Dienste ist noch nicht hinreichend geklärt. Nicht nur der Adel strebte nach militär. Führungsfunktionen. Von den im 18. Jh. erfassten rund 400 waadtländ. Offizieren, die vorwiegend im Dienst Frankreichs, Hollands und Piemont-Sardiniens standen, stammte die Hälfte aus adligen Fam. mit z.T. grosser militär. Tradition (von Goumoëns, Constant de Rebecque oder de Chandieu), die andere Hälfte aus Bürgerfamilien.

Die grosse Mehrheit der Bevölkerung waren Bauern, die im 1. Drittel des 16. Jh. endgültig von der Leibeigenschaft befreit wurden und sich in ihrem Rechtsstatus stark unterschieden. Kleinstbesitz (bis 5 ha) war die Regel. Die wenigen Vollbauern waren häufiger Lehennehmer als Eigentümer. Im 17.-18. Jh. stieg die Zahl der Taglöhner. Durch Einhegungen, die in den obrigkeitl. Mandaten von 1591, 1716 und 1771 angeordnet wurden, verloren sie ausserdem vielerorts das Trattrecht. Während im Alpenraum der Zehnt und die übrigen Abgaben praktisch aufgehoben waren, belasteten sie die Bauern in den Landvogteien Moudon, Orbe-Echallens und in der zur Landvogtei Romainmôtier gehörenden Herrschaft La Sarraz bis Anfang des 19. Jh. schwer. Erst in der Mediation wurde mit dem Gesetz vom 31.5.1804 der Auskauf der Feudalrechte geregelt.

Wie auf dem Land nahm auch in den Städten die soziale Ungleichheit im 17. Jh. zu, was mit den steigenden Gebühren für die Aufnahme in die Bürgerschaft zusammenhing. Die Hintersassen, ohne polit. Rechte, bildeten in der Folge die Mehrheit. 1764 machten sie in Nyon und Morges zwei Drittel der Bevölkerung aus. Auch das Gesinde erfuhr einen beträchtl. Zuwachs: 1764 arbeiteten in Nyon 28% der erwerbstätigen Einwohner als Dienstboten.

Der Anteil der Armen lag in den Städten bei durchschnittlich 20%. Während Bürger, seltener auch Hintersassen, Unterstützung aus der Armenkasse erhielten, wurden Nichtansässige von den Spitälern nur für ein bis zwei Tage (sog. passade) versorgt und danach weggeschickt. 1703-1811 beherbergte und verköstigte das Lausanner Spital 100'000 Passanten.

Autorin/Autor: Danièle Tosato-Rigo / EM

3.2.3 - Religiöses Leben

Das reformator. Gedankengut verbreitete sich in der W. erst, als Bern nach der Lausanner Disputation vom Okt. 1536 den neuen Glauben einführte. Nur etwa die Hälfte der kath. Geistlichen konvertierte, und von diesen übernahmen nur wenige ein Pfarramt. Rund 70 gingen nach Freiburg ins Exil. Viele von denen, die infolge ihres Glaubenswechsels bleiben durften und Anspruch auf eine Pension hatten, schlossen sich dem Widerstand gegen die Reformation an. Diese setzte sich erst nach einigen Generationen durch.

In den mit Freiburg verwalteten gemeinen Herrschaften Orbe-Echallens und Grandson lebten Reformierte und Katholiken nebeneinander, bis in den meisten Gem. eine Mehrheit für den neuen Glauben stimmte. Die letzte Abstimmung (sog. Plus) fand 1619 in Poliez-le-Grand statt. Wo die kath. Konfession sich halten konnte, in Echallens und einem Dutzend Dörfer der Kastlanei, wurde die Kirche gemeinsam genutzt (Simultaneum). Von Bern und Freiburg erlassene Ordnungen (1532, 1725) bildeten einen gesetzl. Rahmen für das religiöse Zusammenleben.

Die religiösen Praktiken sind quellenmässig kaum fassbar, da Bern sie in seinem Westschweizer Untertanengebiet erst spät regelte, mit den Kirchenordnungen von 1758, die kaum umgesetzt wurden, und jenen von 1773. Die W. war offenbar ein fruchtbarer Boden für sog. heterodoxe Bewegungen. Arminianismus und Sozianismus wurden im sog. Assoziationseid bekämpft, den Bern 1699 den Pfarrern abverlangte. Der Pietismus entwickelte sich Anfang des 18. Jh. v.a. bei Laien und mit Vevey als Zentrum. Eine von den hugenott. Flüchtlingen beeinflusste "zweite Reformation" zeichnete sich zur selben Zeit durch eine Rückkehr zu tieferer Frömmigkeit aus. Das von Jean-Frédéric Ostervald vertretene freie Christentum fand in gebildeten Kreisen grossen Anklang. Ab der 2. Hälfte des 18. Jh. begann sich die Säkularisierung auch in den Eliten zunehmend durchzusetzen.

Autorin/Autor: Danièle Tosato-Rigo / EM

3.2.4 - Bildung und Kultur

Die sich entfaltende Schriftkultur und die zunehmende religiöse Betreuung der Bevölkerung im 16. und 17. Jh. waren die wichtigsten Triebkräfte der Entwicklung des Elementar- und Sekundarschulwesens, für das die Gem. aufkamen, und der von der Berner Obrigkeit unterstützten höheren Bildung. 1801 war die Zahl der Elementarschulen, die mit der obrigkeitl. Schulordnung von 1676 obligatorisch geworden waren, auf 534 angewachsen. Elf Städte verfügten damals über ein Kollegium: Lausanne, Aubonne, Avenches, Morges, Moudon, Nyon, Orbe, Payerne, Rolle, Vevey und Yverdon.

Von 1537 bis zu den ersten Akademiegesetzen 1547 nahm die Akad. Lausanne allmählich Gestalt an. Als erste französischsprachige ref. Hohe Schule Europas, die bis zur Akademiereform 1616 von der humanist. Pädagogik entscheidend beeinflusst war, zog sie anfänglich namhafte Professoren an, darunter Konrad Gessner (1516-65), Theodor Beza und Celio Secondo Curione. Die Verbannung von Pierre Viret löste 1559 eine Krise aus, während der die Akademie ihre internat. Ausstrahlung weitgehend verlor. Erst 1711 erlangte sie diese mit der Berufung von Jean Barbeyrac auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für Naturrecht für kurze Zeit zurück.

Die Aufklärung fand in der W. grossen Widerhall. Intellektuelle prägten die ersten Jahrzehnte des 18. Jh., vornehmlich Pfarrer und Magistraten, die Aufklärung und Offenbarungsreligion in Einklang zu bringen versuchten, darunter Jean-Pierre de Crousaz, Abraham Ruchat, Charles Guillaume Loys de Bochat, Gabriel Seigneux de Correvon und Jean Philippe Loys de Cheseaux. Einige von ihnen unterstützten das pädagogisch völlig neuartige Projekt der Lausanner Armenschulen (1726) und schrieben Beiträge für die aufkommende literar. Presse ("Bibliothèque italique" und "Journal helvétique").

Ab den 1740er Jahren entwickelte sich eine von den Freimaurern eingeführte neue Form der Geselligkeit mit gemeinnütziger Ausrichtung, in der sich gelehrter Austausch mit sozialen Kontakten verband. 1761 entstanden in Lausanne, Vevey, Yverdon, Nyon und Payerne Zweige der Berner Ökonom. Gesellschaft, der aufklärerisch gesinnte Waadtländer angehörten. Es folgten 1762 die Moral. Gesellschaft, 1772 die Literar. Gesellschaft und 1783 die Société des sciences physiques de Lausanne. Öffentl. Bibliotheken wurden 1763 in Yverdon, 1767 in Morges und 1780 in Lausanne eingerichtet. Frauen aus dem Adel und Grossbürgertum wie Angélique de Charrière-Bavois, Catherine de Charrière oder Marie Blaquière führten Salons. Diese waren besonders bei Ausländern beliebt, die u.a. wegen des angesehenen Arztes Auguste Tissot und der Landschaft des Genferseegebiets in die W. kamen. Der Aufenthalt von Literaten wie Voltaire oder Edward Gibbon trug zur kulturellen Blüte bei. Ab 1790 empfing Germaine de Staël Intellektuelle in Coppet. Das ambitiöseste verleger. Vorhaben, das die waadtländ. Teilhabe an der ref. Aufklärung veranschaulicht, war die von Fortunato Bartolomeo de Felice herausgegebene "Encyclopédie d'Yverdon".

Autorin/Autor: Danièle Tosato-Rigo / EM

4 - Politische Geschichte vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart

4.1 - Der Kanton Léman in der Helvetischen Republik (1798-1802)

Am Vorabend der Helvet. Revolution standen in der W. Verteidiger des Status quo Befürwortern von Reformen gegenüber. Nur ganz wenige machten sich für die Loslösung von Bern stark. Ermutigt durch die Stationierung einer Division von 10'000 Mann der franz. Italienarmee im Pays de Gex, rief eine Handvoll Patrioten in Lausanne und Vevey in der Nacht vom 24.1.1798 die Lemanische Republik aus. Das kurzlebige Gebilde stiess weder bei den waadtländ. Eliten noch bei der Landbevölkerung auf Sympathien. Erstere befürchteten, ein Satellit von Frankreich zu werden, Letztere wollten von einer Revolution nichts wissen. So wurde das Ende der Berner Herrschaft nicht auf Druck einer lokalen Opposition, sondern durch den Franzoseneinfall herbeigeführt. Auslöser des franz. Vordringens war der Zwischenfall in Thierrens vom 25. Januar, als zwei franz. Husaren ermordet wurden, die einen Adjutanten auf dessen Mission zum Berner General Franz Rudolf von Weiss begleiteten. Der Franzoseneinfall verunmöglichte die Rückkehr zur alten Ordnung, umso mehr, als sich Bern zur Verteidigung seines Territoriums auf sein Deutschschweizer Gebiet zurückzog.

Die Waadtländer übernahmen am 15.2.1798 als erste die von den franz. Generälen aufoktroyierte helvet. Verfassung, während die helvet. Zentralbehörden erst am 12. April mit ihrer Arbeit begannen. Mit Hilfe franz. Truppen wurde der bewaffnete Widerstand gegen die Revolution im Jura und im Pays-d'Enhaut Anfang März 1798 niedergeschlagen. Der neue Kt. Léman umfasste die von Bern abgetrennte W. mit Ausnahme der Distrikte Avenches und Payerne, die zum Kt. Freiburg kamen. Obschon der Kanton von Kampfhandlungen verschont blieb, musste er eine hohe Kriegssteuer (sog. Ménard-Anleihe) leisten. Zudem wurde die W. während des 2. Koalitionskriegs von durchziehenden Truppen auf dem Weg zu den Alpenpässen heimgesucht. Darüber hinaus hatten die Waadtländer als Vorreiter der Revolution der franz. Armee Freiwilligenkontingente zu stellen, die sich an den Feldzügen gegen Bern, die Innerschweizer Kantone (1798) und das Wallis (1798, 1799) beteiligten. Dabei verhielten sich die franz.-waadtländ. Truppen äusserst barbarisch.

Die rasche Eingliederung der polit. Eliten und der städt. Wirtschaftsführer in die neue Ordnung spiegelte sich in der gewichtigen Vertretung von Waadtländern in den höchsten Gremien der Helvet. Republik. Sie umfasste Persönlichkeiten wie Frédéric-César de La Harpe, Pierre-Maurice Glayre, Philippe Abraham Louis und Louis Secretan, Jules Muret sowie Louis François Bégoz. Allerdings teilte die Bevölkerung diese Unterstützung für den Einheitsstaat, der für die polit. Existenz des neuen Kantons unabdingbar schien, nicht immer, da sie fürchtete, in den Krieg hineingezogen zu werden. Die Rückkehr der Föderalisten in die helvet. Regierung kostete 1800 mehreren Waadtländern ihren Sitz. Im Juni 1801 erhielt eine Petition, in der ein Dutzend Notabeln des Kt. Léman die Rückkehr zum Berner Regime forderten, zwischen 17'000 und 26'000 Unterschriften. Die Instabilität kulminierte im Mai 1802 im durch die rückwirkende Erhebung von Feudalsteuern ausgelösten Aufstand der Bourla-Papey. Auf den Zusammenbruch der helvet. Regierung und ihre Flucht nach Lausanne am 20.9.1802 folgte mit der Besetzung von Orbe durch Föderalisten am 30. September eine letzte bewaffnete Widerstandsaktion gegen die Revolution, bevor Napoleon Bonaparte vermittelnd eingriff.

Autorin/Autor: Danièle Tosato-Rigo / GL

4.2 - Der Kanton Waadt von 1803 bis zur Gegenwart

4.2.1 - Die Anfänge eines umstrittenen Kantons

Im Febr. 1803 trat die Mediationsakte in Kraft, die in Kap. 19 die Verfassung des Kt. W. enthielt. Von Beginn weg strebten Jules Muret, Henri Monod (1753-1833) und Auguste Pidou im Kl. Rat eine Art polit., militär. und wirtschaftl. Autarkie an. Diese führenden Persönlichkeiten der Waadtländer Regierung positionierten den Kanton gleichzeitig als treues Mitglied der Eidgenossenschaft und als Staat, der sich durchaus ohne Bern zu verwalten wusste. Das trug ihnen bald die Bezeichnung "Väter des Vaterlands" ein. Ihre vorsichtige Politik liess sich umsetzen, weil die Wähler, die für ihr Wahlrecht einen relativ bescheidenen Zensus erfüllen mussten, gemässigte Vertreter in den Gr. Rat (Legislative) schickten.

Der Fall Napoleons I. 1814 brachte der W. unruhige Zeiten. Schliesslich war es der gestürzte Kaiser gewesen, der die Unabhängigkeit der W. durchgesetzt hatte. Zudem spitzten die Versuche Berns, sein ehem. Untertanengebiet zurückzugewinnen, die Lage zu. Die Waadtländer verhandelten aber geschickt und bewahrten ihre Souveränität nach einer Intervention des Zaren Alexander I., eines ehem. Schülers von de La Harpe. Die Freiheit hatte jedoch ihren Preis: Die Waadtländer mussten eine Verfassung (1814 vom Gr. Rat verabschiedet) akzeptieren, die einen höheren Zensus und ein Kooptationssystem beinhaltete. Mit Letzterem sicherte sich der Gr. Rat eine Anzahl "zuverlässiger" Abgeordneter.

Die nunmehr Staatsrat genannte Regierung unter der Führung von Muret bemühte sich darum, die Grossmächte nicht zu reizen und sich gegenüber den Miteidgenossen loyal zu verhalten. Doch in den Augen der neuen städt. Eliten erwies sich Murets Politik als zusehends autoritärer. Von dieser Feindseligkeit profitierte in den 1820er Jahren die liberale Bewegung. Sie gewann im Kanton an Boden, während sich die Proteste gegen die als arrogant und unnachgiebig empfundene Haltung der Behörden häuften. Vereint um den 1824 gegr. "Nouvelliste vaudois", kämpfte die von Charles Monnard angeführte junge Garde der Liberalen für einen tief greifenden Wandel der Institutionen und ein kompromissloses Bekenntnis zur Pressefreiheit und zum Öffentlichkeitsprinzip der Debatten.

Autorin/Autor: Olivier Meuwly / GL

4.2.2 - Die liberale Revolution

Unter Druck bot der Staatsrat im Frühjahr 1830 Hand zu einer Verfassungsrevision, die in Wirklichkeit auf eine dauerhafte Festschreibung der Ordnung von 1814 abzielte. Trotz der verbreiteten Unzufriedenheit sperrte sich die Regierung gegen Veränderungen. Die Pariser Julirevolution von 1830 wirkte für die liberale Bewegung wie ein Fanal: Am 18.12.1830 wurde der Staatsrat abgesetzt und damit Murets Regierung gestürzt. Die neue Verfassung wurde im Juni 1831 vom Volk angenommen und schrieb das allg. Stimm- und Wahlrecht (nur für Männer) fest. Die liberale Regierung zeichnete sich u.a. durch ihr Engagement für das Schulwesen aus, sah sich jedoch bald vom linken Flügel der revolutionären Bewegung bedrängt, deren führende Köpfe sich dem ab ca. 1833-34 aufkommenden Radikalismus anschlossen.

Die Radikalen organisierten sich und forderten eine konsequentere Demokratisierung des polit. Systems, da etwa das sich über mehrere Tage erstreckende Wahlprozedere v.a. die weniger bemittelten Wähler benachteiligte. Im Weiteren traten sie für einen Staat ein, der sich entschiedener in die Belange der Wirtschaft einmischen sollte. Mit Hilfe des "Nouvelliste vaudois", dessen Kontrolle die Radikalen erlangt hatten, nutzten sie die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit dem liberalen Staatsrat. Allerdings gehörte der Regierung mit Henri Druey auch der Anführer und Theoretiker der Radikalen an. Als der Kt. Luzern die Jesuiten an seine höheren Schulen berief, weigerte sich die liberale Regierung, gegen Luzern Stellung zu beziehen, da sie die kant. Souveränität respektieren wollte. Diese Weigerung führte zur Lancierung einer Petition, die dank der Unterstützung durch die Association patriotique von Louis-Henri Delarageaz erfolgreich war und die radikale Revolution vom 13. und 14. Febr. 1845 auslöste.

Autorin/Autor: Olivier Meuwly / GL

4.2.3 - Die radikale Regierung und ihre Opposition

Die neue radikale Verfassung wurde am 10.8.1845 angenommen. Sie brachte mit dem Gesetzesreferendum und der Volksinitiative neue Volksrechte. Als sich zahlreiche Pfarrer weigerten, eine Erklärung des Staatsrats von der Kanzel zu verlesen, kam es innerhalb der Waadtländer Landeskirche zur Spaltung. Dissidenten gründeten 1847 die Eglise libre (Evangelische Freikirchen). Innerhalb der Regierungsmehrheit nahmen die Spannungen zu, als Druey 1848 in den Bundesrat gewählt wurde. Während sich die Besiegten von 1845, die Liberalkonservativen, aufrappelten, bröckelte das Lager der Radikalen weiter. Einige hatten genug vom autoritären Stil Delarageaz', der Druey als starken Mann im Kanton abgelöst hatte, und näherten sich den Liberalen an. Andere vom linken Flügel warfen dem Staatsrat vor, die rigide Flüchtlingspolitik des Bundesrats v.a. gegenüber dt. Liberalen und franz. Republikanern zu dulden, in Kirchenfragen zu unnachgiebig zu sein und seine Steuerversprechen nicht einzuhalten. Darüber hinaus erreichten die Beziehungen zwischen dem Kanton und der Stadt Lausanne einen Tiefpunkt: Nachdem Lausanne mit Freiburg eine gemeinsame Eisenbahnpolitik entworfen hatte, die jener des Staatsrats zuwiderlief, stellte dieser 1857 die Stadt unter Zwangsverwaltung.

1859 brachte die Opposition eine Abstimmung für eine Verfassungsrevision zustande, in der sie aber knapp unterlag. Ein zweiter Versuch führte zum Erfolg, sodass 1861 Liberalkonservative und Linksradikale eine Kantonsverfassung mit einem nunmehr siebenköpfigen Staatsrat ausarbeiteten und Delarageaz und seine Anhänger aus der Regierung verdrängten. Da der neue Staatsrat aber ein Spiegelbild der siegreichen Allianz war, blieb er schwach. Diese Gelegenheit liessen sich Delarageaz' Radikale nicht entgehen. Angeführt von einer neuen Generation um die herausragenden Politiker Victor Ruffy und Louis Ruchonnet, schlossen sie ihre Reihen, boten der langsam auseinanderbrechenden Gegenseite Paroli und nutzten die 1868 gegr. Zeitung "La Revue" ("Nouvelle Revue de Lausanne") als ihr Sprachrohr. 1866-92 besetzten sie wieder sämtl. Sitze im Staatsrat.

Autorin/Autor: Olivier Meuwly / GL

4.2.4 - Spannungen im linken wie im rechten Lager

In den 1870er Jahren formierten sich die Liberalkonservativen neu um die "Gazette de Lausanne". Zwar setzten sie nach einem Finanzskandal 1884 eine Totalrevision der Verfassung durch, die Radikalen behaupteten jedoch ihre Mehrheit und nutzten die Revision als Plebiszit für ihre polit. Ziele, etwa für die Einführung einer progressiven Kapitalsteuer. 1885 trat die neue Verfassung in Kraft.

Dank der 1881 gegr. Association démocratique festigten die Radikalen ihre Vormacht, indem sie die Schlüsselstellen im Kanton mit Getreuen Ruchonnets besetzten. Dennoch sahen sie sich bald mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Die soziale Frage erreichte im Verlauf der 1880er Jahre ein nie gekanntes Ausmass und stellte die Behörden vor grosse Probleme. Bislang hatte der Radikalismus auf die Arbeiterschaft zählen können, die hinter seinen nationalen und liberalen Werten stand. Angesichts der Verwerfungen im wirtschaftl. und sozialen Leben brach diese Allianz im letzten Viertel des 19. Jh. auseinander.

Unter der Führung des ehem. Radikalen Aloys Fauquez, der sich mit seiner Partei überworfen hatte, verselbstständigte sich die Arbeiterbewegung. Nach erneuten Spannungen zwischen den Radikalen und den Liberalkonservativen beschleunigte sich ihr Aufstieg. Als 1891 Antoine Vessaz, einer der mächtigsten Radikalen des Kantons und ein enger Freund Ruchonnets, im Zusammenhang mit einem Eisenbahngeschäft der Korruption bezichtigt wurde, schlugen die Liberalen aus dem Skandal Profit. Ihrer Forderung nach Teilhabe an der polit. Macht mussten die Radikalen nachgeben: Ab 1891 stellten die Liberalen einen der Waadtländer Vertreter in Bundesbern und ab 1892 einen Staatsrat. Die Abmachung kam kurz nach der Gründung der Sozialist. Arbeiterpartei 1890 zustande. Angesichts der Bedrohlichkeit, die von der neuen Partei ausging, versöhnten sich die Radikalen mit den Liberalkonservativen. Von nun an trugen sie gemeinsam die Regierungsverantwortung.

Die in Lausanne verankerte Arbeiterbewegung vermochte dieses Bündnis nicht zu zerschlagen, da sie u.a. durch das Majorzwahlsystem benachteiligt wurde. Obwohl sich ab den 1860er Jahren die Streiks häuften, fehlte ihr die Mehrheit für einen Systemwechsel. Auch als revolutionär gesinnte Gewerkschafter 1907 einen Generalstreik ausriefen, änderte sich daran nichts. Vielmehr zwang das Scheitern des Streiks die Waadtländer Sozialdemokraten zu einer Reorganisation mit Paul Golay als treibender Kraft. Diese Ereignisse zeugten von den wachsenden sozialen Spannungen vor dem 1. Weltkrieg. Nach dem Krieg brachen sie erneut auf. Im Gegensatz zur Entwicklung auf nationaler Ebene erstritt die Linke in der W. keine ihrer Stärke entsprechende Beteiligung an der Macht. Hingegen hielt sie, anders als in der Deutschschweiz, den Schaden nach der Abspaltung der Kommunist. Partei 1921 in Grenzen.

Das freisinnige Lager sah sich auch einer Opposition von rechts gegenüber, und zwar einer Ende des 19. Jh. entstandenen Bewegung unter den Bauern. Während die Bauernvertreter in den eidg. Wahlen von 1919 einen Durchbruch feierten, blieb ihr Erfolg in der W. bescheiden. 1921 rief ein dissidenter Radikaler eine Waadtländer Bauernpartei (BGB) ins Leben. Daraufhin hatten die Radikalen Mühe, zu verhindern, dass die Bauern der stärksten Partei im Kanton den Rücken kehrten. Trotzdem überliessen sie den Liberalen, die 1913 die Liberale Partei des Kt. W. gegründet hatten, einen zweiten Regierungssitz.

Die Spannungen zwischen Radikalen und Liberalen einerseits und Sozialdemokraten andererseits verschärften sich. Da die städt. Bevölkerung ihre Hoffnungen auf einen gemässigten Sozialismus setzte, erzielte die Sozialdemokratie auf Gemeindeebene Fortschritte. Auch nach der Eindämmung der aufstrebenden bäuerl. Opposition kehrte im freisinnigen Lager keine Ruhe ein. Obwohl sie die Regierungsverantwortung teilten, lieferten sich die beiden Parteien immer wieder erbitterte Kontroversen, v.a. in Steuerfragen, wie im Fall der 1899 angenommenen Vorlage zur Einführung der Erbschaftssteuer.

Autorin/Autor: Olivier Meuwly / GL

4.2.5 - Die Zeit der Extreme

Mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 erlebte die Linke in den Städten einen bemerkenswerten Aufschwung, v.a. im 1933-37 mehrheitlich sozialdemokratisch regierten Lausanne. Obwohl deren Lösungsansätze bei der bürgerl. Rechten auf wenig Gegenliebe stiessen, bestritt kaum jemand die Notwendigkeit staatl. Eingriffe. Für die Rechte stellte sich zudem die Frage, wie sie auf die Herausforderungen der Zeit reagieren sollte, ohne wie in anderen Kantonen und v.a. im Ausland dem Extremismus zu verfallen. Dass die Rechte in Bewegung geraten war, zeigte die 1933 gegr. Ligue vaudoise. Deren Mitglieder machten sich für den Korporativismus stark, lehnten die parlamentar. Demokratie ab und strebten eine grundlegende Änderung des polit. Systems an. Korporatist. Ideen beeinflussten eine Zeit lang auch liberale und einzelne radikale Meinungsführer.

Im 2. Weltkrieg sammelten sich die Kommunisten im Parti ouvrier populaire (POP) und verzeichneten bei Kriegsende nicht zuletzt dank der militär. Siege der Roten Armee bedeutende Erfolge: Der POP kam 1945 in den kant. Wahlen auf 42 der 217 Grossratsmandate und eroberte 1946 drei von sieben Sitze der Lausanner Stadtregierung (bis 1949). Sein Höhenflug endete, als die Sowjetunion 1956 im Westen vollends in Ungnade fiel. Der Antikommunismus förderte wie auf nationaler Ebene auch in der W. das Zusammengehen der bürgerl. Parteien mit den gemässigten sozialdemokrat. Kräften. Bereits 1946 traten die Radikalen den Sozialdemokraten einen Sitz im Staatsrat ab, den Arthur Maret errang.

Die Jahre der Hochkonjunktur festigten den polit. Konsens. Nachdem 1960 das Proporzwahlrecht endgültig eingeführt worden war, gipfelte das Streben nach Ausgleich 1962 in der Waadtländer Zauberformel mit drei Radikalen, zwei Sozialdemokraten, einem Liberalen und einem Vertreter der Bauernpartei (BGB). Erst in den 1980er Jahren wurde diese Regierungszusammensetzung wieder infrage gestellt. Als erster Kanton führte die W. 1959 das Frauenstimm- und -wahlrecht ein. 1962 gingen 13 von 197 Grossratssitzen an Frauen. Dennoch wurde erst 1997 mit Jacqueline Maurer-Mayor die erste Frau in den Staatsrat gewählt.

Autorin/Autor: Olivier Meuwly / GL

4.2.6 - Stabilität und Brüche

Während die sozialdemokrat. Partei unter dem Einfluss der aus der Achtundsechziger Bewegung hervorgegangenen Neuen Linken einen härteren Kurs einschlug und sich gegen die Konkurrenz der Grünen behaupten musste, sah die liberal-radikale Rechte die Veränderungen des polit. Systems nicht voraus, in dem sie so lange eine Schlüsselposition eingenommen hatte. Mit mässigem Erfolg rief sie zu einer Reform des Staats auf, dessen Ausgaben je länger desto mehr als zu hoch erachtet wurden. 1994 verloren die Radikalen einen Sitz im Staatsrat an die Grünen.

Als der Kanton in den 1990er Jahren eine schwere wirtschaftl., finanzielle und polit. Krise durchlief, hielt niemand mehr den Vormarsch der Schweiz. Volkspartei (SVP, bis 1973 BGB) auf. Die SVP politisierte mit lange vernachlässigten, konservativen Werten, wie sie es in Zürich erfolgreich getan hatte. Aufgrund der Schwächung des freisinnigen Lagers beschlossen Radikale und Liberale 2012 den Zusammenschluss ihrer Parteien. In diesem Kontext tauchte Ende des 20. Jh. die Idee einer Totalrevision der Waadtländer Verfassung auf, die ein Verfassungsrat 1999-2002 umsetzte.

Die neue Verfassung trat am 14.4.2003 zu einem Zeitpunkt in Kraft, als der Kanton mit einem Staatsrat aus je zwei Radikalen und Sozialdemokraten sowie je einem Vertreter der Liberalen, der SVP und der Grünen zur Stabilität zurückgefunden hatte. Seit der Legislatur 2007-12 dauert die Amtszeit des Staatsratspräsidenten fünf Jahre, also die ganze Legislatur. Ferner gewährt die Verfassung den Ausländern unter bestimmten Voraussetzungen das Stimm- und Wahlrecht auf Gemeindeebene. Die Wahlen von 2012 brachten der Linken mit drei Sitzen für die Sozialdemokraten und einem für die Grünen gegenüber zwei Sitzen für die Radikalen und einem für die Liberalen die Mehrheit in der Regierung. Auch wies der Staatsrat erstmals mehr Frauen als Männer auf.

Entsprechend seinem demograf. Gewicht stellt der Kt. W. die drittgrösste Vertretung in den eidg. Räten: 1919 waren es 16 Nationalräte, 2011 18. Die Waadtländer Sozialdemokraten zogen erstmals 1919 in den Nationalrat und 1975 in den Ständerat ein. Seit einigen Jahrzehnten dominieren innerhalb der Waadtländer Vertretung nach Bern Parlamentarier aus Lausanne. 1848-1998 war die W. immer mit einem meist radikalen Bundesrat in der Landesregierung vetreten. Hatte der Kanton in der Krise der 1990er Jahre auf nationaler Ebene merklich an Einfluss verloren, erlangte er mit der Rückkehr zu polit., finanzieller und wirtschaftl. Stabilität neue Stärke. Zur Wiedergewinnung seines Ansehens trug der Aufschwung der ETH Lausanne bei.

Wahlen in die Bundesversammlung 1919-2011 (ausgewählte Jahre)
 19191939194719591967197519791983199119951999200320072011
Ständerat
FDP222111111111  
LP   11 1111    
SP     1    1111
Grüne            11
Nationalrat
FDP96666557555434
LP4332223343211 
CVP   111   11 11
SP32354556555446
POP 231221 11121 
Grüne       1111232
BGB/SVP 21     112454
Andere             1
Total Sitze1615161616161617171717171818

Quellen:HistStat; BFS

Zusammensetzung des Staatsrats 1918-2012 (ausgewählte Jahre)
 19181930193819461958196219741986199019941998200220072012
FDP55543333322222
LP22221111112111
SP   13222221223
Grüne         11111
BGB/SVP     11111111 
Total Sitze77777777777777

Grossratswahlen 1917-2012 (ausgewählte Jahre)
 19171937194519571966197419781986199019941998200220072012
FDP1331311009375706770716854442947a
LP45533636343436454241353122 
CVP   5787542323 
SP1821264349536152525546463941
POP  421016161134712124 
Grüne      45121016212419
BGB/SVP 1081414141413151714222627
Andere10451025 7   2316
Total Sitze206219217211197200200200200200180180150150

a Wegen der Fusion zwischen Radikalen und Liberalen (beschlossen 2012) sind hier unter FDP die Sitzgewinne beider Parteien zusammen aufgeführt.

Quellen:HistStat; BFS; Staatskanzlei

Autorin/Autor: Olivier Meuwly / GL

4.3 - Kantonsverwaltung

Zwischen 1803 und 1886 änderte der Kanton im Zug der Verfassungsrevisionen sechsmal das Organisationsgesetz für den Staatsrat. Dabei musste er jedes Mal neue Lösungen und Kompromisse finden, was angesichts der polit. Herausforderungen und äusseren Zwänge keine leichte Aufgabe war. Die Verfassung von 1885 war 1886-2003 in Kraft. Auf ihrer Grundlage wurden im Lauf der Zeit sechs Organisationsgesetze für den Staatsrat verabschiedet. Hinzu kam 1948 die wichtige Verordnung über die Organisation der Departemente.

4.3.1 - Marksteine in der Organisation der Exekutive

Mit der Einführung eines glaubwürdigen Programms für die Verwaltung 1814 wurde ein erstes Etappenziel erreicht. Aber erst 1832 liess sich offen und ohne äusseren Druck über die Organisation der Verwaltung diskutieren. Hatte 1803 noch eine pragmat. Herangehensweise dominiert, erfolgte der Aufbau der Verwaltung 1832 nach Lehrmeinung.

1803 bildeten neun Magistrate, die gleichzeitig im Gr. Rat (Legislative) sassen, den Kl. Rat (Exekutive). Eine Beschränkung der Amtsdauer gab es nicht. 1814 setzte sich die nun Staatsrat genannte Exekutive aus 13 Mitgliedern des Gr. Rats zusammen. In beiden Fällen handelte es sich um ein Kollegialsystem. In diesem System stand jedem der drei (1803) bzw. vier (1814) Departemente eine Kommission aus mehreren Staatsräten vor. 1831 wurde die Zahl der Staatsräte auf neun reduziert. Sie wurden für sechs Jahre gewählt, wobei die Drittelserneuerung galt und nach wie vor keine Beschränkung der Amtsdauer vorgesehen war. 1832 regelte zum ersten Mal ein Gesetz die kollektive und individuelle Verantwortung des Staatsrats. Die radikale Revolution von 1845 stellte die Strukturen von 1831 nicht auf den Kopf. Der Bruch erfolgte 1862 mit dem Gesetz über die Organisation des Staatsrats, das sieben Staatsräte vorsah und sieben Departemente einführte. Dies zog eine Neuverteilung der Kompetenzen nach sich und erlaubte die Einbindung zusätzl. Staatsaufgaben.

Das Gesetz von 1886 präzisierte die vorangegangenen Neuerungen, v.a. die Organisation der sieben Departemente. Jeder Staatsrat stand nun gemäss dem Departementalsystem einem Departement vor, das im Gegensatz zu früher ein oder mehrere zentrale Ämter umfasste. 1970 wurde per Gesetz das seit Ende der 1940er Jahre geforderte Fürsorgedepartement eingeführt und das Militärdepartement abgeschafft. Die Verwaltung befand sich in einer Wachstumsphase, weil die Staatstätigkeit auf die Raumplanung, den Städtebau sowie auf den Natur-, Denkmal- und Landschaftsschutz ausgeweitet wurde.

Obwohl die Neuorganisation von 1998 die Verteilung auf sieben Departemente beibehielt, brach sie mit der bisherigen Praxis. Mit Ausnahme des Finanzdepartements erhielten alle Departemente neue Bezeichnungen und neue Aufgabenbereiche. So markierte das 200-Jahr-Jubiläum der Waadtländer Revolution eine Zäsur, deren Tragweite noch nicht erkennbar ist.

Autorin/Autor: Gilbert Coutaz / GL

4.3.2 - Gebietseinteilung

Als Folge der Kantonsverfassung von 2003 schrieb ein am 30.5.2006 verabschiedetes und am 1.9.2006 in Kraft getretenes Gesetz die neue Gebietseinteilung fest. Deren Umsetzung erfolgte schrittweise: Die Wahlkreise wurden im Hinblick auf die Wahlen von 2007 neu festgelegt, die Regierungsstatthalterämter 2008. Die Bezirke wurden 2006 von 19 auf zehn reduziert. Die alte Einteilung in 19 Bezirke ging auf die Berner Vogteien zurück, diejenige in 60 Kreise (Wahl- und Gerichtskreise) auf 1803. Auf Letzteren hatten verwaltungsmässige Unterteilungen wie die Regierungsstatthalterämter gefusst.

Die Finanzkrise der 1990er Jahre zwang zu neuen Formen der Zusammenarbeit, zu Umstrukturierungen im Bereich der Leistungen und zum Überdenken der räuml. Massstäbe angesichts der individuellen Mobilität und der Informatik. Bis 2000 kamen Gemeindefusionen nur sporadisch vor, doch ab 2007 häuften sie sich, sodass sich zwischen 2007 und 2012 die Zahl der Gem. um 52 verringerte. Zu dieser Entwicklung trug die Komplexität der Geschäfte, ein anspruchsvoller Finanzausgleich und nicht zuletzt der Mangel an polit. Nachwuchs bei.

Autorin/Autor: Gilbert Coutaz / GL

4.3.3 - Öffentliche Dienste

Die Zahl der Ämter in der Kantonsverwaltung nahm langsam, aber kontinuierlich von 28 im Jahr 1886 auf maximal 54 im Jahr 1998 zu. Seither legte man Ämter wieder zusammen und schuf bessere Voraussetzungen für die amtsübergreifende Zusammenarbeit, sodass die Verwaltung 2007 noch 42 Ämter zählte.

1885 befanden sich wie bereits 1803 sämtl. Departemente der Kantonsverwaltung in der Lausanner Cité. In der Periode 1886-1970 verteilte sich die Verwaltung auf versch. Lausanner Quartiere mit Zentren in Barre, Riponne und Pontaise. Die ab den 1920er Jahren verfolgte Idee, die gesamte Verwaltung in einigen wenigen Gebäuden unterzubringen, wurde nach dem Scheitern des sog. Ilôt-Riponne-Tunnel-Projekts zu Beginn der 1990er Jahre endgültig aufgegeben. Seit 1999 favorisiert die Politik die dezentrale Organisation wie im Fall der Auslagerung von Ämtern nach Moudon und Morges.

Autorin/Autor: Gilbert Coutaz / GL

4.3.4 - Staatsbeamte

Im April 1803 nahm der Kl. Rat seine Arbeit an der Spitze einer kleinen Zentralverwaltung auf, die aus rund zwei Dutzend, z.T. neu gewählten, jungen Beamten bestand. 2012 zählte die Verwaltung über 24'000 Vollzeitstellen. Allerdings existieren für eine längere Periode keine gesicherten Angaben, da erst 1948 ein Personalbüro geschaffen wurde. Dieses wurde 1974 zum Amt aufgewertet.

Während die Zahl der Beamten zwischen 1803 und 1861 stabil blieb, nahm sie mit der Verwaltungsorganisation von 1886 kontinuierlich zu und stieg von 1'100 Beamten bis 1970 auf ca. 11'000 an. In den 1970er Jahren erfolgte der grösste Personalzuwachs. Die Finanzkrise führte nach 1998 hingegen zu einem Personalabbau. Dennoch spiegelt diese Entwicklung die Tatsache, dass mit der Ausweitung der staatl. Interventionen und der Übernahme immer zahlreicherer und komplexerer Aufgaben mehr Verwaltungspersonal benötigt wurde, v.a. im sozialen Bereich.

1947 erhielt die Verwaltung erstmals ein Beamtengesetz. Zuvor, v.a. zwischen 1803 und 1886, handelte der Staatsrat mittels Dekreten und Beschlüssen. 1886 erliess er auf der Grundlage eines Gesetzes von 1878 Bestimmungen zu den Arbeitszeiten, Löhnen, Absenzen, Beförderungen und zur Besoldung der Beamten. Das Gesetz über die Organisation des Staatsrats von 1886 führte erstmals Besoldungsklassen ein, die für alle Beamten galten. 1955 kamen die Familienzulagen, 1969 die automat. Lohnindexierung, 1989 der 13. Monatslohn hinzu. Brachten die Jahre 1947-91 eine stete Besserstellung der Beamten, verschlechterten sich 1992-2001 ihre Arbeitsbedingungen. Deshalb gingen diese aus Unzufriedenheit zwischen 1995 und 2005 mehrfach auf die Strasse oder streikten. 2002 wurde der Beamtenstatus nach einer Abstimmung abgeschafft.

Das Personalgesetz von 2001 postulierte ein neues Selbstbild der Kantonsverwaltung. Diese will ein kundenfreundl. Dienstleistungsbetrieb sein, der auf motivierte Angestellte zurückgreift und deren Fähigkeiten nutzt. Gleichzeitig wurden die Einstufungen der Funktionen und das Entlöhnungssystem überarbeitet.

Autorin/Autor: Gilbert Coutaz / GL

4.3.5 - Steuerpolitik

Bis Mitte des 19. Jh. stammten die Einkünfte des Staats aus Weggeldern, die 1830-49 zwischen 9% und 10% der Gesamteinnahmen ausmachten, aus Regalien, Handänderungsgebühren und Grundsteuern. Letztere wurden auf Grundstücken und Gebäuden gemäss dem 1805 revidierten Katasterplan der Helvet. Republik erhoben. Der Kanton passte das System durch punktuelle Massnahmen wie die Weggeldreform von 1833 an, die in Richtung Freihandel zielte.

Nach 1848 musste der Kanton die Weggelder und Regalien (mit Ausnahme des Salzregals) an den Bundesstaat abtreten. Erst 1861 wurde die ab 1836 geforderte Kapitalsteuer angenommen, vorerst mit einem proportionalen Steuersatz, ab 1885 mit einem progressiven. Ab 1899 verfügte der Kanton über eine progressive Erbschaftssteuer; 2004 wurden die Ehegatten davon befreit. Der höhere Anteil der Steuergelder an den Staatseinnahmen dank der Einkommenssteuer ab 1956 bestimmte im 20. Jh. die Entwicklung der kant. Finanzen. Während die 2004 per Volksabstimmung angenommene und 2008 in Kraft getretene Neugestaltung des Finanzausgleichs und der Aufgabenteilung Anfang des 21. Jh. einen Lastenausgleich zwischen Bund und Kantonen anstrebt, sorgt die Steuerbelastungsverschiebung (im Kt. W. seit 2004) für einen Finanzausgleich zwischen Kanton und Gemeinden. 2000 lehnten die Waadtländer Stimmberechtigten eine Vereinheitlichung der Gemeindesteuerfüsse ab. Der 2001 eingeführte interkommunale Finanzausgleich, gegen den sowohl die 1909 gegr. Union des communes vaudoises als auch die 2002 geschaffene Association des communes vaudoises opponierte, wurde 2011 revidiert.

Nach der Annahme der Verfassungsrevision von 1885 kämpfte der Grossrat gegen vier schwere Krisen der öffentl. Finanzen, so 1898-1900, zu Beginn der 1920er Jahre, während des 2. Weltkriegs und 1992-2005. Hatte die Staatsverschuldung des Kt. W. 1997 noch 7,3 Mrd. Fr. betragen, wurde sie bis 2010 auf 1,9 Mrd. Fr. gesenkt.

Autorin/Autor: Gilbert Coutaz / GL

5 - Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Gerade weil im 19. und 20. Jh. die Wirtschaft und Gesellschaft des Kantons sowie die Kräfteverhältnisse zwischen den Regionen tief greifende Veränderungen erfuhren, wurde eine kant. Identität "erfunden". Das Reden über die Waadtländer Identität berührte verschiedenste Bereiche und wurde stets von Neuem zum Thema.

5.1 - Bevölkerung

Die Bevölkerungsentwicklung im Kt. W. durchlief versch. Phasen. In der 1. Hälfte des 19. Jh. stieg die Zahl der Kantonsbewohner von 148'000 Personen 1815 auf knapp 200'000 im Jahr 1850. Dieses Wachstum einer noch typ. Agrargesellschaft lag leicht unter dem schweiz. Mittel. 1850-1914 beschleunigte sich die Zunahme der Bevölkerung parallel zum allg. Wirtschaftsaufschwung, die jedoch durch die Krisenjahre 1875-90 gebremst wurde. Zum Wachstum trug die Einwanderung aus anderen Kantonen und dem Ausland bei, sodass der Anteil der Personen mit Waadtländer Bürgerrecht in der Periode 1860-1910 von 82% auf gut 40% sank.

Bis 1950 glich eine positive Migrationsbilanz das unter dem nationalen Durchschnitt liegende natürl. Bevölkerungswachstum z.T. aus. In der Zwischenkriegszeit gehörte die W. zu den wenigen Kantonen, die eine Zuwanderung von Personen aus der übrigen Schweiz verzeichneten. In der 2. Hälfte des 20. Jh. fusste das demograf. Wachstum v.a. auf der Einwanderung aus dem Ausland. Betrug 1950 der Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung noch 7,3%, lag er 1960 bei 12,6%, 1970 bei 22,6%, 1980 bei 20,2%, 1990 bei 25,4% und 2000 bei 27,6%. Damit wies die W. um die Jahrtausendwende unter den Kantonen die zweithöchste Ausländerquote aus.

Bestand die W. im 19. Jh. noch weitgehend aus einer ländl. Gesellschaft, setzte ab den 1880er Jahren eine Urbanisierung ein. Zu Beginn des 20. Jh. zählten nur Montreux, Vevey und Lausanne mehr als 10'000 Einwohner, und die neun grössten Gem. stellten um 1900 ein Drittel der Kantonsbewohner. 1990 umfassten diese Gem. bereits 44% der Gesamtbevölkerung; 2009 lebten 75% der Waadtländer in Agglomerationen mit einer ständigen Wohnbevölkerung von mind. 20'000 Personen, und zwar in den Grossräumen Lausanne, Vevey-Montreux und Yverdon-les-Bains sowie in den Waadtländer Gebieten der Ballungszentren Genf und Monthey-Aigle.

Die Bevölkerungskonzentration im Genfer Seebecken bildet eine weitere langfristige Entwicklung. 1990 umfasste dieses Gebiet 70% der Kantonsbewohner, während sich andere Bezirke im 20. Jh. entvölkerten, v.a. der Bez. Grandson wegen der schwindenden Bedeutung des Industriezentrums Sainte-Croix sowie das Pays-d'Enhaut. In geringerem Masse waren bis in die 1980er Jahre die Bez. Moudon und Echallens von der Abwanderung betroffen.

Bevölkerungsentwicklung 1850-2000
JahrEinwohnerAusländer-anteilAnteil ProtestantenAnteil KatholikenAlters-struktur (Anteil >59)ZeitraumGesamt-zunahmeaGeburten-überschussaWanderungs-saldoa
1850199 5752,7%96,3%3,5% 1850-18606,2o/oo4,5o/oo1,7o/oo
1860213 1575,3%93,6%6,0%9,1%1860-18707,5o/oo6,6o/oo0,9o/oo
1870229 5886,3%92,2%7,7%9,7%1870-18803,0o/oo5,2o/oo-2,2o/oo
1880235 3495,5%93,2%7,7%9,6%1880-18886,4o/oo6,8o/oo-0,4o/oo
1888247 6557,2%90,9%8,7%9,7%1888-190010,7o/oo7,1o/oo3,6o/oo
1900281 37911,1%86,3%13,1%9,3%1900-191012,1o/oo7,9o/oo4,2o/oo
1910317 45714,4%82,0%16,3%8,9%1910-19200,0o/oo3,7o/oo--3,7o/oo
1920317 49810,3%83,3%14,7%9,9%1920-19304,4o/oo3,1o/oo1,3o/oo
1930331 8539,7%82,0%15,8%11,5%1930-19413,1o/oo0,8o/oo2,3o/oo
1941343 3986,0%82,1%16,5%14,3%1941-195010,6o/oo4,4o/oo6,2o/oo
1950377 5857,3%78,1%19,9%15,4%1950-196013,0o/oo2,7o/oo10,3o/oo
1960429 51212,6%70,7%27,1%16,8%1960-197017,7o/oo5,1o/oo12,6o/oo
1970511 85122,6%60,7%36,1%17,9%1970-19803,2o/oo2,3o/oo0,9o/oo
1980528 74720,2%56,6%35,7%19,6%1980-199012,9o/oo2,2o/oo10,7o/oo
1990601 81625,4%47,2%37,9%19,3%1990-20006,4o/oo3,7o/oo2,7o/oo
2000640 65727,6%40,0%33,6%19,4%    

a mittlere jährliche Zuwachsrate

Quellen:HistStat; eidg. Volkszählungen; BFS

Autorin/Autor: François Vallotton, Malik Mazbouri / CBA

5.2 - Wirtschaft und Verkehr

Im 19. Jh. dominierte die Landwirtschaft das wirtschaftl. Leben des Kt. W.: 1888 bot der 1. Sektor noch gut 43% der Beschäftigten Arbeit. Erst um 1900 wurde er vom Industriesektor übertroffen. Der Dienstleistungssektor legte im Jahrzehnt vor dem 1. Weltkrieg deutlich zu und wuchs während des ganzen 20. Jh. kontinuierlich: 1900 beschäftigte er 29%, 1930 40,7%, 1960 46% und 2000 79,4% der Berufstätigen. In der 1. Hälfte des 20. Jh. expandierte der 2. Sektor langsam, aber stetig, bis er unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg einen Aufschwung erlebte und sich die Zahl der Arbeitnehmer in der Industrie zwischen 1941 und 1970 verdoppelte. Nach der Krise von 1974 setzte der Niedergang des 2. Sektors ein.

Diese allg. Entwicklung gilt es in doppelter Hinsicht zu differenzieren. Zum einen weisen die Bezirke unterschiedliche sozioökonom. Strukturen auf. So konzentriert sich die Landwirtschaft auf den Jurafuss, das Gros-de-Vaud und das Pays-d'Enhaut, während die für den Kanton bedeutenden Industriegebiete im Vallée de Joux, in Sainte-Croix, Yverdon-les-Bains, Vevey und im Ouest lausannois liegen. Zum anderen liess die Ballung von Arbeitsplätzen im Grossraum Lausanne ab 1945 die Pendlerströme anschwellen. Seit den 1990er Jahren pendeln auch immer mehr Grenzgänger aus dem franz. Teil des Genfer Seebeckens und aus dem franz. Jura in die W.

Erwerbsstruktura
Jahr1. Sektor2. Sektor3. SektorbTotal
186047 70247,4%29 49329,3%23 43923,3%100 634
1870c55 55455,4%30 20430,1%14 45414,4%100 212
1880c53 15551,4%32 09331,0%18 21117,6%103 459
188845 73543,7%30 99829,6%28 02926,8%104 762
190045 76034,5%48 34036,5%38 37529,0%132 475
191042 33928,7%51 96535,3%53 03336,0%147 337
192041 26127,6%51 97734,7%56 36837,7%149 606
193036 35123,3%56 29536,1%63 48140,7%156 127
194138 71424,3%54 20634,0%66 70841,8%159 628
195032 63419,0%63 90137,3%74 86043,7%171 395
196025 15612,7%82 04541,3%91 44646,0%198 647
197019 7218,0%101 13140,8%126 74151,2%247 593
198016 3536,5%82 08432,5%154 17061,0%252 607
199013 5124,4%77 21825,1%217 34070,5%308 070
2000d12 9684,1%52 15016,5%250 84979,4%315 967

a bis 1960 ohne Teilzeitangestellte

b Residualgrösse einschliesslich "unbekannt"

c ortsanwesende Bevölkerung

d Die Beschäftigtenzahlen der Volkszählung 2000 sind wegen der grossen Zahl "ohne Angabe" (46 254) nur begrenzt mit den vorhergehenden Daten vergleichbar.

Quellen:HistStat; eidg. Volkszählungen

Autorin/Autor: François Vallotton, Malik Mazbouri / CBA

5.2.1 - 1800-1850: dominante Landwirtschaft

Zu Beginn des 19. Jh. arbeiteten zwei von drei Waadtländern in der Landwirtschaft. Nur in den wachstumsträchtigen Branchen des ersten industriellen Aufschwungs der Schweiz wurden Betriebe gegründet, v.a. in der Textilindustrie. Um 1832 zählte eine Erhebung in Gewerbe und Industrie 15'000 Beschäftigte, wobei die wichtigsten Unternehmen der Leder-, der Metall- sowie der Uhren- und Spieldosenindustrie angehörten. Die geringe Dichte und Grösse der Werkstätten gingen mit einem rudimentären technolog. Standard einher. Deshalb machten sich liberale Persönlichkeiten, v.a. aus dem Kreis der 1826 gegründeten kant. Gemeinnützigen Gesellschaft, für die Förderung der Industrie und die Berufsbildung stark. In der Folge fanden in Lausanne 1833 und 1838 Industrieausstellungen statt. Auch die Eröffnung der Ecole moyenne et industrielle 1837 (ab 1908 Collège scientifique) belegt die Bestrebungen um eine bessere Ausbildung der Facharbeiter. Diese fielen in eine Zeit, als der Kanton unter der Leitung Adrien Pichards ein neues Strassennetz mit den Verbindungen Nyon-Saint-Cergue-Les Rousses, Yverdon-Sainte-Croix-Pontarlier, Lausanne-Oron und Aigle-Le Sépey errichtete. Pichard arbeitete auch ein Strassenprojekt zur Umfahrung von Lausanne aus, zu der die 1836-44 gebaute Grand-Pont gehörte, ein Vorzeigeobjekt jener Zeit.

Autorin/Autor: François Vallotton, Malik Mazbouri / CBA

5.2.2 - 1850-1914: Eisenbahnbau, technischer Fortschritt und touristischer Aufschwung

Trotz dieser nicht zu unterschätzenden Anfänge profitierte die Waadtländer Industrie kaum von den neuen Rahmenbedingungen des 1848 gegr. Bundesstaats. Die Wirtschaft litt sowohl unter der Trägheit der polit. Amtsinhaber, die ihren lokalen Traditionen verhaftet blieben, als auch unter einem rückständigen Bankwesen. Dieser Mangel wurde zwar mit den Gründungen der Banque cantonale vaudoise 1846 und der Caisse hypothécaire d'amortissement 1859 behoben. Allerdings berücksichtigte die Kantonalbank die lokale Industrie selten und die Hypothekarkasse bot ausschliesslich Hypotheken an.

Die Anstösse zu einer dynam. Veränderung der Wirtschaft kamen von aussen, namentlich vom Eisenbahnbau im Zug der industriellen Revolution. Nach einem Tauziehen zwischen dem Kanton und seiner Hauptstadt Lausanne entschied sich der Bund bei der Linienführung durch das Mittelland für die Strecke über Lausanne und Oron und gegen jene via Yverdon. Mit der Verbindung Jougne-Ecublens-Saint-Maurice sowie den Tunneldurchstichen am Simplon 1906 und am Mont-d'Or 1915 sicherten sich Lausanne und die W. innerhalb des europ. Eisenbahnnetzes eine strategisch wichtige Position. Dieses Netz mit seinen Nebenlinien beschleunigte den Niedergang des dörfl. Gewerbes und die Ablösung der Werkstätten durch Fabriken. Stammten die Finanzmittel in der ersten Phase des Eisenbahnbaus aus England, später aus Frankreich, übernahmen beim weiteren Ausbau des Netzes Waadtländer Privatbanken die Finanzierung.

In der Landwirtschaft führten der Wettbewerb mit ausländ. Produkten und fallende Bodenpreise, nicht zuletzt wegen der Krise der 1870er Jahre, zu Fortschritten in der Viehzucht und Milchwirtschaft. Davon zeugen die Gründungen von Kondensmilch- und Schokoladefabriken in Bercher, Payerne, Vevey, Orbe, Bussigny und Yverdon-les-Bains. Gleichzeitig begünstigte diese Entwicklung den Handel mit Brot- und Futtergetreide, wie ihn das 1877 in Nyon gegr. Unternehmen André betrieb. Auf die spätere Stagnation in der Landwirtschaft reagierte der Kanton mit Fördermassnahmen, indem er die Ausbildung der Bauern verbesserte (seit 1922 Ecole vaudoise d'agriculture in Marcelin-sur-Morges) und 1901 das Finanzinstitut Crédit foncier vaudois schuf.

In den 1840er Jahren entfaltete sich der Tourismus am Ufer des Genfersees, der sog. Waadtländer Riviera, danach in den Waadtländer Alpen und im Jura. Der Wettbewerb trieb den techn. Fortschritt in den Bereichen Verkehr, Energie und Kommunikation voran. 1877 verband die erste Standseilbahn der Schweiz, gleichzeitig die weltweit erste Bahn mit einem Hydraulikmotor, Ouchy mit dem Lausanner Stadtzentrum, 1888 wartete Montreux mit der zweiten elektr. Strassenbahn Europas auf. Dank gutsituierter Kundschaft erlebte der Fremdenverkehr um die Jahrhundertwende sein goldenes Zeitalter mit markant verlängerter Sommer- und Wintersaison. Zur selben Zeit positionierte sich Lausanne als Bildungszentrum mit seiner 1890 gegr. Universität und seinen über 150 Schulen und Internaten. Auch Heil- und Kurorte zogen eine internat. Kundschaft an, wobei sich Leysin mit seinen Kliniken auf die Behandlung der Tuberkulose spezialisierte.

Autorin/Autor: François Vallotton, Malik Mazbouri / CBA

5.2.3 - 1914-2010: Zweite und dritte industrielle Revolution, Handel und Dienstleistungen

Nach dem Beginn des 1. Weltkriegs brach der Tourismus zusammen. Andere Wirtschaftszweige wie der Handel und der Grossvertrieb legten hingegen zu. Die Waadtländer Industrie- und Handelskammer beteiligte sich 1919 an der Schaffung des Bureau industriel suisse, der späteren Schweiz. Zentrale für Handelsförderung, und führte ab 1920 als Ergänzung zur Basler Mustermesse den Comptoir suisse durch. Die ersten Warenhäuser kamen um die Jahrhundertwende auf und setzten sich im Zug der Wirtschaftskrise zu Beginn der 1930er Jahre durch. Uniprix eröffnete 1932 Filialen in Vevey und Lausanne. Der Siegeszug der Grossverteiler löste Proteste aus und zog polit. Massnahmen nach sich, welche die Warenhäuser in ihrem Wirken einschränkten. So konnte die Migros aufgrund eines dringl. Bundesbeschlusses von 1933 erst 1946 Zweigstellen in der W. aufbauen.

Innerhalb des Industriesektors konzentrierten sich die Waadtländer Unternehmer auf die traditionellen Branchen. Zu den wichtigsten Firmen in der Metallindustrie und im Maschinenbau zählten Jaquet SA in Vallorbe, die Ateliers de Constructions Mécaniques de Vevey, Matisa und Bobst, in der Lebensmittelindustrie Nestlé, im Druckereigewerbe Heliographia, Presses centrales und Imprimeries réunies sowie in der Uhrenindustrie Jaeger-LeCoultre und Audemars Piguet. Mit dem Aufkommen der Elektrizität entstanden neue Industriebetriebe wie die Câbleries et Tréfileries in Cossonay (1898-1996) und die 1909 gegr. Leclanché in Yverdon. Die Bauwirtschaft erstarkte in der unmittelbaren Nachkriegszeit dank Infrastrukturprojekten. Elektronikfirmen wie Logitech (ab 1981) profitierten von der Zusammenarbeit mit der ETH Lausanne und schufen sich eine Marktnische. Der Industrie kam zugute, dass zahlreiche multinationale Unternehmen wegen der geogr. Lage, des Dienstleistungsangebots und der günstigen Steuerbedingungen ihren Verwaltungssitz in die W. verlegten.

Autorin/Autor: François Vallotton, Malik Mazbouri / CBA

5.3 - Sozialstruktur und gesellschaftlicher Wandel

5.3.1 - Die soziale Frage

Eine Darstellung des gesellschaftl. Wandels in der W. muss Kriterien wie Besitzverhältnisse, Bürgerrecht, Berufstätigkeit, Einkommen und Bildungsstand berücksichtigen. Leider fehlen die notwendigen Zahlen, um Vergleiche über einen längeren Zeitraum anstellen zu können. Immerhin existieren zwei Berichte aus dem 19. Jh., die Aufschluss über die Probleme der damaligen Gesellschaft und die von der Politik vorgeschlagenen Lösungsansätze geben.

Mit dem von einer Kommission des Staatsrats erarbeiteten Bericht "Enquête sur le paupérisme" von 1841 antwortete die Regierung auf eine Petition von Bürgern aus Château-d'Œx, welche die Aufhebung der Pflicht zur Armenpflege verlangten. Der Bericht sprach sich für deren Beibehaltung aus und bekräftigte gleichzeitig, dass die Armen ihr Los nur durch Arbeit verbessern könnten. Die Zahl der Hilfsbedürftigen wurde auf 19'000 Personen geschätzt, was 10% der Bevölkerung entsprach.

Der zweite, 1896 erschienene Bericht stammte vom späteren Lausanner Stadtrat André Schnetzler, der die Wohnverhältnisse in der Kantonshauptstadt untersucht hatte. Schnetzler machte auf die schlechten Wohnbedingungen der Unterschichten aufmerksam. Unter Verweis auf Epidemien betonte er die Ansteckungsgefahr für die Mittel- und Oberschicht. Sein Bericht führte zu einer neuen Bauordnung und verstärkte die Bemühungen der Politik um eine bessere Wasserver- und Abwasserentsorgung, Hygiene und Wohnungen.

Obwohl eine Sozialpolitik nur in Ansätzen bestand, subventionierte der Staat den sozialen Wohnungsbau während der Depression 1921-22 und in der Krise der 1930er Jahre, als der Kanton eine hohe Arbeitslosenquote beklagte. So zählte Lausanne 1936 zu den am stärksten von der Arbeitslosigkeit betroffenen Schweizer Städten: Mehr als 4'000 Personen bzw. 14% der Erwerbstätigen waren stellenlos. Trotz des Wirtschaftswachstums der Nachkriegszeit und des Aufbaus eines dichteren sozialen Auffangnetzes waren bestimmte Gruppen deutlicher von Armut betroffen, v.a. Ausländer, ältere Menschen und Frauen, deren Lohnniveau generell unter jenem der Männer blieb. 2006 lag im Kt. W. der Anteil der unter der Armutsgrenze Lebenden mit 10,8% und jener der Working Poor mit 5,1% über den schweiz. Mittelwerten von 9% bzw. 4,5%.

Autorin/Autor: François Vallotton, Malik Mazbouri / CBA

5.3.2 - Arbeiterbewegung und soziale Konflikte

Bis in die 1860er Jahre besass die Arbeiterbewegung in der W. wegen des schwach entwickelten Industriesektors nur eine geringe Bedeutung. Mehrere Vereinigungen unter dem Einfluss dt. Arbeiter trugen dennoch dazu bei, dass innerhalb der Arbeiterschaft sozialist. Ideen Fuss fassten und sich ein eigenes Klassenbewusstsein herausbildete. Im Umfeld der 1. Internationale, deren 2. Kongress 1867 in Lausanne stattfand, formierte sich eine Gewerkschaftsbewegung. Sie organisierte die ersten Streiks im Kanton. Ab 1888 erfassten diese die neuen Industriestandorte Vevey, Yverdon, Orbe und Nyon, was zu einer deutl. Zunahme der Arbeitskonflikte führte. Zwischen 1887 und 1914 kam es zu 230 Arbeitskämpfen. Auch wenn sich die Auseinandersetzungen selten mit den Streiks in den meisten anderen westl. Ländern vergleichen lassen, stiessen sie als neues Phänomen und aufgrund ihrer Häufigkeit in der Öffentlichkeit auf grosse Beachtung, umso mehr, als die Waadtländer Bevölkerung als friedliebend galt. Meist standen Forderungen nach besserer Entlöhnung oder kürzerer Arbeitszeit im Zentrum, daneben aber auch das Gewerkschaftsverbot in Unternehmen und der Kampf gegen den Stücklohn.

Der Einfluss der revolutionären Gewerkschaftsbewegung schlug sich im März 1907 in einem Generalstreik nieder, nachdem es in der Schokoladefabrik Orbe zu einem Arbeitskonflikt gekommen war. Der Generalstreik spiegelte die verhärteten Fronten zwischen einem Teil der Arbeiterbewegung und den Arbeitgebern sowie den polit. Behörden. Gleichzeitig machte er die Spannungen zwischen reformorientierten Sozialdemokraten und Anarchosyndikalisten sichtbar. Die Beteiligung am Landesstreik 1918 fiel in der W. geringer aus als in der Deutschschweiz. Als zu Beginn der 1930er Jahre die Linke in mehreren Städten an die Macht kam und Abkommen zum Arbeitsfrieden geschlossen wurden, verloren die Gewerkschaften an Schwung. In der Nachkriegszeit vermochten sie wieder stärker zu mobilisieren, etwa 1949 beim viermonatigen Streik in der Zündholzfabrik Diamond in Nyon, in den 1970er Jahren bei Streiks in den Firmen Paillard 1971 und Matisa 1976 sowie im Verlauf der 90er Jahre anlässlich von Sparmassnahmen der öffentl. Hand.

Autorin/Autor: François Vallotton, Malik Mazbouri / CBA

5.3.3 - Schule und Ausbildung

Zu Beginn des 19. Jh. wurde die Primarschule ausgebaut, deren Besuch seit 1806 obligatorisch ist. Der Handlungsspielraum des Staats im Schulwesen nahm auf Kosten der Gem. und der Kirche stetig zu. Mit der Erhöhung der staatl. Mittel für die Lehrerausbildung, die Besoldung der Lehrkräfte und den Schulhausbau wuchs die Mitsprache des Kantons bei der Ausgestaltung und Koordination der Lehrpläne. 1906 sah ein Gesetz die Schaffung einer Oberstufe innerhalb der Primarschule (classes primaires supérieures) vor, um dem Rückgang der Schülerzahlen in den Sekundarschulen der Gem. entgegenzutreten.

Im Bereich der Sekundarstufe trennte ein Gesetz von 1837 den gymnasialen Unterricht von der Akademie ab und rief damit die humanist. Gymnasien als eigenständige kant. Bildungseinrichtungen ins Leben. 1838 öffnete die erste Höhere Töchterschule unter der Leitung von Alexandre Vinet ihre Tore. 1869 wurde die Ecole moyenne et industrielle in Lausanne zur kant. Industrieschule erhoben. Die oberen Klassen der Industrieschulen wurden 1925 in die kant. Gymnasien integriert. Die 1901 in Lausanne gegr. Handelsschule erlebte vor dem 1. Weltkrieg einen enormen Aufschwung. In versch. Regionen des Kantons entstanden Berufsschulen: 1898 eine Nähschule in Lausanne, 1900 eine techn. Lehranstalt in Le Sentier, 1903 eine Gewerbeschule in Yverdon, 1907 eine Ausbildungsstätte für Feinmechaniker in Sainte-Croix, 1914 eine Kunstgewerbeschule in Vevey und 1916 eine Gewerbeschule in Lausanne. Seit 1893 besitzt Lausanne auch eine renommierte Hotelfachschule.

Bildungsfragen gewannen im Lauf des 20. Jh. ständig an Bedeutung. Die Schulreform von 1956 verteilte die Aufgaben zwischen dem Kanton und den Gem., die für die obligator. Schule verantwortlich blieben, neu und schrieb gemischte Klassen vor. In den 1970er Jahren erfolgte eine Dezentralisierung der Bildung, indem man ausserhalb Lausannes Berufsbildungszentren, Gymnasien und Lehrerseminare errichtete. Die beiden Letzteren befanden sich jeweils unter einem Dach. Die Reform Ecole vaudoise en mutation legte 1995 den Schwerpunkt auf pädagog. Fragen und führte für die ersten Jahre der Sekundarschule eine durchlässige Stufe (cycle de transition) mit Leistungsniveaus ein, die heftig umstritten war. 1890 ging aus der Akademie die Universität Lausanne hervor. Sie öffnete sich im Zug der Achtundsechziger Bewegung weiteren Studentenkreisen und verfügte nach der Errichtung des Campus ausserhalb der Stadt ab 1970 über mehr Raum und finanzielle Mittel. 1981 wurde in Lausanne das Institut de hautes études en administration publique gegründet. Die vorerst vom Kanton getragene Techn. Hochschule der Univ. Lausanne ging aus der bereits 1853 als Ausbildungsstätte für Ingenieure ins Leben gerufenen Ecole spéciale hervor. 1969 übernahm der Bund sie als zweite Eidgenössische Technische Hochschule. Dank ihrer Präsenz und ihrer engen Beziehungen zur Wirtschaft steht sie für eine hochstehende und international ausgerichtete Lehre und Forschung.

Autorin/Autor: François Vallotton, Malik Mazbouri / CBA

5.4 - Kultur und Religion

5.4.1 - Verlagswesen, Presse und Medien

Das Waadtländer Verlagswesen erlebte mit den nicht mehr existierenden Häusern Bridel (1844), Payot (1877), Verseau (1925), Mermod (1926), Trois Collines (1935) und Bertil Galland (1972) ein goldenes Zeitalter. Mit der Schliessung der Lausanner Druckerei Rencontre 1971 und der Einstellung der Tätigkeit der Büchergilde Gutenberg 1977 ging diese Epoche zu Ende, auch wenn nach wie vor Verlage wie L'Age d'homme (1966), Favre (1975), En bas (1976), L'Aire (1978), Campiche (1986) und Cabédita (1988) bestehen.

Die Waadtländer Presselandschaft machte einen langen Konzentrationsprozess durch, zu dessen Sinnbild 2011 der Verkauf der Inlandaktivitäten von Edipresse an das Zürcher Verlagshaus Tamedia wurde. Edipresse war in der Westschweiz die wichtigste Mediengruppe und gab die zwei grossen Tageszeitungen "Vingt-quatre Heures" (hervorgegangen aus dem 1762 gegr. "Feuille d'Avis de Lausanne") und "Le Matin" (hervorgegangen aus der 1893 gegr. "La Tribune de Lausanne") heraus. 1974 erschienen in der W. an 29 Standorten sieben Tageszeitungen und 30 Zeitungen mit ein bis drei Ausgaben pro Woche, während es 2009 noch knapp 20 Titel waren. Der traditionellen Parteipresse erwuchs immer härtere Konkurrenz durch die Informationspresse, Zeitschriften, später Gratiszeitungen. Die "Gazette de Lausanne", Parteizeitung der Liberalen ab Anfang des 19. Jh., genoss im 20. Jh. den Ruf eines wichtigen kulturellen Forums, ging aber 1991 ein.

Im Bereich Radio und Fernsehen leistete der Kt. W. Pionierarbeit: 1922 nahm auf dem Champ-de-l'Air in Lausanne der erste Radiosender der Schweiz bzw. der dritte Europas seinen Betrieb auf. In ganz Europa bekannt wurde das im Jorat gelegene Dorf Sottens, von wo aus der Landessender ab 1931 die Programme von Radio-Lausanne und Radio-Genf ausstrahlte. Ab 1948 beteiligte sich das Studio Lausanne an ersten Fernsehübertragungen, doch 1960 erhielt Genf den Zuschlag als Sitz des Westschweizer Fernsehstudios. Hingegen kamen in den folgenden Jahren zunächst die Leitung, dann die Produktion des Westschweizer Radios nach Lausanne.

Autorin/Autor: François Vallotton, Malik Mazbouri / CBA

5.4.2 - Kultur und Vereinsleben

Vom frühen 19. Jh. an bildete sich im Rahmen der Geselligkeit lokaler Schützen-, Gesangs- und Turnvereine eine Waadtländer Identität heraus. Eine wichtige Rolle spielte dabei das Aufkommen eines gemeinsamen Geschichtsbilds, wie es u.a. Juste Olivier 1837 mit seiner Studie "Le canton de Vaud" umriss. Einprägsame Bilder trugen ebenfalls dazu bei, etwa Charles Gleyres "Le Major Davel" (1850) und "Les Romains passant sous le joug" (1858). Das Winzerfest Fête des Vignerons in Vevey verlor im Lauf der Zeit seinen ländl. und genossenschaftl. Charakter und verpflichtete im 20. Jh. angesehene Waadtländer Künstler. Anlässlich der 100-Jahr-Feier zur Kantonsgründung fanden 1903 drei Bühnenaufführungen statt: das "Festival vaudois" mit Werken des Komponisten Emile Jaques-Dalcroze, das Drama "La dîme" von René Morax, seine erste Inszenierung in Mézières, die der Gründung des Théâtre du Jorat vorausging, sowie das hist. Stück "Le peuple vaudois" von Henri Warnery, inszeniert am Stadttheater Lausanne zu Musik von Gustave Doret. Sie alle propagierten eine unverfälschte Waadtländer Eigenständigkeit, in der kant. und nationale Identität eins waren. Die 1914 auf Anstoss von Paul Budry gegr. Monatsschrift "Cahiers vaudois" bedeutete einen Traditionsbruch, da sie die Autonomie der Kunst hochhielt und für ein paar Jahre Künstler unterschiedlichster Richtungen vereinigte. Das an diese Erfahrung direkt anschliessende, 1918 in Lausanne uraufgeführte Stück "Histoire du soldat" hinterliess beim Publikum einen tiefen Eindruck. An dieser Produktion nahmen Künstler teil, die das künstler. Schaffen in der W. für lange Zeit prägen sollten: René Auberjonois, Charles Ferdinand Ramuz, Igor Strawinsky, Georges und Ludmilla Pitoëff, Gilles, Elie Gagnebin und Ernest Ansermet.

Neuere Studien betonen die Bedeutung des Staats für versch. Kulturbereiche. Für die Architekturgeschichte spielte der 1928 in La Sarraz abgehaltene erste Congrès international d'architecture moderne eine wichtige Rolle, für die Geschichte des Films der Bau der ersten Kinosäle, die Einrichtung des Schweizer Filmarchivs 1948 und die Institutionalisierung des Festivals Visions du réel in Nyon. In der Musik gilt es, neben dem Kammerorchester Lausanne sowie den Festivals von Montreux und Nyon Constantin Regamey zu erwähnen. Im Tanz ragt das 1987 geschaffene Béjart Ballet Lausanne heraus, in der Gegenwartskunst die 1976 eingerichtete Collection de l'Art brut (Art brut). Die Landesausstellung von 1964 in Lausanne belebte mit dem Ensemble Boulimie und dem Théâtre de Vidy die Kleinkunst. Weitere Bühnen folgten: 1967-76 Création, 1967-87 Onze und seit 1979 Kléber-Méleau in Lausanne sowie seit 1986 Beausobre in Morges. Im Museumsbereich öffneten im letzten Drittel des 20. Jh. mehrere grosse Institutionen ihre Tore, so 1976 das Maison d'Ailleurs in Yverdon-les-Bains, in Lausanne 1984 die Fondation de l'Hermitage, 1985 das Musée de l'Elysée und 1993 das Olymp. Museum sowie 1998 das Château de Prangins, eine Zweigstelle des Nationalmuseums. Nach den Jugendunruhen Lôzane bouge 1980 entstand um Veranstaltungslokale wie Cabaret Orwell, Dolce vita, dem berühmtesten Rockklub der Westschweiz in den 1980er Jahren, und später Les Docks eine lebhafte alternative Kulturszene.

Autorin/Autor: François Vallotton, Malik Mazbouri / CBA

5.4.3 - Religion

Die Auseinandersetzungen zwischen der evang.-ref. Landeskirche und dem Réveil (Erweckungsbewegungen) prägten in der W. das ganze 19. Jh. Als im Jan. 1824 der Staatsrat Versammlungen der Bewegung verbot, versuchte diese mittels Presseerzeugnissen und der Herausgabe von Schriften ihren Einfluss auf die Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Nach der radikalen Revolution 1845 kam es zur Abspaltung von der Landeskirche. Nachdem sich eine Reihe von Pfarrern geweigert hatte, von der Kanzel eine Erklärung zur Legitimation der neuen Regierung zu verlesen, riefen diese 1847 die Eglise libre des Kt. W. ins Leben. Sie besass eine eigene theol. Fakultät und übte grossen Einfluss auf das gesellschaftl. und intellektuelle Leben des Kantons aus. Schon bald gestand sie den Frauen die gleichen Rechte und Pflichten wie den Männern zu. 1926 führte sie die Frauenordination ein. Die Wiedervereinigung mit der Landeskirche erfolgte 1965 im Zug einer weltweiten ökumen. Bewegung und eines Pfarrermangels.

Die Ausübung des kath. Glaubens wurde 1810 erlaubt, doch erst 1878 wurde das Verbot von Kirchtürmen und anderen sichtbaren Zeichen aufgehoben. In der Nachkriegszeit wuchs die Zahl der Katholiken auf mehr als das Doppelte an. Die Verfassung von 2003 räumt beiden Konfessionen die gleichen Rechte ein. Gemeinschaften wie die Darbysten, Adventisten, Anglikaner, Griech.- und Russ.-Orthodoxen sowie Muslime haben ebenfalls einen Sitz in der W. Eine jüd. Gemeinde entstand zwischen 1826 und 1827 in Avenches. Mussten die Juden auf eidg. Ebene bis 1866 auf ihre rechtl. Gleichstellung warten, gewährte ihnen die W. auf kant. Ebene die Gleichstellung früher. Gleichwohl herrschte in den 1930er Jahren im Kanton ein starker Antisemitismus, der durch lokale polit. und kirchl. Kreise gefördert wurde und 1942 in der Ermordung eines jüd. Viehhändlers in Payerne durch Sympathisanten des Nationalsozialismus gipfelte.

Der Kt. W. verfügte lange weder über die industrielle Dynamik der Deutschschweiz noch über die internat. und kulturelle Ausstrahlung seines Nachbarn und Rivalen Genf. Seit einigen Jahren bietet er sich jedoch als attraktiver Wirtschaftsstandort mit Bevölkerungswachstum und dynam. Hochschullandschaft an. Davon zeugen bedeutende Bauprojekte wie die Errichtung der Lausanner Metro oder die Umgestaltung des Stadtviertels Le Flon, die dem Kantonshauptort ein neues Gesicht geben. Parallel dazu tat sich eine immer tiefer werdende Kluft zwischen der von Versoix bis Villeneuve reichenden Grossagglomeration im Genfer Seebecken und dem Rest des Kantons auf. Einen Zusammenschluss mit Genf lehnte die Stimmbevölkerung 2002 ab. Damit bleibt die Frage offen, in welche Richtung sich die W. innerhalb der Schweiz und eines Europas der Regionen entwickeln soll.

Autorin/Autor: François Vallotton, Malik Mazbouri / CBA

Quellen und Literatur

Archive
– ACV
– BCUL
– Musée cantonal d'archéologie et d'histoire, Lausanne
– StadtA Lausanne
Quellen
SSRQ VD, 5 Bde., 1972-2010
Guide des Archives cantonales vaudoises, 21993
Literatur
  • Historiografie

    – Als 1536 der Bischof die Stadt Lausanne verlassen musste, beruhte das hist. Gedächtnis der Diözese nur auf den im 13. Jh. entstandenen Chroniken des Cono von Stäffis sowie auf einigen lückenhaften Überlieferungen. Zudem kannte ausserhalb der geistl. Welt niemand diese Schriften. Mitte des 16. Jh. verfasste ein anonymer Waadtländer Autor die "Chronique du Pays de Vaud", eine sehr freie Kompilation älterer Bücher. Den bescheidenen hist. Kenntnisstand des ausgehenden MA vermochte die Geschichtsschreibung der frühen Neuzeit nicht zu erweitern. Dies hatte einerseits mit dem Status der W. als Untertanengebiet zu tun, andererseits mit der anhaltenden Furcht der Berner Obrigkeit, hist. Darstellungen könnten ihren Herrschaftsanspruch infrage stellen. Zwischen 1656 und 1798 legten nur die Pfarrherren und Gelehrten Jean-Baptiste Plantin und Abraham Ruchat hist. Arbeiten vor. 1837 regten die gleichzeitig erfolgte Gründung der Société d'histoire de la Suisse romande und die Ernennung des ersten Kantonsarchivars die Forschungstätigkeit an, v.a. die Veröffentlichung von Quellen und Studien über das MA. Die Schriften von Frédéric de Gingins-La Sarraz, Juste Olivier und Auguste Verdeil weckten das Interesse an der W. unter savoy. Herrschaft. Die Schwärmerei für diese Epoche fusste nicht zuletzt auf der Publikation umfangreicher, aber oft fehlerhafter Quellensammlungen, die auf der einen Seite v.a. von Mitgliedern der Ligue vaudoise wie Marcel Regamey und Richard Paquier, auf der anderen Seite von Charles Gilliard zur Untermauerung ihrer widersprechenden und wechselnden Thesen herangezogen wurden. Neue Studien auf der Grundlage der reichhaltigen Turiner Archive präzisierten die territorialen Umrisse der W., die sich vom MA an als eine unter der autoritären und zentralist. Herrschaft Savoyens herausgebildete Einheit verstand. Mit Henri Drueys Kritik am übertriebenen Interesse an der savoy. Epoche setzte 1852 die radikale Geschichtsschreibung ein, die vom Ende des 19. Jh. bis zum 2. Weltkrieg bestimmend blieb. Drueys Sicht fand Niederschlag im einflussreichen Werk Paul Maillefers, v.a. in dessen Hauptwerk "Histoire du Canton de Vaud dès les origines" (1903). Die als vierter Band der Reihe "Encyclopédie illustrée du Pays de Vaud" 1973 erschienene "L'Histoire vaudoise" brach mit dieser Tradition. Allerdings begnügte sich der Herausgeber in Ermangelung einer neuen These mit einer Chronologie der Jahre 1848-1973 und das Kapitel über das Ancien Régime schrieb der Berner Prof. Ulrich Im Hof. Denn nach der 100-Jahr-Feier zur Kantonsgründung 1903, Höhepunkt der Selbstdarstellung, fächerte sich das hist. Wissen infolge fortschreitender Spezialisierung und Professionalisierung der Historiker auf. Auch wenn neue Überblickswerke fehlen, erschienen unter dem Einfluss des Rechtshistorikers Jean-François Poudret und des Mediävisten Agostino Paravicini Bagliani eine Vielzahl von Studien über das MA., v.a. in Form von Dissertationen und Beiträgen in den "Cahiers lausannois d'histoire médiévale". Dank der Schaffung eines Lehrstuhls für frühe Neuzeit 1970, auf den Alain Dubois berufen wurde, richtete sich der Fokus auch auf das Ancien Régime. Paul-Louis Pelet und François Jequier widmeten sich der Wirtschaftsgeschichte, André Lasserre der Sozialgeschichte und Marcel Grandjean der Denkmalgeschichte. Praktisch sämtl. Dissertationen zur Geschichte der W. erschienen in der 1940 gegr. Reihe "Bibliothèque historique vaudoise".
  • Reihen, Bibliografien

    RHV, 1893-
    Cahiers d'archéologie romande, 1974-
    Encycl.VD 12
    Cahiers lausannois d'histoire médiévale, 1989-
    Mémoire vive, 1992-
    Vaud à livres ouverts: bibliographie du canton de Vaud 1987-1995, 1996
    Panorama des archives communales vaudoises, 1401-2003, hg. von G. Coutaz et al., 2003
    – G. Coutaz, «Entre mémoire cantonale historique et mémoire documentaire», in Créer un nouveau canton à l'ère des révolutions, hg. von F. Panzera et al., 2004, 319-331
  • Allgemeines

    Dictionnaire historique, géographique et statistique du canton de Vaud, 2 Bde., 1914-21 (Nachdr. 1982, mit Reg.)
    – D.L. Galbreath, Armorial vaudois, 2 Bde., 1934-36
    Kdm VD, 1946-
    Encycl.VD v.a. 3-5
    HS I/4, 64-83
    – L. Hubler, Histoire du Pays de Vaud, 1991
    RHV, 2003 (Themenh. Identités vaudoises)
  • Von der Urgeschichte bis zur Römerzeit

    – M.-A. Kaeser, A la recherche du passé vaudois, 2000
    Des Alpes au Léman, hg. von A. Gallay, 2006 (22008)
    Archéologie en terre vaudoise, Ausstellungskat. Lausanne-Vidy, 2009
    ArS 34, 2011, Nr. 2 (Bibl. 73 f.)
  • Frühmittelalter

    – V. Durussel, J.-D. Morerod, Le Pays de Vaud aux sources de son histoire, 1990
    Archéologie du Moyen Age, Ausstellungskat. Lausanne, 1993
    Les pays romands au Moyen Age, hg. von A. Paravicini Bagliani et al., 1997
  • Politische Geschichte vom Mittelalter bis 1798

    – D. Tappy, Les Etats de Vaud, 1988
    La maison de Savoie et le Pays de Vaud, hg. von A. Paravicini Bagliani, J.-F. Poudret, 1989
    La maison de Savoie en Pays de Vaud, Ausstellungskat. Lausanne, 1990
    – G. Castelnuovo, L'aristocrazia del Vaud fino alla conquista sabauda, 1990
    – P.-R. Monbaron, «La propriété féodale sous l'Ancien Régime bernois», in RHV, 1991, 101-110
    De l'ours à la cocarde, hg. von F. Flouck et al., 1998
    – J.-F. Poudret, Coutumes et coutumiers, 6 Bde., 1998-2006
    – J.-D. Morerod, Genèse d'une principauté épiscopale, 2000
    – B. Andenmatten, La maison de Savoie et la noblesse vaudoise (XIIIe-XIVe s.), 2005
    Berns mächtige Zeit, hg. von A. Holenstein, 2006
    Berns goldene Zeit, hg. von A. Holenstein, 2008
    – B. Andenmatten, «Fondations urbaines et noblesse seigneuriale dans le pays de Vaud savoyard», in Stadtgründung und Stadtplanung - Freiburg im MA, hg. von H.-J. Schmidt, 2010, 269-287
    – R. Matzinger-Pfister, «L'organisation politique, judiciaire et administrative des bailliages vaudois sous l'Ancien Régime (1536-1798)», in RHV, 2010, 49-64
  • Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur vom Mittelalter bis 1798

    – H. Vuilleumier, Histoire de l'Eglise réformée du Pays de Vaud sous le régime bernois, 4 Bde., 1927-33
    – E. Olivier, Médecine et santé dans le Pays de Vaud, 4 Bde., 1939-62
    – G.-A. Chevallaz, Aspects de l'agriculture vaudoise à la fin de l'Ancien Régime, 1949
    – G. Panchaud, Les écoles vaudoises à la fin du régime bernois, 1952
    – M. von der Mühll, Maléfices et cour impériale, 1960
    – J.-J. Bouquet, «Quelques remarques sur la population du comté de Savoie au XIVe s. d'après les comptes de subsides», in RHV, 1963, 49-80
    – N. Morard, «Un document inédit sur la seigneurie foncière au Pays de Vaud», in RHV, 1974, 27-63
    – P.-L. Pelet, Fer, charbon, acier dans le Pays de Vaud 2, 1978; 3, 1983
    – M.-J. Ducommun, D. Quadroni, Le refuge protestant dans le Pays de Vaud (fin XVIIe-début XVIIIe s.), 1991
    – M. Stubenvoll, «Niveaux et répartition des fortunes dans les pays de Vaud, Gex, Ternier-Gaillard et Thonon en 1550», in RHV, 1994, 43-87
    – L. Hubler, «Emigration civile et émigration militaire à travers le recensement bernois de 1764», in Gente ferocissima, hg. von N. Furrer et al., 1997, 233-252
    – M.W. Bruening, Calvinism's First Battleground, 2005
    – B. Andenmatten et al., «Les écoles et l'enseignement à Lausanne et dans le pays de Vaud au Moyen Age», in RHV 117, 2009, 14-36
    RHV, 2011, 11-225 (Themenh. Réformes religieuses en Pays de Vaud, hg. von K. Crousaz, Y. Dahhaoui)
    – N. Furrer, Vade-mecum monétaire vaudois, XVIe-XVIIIe s., 2011
    – J.-P. Bastian, Une immigration alpine à Lavaux aux XVe et XVIe s., 2012
  • Politische Geschichte von 1798 bis zur Gegenwart

    150 ans d'histoire vaudoise, 1803-1953, 1953
    – R. Ruffieux et al., Les élections au Grand Conseil vaudois de 1913 à 1966, 1974
    – G. Arlettaz, Libéralisme et société dans le canton de Vaud, 1814-1845, 1980
    – A. Lasserre, Finances publiques et développement, 1981
    – P. Jeanneret, Histoire du Parti socialiste vaudois, 1890-1950, 1982
    – C. Lafontant, La résistance à la révolution de 1798 dans le Jura vaudois, 1989
    1798: à nous la liberté, hg. von C. Chuard, 1998
    – S. Corsini, D. Tosato-Rigo, Bon peuple vaudois, écoute tes vrais amis!, 1999
    – P. Jeanneret, Popistes, 2002
    Vaud sous l'Acte de Médiation, 1803-1813, hg. von C. Chuard et al., 2002
    Les Constitutions vaudoises, 1803-2003, hg. von O. Meuwly, 2003
    – F. Jequier, Le canton de Vaud de la tutelle à l'indépendance (1798-1815), 2003
    – O. Meuwly, La politique vaudoise au 20e siècle, 2003
    – D. Tosato-Rigo, «La continuité par la révolution? L'exemple du canton du Léman», in Umbruch und Beständigkeit, hg. von D. Schläppi, 2009, 25-47
    – G. Coutaz, Histoire illustrée de l'administration cantonale vaudoise, 2010
  • Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur von 1798 bis zur Gegenwart

    – R. Jaccard, La révolution industrielle dans le canton de Vaud, 1959
    – M. Jaccard, «La grève généralisée de mars 1907», in RHV, 1971, 115-181
    – A. Lasserre, La classe ouvrière dans la société vaudoise, 1845 à 1914, 1973
    – G. Heller, "Propre en ordre", 1979
    – H. Rieben et al., Portraits de 250 entreprises vaudoises, 1980
    – A.-M. Amoos, «Le recensement vaudois de mai 1798», in RHV, 1981, 57-97
    – O. Blanc, «La natalité vaudoise», in SZG 31, 1981, 144-173
    – E. Buxcel, Aspects de la structure économique vaudoise, 1803-1850, 1981
    – F. Jequier, De la forge à la manufacture horlogère (XVIIIe-XXe s.), 1983
    – M. Denisart, J. Surchat, Le cigare et les fourmis, 1987
    – A. Radeff Du café dans le chaudron, 1996
    – F. Vallotton, L'édition romande et ses acteurs, 1850-1920, 2001
    – C. Humair, «La force motrice hydraulique au service du développement économique helvétique», in SZG 56, 2006, 127-151

Autorin/Autor: Gilbert Coutaz / CBA