• <b>Tessin (Kanton)</b><br>Oro- und hydrografische Karte mit den wichtigsten Ortschaften  © 2017 HLS und Kohli Kartografie, Bern.
  • <b>Tessin (Kanton)</b><br>Quelle: Ufficio dei beni culturali, Servizio archeologia, Bellinzona  © 2012 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.
  • <b>Tessin (Kanton)</b><br>
  • <b>Tessin (Kanton)</b><br>Nekropole von Gudo. Einblick in die Grabungsarbeiten von 1909–1910, die zur gleichen Zeit wie die Eindämmung des Flusses Tessin durchgeführt wurden (Ufficio dei beni culturali, Servizio archeologia, Bellinzona). Die 5–7 m mächtigen Sedimentschichten des Gebirgsbachs Progero schützten die 306 Gräber dieser Nekropole, die zwischen dem 6. und 3. Jahrhundert v.Chr. angelegt worden war. Die runden, an Brunnen erinnernden Gräber waren den Männern vorbehalten, jene der Frauen hatten einen rechteckigen Grundriss.
  • <b>Tessin (Kanton)</b><br>Galeazzo Maria Sforza bestätigt Bellinzona seine Freiheiten, 13. Dezember 1476. Tempera und Blattgold auf Pergament (Archivio di Stato del Cantone Ticino). Unten links befindet sich das Wappen des Herzogs von Mailand "G(ALEA)Z(O) MA(RIA) D(U)X M(ED)I(OLAN)I QUINTUS" begleitet von heraldischen Symbolen des Sieges (Palme), des Friedens (Olivenzweige) sowie der Kardinaltugend, der Mässigung (an glimmenden Holzstäben hängende Wassereimer). Unten rechts erscheint erstmals auf einer offiziellen Urkunde das Wappenschild Bellinzonas ("AR(MA) B(E)R(INZONE") mit der silbernen Schlange auf rotem Grund.
  • <b>Tessin (Kanton)</b><br>Silberdicken, aus der Münzstätte von Bellinzona, geprägt von Münzmeister  Bernardino Morosini (Bernisches Historisches Museum) © Foto Nadja Frey. Die Vorderseite zeigt die Wappen von Uri und Nidwalden, darüber den Reichsadler.
  • <b>Tessin (Kanton)</b><br>Silberdicken, aus der Münzstätte von Bellinzona, geprägt von Münzmeister   Bernardino Morosini  (Bernisches Historisches Museum) © Foto Nadja Frey. Auf der Rückseite ist der heilige Martin dargestellt, der Landespatron von Schwyz. Die Darstellungsweise und das sowohl in Bellinzona wie von den Visconti-Sforza verwendete Wappentier der Schlange verweisen darauf, dass dieser Dicken eine Nachbildung von Münzen aus Mailand ist. Indem die drei Urkantone kurz nach dem Frieden von Arona 1503 in ihrer Vogtei südlich der Alpen eine Münzstätte eröffneten, erhoben sie ihren Herrschaftsanspruch über das gesamte Gebiet und unterstützten gleichzeitig den Handel der Kaufleute aus der Leventina im Herzogtum Mailand. 1529 wurde die Münzstätte geschlossen.
  • <b>Tessin (Kanton)</b><br>Der Sitz des Landvogts in Lottigna, auch Palazzo del Pretorio genannt. Foto von  Daniela Temperli (Ufficio dei beni culturali, Bellinzona). Das zu Beginn des 16. Jahrhunderts von Gian Domenico Cima, einem Architekten aus Aquila, erbaute Gebäude beherbergte 1550–1798 die Landvögte der Kantone Uri, Schwyz und Nidwalden und nach der Kantonsgründung bis 1891 das Bezirksgericht Blenio. Die Wappen der drei Orte und jenes des Bleniotals (oben links) stehen vor einer Reihe von Familienwappen der in der Reihenfolge ihrer Amtszeit aufgeführten Landvögte und ihrer Beamten. Dieser Wappenzyklus, einer der wichtigsten im Kanton Tessin, wurde im 17. Jahrhundert geschaffen und 1968–1972 restauriert.
  • <b>Tessin (Kanton)</b><br>Quelle: Ticino 1798–1998, Band 1, 1998, 262 f.  ©  2012 HLS und Marc Siegenthaler, Bern. Die politischen Institutionen übernahmen auch gerichtliche Funktionen, die in der Grafik aber nicht dargestellt sind.
  • <b>Tessin (Kanton)</b><br>Quellen: Historischer Atlas der Schweiz, hg. von H. Ammann, K. Schib,  <SUP>2</SUP> 1958, 53; Storia della Svizzera italiana dal Cinquecento al Settecento, hg. von R. Ceschi, 2000, 715; Ticino 1798–1998, Band 1, 1998, 256  © 2012 HLS und Kohli Kartografie, Bern.
  • <b>Tessin (Kanton)</b><br>Die ehemalige Propsteikirche Santa Maria Assunta di Torello. Fotografie von  Rudolf Zinggeler,  um 1920 (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Zinggeler). Der Eingang wird von zwei Figuren flankiert, links das Porträt von Bischof Guglielmo della Torre, der 1217 die Kirche und die Klostergemeinschaft gründete, rechts das überlebensgrosse Bild des heiligen Christophorus. Nach der Aufhebung des Chorherrenstifts 1349 wurden die Nebengebäude der Kirche für landwirtschaftliche Zwecke genutzt.
  • <b>Tessin (Kanton)</b><br>Abschrift der Statuti des Maggiatals von  Giovanni Giumino,  einem Notablen von Giumaglio,  1718 (Archivio di Stato del Cantone Ticino). Während der eidgenössischen Herrschaft war die Publikation von lokalen und regionalen Rechtssammlungen untersagt; nur die Statuti von Blenio und Lavizzara wurden im 17. Jahrhundert ediert. Bei diesem Verbot spielten neben politischen auch berufsständische Gründe eine Rolle, denn die einheimischen Juristen verteidigten eifersüchtig ihr Expertenwissen.
  • <b>Tessin (Kanton)</b><br>Szenen aus dem Leben und der Passion Christi. Fresko an der Lettnerwand der ehemaligen Franziskanerkirche Santa Maria delle Grazie in Bellinzona, das der Werkstatt der Mailänder Familie  Scotto  zugeschrieben wird, 1513–1515 (Ufficio dei beni culturali, Bellinzona). Die fünfzehn Szenen, welche das zentrale Rechteck rahmen, werden durch Renaissancegrotesken unterteilt. Diese sind von der Dekorationsmalerei aus Kaiser Neros Domus Aurea in Rom inspiriert. Das Fresko, das bei einem Brand 1996 beinahe zerstört und 1997–2006 restauriert worden ist, zeugt von der Ausstrahlung der lombardischen Renaissance bis in die Tessiner Täler.
  • <b>Tessin (Kanton)</b><br>Das Luganeser Freiwilligenkorps von 1797 beim Einsatz. Lavierte und aquarellierte Federzeichnung von  Rocco Torricelli (Museo d'arte della Svizzera italiana, Lugano, Collezione Città di Lugano). Weil sie die Einmischung der von Napoleon Bonaparte Ende Juni 1797 geschaffenen Cisalpinischen Republik fürchteten, gründeten die Bürger von Lugano zum Schutz ihres Städtchens ein Freiwilligenkorps, das von den eidgenössischen Orten unterstützt wurde.
  • <b>Tessin (Kanton)</b><br>"Das Begräbnis des Buon umore". Anonyme politische Karikatur für das radikale antiklerikale Satireblatt <I>Il buon umore</I>, veröffentlicht in der Ausgabe vom 27. Dezember 1860 (Archivio di Stato del Cantone Ticino). Diese Massimo Cometta zugeschriebene Zeichnung erschien anlässlich des Rücktritts Bernardino Bonzanigos, der Chefredaktor des satirischen Blatts und Anwalt war. Die Vertreter der beiden konservativen Oppositionsblätter <I>La voce del popolo</I> (im Hintergrund links) und <I>Il credente cattolico</I> (in der Mitte) nehmen naiverweise an, dass mit Bonzanigos Rücktritt das Ende der satirischen Publikation gekommen sei. Sie tanzen vor Freude zu der von Steuerbeamten finanzierten Musik (vorne links). Mit einer Flasche "Buon umore" in der Hand zeigt Bonzanigo rechts auf dem Katafalk, dass sein Geist weiterleben wird.
  • <b>Tessin (Kanton)</b><br>Der Tessiner Grossratssaal im ehemaligen Ursulinenkloster in Bellinzona. Fotografie vom Januar 2005, kurz nach der Renovation  © KEYSTONE / Karl Mathis.
  • <b>Tessin (Kanton)</b><br>Katechismus für das Bistum Como, zugelassen von den kirchlichen Behörden und dem Tessiner Erziehungsrat, 1893 gedruckt in Bellinzona (Schweizerische Nationalbibliothek). Dieser Leitfaden für die religiöse Erziehung wurde von 1876 bis in die Jahre vor dem 1. Weltkrieg unter derselben Federführung immer wieder neu gedruckt. Daran änderten auch die administrativen und territorialen Neuerungen in der kirchlichen Organisation des Tessins nichts, das ab 1888 bis zur Gründung des Bistums Lugano 1971 eine apostolische Administration des Bischofs von Basel und Lugano bildete.
  • <b>Tessin (Kanton)</b><br>Quelle: Eidgenössische Volkszählung 1910  © 2012 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.
  • <b>Tessin (Kanton)</b><br>Quelle: H. Ritzmann-Blickenstorfer, Alternative Neue Welt, 1997, 184–201, 635 f.  © 2012 HLS und Kohli Kartografie, Bern.
  • <b>Tessin (Kanton)</b><br>Plakat von  Orio Galli  für den Tessiner Verkehrsverein, 1984 (Schweizerische Nationalbibliothek). Die gemeinsame Darstellung von spätgotischen Fresken aus der Kirche St. Stefan in Miglieglia und der 1981–82 von Mario Botta errichteten Casa Rotonda in Stabio verweist auf die jahrhundertelange Kontinuität des künstlerischen Schaffens im Tessin.
  • <b>Tessin (Kanton)</b><br>Meliorationsarbeiten in der Ebene des Brenno in der Gemeinde Malvaglia. Fotografie von  Ernesto und Max Büchi,   August 1923 (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Fondo Ernesto e Max Büchi). In den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurden in der sumpfigen Ebene Meliorationsmassnahmen durchgeführt. Ab 1918 gingen von der Schweizerischen Vereinigung für Innenkolonisation Impulse zur weiteren Bodenverbesserung aus.
  • <b>Tessin (Kanton)</b><br>Arbeiterinnen in der Linoleumfabrik in Giubiasco. Glas-Diapositiv, um 1925 (Archivio di Stato del Cantone Ticino). Die 1905 von der Linoleum AG aus Mailand eröffnete Fabrik in Giubiasco setzte ihre Tätigkeit auch im 21. Jahrhundert im Rahmen der multinationalen Forbo-Gruppe fort, die sich zunächst auf die Herstellung von Produkten aus Leinöl und Harz, dann aus Kunstharz bzw. Kunststoffen spezialisierte.
  • <b>Tessin (Kanton)</b><br>Volksinitiative für die staatliche Finanzierung von Privatschulen. Plakat der Gegnerschaft der Initiative, über die am 18. Februar 2001 abgestimmt wurde (Schweizerische Nationalbibliothek).
  • <b>Tessin (Kanton)</b><br>Volksinitiative für die Finanzierung von Privatschulen. Plakat des Unterstützungskomitees der am 18. Februar 2001 zur Abstimmung gelangten Initiative, mit dem doppelten Bildnis von Stefano Franscini (Archivio di Stato del Cantone Ticino). Entrüstet darüber, dass die Befürworter einer staatlichen Finanzierung von Privatschulen die Figur von Stefano Franscini für ein Anliegen instrumentalisierten, das dessen politischer Überzeugung zuwidergelaufen wäre, organisierten die Initiativgegner nach dem deutlichen Nein in der Volksabstimmung eine "laizistische Pilgerfahrt" zum Denkmal Franscinis in Faido, das 1890 in Erinnerung an den "Vater" des kantonalen Volksschulwesens errichtet worden war.
  • <b>Tessin (Kanton)</b><br>Titelseite der <I>Cronaca ticinese</I>, dem Organ der Organisation Pro Ticino in Südamerika vom 1. August 1943, Nr. 288 (Archivio di Stato del Cantone Ticino). Die 1915 in Bern gegründete Pro Ticino war eine Vereinigung von in verschiedenen Schweizer Kantonen lebenden Tessinerinnen und Tessinern. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zählte sie in Städten der Schweiz rund 20 Sektionen. Nach und nach wurden auch im Ausland, etwa in Buenos Aires, Mailand, Paris und London, Sektionen ins Leben gerufen. 2017 existierten 27 Vereine in der Schweiz und 16 in anderen Ländern.

Tessin (Kanton)

Seit 1803 Kanton der Eidgenossenschaft. Ital. Ticino, franz. und rätorom. T. Amtl. Bezeichnung: Republik und Kt. T. Amtssprache ist Italienisch, Hauptort Bellinzona.

Das heutige Kantonsgebiet stand im Früh- und HochMA unter der Herrschaft von Como und Mailand, gehörte im 14. und 15. Jh. zum Herzogtum Mailand und wurde zwischen 1439 und 1521 in acht Vogteien unterteilt: Die Leventina hing von Uri ab, Blenio, die Riviera und Bellinzona von Uri, Schwyz und Nidwalden, Locarno, das Vallemaggia, Lugano und ab 1521 Mendrisio von den zwölf Orten (13 Orte ohne Appenzell). 1798 wurde das Gebiet der Helvetischen Republik angegliedert.

Das T. liegt als einziger Kanton der Schweiz vollständig südlich der Alpen. Es erstreckt sich über rund 100 km von den Alpen bis an den Rand der Poebene und besteht aus zwei geogr. Haupträumen, die der Monte Ceneri voneinander trennt: Das Sopraceneri gehört zum Alpenraum und wird vom Oberlauf des Flusses Tessin, der dem Kanton den Namen gibt, durchflossen, das Sottoceneri hingegen ist ein typ. Voralpengebiet. Der Kanton umschliesst die Enklave Campione d'Italia, ragt im Süden keilförmig nach Italien hinein, und grenzt dabei an die piemontes. Provinz Verbano-Cusio-Ossola sowie an die lombard. Provinzen Varese und Como. Im Nordosten hat er eine gemeinsame Grenze mit dem Wallis, im Norden mit Uri und im Nordosten mit Graubünden.

<b>Tessin (Kanton)</b><br>Oro- und hydrografische Karte mit den wichtigsten Ortschaften  © 2017 HLS und Kohli Kartografie, Bern.<BR/><BR/>
Oro- und hydrografische Karte mit den wichtigsten Ortschaften

Fläche (2011)2 812,5 km² 
Wald / bestockte Fläche1 373,7 km²48,9%
Landwirtschaftliche Nutzfläche403,0 km²14,3%
Siedlungsfläche143,5 km²5,1%
Unproduktive Fläche892,3 km²31,7%

Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur
Jahr 18501880a1900195019702000
Einwohner 117 759130 394138 638175 055245 458306 846
Anteil an Gesamtbevölkerung der Schweiz4,9%4,6%4,2%3,7%3,9%4,2%
Sprache       
Italienisch  129 409134 774155 609210 268254 997
Deutsch  1 0543 18015 90725 74425 579
Französisch  2124032 4544 1025 024
Rätoromanisch  39107293368384
Andere  631747924 97620 862
Religion, Konfession       
Katholischb 117 707130 017135 828160 569220 313233 023
Protestantisch 503582 20910 79219 19221 121
Christkatholisch    206142562
Andere 24026013 4885 81152 140
davon jüdischen Glaubens 21118555809383
davon islamischen Glaubens     2695 747
davon ohne Zugehörigkeitc     3 09123 032
Nationalität       
Schweizer 109 952110 306108 181144 909177 954228 057
Ausländer 7 80720 08830 45730 14667 50478 789
Jahr  19051939196519952005
Beschäftigte im Kanton1. Sektor 48 29647 0894 4484 878d3 910
 2. Sektor 17 60324 05764 10551 40644 656
 3. Sektor 16 07222 02553 219108 735118 409
Jahr  19651975198519952005
Anteil am schweiz. Volkseinkommen 3,2%3,5%3,6%3,6%3,3%

a Einwohner, Nationalität: Wohnbevölkerung; Sprache, Religion: ortsanwesende Bevölkerung

b 1880 und 1900 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

c zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

d gemäss landwirtschaftl. Betriebszählung 1996

Quellen:HistStat; eidg. Volkszählungen; BFS

Autorin/Autor: Andrea Ghiringhelli / CHM

1 - Von der Urzeit bis zur Spätantike

1.1 - Vom Paläolithikum bis zur Eisenzeit

Je nach Region folgten die Besiedlungsvorgänge des heutigen Kantonsgebiets unterschiedl. Mustern und sind im Einzelnen noch wenig erforscht. Die geogr. Verbreitung der Funde deutet auf drei Hauptzonen hin: Das Sottoceneri, der Raum um den oberen Langensee und die Zugangstäler zu den Alpenpässen.

<b>Tessin (Kanton)</b><br>Quelle: Ufficio dei beni culturali, Servizio archeologia, Bellinzona  © 2012 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.<BR/><BR/>
Ur- und frühgeschichtliche Fundorte im Kanton Tessin (A)
<b>Tessin (Kanton)</b><br><BR/><BR/>
Ur- und frühgeschichtliche Fundorte im Kanton Tessin (B)

1.1.1 - Steinzeit

Die Grabungen in der sog. Bärenhöhle am Ostabhang des Monte Generoso lieferten bis heute keine Belege für die Anwesenheit von Menschen im Paläolithikum und besonders im späten Mittelpaläolithikum (100'000-35'000 v.Chr.); auch aus den Pollenanalysen im Origliosee lassen sich keine entsprechenden Rückschlüsse ziehen. Gesicherte Beweise für das Auftreten von Menschen im T. liegen erst für das Mesolithikum (10'500-5500 v.Chr.) vor, während eine feste Besiedlung nicht vor 5500-5000 v.Chr. einsetzt, als sich Vertreter des padan.-alpinen Neolithikums auf dem Hügel von Bellinzona (Castel Grande) niederliessen. Im Neolithikum (5500-2200 v.Chr.) bearbeiteten die Hügelbewohner Silex sowie Bergkristall und stellten Keramik her. In einer ersten Phase erbauten sie eine Siedlung mit Hütten von rechteckigem Grundriss. Später errichtete eine Gruppe aus der Bocca-Quadrata-Kultur am selben Ort Behausungen mit kreisförmigem und ovalem Grundriss. Einige auf dem Hügel von Tremona-Castello gefundene Tongefässe bezeugen das Vorkommen der Glockenbecherkultur (2500-2200 v.Chr.) im Mendrisiotto.

Autorin/Autor: Rossana Cardani Vergani / CHM

1.1.2 - Bronzezeit

Die frühesten bronzezeitl. Funde stammen aus der Mittelbronzezeit (16.-15. Jh. v.Chr.). Mit dem Auftreten der Canegrate-Kultur (14.-13. Jh. v.Chr.) sowie der Vorstufe der Golaseccakultur (13.-10. Jh. v.Chr.) begann die Spätbronzezeit.

Unter den Siedlungsplätzen der Mittelbronzezeit ist derjenige von Bellinzona (Castel Grande) besonders wichtig, da er eine mehrere tausend Jahre lange Siedlungskontinuität aufweist. Siedlungsspuren aus der Mittel- und Spätbronzezeit wurden beim sog. Schloss in Tegna, auf dem Burghügel San Michele in Ascona und in Tremona-Castello gefunden, während die Grabfunde und Alltagsgegenstände aus dem eisenzeitl. Gräberfeld im Weiler Progero (Gem. Gudo) schwierig einzuordnen sind. Von Bedeutung sind auch die Depotfunde von Castione und Osogna.

<b>Tessin (Kanton)</b><br>Nekropole von Gudo. Einblick in die Grabungsarbeiten von 1909–1910, die zur gleichen Zeit wie die Eindämmung des Flusses Tessin durchgeführt wurden (Ufficio dei beni culturali, Servizio archeologia, Bellinzona).<BR/>Die 5–7 m mächtigen Sedimentschichten des Gebirgsbachs Progero schützten die 306 Gräber dieser Nekropole, die zwischen dem 6. und 3. Jahrhundert v.Chr. angelegt worden war. Die runden, an Brunnen erinnernden Gräber waren den Männern vorbehalten, jene der Frauen hatten einen rechteckigen Grundriss.<BR/>
Nekropole von Gudo. Einblick in die Grabungsarbeiten von 1909–1910, die zur gleichen Zeit wie die Eindämmung des Flusses Tessin durchgeführt wurden (Ufficio dei beni culturali, Servizio archeologia, Bellinzona).
(...)

Die Fundstätte Alpe Rodont (Gem. Airolo) weist eine Reihe von Merkmalen auf, die für die Besiedlung des Alpenraums in der Bronzezeit typisch sind. Die Stelle wurde schon im Mesolithikum frequentiert, wie ein Abri mit Spuren von Feuerstellen und Holzkohle zeigt. Der Fundort Madrano (Gem. Airolo) liegt dagegen in einer natürl. Geländesenke am Talrand in der Nähe des Wegs über den Gotthardpass. Die beiden Fundorte lassen den Schluss zu, dass bereits in der Bronzezeit eine saisonale Transhumanz in Richtung der Alpweiden stattgefunden hatte und die Siedlungen der Alpentäler Teil eines umfassenderen Wirtschafts- und Siedlungsraums waren.

Die ersten bekannten Nekropolen gehen auf das 14. Jh. v.Chr. zurück. In Ascona (S. Materno, 12.-10. Jh. v.Chr.) wurden rund 20 Brandgräber gefunden, eine kleinere Anzahl in Arbedo, Claro, Giubiasco, Gorduno, Locarno und Tenero. Im Sottoceneri ist bisher nur das Gräberfeld von Rovio bekannt.

Das Bild wird durch Einzelfunde von Bronzebeilen abgerundet. Da die Fundorte sich im Sopraceneri, v.a. in der Gegend von Bellinzona und Locarno, häufen und im Sottoceneri praktisch fehlen, lassen sich Rückschlüsse auf den Besiedlungsprozess ziehen: Offenbar bevorzugten die Menschen jener Zeit die Nähe von Seen und Flüssen (Langensee, Fluss T.) und errichteten ihre Siedlungen vorab auf Hügeln, während sie ihre Nekropolen in der Ebene anlegten.

In der beginnenden und entwickelten Spätbronzezeit bestanden Beziehungen einer Vorstufe der Golaseccakultur sowohl mit dem nordwestl. Teil des Mittellandes wie mit der ital. Halbinsel, v.a. mit dem westl. Mittelitalien, dem späteren Etrurien. Damit kündigte sich bereits die grundlegende geschichtl. Bedeutung der späteren Golaseccakultur an, welche die Verbindung zwischen dem Mittelmeerraum und den Kelten Zentraleuropas über die Alpenpässe herstellte.

Autorin/Autor: Rossana Cardani Vergani / CHM

1.1.3 - Eisenzeit

Im T. wird die Eisenzeit (9. Jh.-15 v.Chr.) in zwei Perioden unterteilt: in die der Golaseccakultur (9.-4. Jh. v.Chr.), deren Name sich auf ein südlich des Langensees gelegenes Gräberfeld bezieht, und in die nach einem Fundort am Neuenburgersee benannte Latènezeit (Anfang 4.-1. Jh. v.Chr.). Dank schriftl. Quellen der Griechen Strabon ("Geografie", Buch IV) und Klaudios Ptolemaios ("Handbuch der Geografie") sowie röm. Geschichtsschreiber wie Titus Livius ("Ab urbe condita") sind die Pässe bekannt, die in der Sommerzeit begangen wurden. Bei den als Alpen bezeichneten Übergängen handelt es sich wohl um den Gr. St. Bernhard, Simplon, Gotthard, San Bernardino und den Lukmanierpass. Ebenso sind die Namen der Völker überliefert, die diese Landstriche bewohnten. Dazu gehörten die Lepontier, deren Siedlungsgebiet von den Quellen der Rhone und des Rheins bis zu den nördlich von Como gelegenen oberen Tessiner Tälern, dem Val d'Ossola, dem Centovalli und dem Locarnese reichte. Wegen ihrer stark gegliederten Topografie war diese Region von grösstem geogr. und strateg. Interesse. Die materielle Kultur dieses bedeutenden Alpenvolks erreichte ein hohes Niveau, wie besonders wertvolle Grabbeigaben bezeugen.

In der Eisenzeit wickelte sich der nun besser dokumentierte Handelsverkehr über die Schaltstellen Bellinzona im Sopraceneri und Como im Sottoceneri ab. Transportiert wurden Waren aus dem Mittelmeerraum wie Öl und Wein, die über die Adriaküste und den Po in die Zentren der Poebene gelangten. Von dort wurden sie über die wichtigsten Alpenpässe nach Mitteleuropa verschoben. Aus Nordeuropa stammten hingegen Metalle wie Zinn sowie Bernstein und Salz. Dank dieser Handelsbeziehungen gelangte die einheim. Bevölkerung zu Reichtum, bediente sich des Geldes als Tauschmittel und lernte den Gebrauch der Schrift, wie u.a. einige im Sottoceneri gefundene Grabstelen mit Inschriften in lepont. Alphabet aus dem 6.-5. Jh. v.Chr. belegen. Diese auch als Alphabet von Lugano bekannte Schrift geht auf das etrusk. Alphabet zurück. Vom regen Tauschhandel zeugt ebenfalls ein Bronzedepotfund in Arbedo.

Zahlreich sind die Gräberfelder im T. ab Mitte des 6. Jh. v.Chr., während die Siedlungen aus dieser Zeit im Lauf der Jahrhunderte offenbar durch die späteren Überlagerungen zerstört wurden. Die Nekropolen aus dem 6. Jh. v.Chr. befinden sich v.a. in der Umgebung von Bellinzona und bestehen aus Brand- und Körpergräbern. Im Sopraceneri, das mit dem Raum Varese verbunden war, herrschte in den folgenden Perioden die Körperbestattung vor. In dem mit Como im Austausch stehenden Sottoceneri wurde hingegen ausschliesslich die Brandbestattung praktiziert. Bis zur Romanisierung zeigen die Grabbeigaben sowohl Einflüsse aus dem nordalpinen Keltengebiet wie auch aus der Poebene. Die enorme Anzahl von Objekten aus Silber, Bronze und Bernstein bezeugt den Reichtum, der im Handelsverkehr entlang der Nord-Süd-Achse erworben wurde.

Autorin/Autor: Rossana Cardani Vergani / CHM

1.2 - Von der Romanisierung zum Frühmittelalter

1.2.1 - Romanisierung

Es ist nicht ganz klar, wann die indigene Bevölkerung südlich der Alpen mit den Römern in Kontakt kam und romanisiert wurde. Vermutlich handelte es sich um einen schrittweisen und friedl. Prozess. Um 49 v.Chr. gehörte das T. zu den Territorien von Como und Mailand, weshalb seinen Bewohnern auch das röm. Bürgerrecht gewährt wurde. Die entscheidende Wende trat ein, als Augustus zwischen 25 und 15 v.Chr. die Alpenvölker unterwarf und den Bau eines Strassennetzes begann. Nun setzte die allmähl. Integration des T.s in den röm. Einflussbereich ein. Im Lauf der Jahrhunderte wurde das Strassennetz zum Ausgangs- und Angelpunkt eines Verkehrssystems, das die Seengebiete über den San Bernardino-, Maloja-, Julier-, Septimer-, Splügen-, Gotthard- und Lukmanierpass mit dem Rhonetal, dem Bodensee, dem Rhein, der Donau und den europ. Handelszentren verband.

Obwohl die Funde aus dem Sottoceneri ziemlich weit zerstreut sind, lassen heidn. und später christl. Kultgebäude in Bioggio, ein Gräberfeld in Melano, Villen und Mosaiken in Mendrisio, Morbio Inferiore und Stabio sowie einige Inschriften in Ligornetto, Riva San Vitale und Stabio darauf schliessen, dass dieses Gebiet ganz auf Como ausgerichtet war und zum Umland der Stadt gehörte. Im Sopraceneri konzentrieren sich die Funde um das nördl. Ende des Langensees, verteilen sich aber auch aufs Hinterland bis ins Maggiatal und ins Pedemonte. Regionales Zentrum war der Vicus von Muralto, ein Handelsplatz mit Wohn- und Werkstattviertel. In Locarno, Locarno-Solduno, Minusio, Ascona, Losone-Arcegno, Cavigliano und Tenero gefundene Nekropolen mit reichen Grabbeigaben legen nahe, dass in der Umgebung des Vicus weitere Siedlungen bestanden. In Richtung Norden war das T. bis an die Hänge des Gotthards bewohnt. Dort zeugt das Gräberfeld von Madrano von der Durchdringung von röm. und alpiner Lebensart.

Autorin/Autor: Rossana Cardani Vergani / CHM

1.2.2 - Untergang des Imperiums und Christianisierung

Der Angriff der Alemannen auf Mailand 259-260 sowie andere bewaffnete Einfälle aus dem Norden waren die ersten Anzeichen einer Krise im 3. Jh. Als Mailand 286 Residenzstadt des weström. Kaisers (bis 402) wurde, geriet das Gebiet um den Luganersee in den Verteidigungsgürtel, der sich dem Fuss der Alpenpässe entlang zog. Über die Besiedlung jener Zeit ist wenig bekannt und noch unklarer ist, welche Funktion die Gutshöfe (villae) hatten, von denen einige mind. bis ins ausgehende 4. oder bis ins 5. Jh. bestanden.

Die ältesten Zeugnisse der Christianisierung des T.s gehen auf die 2. Hälfte des 4. Jh. zurück, als sich das Christentum in Norditalien entlang der Durchgangsstrassen ausbreitete. In Gräbern in Arcegno (Gem. Losone) und Carasso (Gem. Bellinzona) wurden zwei Verlobungs- oder Eheringe mit Christogramm gefunden; dem ersteren war eine heidn. Beigabe für eine Frau beigesellt. Die Christianisierung des Alpenraums ging von den Bischofssitzen Mailand und Como aus. Von den städt. Zentren griff die friedl. Bekehrungstätigkeit auf die Randgebiete über, wo neben den von den Bischöfen ausgesandten Priestern auch bekehrte Mitglieder einflussreicher Fam. wirkten. In der 2. Hälfte des 5. und im 6. Jh. wurde der Kirchenaufbau systematischer vorangetrieben. Auf diese Zeit geht die Gründung zahlreicher Taufkirchen und Baptisterien zurück, v.a. jene von Riva San Vitale (Ende 5.-Anfang 6. Jh.) und Balerna (7.-8. Jh.), während die Existenz eines solchen Baus bei der Kirche San Vittore in Muralto nicht nachgewiesen ist. Sie wurden zu eigentl. Zentren der Christianisierung in einem Gebiet, in dem sich heidn. Reste noch lange hielten.

Im 5. und 6. Jh. wurden v.a. entlang der Transitachse in Richtung Gotthard- und Lukmanierpass zahlreiche Kultgebäude erstellt, so in Stabio, Mendrisio, Bioggio, Gravesano, Mezzovico, Gudo, Gorduno, Quinto, Airolo und Dongio. Einige dieser Gebäude wurden vorerst aus Holz errichtet und später durch Steinbauten ersetzt.

Autorin/Autor: Rossana Cardani Vergani / CHM

2 - Machtverhältnisse und politisch-administrative Organisation im Mittelalter und in der Neuzeit

2.1 - Früh- und Hochmittelalter

Um 588 wurden das Sottoceneri und grosse Teile des Tessintals von den Langobarden erobert, nachdem der wichtige byzantin. Stützpunkt auf der sog. Isola Comacina aufgegeben worden war. Nach Gregor von Tours befand sich um 590 auch die Festung Bellinzona in der Hand des langobard. Mailand. Daraus geht hervor, dass das südl. Voralpengebiet die nördl. Grenze des Langobardenreichs bildete. Es gehörte zu zwei oder drei Verwaltungsbezirken, den sog. gastaldie oder iudiciariae. Die neuen Herrscher traten gegenüber der romanisierten Bevölkerung als Herren auf und verlangten von ihr Gehorsam, Dienste und Abgaben. Der lokalen Oberschicht gaben sie dauerhaft ein neues Gesicht. So beriefen sich noch im 13. Jh. einflussreiche Personen auf das langobard. Recht. Das Archiv der Fam. des Totone von Campione, der 777 seine Güter um Campione der Mailänder Kirche S. Ambrogio vermachte, gibt Aufschluss über die Eigenart der damaligen lokalen Oberschicht: Ihr Reichtum beruhte auf Landwirtschaft und Handel; ihre Angehörigen unterhielten ein weitreichendes Beziehungsnetz und besassen eine weitgehende Verfügungsgewalt über Leibeigene und Halbfreie.

Nach der Eroberung des Langobardenreichs durch die Franken 774 zeigten sich im T. mit der Zuwanderung, der Wiederaufnahme des Passverkehrs und der Verdichtung der Handelsbeziehungen vermehrt Einflüsse aus Gebieten nördlich der Alpen. In der in zwei Verwaltungsgebiete Stazzona und Seprio unterteilten Region nahm der Königsbesitz allmählich zu und das Lehenswesen setzte sich durch. Neben den weltl. Lehensgütern verbreitete sich der Grundbesitz der grossen langobard. Klöster von Pavia, Como und Mailand. 948 schenkte der aus einer adligen langobard. Familie stammende Bf. Atto von Vercelli seine Besitzungen, d.h. Güter, Kirchen und Festungen im Bleniotal und der Leventina der Mailänder Kirche und legte damit den Grundstein zur Herrschaft des Domkapitels über die Ambrosianischen Täler. Da die Region zunehmend in lokale Kleinherrschaften zerfiel, nahm der Einfluss von Como und Mailand auf das ganze Tessiner Gebiet zu. Nachdem Ks. Heinrich II. 1002/04 die Pieven Bellinzona, Locarno und wahrscheinlich auch Agno der Diözese Como übereignet und die Festung Bellinzona dem Bf. von Como vermacht hatte, kam es im Investiturstreit zum offenen Konflikt zwischen den beiden Städten, der sich 1118-27 in krieger. Auseinandersetzungen im Sottoceneri niederschlug.

Autorin/Autor: Giuseppe Chiesi, Paolo Ostinelli / CHM

2.2 - Das Zeitalter der Kommunen

Als sich die karoling. Gebietseinteilung, ausgenommen in den oberen Tälern, aufzulösen begann, verstärkte sich der herrschaftl. Zugriff der lombard. Städte auf die Region. Im 11. Jh. übte der Bf. von Como in den Gebieten wie Bellinzona, wo er Grundbesitz und Kastelle besass, eine direkte Herrschaft aus. Daneben blühten lokale geistl. und weltl. Herrschaften. Die Klöster S. Abbondio und S. Carpoforo in Como, die anfänglich durch Schenkungen ihrer Bischöfe begünstigt worden waren, erlangten in Orten wie Agnuzzo, Breno und Sonvico auch die Gerichtsbarkeit. Adelsfamilien wie die della Torre (Torriani) von Mendrisio, die de Sessa und einige Zweige der da Besozzo erwarben ihrerseits Ländereien und Zehntrechte, übten aber wahrscheinlich keine Gerichtsbarkeit aus. Zum Stamm der da Besozzo aus der Grafschaft Seprio gehörten wahrscheinlich auch die Capitanei di Locarno, die dank ihrer Beziehungen zu den Bistümern Como und Mailand sowie zum Kaiserreich Privilegien, Regalien und das Marktrecht erhielten. In den Ambrosian. Tälern versuchten die da Giornico und die da Torre, die zunächst als Vögte (avogadri) und Rechtsbeistände der Kirche von Mailand fungiert hatten, ihre Macht zu erweitern, indem sie von den Gf. von Lenzburg, die von Ks. Friedrich Barbarossa mit den Tälern belehnt worden waren, die Reichsvogtei übernahmen. Bis 1176 war Alcherio da Torre für kurze Zeit Reichslehensträger.

Im Zug der Durchsetzung ihrer Stadtherrschaft im 12. und 13. Jh. führten Mailand und Como eine neue Territorialorganisation ein, von der auch die Tessiner Gebiete betroffen waren. Diese übernahm die kirchl. Einteilung nach Pieven und bediente sich in der Praxis der Rechts-, Fiskal- und Gebietsverwaltung zahlreicher neuer Instrumente, die auf der systemat. Verwendung der Schrift beruhten. In den Randgebieten führte diese Gebietseinteilung dazu, dass sich lokale Gemeinwesen als Ansprechpartner und Gegenspieler etablierten. Diese organisierten sich in Form von Talgemeinschaften, Nachbarschaften oder Dorfgenossenschaften, die sich aus älteren Personenverbänden entwickelt hatten (in Arogno tritt z.B. 1010 ein solcher rudimentärer Verband in einem Grenzstreit auf). 1186 erhielt die Landschaft Locarno von Barbarossa die Reichsunmittelbarkeit, während Lugano 1191 eine weitgehende Selbstverwaltung gegenüber den Gerichtsbeamten Comos zugestanden wurde. 1182 leisteten die Talleute von Blenio und der Leventina mit der Unterstützung des kaiserfeindl. Mailands den Schwur von Torre, aufgrund dessen es ihnen gelang, den Einfluss des lokalen Adels, v.a. der da Torre, auszuschalten und öffentl. Rechte wie die Bewilligung des Baus von Burgen für sich in Anspruch zu nehmen.

In den schriftl. Quellen des 13. Jh. erscheinen die Landgemeinden, in denen die Verwaltung der gemeinsamen Güter, der Schutz des friedl. Zusammenlebens und die Selbstregierung in Statuten und Offnungen geregelt waren, als vollständig ausgebildet. In den Tälern teilten die Nachbarschaften die Alpweiden unter sich auf (1227 Leventina) und organisierten den Warentransport (1237 Osco). Obwohl die Borghi Locarno, Lugano und Bellinzona nicht die Rechtsstellung von Städten hatten, kamen ihnen städt. Rechte zu, denn sie bildeten das Zentrum der jeweiligen Landschaft, waren Marktorte und zogen das Handwerk sowie den Handel an.

Mit der Eröffnung der neuen Handelsstrasse über den Gotthard wuchs ab den ersten Jahrzehnten des 13. Jh. die strateg. Bedeutung des T.s weiter an. Die aufkommenden Handelsunternehmen, die v.a. in Mailand einen beträchtlichen polit. Einfluss ausübten, aber auch die Stadt Como waren auf einen guten Unterhalt der Verkehrswege angewiesen; die Obrigkeiten der beiden Städte schlossen deshalb wiederholt Abkommen mit den lokalen Gemeinschaften.

Autorin/Autor: Giuseppe Chiesi, Paolo Ostinelli / CHM

2.3 - Einbindung in den lombardischen Regionalstaat

Von der Mitte des 13. Jh. an wurde das T. in die blutigen Auseinandersetzungen der Welfen und Gibellinen verwickelt, die um die Vorherrschaft in den Städten und auf dem Land rangen. In Como, im Sottoceneri und in Bellinzona gewann für einige Jahre die aus Como stammende einflussreiche Fam. Rusca die Oberhand, das aufsteigende Geschlecht der Visconti aus Mailand hingegen stützte sich in den Ambrosian. Tälern und im Locarnese auf die Adelskorporation der Capitanei und v.a. auf Simone Orelli. Mit dessen Hilfe riss 1277 der Mailänder Ebf. Ottone Visconti die Herrschaft über Mailand an sich. Nachdem die Fam. Visconti die Rusca besiegt und Mailand 1335 Como unterworfen hatte, wurde die nördl. Lombardei in den Mailänder Regionalstaat eingegliedert. Das Sottoceneri, das der Stadt Como unterstand, ging damals an die Visconti über, die einen Talvikar für die Landschaft Lugano einsetzten. Dieser war dem Podestà von Como unterstellt, der seinerseits die Gerichtsbarkeit in den Pieven Agno und Capriasca ausübte. 1340 brachen Mailänder Truppen den letzten Widerstand der Rusca, die sich in Bellinzona verschanzt hatten. Die Visconti installierten dort ihnen ergebene Zivil- und Militärbeamte, um Stadt und Grafschaft zu regieren und die oberen Täler zu kontrollieren.

1342 beugte sich Locarno den Truppen der Visconti, die den Ort vom See und vom Land her angegriffen hatten. Nach der Eroberung verlor die Adelskorporation der Capitanei ihre polit. Macht, und die Pieve wurde der Gerichtsbarkeit des Hauptmanns vom Langensee unterworfen, der seinen Sitz in Pallanza hatte. Das Domkapitel Mailand betraute die Visconti 1344 mit dem Podestatenamt in der Leventina und wenig später auch mit demjenigen im Bleniotal. Mit der Kontrolle über den Pievenhauptort Biasca sowie über die Riviera-Gem. Claro, Osogna und Cresciano auf der linken Seite des Flusses T. vereinigten diese schliesslich die Herrschaft über die gesamte ambrosian. Enklave in ihren Händen. Bis zum Ende des 15. Jh. wurden die Dörfer, Borghi und Täler von auswärtigen Amtsleuten regiert. Diese wurden in ihrer Amtsführung oft von einflussreichen Familienclans, Korporationen und Talschaften behindert, die der Herrschaft feindlich gegenüberstanden und ihre Privilegien, Gemeindeautonomien und sonstigen früher errungenen Freiräume zu wahren suchten.

Nach dem Tod von Hzg. Gian Galeazzo Visconti 1402 wurde die Region von den Einfällen der Eidgenossen heimgesucht und von den Wirren erschüttert, die im Sottoceneri 1405-06 zur Loslösung von Como und zur Schaffung der Comunitas burgi Lugani et vallis führten. Nach einer fast zwanzig Jahre dauernden Herrschaft der Waldstätte verjagte das Heer der Mailänder in der Schlacht bei Arbedo 1422 die Eidgenossen aus Bellinzona. Hzg. Filippo Maria Visconti belehnte die Sanseverino zwischen 1434 und 1438 mit dem Sottoceneri und die Rusca 1439 mit dem Locarnese. Erstere konnten sich, v.a. nachdem sie sich auf die Seite der Welfen geschlagen hatten, nicht halten und verloren das Lehen wieder. Die Rusca erlangten dagegen v.a. mit Gf. Franchino eine gesicherte und prestigeträchtige Stellung. Nach dem Tod von Filippo Maria Visconti 1447 brachen zwar Unruhen aus; Francesco Sforza, der 1450-66 regierte, stellte aber rasch die Stabilität wieder her und konnte auch die Beziehungen zu den Eidgenossen verbessern. Als 1476 Francescos Sohn Galeazzo Maria Sforza starb, spitzte sich die Lage zu, u.a. weil Mailand ein Bündnis mit dem Feind der Eidgenossen, Karl dem Kühnen, eingegangen war. Nach der Niederlage des mailänd. Heers in der Schlacht bei Giornico 1478 fiel die Leventina 1480 den Urnern, denen sie bereits 1439/41 verpfändet worden war, als Herrschaft zu. Die Spannungen zwischen Mailand und den eidg. Orten verschärften sich, als Ludovico Sforza 1494 die Franzosen nach Italien rief und damit auch eine schwere Krise im Herzogtum auslöste. So war die Zuspitzung des Konflikts unausweichlich, in dessen Verlauf die eidg. Orte weitere Territorien südlich der Alpen ihrer Herrschaft unterwerfen sollten (Mailänderkriege).

<b>Tessin (Kanton)</b><br>Galeazzo Maria Sforza bestätigt Bellinzona seine Freiheiten, 13. Dezember 1476. Tempera und Blattgold auf Pergament (Archivio di Stato del Cantone Ticino).<BR/>Unten links befindet sich das Wappen des Herzogs von Mailand "G(ALEA)Z(O) MA(RIA) D(U)X M(ED)I(OLAN)I QUINTUS" begleitet von heraldischen Symbolen des Sieges (Palme), des Friedens (Olivenzweige) sowie der Kardinaltugend, der Mässigung (an glimmenden Holzstäben hängende Wassereimer). Unten rechts erscheint erstmals auf einer offiziellen Urkunde das Wappenschild Bellinzonas ("AR(MA) B(E)R(INZONE") mit der silbernen Schlange auf rotem Grund.<BR/>
Galeazzo Maria Sforza bestätigt Bellinzona seine Freiheiten, 13. Dezember 1476. Tempera und Blattgold auf Pergament (Archivio di Stato del Cantone Ticino).
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Autorin/Autor: Giuseppe Chiesi, Paolo Ostinelli / CHM

2.4 - Das Tessin unter eidgenössischer Herrschaft

Die Eroberung der nördl. Grenzgebiete des Herzogtums Mailand durch die Eidgenossen folgte keinem Plan. Sie verlief aufgrund der militär. Erfolge in den Ennetbirgischen Feldzügen des 15. und frühen 16. Jh. in mehreren Etappen und wurde durch diplomat. Abkommen wie den Mailänder Kapitulaten, dem Frieden von Arona 1503 und dem Ewigen Frieden mit Frankreich 1516 verbrieft. So entwickelte sich entlang der Verkehrswege zu den lombard. Städten über den Gotthard- und den Lukmanierpass ein politisch und territorial uneinheitl. Gebilde, in dem versch. Herrschaftsformen nebeneinander bestanden. Nachdem die Leventina 1439/41 faktisch an Uri gefallen war, drängten auch andere eidg. Orte der Zentralschweiz auf eine Gebietserweiterung, wurden darin aber nur teilweise von den übrigen Bundesgenossen unterstützt. Als 1499-1500 ein Eroberungszug von Kg. Ludwig XII. von Frankreich das Herzogtum Mailand erschütterte, annektierten Uri, Schwyz und Unterwalden das Bleniotal und die Riviera und nahmen Bellinzona ein. 1503 anerkannte Frankreich die eidg. Herrschaft über diese Gebiete, worauf diese dort die ersten gemeinen Herrschaften südlich der Alpen errichteten. 1512-13 befanden sich die Eidgenossen, die für kurze Zeit sogar Mailand ihrer Schirmherrschaft unterstellten, auf dem Höhepunkt ihrer militär. Macht: Die eidg. Truppen bemächtigten sich der Festungen Lugano und Locarno, besetzten deren Umland und schufen im eroberten Gebiet die gemeinen Herrschaften der zwölf Orte. Unter gleichen Umständen legten sie die Grundlagen für die Landvogtei Mendrisio mit der Pieve Balerna, die den zwölf Orten erst 1521 zugesprochen wurde, als das Val d' Ossola, das Valtravaglia und das Valcuvia wieder ans Herzogtum Mailand zurückfielen. In kurzer Zeit wurde das Gebiet territorial neu geordnet und z.T. die Grenzen neu gezogen. So gehörten fortan Isone und Medeglia zur Vogtei Bellinzona. Die abgesonderten Gem. (terre separate) des Luganese behielten einen Grossteil ihrer Privilegien bei, obwohl sie Teil der aus den Pieven Lugano, Agno, Capriasca und Riva San Vitale geschaffenen Vogtei Lugano waren. Das Vallemaggia bildete mit dem Val Lavizzara eine eigene, von Locarno abgetrennte Vogtei. Hingegen wurde Brissago der Landvogtei Locarno angegliedert, ebenso die vorher abgespaltenen Gem. des Gambarogno und des Verzascatals.

<b>Tessin (Kanton)</b><br>Silberdicken, aus der Münzstätte von Bellinzona, geprägt von Münzmeister  Bernardino Morosini (Bernisches Historisches Museum) © Foto Nadja Frey.<BR/>Die Vorderseite zeigt die Wappen von Uri und Nidwalden, darüber den Reichsadler. <BR/>
Silberdicken, aus der Münzstätte von Bellinzona, geprägt von Münzmeister Bernardino Morosini (Bernisches Historisches Museum) © Foto Nadja Frey.
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<b>Tessin (Kanton)</b><br>Silberdicken, aus der Münzstätte von Bellinzona, geprägt von Münzmeister   Bernardino Morosini  (Bernisches Historisches Museum) © Foto Nadja Frey.<BR/>Auf der Rückseite ist der heilige Martin dargestellt, der Landespatron von Schwyz. Die Darstellungsweise und das sowohl in Bellinzona wie von den Visconti-Sforza verwendete Wappentier der Schlange verweisen darauf, dass dieser Dicken eine Nachbildung von Münzen aus Mailand ist. Indem die drei Urkantone kurz nach dem Frieden von Arona 1503 in ihrer Vogtei südlich der Alpen eine Münzstätte eröffneten, erhoben sie ihren Herrschaftsanspruch über das gesamte Gebiet und unterstützten gleichzeitig den Handel der Kaufleute aus der Leventina im Herzogtum Mailand. 1529 wurde die Münzstätte geschlossen.<BR/>
Silberdicken, aus der Münzstätte von Bellinzona, geprägt von Münzmeister Bernardino Morosini (Bernisches Historisches Museum) © Foto Nadja Frey.
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Mit der Errichtung der eidg. Herrschaft änderte sich das Verhältnis zur Obrigkeit: Vorher Angehörige eines festgefügten Staats wie des Mailänder Herzogtums, sah sich die Tessiner Bevölkerung fortan einer fremden Herrschaft unterworfen, für jedermann sichtbar verkörpert durch die Landvögte. Diese liessen sich in den grösseren Zentren Lugano, Locarno, Bellinzona und Mendrisio sowie in den neuen Hauptorten Faido, Osogna und Lottigna nieder und regierten im Namen der eidg. Orte. Die Talschaften mussten den Orten ein Militärkontingent zur Verfügung stellen und eine jährl. Landessteuer leisten, die durch die Erhebung einer Herdsteuer (focatico) und einer Gütersteuer (taglia) finanziert wurde. Die Landessteuer war alllerdings nicht sehr hoch; ausserdem waren mehrere Gebiete von ihrer Zahlung befreit. Mit ihr wurden auch die Beamten entlöhnt und die Kosten für den Strassenunterhalt und das Sanitätswesen bestritten. Rechtlich wurden die Privilegien und Statuten der lokalen Gemeinschaften formell bestätigt, doch veränderten sich mit der Zeit die Grundlagen der Herrschaft durch immer neue Dekrete und Erlasse in versch. Hinsicht tiefgreifend.

<b>Tessin (Kanton)</b><br>Der Sitz des Landvogts in Lottigna, auch Palazzo del Pretorio genannt. Foto von  Daniela Temperli (Ufficio dei beni culturali, Bellinzona).<BR/>Das zu Beginn des 16. Jahrhunderts von Gian Domenico Cima, einem Architekten aus Aquila, erbaute Gebäude beherbergte 1550–1798 die Landvögte der Kantone Uri, Schwyz und Nidwalden und nach der Kantonsgründung bis 1891 das Bezirksgericht Blenio. Die Wappen der drei Orte und jenes des Bleniotals (oben links) stehen vor einer Reihe von Familienwappen der in der Reihenfolge ihrer Amtszeit aufgeführten Landvögte und ihrer Beamten. Dieser Wappenzyklus, einer der wichtigsten im Kanton Tessin, wurde im 17. Jahrhundert geschaffen und 1968–1972 restauriert.<BR/>
Der Sitz des Landvogts in Lottigna, auch Palazzo del Pretorio genannt. Foto von Daniela Temperli (Ufficio dei beni culturali, Bellinzona).
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Der Landvogt, auch commissario oder capitano reggente genannt, repräsentierte die höchste Macht in den Vogteien. Er wurde nach einem festgelegten Turnus von jeweils einem der regierenden Orte für zwei Jahre ins Amt gewählt, war im Kriegsfall Befehlshaber der örtl. Truppen, übte die hohe und niedere Gerichtsbarkeit aus, war für die öffentl. Ordnung zuständig und hatte die Oberaufsicht über das Steuerwesen und die Lokalverwaltung inne. Ihm zur Seite stand ein Oberamt, das sog. Magnifico ufficio, das aus meist einheim. Mitgliedern bestand und in jeder Vogtei wieder anders zusammengesetzt war. Im Allgemeinen gehörten ihm neben dem vom Landvogt selbst ernannten Statthalter mind. der Landschreiber, der Fiskal oder Seckelmeister und ein Kanzler oder Malefizschreiber an. Die Tätigkeit der Landvögte und der Lokalverwaltungen unterlag der Kontrolle durch das Syndikat, zu dem sich jedes Jahr im Sommer die Gesandten der zwölf bzw. drei Orte trafen. In der Leventina bildeten zwei Gesandte aus Uri das Kontrollorgan. Während seiner Sitzungen untersuchte das Syndikat als höchste gerichtl. Instanz vor Ort Berufungsklagen gegen die vom Landvogt gefällten Urteile, richtete über gewisse Fälle in erster Instanz und prüfte die Rechnungen der Talschaften und Landvögte. Gegen die Beschlüsse des Syndikats konnten die Untertanen entweder bei den einzelnen Orten oder bei der eidg. Tagsatzung als letzten Instanzen Rekurs einlegen; wegen der komplizierten Prozedur wurden die Konflikte allerdings oft eher verschleppt als gelöst.

<b>Tessin (Kanton)</b><br>Quelle: Ticino 1798–1998, Band 1, 1998, 262 f.  ©  2012 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.<BR/>Die politischen Institutionen übernahmen auch gerichtliche Funktionen, die in der Grafik aber nicht dargestellt sind.<BR/>
Die politischen Institutionen in den ennetbirgischen Vogteien (vereinfacht)
<b>Tessin (Kanton)</b><br>Quellen: Historischer Atlas der Schweiz, hg. von H. Ammann, K. Schib,  <SUP>2</SUP> 1958, 53; Storia della Svizzera italiana dal Cinquecento al Settecento, hg. von R. Ceschi, 2000, 715; Ticino 1798–1998, Band 1, 1998, 256  © 2012 HLS und Kohli Kartografie, Bern.<BR/><BR/>
Die ennetbirgischen Vogteien

Mit der eidg. Herrschaft änderte sich anfänglich nichts an der aus dem SpätMA überkommenen Landschaftsorganisation, obwohl durch die Schaffung von Räten der Pieve und der Landschaft die Mitsprache der Landschaft z.T. neu gestaltet wurde. Diese führte jedoch allmählich zum Ausschluss der Auswärtigen, was sich in grösseren Orten etwa in der Unterscheidung zwischen alteingessenen und niedergelassenen Vicini niederschlug. Bei der Festlegung der jeweiligen Rechte kam es öfters zu heftigen Auseinandersetzungen, wie z.B. nach der Gründung der Università oder Korporation der Landsassen 1542 in Locarno.

Die Regierungsform der Vogteien stützte sich notgedrungen auf die Mitarbeit lokaler Gruppen, liess diesen viel Gestaltungsspielraum und begünstigte so die Bildung einer in die Regierungsgeschäfte eingebundenen Elite. Da während der eidg. Eroberung diverse einheim. Geschlechter durch ihre Zusammenarbeit mit den Eidgenossen die Ämterkontinuität sicherten, wurde der Übergang nicht als Bruch empfunden. Nach der raschen Festigung der neuen Herrschaft setzten sich solche Familientraditionen bei der Besetzung von Vogtei- und Gemeindeämtern teils fort, teils entstanden sie neu; besonders langlebig waren die Ämtertraditionen der Torriani in Mendrisio, der Franzoni im Vallemaggia und der Riva in Lugano. Besonders die fortgesetzte, oft lebenslange Amtsdauer der obrigkeitl. Beamten an der Seite des Landvogts eignete sich dazu, die lokalen Verhältnisse zu kontrollieren und feste Beziehungen zu den Fam. der regierenden Orte (v.a. aus der Zentralschweiz) zu knüpfen, die in den Vogteien unterschiedl. Interessen verfolgten. Die Beziehungen zwischen den wohlhabendsten einheim. Familien und den Innerschweizer Geschlechtern wie den Lussi, Troger, a Pro und später den von Beroldingen oder den Vonmentlen, die sich z.T. südlich der Alpen niedergelassen hatten, wurden durch gemeinsame Wirtschaftsunternehmen im Handel und durch die militär. Karriere befestigt. Nicht selten äusserten sie sich auch in weit gefächerten Heiratsverbindungen. Wegen dieser wirtschaftl. und sozialen Gemengelage war die Beziehung der Untertanen zu den Regierenden weitgehend konfliktfrei, obwohl es zu einigen Krisen kam, die in der Misswirtschaft der Regierung und der Unzufriedenheit über die fehlende eidg. Unterstützung im zeitweise schwierigen Verhältnis zur Lombardei gründeten. Im Fall des Livineraufstands von 1755 mündete der Protest in eine allg., gegen die Fremdherrschaft gerichtete Volkserhebung.

Obwohl die grundsätzl. Unterschiede zwischen den Vogteien bestehen blieben, gewannen zwischen dem 16. und dem 18. Jh. auch einige verbindende Elemente an Bedeutung. Die Vogteien der drei Orte führten von Anfang an ein Eigenleben. In den gemeinen Herrschaften der zwölf Orte beschränkten sich die Gemeinsamkeiten zu Beginn auf das Militärische, da der Landvogt von Lugano die Truppen aus allen gemeinen Herrschaften kommandierte. Später neigten die regierenden Orte dazu, ihre Untertanengebiete zumindest verwaltungsmässig als einheitl. Block zu betrachten. Auf der lokalen Ebene förderten der Austausch und die Zusammenarbeit unter den Patrizierfamilien das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Die Geschichtsschreibung des 19. und fast des ganzen 20. Jh. fällte über die Zeit der Landvögte ein negatives Urteil, indem sie v.a. die Untertanenverhältnisse, die Immobilität des Machtsystems und Fälle von Machtmissbrauch der Regierenden in den Vordergrund rückte. Dabei berief sie sich auf die Thesen von Karl Viktor von Bonstetten, die von zahllosen einheim. Traktaten aufgenommen und aufgebauscht wurden. Neuere und vertiefte Untersuchungen des institutionellen Aufbaus, der Beziehungen zwischen den regierenden Orten und den lokalen Gemeinschaften, der wirtschaftl. und sozialen Entwicklungen und der mannigfaltigen Kontakte mit den Nachbarländern zeichnen dagegen ein in vielen Bereichen positiveres Bild.

Autorin/Autor: Paolo Ostinelli / CHM

3 - Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur im Mittelalter und in der Neuzeit

3.1 - Bevölkerung und Siedlungsentwicklung

Aufgrund seiner zerfurchten Oberflächengestalt fehlten im T., im Unterschied zur lombard. Tiefebene, die grossen Ansiedlungen. Hingegen entwickelten sich mittlere, kleine und kleinste Orte, die, wie beispielsweise das auf 1500 m gelegene Molare (Gem. Faido), auch in höheren Lagen entstanden. Das Wort castrum, mit dem im 11. Jh. versch. Siedlungen des Sottoceneri bezeichnet wurden, lässt vermuten, dass in jener Zeit viele Siedlungskerne durch einen Befestigungsring geschützt waren. Einen Beleg dafür bietet die in Tremona-Castello ausgegrabene Mauer. In den oberen Tälern verteilten sich die Siedlungen über mehrere Höhenstufen, die in der Regel dem jahreszeitl. Rhythmus der Land- und Weidewirtschaft entsprachen.

Das Zusammentreffen verbesserter Umweltbedingungen, intensiverer Nutzung lokaler Ressourcen wie der Alpweiden und gesicherter Gewinne aus dem Alpenverkehr führten vermutlich im 13. Jh. zu einem mässigen Bevölkerungswachstum. Eine solche Entwicklung lässt sich z.T. auch aus lokalen Quellen, etwa aus Prato (Leventina), ablesen. Sie wurde jedoch durch die um die Mitte des 14. Jh. einsetzenden Pestwellen, wie sie auch aus anderen Gebirgsregionen wie dem Wallis bekannt sind, jäh gestoppt. Weitere Krisen traten gegen Ende des 14. und gehäuft im 15. Jh. auf; wegen des Todes von Hunderten von Menschen ging 1484-85 die Bevölkerungszahl einiger Dörfer der Capriasca drastisch zurück. Demograf. Daten sind nur spärlich vorhanden: Bellinzona, Lugano und Locarno zählten im ausgehenden MA wenige hundert Einwohner und waren damit kaum grösser als einige Nachbarschaften der oberen Täler. Um die Mitte des 15. Jh. verzeichnete das Steuerrodel der Leventina 919 Feuerstätten, was rund 4'500 Einwohnern entspricht. Im 16. Jh. erholte sich die Bevölkerungszahl, wohl auch aufgrund der grösseren Stabilität unter der eidg. Herrschaft, so dass die Region am Jahrhundertende rund 78'000 Einwohner zählte. Dieser Trend verstärkte sich nach der letzten Epidemienwelle im 17. Jh. und führte im 18. Jh. zu einem beträchtl. Bevölkerungswachstum.

Teilweise trug auch die saisonale bzw. definitive Auswanderung dazu bei, das prekäre Gleichgewicht zwischen den lokalen Ressourcen aus der Land- und Weidewirtschaft und dem Ernährungsbedarf herzustellen. Die Migration ist bereits im 13. und 14. Jh. bezeugt und nahm im 15. Jh. in einigen Regionen und Berufskategorien ein riesiges Ausmass an. 1477 beteuerte ein mailänd. Beamter in Lugano, die Mehrheit der Männer arbeite in der Toskana. Die Kriege um die Vorherrschaft über die Region und die ständigen Familienfehden führten zwar nicht zwangsläufig zu grossen demograf. Verlusten, sie dürften aber einige Fam. bewogen haben, sich vorübergehend oder für immer in weniger von Unruhen oder Faktionenkämpfen betroffenen Gebieten niederzulassen.

Obwohl aus den lombard. Zentren qualifizierte Arbeitskräfte kontinuierlich und manchmal in grosser Anzahl einwanderten, gab es im MA nur eine einzige geschlossene Ansiedlung von Fremden im T., nämlich das Walserdorf Bosco/Gurin, das auf Betreiben der Adelsfamilien der Capitanei di Locarno um die Mitte des 13. Jh. gegründet worden war. Die ab dem 14. Jh. vereinzelt belegte Einwanderung aus dem Norden ist in der Zeit der eidg. Herrschaft urkundlich wesentlich besser dokumentiert.

Autorin/Autor: Giuseppe Chiesi, Paolo Ostinelli / CHM

3.2 - Wirtschaft

Die Verkehrswege des Alpenraums stützten sich auf ein Netz von Saumpfaden, Fuss- und Fahrwegen sowie auf die Schiffsverbindungen des Luganersees und des Langensees. Möglicherweise waren auch einige Flussabschnitte zeitweise schiffbar, konnten aber wegen der intensiven Holzflösserei zu gewissen Zeiten nicht befahren werden. Aufgrund seiner relativ geringen Höhe dürfte der Lukmanier seit der Antike der am meisten begangene Pass gewesen sein. Später wurde er z.T. vom Gotthard überflügelt, der in den ersten Jahrzehnten des 13. Jh. für den Fernverkehr geöffnet wurde. Die Wegform und Infrastrukturen hingen bis zu einem gewissen Grad von der Stellung der Verbindung im Verkehrsnetz ab: Dem Ortsverkehr dienten häufig Pfade und Furten, dem Regionalverkehr z.T. etwas bessere Wege und Brücken sowie dem alpenquerenden Verkehr direkter geführte, sicherere Strassen und Wege mit Susten. Die Transitroute durch die obere Leventina, die bis ins 13. Jh. nur aus von örtl. Säumerkolonnen genutzten Gebirgspfaden bestand, wurde ab der Mitte des 14. Jh. ausgebaut; dabei wurden die Linienführungen in vielen Abschnitten direkter angelegt sowie Warenniederlegungen für den Fernhandel und Hospize für die Reisenden erstellt. Seit dem HochMA waren die örtl. Genossenschaften für den Unterhalt des Verkehrswegs, gewöhnlich strada francesca oder strada maestra genannt, verantwortlich. Ab dem 13. Jh. profitierte die ganze Region vom wieder aufblühenden Handel. Besonders in den Talschaften brachte das Transportmonopol den Säumern Gewinne und den Nachbarschaften neue Einnahmen.

Im rauen Berggebiet nahe des Alpenkamms konnten nur wenige Felder im Talgrund bestellt werden, während die Hügellandschaft im Süden grössere landwirtschaftl. Nutzflächen bot. Die Viehzucht v.a. in den Tälern des Sopraceneri bedingte den Unterhalt von grossen Wiesenflächen, die genügend Heureserven für die winterl. Stallhaltung lieferten. Der Alpenraum hing auf vielfache Weise von der Tiefebene ab, denn dort überstieg die Getreideproduktion den Eigenbedarf und die Überschüsse gelangten in den Handel. Im 15. Jh. kauften z.B. Kaufleute aus Bellinzona in der Lomellina (heute Provinz Pavia) Korn ein und setzten es in der Heimatstadt und den oberen Tälern ab. Ab dem 16. Jh. unterzeichneten die regierenden Orte oft Abkommen, in denen Getreidetransporte aus der Lombardei in die ennetbirg. Vogteien erwähnt wurden. Zu den Lebensmitteln, welche die Berggebiete einführen mussten, gehörten auch Öl und Wein, während die Märkte in der Ebene Vieh und Erzeugnisse der Alpwirtschaft aus den höher gelegenen Gebieten bezogen. Im ausgehenden MA erwarben einige Gem. des Bleniotals und der Leventina Alprechte ausserhalb des Tals in der Surselva. Die Alpwirtschaft war also rentabel und auf den lombard. Märkten und Messen liess sich viel Vieh absetzen.

In den Dörfern der Täler und den Kleinstädten lebten viele Fam. von dem, was der Boden hergab. Weinbau, Feld- und Waldwirtschaft, hier v.a. das Sammeln von Kastanien, sicherten die Ernährung der Haushaltsmitglieder und ersparten vielen den Gang in die Fremde. Im Vergleich zu den ländl. Gegenden bildete sich in den Borghi dank der höheren Einwohnerdichte, der Verwaltungsfunktion, der versch. Wirtschaftsinteressen und der sozialen Schichtung ein breiteres Spektrum an Berufen heraus. Dies galt in minderem Masse auch für einige vom Verkehr begünstigte Randgebiete. In den Etappenorten Mendrisio, Lugano, Locarno, Bellinzona, aber auch in Biasca, Faido und Olivone gab es Herbergen und Weinschenken für durchreisende Fremde. Eine besondere Rolle spielten die Notariatsbüros, die auch in der Wirtschaft, etwa durch die Ausfertigung von Kauf- und Mietverträgen, eine Vermittlungsfunktion ausübten.

Exportiert wurden fast ausschliesslich einige Rohstoffe, Erzeugnisse der Alpwirtschaft und Vieh. Das waldreiche Alpengebiet belieferte die Zentren der Lombardei mit wertvollem Bauholz, v.a. Tannen und Lärchen. Die gefällten Bäume wurden zu den Wasserläufen befördert und auf dem Fluss T. zum Langensee geflösst, von wo aus grosse Mengen von Bauholz über das im 13. Jh. angelegte Kanalnetz nach Mailand weitertransportiert wurden. Diesen blühenden Handel betrieben einheim. Notabelnfamilien und Geschlechter aus den Zentren der lombard. Ebene sowie ab dem 16. Jh. auch Fam. aus den eidg. Orten. Die bevölkerungsreichen Städte der Ebene benötigten grosse Mengen an Fleisch und Erzeugnissen der Alpwirtschaft wie harten Vollfettkäse mit langer Haltbarkeit. Von beiden Seiten der Alpenkette wurden ganze Viehherden als Schlachtvieh auf die Märkte und Messen am Alpensüdfuss getrieben und dort an Metzgereien verkauft.

Auf den Jahrmärkten der Alpensüdseite bot sich die Gelegenheit, Handel zu treiben, neue Kontakte zu knüpfen und die Geschäftsbeziehungen auszuweiten. Im SpätMA zählten diejenigen von Bellinzona Ende August und von Chiasso im Frühling zu den bekanntesten und vermutlich auch meist besuchten Jahrmärkten, auf denen besonders viele Rinder und Pferde aus der Eidgenossenschaft feilgeboten wurden. In der Zeit der eidg. Herrschaft dominierte dagegen der Viehmarkt von Lugano. Die eidg. Händler deckten sich hier jeweils auch mit den begehrten Wolltüchern aus Como ein. Für den regionalen Handel wurden zudem in den Borghi und grösseren Orten der Alpensüdseite regelmässig Märkte abgehalten.

Es gibt keine Hinweise auf eine nennenswerte einheim. Textilproduktion, die auf den Markt gelangt wäre. Abgesehen von ein paar Ziegelbrennereien existierte auch keine protoindustrielle Produktion. In einigen Gebieten wie dem Malcantone, dem Valcolla und dem Valle Morobbia wurde Metall gefördert und verarbeitet. Im Valle Morobbia erbaute der Bellinzoneser Zweig der ursprünglich aus Como stammenden Fam. Muggiasca nach der Mitte des 15. Jh. eine Verhüttungsanlage, die ihre Produktion aber bereits 1478 einstellte.

Im HochMA befanden sich Grund und Boden in den Händen kirchl. Institutionen wie der bischöfl. Mensa von Como sowie der Benediktinerklöster S. Carpoforo und S. Abbondio in Como, S. Pietro in Ciel d'Oro in Pavia und des Klosters Disentis. Auch die Pfarrkirchen verfügten über beträchtl. Güter. Im ausgehenden MA erwarben v.a. im Sottoceneri und in einigen Gebieten des Sopraceneri auch einheim. Notabelnfamilien ausgedehnten Grundbesitz, während in der frühen Neuzeit Stadtgeschlechter aus Como, darunter v.a. die Turconi, grosse Ländereien im Mendrisiotto aufkauften. Für Unternehmer, Kaufleute und Mitglieder der Führungsschicht auch aus den Borghi und grösseren Orten in den Tälern stellte der Erwerb von Grundeigentum eine sichere und rentable Investition dar, die als Rückhalt für ein weit gespanntes Kreditgeschäft diente.

Autorin/Autor: Giuseppe Chiesi / CHM

3.3 - Gesellschaft

Die früh- und hochma. Gesellschaft des Alpen- und Voralpenraums bestand zum weitaus grössten Teil aus einer indigenen bäuerl. Schicht alter Herkunft; das strukturprägende Element bildete aber die kleine Gruppe der Adligen, die das polit., wirtschaftl., soziale und kulturelle Leben dominierte. Von der langobard. und fränk. Zeit bis ins Zeitalter der Kommunen liessen sich hier Familienclans nieder, die eine beherrschende Stellung errangen. Zu diesen gehörten z.B. das langobard. Geschlecht der Totoniden, die ab dem FrühMA in Mendrisio verwurzelten Fam. wie die Torriani und die Bosia, die noch weit über das MA hinaus eine wichtige Rolle in der Region spielten, und der aus Varese stammende Adel, aus dem die Korporation der Capitanei di Locarno hervorging. Auch in der Bauern- und Hirtengesellschaft der oberen Täler erlangten Fam., wie die da Torre im Bleniotal und die da Giornico in der Leventina, eine hegemoniale Stellung. Ihr sozialer Status manifestierte sich wie andernorts im Besitz einer Burg oder eines Wohnturms. Im HochMA etablierten sich auch in den kleineren Zentren Fam. mit beträchtl. Güterbesitz, von denen einige wie die Quadri und die Canonica in der Capriasca, die da Novazzano und die da Rancate im Mendrisiotto sowie die da Trevano (Trevani) und die Pocobelli in Lugano bis ins SpätMA Schlüsselpositionen innehatten.

Mit der Festigung des Einflusses von Como und Mailand wurden auf lokaler Ebene vermehrt Amtsleute und Bevollmächtigte zur Verwaltung eingesetzt. Im Castel Grande in Bellinzona, wo 1195 vorübergehend der Bf. von Como residierte, waren wahrscheinlich Schreiber, Notare, Steuereinnehmer und Verwalter beschäftigt, die als Schreibkundige eine höhere gesellschaftl. Stellung einnahmen.

Nachdem die Talschaften von Blenio und Leventina ihre Interessen im Schwur von Torre zum Ausdruck gebracht und gegenüber dem lokalen Adel durchgesetzt hatten, begann die allmähl. Integration der Adelsgeschlechter in die Talgemeinden. Dieser Prozess wurde dadurch begünstigt, dass die Nachbarschaften Rechte und Eigentum erwarben, welche die Adligen wahrscheinlich aus Geldnot abtreten mussten. Der Verkehr über die Alpen, der infolge der Erschliessung des Gotthards für den Fernhandel anstieg, ermöglichte den Aufstieg einer ländl. Schicht, die über die Saumrechte verfügte, Beziehungen zu den Nachbarregionen unterhielt und daher in den regionalen, später in den überregionalen Handel einstieg. Da schon im 13. Jh. öffentl. Ämter innerhalb der Fam. weitergegeben wurden, ist eine frühe soziale Schichtung in den Dörfern anzunehmen. Andererseits unterhielten die Gem. eine Art Fürsorge, die auf der Hortung und Verteilung von Lebensmitteln beruhte. Damit wurden Notlagen Bedürftiger gemildert. Wer nicht zur Nachbarschaft gehörte, blieb jedoch im Allgemeinen von solchen Hilfeleistungen ausgeschlossen.

Im Sottoceneri gewann das ehrgeizige Geschlecht der Rusca aus Como, das sich an strateg. Orten im Luganese, im Malcantone und v.a. im Vedeggiotal niederliess, an Gewicht. Bis in die frühe Neuzeit übte es einen starken Einfluss auf die lokale Gesellschaft aus. Noch zu Beginn des 15. Jh. bewohnte ein Zweig der Fam. ein Schloss in Bironico, während ein paar Jahrzehnte später einige Familienmitglieder sich ins wirtschaftl. und soziale Leben der Region einfügten, indem sie in Bironico einen Gasthof führten, nach Bellinzona übersiedelten und dort öffentl. Ämter übernahmen. Der Hauptzweig aber gehörte nach dem Erwerb des Grafentitels dem lombard. Hochadel an. Das drückte sich im repräsentativen Aufwand aus, mit dem die Rusca das Schloss von Locarno zur beeindruckenden Residenz umbauten.

Die spätma. Gesellschaft war zutiefst von der Zuwanderung vornehmlich lombard. Familien geprägt. Diese traten in eine Gesellschaft ein, deren Kenntnisse und deren techn. Fertigkeiten wenig entwickelt waren und einer vorwiegend ländl. Realität entstammten. Die neuen Verdienstmöglichkeiten aus dem zunehmenden Handel mit der Lombardei erhöhten Wohlstand und Reichtum, verlangten aber Anpassungsfähigkeit. Überdies boten sie Aufstiegschancen für die, welche den Mut zu neuen Unternehmen aufbrachten.

In den wichtigsten Zentren liessen sich Kaufleute, Handwerker, Woll-, Eisen- und Lederarbeiter, Zwischenhändler von Lebensmitteln, Gewürzen und anderen Produkten, Holzhändler und Notare nieder, die innert kurzer Zeit ins Bürgerrecht aufgenommen und mit öffentl. Ämtern betraut wurden. Das erworbene Ansehen erlaubte es, repräsentative Ämter in Staatsverwaltungen oder gar an Fürstenhöfen zu übernehmen. Das im Handel akkumulierte Geld wurde in die Erweiterung des Grundbesitzes gesteckt und z.T. in Repräsentationsobjekte investiert, die den erreichten sozialen Status bezeugten. So entstanden in den grösseren Orten stattliche, reich verzierte Wohnhäuser, die in den Jahrhunderten der eidg. Herrschaft zu eigentl. Patriziersitzen ausgebaut wurden. Eine ähnl. Bedeutung hatten in den Dörfern die von Notaren, Kaufleuten und Grundbesitzern in Auftrag gegebenen Kunstwerke in Pfarrkirchen, Kapellen und an den Hausmauern, auf denen sich die Auftraggeber von durchziehenden Künstlern abbilden liessen, um ihre Frömmigkeit, aber auch ihre Freigebigkeit zur Schau zu stellen.

In Lugano, Locarno und Bellinzona, aber auch in kleineren Orten wie Biasca, Faido, Mendrisio und Balerna bildete sich allmählich eine Unternehmerschicht heraus, die sich ihrer polit. und wirtschaftl. Bedeutung bewusst war. Auf das Geschick und den Einfluss dieser Notabeln, die ihre Macht in einem engmaschigen, vom Klientelismus geprägten Beziehungsnetz ausübten, griffen die Beamten der lombard. Stadtherrschaften und später auch die Vertreter der eidg. Orte. zurück, wenn sie der Vermittlung bedurften. In der frühen Neuzeit baute diese Schicht ihre Vormachtstellung aus, indem sie ihr Vermögen mehrte, Berufe im Handel, im Rechtswesen und in der Kirche ausübte, familiäre und geschäftl. Beziehungen zu einflussreichen Geschlechtern der Lombardei und der Zentralschweiz pflegte sowie militär. Karrieren einschlug, die ihr manchmal sogar Adels- und Ehrentitel einbrachten. So entstanden Familientraditionen, die bis in die Gegenwart reichen.

Eine begrenzte gesellschaftl. Durchlässigkeit ist noch gegen Ende des 15. Jh. nachweisbar. In der Zeit der eidg. Herrschaft nahm die soziale Mobilität ab, und die lokalen Gesellschaften schlossen sich gegen aussen ab. Dies zeigte sich auch im institutionellen Bereich: Nun wurde zwischen alteingesessenen Bürgern (vicini), Zugewanderten und Fremden unterschieden und letztere von den Vorrechten ausgeschlossen, die seit dem MA den Mitgliedern der lokalen Gemeinschaften zustanden.

Autorin/Autor: Giuseppe Chiesi, Paolo Ostinelli / CHM

3.4 - Kirchliche Einrichtungen und religiöses Leben

Zu den Kirchen mit Baptisterien, die im 5. und 6. Jh. an strateg. Orten entlang der Verkehrswege entstanden, kamen im FrühMA Kapellen in der Nähe von Siedlungen sowie Kultgebäude im Umkreis von Grabstätten hinzu, was auf eine grosse Verbreitung von Privatkirchen schliessen lässt. Die Bistumszugehörigkeit der Tessiner Ortschaften hing davon ab, ob sie von Mailand oder Como aus christianisiert worden waren. Die beiden Bischofssitze rangen um Einfluss, bis sich im 11. Jh. eine Aufteilung herausbildete, die abgesehen von vereinzelten Anpassungen bis ins 19. Jh. Bestand hatte. Die Patrozinien einiger Kirchen, die Verbreitung gewisser Gebetsbruderschaften und Grundbesitz zeugen vom Einfluss der Klöster nördlich der Alpen wie Pfäfers und Disentis. Die grossen lombard. Klöster errichteten an versch. Orten, in denen sie über Güter verfügten, Kirchen als Zentren des lokalen religiösen Lebens (z.B. beim Hof (curtis) von Agnuzzo).

Wie im ganzen lombard. Gebiet wurden vermutlich schon in karoling. Zeit die Hauptkirchen von Balerna, Riva San Vitale, Agno, Lugano, Tesserete, Locarno, Bellinzona, Biasca und vielleicht auch Olivone zum Ausgangspunkt der Einteilung in Pieven. Diese Form der Territorialorganisation für die Seelsorge blieb bis in die frühe Neuzeit erhalten. Daneben entstand allmählich auch ein Netz von Pfarreien, die von den Gläubigen ins Leben gerufen wurden. In Biasca löste sich die Pievenverfassung bereits im 13. Jh. auf, in anderen Pfarrbezirken begann die Ablösung der Pfarreien erst im 15. Jh. Im SpätMA stellten die Dorfkirchen den Mittelpunkt des gesellschaftl. Lebens dar. Der Religiosität wohnte ein starkes kollektives Moment inne, was u.a. auch dadurch zum Ausdruck kam, dass die Organisation des Gottesdiensts zur Pflicht der Gem. wurde. Durch die Stiftung von Kirchen und Benefizien versuchten diese, das Patronats- und das Präsentationsrecht zu erlangen. Die Kontrolle der kirchl. Einkünfte und der Amtsführung des Klerus sollte die Befriedung der religiösen Bedürfnisse der Gläubigen, v.a. die regelmässige Feier der Messe und das Spenden der Sakramente bei Geburt und Tod, garantieren.

Vom 12. und 13. Jh. an zeigte sich die religiöse Gesinnung der Gläubigen auch darin, dass sie in Regularorden eintraten oder in lokalen religiösen Bewegungen mitwirkten. In den Borghi und einigen Dörfern entstanden Humiliaten- und Humiliatinnenhäuser, während im Bleniotal und der Leventina Männer- und Frauengemeinschaften ohne bestimmte Regel die Hospize führten. Viele davon wurden im SpätMA kommunalisiert. Auch die Gründungen der Benediktinerklöster Quartino (11. Jh.) und Giornico (12. Jh.) sowie der Johanniterkommende Contone (12. Jh.) standen in Zusammenhang mit den Transitwegen. Das Seelsorgeangebot in Lugano und Locarno nahm bereits um 1230 zu, als sich dort die Konventualen des hl. Franziskus niederliessen. Auch die 1217 gegr. Propstei Torello, die einer eigenen Regel verpflichtet war, scheint in den umliegenden Gem. Seelsorgeaufgaben wahrgenommen zu haben.

<b>Tessin (Kanton)</b><br>Die ehemalige Propsteikirche Santa Maria Assunta di Torello. Fotografie von  Rudolf Zinggeler,  um 1920 (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Zinggeler).<BR/>Der Eingang wird von zwei Figuren flankiert, links das Porträt von Bischof Guglielmo della Torre, der 1217 die Kirche und die Klostergemeinschaft gründete, rechts das überlebensgrosse Bild des heiligen Christophorus. Nach der Aufhebung des Chorherrenstifts 1349 wurden die Nebengebäude der Kirche für landwirtschaftliche Zwecke genutzt.<BR/>
Die ehemalige Propsteikirche Santa Maria Assunta di Torello. Fotografie von Rudolf Zinggeler, um 1920 (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Zinggeler).
(...)

Im ausgehenden MA verstärkten die Gem. ihre religiösen Bestrebungen: Der Rat von Bellinzona unterstützte beispielsweise 1444/45 die Gründungen von Klöstern der Augustiner und 1484/85 der Franziskanerobservanten, finanzierte den Bau der neuen Plebankirche sowie weiterer Kirchen und entlöhnte zu bestimmten Zeiten des Kirchenjahrs regelmässig Predigermönche. Zur Unterdrückung Andersgläubiger kollaborierte die Gem. mehrmals mit den lombard. Inquisitoren. Ausdruck der Volksfrömmigkeit waren die wiederholten Marienerscheinungen; eine solche soll um 1480 zur Gründung des Wallfahrtsorts Madonna del Sasso geführt haben.

Die Ideen der Reformation fassten auch im T. Fuss. In den ersten Jahrzehnten des 16. Jh. fanden sie Anhänger in den wohlhabenden Schichten. Nachdem die Mitglieder der ref. Gemeinde von Locarno 1555 ins Exil getrieben worden waren - die meisten von Ihnen fanden in Zürich Zuflucht -, verhinderten jedoch die Überwachung durch die Kirchenbehörden und polit. Massnahmen der katholischen eidg. Orte deren weitere Ausbreitung.

Ab der 2. Hälfte des 16. Jh. griffen die Bf. von Mailand und Como in der Absicht, die trident. Reformen umzusetzen, zunehmend in die lokalen kirchl. Einrichtungen ein. Kirchenführer der kath. Reform wie Karl Borromäus, Giovanni Antonio Volpe und Feliciano Ninguarda unterwarfen das Kirchengebiet einer verschärften Kontrolle, indem sie die Visitationen wieder einführten, die Diözesanhierarchie reorganisierten und als Mittler zwischen den bischöfl. Zentren und den Ortskirchen die Ämter des Dekans (vicario foraneo), des Visitators und Provisitators schufen. Schwierigkeiten ergaben sich allerdings wegen lokaler Widerstände und jurist. Auseinandersetzungen um die Pfründenverleihung, die Gerichtsbarkeit über den Klerus, die Verwaltung der Kirchengüter sowie Ehe- und andere Prozesse. Greifbare Resultate stellten sich erst langsam und keineswegs gleichförmig gegen Ende des 16. Jh. ein, doch blieb der kommunale Charakter der Ortskirchen z.T. erhalten. Die kath. Reform erfasste jedoch alle Ebenen der kirchl. Organisation: Die Geistlichen wurden immer öfter in Seminaren ausgebildet, während die Laien in den Pfarrschulen und neu gegr. Bruderschaften, die ein Mittel der Gemeinschaftsbildung und Sozialdisziplinierung waren, in der kath. Lehre und Zucht unterwiesen wurden. Gleichzeitig ermutigten die Bischöfe die Gläubigen auch durch die Gründung von neuen Pfarreien zur Teilnahme an Riten und Sakramenten.

Die Einführung neuer Regularorden gehörte zunächst zu den Massnahmen der kath. Reform. Später wandelten sie sich zu einem wesentl. Bestandteil des örtl. Glaubenslebens, wie das Beispiel der Oblaten des hl. Ambrosius zeigt, die zunächst zur Ausübung des Pfarramts in die Pfarreien gesandt wurden, ab 1616 jedoch das Kollegium in Ascona übernahmen. Besonders früh verbreiteten sich die Kapuziner. Bereits 1535 entstand in Bigorio das erste Kloster, dem fünf weitere folgten, welche die Spiritualität des hl. Franziskus wieder aufleben liessen. Im 16. Jh. sind bereits erste kleine Gemeinschaften der Ursulinen bezeugt. Deren Bewegung erlaubte Frauen, ihrer religiösen Berufung ohne Gelübde und Klausur nachzugehen. Ab dem 8. Jh. entstanden Männer- und Frauenklöster der Augustiner und Benediktiner, später der Franziskaner, ab 1451 der Serviten, ab 1598/1608 der Somasker und für kürzere Zeit auch der Jesuiten. Einige dieser Orden und Kongregationen spielten nicht nur im Kirchenleben, sondern auch im Bildungsbereich und in der Priesterausbildung eine wichtige Rolle. Neben dem lokalen Klosterleben existierte die Missionstätigkeit in fernen Gegenden. Ab dem 17. Jh. verbreitete sich auch das Eremitentum.

Prunkvolle Zeremonien und üppige Kirchenausstattungen regten die Sinne der Gläubigen auf vielfältige Weise an. Mit der Teilnahme am Gottesdienst wurde der Einzelne sowohl persönlich angesprochen wie in die Gemeinschaft eingebunden. Die Übersteigerung der vorgeschriebenen Glaubensformen führte auch zu Exzessen, die in übertriebenen Mystizismus und Bigotterie mündeten. Teilweise knüpften auch die Hexenverfolgungen an solche zeitgenöss. Frömmigkeitsformen an, die das Göttliche mit der gleichen Inbrunst suchten, mit der sie das angeblich Dämonische verfolgten. Besonders heftig wüteten die Hexenverfolgungen im 16. und 17. Jh. in den drei Ambrosian. Tälern. Aber auch in den anderen ennetbirg. Vogteien forderten Hexenprozesse bis weit ins 18. Jh. hinein viele Opfer. Der letzte Hexenprozess fand 1759 in Lugano statt.

Autorin/Autor: Paolo Ostinelli / CHM

3.5 - Kultur und Bildung

Der südl. Alpen- und Alpenvorraum war seit jeher in den lombard. Kulturraum eingebettet. Die geistigen und künstler. Einflüsse der lombard. Städte und Klöster reichten bis in die hintersten Winkel der Tessiner Täler und lassen sich heute noch in vielen kulturellen Eigenheiten des T.s nachweisen.

Die ersten Schriftzeugen, bescheidene lat. Grabeinschriften, erscheinen auf Marmorgrabsteinen aus dem 6. Jh., im Sopraceneri in der Kirche S. Vittore in Muralto, im Sottoceneri in Sagno, wo eine got. Garnison stationiert war, und auf dem Areal des frühchristl. Baptisteriums von Riva San Vitale. Aber erst im 8. und 9. Jh., als im langobard.-fränk. Norditalien die schriftl. Abfassung von Notariatsakten üblich wurde, lässt sich auch im T. eine gewisse Vertrautheit der einheimischen männl. Bevölkerung mit der Schrift nachweisen. Die wenigen überlieferten Schriftstücke über Geschäfte von Familienclans wie desjenigen des bereits erw. Totone von Campione vermitteln ein Zeugnis von dem Bildungsgrad der aristokrat. Führungsschicht; diese konnte lesen, schreiben oder allenfalls auch dem Notar den eigenen Willen diktieren, wie die Schenkung der Privatkapelle S. Zeno an die Kirche S. Ambrogio in Mailand von 777 zeigt. Bei der Verbreitung der Schrift kam auch den Wandmalereien in den zahlreichen Sakralbauten eine wichtige Rolle zu. Ab dem 11. Jh. erschienen z.B. auf den Fresken in den Kirchen von Dino, Negrentino, Sorengo und Muralto Schriftzüge, die zur Identifikation der Heiligen und anderer Figuren dienten; vom 13. Jh. an enthielten die Inschriften auch komplexere Texte, etwa Anrufungen, Bibelzitate und Glückwunschformeln, wie beispielsweise in den Fresken von Torello, Rovio, Cademario und Giornico.

Als die Landschaften ab dem 13. Jh. in kommunale Gerichtskreise eingeteilt wurden, kam es zu einer Art kulturellen Revolution, die die Beziehung zur Schrift grundlegend veränderte. Das wirtschaftl. und soziale Leben, selbst die unscheinbarsten Verrichtungen im Alltag, wurden nun durch öffentl. Schrifttum mit Rechtskraft geregelt. Dazu gehörten etwa die Talstatuten und die Notariatsakten. Notare waren in der Region reichlich vorhanden; zwischen Ende des 12. und dem Ausgang des 13. Jh. waren im Bleniotal und der Leventina deren 30 registriert, die gleichzeitig die öffentl. Ämter des Richters, Seckelmeisters, Kastvogts und Console der Nachbarschaft ausübten. Die Bedeutung der Schrift wuchs auch deshalb, weil sich die Beziehungen zu den Machtzentren des Herzogtums Mailand intensivierten und der Handel in den aufstrebenden Borghi Locarno, Bellinzona und Lugano an Bedeutung gewann. Die Ausbildung der Schreibkundigen, die rechnen sowie lateinisch lesen und schreiben konnten, erfolgte in öffentl. Schulen, die sich über das ganze Herzogtum verbreiteten. Besonders gut dokumentiert ist im 14. und 15. Jh. die Schule von Bellinzona. Sie wurde von weltl. Lehrern geführt und dauerte zehn bis zwölf Jahre. Dank eines die Fächer Grammatik, Logik und Rhetorik umfassenden Lehrplans vermittelte sie den Schülern, die auch vom Land kamen, die notwendigen Kenntnisse für eine Karriere im Notariatsberuf, in der Verwaltung, im Handel, in höheren Staatsämtern oder im Klerus. Zu den über 1'000 Schülern, welche die Schule von Bellinzona absolvierten, gehörte auch der Kanzler Giovanni Molo, der eine wichtige Position im lombard. Verwaltungsapparat innehatte und Beziehungen zu Gelehrten und Humanisten seiner Zeit unterhielt.

<b>Tessin (Kanton)</b><br>Abschrift der Statuti des Maggiatals von  Giovanni Giumino,  einem Notablen von Giumaglio,  1718 (Archivio di Stato del Cantone Ticino).<BR/>Während der eidgenössischen Herrschaft war die Publikation von lokalen und regionalen Rechtssammlungen untersagt; nur die Statuti von Blenio und Lavizzara wurden im 17. Jahrhundert ediert. Bei diesem Verbot spielten neben politischen auch berufsständische Gründe eine Rolle, denn die einheimischen Juristen verteidigten eifersüchtig ihr Expertenwissen.<BR/>
Abschrift der Statuti des Maggiatals von Giovanni Giumino, einem Notablen von Giumaglio, 1718 (Archivio di Stato del Cantone Ticino).
(...)

Bei der Abfassung ihrer Amtsakten bedienten sich die Notare und Schreiber noch lange des Lateins als Verkehrssprache, während in der gesprochenen Sprache im SpätMA der Dialekt vorherrschte. Im 15. Jh. kam, verbreitet über die professionellen Schreibstuben, allmählich die ital. Umgangssprache (volgare) auf. Schrittweise setzte sie sich in den grösseren und kleineren Zentren des Herrschaftsgebiets als meistgebrauchte Sprache in der diplomat. Korrespondenz der Mailänder Verwaltung durch, fand aber auch Eingang in die polit. und administrativen Dokumente lokaler Gemeinschaften, z.B. in Statuten. Mit der Loslösung der südalpinen Territorien von Mailand und ihrem endgültigen Übergang an die Eidgenossen im 16. Jh. nahm der Gebrauch der ital. Umgangssprache im Schriftverkehr der Verwaltung, der Justiz und selbst bei einem Teil der Notariatsakten weiter zu. Die ital. Sprache wurde nun auch in den gebildeten Literatenkreisen salonfähig, wo sie, etwa im Briefwechsel von Humanisten wie Francesco Ciceri aus Lugano, neben das Latein trat.

In den letzten Jahrzehnten des 16. Jh. ist eine zunehmende Alphabetisierung festzustellen, die sich während der ganzen Landvogteizeit fortsetzte und immer neue Schichten der Bevölkerung, auch Frauen und die Bewohner abgelegener Täler erfasste, eingeschlossen diejenigen des Seengebiets, aus denen zahlreiche im Ausland tätige Bauhandwerker- und Künstlerdynastien stammten. Bei diesem Modernisierungsprozess von einer vorwiegend mündl. Kultur traditionellen Typs zu einer schriftl. Kultur spielten auch Anstrengungen der Kirche im Kontext der kath. Reform eine wichtige Rolle. Dank des im trident. Geist stehenden Reformwerks der Mailänder Ebf. Karl Borromäus und Federico Borromeo entstand eine ganze Reihe von Pfarreischulen, die das wachsende Bedürfnis einer breiten Bevölkerungsschicht nach einer Grundausbildung zu befriedigen vermochten. In der borromäischen Zeit wurden die Kongregationen der Oblaten, Somasker, Jesuiten, Benediktiner und Serviten beauftragt, Institute für die Ausbildung von Notabelnsöhnen und des Priesternachwuchses zu gründen. Dazu gehörten etwa das Collegio Papio in Ascona (1584), die Kollegien S. Antonio in Lugano (1608-1852), S. Giovanni in Mendrisio (1644-1786), der Jesuiten und Benediktiner in Bellinzona (1648-75) sowie das Seminar S. Maria in Pollegio (1622). Ab 1747 führten die Kapuzinerinnen von S. Giuseppe eine Töchternschule. Die Klosterschulen gehörten zum Kreis der ital. Adelskollegien, genossen auch im Ausland einen guten Ruf und zogen Studenten aus der Lombardei an, unter ihnen den jungen Alessandro Manzoni, der 1796-98 Schüler der Somasker von S. Antonio in Lugano war. In diesen Kollegien sowie in weiteren Klöstern wie S. Maria degli Angeli in Lugano befanden sich auch die wichtigsten Bibliotheken des T.s.

Der Abschluss der höheren Studien sowohl für die Geistlichen wie für die freien Berufe der Rechtsanwälte, Ärzte und Ingenieure erfolgte im Allgemeinen ausserhalb der ennetbirg. Vogteien. Einige Studenten begaben sich in die Städte der deutschsprachigen Eidgenossenschaft oder des Dt. Reichs, die meisten aber zogen die Bildungszentren der Lombardei vor. Das 1579 von Karl Borromäus eröffnete Collegium Helveticum und weitere lombard. Priesterseminare waren lange Zeit die wichtigsten Ausbildungsstätten für Geistliche, während das weltl. Studium oft an der Univ. Pavia absolviert wurde. Seit ihrer Gründung 1776 spielte zudem die Akad. Brera bei der Ausbildung zahlreicher Tessiner Künstler und Architekten eine wichtige Rolle.

Dank der engen wirtschaftl., gesellschaftl. und künstler. Beziehungen blieb Italien während der gesamten frühen Neuzeit auch die geistige Heimat der meist geistl. Gelehrten. Einen guten Ruf erwarben sich in den literar. Zirkeln Italiens begabte Dichter wie die Luganer Somaskerpatres Gian Pietro Riva und der auch als Erzieher wirkende Francesco Soave sowie der Jesuitenpater Girolamo Ruggia von Morcote. Ab Mitte des 18. Jh. stieg Lugano dank der Druckerei Agnelli zu einem kulturellen Zentrum auf, das nach Italien und in andere Länder Europas ausstrahlte. Als erster Buch- und Zeitungsverlag im T. produzierte sie nicht nur für den lokalen Markt. Sie brachte u.a. die Zeitung Nuove di diverse corti e paesi heraus, die auch unter ihrem ab 1797 offiziellen Namen "Gazzetta di Lugano" bekannt war. Da die Pressefreiheit im T. grösser war als in den angrenzenden ital. Staaten, setzte sich die Verlagstradition im 19. Jh. in Druckereien wie der Tipografia elvetica z.Z. des Risorgimento fort.

Autorin/Autor: Carlo Agliati / CHM

3.6 - Kunst

Mit Ausnahme des Baptisteriums von Riva San Vitale beschränken sich die Zeugen vorrom. Kunst im T. v.a. auf archäolog. Funde und Fragmente. Grosse Verbreitung fand dagegen die lombardisch beeinflusste rom. Architektur, die allerdings im Stil schlichter als ihr Vorbild war und einheim. Materialien benutzte. Zu den wichtigsten Bauten gehören die Propsteikirche von Biasca, S. Nicolao in Giornico, zu den bedeutendsten Fresken "Der Auferstandene" (11./12. Jh.) in Prugiasco und "Der Gekreuzigte" (1010-30) im Baptisterium von Riva San Vitale.

Die Neuerungen Giottos zeigen sich in Brione (Verzasca), Ravecchia (Kirche S. Biagio) und in der "roten Kirche" in Castel San Pietro. Im spätgot. Stil der Fresken von S. Maria in Selva in Locarno und S. Maria della Misericordia in Ascona finden sich Bezüge zur erlesenen Mailänder Buchmalerei, während die Schöpfungen aus den Werkstätten der Seregnesi und der da Tradate einen volkstüml. und lehrhaften Zug aufweisen.

Die hoch spezialisierten Bau-, Steinmetz- und Malerequipen (Maestranze), die ab dem MA temporär nach Italien emigrierten und später in ganz Europa wirkten, hinterliessen kaum grössere Werke in ihrer Heimat. Hingegen hielten sich bedeutende ital. Künstler immer wieder im T. auf. Mind. einer der lombard. Schöpfer der Deckengemälde aus der Casa Ghiringhelli in Bellinzona, die sich heute im Museum des Castel Grande befinden, malte Idealporträts im Stil der Renaissance (1470-80), wie sie auch in der Wallfahrtskirche Madonna del Sasso vorkommen. Dort wirkte vermutlich Bramantino ("Flucht nach Ägypten", um 1520). In der Kirche S. Maria degli Angeli in Lugano sticht die "Passion und Kreuzigung Christi" (1529) von Bernardino Luini hervor.

<b>Tessin (Kanton)</b><br>Szenen aus dem Leben und der Passion Christi. Fresko an der Lettnerwand der ehemaligen Franziskanerkirche Santa Maria delle Grazie in Bellinzona, das der Werkstatt der Mailänder Familie  Scotto  zugeschrieben wird, 1513–1515 (Ufficio dei beni culturali, Bellinzona).<BR/>Die fünfzehn Szenen, welche das zentrale Rechteck rahmen, werden durch Renaissancegrotesken unterteilt. Diese sind von der Dekorationsmalerei aus Kaiser Neros Domus Aurea in Rom inspiriert. Das Fresko, das bei einem Brand 1996 beinahe zerstört und 1997–2006 restauriert worden ist, zeugt von der Ausstrahlung der lombardischen Renaissance bis in die Tessiner Täler.<BR/>
Szenen aus dem Leben und der Passion Christi. Fresko an der Lettnerwand der ehemaligen Franziskanerkirche Santa Maria delle Grazie in Bellinzona, das der Werkstatt der Mailänder Familie Scotto zugeschrieben wird, 1513–1515 (Ufficio dei beni culturali, Bellinzona).
(...)

Der Einfluss der kath. Reform und des Manierismus ist erkennbar in den wenigen klassizist. Grossbauten des T.s, etwa der Kirche S. Croce und dem Rathaus in Riva San Vitale, sowie v.a. auf zahlreichen Kirchengemälden von meist lombard. Meistern wie Camillo Procaccini und den Malern aus dem Kreis um Pier Francesco Mazzucchelli, genannt il Morazzone, darunter Isidoro Bianchi und Giovan Battista Crespi, genannt il Cerano. Neben den im T. selbst in Auftrag gegebenen Werken brachten auch die Auswanderer Gemälde ital., fläm. oder dt. Ursprungs in ihre Heimat zurück. Einige Flügelaltare aus Holz, die während des 15. und 16. Jh. in dt. oder schweiz. Werkstätten entstanden sind, wurden hingegen von den Reformierten an die kath. Pfarreien verkauft, darunter das Polyptichon des schwäb. Künstlers Ivo Strigel in Osogna.

Die Barockmaler Tessiner Herkunft wirkten meist im Ausland: Giovanni Battista Discepoli feierte seine Erfolge in Mailand, Giovanni Battista Carlone v.a. in Genua und Giovanni Serodine sowie Pier Francesco Mola in Rom. Bedeutende Maler des Frühbarocks wie der als Maestro della natività di Mendrisio bekannte anonyme Künstler sowie Francesco und Innocenzo Torriani hatten ihre Werkstatt zwar im T., arbeiteten aber, wie im einheim. Kunstbetrieb üblich, für ausländ. Auftraggeber.

Die meisten Tessiner Architekten des Barocks arbeiteten im Ausland, wie etwa Carlo Maderni und Francesco Borromini, die in Rom zu Ruhm gelangten und in ihrer Heimat keine Spuren hinterliessen. Im 17. und 18. Jh. wurden zwar im T. eifrig Kirchen renoviert und dem Zeitgeschmack angepasst. Dabei wurde mit polychromem Marmor wie etwa dem Arzomarmor und aufwendigen Stuckarbeiten nicht gespart, aber es handelte sich meist um eher bescheidene Eingriffe. Die weltl. Bauten blieben mehrheitlich unscheinbar; zwischen den einfach gebauten Bürgerhäusern, die sich kaum von den Landwirtschafts- und Wirtschaftsgebäuden abhoben, stachen nur einzelne Stadtpaläste und Villen mit Gärten hervor.

Ihren Höhepunkt erreichte die Künstlerauswanderung im 18. Jh.: In St. Petersburg wirkte Domenico Trezzini und zahlreiche weitere Tessiner Künstler errichteten in immer neuen Variationen Residenzen und Rokokokirchen auf dem ganzen Kontinent. Diese Tradition hielt sich bis ins 19. Jh. mit Domenico Gilardi als bekanntestem Vertreter. Unter den Kunstmalern zeichnete sich der hauptsächlich in der Heimat wirkende Giuseppe Antonio Petrini aus. Einige Mitglieder der Fam. Colomba, Orelli und Torricelli sowie ital. Künstler wie die mit Fam. im Südtessin verschwägerten Carlone aus Scaria im Val d'Intelvi sind der grossen ital. Schule der Monumentalfreskomalerei zuzurechnen. Zu den Hauptvertretern des frühen europ. Klassizismus gehörten Simone Cantoni und Giocondo Albertolli.

Autorin/Autor: Anastasia Gilardi / CHM

4 - Staat und Politik im 19. und 20. Jahrhundert

Ein wichtiges Sprachrohr für die Ideen der Aufklärung und der Franz. Revolution im T. war die von der Druckerei Agnelli verlegte Wochenzeitschrift "Gazzetta di Lugano", die ab 1788 von Giuseppe Vanelli redigiert wurde. Sie beeinflusste einen Teil der einheim. Führungsschicht, der auf eine Reform des veralteten Vogteisystems drängte. Unterstützung erhielten sie von Persönlichkeiten aus den regierenden Orten wie Karl Viktor von Bonstetten. Diese Kreise befürworteten einen aufgeklärten Absolutismus. Doch die spät einsetzende und schlecht organisierte Bewegung brachte nichts zustande und verschwand mit dem Ausbruch der Helvet. Revolution.

4.1 - Politische Geschichte und Verfassungsentwicklung

Unter Einfluss der am 29.6.1797 gegr. Cisalpinischen Republik, die anfänglich die Annexion der italienischsprachigen Gebiete der Schweiz anstrebte, und der im Jan. 1798 ausgebrochenen Helvet. Revolution bildeten sich in den ennetbirg. Vogteien drei Lager aus. Den Verteidigern der alten polit. und sozialen Ordnung standen zwei Gruppen gegenüber, die beide für eine Änderung der bestehenden Verhältnisse eintraten. Die Mehrheit, die sog. filoelvetici, kämpfte unter dem Motto Liberi e Svizzeri für den Verbleib in der Eidgenossenschaft, während die v.a. im Sottoceneri vertretene Minderheit, die sog. filocisalpini oder patrioti, den Anschluss an die Cisalpin. Republik propagierte. Nachdem die filocisalpini bei ihrem Versuch, Lugano einzunehmen, von einem örtl. Freiwilligenkorps der filoelvetici zurückgeschlagen worden waren, rief die Stadt am 15.2.1798 ihre Unabhängigkeit aus, die von den regierenden Orten anerkannt wurde. Von Lugano aus griff die Emanzipationsbewegung noch am selben Tag auf den Ort und die Vogtei Mendrisio über, wo sich zunächst die Anhänger des Verbleibs in der Eidgenossenschaft durchzusetzen schienen. Später erfasste sie die übrigen Gebiete des T.s: Am 6. März gestanden die eidg. Orte der Vogtei Locarno, am 21. März dem Vallemaggia und am 4. April Bellinzona, Blenio sowie der Riviera die Unabhängigkeit zu, während Uri am 14. März die Leventina aus dem Untertanenverhältnis entliess.

<b>Tessin (Kanton)</b><br>Das Luganeser Freiwilligenkorps von 1797 beim Einsatz. Lavierte und aquarellierte Federzeichnung von  Rocco Torricelli (Museo d'arte della Svizzera italiana, Lugano, Collezione Città di Lugano).<BR/>Weil sie die Einmischung der von Napoleon Bonaparte Ende Juni 1797 geschaffenen Cisalpinischen Republik fürchteten, gründeten die Bürger von Lugano zum Schutz ihres Städtchens ein Freiwilligenkorps, das von den eidgenössischen Orten unterstützt wurde.<BR/>
Das Luganeser Freiwilligenkorps von 1797 beim Einsatz. Lavierte und aquarellierte Federzeichnung von Rocco Torricelli (Museo d'arte della Svizzera italiana, Lugano, Collezione Città di Lugano).
(...)

Autorin/Autor: Marco Marcacci, Nelly Valsangiacomo / CHM

4.1.1 - Kantonsbildung (1798-1830)

Nachdem am 12.4.1798 die Helvet. Republik ausgerufen und auf eidg. wie europ. Ebene die Zugehörigkeit des T.s zur Eidgenossenschaft durchgesetzt worden war, entstanden aus den befreiten Vogteien die helvet. Kantone Lugano und Bellinzona. Zwar strebten die helvet. Behörden von Anfang an einen einzigen Kanton mit dem Namen T. an, doch sträubten sich die lokalen Gemeinwesen erfolgreich dagegen, in einer einzigen polit. Körperschaft nach moderner Staatsauffassung aufzugehen. Sie hatten nichts miteinander zu tun und verstanden sich nach wie vor als autonome Nachbarschaften, Korporationen und Nutzungsgemeinschaften. Gegenüber den Verfassungsgrundsätzen der Helvetik verhielt sich die Bevölkerung gleichgültig. Der vom neuen Staat auferlegten Steuer- und Militärpflicht sowie allen Neuerungen im Bereich der Religion, auch jener der Kultusfreiheit, stand sie feindlich gegenüber. Die Ablehnung revolutionärer Ideen erklärt auch den Widerstand gegen die Angliederung an die Cisalpin. Republik. 1799 entluden sich die Feindseligkeiten gegenüber dem neuen Regime in Wirren und Gewaltakten in Lugano sowie in einem antifranz. Aufstand in der Leventina. Die Zeit der Helvetik war v.a. im Sottoceneri von einer andauernden Unbeständigkeit der staatl. Institutionen geprägt. Denn kaum verschoben sich die Kräfteverhältnisse der polit. Lager, wurden alle Exekutivmitglieder und Präfekte ausgewechselt, was die Leistungsfähigkeit des Staats erheblich beeinträchtigte.

Erst mit der Mediationsakte von 1803 erfolgte die Gründung des Kt. T., der eine Verfassung nach dem Willen von Napoleon Bonaparte bekam. Die neue Verfassung entsprach denjenigen der anderen neu gegr. Kantone. Auf der Grundlage der Verfassung von 1803 wurde im T. eine von oben gelenkte Demokratie errichtet. Sie fusste auf dem Repräsentativsystem, sah indirekte Wahlen vor und setzte einen hohen Vermögenszensus für das passive Wahlrecht voraus, so dass die Macht in den Händen der Notabeln lag. Das Aktivbürgerrecht war zudem ausschliesslich den Mitgliedern der Bürgergemeinden vorbehalten.

Der Kt. T. wurde in acht Bezirke, die den ehem. Vogteien entsprachen, in 38 Kreise, die gleichzeitig Wahlkreise waren, und in rund 250 Gem., die aus den Nachbarschaften hervorgingen, eingeteilt. Die höchste Gewalt lag beim 110-köpfigen Gr. Rat. Dieser beschränkte sich jedoch auf die Verabschiedung der von der Regierung vorgelegten Gesetze. Nur ein Ratsmitglied pro Kreis wurde direkt gewählt. Die übrigen 72 Grossräte wurden unter den von den Kreisversammlungen vorgeschlagenen Namen ausgelost. Der Gr. Rat delegierte aus seinem Kreis neun Mitglieder in die Exekutive, den Kl. Rat, die aber weiterhin dem Parlament angehörten. Die überragende Figur in der Regierung der Mediation war Vincenzo Dalberti. Unter seiner Führung bemühte sich der Kl. Rat, dem Staatsgefüge einen inneren Zusammenhalt zu geben. Er unternahm grosse Anstrengungen, um den Kanton zur Heimat aller Tessiner zu machen.

Im März und Juli 1814 arbeitete der Gr. Rat einen gemässigt liberalen Verfassungsentwurf aus, der die Rechtsgleichheit, die Gewaltenteilung und die Direktwahl der gegenüber der Regierung gestärkten Legislative vorsah. Die europ. Grossmächte unterbanden aber dieses Unterfangen, worauf sich ein Teil der Tessiner Wahlmänner erhob. Der Aufstand gipfelte in der Versammlung vom 25.8.-30.8.1814 in Giubiasco, an der die Abgeordneten der Kreise eine provisor. Reggenza (Exekutive) und ein neues Kantonsparlament ernannten. Doch die Aktion scheiterte. Nach deren Niederlage wurde am 17.12.1814 eine neue Verfassung verabschiedet. Fortan zählte der Gr. Rat nur noch 76 Mitglieder, wobei pro Kreis ein Mitglied gewählt und die restl. 38 nach einem aufwendigen Verfahren bezeichnet wurden. Um die regionalen Rivalitäten zu entschärfen, wechselte der Hauptort im Sechsjahresrhythmus zwischen Bellinzona, Locarno und Lugano. Geistliche blieben von der 11-köpfigen Regierung ausgeschlossen, die nun Staatsrat hiess. In der neuen polit. Ordnung stand die Exekutive über der Legislative. Sie wurde nach dem Amt des Regierungschefs, dem landamano, Regiment der Landammänner genannt, da einige Notabeln, allen voran Giovanni Battista Quadri, dieses Amt monopolisierten. In den Augen ihrer Gegner wurde es zum Sinnbild für eine despot. Regierung, die nichts von den öffentl. Freiheiten wissen wollte und unter dem Einfluss der österr. Lombardei stand.

Die Regierung führte die in der Mediation begonnene Politik fort und investierte v.a. in den Ausbau des Verkehrsnetzes. So wurde 1810 die Strasse über den Monte Ceneri fertig gestellt. Mit ihren Anstrengungen bezweckte sie einerseits eine engere Anbindung der einzelnen Kantonsteile, andererseits die Förderung des Güteraustausches, denn die Zoll- und Weggelder bildeten die Haupteinnahmequelle des Kantons. 1817 trat das Straf-, erst 1837 das Zivilgesetz in Kraft.

Autorin/Autor: Marco Marcacci, Nelly Valsangiacomo / CHM

4.1.2 - Liberale Reformen und Parteikämpfe (1830-1875)

Das Regiment der Landammänner rief eine verbreitete Unzufriedenheit hervor. Um einige Notablen aus den wichtigsten Zentren entstand eine liberale Bewegung, welche diese Missstimmung aufgriff und mehr Freiheiten, die Gewaltentrennung und das Öffentlichkeitsprinzip bei Staatsgeschäften forderte. Aber auch der Klerus war unzufrieden. Er beklagte seinen Ausschluss von Exekutiv- und Gerichtsämtern, und die zunehmende Kontrolle des Staats über die Kirche bereitete ihm Sorgen.

Am 23.6.1830 stimmte der Gr. Rat gegen den Willen des Landammanns Quadri einer Verfassungsreform zu, die am 4. Juli von den Kreisversammlungen gutgeheissen wurde. Damit eilte das T. den internat. Ereignissen voraus und gab auf nationaler Ebene den Startschuss für die Verfassungsrevisionen der Regeneration. Die neue Verfassung schrieb das Öffentlichkeitsprinzip der Regierungs- und Parlamentsbeschlüsse, die Gewaltenteilung, die Direktwahl der Grossräte, das Verfassungsreferendum, das Petitionsrecht und die Pressefreiheit fest. Das Parlament wurde auf 114 Mitglieder vergrössert und seine Stellung gegenüber der neunköpfigen Regierung, in der höchstens ein Geistlicher Einsitz nehmen durfte, gestärkt. Nicht berücksichtigt wurden hingegen demokrat. Postulate wie das allg. Männerwahlrecht und gleiche polit. Rechte für alle. Vielmehr blieben als Voraussetzungen für das Aktivbürgerrecht der Vermögenszensus und die Zugehörigkeit zu einer Bürgergemeinde bestehen. Darüber hinaus erschwerten gesetzl. Hürden die Ausübung der polit. Rechte ausserhalb der Heimatgemeinde.

Unterschiedl. Ansichten zur Rolle des Staats und dem Wesen der Reformen standen nach 1830 am Beginn der beiden hist. Parteien des T.s: Der Liberalen oder Radikalen, die sich später Radikalliberale nannten, und der Gemässigten oder Konservativen. Die Radikalen unter der Führung von Stefano Franscini kämpften für einen zentralist. Staat, der die lokalen Privilegien und den Einfluss der Kirche auf die Zivilgesellschaft beschnitt. Um die Modernisierung des Kantons voranzutreiben, förderten sie die Volksbildung und die wirtschaftl. Entwicklung. Die Konservativen ihrerseits verteidigten einen schlanken Staat, der die Traditionen, lokalen Eigenständigkeiten und die kirchl. Vorrechte respektierte. Im Dez. 1839 rissen die Radikalen nach einem bewaffneten Aufstand die Macht an sich und behaupteten sie im Juli 1841 gegen einen gegenrevolutionären Angriff. Diese Ereignisse bildeten den Anfang einer Periode der Gewalt, Volksjustiz und bewaffneter Handstreiche. Nicht selten arteten die offenen Abstimmungen in den Kreisversammlungen in Raufereien aus oder wurden durch Machenschaften und klientelist. Beeinflussung der Wählerschaft manipuliert. 1855, 1870, 1876, 1889 und 1890 mussten eidg. Kommissare zur Beruhigung der polit. Unruhen einschreiten.

1847 stellte sich das zwar kath., aber von den Radikalen geführte T. gegen den Sonderbund und mobilisierte 3'000 Männer. Die von Giacomo Luvini-Perseghini angeführten Truppen unterlagen in Airolo einem Überraschungsangriff der Urner und Walliser. Im folgenden Jahr lehnte das T. dennoch die Bundesverfassung von 1848 ab, v.a. deshalb, weil der Verlust von Zolleinnahmen den Kanton zur Einführung von direkten Steuern zwang. Nach 1850 nahm die Opposition gegen die Radikalen wegen der wirtschaftl. und finanziellen Schwierigkeiten und deren antiklerikaler Politik zu. So hob die Regierung 1852 die Klöster auf und zog deren Güter ein, um die öffentl. Schulen zu finanzieren. 1853 wurde der Schulunterricht säkularisiert. 1855 griff der Staat in Kultusangelegenheiten ein und schloss die Geistlichen von der Ausübung des Stimm- und Wahlrechts aus.

<b>Tessin (Kanton)</b><br>"Das Begräbnis des Buon umore". Anonyme politische Karikatur für das radikale antiklerikale Satireblatt <I>Il buon umore</I>, veröffentlicht in der Ausgabe vom 27. Dezember 1860 (Archivio di Stato del Cantone Ticino).<BR/>Diese Massimo Cometta zugeschriebene Zeichnung erschien anlässlich des Rücktritts Bernardino Bonzanigos, der Chefredaktor des satirischen Blatts und Anwalt war. Die Vertreter der beiden konservativen Oppositionsblätter <I>La voce del popolo</I> (im Hintergrund links) und <I>Il credente cattolico</I> (in der Mitte) nehmen naiverweise an, dass mit Bonzanigos Rücktritt das Ende der satirischen Publikation gekommen sei. Sie tanzen vor Freude zu der von Steuerbeamten finanzierten Musik (vorne links). Mit einer Flasche "Buon umore" in der Hand zeigt Bonzanigo rechts auf dem Katafalk, dass sein Geist weiterleben wird.<BR/>
"Das Begräbnis des Buon umore". Anonyme politische Karikatur für das radikale antiklerikale Satireblatt Il buon umore, veröffentlicht in der Ausgabe vom 27. Dezember 1860 (Archivio di Stato del Cantone Ticino).
(...)

Ebenfalls nach 1850 entstand eine demokrat. Bewegung, die sich für das allg. Wahlrecht und die direkte Demokratie einsetzte und den Machtmissbrauch der Staatsräte anprangerte. 1855 entledigten sich die Radikalliberalen im Pronunciamento jedoch der in der sog. Fusionistenbewegung vereinten Opposition. Schliesslich intervenierte der Bund und zwang den Kanton, 1858 auf die Zugehörigkeit zu einer Bürgergemeinde und 1863 auf den Vermögenszensus als Voraussetzung für das Aktivbürgerrecht zu verzichten. Diese beiden Bestimmungen hatten rund einen Fünftel der Wählerschaft von ihren polit. Rechten ausgeschlossen, und zwar v.a. im Sottoceneri, wo es mehr Grossgrundbesitzer gab und die Halbpacht überwog. Mit Franscini (1848-57) und Giovan Battista Pioda (1857-64) im Bundesrat standen die Radikalliberalen für die Integration des T.s in den Bundesstaat ein. Auf kant. Ebene hatten sie mehr Mühe, fähige Regierungsvertreter zu finden.

Autorin/Autor: Marco Marcacci, Nelly Valsangiacomo / CHM

4.1.3 - Von den Reformen Gioachimo Respinis zum Proporzsystem (1875-1922)

Zur Erhaltung ihrer Macht klammerten sich die Radikalliberalen um 1870 immer fester an das Repräsentativsystem und die offene Abstimmung an den Versammlungen. Sie wandten sich gegen die Referendumsdemokratie und die Forderung nach geheimer Abstimmung, da sie die führende Rolle des Staats im Modernisierungsprozess des Kantons erhalten wollten. Die Konservativen sprachen sich hingegen für das Referendum aus in der Hoffnung, eine allzu starke Zentralisierung zu verhindern. 1875 erreichten die Liberalkonservativen die Mehrheit im Parlament und bauten diese in den Wahlen von 1877 aus. Unter der Leitung des charismat. und unnachgiebigen Gioachimo Respini setzten sie ihre Politik des sog. Nuovo Indirizzo dank mehrerer Verfassungsrevisionen durch: 1875 wurde die geheime Stimmabgabe und die gemeindeweise Durchführung der Abstimmung, das Stimmrecht für die niedergelassenen Schweizer Bürger sowie die Verfassungsinitiative eingeführt, 1878 Bellinzona zum definitiven Kantonshauptort gewählt (1881 in Kraft getreten) sowie 1883 eine Justizreform beschlossen und das fakultative Referendum festgeschrieben. Neben der Aufhebung der antiklerikalen Gesetze verfassten die Konservativen erste Beschwerden an den Bundesrat, in denen sie sich gegen eine Zentralisierung stellten, welche die Autonomie der Kantone einschränkte und die italienischsprachige Minderheit bedrohte.

All dies hätte zu einer Schlichtung des polit. Kampfs führen können, stattdessen brachen schon bald die alten Konflikte wieder auf, zu denen sich neue Streitfragen gesellten. Die Folgen waren neuerl. Tumulte, polit. Racheakte und Winkelzüge zur Schwächung des Gegners. 1880 löste eine Verfassungsrevision die Zuteilung einer fixen Zahl von Grossratssitzen pro Kreis durch eine Zuteilung nach der Grösse der Wohnbevölkerung ab, wodurch die Kreise ihre Bedeutung als Zentrum des lokalen polit. Lebens verloren. Sofort tauchten bei der Erstellung der Wählerlisten neue Konflikte auf, u.a. bei der Frage, ob die aus dem Kanton weggezogenen Bürger aufgenommen werden sollten. Dank einer geschickten Wahlkreisgeometrie sorgte die Reform dafür, dass die Konservativen mit einer knappen Stimmenmehrheit eine solide Mehrheit im Gr. Rat erzielten.

In einem von Klientelismus geprägten Klima, in dem beide Parteien als Gegenleistung für Stimmen und Unterstützung Gefälligkeiten und öffentl. Aufträge zusicherten, mussten die wechselseitigen Diffamierungen unweigerlich in einen nächsten gewaltsamen Umbruch münden. 1890 entluden sich die Spannungen im Tessiner Putsch. Der Staatsstreich brachte jedoch einen unerwarteten Ausgang: Anstelle einer erneuten Vorherrschaft der Radikalen führte der Regimewechsel zu einer vom Bund auferlegten Wahlreform, welche die beiden Parteien zur Zusammenarbeit in der Regierung zwang. Nun galt ab 1891 für die Gross- und Gemeinderäte, ab 1892 für die Staatsräte, die nicht mehr vom Parlament, sondern vom Volk gewählt wurden, anstelle des Majorz- das Proporzsystem. Unfreiwillig wurde das T. in der Schweiz so zum Proporzpionier.

Zu Beginn des 20. Jh. tauchte mit der Sozialdemokratie eine dritte Kraft auf der polit. Bühne auf. Der Partito socialista ticinese (PST) verbündete sich anfänglich mit den Linksradikalen. Nach einer inneren Krise 1912-13, aus der Guglielmo Canevascini als neuer Parteiführer hervorging, emanzipierte sich der PST und beanspruchte bald eine Rolle als Regierungspartei.

<b>Tessin (Kanton)</b><br>Der Tessiner Grossratssaal im ehemaligen Ursulinenkloster in Bellinzona. Fotografie vom Januar 2005, kurz nach der Renovation  © KEYSTONE / Karl Mathis.<BR/>
Der Tessiner Grossratssaal im ehemaligen Ursulinenkloster in Bellinzona. Fotografie vom Januar 2005, kurz nach der Renovation © KEYSTONE / Karl Mathis.
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Autorin/Autor: Marco Marcacci, Nelly Valsangiacomo / CHM

4.1.4 - Die Konkordanzdemokratie (seit 1922)

Die Grossratswahlen von 1920 fussten auf einem Einheitswahlkreis. 1922 wurde die Zahl der Staatsräte auf fünf reduziert. Gemäss der erstmals angewandten, nach ihrem Erfinder Giuseppe Cattori benannten formula Cattori durfte eine Partei ohne absolute Stimmenmehrheit auch nicht die absolute Mehrheit der Regierungssitze beanspruchen. Da keine polit. Kraft über die absolute Mehrheit im Parlament und in der Regierung verfügte und die Konkordanzdemokratie die Parteien und ihre Führer zur gemeinsamen Regierungsarbeit verpflichtete, mussten neue Formen der Zusammenarbeit gesucht werden. Ab 1927 blieb die parteipolit. Zusammensetzung der Regierung 60 Jahre lang unverändert: zwei Liberale, zwei Konservative und ein Sozialdemokrat. Die Proporzwahl begünstigte zwar Abspaltungen und die Bildung neuer Parteien, verursachte aber nie das polit. Chaos, das die Verfechter des Majorzsystems prophezeit hatten. Die 1920er Jahre standen im Zeichen des sog. pateracchio, eines fakt. Bündnisses zwischen den Konservativen und den Sozialdemokraten, dem sich bis 1927 die Bauernvertreter anschlossen. Auf ihm fusste 1922-35 die Regierungskoalition des sog. Governo di Paese. Damit wurde die Krise beendet, die der Verlust der absoluten Mehrheit der radikalliberalen Partei in den eidg. Wahlen von 1919 ausgelöst hatte.

1947-67 gingen die Radikalliberalen mit den Sozialdemokraten eine Regierungsallianz, die sog. intesa di sinistra, ein. Die beiden Parteien einigten sich auf eine Reformpolitik in den Bereichen Steuern, Schulen und Sozialwerke. Da sie Ämter der Verwaltung, der Gerichte und im halbstaatl. Sektor untereinander aufteilten, wuchs die Kritik an der Konkordanzdemokratie. Langsam brach die Allianz auseinander.

Die wirtschaftl. und soziale Modernisierung des T.s führte zu keinen nennenswerten polit. Verschiebungen, obwohl die Wählerbasis mit der Einführung des Frauenstimmrechts 1969 (als fünfter Kanton) beträchtlich erweitert wurde. Trotz Befürchtungen im Vorfeld rüttelte der Eintritt der Frauen in die Politik nicht an den Stärkeverhältnissen der Parteien. Auch die sozialen Bewegungen der 1960er und 70er Jahre änderten daran nichts. Im T. entstanden wie andernorts ausserparlamentar. Gruppen, die sich z.T. an der polit. und gesellschaftl. Situation in Italien orientierten. Die Gründung des 1969 aus einer Abspaltung der Sozialdemokraten hervorgegangenen Partito socialista autonomo (PSA) gehörte zu den wichtigsten Ereignissen im Umfeld der systemkrit. Neuen Linken. In der Legislaturperiode 1987-91 gewann der PSA auf Kosten der Christlichdemokrat. Volkspartei (CVP) im Staatsrat einen Sitz. Mit der Einbindung von neu vier Parteien in die Regierung fehlte im Parlament vollends eine oppositionelle Kraft, weshalb sich vor dem Hintergrund der Neudefinition der Staatsaufgaben die Kritik am Konkordanzsystem zuspitzte.

Die 1990er Jahre waren nicht zuletzt aufgrund einer anhaltenden wirtschaftl. Stagnation eine Phase der Unsicherheit, in der auf nationaler Ebene das Zusammengehörigkeitsgefühl erodierte. Wie in der übrigen Schweiz wandten sich immer mehr Wähler von den Parteien ab. Betrug 1967 die Stimmbeteilung 80%, lag sie 2011 bei 62%. Das traditionelle polit. System geriet in eine Krise. Diese Krisenerfahrung dient nicht nur als Erklärung für die ablehnende Haltung weiter Teile der Bevölkerung zum Europ. Wirtschaftsraum, den Bilateralen Abkommen und der UNO, sondern auch für den Erfolg der 1991 gegr. Lega dei Ticinesi. Die von der ital. Lega Nord inspirierte, populist. Bewegung schwächte ihre anfänglich harsche Kritik an der alten Parteienherrschaft ab, weil sie sich früh und immer stärker in die Institutionen einbinden liess. Nach wie vor schürte sie aber die polit. Spannungen zwischen dem Zentrum Bern und der Peripherie T. Der Aufstieg der Lega dei Ticinesi veränderte im Kanton das polit. Gleichgewicht: 1995 entriss sie der CVP, 2011 dem Freisinn einen Regierungssitz. 2011 setzte sich die Regierung erstmals aus zwei Vertretern der Lega dei Ticinesi, einem Freisinnigen, einem Vertreter der CVP und einem Sozialdemokraten zusammen. Zudem etablierte sich die Lega dei Ticinesi mit einem Stimmenanteil von knapp 26% als stärkste Kraft im Kanton. Die Zersplitterung der polit. Kräfte im Kantonsrat erschwert seit 2015 zusehends das Zustandekommen stabiler Mehrheiten; die absolute Mehrheit kann nur dank der Übereinstimmung von mindestens drei Parteien erreicht werden.

1967 erfolgte eine Totalrevision der Kantonsverfassung von 1830, die sich allerdings auf Formales beschränkte. Mit der Streichung von Art. 1 der Verfassung 1975 verlor die kath. Konfession ihre Rolle als Staatsreligion. 1997 trat nach fast 20-jähriger Vorbereitung die neue Kantonsverfassung in Kraft, gegen die sich nur die Lega dei Ticinesi aussprach. Erstmals werden Sozialrechte erwähnt. Ausserdem ist die Rede davon, dass die gemeinschaftl. Interessen unter Mitwirkung aller wahrgenommen werden. Ferner wurde die Volkswahl der Richter abgeschafft; nur noch die Friedensrichter werden direkt vom Volk bestimmt. Seit den kant. Wahlen von 2007 kennt auch das T. Stimmzettel ohne Vordruck, was der wachsenden Tendenz entgegenkommt, die Kandidaten frei und nicht nach deren Parteizugehörigkeit zu wählen.

Wahlen in die Bundesversammlung 1919-2015 (ausgewählte Jahre)
 19191935195919671971197919831991199519992003200720112015
Ständerat
FDP21111111111111
CVP 111111 111111
Lega       1      
Nationalrat
FDP43334333323322
CVP33333332222222
SP1111111 222211
Lega       2121122
SVP            11
Andere     111      
Total Sitze87778888888888

Quellen:HistStat; BFS

Zusammensetzung des Staatsrats 1921-2015 (ausgewählte Jahre)
 19211923192719351959198319871991199519992003200720112015
FDP32222222222211
CVP31222212111111
SP 111111 111111
PSA      1       
SVP11            
Lega        111122
Andere       1a      
Total Sitze75555555555555

a Partito socialista unitario

Quellen:HistStat; BFS; Staatskanzlei

Grossratswahlen 1923-2015 (ausgewählte Jahre)
 19231935194719591967197119831991199519992003200720112015
FDP2419272926353529302930272324
CVP2422242322313027252323211917
SP8109101112129151516181413
PdA  21222 1     
PSA     68       
SVP73323332136553
Lega       12161611152122
Grüne       1122476
Andere2112 11 10121 15
Total Sitze6565656565909090909090909090

Quellen:HistStat; BFS; Staatskanzlei

Autorin/Autor: Marco Marcacci, Nelly Valsangiacomo / CHM

4.2 - Staat, Verwaltung und Aussenbeziehungen

4.2.1 - Staatsaufbau

Der Aufbau des Tessiner Staats ging nicht sogleich mit einer straffen Organisation der kant. Aufgaben einher. Vielmehr führte die lange Zeit vorherrschende Auffassung vom Staat als Bund von Gem., die sich selbst verwalten, zu einem Nebeneinander von regionalen Verwaltungsorganen. In der Anfangsphase kam deshalb bei der Errichtung staatl. Institutionen den Regierungskommissaren die wichtige Funktion zu, die Vereinheitlichung unter Beachtung der lokalen Besonderheiten voranzutreiben. Pro Bezirk wurde ein Kommissar ernannt. Er hatte dafür zu sorgen, dass sich die Peripherie auf die Zentralregierung ausrichtete, und wachte über die Umsetzung der Gesetze und Regelungen. Dank der Fortschritte und der Festigung der Exekutive und öffentl. Verwaltung verlor das Amt des Regierungskommissars an Bedeutung und wurde schliesslich 1922 aufgehoben.

Obwohl die Staatsaufgaben im Gefolge der Regeneration klarer umrissen wurden, kam die seit langem angestrebte Verwaltungsreform nur schleppend voran. 1849 wurden erstmals Departemente als vollziehende Verwaltungseinheiten eingeführt und 1852 deren Kompetenzen festgelegt. Diese umfassten bereits die zentralen Staatstätigkeiten wie Inneres, Justiz und Polizei, Militär, Bildung und Gesundheit, öffentl. Bauwesen, Landwirtschaft, Handel und Wohlfahrt, Finanzen, Geschäftsprüfung, Staatsvermögen und Staatsschuld. Die späteren strukturellen oder polit. Reorganisationen der Kantonsverwaltung zogen Aufteilungen, Zusammenlegungen oder die Schaffung neuer Departemente nach sich wie 1959 das Sozial- und 1976 das Umweltdepartement. Sie spiegelten den Wandel der Mentalitäten und der gesellschaftl. Bedürfnisse. Nachdem mehrere Jahrzehnte lang immer etwa zehn Departemente bestanden hatten, wurden sie 1992 entsprechend der Anzahl Staatsräte auf fünf reduziert. 2011 waren es die Direktion für Institutionen (Justiz und Inneres), für Gesundheit und Soziales, für Bildung, Kultur und Sport, für Umwelt (Bau) sowie für Finanzen und Volkswirtschaft.

Die Zahl der Staatsangestellten stieg kontinuierlich bis um 1940 auf über 1'000. Zu Beginn der 1960er Jahre, als in den Departementen neue Ämter geschaffen wurden, sprang sie auf durchschnittlich 4'500 (ohne Lehrer). Im Zug dieses Ausbaus entfaltete sich der alte Klientelismus: Einflussreiche Fam. begannen die Besetzungen in den Ämtern zu kontrollieren. In einer Region, die im Vergleich zu wirtschaftlich stärkeren Gebieten schlechte Arbeitsaussichten bot, hatten solche Machenschaften bereits im Übergang von der Herrschaft der Vögte zum neuen Kanton eine wichtige Rolle gespielt. Nun kamen neue Strategien der Wahlbeeinflussung zum Tragen, die von der Gewährung von Kleinkrediten bis hin zur Beschaffung von Arbeitsplätzen reichten. Davon zeugt auch die im 19. Jh. verbreitete Praxis, bei jedem Machtwechsel zwischen den Radikalliberalen und Konservativen die Regierungsangestellten der gegner. Partei systematisch zu entlassen.

In der 2. Hälfte des 20. Jh. gewannen die Unternehmen mit staatl. Beteiligung an Bedeutung. Die 1958 gegr. Azienda elettrica ticinese stand am Anfang dieser Entwicklung. 1970 folgte ihr das Tessiner Tourismusbüro, 1982 das Kantonsspital, 1995 die Univ. der ital. Schweiz, 1997 die Fachhochschule der ital. Schweiz und 2004 die kant. Kehrichtverbrennungsanlage.

Autorin/Autor: Marco Marcacci, Nelly Valsangiacomo / CHM

4.2.2 - Religions- und Kirchenpolitik

Die Bevölkerungsmehrheit in den ehem. Landvogteien lehnte die von der Aufklärung angeregten und unter der Helvet. Republik eingeführten religiösen Neuerungen wie die Religions- und Gewissensfreiheit ab. Auch stellte sie sich gegen die Beschlagnahmung der Ordensgüter. Bei der Kantonsgründung gehörte der verfassungsrechtl. Schutz der kath. Religion zu den Hauptforderungen der polit. Parteien sowie der Bevölkerung. Die Mediationsakte von 1803 trug dem Rechnung und auch die späteren Verfassungen bestätigten den kath. Glauben als Staatsreligion. Einerseits anerkannte und schützte der Staat die kirchl. Autorität in Lehramts- und geistl. Fragen, andererseits setzte er die kant. Rechtssprechung in kirchenpolit. Angelegenheiten durch. Nach staatskirchenrechtl. Verständnis in der Schweiz gehörte zum Primat des Staats die Kontrolle über die kirchl. Einrichtungen, auch wenn diese einer ausländ. Autorität unterstanden.

Da die Tessiner Pfarreien von den Diözesen Como und Mailand abhingen, stellte sich ab 1803 die Bistumsfrage. Gegen die Gründung eines Bistums im T. stellte sich Österreich, das ab 1815 wieder über die Lombardei herrschte und somit die Diözesen Como und Mailand unter sich hatte. Aber auch der Klerus des ambrosian. Ritus begegnete der Idee mit Zurückhaltung. Die Einmischung Österreichs in kant. Angelegenheiten ermutigte die Radikalen nach 1840, die Säkularisation voranzutreiben. Zudem liessen sich mit den neu gewonnenen Geldmitteln die öffentl. Schulen, v.a. die Gymnasien und höheren Bildungsinstitute, finanzieren. Denn die Radikalen waren überzeugt, dass der Einfluss und die Vorrangstellung des Klerus und der Kirche die Modernisierung von Staat und Gesellschaft behindere. Ein Gesetz von 1846 stellte die religiösen Gemeinschaften unter staatl. Aufsicht. 1848 hob der Staat aufgrund des Staatskirchenrechts die meisten Klöster auf und zog deren Güter ein. Die Einnahmen halfen die Haushaltskrise lindern und dienten 1852 der Schaffung öffentl. Sekundarschulen und Gymnasien, die an die Stelle der kirchl. Schulen rückten. Die antiklerikale Gesetzgebung wurde 1855 mit Massnahmen vervollständigt, die den Kulturkampf vorwegnahmen: Dem Klerus wurden die polit. Rechte entzogen und eine "Legge civile ecclesiastica" unterstellte die Ausübung des Priesteramts sowie die Verwaltung der Pfarreien der strengen Überwachung der Regierung. Ferner wurden die obligator. Ziviltrauung und staatl. Zivilstandsregister eingeführt.

Zur Lösung der Bistumsfrage bedurfte es der Intervention des Bundes. 1859 untersagte er jegl. Gerichtsbarkeit ausländ. Bischöfe auf eidg. Gebiet. Nach Verhandlungen zwischen 1884 und 1888 wurde schliesslich die Tessiner Bistumsfrage geklärt: Das T. wurde eine apostol. Administration, die formal dem Bistum Basel unterstand, bis 1971 ihre Ablösung von Basel und die Gründung der Diözese Lugano erfolgte. Bereits 1886 hatte die konservative Mehrheit in Absprache mit dem Hl. Stuhl ein Gesetz über die Freiheit der kath. Kirche und die Kirchengüter verabschiedet, welches dasjenige von 1855 ersetzte.

<b>Tessin (Kanton)</b><br>Katechismus für das Bistum Como, zugelassen von den kirchlichen Behörden und dem Tessiner Erziehungsrat, 1893 gedruckt in Bellinzona (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>Dieser Leitfaden für die religiöse Erziehung wurde von 1876 bis in die Jahre vor dem 1. Weltkrieg unter derselben Federführung immer wieder neu gedruckt. Daran änderten auch die administrativen und territorialen Neuerungen in der kirchlichen Organisation des Tessins nichts, das ab 1888 bis zur Gründung des Bistums Lugano 1971 eine apostolische Administration des Bischofs von Basel und Lugano bildete.<BR/>
Katechismus für das Bistum Como, zugelassen von den kirchlichen Behörden und dem Tessiner Erziehungsrat, 1893 gedruckt in Bellinzona (Schweizerische Nationalbibliothek).
(...)

Das damals festgelegte Verhältnis von Staat und Kirche blieb trotz der bis ins 21. Jh. fortdauernden Kontroversen über den Religionsunterricht an den öffentl. Schulen und über die Finanzierung der Diözese (Kirchensteuer) bis in die letzten Jahrzehnte des 20. Jh. fast unverändert. Auch die Entstehung der ersten ref. Gemeinden in den 1870er Jahren hatte zu Reibereien mit dem kath. Klerus geführt.

Die in der kant. Verfassung festgeschriebene Bestimmung des kath. Glaubens als Staatsreligion wurde mit der neuen Bundesverfassung von 1874, die allen Glaubensgemeinschaften die Kultusfreiheit garantierte, hinfällig. Allerdings wurde die kant. Verfassungsbestimmung erst 1975 abgeändert, als auch die ref. Kirche Rechtspersönlichkeit und das Recht erhielt, sich frei zu organisieren. Die Beziehungen zur ref. Kirche wurden 1997, diejenigen zur kath. Kirche 2002 durch spezielle Gesetze geregelt. Beide Kirchen sind Körperschaften des öffentl. Rechts.

Autorin/Autor: Marco Marcacci, Nelly Valsangiacomo / CHM

4.2.3 - Beziehung zu den italienischen Staaten

Die Grenzziehung zwischen dem T. und den ital. Staaten unterlag vom 16. Jh. an vielen Änderungen. Erst mit der Cisalpin. Republik und der Bildung des ital. Einheitsstaats wurden die Grenzverläufe endgültig festgelegt. Unabhängig von der polit. Unbeständigkeit, aufgrund derer Verhandlungspartner verschwanden oder auf einmal gleichzeitig mehrere auftauchten, blieb die Grenze über die Jahrhunderte hinweg durchlässig, so dass starke sozioökonom. und kulturelle Bindungen entstanden.

Die politisch unterschiedl. Entwicklungen der angrenzenden Staaten lösten immer wieder diplomat. Spannungen mit sozialen und wirtschaftl. Auswirkungen aus. Auch der für Grenzregionen typ. Schmuggel bot mehrfach Anlass zu Konflikten: 1810-13 besetzte Frankreich das T. durch Truppen des ital. Königreichs, um den während der Kontinentalsperre blühenden illegalen Warenverkehr zu bekämpfen. Gleichzeitig sollte die Besetzung die Fahnenflucht unter den napoleon. Truppen erschweren. Als Österreich 1816 mit der Schaffung des Lombardo-Venezian. Königreichs die Herrschaft in der Lombardei wieder übernahm, erreichten die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Nachbarstaaten einen neuen Höhepunkt. Denn der Kanton T. nahm die polit. Flüchtlinge nicht nur auf, sondern die Radikalliberalen unterstützten offen die Einigung Italiens. Auf die polit. und publizist. Tätigkeit dieser Kreise reagierte Österreich mehrmals mit heftigen Protestnoten bei der Eidgenossenschaft, worauf die Tagsatzung 1823 das Presse- und Fremdenkonklusum sowie 1836 ein zweites Fremdenkonklusum erliess. Der Kanton T. musste die Pressefreiheit beschneiden und den Druck auf die polit. Flüchtlinge erhöhen.

Im Gefolge der liberalen und demokrat. Unruhen der 1830er Jahre kam es zu einer Reihe von Ausweisungen nach Italien. Die Spannungen spitzten sich zu, als nach der Niederschlagung des Märzaufstands in Mailand 1848, den sog. Fünf Tagen, die Österreicher im August nach Mailand zurückkehrten und damit einen Flüchtlingsstrom ins T. auslösten. Aufgrund seiner liberalen Flüchtlingspolitik musste der Kanton 1848 und 1853 Grenzblockaden und Vergeltungsmassnahmen, u.a. die Ausweisung aller Tessiner aus der Lombardei, über sich ergehen lassen. Die anhaltenden Grenzkonflikte zwangen den Bund, mehrmals einzuschreiten. Erst nach dem Rückzug Österreichs 1859 normalisierten sich die Beziehungen zwischen dem T. und der Lombardei. Nach der Einigung Italiens 1861 tauchte mit dem Irredentismus ein neuer Konflikt auf. Die Frage eines Anschlusses des T.s an Italien gewann unter dem Faschismus an Brisanz.

Obwohl nach den Mailänder Unruhen von 1898 einmal mehr viele Flüchtlinge, v.a. Sozialisten und Anarchisten, ins T. gelangten und der wechselnde Verlauf des 1. Weltkriegs das Misstrauen an der ital.-schweiz. Grenze schürte, blieben die Beziehungen des T.s zu den ital. Grenzregionen bis zum Aufstieg der Faschisten an die Macht in Italien stabil. Am Vorabend und während des 2. Weltkriegs häuften sich die diplomat. Spannungen erneut, weil einerseits die Tessiner Sozialdemokraten, allen voran Canevascini, den Antifaschismus der ital. Regimegegner unterstützten, andererseits die Faschisten Hoheitsrechte mehrfach missachteten. Nach dem Waffenstillstand vom 8.9.1943 flüchteten viele Menschen über die Tessiner Grenze. Der Schmuggel, v.a. mit Reis aus Italien, blühte.

In der Nachkriegszeit erstarkten aufgrund der bedeutenden Einwanderung von Italienern in die Schweiz und gegenseitiger Investitionen die wirtschaftl. und gesellschaftl. Bindungen zwischen den beiden Ländern. Dank des Zuflusses ital. Gelder wurde Lugano zu einem wichtigen Finanzplatz. Zu Beginn des 21. Jh. verschlechterten sich die Beziehungen des Kt. T. mit seinem Nachbarn auf versch. Ebenen: Einerseits äusserte die Tessiner Bevölkerung ihren Unmut über die zahlreichen im Kanton arbeitenden ital. Grenzgänger und über die einseitige Umsetzung der Bilateralen Abkommen von 1999 und 2004. Andererseits sah sie im Kampf der ital. Regierung gegen die Steuerhinterziehung, v.a. in deren scudi fiscali von 2001, 2003 und 2009, einer Art Steueramnestie, einen Angriff auf den Finanzplatz Lugano.

1995 gründeten Behörden und Private aus dem T. und den lombard. Provinzen Como, Varese sowie Verbano-Cusio-Ossola zur Förderung der grenzübergreifenden Zusammenarbeit die Regio Insubrica. Der Arbeitsgemeinschaft schlossen sich 2006 die Provinzen Lecco und Novara an.

Autorin/Autor: Marco Marcacci, Nelly Valsangiacomo / CHM

4.2.4 - Beziehung zur Eidgenossenschaft

Der Aufbau kant. Staatsstrukturen im T. und die gleichzeitige Umwandlung des eidg. Staatenbunds in einen modernen Nationalstaat führten im 19. Jh. zu Konflikten und Krisen in der Beziehung zwischen Bund und Kanton. Während die innerkant. Neuorganisation des Staats mit ausgeprägten Partikularinteressen zurechtkommen musste, die den inneren Zusammenhalt ernsthaft gefährdeten, rückte die Entsendung von eidg. Truppen ins T. zur Unterdrückung eben solcher separatist. Kräfte den Bundesstaat bei der Tessiner Bevölkerung in ein schlechtes Licht. Die Gegensätze verschärften sich trotz des klaren Willens im T., in der Schweiz zu verbleiben.

Für weitere Spannungen sorgte die Tatsache, dass sich der Kanton mit der neuen, nicht mehr in seiner Kompetenz liegenden Aussenpolitik schwer tat. Die Ablehnung der Bundesverfassung in der kant. Abstimmung von 1848 aufgrund ihrer negativen Auswirkungen auf die Tessiner Finanzen trug zum Unmut bei. Als ab 1874 auf nationaler Ebene die Bemühungen um Vereinheitlichung und Zentralisierung intensiviert wurden, stiegen die Bedenken im T. Dies alles festigte im Verlauf des 19. Jh. in der Schweiz das Vorurteil, der Tessiner sei raufsüchtig und stelle die Lokalpolitik über die Interessen des Staats. Die Tessiner ihrerseits pflegten zunehmend Ressentiments gegenüber der Deutschschweiz.

1882 leitete die Eröffnung des Gotthardbahntunnels eine neue Phase in der Beziehung des T.s zur Eidgenossenschaft ein. Das Ende seiner Isolation wirkte sich auf die demograf. und kulturelle Entwicklung aus und weckte Hoffnungen auf einen Wirtschaftsaufschwung. Die Enttäuschung über den ausbleibenden Boom stand am Anfang der sog. Rivendicazioni ticinesi von 1924, später der Nuove Rivendicazioni Ticinesi von 1938, einem Forderungskatalog der Tessiner Regierung zuhanden des Bundes. Dieser ging jedoch nur z.T. auf die wirtschaftl., tarifl. und kulturellen Anliegen ein.

Da der Bund in seinen Plänen für das Nationalstrassennetz nur kleinere Bauarbeiten im Nordtessin und keinen Gotthardtunnel für sein Autobahnnetz vorsah, protestierte die Tessiner Regierung 1959 heftig. Sie war von der Bedeutung des T.s als Verkehrskorridor überzeugt. Neben dem Strassentunnel durch den Gotthard, der 1964 ins Nationalstrassenprogramm aufgenommen und 1980 eröffnet wurde, forderte sie eine vierspurige Autobahn von Airolo nach Chiasso. In den 1990er Jahren machte sie sich auf ähnl. Weise für eine Hochgeschwindigkeitsstrecke für die Eisenbahn Richtung Süden als Ergänzung zur neuen Alpentransversale stark.

Das T. war im 20. Jh. gut im Bundesrat vertreten: 1911-40 mit Giuseppe Motta, 1940-50 mit Enrico Celio, 1954-59 mit Giuseppe Lepori, 1966-73 mit Nello Celio und 1986-99 mit Flavio Cotti. Die Tatsache, dass seit 1999 das T. kein Mitglied der Schweizer Regierung mehr stellte, belastete von Neuem das Verhältnis zum Bund. In einem schwierigen wirtschaftl. Umfeld, zu dem weitere Probleme wie die negativen Folgen des an sich gewollten Autobahnverkehrs stiessen, mehrten sich die Klagen an die Adresse Berns. Im Mittelpunkt der Kritik standen die Politik der Öffnung gegenüber der Europ. Union, der wachsende Konkurrenzkampf zwischen den Kantonen auf Kosten der Randregionen, der Abbau militär. Einrichtungen sowie öffentl. Betriebe in den Bereichen Post, Eisenbahn und Telekommunikation.

Um die Stellung des T.s in der Schweiz zu verbessern, beschritt der Kanton zu Beginn des 21. Jh. konstruktivere Wege. Nach innen versuchte er die Reihen zu schliessen, nach aussen verfolgte er neue Strategien. Dazu gehörten die Wahl Bellinzonas als Sitz des Bundesstrafgerichts 2004 oder der von der Bevölkerung und Politik mitgetragene Streik gegen den geplanten Stellenabbau bei den SBB-Werkstätten in Bellinzona 2008. Mit der Schaffung eines Delegierten des Kt. T. für die Bundesbeziehungen 2011 sollten zudem die kant. Interessen in Bern besser vertreten und gefördert werden.

Autorin/Autor: Marco Marcacci, Nelly Valsangiacomo / CHM

5 - Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur im 19. und 20. Jahrhundert

5.1 - Bevölkerung und Siedlung

5.1.1 - Entwicklung und Zusammensetzung der Wohnbevölkerung

1798 lebten 90'000 Einwohner im T. Danach wuchs die Bevölkerung mehr oder weniger gleichmässig, wenn man von zwei Phasen der Stagnation um 1880 und 1920 absieht, und nahm 1888-1910 und 1950-70 wegen der Zuwanderung aus Italien überdurchschnittlich zu. Um die Mitte des 19. Jh. zwangen die fehlenden Ressourcen Teile der Bevölkerung zur Auswanderung, was zu einer Entvölkerung der Täler des Sopraceneri, v.a. des Maggia- und Verzascatals, führte. Bis 1950 lag das Bevölkerungswachstum des T.s unter dem eidg. Durchschnitt. Machten die Tessiner 1798 noch 5,3% der schweiz. Gesamtbevölkerung aus, fiel dieser Wert bis 1850 auf 4,9%, bis 1900 auf 4,2% und bis 1960 gar auf 3,6%. Diese Entwicklung liess Befürchtungen aufkommen, die Tessiner seien vom Aussterben bedroht. Dank der Einwanderung stieg jedoch ihr Anteil 2000 wieder auf 4,2%.

<b>Tessin (Kanton)</b><br>Quelle: Eidgenössische Volkszählung 1910  © 2012 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.<BR/><BR/>
Indikatoren der Tessiner Binnenwanderung in der Schweiz 1850-1910
<b>Tessin (Kanton)</b><br>Quelle: H. Ritzmann-Blickenstorfer, Alternative Neue Welt, 1997, 184–201, 635 f.  © 2012 HLS und Kohli Kartografie, Bern.<BR/>
Herkunftsbezirke der Tessiner Auswanderer nach Übersee

Die Ausländerquote an der Wohnbevölkerung erreichte 1910 einen ersten Höchstwert von 28%. Danach sank er aufgrund der beiden Weltkriege bis 1950 auf 17%. In der Nachkriegskonjunktur kletterte der Wert bis 1970 wieder auf 27% und verharrte am Anfang des 21. Jh. bei 26%, was einem der höchsten Werte der Schweiz entsprach. Die Quote der italienischsprachigen Bevölkerung ging bis 2000 auf 83% zurück. Hingegen gewannen aufgrund der multiethn. Zuwanderung die Nicht-Landessprachen an Bedeutung: Ihre Quote stieg von 2% 1970 auf 7% 2000.

Während der Anteil der Katholiken von beinahe 100% 1850 auf 76% 2000 zurückging, wuchs derjenige der Reformierten in der gleichen Zeitspanne von 0,2% auf 7%. Auch derjenige der Agnostiker und Vertreter anderer Religionen erfuhr 1970-2000 einen Anstieg von 2% auf 17%. Laut der Volkszählung von 2000 erklärten 7% der Bevölkerung, sie gehörten keiner Religion an. Von den anderen Religionsgruppen erhöhte sich der Anteil der Christlich-Orthodoxen wie im schweiz. Mittel auf 2%, jene der Muslime nach der Zuwanderung aus den Balkanstaaten und der Türkei auf 2% (gegenüber dem schweiz. Durchschnittswert von 4%).

Die demograf. Bilanz im T. entspricht der klass. Entwicklung moderner Gesellschaften. Sie weist einen Rückgang der Sterblichkeits- und der Geburtenrate aus. Dies führt tendenziell zu einem Geburtendefizit und zu einer Überalterung der Bevölkerung.

Bevölkerungsentwicklung 1850-2000
JahrEinwohnerAusländer-anteilAnteil KatholikenAnteil ProtestantenAlters-struktur (Anteil >59)ZeitraumGesamt-zunahmeaGeburten-überschussaWanderungs-saldoa
1850117 7596,6%100,0%  1850-1860-1,1‰0,1‰-1,2‰
1860116 3435,7%99,9%0,1%7,8%1860-18704,4‰-0,7‰5,1‰
1870121 5918,8%98,2%0,2%9,3%1870-18809,0‰5,6‰3,4‰
1880130 39415,4%99,7%0,3%10,3%1880-1888-3,5‰5,5‰-9,0‰
1888126 75114,4%98,8%0,8%11,8%1888-19007,5‰5,4‰2,1‰
1900138 63822,0%98,0%1,6%12,0%1900-191012,0‰7,9‰4,1‰
1910156 16628,2%94,0%2,4%11,3%1910-1920-2,5‰4,2‰-6,7‰
1920152 25621,3%92,3%4,0%11,7%1920-19304,5‰2,4‰2,1‰
1930159 22320,8%91,5%5,1%12,3%1930-19411,5‰1,9‰-0,4‰
1941161 88217,9%92,5%5,6%14,9%1941-19508,7‰4,1‰4,6‰
1950175 05517,2%91,7%6,2%16,5%1950-19605,3‰4,1‰1,2‰
1960195 56618,6%91,3%6,8%17,5%1960-197023,0‰5,5‰17,5‰
1970245 45827,5%89,8%7,8%17,9%1970-19808,0‰2,3‰5,7‰
1980265 89924,9%87,1%8,2%19,9%1980-19905,9‰-0,2‰6,1‰
1990282 18125,6%83,5%8,0%21,6%1990-20007,4‰1,0‰6,4‰
2000306 84625,7%75,9%6,9%23,8%    

a mittlere jährliche Zuwachsrate

Quellen:HistStat; eidg. Volkszählungen; BFS

Autorin/Autor: Marco Marcacci, Nelly Valsangiacomo / CHM

5.1.2 - Auswanderung

Ab der frühen Neuzeit kam im T. sowohl die temporäre als auch die dauerhafte Auswanderung vor. Um die Mitte des 19. Jh. verlagerten sich aber die Gewichte. Bis zu diesem Zeitpunkt blieb das Ziel der Migration stets die Heimkehr und die Verbesserung der heimatl. Lebensverhältnisse. Doch ab der 2. Hälfte des 19. Jh. lösten Armut und Arbeitslosigkeit eine endgültige Massenmigration v.a. nach Übersee (Australien, Nord- und Südamerika, Nordafrika) aus. Diese hielt bis zum 2. Weltkrieg an und erlebte mehrere Spitzen, so um 1870, gegen Ende des 19. Jh. und in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg. Gemäss Schätzungen zogen 1850-1930 rund 50'000 Tessiner in andere Kontinente. Dennoch herrschte noch lange Zeit die period. und saisonale Auswanderung vor. Auch die Binnenwanderung blieb von Bedeutung: Zwischen 1900 und 1950 stieg das Verhältnis der in den anderen Kantonen lebenden Tessiner zu jenen im Heimatkanton von 8% auf 20%. Trotz gemeinsamer Merkmale variierte die Art und die Häufigkeit der Migrationsformen im Sopra- und Sottoceneri sowie in den Tälern erheblich.

Im Übergang zum 20. Jh. wandelte sich das T. wie die ganze Schweiz zum Einwanderungsland. Nach der Eröffnung des Gotthardbahntunnels liessen sich zahlreiche Schweizer, v.a. aus der Deutschschweiz, im T. nieder. Laut der Volkszählung von 1910 machten sie rund 5'000 Personen aus, was 3% der Kantonseinwohner entsprach. Sie besetzten in der Regel Kaderpositionen in der Industrie, im Tourismus oder in den Regiebetrieben des Bundes. Von den 1870er Jahren bis 1910 kletterte auch der Anteil der Italiener an der Wohnbevölkerung von 6% auf 28% und umfasste 1910 44'000 Personen. Da die zugewanderten Italiener meist über keine Fachausbildung verfügten, kompensierten sie v.a. im Bauwesen und in der Industrie den Mangel an Schweizer Arbeitskräften.

In der 2. Hälfte des 20. Jh. wanderten kaum mehr Tessiner aus, während die Einwanderung, hauptsächlich aus Süditalien, derart zunahm, dass am Ende der 1970er Jahre 70% aller Arbeitsplätze in der Industrie von Ausländern besetzt waren. 2010 arbeitete die Mehrheit der Ausländer im Dienstleistungsbereich. Die Grenzgänger aus Italien fanden v.a. im 2. Sektor eine Beschäftigung. Bereits im 19. Jh. waren Arbeiter als Taglöhner in der Landwirtschaft oder als Handlanger in den Textil- und Tabakfabriken über die Grenze gekommen. Nach 1950 stieg die Zahl der Grenzgänger markant an: Waren es 1990 bereits 40'000, wurden 2009 44'400 von insgesamt 201'000 Beschäftigten im T. gezählt.

Autorin/Autor: Marco Marcacci, Nelly Valsangiacomo / CHM

5.1.3 - Siedlungsstruktur und Veränderungen des Lebensraums

Die Siedlungsstruktur des Kantons zu Beginn des 21. Jh. unterscheidet sich grundlegend von derjenigen der vorindustriellen Zeit, in der eine ländlich geprägte Bevölkerung aus wirtschaftl. Notwendigkeit über das ganze Gebiet zerstreut wohnte. Um die Mitte des 20. Jh. setzte die Verstädterung ein. Sie ging mit einer Entvölkerung der Täler und in den letzten Jahrzehnten mit einer Agglomerationsbildung einher.

1870-2000 wuchs die Bevölkerungsdichte von 43 auf 109 Einwohner pro km² an, wobei die Bez. Mendrisio (von 182 auf 453) und Lugano (von 115 auf 387) die höchsten Werte aufwiesen. In den Bez. Blenio (von 21 auf 15) und Vallemaggia (von 12 auf 9) fand hingegen eine gegenläufige Tendenz statt. Das regionale Ungleichgewicht akzentuierte sich: 2008 wohnten 57% der Bevölkerung im nur 15% des Kantonsgebiet umfassenden Sottoceneri. Einen erhebl. Einfluss auf die Raumentwicklung übte die 1872-82 erstellte Gotthardbahn aus. Siedlungen, Industrien und Dienstleistungssektor konzentrierten sich entlang der Verkehrsachse Airolo-Chiasso, in der Magadinoebene und an den Seeufern. Nach 1960 stoppten die Erneuerung des Strassennetzes und die starke Motorisierung die Entvölkerung der Täler, da die Leute nun zu ihrem Arbeitsort pendelten. 2000 arbeiteten ungefähr 60% der Erwerbstätigen ausserhalb ihrer Wohngemeinde, wobei die Arbeitswege kurz waren und v.a. ins Mendrisiotto sowie in die Grossräume Lugano und Bellinzona als Standort der Staatsverwaltung führten.

Nach 1950 veränderten der Wirtschaftsaufschwung und das Bevölkerungswachstum das Landschaftsbild des T. nachhaltig, und zwar oft in chaot. Weise. Die fortschreitende Zersiedelung verlangte nach einem vernünftigen Umgang mit den Landreserven, um die Schönheit der Landschaft zu bewahren. Allerdings wurde 1969 in einer kant. Abstimmung das Raumplanungsgesetz abgelehnt. Danach regelten v.a. Bundesbestimmungen die weitere Entwicklung. 2000 wurden die drei Burgen und Festungsmauern von Bellinzona und 2003 der Monte San Giorgio ins Welterbe der Unesco aufgenommen.

Autorin/Autor: Marco Marcacci, Nelly Valsangiacomo / CHM

5.1.4 - Architektur und städtebauliche Eingriffe

Die ersten architektonisch bedeutenden Gebäude waren Repräsentationsbauten wie die klassizist. Regierungsgebäude von Locarno (1837-38) und Lugano (1843-44) oder das Teatro Sociale in Bellinzona (1846-47). In der 2. Hälfte des 19. Jh. veränderten Eisenbahn, Tourismus und Industrie das Stadtbild. Es entstanden neue Verkehrsachsen und Quartiere. Der Eklektizismus und der Jugendstil, die zu Beginn des 20. Jh. als Ausdruck eines kosmopolit. Zeitgeistes aufkamen, erscheinen in den Villenvierteln, Vergnügungsbauten und Industrieanlagen sowie in den "exot." Villen reicher Rückkehrer in versch. Dörfern. Mit dem Denkmalschutzgesetz von 1909 sollte das architekton. Erbe endlich bewahrt und aufgewertet werden. In der Zwischenkriegszeit griff man in Abgrenzung zu dem von aussen hereingetragenen Stil der Moderne und zur Festigung der eigenen Identität auf lombard., rom. und ländl. Elemente aus der Region zurück. Erst nach 1940 setzte sich im T. die Moderne durch, die mit ihrer funktionalist. Konzeption den Anforderungen an öffentl. Bauten, Industrie- und Geschäftsgebäude entgegenkam. Einen einschneidenden architekton. und landschaftl. Eingriff bildete die Erstellung der A2 1961-86. Geplant wurde sie grösstenteils von Rino Tami, Stammvater einer Gruppe von Tessiner Architekten, die von den 1970er Jahren an tätig waren und sich international einen Namen schufen. Zu ihnen gehörten Tita Carloni, Luigi Snozzi, Livio Vacchini, Aurelio Galfetti und Mario Botta.

<b>Tessin (Kanton)</b><br>Plakat von  Orio Galli  für den Tessiner Verkehrsverein, 1984 (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>Die gemeinsame Darstellung von spätgotischen Fresken aus der Kirche St. Stefan in Miglieglia und der 1981–82 von Mario Botta errichteten Casa Rotonda in Stabio verweist auf die jahrhundertelange Kontinuität des künstlerischen Schaffens im Tessin.<BR/>
Plakat von Orio Galli für den Tessiner Verkehrsverein, 1984 (Schweizerische Nationalbibliothek).
(...)

Autorin/Autor: Marco Marcacci, Nelly Valsangiacomo / CHM

5.2 - Wirtschaft

5.2.1 - Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Meliorationen

Die Struktur der Landwirtschaft im neu gegr. Kanton T. ging auf das SpätMA zurück. Im Sottoceneri herrschte grosser und mittelgrosser Gutsbesitz vor. Die Güter, welche Getreide und ab der 2. Hälfte des 17. Jh. auch den neu eingeführten Mais anbauten, wurden in Halbpacht betrieben. Im 19. Jh. stellten Grundbesitzer mit unternehmer. Initiative auf Tabakanbau und Seidenraupenzucht um. In den Alpentälern überwogen kleine Höfe mit grossflächigem Gemeinbesitz von Alpen, Weiden und Wäldern. Neben der Viehzucht und der Weidewirtschaft wurde für den Eigenbedarf Ackerbau betrieben und Früchte, u.a. Kastanien, gesammelt. Da nicht genügend bebaubares Land vorhanden war, importierte der Kanton zur Deckung des Eigenbedarfs aus der Lombardei grosse Mengen an Korn.

Aufgrund der grossen Nachfrage aus der Lombardei wurde Holz zu einem der wichtigsten Exportgüter und einer der grössten Einnahmequellen für Kanton, Gem. und Bürgergemeinden. In der 1. Hälfte des 19. Jh. führte der Holzschlag zur verheerenden Übernutzung der Wälder. Der Abtransport der Stämme und die Methoden der Holzflösserei verschlimmerten die Schäden. Erst als der Bund 1876 mit dem eidg. Forstpolizeigesetz einschritt und mit Subventionen nachhalf, um die Folgen von Überschwemmungen zu bekämpfen, wurde der Wald wieder aufgeforstet. Der Kanton hingegen hatte versagt, weil er das erste kant. Gesetz von 1840 zum Schutz der Wälder nicht umgesetzt und 1863 das 1857 eingeführte Forstinspektorat wieder aufgehoben hatte.

Um 1850 gab die Lebensmittelkrise den Anstoss zu Agrarreformen, die gegen heftigen lokalen Widerstand auf die Aufhebung kollektiver Nutzungsrechte zielten, da diese Neuerungen und Investitionen hemmten. Das ambitionierteste Projekt war die Urbarmachung der Magadinoebene. Sie wurde nach 1880 mit Hilfe von Bundessubventionen in Angriff genommen.

Absolut stieg die Zahl der im 1. Sektor Beschäftigten bis 1880 permanent an. Zu diesem Zeitpunkt bot die Landwirtschaft 54% der Erwerbstätigen Arbeit. Danach sank dieser Prozentsatz bis 1941 auf 28%. Die ausgeprägte Zerstückelung des Grundbesitzes sowie der hohe Anteil an Frauen und Alten unter den Beschäftigten unterstrichen die Probleme und Rückständigkeit des Sektors. Erst spät setzte die Modernisierung der Tessiner Landwirtschaft ein. Die kant. Behörden förderten Meliorationen und Trockenlegungen und veranlassten Güterzusammenlegungen. Angesichts des ständigen Rückgangs der Landwirtschaft ergab sich daraus auch die Möglichkeit zur Umzonung von Landwirtschafts- in Bauland.

<b>Tessin (Kanton)</b><br>Meliorationsarbeiten in der Ebene des Brenno in der Gemeinde Malvaglia. Fotografie von  Ernesto und Max Büchi,   August 1923 (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Fondo Ernesto e Max Büchi).<BR/>In den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurden in der sumpfigen Ebene Meliorationsmassnahmen durchgeführt. Ab 1918 gingen von der Schweizerischen Vereinigung für Innenkolonisation Impulse zur weiteren Bodenverbesserung aus.<BR/>
Meliorationsarbeiten in der Ebene des Brenno in der Gemeinde Malvaglia. Fotografie von Ernesto und Max Büchi, August 1923 (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Fondo Ernesto e Max Büchi).
(...)

Nach dem 2. Weltkrieg brach der Landwirtschaftssektor ein. Hatte er 1950 18% der Arbeitsplätze gestellt, waren es 2000 noch 2%. Die Zahl der Betriebe, die Anbaufläche und der Viehbestand gingen stark zurück. Am Anfang des 21. Jh. dominierten Gemüseanbau in Gewächshäusern und Weinbau in der Hügellandschaft.

Erwerbsstruktura
Jahr1. Sektor2. Sektor3. SektorbTotal
186026 76751,9%15 44330,0%9 32818,1%51 538
1870c36 32260,6%17 55429,3%6 01810,1%59 894
1880c36 76354,4%18 28527,1%12 51818,5%67 566
188833 22652,3%19 16830,1%11 17217,6%63 566
190032 37645,5%24 30334,1%14 54920,4%71 228
191033 16941,4%26 25532,8%20 67925,8%80 103
192031 75440,4%25 89632,9%21 04126,7%78 691
193025 97231,1%31 78238,1%25 76530,8%83 519
194121 27527,5%29 02537,6%27 00534,9%77 305
195014 78318,0%35 89943,7%31 40638,3%82 088
19609 51110,4%41 89846,1%39 54043,5%90 949
19705 2584,9%44 65241,4%57 86053,7%107 770
19803 6933,3%35 80431,7%73 29865,0%112 795
19902 2701,7%33 68124,8%99 62273,5%135 573
2000d2 4091,7%24 28617,2%114 16681,1%140 861

a bis 1960 ohne Teilzeitangestellte

b Residualgrösse einschliesslich "unbekannt"

c ortsanwesende Bevölkerung

d Die Beschäftigtenzahlen der Volkszählung 2000 sind wegen der grossen Zahl "ohne Angabe" (22 158) nur begrenzt mit den vorhergehenden Daten vergleichbar.

Quellen:HistStat; eidg. Volkszählungen

Autorin/Autor: Marco Marcacci, Nelly Valsangiacomo / CHM

5.2.2 - Strassennetz und Transitverkehr

Zur Förderung des Transitverkehrs über den Gotthard setzte die Regierung in der 1. Hälfte des 19. Jh. einen ambitionierten Bauplan für Fahrstrassen um. Sie errichtete u.a. 1847 den Seedamm von Melide und verwirklichte ein Netz von innerkant. Verbindungen. Die wirtschaftl. Erwartungen in diese Strassenpolitik wurden nur z.T. erfüllt, weil 1848 mit der Zentralisierung des Zollwesens die wichtige Einnahmequelle der kant. Zoll- und Strassengebühren wegfiel.

In der 2. Hälfte des 19. Jh. schürte das Aufkommen der Eisenbahnen die Hoffnung im T. auf einen Industrialisierungsschub. Die Gotthardstrecke wurde um die Linien nach Locarno und Luino erweitert. Gleichzeitig entstanden um 1910 eine Reihe von Regionalbahnen, u.a. die Linien Locarno-Bignasco, Lugano-Tesserete, Lugano-Cadro-Dino, Biasca-Acquarossa, Lugano-Ponte Tresa. Diese Strecken wurden grösstenteils zwischen 1965 und 1973 wieder aufgegeben.

Der Strassenverkehr drängte in der 2. Hälfte des 20. Jh. die Eisenbahn in den Hintergrund. Die kant. Politik richtete sich darauf aus, möglichst viel Verkehr durch das T. zu leiten. Der Bau der Autobahn, deren erster Abschnitt 1968 eröffnet wurde und die zur Hauptsache der Streckenführung der Bahn folgte, löste im Mendrisiotto, in der Pian Scairolo, im Vedeggiotal und indirekt in der Magadinoebene die Anlage von Gewerbezonen und Handelszentren aus. Das T. profitierte allerdings wenig vom Durchgangsverkehr, denn die schnelleren Strassenverbindungen brachten nicht den erhofften Tourismuszuwachs.

Autorin/Autor: Marco Marcacci, Nelly Valsangiacomo / CHM

5.2.3 - Industrialisierung

Abgesehen von einigen Seidenzwirnereien wies das T. keine nennenswerte Protoindustrie auf. Wie im Fall der im 19. Jh. aufkommenden Tabakfabriken waren die wenigen Betriebe kaum mechanisiert und beschäftigten v.a. Frauen und Kinder als billige Arbeitskräfte. Erste vereinzelte, mechan. Spinnereien wurden um 1850 gegründet.

Vom 19. Jh. an beeinflussten externe Faktoren wie die Zoll- und Verkehrspolitik, regionale Besonderheiten dies- und jenseits der Landesgrenze sowie ausserkant. Kapital und Initiativen auf unterschiedl. Art die Entwicklung der Tessiner Industrie und Wirtschaft. Dank der Eisenbahn und der vorhandenen Elektrizität wurden zu Beginn des 20. Jh. mit Hilfe ausländ. Gelder Industrieunternehmen, u.a. die Linoleum AG (später Forbo) in Giubiasco, die Diamant (Fabrik für Schleifmaterialien), die Officine del Gottardo (Metalllegierungen) und die Chemiefabrik Nitrum (Stickstoffderivate) in Bodio aufgebaut. Zu den wichtigen Unternehmen zählten ferner die SBB-Werkstätten in Bellinzona, die Papierfabrik in Tenero sowie mehrere Textil-, Lebensmittel- und Tabakbetriebe, wobei letztere v.a. im Sottoceneri angesiedelt waren. Die Seidenraupenindustrie brach am Ende des 19. Jh. nach einer Seuche unter den Raupen sowie unter dem Konkurrenzdruck und dem Kinderarbeitsverbot zusammen. Um 1900 erlebte der Granitabbau einen Höhepunkt und bot für rund 3'000 Personen Arbeit. Die tiefen Lohnkosten dank der billigen Arbeitskräfte, die zu einem grossen Teil aus Einwanderern rekrutiert wurden und 1913 50% der Beschäftigten ausmachten, galten als wichtigster Faktor für die Ansiedlung von Industriebetrieben.

<b>Tessin (Kanton)</b><br>Arbeiterinnen in der Linoleumfabrik in Giubiasco. Glas-Diapositiv, um 1925 (Archivio di Stato del Cantone Ticino).<BR/>Die 1905 von der Linoleum AG aus Mailand eröffnete Fabrik in Giubiasco setzte ihre Tätigkeit auch im 21. Jahrhundert im Rahmen der multinationalen Forbo-Gruppe fort, die sich zunächst auf die Herstellung von Produkten aus Leinöl und Harz, dann aus Kunstharz bzw. Kunststoffen spezialisierte.<BR/>
Arbeiterinnen in der Linoleumfabrik in Giubiasco. Glas-Diapositiv, um 1925 (Archivio di Stato del Cantone Ticino).
(...)

Der Konkurs der drei grössten Tessiner Banken 1914, verursacht durch spekulative Investitionen im Ausland und begünstigt durch die Verbandelung von Wirtschaft und Politik, sowie die Verschlechterung der internat. Konjunktur trafen die kant. Wirtschaft hart. Bis in die 1950er Jahre folgte eine Phase der Stagnation. Der Tessiner Industrie gelang es nicht, ihre strukturellen Schwächen wie die fehlende Investitionsbereitschaft, die technolog. Rückständigkeit und eine traditionelle Sektorenverteilung mit dem Schwergewicht auf der konjunkturabhängigen Baubranche zu überwinden.

Erst nach 1950 boomte die Tessiner Wirtschaft, nicht zuletzt dank Steuervergünstigungen. 1974 erreichte die Beschäftigungszahl im 2. Sektor ihren Höhepunkt. Als treibende Kräfte erwiesen sich das Baugewerbe (Strassenbau und Wasserkraftwerke) sowie der Metall- und Maschinenbau (Monteforno), aber auch die Bekleidungs-, Lebensmittel- und Uhrenindustrie wuchsen stark. Da genügend billige Arbeitskräfte, v.a. Einwanderer und Grenzgänger, vorhanden waren, blieben Rationalisierungen und technolog. Innovationen weitgehend aus. Während die traditionellen Branchen, allen voran die Bekleidungsindustrie, an Bedeutung verloren, liessen sich nach 1980 Hightechunternehmen aus dem Mechanik-, Elektronik- und Pharmabereich im T. nieder.

Autorin/Autor: Marco Marcacci, Nelly Valsangiacomo / CHM

5.2.4 - Elektrizitätspolitik und Wirtschaftswachstum

1894 trat das kant. Gesetz über die Wassernutzung in Kraft. Darin fiel das Konzessionsrecht für die Wasserkraft und die Einnahmen aus den Wasserzinsen dem Staat zu. Dank der ersten vergebenen Konzessionen entstand der Industrieort Bodio. Zudem wurde die Elektrifizierung der Eisenbahn möglich. Bis 1939 verfügte das T. nur über den 1920 vollendeten Ritom-Stausee, nach 1945 kamen 18 weitere hinzu. Nach dem Wallis und Graubünden ist das T. in der Schweiz der drittgrösste Produzent von Strom mit Wasserkraft. Die Elektrizitätswerke Maggia und Blenio zählen zu den wichtigsten Anlagen. Allerdings geriet die kant. Elektrizitätspolitik in die Kritik, weil der Kanton die Konzession für die Nutzung der Maggia 1949 und des Brenno 1953 v.a. deutschschweiz. Partnerwerken erteilte und somit auf die eigene Verwertung der strategisch wichtigen Ressource verzichtete. Gerechtfertigt wurde diese Politik mit dem Hinweis auf die fehlenden Investitionsmittel im Kanton und der Angst, keine Abnehmer für den produzierten Strom zu finden. Erst 1958 übernahm die Azienda elettrica ticinese als öffentl. Unternehmen des Kantons die abgelaufenen Konzessionen.

Autorin/Autor: Marco Marcacci, Nelly Valsangiacomo / CHM

5.2.5 - Aufstieg des Dienstleistungssektors

Die Anfänge des Dienstleistungssektors gehen auf die Zeit zwischen dem Ende des 19. Jh. und 1914 zurück. Einerseits gewann der Ferientourismus an den Seen, u.a. in Locarno und Lugano, und in den Sanatorien an Bedeutung, andererseits bot die Ansiedlung von Bundesbetrieben von SBB, PTT, Militär und Zoll sichere Arbeitsplätze mit überdurchschnittl. Löhnen an. Nach einer langen Stagnationsphase entwickelte sich nach dem 2. Weltkrieg begünstigt durch den Individualverkehr in den Sommermonaten ein Massentourismus, der um 1970 seinen Höhepunkt erreichte, aber keine Kultur der Gastfreundschaft begründete. Ebenfalls um 1970 kletterten die Frequenzen des Bahnverkehrs auf Spitzenwerte. Dafür steht der Erfolg des Logistik- und Speditionssektors rund um den internat. Bahnhof von Chiasso.

Im Zug eines raschen Strukturwandels in den 1960er Jahren wurde das T. zu einem der Kantone mit dem grössten Dienstleistungssektor: 2000 arbeiteten 81% der Beschäftigten im 3. Sektor. Insbesondere der Banken- und Parabankenbereich wuchs auf spektakuläre Art, so dass Lugano mit über 100 Banken zu Beginn des 21. Jh. den drittwichtigsten Finanzplatz der Schweiz darstellte. Aber auch das Gesundheitswesen, die Bildung und die Sozialdienste wurden ausgebaut. Nach den jüngsten Umstrukturierungsmassnahmen der immer stärker global vernetzten Tessiner Wirtschaft tat sich zwischen Arbeitsnachfrage und Angebot ein Graben auf. Seit einigen Jahrzehnten bewegt sich die Arbeitslosenquote im T. über dem eidg. Mittel.

Autorin/Autor: Marco Marcacci, Nelly Valsangiacomo / CHM

5.3 - Gesellschaft

5.3.1 - Soziale Gruppen

Lange Zeit blieb das T. ein ländl. Kanton mit einer kaum für den Markt produzierenden Landwirtschaft. In der 1. Hälfte des 19. Jh. stammten die grösseren Vermögen, v.a. in den abgelegenen Gebieten des T.s, meist aus der Tätigkeit emigrierter Handelsleute und der Meister im Bau- und Kunsthandwerk (Maestranze). Im Kanton selbst gelangte man durch unterschiedlichste Geschäfte zu Reichtum, u.a. mit dem Holzhandel und der Spekulation mit Wald (Holzgewinnung), dem Durchgangsverkehr, dem Handel im Ausland und der Übernahme öffentl. Aufträge und Mandate, die allerdings in den ersten Jahrzehnten des 19. Jh. in den Aufgabenbereich der Kantonsverwaltung fielen. Überhaupt wandelte sich der Staat mit dem Aufbau einer kant. und eidg. Verwaltung und den staatl. Aufträgen bis in die 2. Hälfte des 20. Jh. hinein zu einem der grössten Arbeitgeber. Insbesondere der Strassenbau sorgte für Verdienstmöglichkeiten und war für die Herausbildung einer neuen Wirtschaftselite verantwortlich. In einem von Klientelismus geprägten System der Machtkontrolle und -teilhabe festigten die Anwälte und Notare ihre privilegierte Stellung, während andere freie Berufe sich kaum entfalteten.

Durch das ganze 19. Jh. hindurch besuchte die Tessiner Elite vornehmlich die benachbarten ital. Universitäten, vorab die Univ. Pavia. Mit diesen bestanden teilweise spezielle Abkommen. Nach der Gründung des Eidg. Polytechnikums in Zürich 1855 und der Univ. Freiburg 1889 bevorzugten die Tessiner Studenten die Schweizer Hochschulen.

Autorin/Autor: Marco Marcacci, Nelly Valsangiacomo / CHM

5.3.2 - Vereinswesen

Wie in der übrigen Schweiz wurden von den 1830er Jahren an im T. immer mehr Vereine v.a. patriot. und philanthrop. Ausrichtung geschaffen. Diese von Bürgern und Geistlichen getragenen Organisationen prägten die liberale Reformbewegung der 1. Hälfte des 19. Jh. In der Absicht, den Kanton zu modernisieren, riefen sie Initiativen zur Förderung der Bildung und der Industrie ins Leben. Vincenzo Dalberti und Stefano Franscini gründeten z.B. 1829 die Gemeinnützige Gesellschaft, was die konservative Regierung beunruhigte. Die ebenfalls von Franscini 1837 gegr. Vereinigung der Freunde der Volkserziehung, später Società demopedeutica genannt, verfolgte ähnl. Ziele. Ferner richteten mehrere Verleger Lesekabinette und Leihbibliotheken ein.

Mit der Verschärfung der Spannungen nahmen die philanthrop. und geselligen Vereine und Zirkel immer mehr einen parteipolit. Charakter an. Das galt bis nach dem 2. Weltkrieg auch für die Sport-, Turn- und Musikvereine, später für die Jugend- und Frauenvereine sowie die Berufsverbände.

Die Katholiken organisierten sich im 19. Jh. auf kirchl., polit. und gesellschaftl. Ebene, doch erst nachdem die Bevölkerung ein eigenes Selbstbewusstsein entwickelt hatte, bildeten sich Vereine mit klar abgegrenzten Tätigkeiten aus. Während der 1861 gegr. Piusverein der Bewahrung des Glaubens diente, entstanden polit., karitative und gewerkschaftl. Organisationen.

Bis ins späte 19. Jh. kannte das T. keine Kulturvereine im engeren Sinn. Diese tauchten in der 1. Hälfte des 20. Jh. auf. Dank der Unterstützung durch den Staat stieg deren Zahl nach 1950.

Die Frauenvereine entfalteten sich entlang der religiösen und sozialen Gruppen, später entlang kultureller und polit. Ziele. Als 1957 der Dachverband der Frauenorganisationen im T. gegründet wurde, deckten dessen Mitglieder ein breites Aufgabenspektrum ab, von wohltätigen und religiösen Tätigkeiten bis hin zu polit. Anliegen wie der Förderung der Frauen und des Frauenstimmrechts.

Autorin/Autor: Marco Marcacci, Nelly Valsangiacomo / CHM

5.3.3 - Soziale Bewegungen

In den 1850er Jahren entstanden die ersten, von den Radikalen des linken Flügels geförderten Arbeiterorganisationen. Sie fussten auf demokrat. Grundsätzen und stellten polit. Forderungen, boten den Arbeitern jedoch wenig konkrete Unterstützung an. Die ersten Arbeiterhilfsvereine tauchten in der 2. Hälfte des 19. Jh. auf; 1888 existierten bereits deren 24. Gegen Ende des 19. Jh. wurden in engem Zusammenhang mit dem Eisenbahnbau auch im T. Sektionen des Grütlivereins gegründet. Die erste wurde 1881 in Bellinzona ins Leben gerufen, wobei die Mehrheit der Mitglieder Deutschschweizer waren. Zur selben Zeit etablierten sich die Konsumvereine. Letztere wurden von den Sozialdemokraten mitgetragen, die gegen Ende des 19. Jh. weitere Arbeiterorganisationen schufen. Sie konnten dabei auf die Erfahrungen der polit. Flüchtlinge aus Italien zählen, die vor der Repression der ital. Regierung ins T. ausgewichen waren. Um die Wende zum 20. Jh. etablierten sich die ersten Einzelgewerkschaften von Gewicht. 1902 wurde die Arbeitskammer gegründet. Während des Faschismus in Italien übten die ins T. gelangten ital. Flüchtlinge und Antifaschisten erneut grossen Einfluss auf die kant. Arbeiterbewegung aus.

Nach der Enzyklika "Rerum novarum" wandte sich auch die kath. Bewegung der sozialen Frage zu. Am Anfang des 20. Jh. suchten kath. Kreise zögerlich die Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten, bevor sie dann ihre eigenen Landwirtschafts- und Arbeitervereine ins Leben riefen. Nachdem 1903 der Zentralverband christlichsozialer Organisationen der Schweiz geschaffen worden war, folgte 1919 die Gründung der Tessiner Christlichsozialen Organisation. Dank der Persönlichkeit von Luigi Del Pietro stieg die christlichsoziale Bewegung im T. in den 1930er Jahren zu einer polit. Kraft und einem wichtigen Sozialpartner auf. Dazu trugen die Grenzgänger und Einwanderer aus Italien bei, die sich in der 2. Hälfte des 20. Jh. der Gewerkschaftsbewegung anschlossen.

Waren die sozialen Bewegungen in der 1. Hälfte des 20. Jh. von der Arbeiterschaft dominiert, sorgten nach 1968 Jugendbewegungen für gesellschaftl. Unruhe. Innerhalb der neuen sozialen Bewegungen entwickelten sich einige Gruppierungen zur aussenparlamentar. Opposition, die z.T. zu den autonomen ital. Gruppen wie Potere operaio und Lotta continua enge Beziehungen unterhielten. In den 1970er und 80er Jahren meldete sich in Abgrenzung zur alten Frauenbewegung eine Vielfalt von neuen feminist. Initiativen und Gruppen zu Wort.

Autorin/Autor: Marco Marcacci, Nelly Valsangiacomo / CHM

5.4 - Kultur

5.4.1 - Bildung

Das erste kant. Schulgesetz von 1804, das die Gem. zur Einrichtung einer Grundschule verpflichtete, wurde kaum umgesetzt, u.a. weil die finanziellen Mittel fehlten. Das damalige Schulangebot wurde von Ordenskollegien sowie einem Netz von Grundschulen getragen, die u.a. von Gem., Wohltätern und Pfarreien unterhalten wurden und bereits im Ancien Régime für einen gewissen Alphabetisierungsgrad gesorgt hatten.

Unter der Führung der radikalen Regierung und initiiert von Franscini unternahm der Kanton um 1840 grosse Anstrengungen zum Ausbau des Schulwesens: 1838 schuf er Lehrerkurse, 1840 Zeichenschulen und 1841 Sekundarschulen. Die propagierte Volksschule galt als Voraussetzung für die Schaffung des mündigen Staatsbürgers. Der Heranbildung einer neuen Elite sollte das 1852 in Lugano eröffnete kant. Gymnasium mit geistes- und naturwissenschaftl. Ausrichtung dienen. Im selben Jahr wurden die unter Obhut der Kirche stehenden höheren Schulen verstaatlicht. Das Gesetz von 1864, das eine obligator. Schulpflicht vom 7. bis zum 14. Lebensjahr vorschrieb, festigte das Schulwesen im T. und hob den allg. Bildungsstand der Bevölkerung. 1873 kam das Lehrerseminar von Pollegio, das 1878 nach Locarno verlegt wurde, und 1894 die kant. Handelsschule von Bellinzona hinzu. 1912 traten die ersten Gesetze zur Berufslehre und -bildung in Kraft. 1958 hob eine gesetzl. Bestimmung die strikte Zweiteilung nach der 5. Primarschule in Sekundarschule und Progymnasium teilweise auf und liess so eine gewisse Durchlässigkeit zwischen den beiden Bildungswegen zu. Mit der Besetzung des Lehrerseminars durch die Studierenden im März 1968 wurde auf Missstände im Bildungssystem sowie die Notwendigkeit von Reformen, neuen didakt. Methoden und Inhalten hingewiesen. 1974 wurden in Bellinzona und Locarno, 1977 in Mendrisio und 1982 in Lugano neue Gymnasien eröffnet. Die wichtigste Reform fand 1974 mit der Einführung einer für alle obligator., vierjährigen Mittelschule statt, wodurch sich die Frage nach einer Berufslehre oder der Fortsetzung der Schullaufbahn auf das Ende der obligator. Schulzeit verschob.

2001 lehnten 74% der Stimmbürger eine Initiative zur Förderung der Privatschulen ab und bekräftigten damit die Vorrangstellung der öffentl. Schulen. Der Kindergarten wird im T. fleissig besucht und die Tessiner Maturitätsquote bewegt sich seit Jahren über dem schweiz. Mittel: 1980-2010 stieg sie von 17% auf 30%, während im gleichen Zeitraum der nationale Durchschnitt von 10% auf 20% kletterte.

<b>Tessin (Kanton)</b><br>Volksinitiative für die staatliche Finanzierung von Privatschulen. Plakat der Gegnerschaft der Initiative, über die am 18. Februar 2001 abgestimmt wurde (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>
Volksinitiative für die staatliche Finanzierung von Privatschulen. Plakat der Gegnerschaft der Initiative, über die am 18. Februar 2001 abgestimmt wurde (Schweizerische Nationalbibliothek).
(...)
<b>Tessin (Kanton)</b><br>Volksinitiative für die Finanzierung von Privatschulen. Plakat des Unterstützungskomitees der am 18. Februar 2001 zur Abstimmung gelangten Initiative, mit dem doppelten Bildnis von Stefano Franscini (Archivio di Stato del Cantone Ticino).<BR/>Entrüstet darüber, dass die Befürworter einer staatlichen Finanzierung von Privatschulen die Figur von Stefano Franscini für ein Anliegen instrumentalisierten, das dessen politischer Überzeugung zuwidergelaufen wäre, organisierten die Initiativgegner nach dem deutlichen Nein in der Volksabstimmung eine "laizistische Pilgerfahrt" zum Denkmal Franscinis in Faido, das 1890 in Erinnerung an den "Vater" des kantonalen Volksschulwesens errichtet worden war.<BR/>
Volksinitiative für die Finanzierung von Privatschulen. Plakat des Unterstützungskomitees der am 18. Februar 2001 zur Abstimmung gelangten Initiative, mit dem doppelten Bildnis von Stefano Franscini (Archivio di Stato del Cantone Ticino).
(...)

In der 2. Hälfte des 20. Jh. fand eine Demokratisierung der Bildung statt, die auch die Frauen erfasste: 1965-2005 erhöhte sich der Anteil der Mädchen unter den Gymnasiasten von 25% auf 54%. In derselben Zeitspanne erreichte die Quote der weibl. Lehrlinge 30%, danach gar 40%. Als Folge weisen immer mehr Frauen und Männer ein hohes Bildungsniveau auf. Sie arbeiten oft an Schulen oder für die Medien.

Ab 1844 stand die Gründung eines universitären Instituts im T. immer wieder zur Diskussion. Nachdem ein erster Versuch 1986 noch gescheitert war, wurde 1995 das Gesetz zur Schaffung der Universität der italienischen Schweiz verabschiedet. Aus der Umwandlung höherer Fachschulen ging 1997 die Fachhochschule der ital. Schweiz hervor, der 2009 die Pädagog. Hochschule angegliedert wurde. Diese war 2002 an die Stelle des Lehrerseminars getreten.

Autorin/Autor: Marco Marcacci, Nelly Valsangiacomo / CHM

5.4.2 - Orte der Kulturbegegnungen

Trotz seiner kulturellen Randlage zog das T. Künstler und Intellektuelle versch. Herkunft immer wieder an. Die 1900 gegr., lebensreformerisch ausgerichtete Kolonie auf dem Monte Verità erlangte besondere Berühmtheit. Das Locarnese erwies sich auch später als Schnittpunkt versch. Kulturen. Davon zeugen die ab 1933 von Olga Froebe-Kapteyn initiierten philosoph. Tagungen des Eranos-Kreises in Moscia (Gem. Ascona), an denen illustre Persönlichkeiten aus der ganzen Welt teilnahmen. Auch nach dem 2. Weltkrieg übte die Gegend, mehr als andere, eine Anziehungskraft auf Künstler und Intellektuelle unterschiedl. Herkunft aus, u.a. auf Italo Valenti, Hans Arp, Max Frisch, Patricia Highsmith und Harald Szeemann. Auch an anderen Orten des T.s fanden sich Künstler zusammen, so im Mendrisiotto die 1924 von den Expressionisten Albert Müller, Hermann Scherer und Paul Camenisch gegr. Künstlergruppe Rot-Blau I oder in der Collina d'Oro für längere Zeit Hermann Hesse und die Dadaisten Hugo Ball und Emmy Ball-Hennings.

Ein intensiver und regelmässiger Kulturaustausch entfaltete sich zwischen dem T. und Italien, was sich v.a. im Bereich der Literatur (Italienischsprachige Literatur) zeigte. Er entwickelte sich oft aus unterschiedl., polit. Erfahrungen der beiden Länder und führte zu vertieften Diskussionen. Wie in der Zeit des Risorgimento wurden während des Faschismus zur Umgehung der ital. Zensur auf Tessiner Boden Zeitungen und Verlage gegründet. Ferner beteiligten sich zahlreiche Italiener an diversen kulturellen Unternehmungen im T. Aus dem lebendigen Geistes- und Kulturleben der Jahre 1943-45, das von der Anwesenheit bedeutender ital. Intellektueller profitierte, gingen versch. Initiativen hervor, u.a. der 1946-66 vergebene Literaturpreis Libera Stampa. Allerdings verebbten diese Aktivitäten in der Nachkriegszeit.

Autorin/Autor: Marco Marcacci, Nelly Valsangiacomo / CHM

5.4.3 - Kunst

Die nach der Kantonsgründung aufgebauten Zeichenschulen hatten zur Folge, dass die Tessiner Kunstproduktion innerhalb von gut 50 Jahren eine Normierung erfuhr. Trotzdem verfügten die Kunsthandwerker und v.a. die meist im Ausland und z.T. noch in Familienwerkstätten ausgebildeten Künstler über besondere techn. Fertigkeiten und vielseitige Arbeitsmethoden. Unter den Künstlern des 19. Jh. ragt der Bildhauer Vincenzo Vela heraus. Sein Schaffen stand im Zeichen des Risorgimento. Neben den Architekten von Bedeutung wie Luigi Canonica, den Fossati oder Pietro Bianchi fiel Antonio Croci durch seine originellen Entwürfe und seine techn. Neuerungen auf. Auch bei den Malern fehlte es nicht an wichtigen Vertretern der zeitgenöss. Strömungen. Bernardino Pasta und Angelo Trezzini blieben mehr oder weniger der Mailänder Romantik treu, während die Bossoli die Landschaftsmalerei pflegten. Neben Antonio Ciseri, der mit seinem gegenständl. Realismus Erfolge feierte, schufen sich am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jh. u.a. Luigi Rossi, Filippo Franzoni und Pietro Chiesa als Vertreter der Avantgarde, von Divisionismus bis Scapigliatura, einen Namen. Schliesslich brachte das T. einige Künstler wie Giovanni Antonio Vanoni und Antonio Rinaldi hervor, deren mitunter originellen Werke sich zwischen akadem. Kunst und Volksmalerei bewegten.

Autorin/Autor: Anastasia Gilardi / CHM

5.4.4 - Medien und Unterhaltung

Das Zeitungswesen, insbesondere die polit. Presse, erlebte im 19. Jh. einen Aufschwung, der bis in die 1. Hälfte des 20. Jh. andauerte. So gründeten die Liberalradikalen die Blätter "Gazzetta Ticinese", "Il Dovere" und "L'Avanguardia", die Konservativen die Zeitung "Popolo e Libertà" und die Sozialdemokraten das Parteiorgan "Libera Stampa". Ab der 2. Hälfte des 20. Jh. setzten sich parteiunabhängige Zeitungen wie der "Corriere del Ticino", das "Giornale del Popolo" und La Regione durch. Zu Beginn des 20. Jh. erschienen im T. auch zahlreiche Publikationen mit kulturellem Inhalt, aus denen diverse Kulturzeitschriften hervorgingen. Diese behandelten Themen der Allgemeinbildung, der Literatur, Geschichte oder der Naturwissenschaften.

Als 1930 in Lugano Radio Monte Ceneri, benannt nach dem Standort des Radiosenders, seinen Betrieb aufnahm, erhielt die Tessiner Bevölkerung einen neuen Zugang zur Kultur. Das spätere Radio der italienischsprachigen Schweiz folgte dem Modell anderer öffentl. Sender und wirkte mit seinem Programm in der Art einer Volkshochschule. In einem Kanton, der über lange Zeit keine eigene Universität besass, kam diese Ausrichtung an. Als 1961 das Fernsehen der Italienischsprachigen Schweiz auf Sendung ging, übernahm es anfänglich dieselbe Zielsetzung. Obwohl die Radiotelevisione svizzera di lingua italiana (RSTI, seit 2009 RSI) viele Italiener beschäftigte und von der ital. Kultur geprägt war, bewahrte es seinen regionalen Charakter, zumindest bis in die 1980er Jahre. Davon zeugt z.B. die Ausstrahlung von Dialektkomödien, die einen Aufschwung des Dialekttheaters im T. auslöste. Von der Arbeit der Schauspieler für das Radio profitierten auch die Sprechtheater. In der 2. Hälfte des 20. Jh. öffnete sich die Bühnenkunst neuen Formen wie dem Bewegungstheater, das vom 1971 gegr. Teatro Dimitri und der 1975 ins Leben gerufenen Scuola Teatro Dimitri in Verscio gefördert wurde. Dimitris Initiativen bereicherten die Theaterkunst im T., wo neben den ehrwürdigen Institutionen, dem 1847 eingeweihten Teatro Sociale in Bellinzona und dem 1902 eröffneten Stadttheater von Locarno, zu Beginn des 21. Jh. auch zahlreiche Theatergruppen Aufführungen gaben.

Ebenfalls dank des Radios kam der Kanton zu einem Sinfonieorchester, dem 1935 in Lugano gegr. Orchestra della Svizzera italiana. Das Musikleben im T. zeichnet sich durch eine Vielzahl von Musikkapellen, Chören und Musikschulen aus. Unter Letzteren ist die 1985 entstandene Musikhochschule der italienischsprachigen Schweiz, das Conservatorio della Svizzera italiana, die bedeutendste. In der 2. Hälfte des 20. Jh. kamen neue Kulturveranstaltungen hinzu, u.a. 1946 die Musikwochen von Ascona, 1979 das Open Air Estival Jazz in Lugano und 1946 das Filmfestival von Locarno, das zu Beginn des 21. Jh. die grösste Filmveranstaltung der Schweiz war.

Autorin/Autor: Marco Marcacci, Nelly Valsangiacomo / CHM

5.4.5 - Italianità und Kulturpolitik

Das T. bildet zusammen mit Italienischbünden den Lebensraum einer Sprachminderheit (Svizzera italiana). Seine Identität bezieht es nicht zuletzt aus der Spannung zwischen polit. Zugehörigkeit zur Schweiz und kultureller Verbundenheit mit Italien. Die Eröffnung des Gotthardtunnels zu Beginn des 20. Jh. verstärkte diesen Dualismus.

Der fortlaufende Rückgang des Anteils der Tessiner an der Kantonsbevölkerung - machte dieser zwischen 1850 und 1880 jeweils rund 90% (ca. 109'500 Tessiner) aus, sank er 1910 auf unter 70% (106'938 Tessiner) - verursachte im T. ein Unbehagen. Da die zugezogenen Deutschschweizer gesellschaftlich unter sich blieben und eigene Schulen, die deutschsprachige "Tessiner Zeitung" sowie eigene Vereine gründeten, wuchsen die Vorbehalte bei den Einheimischen. Zum Sprachrohr dieser Missstimmung machte sich v.a. ein kleiner Kreis von Intellektuellen. Unter dem Eindruck der enttäuschten Hoffnungen auf einen Wirtschaftsaufschwung nach dem Bau des Gotthardtunnels verschärften sich die Gegensätze. Während eine Minderheit wie die im Umfeld der 1912 gegr., italophilen Zeitung "L'Adula" die Verbundenheit mit dem ital. Kulturraum beschwor, äusserte sich die Unzufriedenheit 1924 und 1938 v.a. in den sog. Rivendicazioni ticinesi. Den darin gestellten kulturpolit. Forderungen kam der Bund entgegen, indem er im Rahmen der Geistigen Landesverteidigung die sprachl. und kulturelle Integrität des T.s stärkte. Auf kant. Ebene führte die Angst vor einer Germanisierung des T.s und vor dem Vordringen des ref. Glaubens zur Verabschiedung des Gesetzes über die Geschäftsschilder und Firmenanschriften von 1931, das den Gebrauch der ital. Sprache vorschrieb.

Mit der Machtergreifung des Faschismus in Italien erlebte der Irredentismus einen erneuten Aufschwung und die Kontroverse um Italianità versus Helvetismus einen neuen Höhepunkt. In diesem kulturpolit. Streit engagierten sich Tessiner Schriftsteller wie Francesco Chiesa und Guido Calgari. Nach dem Fall des Faschismus beruhigte sich die Diskussion, bis in den 1950er Jahren die Angst vor einer Germanisierung im Zusammenhang mit der Debatte um den sog. Ausverkauf der Heimat an Deutschschweizer wieder aufflammte. Die regelmässig erhobenen Befürchtungen, die Italianità im T. sei gefährdet, finden keine statist. Bestätigung: 2000 gaben nur 8% der Tessiner als Muttersprache Deutsch an.

V.a. dank des eidg. Gesetzes über die Finanzhilfen für die Erhaltung und Förderung der ital. Kultur und Sprache von 1980 wurde in der 2. Hälfte des 20. Jh. die ital. Kultur weiter gefördert und die Subventionen von 225'000 Fr. auf 1,5 Mio. Fr. erhöht. Dennoch verlangten zu Beginn des 21. Jh. mehrere Vereinigungen und die Tessiner Parlamentarier in den eidg. Räten, dass in der Bundesverwaltung mehr Italienischsprachige angestellt werden sollten.

Mit Hilfe der eidg. Subventionen baute der Kanton sein kulturpolit. Engagement aus, obwohl auch Anfang des 21. Jh. noch kein kant. Kulturförderungsgesetz existierte. Der Kanton unterstützte Einrichtungen wie das kant. Bibliothekensystem zur Koordination der vier Kantonsbibliotheken Bellinzona, Lugano, Locarno und Mendrisio (ab 1991), das 1991 gegr. Osservatorio linguistico della Svizzera italiana und das 2002 errichtete Centro di dialettologia e di etnografia für die italienischsprachige Schweiz. Letzteres beherbergt das bereits 1907 unter der Initiative von Carlo Salvioni entstandene Wörterbuch "Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana" und koordiniert die ethnograf. Museen (die regionalen Heimatmuseen) des T.s, die aufgrund eines Gesetzes von 1990 zusammengeführt und vom Kanton subventioniert wurden. Ein feinmaschiges Netz von Museen unterschiedl. Bedeutung ergänzt das kulturelle Angebot im T. Daraus ragen das Kunstmuseum und das Naturhist. Museum in Lugano, das aus der 1853 unter dem Namen Gabinetto di storia naturale gegr. Sammlung von Luigi Lavizzari hervorging, sowie die Pinacoteca Giovanni Züst in Rancate hervor, die alle vom Kanton getragen werden. Das noch im Bau befindl. Kulturzentrum auf dem Areal des ehem. Grand Hotel Palace rückt Lugano wieder ins Zentrum der kant. Kulturszene, warf aber auch die Frage auf, welche Rolle die öffentl. Hand - Kanton und Gem. - gegenüber der Kultur einnehmen soll.

<b>Tessin (Kanton)</b><br>Titelseite der <I>Cronaca ticinese</I>, dem Organ der Organisation Pro Ticino in Südamerika vom 1. August 1943, Nr. 288 (Archivio di Stato del Cantone Ticino).<BR/>Die 1915 in Bern gegründete Pro Ticino war eine Vereinigung von in verschiedenen Schweizer Kantonen lebenden Tessinerinnen und Tessinern. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zählte sie in Städten der Schweiz rund 20 Sektionen. Nach und nach wurden auch im Ausland, etwa in Buenos Aires, Mailand, Paris und London, Sektionen ins Leben gerufen. 2017 existierten 27 Vereine in der Schweiz und 16 in anderen Ländern.<BR/>
Titelseite der Cronaca ticinese, dem Organ der Organisation Pro Ticino in Südamerika vom 1. August 1943, Nr. 288 (Archivio di Stato del Cantone Ticino).
(...)

Autorin/Autor: Marco Marcacci, Nelly Valsangiacomo / CHM

Quellen und Literatur

Archive
– Archivio di Stato, Como
– Archivio di Stato, Mailand
– Archivio storico diocesano, Mailand
– ASTI
– BiA Como
– BiA Lugano
Quellen
– H.R. Schinz, Beyträge zur nähern Kenntniss des Schweizerlandes, 5 H., 1783-87
EA
ASHR
Rechtsqu. des Kt. T., 13 H., hg. von A. Heusler, 1892-1916
– L. Brentani, Codice diplomatico ticinese, 5 Bde., 1929-56
– L. Brentani, Antichi maestri d'arte e di scuola delle terre ticinesi, 7 Bde., 1937-63
Codex palaeographicus Helvetiae subalpinae, hg. von L. Moroni Stampa, 2 Bde., 1951-58
– L. Delcros, Il Ticino e la Rivoluzione Francese, 2 Bde., 1959-61
Ticinensia, 1960-97 (mit Reg. im AST)
MDT
– R. Ceschi et al., Contare gli uomini: fonti per lo studio della popolazione ticinese, 1980
– K.V. von Bonstetten, Briefe über die ital. Ämter Lugano, Mendrisio, Locarno, Valmaggia, 3 Bde., Neuausg. mit einem Vorwort von R. Ceschi, 1982 (1797-99)
SSRQ TI, 1991-
Il vescovo, il clero, il popolo, hg. von S. Bianconi, B. Schwarz, 1991
Ticino ducale
– M. Bernasconi Reusser, Le iscrizioni dei cantoni Ticino e Grigioni fino al 1300, 1997
I protocolli dei governi provvisori di Lugano, 1798-1800, hg. von A. Gili, 2 Bde., 2010
Literatur
  • Historiografie

    – Die ersten Überblickswerke über das T. erschienen erst nach der Kantonsgründung. Davor existierten nur versch., nicht zum Druck bestimmte Schriften über einzelne Regionen wie die Nicolò Maria Laghi zugeschriebene Chronik von Lugano, die den Zeitraum 1466-1512 abdeckt, oder die gesammelten Nachrichten über die Jahre 1568-89 von Domenico Tarilli. Francesco Ballarinis "Cronica di Como" (1619), Primo Luigi Tattis "Annali della città di Como" (3 Bde., 1662-1734) und Cesare Cantùs Werk behandeln ebenfalls Teile des heutigen T.s. Nach 1803 erarbeitete Gian Alfonso Oldelli zur Stärkung der Heimatverbundenheit den "Dizionario storico ragionato degli uomini illustri del Canton Ticino" (1807-11). Mit der Schrift "Der Canton Ticino" (1812) präsentierte Paolo Ghiringhelli den schweiz. Mitbürgern seinen Kanton. In den folgenden Jahrzehnten kam eine Reihe von Gesamtdarstellungen über das T. heraus, so "La Svizzera italiana" (3 Bde., 1837-40) von Stefano Franscini, der "Compendio storico della Repubblica e Cantone Ticino dall'epoca dei Romani ai nostri giorni" (1857) von Giuseppe Pasqualigo, die "Escursioni nel Cantone Ticino" (1863) von Luigi Lavizzari sowie "Dei paesi e delle terre costituenti il cantone Ticino dai tempi remoti fino all'anno 1798" (1879) und die "Storia del Cantone Ticino […]" (1882) von Angelo Baroffio. Weitere Abhandlungen folgten im 20. Jh. Für das "Hist.-Biogr. Lexikon der Schweiz" (1921-34, 7 Bde.) schrieb Celestino Trezzini sämtl. Tessiner Artikel. In der 1944 übersetzten "Geschichte des Kt. T." (ital. 1941) gingen Giulio Rossi und Eligio Pometta v.a. auf die polit. Geschichte ein. Neue Forschungsthemen der Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte wurden in der vom Kanton geförderten und von Raffaello Ceschi herausgegebenen Kantonsgeschichte "Storia del Cantone Ticino" (2 Bde., 1998) sowie in der die frühe Neuzeit behandelnden "Storia della Svizzera italiana dal Cinquecento al Settecento" (2000) berücksichtigt, an denen zahlreiche Autoren mitwirkten. Giuseppe Chiesi und Paolo Ostinelli bereiten einen zusätzl. Band über die Antike und das MA vor. Neben den erw. Überblicksdarstellungen entstanden Forschungsarbeiten zu bestimmten Regionen und Epochen aus der Feder Deutschschschweizer Historiker, etwa Karl Meyers Dissertation "Blenio und Leventina von Barbarossa bis Heinrich VII." (1911), Otto Weiss' "Die tessin. Landvogteien der XII Orte im 18. Jh." (1914) und Paul Schaefers "Das Sottocenere im Mittelalter" (1931). Als Erster betrieb Emilio Motta hist. Forschung über das T. nach wissenschaftl. Kriterien, indem er sich auf die Auswertung von Archivdokumenten abstützte und die bestehende Literatur einbezog. Motta gründete 1879 auch das "Bollettino storico della Svizzera italiana", das später u.a. von den Historikern Pometta und Giuseppe Martinola herausgegeben wurde. Ab den 1960er Jahren wandte sich die Tessiner Geschichtsschreibung neuen Themen wie der materiellen Kultur sowie der Mentalitäts- und der Alltagsgeschichte zu. Zu dieser Erweiterung trugen die Untersuchungen von Virgilio Gilardoni bei, der 1960 die Zeitschrift "Archivio storico ticinese" ins Leben rief.
  • Reihen

    Rivista archeologica dell'antica provincia e diocesi di Como, 1872-
    Monumenti storici ed artistici del cantone Ticino, 1912-32
    ASSI
    RST
    Numismatica e antichità classiche, 1972-
    HS, v.a. I/6; II/1; IX/1
    Atlante dell'edilizia rurale in Ticino, hg. von G. Buzzi, 9 Bde., 1993-2000
    Artisti dei laghi, 6 Bde., 1994-2002
  • Bibliografien

    – E. Motta, Bibliografia storica ticinese, 1879
    – C. Caldelari, Bibliografia ticinese dell'Ottocento, 5 Bde., 1995-2011
    – C. Caldelari, Bibliografia del Settecento, 2 Bde., 2006
  • Allgemein

    – A.M. Gerber, Die Entwicklung der geogr. Darstellung des Landes T. bis 1850, 1920
    – Galli, Ticino
    Frühe Freunde des T.s: 6 Reiseber. aus 2 Jh., hg. von W.A. Vetterli, 1944
    – A. Lienhard-Riva, Armoriale ticinese, 1945
    – Bianconi, Inventario
    Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana, 1952-
    – Gilardoni, Inventario
    Kdm TI 1-3, 1972-83
    Martinola, Inventario
    Costruzione del territorio e spazio urbano nel Cantone Ticino, 2 Bde., 1979
    – R. Ceschi, Contrade cisalpine, 1987
    Ticino 1798-1998, Ausstellungskat. Lugano, 2 Bde., 1998-99
    Arte in Ticino, Ausstellungskat. Lugano, 4 Bde., 2001-04
    – S. Bianconi, Lingue di frontiera, 2001
  • Von der Urzeit zur Antike

    – A. Crivelli, Atlante preistorico e storico della Svizzera italiana, 1943 (überarbeiteter und erweiterter Nachdr. 1990)
    – M. Primas, Die südschweiz. Grabfunde der älteren Eisenzeit und ihre Chronologie, 1970
    – W.E. Stöckli, Chronologie der jüngeren Eisenzeit im T., 1975
    – S. Biaggio Simona, I vetri romani: provenienti dalle terre dell'attuale cantone Ticino, 2 Bde., 1991
    SPM 1-6
    – L. Tori et al., La necropoli di Giubiasco (TI), 3 Bde., 2004-10
  • Mittelalter

    – E. Pometta, Come il Ticino venne in potere degli Svizzeri, 3 Bde., 1912-15
    – V. Gilardoni, Il Romanico, 1967
    – G. Wielich, Das Locarnese im Altertum und MA, 1970
    – G. Vismara et al., Ticino medievale, 1990
    Il Medioevo nelle carte, hg. von G. Chiesi, 1991
    – P. Ostinelli, Il governo delle anime, 1998
    – A. Moretti, Da feudo a baliaggio: la comunità delle pievi della Val Lugano nel XV e XVI secolo, 2006
  • Unter eidgenössischer Herrschaft (16.-18. Jahrhundert)

    – E. Pozzi-Molo, L'amministrazione della giustizia nei baliaggi appartenenti ai cantoni primitivi: Bellinzona, Riviera, Blenio e Leventina, 1953
    Viaggiatori del Settecento nella Svizzera italiana, hg. von R. Martinoni, 1989
    – S. Guzzi, Agricoltura e società nel Mendrisiotto del Settecento, 1990
    – R. Merzario, Anastasia, ovvero la malizia degli uomini, 1992
    Pittura a Como e nel Canton Ticino dal mille al settecento, hg. von M. Gregori, 1994
    – S. Guzzi, Logiche della rivolta rurale, 1994
    Seicento ritrovato, Ausstellungskat. Rancate, 1996
    – S. Bianchi, Le terre dei Turconi, 1999
    Dall'Accademia all'Atelier, Ausstellungskat. Rancate, 2000
    – R. Merzario, Adamocrazia: famiglie di emigranti in una regione alpina (Svizzera italiana, XVIII secolo), 2000
    Il Rinascimento nelle terre ticinesi, Ausstellungskat. Rancate, 2010
    – P. Keller, E. Agustoni, Barocco, 2010
    – M. Schnyder, Famiglie e potere, 2011
  • 19. und 20. Jahrhundert

    – A.O. Pedrazzini, L'emigrazione ticinese nell'America del Sud, 2 Bde., 1962
    – G. Pedroli, ll socialismo nella Svizzera italiana, 1963 (32004)
    – S. Gilardoni, «Italianità ed elvetismo nel Canton Ticino negli anni precedenti la prima guerra mondiale (1909-1914)», in AST 45-46, 1971, 3-84
    – G. Cheda, L'emigrazione ticinese in Australia, 2 Bde., 1976
    – G. Martinola, Gli esuli italiani nel Ticino, 2 Bde., 1980-94
    – G. Cheda, L'emigrazione ticinese in California, 2 Bde., 1981
    Identità in cammino, hg. von R. Ratti, M. Badan, 1986
    – M. Cerutti, Fra Roma e Berna, 1986
    – R. Ceschi, Ottocento ticinese, 1986
    – F. Panzera, La lotta politica nel Ticino: Il "Nuovo indirizzo" liberale-conservatore (1875-1890), 1986
    – P. Codiroli, L'ombra del duce, 1988
    – A. Ghiringhelli, Il Ticino della transizione, 1889-1922, 1988
    – R. Bianchi, Il Ticino politico contemporaneo, 1921-1975, 1989
    – F. Panzera, Società religiosa e società civile nel Ticino del primo Ottocento, 1989
    – M. Della Casa, La monetazione cantonale ticinese: 1813-1848, 1991
    T.: eine offene Region, hg. von R. Ratti et al., 1993 (ital. 1990)
    – R. Broggini, Terra d'asilo, 1993
    – A. Ghiringhelli, Il cittadino e il voto: materiali sull'evoluzione dei sistemi elettorali nel Cantone Ticino, 1803-1990, 1995
    – R. Ceschi, Nel labirinto delle valli, 1999
    – J.F. Bergier, Storia economica della Svizzera, 1999, 311-360 (Anh. von S. Guzzi-Heeb, Per una storia economica del Canton Ticino)
    – L. Lorenzetti, Economie et migrations au XIXe siècle: les stratégies de la reproduction familiale au T., 1999
    – I. Fosanelli, Verso l'Argentina, 2000
    – G. Foletti, Arte nell'Ottocento, 2001
    – R. Romano, Il Canton Ticino tra '800 e '900: la mancata industrializzazione di una regione di frontiera, 2002
    – F. Mena, Stamperie ai margini d'Italia, 2003
    – P. Macaluso, Liberali antifascisti, 2004
    – L. Saltini, Il Canton Ticino negli anni del Governo di Paese (1922-1935), 2004
    – L. Marti, Etrangers dans leur propre pays: l'immigration tessinoise dans le Jura bernois entre 1870 et 1970, 2005
    – A. Rossi, Dal paradiso al purgatorio: lo sviluppo secolare dell'economia ticinese, 2005
    – F. Viscontini, Alla ricerca dello sviluppo: la politica economica nel Ticino (1873-1953), 2005
    – S. Martinoli, L'architettura nel Ticino del primo Novecento, 2008
    Voce e specchio, hg. von T. Mäusli, 2009

Autorin/Autor: Carlo Agliati / CHM