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Aargau

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Seit 1803 Kt. der Eidgenossenschaft. Franz. Argovie, ital. und rätorom. Argovia. Quellen des 8. Jh. verwenden die Bezeichnung A. für das Gebiet zwischen Aare, Reuss, Pilatus und Napf. Um die Mitte des 9. Jh. erscheinen die Namen Oberaargau und Unteraargau (Berner Aargau) zur Bezeichnung von Teilräumen. Erst im SpätMA dehnte sich die Landschaftsbezeichnung A. auch auf die Gegend um die Grafschaft Baden aus. Das Fricktal fiel bis 1803 nicht unter diesen Begriff. 1415-1798 umfasste das heutige Kantonsgebiet den Berner oder Unteraargau, die Grafschaft Baden, die Freien Ämter und das vorderösterr. Fricktal, 1798-1803 die helvet. Kt. Baden und A. sowie nach wie vor das Fricktal (1802-03 ebenfalls helvet. Kt.). Amtssprache ist Deutsch, Hauptort Aarau.

Fläche (1994)1 403,7 km² 
Wald / bestockte Fläche517,9 km²37,0%
Landwirtschaftliche Nutzfläche635,6 km²45,3%
Siedlungsfläche216,7 km²15,4%
Unproduktive Fläche33,5 km²2,4%

Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur
Jahr 1850190019501990
Einwohner 199 852206 498300 782507 508
Anteil an Gesamtbevölkerung der Schweiz8,4%6,2%6,4%7,4%
SpracheDeutsch 203 071291 101435 103
 Französisch 8193 1104 339
 Italienisch 2 4155 33524 758
 Rätoromanisch 43488755
 Andere 15074842 493
KonfessionProtestantisch107 194114 176171 296218 379
 Katholisch (bis 1900 inkl. Christkatholisch)91 09691 039122 172224 836
 Christkatholisch  5 0963 676
 Israelitisch1 562990496405
 Andere und konfessionslos792931 72260 212
 davon konfessionslos   30 476
NationalitätSchweizer196 890196 455290 049420 616
 Ausländer2 96210 04310 73386 892
Jahr 1905193919651995
Beschäftigte im Kt.1. Sektor60 63564 68717 55015 625a
 2. Sektor47 63263 224120 97297 358
 3. Sektor13 72121 10845 742141 333
Jahr 1965197519851995
Anteil am Schweiz. Volkseinkommen6,5%6,9%6,9%7,2%

a Zahl nach der Landwirtschaftl. Betriebszählung 1996

Quellen:BFS, HistStat

1 - Das Kantonsgebiet von der Urzeit bis ins Hochmittelalter

1.1 - Ur- und Frühgeschichte

Seit dem 19. Jh. spielten Lokalforscher und versch. Hist. Vereinigungen eine tragende Rolle in der Erforschung der Ur- und Frühgesch. Wichtige Forscher sind u.a. Jakob Heierli, der 1898 die Archäolog. Karte des Kt. A. herausgegeben hat, und Reinhold Bosch, der neben seiner Ausgrabungstätigkeit die Steinzeitwerkstatt in Seengen gegr. hat. Unter Bosch wurde 1947 die Kantonsarchäologie institutionalisiert. Quellen der Ur- und Frühgesch. sind seither vermehrt die kant. Ausgrabungen. Die rege Bautätigkeit seit den 1960er Jahren hat allerdings die Fundstellensituation und damit die aktuelle Kenntnis über die Besiedlung des Kantonsgebiets in ur- und frühgesch. Zeiten stark beeinflusst.

Der Naturraum des Kt. A. ist im Jura durch die Gebirgsbildung und im Mittelland infolge der Gletscherbewegungen des Quartärs (Eiszeiten) durch Moränenwälle stark gegliedert. Dies sowie die Lage an den grossen Flussläufen des schweiz. Mittellandes führte bereits in ur- und frühgesch. Zeit zu unterschiedl. kulturellen Entwicklungen in den Teilgebieten. Das in Südwest-Nordost-Richtung offene aarg. Mittelland hat immer wieder kulturelle Einflüsse aus beiden Richtungen aufgenommen. Das nördl. der Juraketten gelegene und nach Norden hin offene Fricktal gehört dagegen kulturgesch. zur Nordwestschweiz, mit Beziehungen zu Regionen nördl. des Rheins und in die Oberrheinebene.

1.1.1 - Alt- und Mittelsteinzeit

Der älteste Nachweis menschl. Präsenz ist ein ca. 150'000-100'000 Jahre alter Faustkeil aus Zeiningen-Uf Wigg. Ca. 50'000 Jahre alt ist ein aus der Zeit des Neandertalers stammendes, auf einer Niederterrasse des Rheins in Stein-Bustelbach gefundenes Steinwerkzeug, vergleichbar Werkzeugen von Löwenburg oder Cotencher. Aus der Spätphase der letzten Würm-Vergletscherung (ca. 35'000-8000 v.Chr.) sind zahlreichere menschl. Spuren bekannt: einzelne Feuersteinfunde sowie am rechten Ufer des Magdenerbachs, auf der Nordseite des kleinen Ermitagehügels bei Rheinfelden, von Rentier- und Wildpferdejägern mehrmals benutzte Rastplätze. Mit einem Temperaturanstieg und dem endgültigen Rückschmelzen der Gletscher entstand eine Moorlandschaft und nach und nach eine flächendeckende, lockere Bewaldung. Der Mensch lebte in dieser Zeit (8000-6000 v.Chr.) immer noch als Jäger, Fischer und Sammler und siedelte v.a. an den Seen und Flüssen sowie auf den Hochterrassen der grossen Täler. Zahlreich sind Überreste menschl. Aktivitäten auf den Hochterrassen des unteren Limmattals, z.B. versch. Rastplätze in Wettingen-Tägerhard. Erst spärl. nachgewiesen, aber noch vermehrt zu erwarten sind Siedlungen auf anderen Hochterrassen (z.B. Aaretal) oder in Situationen, die mit dem Wauwilermoos vergleichbar sind (z.B. Bünztal).

1.1.2 - Jungsteinzeit

Für das 6. Jt. v.Chr. sind in der Schweiz erstmals sesshafte Bauern belegt. Herausragende Erfindung der Jungsteinzeit ist das auch im Kt. A. häufig gefundene geschliffene Steinbeil. Aus dem Zeitraum bis 4500 v.Chr. sind im Kantonsgebiet keine eindeutig zuweisbaren Funde bekannt. Erst aus der Spätphase der frühen jungsteinzeitl. Besiedlung (4500-4200 v.Chr., Rössener Kultur, Egolzwiler Kultur) kennen wir aus Würenlos und Wettingen-Klosterscheuer, als älteste Zeugen bäuerl. Präsenz, einzelne Beilfunde. Das schweiz. Mittelland war in der Jungsteinzeit Grenzgebiet zweier grossräumiger Kulturbereiche, die sich nach dem Mittelmeer- bzw. Donauraum orientierten. Ab 4200 v.Chr. verschob sich diese Grenze vom mittleren Zürichsee allmähl. westwärts. Um 3500 v.Chr. muss sie irgendwo östl. der Juraseen, vielleicht im Kt. A., verlaufen sein. 4200-3500 v.Chr. wurden an versch. Orten Steinkistengräber errichtet. Im grössten bekannten Gräberfeld der Zentral- und Ostschweiz, in Lenzburg-Goffersberg, wurden die Individuen in 16 Steinkisten mehrheitl. in Hockerstellung bestattet. In den meisten Kisten war mehr als ein Toter beigesetzt worden. Dieser für die schweiz. Forschung wichtige Bestattungsplatz ist von seiner Grabform her der Westschweiz zuzuweisen (vgl. Pully-Chamblandes), wogegen die Grabbeigaben eher Richtung Ostschweiz deuten. Dass wir aus dieser Zeit im Kt. A. Gräber und Einzelfunde, nicht aber Siedlungen kennen, hängt einerseits mit der damals üblichen, wenig verzierten und deshalb schlecht identifizierbaren Keramik zusammen. Andererseits hat sich die Forschung seit ca. 1970 auf die Untersuchung von Seeufersiedlungen (gute Erhaltungsbedingungen) konzentriert, den Hallwilersee, den einzigen grösseren See im Kt., aber bisher noch nicht berücksichtigt. Von ca. 4000 v.Chr. bis in die späte Bronzezeit dürften am oder in der Nähe des Hallwilersees mehr Dörfer gestanden haben, als heute ausgewiesen sind; die bekannteste jungsteinzeitl. Siedlung am Hallwilersee ist Meisterschwanden-Erlenhölzli. Der Horgener und der Schnurkeramikkultur (3300-2400 v.Chr.) sind einige grössere Siedlungsplätze zuzuweisen, z.B. Mumpf-Chapf. In Sarmenstorf-Zigiholz, auf dem Höhenzug, der das Bünztal vom Seetal trennt, befindet sich eine wichtige Grabhügelgruppe mit Brandbestattungen aus der Zeit um 2400 v.Chr. Aus der gleichen Zeit stammt das 1997 entdeckte Kollektivgrab von Spreitenbach-Moosweg, je vier Frauen, Männer und Kinder sowie ein Neugeborenes, die in einer Holzkiste bestattet waren.

1.1.3 - Bronze- und Eisenzeit

Wie in der übrigen Schweiz ist auch im Kt. A. die Übergangszeit vom Neolithikum zur Bronzezeit (2400-1800 v.Chr.) schlecht oder gar nicht belegt. Ausnahme ist eine 1986 in Zurzach-Himmelrych gefundene Doppelbestattung. Erst aus dem Zeitraum 1800-1600 v.Chr. wurden vereinzelt Bronzebeile gefunden, die meisten im Aaretal oder an den Unterläufen der südl. Zuflüsse. Bedingt durch eine Bevölkerungszunahme ab dem 16. Jh. v.Chr. und ab 1200 v.Chr. vielleicht auch durch vermehrte krieger. Ereignisse, nutzte der Mensch neben den Seeufern (z.B. Seengen-Risle) oder den Hanglagen der Täler zunehmend auch natürl. Schutzlagen (z.B. Kestenberg ob Möriken, Wittnauer Horn). Diese Höhensiedlungen (mit Wallanlagen) waren z.T. bis in die ältere Eisenzeit (Hallstattzeit) bewohnt. Gräber aus der Spätbronzezeit wurden z.B. in Möhlin-Niederriburg gefunden.

Die Siedlungsgesch. der Hallstatt- und der Latènezeit (750 v.Chr.-1. Jh. v.Chr.) muss v.a. aus Grabfunden erschlossen werden. Viele kleinere und grössere Grabhügelgruppen wurden südl. der Aare gefunden, v.a. im Freiamt. Für den Fernhandel, der in diesem Zeitraum im Kantonsgebiet an Bedeutung gewann, dürften das Reusstal und seine Nebentäler als Nord-Süd-Verkehrswege eine gewisse Rolle gespielt haben. So ist es sicher kein Zufall, dass das Gräberfeld von Unterlunkhofen-Bärhau im Reusstal liegt. Zu einer bedeutenden Grabhügelnekropole wie dieser -- mit über 60 Grabhügeln der grössten ihrer Art in der Schweiz -- gehörte wohl eine bisher noch nicht bekannte befestigte Anlage, wie wir sie z.B. auf dem Üetliberg kennen. Weitere wichtige hallstattzeitl. Grabhügel oder Grabhügelnekropolen im Kt. A. sind Wohlen-Häslerau, Wohlen-Hohbühl, Schupfart-Tägertli, Seon-Fornholz und Reinach-Einschlag. Aus röm. Quellen wissen wir, dass im 1. Jh. v.Chr. das Mittelland vom kelt. Stamm der Helvetier besiedelt war. Nur schlecht kennen wir diese Zeit. Grössere Siedlungen standen in Mellingen und in Baden-Kappelerhof, eine befestigte Siedlung auf dem Windischer Plateau. Ob es sich bei der spätkelt. Schicht in Vindonissa um eines der zwölf von Caesar erw. Oppida handelt, ist noch nicht geklärt.

Autorin/Autor: Elisabeth Bleuer

1.2 - Römische Zeit

Die Gewichtung des A.s als Siedlungslandschaft von strateg. Bedeutung liegt in erster Linie in seiner Situation als Dreistromland (Aare, Reuss, Limmat) begründet, das sich zum Rhein hin entwässert. Dieser bildet eine natürl. Grenze nach Norden. Der Durchbruch der Aare durch den Tafeljura unterhalb von Brugg ergibt eine ebenso natürl. Pforte ins Mittelland. Diese besondere topograph. Situation hatte schon die nach der gegen Caesar verlorenen Schlacht bei Bibracte (58 v.Chr.) in ihre Heimat zurückgekehrten Helvetier veranlasst, auf dem Geländesporn bei Windisch eine befestigte Siedlung anzulegen, von welcher das untere Aaretal zu überblicken war. Ähnl. Überlegungen führten im Zusammenhang mit der Eroberung des Alpenraums durch Drusus und den späteren Ks. Tiberius 15 v.Chr. röm. Militärstrategen dazu, das Plateau von Windisch über dem Zusammenfluss von Aare und Reuss für die Gründung eines kleinen Militärkastells auszuwählen. Nach der Konsolidierung der nördl. Reichsgrenze entlang des Rheins in den Jahren nach 14 n.Chr. durch Ks. Tiberius wurde das Kastell zur Legionsfestung Vindonissa ausgebaut. Gleichzeitig entstanden zum Schutz der wichtigsten Heeresstrassen und Rheinübergänge in Kaiseraugst und Zurzach kleinere Kohortenkastelle.

Das Mittelland und somit auch das Gebiet des A.s wurde als Civitas der Helvetier in die röm. Provinz Belgica eingegliedert. Die Ausbreitung röm. Zivilisation und Kultur fand ihren Anfang. Erste dorfähnl. Siedlungen in Baden, Lenzburg und Zurzach entstanden, veranlasst durch die im Legionslager liegende Truppe. Um die Versorgung der rund 6'000 Mann starken Besatzung zu gewährleisten, gründete man an vielen günstig gelegenen Orten Gutshöfe, deren landwirtschaftl. Produktion in erster Linie zur Deckung des tägl. Bedarfs der in Vindonissa und in den umliegenden Militärstationen liegenden 13. Legion und ihrer Hilfstruppen diente. Verbunden waren diese Höfe durch ein engmaschiges Strassennetz, das seine Hauptachsen in den beiden Heeresstrassen Strassburg-Augst-Windisch-Zürich-Bündner Pässe und Gr.-St.-Bernhard-Avenches-Solothurn-Windisch-Zurzach-Hüfingen (D) hatte.

Die sich anbahnende wirtschaftl. Prosperität fand einen jähen Unterbruch durch krieger. Auseinandersetzungen nach dem Tod des röm. Ks. Nero (68 n.Chr.). Die Fehleinschätzung der polit. Lage durch die helvet. Miliz, welche im folgenden Jahr die Herrschaft des Vitellius ablehnte, führte zu einer Strafaktion durch die zu diesem Zeitpunkt in Vindonissa stationierte 21. Legion, die sich in der Zerstörung und Plünderung von Dörfern und Gutshöfen in der weiten Umgebung des Militärlagers manifestierte und ihr Ende erst vor den Toren der Helvetierhauptstadt Aventicum fand. Der Regierungsantritt Ks. Vespasians führte zu einer Beruhigung der Lage und zu einer Änderung der röm. Politik gegenüber dem rechtsrhein. Germanien.

Das Vordringen röm. Armeen nach Norden und die damit verbundene Verschiebung der Reichsgrenze (Limes) in der 2. Hälfte des 1. Jh. veränderte die Bedeutung des schweiz. Mittellands. Es war nicht mehr Grenz-, sondern Binnengebiet des Röm. Reichs und profitierte von einer nun beginnenden 150-jährigen Friedenszeit. Reger Handel liess die zivilen Siedlungen aufblühen und z.T. ausserordentl. reich ausgestattete Gutshöfe und Villen entstehen. Die grossen Gutsanlagen von Oberentfelden und Zofingen mit ihren Hauptgebäuden von über 90 m Frontlänge und ihren reichen Ausstattungen (Badeanlagen, Wandmalereien, Mosaiken usw.) gehören zu den eindrücklichsten Zeugen dieser Zeit. Die Besiedlung von Tälern und sonnigen Hängen war überaus dicht. Es gibt fast keine aarg. Gem., auf deren Gebiet sich nicht Reste von mind. einem Gehöft aus röm. Zeit befinden. Nach dem Abzug der 11. Legion aus dem Legionslager Vindonissa und dessen Aufgabe um 101 waren in erster Linie die Thermalstadt Baden (Aquae Helveticae) und der Marktplatz Lenzburg (Lentia?) mit seinem Kultzentrum (Theater, Tempel usw.) Zentren öffentl. und privaten Lebens. Handwerksbetriebe produzierten das zum tägl. Bedarf Notwendige und vertrieben es z.T. auch über den lokalen Bereich hinaus. Bekannt sind Töpfereien u.a. in Windisch, Baden und Lenzburg, Ziegeleien in Kölliken und Hunzenschwil sowie die beinahe industriell betriebenen Kalksteinbrüche in Mägenwil und Würenlos. Die Produkte des Bronzeschmieds Gemellianus aus Baden fanden gar Absatz in weiten Teilen des Röm. Reichs.

Erst die Alemanneneinfälle von 213 und 233 beendeten diese lange dauernde Friedenszeit. 259 und in den folgenden Jahren durchbrachen Alemannen mehrmals den obergerm. Limes und drangen bis weit ins schweiz. Mittelland vor. Dabei zerstörten und plünderten sie Städte, Dörfer und Gehöfte. Das Gebiet musste von der röm. Armee aufgegeben werden, und der Rhein wurde wieder Reichsgrenze. Die galloröm. Bevölkerung zog sich zum grossen Teil in neu befestigte Orte zurück. Castrum Rauracense (Kaiseraugst) und Tenedo (Zurzach) am Rhein, Castrum Vindonissense (Windisch) und Aquae Helveticae (Baden) im Hinterland waren die Kastellorte auf aarg. Boden. Später kam noch das Flusskastell von Altenburg bei Brugg dazu. Vereinzelt wurden auch Gutshöfe in bescheidenem Rahmen wiederaufgebaut (z.B. Birmenstorf, Oberkulm) oder neu errichtet (Rheinfelden). Die folgenden Jahrzehnte blieben aber unsicher. Immer wieder suchten Alemannen das Grenzgebiet heim. So wurde die Grenze entlang des Rheins besonders unter Ks. Konstantin d.Gr. zu Beginn des 4. Jh. unter Ks. Valentinian I. in der zweiten Jahrhunderthälfte kontinuierl. ausgebaut. Allein zwischen den Kastellen von Kaiseraugst und Zurzach entstanden über 20 Wachttürme unterschiedl. Grösse, die eine lückenlose Überwachung der Grenze gewährleisten sollten. Aber auch im Hinterland entstanden Wachtposten zur Strassensicherung (Mandacher Egg, Frick) und fluchtburgähnl. Befestigungen (Wittnauer Horn). Dennoch blieb die Situation gefahrvoll. Besonders um die Mitte des 4. Jh. fielen immer wieder Alemannen ein, was sich in einer grösseren Zahl von Versteckfunden ablesen lässt (z.B. Silberschatz von Kaiseraugst, Münzhorte aus Unterkulm und Hausen (AG)). Es waren dann vorwiegend innerital. Ereignisse (Westgoten- und Vandaleneinfälle, Thronwirren), die zu Beginn des 5. Jh. zum Abzug der am Rhein verbliebenen röm. Grenztruppen führten. Die zurückgebliebene galloröm. Bevölkerung lebte stark dezimiert und zurückgezogen in den befestigten Orten, bis gegen Ende des 5. Jh. das freie Land von Alemannen allmähl. besiedelt wurde.

Autorin/Autor: Martin Hartmann

1.3 - Frühmittelalter

Im Gegensatz zur röm. Epoche, in welcher der ganze nordalpine Bereich der Schweiz Teil zweier Provinzen war und eine mehr oder weniger einheitl. Entwicklung erlebte, wird das FrühMA geprägt durch unterschiedl. Einflüsse, die je nach Landesgegend und Quellenlage besser oder schlechter fassbar sind.

Allg. lässt sich feststellen, dass nach dem Ende der röm. Herrschaft, das in etwa mit dem Untergang Westroms (476) zusammenfiel, die Nord- und Ostschweiz sukzessive von alemann. Einwanderern besiedelt wurde. Diese friedl. und Jahrzehnte dauernde Landnahme wurde offensichtl. von den merowing. Kg. des Frankenreichs geduldet, verm. gar gefördert. Auseinandersetzungen mit der einheim., stark reduzierten galloröm. Bevölkerung im Umfeld der spätantiken Kastellorte Kaiseraugst, Zurzach oder Windisch sind nicht bezeugt. Die Niederlage der Alemannen 496/497 gegen den merowing. Kg. Chlodwig I. führte zu einer ersten Integration der alemann. Gebiete, zu denen auch der aarg. Raum zu zählen ist, ins Frankenreich. Sie unterstanden alemann. Hzg., die von den merowing. Kg. eingesetzt wurden. Um die Mitte des 7. Jh. verselbständigte sich das alemann. Herzogtum weitgehend. Es wurde erst unter den karoling. Hausmeiern 746 erneut unterworfen und endgültig aufgelöst. Der A. wurde dadurch Teil des Karolingerreichs, wobei der karoling. Aregau ein wesentl. grösseres Gebiet als das des heutigen Kt. A. umfasste.

Etwas differenziertere Angaben lassen sich zu den frühma. kirchl. Strukturen machen. Diese basierten vorerst auf den in der Spätantike entstandenen Bistümern. Sowohl für Kaiseraugst (im 4. Jh. und im frühen 7. Jh.) wie auch für Windisch (im 6. Jh.) sind Bf. belegt. Windisch wurde verm. durch Avenches und später Lausanne, vielleicht auch durch das in der 1. Hälfte des 7. Jh. gegr. Bistum Konstanz ersetzt. Der Sitz von Kaiseraugst wurde wohl im 7. Jh. nach Basel verlegt. Spätröm. Wurzeln haben auch die frühen kirchl. Bauten in Zurzach. Aus ihnen entwickelte sich im Verlauf des FrühMA das älteste klösterl. Zentrum des A.s. Den frühen christl. Gem. in den ehem. spätröm. Kastellen stand die neu eingewanderte, weitgehend heidn. alemann. Bevölkerung gegenüber, von der sich vorerst ledigl. Angehörige der Führungsgruppe in Anlehnung an das merowing. Königshaus zum Christentum bekannten.

Eine weiterreichende Christianisierung setzte erst mit der irischen Mission im frühen 7. Jh. ein, für die man allerdings im aarg. Raum bis heute keine Belege kennt. Ob der hl. Fridolin von Säckingen (D) aus, wo er als Klostergründer gilt, auch im A. wirksam war, wissen wir nicht. Jedenfalls lassen sich die frühesten Kirchenbauten ausserhalb der spätröm. Kastelle in diesen Zeitraum datieren. Dabei sind zwei Kirchentypen zu unterscheiden: einerseits die Pfarrkirchen mit Tauf-, Begräbnis- und Zehntrecht, wie z.B. die St. Leodegarkirche in Rein (Gem. Rüfenach), die St. Mauritiuskirche in Suhr oder die St. Martinskirche in Windisch, andererseits die vom sich ausbildenden lokalen Adel als persönl. Grablege gestifteten Eigenkirchen, für deren Unterhalt die Stifterfam. aufzukommen hatten. Beispiele dafür sind die frühen Kirchen von Frick, Schöftland, Seengen und Zofingen, die alle in die Zeit um 600 zu datieren sind.

Die Resultate archäolog. und ortsnamenkundl. Forschungen zeichnen heute ein recht differenziertes Bild der frühma. Siedlungsentwicklung im A. Den Ortsnamen, die auf eine urspr. galloröm. Besiedlung hinweisen, wie Herznach, Schinznach oder Mandach, sowie den Friedhöfen des 5. und 6. Jh. der galloröm. Bevölkerung von Kaiseraugst, Zurzach oder Windisch stehen die vom frühen 6. Jh. an nachgewiesenen Reihengräberfelder der eingewanderten Alemannen gegenüber (z.B. Brugg, Elfingen, Jonen, Rekingen, Villigen). Die älteren alemann. Ortsnamen-Endungen -ingen, -heim oder -dorf (z.B. Oftringen, Muhen, Sarmenstorf) und die etwas jüngeren Endungen -ikon oder -bach (Dintikon, Spreitenbach) zeichnen die mehr oder weniger von Norden nach Süden und vom späten 5. bis ins frühe 8. Jh. erfolgende alemann. Besiedlung des A.s nach.

Die Befunde zur frühma. Siedlungsweise und Wirtschaft sind spärlich. Vereinzelte Grabbeigaben (Zofingen, Elfingen) geben Hinweise auf Handelsbeziehungen mit dem oberital. Langobardenreich. Ein kleiner Münzschatz merowing. Silberdenare aus der Mitte des 8. Jh. vom Wittnauer Horn deutet auf Beziehungen zum Niederrhein hin.

Autorin/Autor: Martin Hartmann

2 - Herrschaft, Politik und Verfassung vom Hochmittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts

2.1 - Hochmittelalterliche Herrschaftsstrukturen

Von den ersten urkundl. Erwähnungen im 8. Jh. an hat der A. in seiner geogr. Gesamtheit nie eine polit. oder herrschaftl. Einheit gebildet. In einwandfrei gesicherter Überlieferung erstmals 795 mit in pago Argue umschrieben, umfasste der A. als vager Landschaftsbegriff bis ins SpätMA das Einzugsgebiet der Aare von deren Zusammenfluss mit Reuss und Limmat bis ins Berner Oberland und bis an den Alpenrand am Vierwaldstättersee. Nicht zum A. gehörten dagegen die heutigen Kantonsgebiete östl. der Reuss und nördl. des Jurakamms. Einzelne Teile des weitläufigen, durch Flüsse und Höhenzüge stark gegliederten A.s erhielten schon früh eigene Landschaftsbezeichnungen (861 in superiori pago Aragauginse), was aber keineswegs als "Teilung" eines (imaginären) fränk. Verwaltungsbez. gedeutet werden darf, der ident. mit dem geogr. Begriff gewesen wäre.

Die auf frühma. Grundlagen entstandenen kirchl. Organisationsstrukturen im heutigen Kantonsgebiet dürften in den Grobformen -- abgesehen von späteren Klostergründungen -- bereits im 9./10. Jh. voll ausgebildet gewesen sein, auch wenn sie erst im SpätMA genauer fassbar werden. Der gesamte A. rechts bzw. südl. der Aare gehörte zur Diözese Konstanz und war in Dekanate unterschiedl. Grösse eingeteilt (u.a. Kloten, Wohlenschwil, Reitnau). Die meisten dieser ehem. Dekanate werden von den heutigen Kantonsgrenzen durchschnitten. Das Fricktal zählte zur Diözese Basel. Ausser der Umgebung von Rheinfelden, die im Dekanat Sisgau lag, bildete das Juragebiet zwischen Aare und Rhein das Dekanat Frickgau.

Durch den Teilungsvertrag von Verdun (843) gelangte das Gebiet rechts der Aare an das ostfränk. Reich Ludwigs des Deutschen. Das erklärt vielleicht die kirchl. Unterstellung dieser Region unter die Diözese Konstanz, hatte aber auf den Prozess der Herrschaftsbildung keine langfristigen Auswirkungen. Grundherrl. Strukturen im A. werden durch Güterübertragungen weltl. Besitzer an die Kirche im 9. und 10. Jh. fassbar. Um dieselbe Zeit sind auch gräfl. Herrschaftsbereiche durch die Nennung von comitatus (z.B. 894 in superiori Aragouue in comitatu Hebarhardi) bezeugt. Im Laufe des 10. Jh. gelang es den Kg. von Hochburgund, ihren Einflussbereich über den grössten Teil des A.s bis an die Reuss vorzuschieben. Ein weiteres Vordringen verhinderte 919 Hzg. Burchard II. von Schwaben durch seinen Sieg bei Winterthur über Kg. Rudolf II. von Burgund. Die Schwäche der königl. Zentral- und Territorialgewalt in Burgund erleichterte im A. die Bildung autonomer Adelsherrschaften, deren Entstehung eng mit dem Prozess des hochma. Landesausbaus verknüpft war.

Ab wann im A. die Errichtung von Burgen mit Zentrumsfunktion den Prozess der Herrschaftsbildung begleitet hat, ist beim gegenwärtigen Forschungsstand schwer abzuschätzen. Archäolog. Befunde von Alt-Homberg im Fricktal und von der Frohburg, deren Besitzer urspr. im Raum Zofingen-Knutwil begütert waren, reichen ins 10. oder 9. Jh. zurück (Die früher in die Jahrtausendwende datierten "Megalithtürme", z.B. von Aarau oder Hallwil, gehören ins 13. Jh.). Für die Gesch. des A.s wäre es von besonderem Interesse, Genaueres über die Anfänge der Lenzburg zu wissen, die im Kernbereich des A.s bei der Entwicklung der gräfl. Landesherrschaft eine Schlüsselstellung einnahm. Archäolog. Befunde setzen im 11. Jh. ein, doch bleibt die Frage nach einem evtl. höheren Alter der Lenzburg einstweilen offen. Dass die Aufrichtung kleinerer, burgengestützter Herrschaften -- verm. durch edelfreie Gruppen -- um die Jahrtausendwende eingesetzt haben muss, wird durch versch. Grabungsbefunde belegt (u.a. Kaisten, Tegerfelden, evtl. auch Hallwil).

Als bedeutendste Machthaber des 11. und 12. Jh. haben die Gf. von Lenzburg zu gelten, doch bleiben die Anfänge ihrer Stellung im A. im Dunkeln. Um 1036 treten sie als Schirmvögte des Stifts Beromünster in Erscheinung, das sie aber nicht selbst gegr., sondern von nicht sicher bestimmbaren Vorgängern übernommen zu haben scheinen. Beginnend mit Ulrich I. (1. Hälfte 11. Jh.) bezeichneten sie sich als Gf. im A. und nannten sich nach der Lenzburg. Ihre hauptsächl. Machtbereiche erstreckten sich im A. einerseits auf die Schirmvogtei über Beromünster und andererseits auf das Seetal und das Gebiet um Baden, wo sie mit dem "Stein" über eine zweite Burg verfügten. Ferner übten sie die Kastvogtei über das Stift Säckingen (D) aus. Der Lenzburger Herrschaftsverband im A. bildete keine geschlossene Einheit, sondern ein heterogenes, von autonomen Güterkomplexen durchsetztes Machtgebilde, das von den gräfl. Hoheitsrechten zusammengehalten wurde.

Längs der Reuss entstand im 11. Jh. als zweites herrschaftl. Kraftfeld der Besitzkomplex des Hauses von Habsburg, der sich um die 1030/40 gegr. Habsburg sowie um das habsburg. Hauskloster Muri gruppierte. Westl. des lenzburg. Machtbereichs, im Wiggertal, begann das Einflussgebiet der Gf. von Frohburg. Kleinere Herrschaftskomplexe richteten im 11. und 12. Jh. u.a. die Frh. von Hallwyl, von Balm, von Eschenbach, von Tegerfelden und andere edelfreie Herren auf. Im Fricktal sassen die Gf. von Homberg-Thierstein.

In der Reichspolitik des 10. und 11. Jh. spielte der A. eine zweitrangige Rolle. Erst der Investiturstreit, in dem die Lenzburger zusammen mit dem Bf. von Basel und dem Abt von St. Gallen für den Ks. Partei ergriffen, rückte am Ende des 11. Jh. den A. ins Blickfeld des kaiserl. Interesses. Während vom Zusammenbruch des Hauses Rheinfelden -- dessen Hauptbesitz sich im Oberaargau um Burgdorf konzentrierte -- ausser dem Bf. von Basel v.a. die Zähringer profitierten, gelangten die Lenzburger durch kaiserl. Gunst in den Besitz der päpstl. gesinnten Nellenburger im Zürichgau. Ihre kaiserfreundl. Haltung übertrugen sie um die Mitte des 12. Jh. auf das stauf. Herrscherhaus, für das sie in der Folgezeit als zuverlässigste Stütze im nördl. Alpenvorland galten. Als 1172 bzw. 1173 beide Linien (Baden, Lenzburg) des Geschlechts im Mannesstamm erloschen, regelte Ks. Friedrich I. Barbarossa die Erbfolge, wozu er 1173 persönl. auf der Lenzburg erschien. Den Habsburgern wurden ausser der Kastvogtei über Säckingen (D) die Grafschaftsrechte sowie sonstige Güter im A. überlassen. Dem Versuch des Ks., das übrige Erbe, im A. insbes. die Herrschaft Lenzburg und die Vogtei Beromünster, durch Übertragung an seinen Sohn, den Pfalzgf. Otto, seinem Hause zu sichern, blieb der Erfolg versagt. Denn spätestens nach Ottos frühem Tod (um 1200) gelang es den Gf. von Kyburg, ihre Erbansprüche auf die Lenzburger Güter durchzusetzen und die Staufer aus dem A. zu verdrängen.

Herrschaftspolit. erlangte der A. für die Gf. von Kyburg erhöhte Bedeutung, als sie nach dem Aussterben der Zähringer (1218) deren linksrhein. Besitz erbten, namentl. die Reichsvogtei Zürich und die Güter im Oberaargau. Dies öffnete den Kyburgern die Perspektive, eine Territorialherrschaft aufzurichten, die vom Bodensee bis ins Berner Oberland gereicht und in welcher der A. ein zentrales Teilstück gebildet hätte. Die territorialpolit. Durchdringung des A.s durch die Kyburger in der 1. Hälfte des 13. Jh. äusserte sich u.a. in der Gründung bzw. Erweiterung von Städten (u.a. Baden, Aarau, Richensee und Mellingen), ferner im Ausbau landesherrl. Burgen und ansatzweise in der Integration des autonomen Landadels in die kyburg. Lehns- und Dienstabhängigkeit. Es gelang den Kyburgern allerdings nicht, all die vielen, burgengestützten Kleinherrschaften, die sich im A. im 12. und 13. Jh. vornehml. im Rodungsland gebildet hatten, vollst. unter ihre Kontrolle zu bringen.

In enger Verflechtung mit der Bildung weltl., burgengestützter Herrschaften entstanden im A. vom 10. Jh. an klösterl. Grundherrschaften. Auswärtige Klöster wie Allerheiligen in Schaffhausen, St. Blasien (D), Einsiedeln oder Engelberg verfügten über weitläufiges, um Dinghöfe gruppiertes Streugut. Der Besitz von St. Gallen beschränkte sich hauptsächl. auf das Gebiet östl. der Aare und der Limmat. Das rechtsrhein. gelegene Benediktinerinnenkloster Säckingen (D) verfügte im A. v.a. über Besitz im Fricktal (u.a. Laufenburg).

Zu den frühesten Klostergründungen im A. gehören Beromünster und Muri. Ersteres, unter nicht eindeutig erkennbaren Umständen wohl noch im 10. Jh. entstanden, entwickelte sich im 11. Jh. als Chorherrenstift zum Hauskloster der Gf. von Lenzburg. Die Abtei Muri, um 1020/30 als Benediktinerniederlassung gegr., war neben Murbach und Ottmarsheim im Elsass das wichtigste Hauskloster der Habsburger. Urkundl. in den Anfängen nur schwer fassbar, kann auch das Mauritiusstift in Zofingen zu den frühen Klostergründungen gerechnet werden, obwohl seine Konstituierung als Chorherrenstift durch die Gf. von Frohburg erst um 1200 erfolgte.

Vom ausgehenden 12. Jh. an breitete sich im A. der Zisterzienserorden aus. Als bedeutendste Niederlassung hat ausser dem luzern. St. Urban die Rapperswiler Gründung Wettingen (1227) zu gelten; Zisterzienserinnenklöster entstanden in Olsberg und Gnadental. Ebenfalls ins 13. Jh. fallen die Gründungen von Johanniterniederlassungen in Leuggern, Klingnau und Rheinfelden. Nur geringe Bedeutung erlangten die Bettelorden in den aarg. Städten (Zofingen, Aarau). Im Zuge seines Territorialisierungsprozesses vermochte das Haus Habsburg dank der Erwerbung der Kastvogteirechte bis um 1300 die herrschaftl. Kontrolle über den meisten klösterl. Grundbesitz im A. zu erlangen.

Als zentrales Mittel der landesherrl. Politik wurde vom 12. Jh. an auch im A. die Städtegründung eingesetzt. Die Zähringer wurden bei Rheinfelden aktiv. Bedeutendste Städtegründer des 13. Jh. waren die Gf. von Kyburg, die Frohburger und v.a. die Habsburger. Edelfreien Herren verdanken Klingnau und Kaiserstuhl ihre Entstehung.

Die mittelalterlichen Gründungsstädte
StadtGründerGründungszeit
AarauKyburgerum 1240
AarburgHabsburgernach 1300
BadenKyburger1230-1240
BremgartenHabsburgerum 1230
BruggHabsburgernach 1200
KaiserstuhlRegensbergerum 1254
KlingnauUlrich von Klingen1239
LaufenburgHabsburgervor 1207
LenzburgKyburgerum 1240
MeienbergHabsburgernach 1250
MellingenKyburgerum 1230
RheinfeldenZähringer1130-1140
ZofingenFrohburgerfrühes 13. Jh.

Quellen:C. Seiler, A. Steigmeier, Gesch. des Aargaus, 1991, 29

Stärkste Konkurrenten der Kyburger im Seilziehen um die landesherrl. Macht im A. waren die Gf. von Habsburg, die ihre Stellung im Laufe des 12. und 13. Jh. schrittweise zu festigen und zu erweitern verstanden. Ihre Macht stützte sich wie bei den Kyburgern auf die Gründung von Städten bzw. die Verleihung von Stadtrechten, auf den Bau von Burgen (z.B. Freudenau, Besserstein [Gem. Villigen]) sowie auf einen zahlreichen, durch Dienst- und Burglehen verpflichteten Ministerialadel. Durch die Beerbung der Gf. von Homberg im Fricktal (nach 1223) erlangte für sie der Bözberg, den sie kolonisierten, herrschafts- und verkehrspolit. Bedeutung. Als Mittelpunkt des Fricktaler Besitzes legten die Habsburger gegen 1240 auf säcking. Boden unter Ausnutzung zweier schon um 1200 errichteter Burgen die Brückenstadt Laufenburg an. Eine Besitzteilung um 1240 zwischen den Brüdern Albrecht IV. und Rudolf III. führte zur Ausgliederung des Fricktals, das an die Linie Habsburg-Laufenburg gelangte, aus dem habsburg. Hausgut.

Nach dem Erlöschen des Grafenhauses Kyburg um 1264 vermochte Gf. Rudolf IV. von Habsburg, der spätere Kg. Rudolf I., unter Ausschaltung anderweitiger Erbansprüche den Kyburger Besitz seinem Hausgut einzuverleiben. Damit bot sich den Habsburgern die Möglichkeit, den von den Lenzburgern und Kyburgern ins Auge gefassten Plan zu realisieren, im A. eine geschlossene Landesherrschaft aufzurichten. Gegen 1300 erwarben sie von den Frohburgern die Stadt Zofingen mit der Münzstätte sowie die Feste Aarburg; die Siedlung zu deren Füssen erhoben sie zur Stadt. 1330 brachten sie Rheinfelden in ihren Besitz. Kleinere Herrschaften unterwarfen sie ihrer Lehnsgewalt oder banden deren Inhaber durch Ämter, Lehen und Pfandschaften an sich. Mit der Errichtung von Ämtern (officia), die von Burgen und Städten aus verwaltet wurden, bauten die Habsburger ein landesherrl. Administrations- und Steuersystem auf, dessen Strukturen im sog. Habsburg. Urbar von ca. 1305 sowie im Lehenrodel von 1361 (Lehenhof von Zofingen) überliefert sind. Als Mittelpunkt der habsburg. Herrschaft im A. diente vom späten 13. Jh. an nicht mehr die Feste Habsburg, sondern die für eine landesherrl. Hofhaltung besser geeignete Lenzburg, auf welcher im frühen 14. Jh. ein grosses Saalhaus errichtet wurde. Die Gf. von Habsburg-Laufenburg residierten in der Feste zu Laufenburg.

Gegen den Territorialisierungsdruck der Habsburger leisteten versch. Herren aus dem edelfreien Hochadel, die um ihre Autonomie bangten, entschieden Widerstand. Dieser gipfelte 1308 im Attentat auf Kg. Albrecht I., an dem auch Herren aus dem A. (Balm, Eschenbach, Tegerfelden) beteiligt waren. Der nachfolgende Blutrachekrieg gegen die Königsmörder zerschlug deren Güterkomplexe und beschleunigte letztl. den habsburg.-österr. Territorialisierungsprozess.

Von der Mitte des 14. Jh. an rückte der A. in die territorialpolit. Interessensphäre der eidg. Städte Zürich, Bern und Luzern. Während sich Berns Hauptaugenmerk auf die Gebiete der habsburg. Nebenlinie Neu-Kyburg im Oberaargau richtete, zielten Luzerns Vorstösse auf die habsburg. Herrschaften im südl. A., und Zürichs Interesse galt den Verbindungslinien zur Innerschweiz sowie den habsburg. Gebieten längs der Limmat. Habsburg-Österreich, territorialpolit. immer mehr im niederösterr. Raum engagiert, leistete gegen das eidg. Vordringen nur mässigen Widerstand und war v.a. bemüht, durch Bündnisse und Verträge offene Konflikte zu vermeiden (Vermittlungstätigkeit der in Königsfelden lebenden Königin Agnes). Im Sempacherkrieg (1385-89) vermochten die Eidgenossen ihre Erwerbungen im südl. A. zu behaupten, während das Kerngebiet des A.s zwischen Baden und Zofingen noch ausserhalb des eidg. Expansionsraums blieb. Auf der Verbindungsachse zwischen dem Bodensee und dem Elsass gelegen, sollte das habsburg.-laufenburg. Fricktal, 1386 erworben und 1408 als lediges Lehen kassiert, für Habsburg-Österreich längerfristig eine grössere Bedeutung behalten als der exponierte, randständige A.

Autorin/Autor: Werner Meyer

2.2 - Der Aargau wird eidgenössisch (1415)

Die latenten Spannungen zwischen dem dt. Kg. Sigismund und Friedrich IV. von Habsburg, Hzg. von Österreich, eskalierten am Konzil von Konstanz 1415, nachdem Friedrich dem Papst Johannes XXIII. zur Flucht verholfen und selbst die Stadt verlassen hatte. Kg. Sigismund setzte den Hzg. in die Acht und forderte alle Nachbarn auf, dessen Besitzungen im Namen des Reichs zu besetzen. Den Eidgenossen sollte dabei die Aufgabe zufallen, den A. (zu dem damals das Fricktal nicht gehörte) einzunehmen. Die Aufforderung stiess nur bei Bern auf Zustimmung, das bereits 1414 dem Kg. seine Unterstützung gegen Friedrich zugesagt hatte. Die übrigen Orte verhielten sich eher ablehnend. Offiziell war der Fünfzigjährige Frieden von 1412 mit Österreich der Hinderungsgrund. Wichtiger war jedoch die Besorgnis der Länderorte über eine einseitige Expansion der Stadtorte Bern, Luzern und Zürich, die von einer Eroberung habsburg. Besitzes zweifellos profitieren würden. Die innereidg. Verhandlungen an der Tagsatzung von Beckenried, anfangs April 1415, sind nicht dokumentiert, dürften sich aber v.a. um die Rechte an den zu erobernden Gebieten gedreht haben.

Nach dem Urteil des Reichsfürstengerichts, das den Reichskrieg über den Friedensvertrag stellte, und nach der Zusicherung zahlreicher königl. Privilegien schritten die Eidgenossen (ohne Uri) im April 1415 zur Eroberung. Bern handelte zielstrebig und rasch. Seine Truppen nahmen innert zweier Wochen die Städte Aarburg, Aarau, Zofingen, Lenzburg und Brugg sowie zahlreiche Burgen habsburg. Dienstleute im Aaretal und in den Seitentälern ein. Ein Teil der Berner Truppen operierte am Schluss des Feldzugs mit den übrigen Eidgenossen vor Baden. Die restl. sechs Orte gingen unter der Führung Zürichs und Luzerns mangelhaft vorbereitet vor. Es fehlte eine gemeinsame, auf einer Tagsatzung festgelegte Strategie. Die Luzerner eroberten die Stadt Sursee und die Ämter Meienberg und Richensee und vereinigten sich bei Mellingen mit den Zürchern, die bereits Dietikon und das Amt Affoltern besetzt hatten. Nach der Kapitulation Mellingens zogen Luzerner und Zürcher vor Bremgarten und vereinigten sich hier mit den Truppen aus Unterwalden, Glarus, Zug und Schwyz. Durch einen Waffenstillstandsvertrag gingen Bremgarten und der Rest des Freiamts an die Eidgenossen über; die Gegend um Villmergen hatte sich bereits zuvor den Luzernern angeschlossen. Auf grossen Widerstand stiessen die Eidgenossen vor Baden. Die Stadt ergab sich schliessl. am 3. Mai, die Festung Stein am 18. Mai, nach der Beschiessung durch Berner Geschütze. Damit ging die Vogtei Baden ebenfalls an die Eidgenossen über. Das habsburg. Archiv wurde nach Luzern gebracht und der Stein entgegen den königl. Weisungen zerstört. Damit war der Feldzug innert Monatsfrist abgeschlossen. Mit dem käufl. Erwerb der Pfandschaft über die Vogtei Baden und die Städte Baden, Mellingen, Bremgarten und Sursee durch Zürich am 22.7.1415 wurde der Reichsanspruch formal gewahrt. Am 18.12.1415 nahm Zürich die fünf Orte Luzern, Schwyz, Unterwalden, Zug und Glarus in diese Pfandschaft sowie Bern in die Pfandschaft Badens auf. Bern erhielt am 1.5.1418 die Pfandschaft und die Rechtsnachfolge Österreichs für die Städte Zofingen, Aarau, Lenzburg und Brugg. Auf dieser Grundlage blieb die Herrschaft der Eidgenossen über den ehem. habsburg. A. gegenüber allen Rückforderungsbestrebungen Österreichs erhalten.

Autorin/Autor: Dominik Sauerländer

2.3 - Regieren und Verwalten (1415-1798)

Bis 1425 teilten die Eidgenossen das eroberte Gebiet wie folgt auf: Bern behielt die Hoheitsrechte über den Unteraargau (dazu 1460 und 1463 Übernahme der Herrschaften Schenkenberg und Wessenberg, 1499 Besetzung der Herrschaft Biberstein, Kauf des Niedergerichts Urgiz und der Niedergerichte in Bözen, Effingen und Elfingen), Zürich über das Freiamt Affoltern, Luzern über das Michelsamt (1425 Rückgabe der Ämter Richensee, Meienberg sowie Villmergens an die Freien Ämter). Die übrigen eroberten Territorien bildeten die Gemeinen Herrschaften Grafschaft Baden und Freie Ämter. Verwaltet wurden die Grafschaft Baden bis 1443 (Eintritt Uris) von sieben Orten, die Freien Ämter bis 1532 (Eintritt Uris) von sechs Orten (ohne Bern und Uri). Nach dem 2. Villmergerkrieg erfolgte 1712 die Trennung in die Oberen und Unteren Freien Ämter. Die Unteren Freien Ämter und die Grafschaft Baden unterstanden nun den ref. Orten Bern und Zürich sowie dem im Krieg neutral gebliebenen, parität. Glarus. In die Verwaltung der Oberen Freien Ämter nahm zusätzl. Bern Einsitz. Das Fricktal blieb bei Vorderösterreich.

2.3.1 - Entwicklung der Verwaltung

Die Eidgenossen versuchten, die im Kern durch die hohe Gerichtsbarkeit und die damit verbundenen Vogteirechte gebildete Landesherrschaft der Habsburger zu einer staatl. Verwaltung auszubauen, was allerdings nur im Berner A. annähernd gelang. Hier zog Bern zahlreiche Twingherrschaften durch Kauf oder Übernahme an sich. Nach der Reformation (1528) und dem Übergang aller kirchl. Institutionen an den Staat setzte der Wandel von der landesherrl. zu einer frühstaatl. Verwaltung mit Mandaten sowie mit der Förderung einer einheitl. Gesetzgebung und Rechtssprechung ein. In den Gemeinen Herrschaften dagegen beschränkten sich die regierenden Orte darauf, die landesherrl. Rechte -- v.a. die Blutgerichtsbarkeit, aber auch die Mannschaftsrechte und polizeil. Befugnisse -- in ihre Hände zu bekommen. Im Norden der Grafschaft Baden geschah dies in Konkurrenz zum Bf. von Konstanz, der schliessl. seiner Rechte verlustig ging. Alte Twingherrschaften (v.a. der Klöster St. Blasien [D], Wettingen und Muri) blieben in den Gemeinen Herrschaften bestehen. Die Städte Baden, Mellingen und Bremgarten behielten die hohe Gerichtsbarkeit. Auch im Fricktal blieben Twingherren, wie das Stift Säckingen (D), in ihren Rechten. Österreich kontrollierte hier ebenfalls die hohe Gerichtsbarkeit, das Militärwesen und die Polizei, verfügte aber zusätzl. über ein Steuersystem. Die Waldstädte Rheinfelden, Laufenburg, Waldshut (D) und Säckingen (D) behielten ihre speziellen Rechte.

2.3.2 - Organisation der Verwaltung

Alle Untertanengebiete wurden von Landvögten als obersten landesherrl. Beamten verwaltet. Die Landvögte stammten aus der Aristokratie der regierenden Orte bzw. im Fricktal aus dem österr. Adel. Im Berner A. regierten im 18. Jh. sieben Landvögte ebenso viele Ämter vor Ort, jeweils unterstützt von einem kleinen Beamtenstab. Für die Grafschaft Baden bzw. (bis 1712) für die Freien Ämter war jeweils nur ein Landvogt zuständig. In den Gemeinen Herrschaften wurde dieser für eine zweijährige Amtsdauer im Turnus von den beteiligten eidg. Orten eingesetzt. Vogteisitz der Grafschaft Baden war die gleichnamige Stadt. In den Freien Ämtern war der Landvogt nicht residierend; die Verwaltung besorgte ab 1562 fakt. der ihm direkt unterstellte Landschreiber in Bremgarten. Der österr. Landvogt für das Fricktal hatte seinen Sitz bis 1651 im elsäss. Ensisheim, danach in Freiburg i.Br. Die Verwaltungsarbeit wurde von den zwei Kameralämtern Laufenburg und Rheinfelden unter der Leitung eines Oberamtmanns geleistet. Mitte des 18. Jh. führte die gesamtösterr. Verwaltungsreform zu einer Intensivierung der Verwaltung, die auch die Landstände (Körperschaften mit alten Rechten) zunehmend an den Rand drängte.

2.3.3 - Die Rolle der Gemeinden

Dorfgem., Kirchgem. und Gerichte waren wichtige Glieder der bern. Verwaltung. Der Dorf-Untervogt bildete die Scharnierstelle zwischen Landvogtei und Gem. Die Munizipalstädte Aarau, Lenzburg, Brugg und Zofingen unterstanden Bern direkt. Weniger integriert waren die Gem. in den Gemeinen Herrschaften und im Fricktal. In der Grafschaft Baden bildeten die Eidgenossen elf Ämter, denen je ein Untervogt vorstand. Die Gem. behielten ihre Rechtsstrukturen mit Grundherren und Niedergerichten. In den Freien Ämtern bestanden 13 Ämter, denen ebenfalls je ein Amtsuntervogt vorstand. Die kommunalen Gerichtsrechte gingen im 16. und 17. Jh. fast völlig an die herrschaftl. Amtsgerichte über, Twingherren blieben aber in ihren Rechten. Im Fricktal kam dem Obervogt die Mittlerstelle zwischen Gem. und Obrigkeit zu. Sein Zuständigkeitsbereich, die Obervogtei, umfasste mehrere Dörfer. In allen Aargauer Gem. basierte die Organisation prinzipiell auf den Beschlüssen der Versammlung der Dorfgenossen, teilweise unter Vorbehalt der Genehmigung durch den Landes- oder Twingherrn. Gemeindeämter wurden immer mehr innerhalb der dörfl. Oberschicht vergeben. Hintersassen wurden zunehmend ausgeschlossen und der Zuzug durch hohe Einzugsgebühren eingeschränkt.

2.3.4 - Kirche und Staat

Durch die Reformation wurde im Berner A. die Kirche Teil der bern. Staatsverwaltung. Die kommunalen Chorgerichte (Sittengerichte) kontrollierten die Einhaltung der obrigkeitl. Sittenmandate. In den Gemeinen Herrschaften kam der Konfession insofern grosse polit. Bedeutung zu, als die Kirchgem. im Wechsel unter dem Einfluss von Landvögten ref. bzw. kath. Orte standen. Entsprechend kämpften die amtierenden Landvögte um Einfluss in kirchl. Fragen. Nach 1712 löste sich die Spannung infolge der konfessionellen Gleichberechtigung etwas. Die Freien Ämter teilten sich in die kath. beherrschten Oberen Freien Ämter und die von den ref. Orten kontrollierten Unteren Freien Ämter. Die Grafschaft Baden war konfessionell gemischt, bei deutl. Überhang der kath. Gem. Im Fricktal wurde im 18. Jh. die kath. Kirche durch die aufklärer. österr. Kirchenreform zur Staatskirche (Josephinismus).

2.3.5 - Wehrwesen

Streng organisiert war das Wehrwesen einzig im Berner A. Die Gem. trugen bis ins 18. Jh. die Kosten einer regelmässigen Kriegsausbildung und Bewaffnung ihrer Bürger. In den Gemeinen Herrschaften wurden die Wehrordnungen kaum durchgesetzt. Die österr. Untertanen im Fricktal waren in der Landmiliz organisiert, die jedoch nach dem Span. Erbfolgekrieg weitgehend zerfiel.

2.3.6 - Innere Konflikte und Vorboten der Wende

Die Freien Ämter und der Berner A. waren 1653 in den Bauernkrieg involviert. Die restriktive Politik von Bern wie Luzern in der wirtschaftl. Krise nach dem Dreissigjährigen Krieg brachten das labile Gleichgewicht zwischen obrigkeitl. Repression und lokaler Autonomie zum Kippen. Die Fragilität dieses Gleichgewichts zeigen auch Auseinandersetzungen von Gem. mit Twingherren (etwa in Schöftland 1669) oder mit der Obrigkeit (z.B. wegen der neuen Berner Landsteuer 1641 oder einer neuen Weinsteuer im Fricktal 1612-14). Im 18. Jh. wurden die Ideen der Aufklärung von der Bevölkerung dennoch wenig rezipiert. Man war misstrauisch und lehnte, v.a. in den kath. Gebieten, revolutionäre Ideen wegen ihrer antireligiösen Komponente ab. Am ehesten fanden sie Anhänger in der kleinstädt. Mittelschicht Aaraus, die sich von einer Liberalisierung auch wirtschaftl. Vorteile versprach.

Autorin/Autor: Dominik Sauerländer

3 - Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur vom Hochmittelalter bis ins 18. Jahrhundert

3.1 - Bevölkerung und Siedlung

Die Siedlungs- und die demograph. Entwicklung entsprechen im A. weitgehend dem bekannten Prozess im Schweizer Mittelland. Erwähnenswert ist die grosse Dichte an ma. Gründungsstädten entlang der zahlreichen Flüsse und Transitachsen.

Im HochMA, insbes. im 11. und 12. Jh., stieg die genutzte Fläche wegen der Bevölkerungszunahme an. Der Vorgang äusserte sich zum einen in einer Verdichtung der bisher vorherrschenden Hofsiedlungen zu Dörfern unter intensiverer Nutzung des siedlungsnahen Kulturlands (Binnenkolonisation), zum andern in der Anlage von Neusiedlungen auf gerodetem Land. In dieser Zeit dürften auch die zahlreichen Adelssitze, v.a. von Dienstleuten, erbaut worden sein. Im Zusammenhang mit hochadliger Wirtschafts- und Territorialpolitik ist die grosse Zahl von Städtegründungen zu sehen. Bestand um 1100 im A. noch keine Stadt, so waren es am Ende der Gründungswelle um die Mitte des 14. Jh. deren dreizehn. Wegen der hohen Städtedichte und fehlender wirtschaftl. Ressourcen kam keine von ihnen über die Grösse einer Kleinstadt hinaus. Aarau zählte im 15. Jh. als einzige Stadt im A. mehr als 1'000 Einw., und in den Kleinststädten Aarburg, Kaiserstuhl und Meienberg wohnten ledigl. rund 200 Personen.

Von der Mitte des 14. Jh. an verringerte sich die Bevölkerungszahl. Gründe hierfür waren mehrere Pestzüge (der erste und schwerste 1348) sowie krieger. Auseinandersetzungen (Sempacherkrieg, Alter Zürichkrieg), die auch in Teilen des A.s die wirtschaftl. Entwicklung hemmten, und allenfalls auch klimat. Gründe. Der Rückgang der Bevölkerung hinterliess Spuren in der Kulturlandschaft und im Siedlungsbild: Rodungsland wurde nicht mehr oder nur noch extensiv genutzt, Ausbauhöfe verschwanden. Auch eine Abwanderung der Landbevölkerung in die nahen Städte ist zu vermuten, jedoch kaum direkt nachweisbar. Unter der Dezimierung der ländl. Bevölkerung litten auch die Adelsherrschaften, die ihrer Einnahmen verlustig gingen. Der niedere Adel zog in die Städte oder sank zu einer bäuerl. Existenz ab. Erst nach dem Ende des Alten Zürichkriegs verbesserte sich die Situation allmähl., verstärkt durch die Friedensperiode ab 1532.

Am Ende des 16. Jh. nutzte die wieder gewachsene Bevölkerung den Kulturraum in seiner hochma. Ausdehnung wieder voll aus. Allerdings blieben zahlreiche Wüstungsfluren nur noch extensiv genutzt, und ihre Höfe wurden nicht mehr bewohnt. Für den A. um 1500 rechnet man mit einer Bevölkerungszahl von 22'000-26'000 Personen. Diese Zahl stieg bis 1770 auf über 100'000, bis 1803 schliessl. auf 131'000. Das Bevölkerungswachstum war von Rückschlägen begleitet. V.a. die Pest schlug immer wieder Lücken. Auch schlechte Erntejahre und Hungersnöte dezimierten die Bevölkerung, die sich nach solchen Krisenzeiten jedoch rasch wieder erholte. Gründe für die im 18. Jh. verstärkte Bevölkerungszunahme sind neben dem Ausbleiben der Pestwellen, verbesserten landwirtschaftl. Anbaumethoden und breiteren medizin. Kenntnissen v.a. die Verdienstmöglichkeiten in der Heimindustrie, die im 18. Jh. besonders im Berner A. und in den Freien Ämtern Fuss fasste. Die Bez. Kulm, Lenzburg, Aarau, Zofingen und Bremgarten wiesen um 1800 im gesamtschweiz. Vergleich denn auch eine relativ hohe Bevölkerungsdichte (zwischen 91 und 146 Einw./km²) auf.

Bevölkerungszahlen einiger Gemeindena
 14. Jh.15. Jh.16. Jh.17. Jh.18. Jh.
 EinwohnerStichjahrEinwohnerStichjahrEinwohnerStichjahrEinwohnerStichjahrEinwohnerStichjahr
Aarau1 200um 14001 05014991 100-1 2001558  1 8681764
Baden    1 500um 15501 800um 17001 6531780
Birmenstorf1501363125um 1490  2501658500-5201775
Bremgarten  8401464900-1 000um 1500    
Hornussen  1151463/64  33016535521790
Klingnau    500-6001480-1538700-8001586-1754  
Lenzburg200-250um 13003001441470-500155860016001 1431764
Reinach  ca. 200ganzes Jh.ca. 365155877516951 7301798
Rheinfelden    ca. 1 200um 1550900-12001611-16501 2261788
Seengen3001346  ca. 330155938016537521764
Wohlen>3301310/15>210um 1440ca. 2801563/6571716701 3971798/99
Würenlos  1101478  47616567001794

a Bis ins 17. Jh. basieren alle Schätzungen der Einwohnerzahlen auf Hofstättenzählungen. Ausser bei Birmenstorf bilden ab dem 18. Jh. Bevölkerungszählungen die Erhebungsgrundlage.

Quellen:Autor

3.2 - Wirtschaft

3.2.1 - Mittelalter 1100-1500

Die Organisation der hochma. Landwirtschaft war zunächst geprägt durch grundherrl. Villikationen. Die Herrenhöfe (Fronhof) waren Verwaltungs- und Wirtschaftszentren. Ihre Flurblöcke befanden sich wohl mit denjenigen der angegliederten Höfe in Gemengelage. Über frühe Bebauungssysteme fehlen allerdings gesicherte Nachrichten. Auch bäuerl. Eigengüter sind z.B. im Surbtal und in Seengen nachgewiesen. Bedeutend war der im Zusammenhang mit dem Bevölkerungswachstum stehende und wohl von grundherrl. Seite vorangetriebene Landesausbau, der zu einer Ausdehnung v.a. der Getreidebauflächen führte. Im Zuge der Verdichtung von Gehöftgruppen zu Dörfern wurden bereits bestehende Nutzungs- und Rotationssysteme (insbes. Dreifelderwirtschaft) zusammengefasst und durch ein einheitl. Zelgensystem überlagert. Parallel dazu wurde die Bedeutung der Herrenhöfe durch die Aufgabe der Frondienste und die Ausgabe zu Lehen vermindert, dies zugunsten verstärkter Kompetenzen der neuen Dorfgenossenschaften. Hauptsächl. Viehwirtschaft betrieben darauf spezialisierte grundherrl. Sennhöfe, z.B. in der Region Muri (bis Ende 12. Jh., danach versorgte sich das Kloster Muri bis ins 15. Jh. von Innerschweizer Viehhöfen) oder an der Nordflanke der Lägern. Daneben existierte auf Lehenhöfen die herrschaftl. Viehverstellung, eine Form der Viehpacht. Der spätma. Bevölkerungsrückgang bewirkte auch eine Verminderung der landwirtschaftl. Produktion, der indes auch eine gesunkene Nachfrage gegenüberstand. Eine zunehmende Bedeutung erlangte vom 14. Jh. an der durch die Klöster geförderte Rebbau, z.B. im unteren Aaretal (Döttingen, Klingnau) und im Limmattal (Wettingen). Entlang der zahlreichen Flüsse bildeten Fischfang, Fährdienst und Schifffahrt eine wichtige, am Rhein (Rheingenossenschaft zwischen Hüningen [F] und Säckingen [D]) gemeindeübergreifend und genossenschaftl. organisierte Erwerbsquelle.

Auch in den neu gegr. Kleinstädten blieb die Landwirtschaft wichtiges Element des Wirtschaftslebens. Aufgrund der hohen Städtedichte gewann das Gewerbe kaum je Exportbedeutung. Ausnahmen sind die Glockengiesserei in Aarau und v.a. die Eisenproduktion in Laufenburg, das seine Produkte bis nach Basel, Schaffhausen und Zürich exportierte. Der Rohstoff stammte aus den Erzgruben von Wölflinswil, später auch aus Oeschgen, Eiken, Zeihen und Hornussen, den Gem. rund um den Fricktaler Erzberg. Diese Region bildete ein eigentl. Erzviertel. Nur regionale Bedeutung erlangten die aarg. Märkte, mit Ausnahme der Messen von Zurzach. Der Marktflecken Zurzach entwickelte sich im 14. Jh. zum bedeutenden period. Handelszentrum. Zünfte (ohne polit. Einfluss) existierten nur in Rheinfelden und Zofingen. In allen anderen Städten bildeten sich ledigl. gewerbl.-religiöse Bruderschaften.

Gerechnet und bezahlt wurde nach 1415 im Fricktal in süddt. und österr., in der Grafschaft Baden in Zürcher, in den Freien Ämtern in Luzerner oder Zürcher und im Berner A. in Berner Währung, wobei das Pfund die grundlegende Rechnungswährung, Haller, Angster, Batzen und Gulden die meist verbreiteten Münzprägungen darstellten. Einzig die Städte Laufenburg und Zofingen erlangten von den Habsburgern 1363 bzw. 1366 das Münzrecht. Während die Laufenburger Prägung bald eingestellt wurde, war die Zofinger Währung im 14. Jh. anerkanntes Zahlungsmittel, verlor aber nach dem Sempacherkrieg an Bedeutung. Weitere Prägeversuche der beiden Städte im 16. bzw. 18. Jh. scheiterten. Hohlmasse und Gewichte richteten sich nach dem jeweiligen städt. Markt, ebenso unterschieden sich die Flächenmasse regional. Die wirtschaftl. Beziehungen zwischen Stadt und Umland bestanden im alltägl. Marktzugang ländl. Anbieter, in der Zuwanderung von Angehörigen ländl. Oberschichten (z.B. aus gewerbetreibenden Kreisen wie Wirten oder Metzgern) und in der Investitionstätigkeit städt. Bürger oder Institutionen in die stadtnahe Landwirtschaft.

3.2.2 - Frühe Neuzeit 1500-1800

Die landwirtschaftl. Entwicklung im 16. Jh. war geprägt durch die erneute Vergrösserung der Anbauflächen im Zuge des Bevölkerungswachstums. Daneben fanden aber auch qualitative Innovationen statt, z.B. eine intensivere Nutzung der Brache und der Sommerzelg durch die (Zweit-)Aussaat von Leguminosen und eine verstärkte grossbäuerl. Viehwirtschaft. Der Flurzwang verhinderte jedoch einen Ausbau des Mattlandes zu Lasten der Ackerflur, weshalb die Vorherrschaft der Grossbauern auf der Allmende und schliessl. deren Aufteilung angestrebt wurde. Dies führte zu Konflikten mit der stark gewachsenen Taunerschicht, die für ihr Kleinvieh auf die Gemeinweide angewiesen war. Die Kartoffel, angebaut auf der Brache, führte im 18. Jh. zu einer verbesserten Ernährung.

Im 17. und 18. Jh. nahm die Bedeutung der fremden Dienste zu. So wurde im 18. Jh. ein Drittel bis ein Viertel des jährl. Bevölkerungszuwachses zeitweise ins Ausland abgezogen. In der 2. Hälfte des 17. Jh. gewann die Aargauer Wolltuch- und Leinwandproduktion durch die Ausrichtung auf den Export an Gewicht. Die Zurzacher Messen erlangten mit dem Aufschwung des Schweizer Textilexports nach 1550 ihre grösste Ausstrahlung, überschritten aber im 17. und 18. Jh. ihren Zenit. Ab 1720 verbreitete sich die Produktion von Baumwolltuch vom Berner A. aus im ganzen A. In der Region Aarau-Lenzburg (um 1800 zusammen mit Zofingen das Zentrum der industriellen Tätigkeit) leisteten hugenott. Fam., z.B. die Brutel, Laué oder Herosé, wichtige Beiträge zur Einrichtung von Indiennedruckereien. In den Freien Ämtern nahm die Bedeutung der Strohflechterei im 18. Jh. langsam zu. Durch die Ansiedlung der Textilindustrie und der zugehörigen Handelsbetriebe veränderte sich die kleinstädt. Wirtschaft im Berner A. nachhaltig. Die übrigen aarg. Kleinstädte verharrten im Wesentl. in ihrer Rolle als regionale Markt- und Handwerkszentren.

Ein leistungsfähiges Strassennetz, das auf die neuen, grossen Fuhrwerke ausgerichtet war, wurde v.a. im Berner A. planmässig angelegt. In den übrigen Gebieten beschränkte sich der Ausbau zunächst auf einzelne Teilstrecken. Schnellste Verkehrswege blieben bis um 1800 die schiffbaren Flüsse Aare, Limmat, Reuss und Rhein.

3.3 - Gesellschaft

3.3.1 - 11.-13. Jahrhundert

Die feudale Gesellschaftsordnung und das grundherrl. System machten den Adel bzw. Exponenten der kirchl. Institutionen zu den führenden sozialen Gruppen, die aber an ihren Rändern nach oben und unten offen blieben. Die dominierenden Adelsgeschlechter -- die Lenzburger, später die Kyburger und schliessl. die Habsburger -- bildeten Gefolgschaften von weiteren Hochfreien und Ministerialen. Im Zusammenhang mit machtpolit. Verdrängungsprozessen, aber auch infolge wirtschaftl.-sozialer Anreize stiegen Hochfreie in den Ministerialadel ab (z.B. Herren von Hallwyl, von Reinach, von Trostberg). Kirchl. Ämter boten ebenso wichtige Aufstiegschancen und wurden innerhalb des Adels vergeben.

In bäuerl. Gruppen vollzog sich ein ähnl. Prozess. Freie Bauern traten in die Abhängigkeit adliger oder kirchl. Grundherren. Zusammen mit den wohlhabenderen Bauern unter den Eigenleuten bildeten sie eine Elite, die grund- oder landesherrl. Ämter innehatte, in den Dienstadel aufsteigen konnte oder sich in den neu gegr. Städten niederliess. Der Stand und die grundherrl. Beamtung bestimmten den Rang und das Prestige, die grundherrl. Zugehörigkeit die soziale Gruppe.

3.3.2 - 14.-16. Jahrhundert

Vom Ende des 13. Jh. an durchmischten sich die Stände zusehends. Abbild davon sind die Zeugenlisten, z.B. in den Urkunden des Surbtals, in denen sich die zuvor feinen rangmässigen Differenzierungen innerhalb des Adels verwischten und zudem neu auch Leute bäuerl. Herkunft auftauchten. Auch die Bezugsgrössen verschoben sich. Die Bedeutung des vertikal strukturierten feudalen Personenverbands verringerte sich zugunsten horizontaler, nachbarschaftl. bzw. genossenschaftl. Organisationsformen. Diese regelten als Dorfgem. v.a. das wirtschaftl. Leben, als Kirchgem. z.B. den Unterhalt der Kirchen. In den Gemeinen Herrschaften gelang es Gem., sich aus der adlig-städt. Twingherrschaft auszukaufen (z.B. Freienwil und Stetten), während im Berner A. im 16.-17. Jh. allmähl. ein einheitl. Untertanenstatus geschaffen wurde.

Nach wie vor blieben grund- und landesherrl. Ämter wichtige Grundlagen für Prestige und Einkommen und begünstigten auch die Wahl in gemeindl. und genossenschaftl. Ämter. Die zunehmende Marktintegration und die Geldwirtschaft liessen jedoch vom ausgehenden 15. Jh. an neue Gruppen entstehen: eine Oberschicht von Grossbauern, Müllern, Wirten und Schmieden mit allen Rechten der Dorfgenossenschaft, daneben die wachsende und rechtl. z.T. benachteiligte ländl. Unterschicht der Kleinbauern, Tauner und Dienstboten. Noch bildeten die Vollbauern innerhalb der Dorfgem. zahlenmässig zumeist die Mehrheit (z.B. in Wohlen mit 20 von 36 Hofstellen). Innerhalb der Untertanenschaft verwischten sich die Standesunterschiede: Die Leibeigenschaft verlor im 15./16. Jh. ihre Relevanz und wurde fakt. zur blossen Steuerpflicht. Der Aufstieg der Städte und die stärkere Verbindung zwischen Stadt und Land zeigen sich in zahlreichen Einbürgerungen von Angehörigen einer ländl. Oberschicht. Der um 1415 noch präsente Adel (v.a. habsburg. Dienstleute) arrangierte sich nach der Eroberung mit den Eidgenossen oder wanderte ab: Den von Mülinen und von Luternau gelang der Zugang zum bern. Regiment. Die Heidegger etablierten sich in Solothurn, die Seengen in Zürich, die Büttiker in Basel. Auch Ratsgeschlechter der aarg. Kleinstädte zogen weg, so die Segesser aus Mellingen nach Luzern, die Effinger von Brugg und die Zehnder von Aarau nach Bern.

3.3.3 - 17. und 18. Jahrhundert

Prägendes Merkmal dieses Zeitraums war die Aristokratisierung der führenden Gruppen in den Städten und Landgemeinden. Durch die Einführung bzw. Erhöhung der Einzugsgelder wurde der Zuzug neuer Dorf- und Stadtbewohner auf ein Minimum beschränkt. Zuzüger blieben zudem meist Hintersassen ohne oder mit eingeschränktem Anteil ("Gerechtigkeiten") an der Allmend. Viele konnten sich nirgends niederlassen und zogen als Gelegenheitsarbeiter umher. Innerhalb der Dorfgenossame stieg im Zuge der Bevölkerungsvermehrung und durch Erbteilungen der Anteil der Kleinbauern und landlosen Tauner (in der Grafschaft Lenzburg um 1660 auf über 60%). Entsprechend vergrösserte sich die Zahl der Armen, die durch die Gem. unterstützt werden mussten. Im Freiamt waren am Ende des 18. Jh. in einzelnen Gem. bis zu einem Viertel der Bevölkerung unterstützungsbedürftig.

1622 erwähnen die Eidg. Abschiede erstmals Juden in der Grafschaft Baden. 1776 wurden ihnen durch die Tagsatzung Lengnau und Endingen als einzige erlaubte Wohnorte in der Eidgenossenschaft zugewiesen. Bis 1809 war den Juden Haus- und Bodenbesitz verboten. Sie galten als Hintersassen und lebten in eigenen Gemeinschaften. In Aarau, aber auch in Lenzburg, Zofingen und Brugg hielten sich im 17. Jh. auch Hugenotten auf. In Aarau zählte die Hugenotten-Gem. zeitweise weit über 200 Personen. Von der bern. Obrigkeit verfolgt und ausgewiesen wurden hingegen die Täufer. Generell führte die Konfessionszugehörigkeit zur Gruppenbildung, v.a. in den gemischtkonfessionellen Gemeinden.

3.4 - Kirchliches und religiöses Leben, Kultur und Bildung

Bedeutendste Träger der religiösen Kultur waren im Hoch- und SpätMA die Klöster. Bis zur Reformation prägten 24 Klöster und Stifte versch. Orden das kulturelle Leben durch Bildung und Seelsorge. Die meisten Klöster wurden zwischen dem 11. und 14. Jh. gegr., danach folgten v.a. noch die Kapuzinerkonvente der kath. Reform. Daneben entstanden im SpätMA zahlreiche Eremitenklausen und Beginenhäuser, von denen allerdings die wenigsten die Reformationszeit überdauerten. Jahrzeitstiftungen, die im 15. Jh. zunehmend auch von Angehörigen einer grossbäuerl. Schicht gemacht wurden, zeugen von der Sorge um das persönl. Seelenheil. Die zahlreichen Bruderschaften und die Wallfahrten sind ebenso Zeugnisse der Volksfrömmigkeit. Überregionale Bedeutung hatten die Wallfahrtsorte Zurzach (Verenakult) und ab dem 17. Jh. Muri (Leontius).

Während die Reformation im Berner A. auf obrigkeitl. Geheiss hin vollzogen wurde, setzten sich die Gläubigen in den Gemeinen Herrschaften intensiv mit der Frage des Konfessionswechsels auseinander. Eine wichtige Rolle scheint dabei neben wirtschaftl. Argumenten die Sicherung der Seelsorge gespielt zu haben. Zweifelsohne begünstigte die Reformation die Kommunalisierung der Kirche. Sie förderte indirekt auch die kath. Reform, die v.a. in den Freien Ämtern im 17. und 18. Jh. zu einer starken Belebung des religiösen Lebens führte. Zum Ausdruck kam dies im barocken Kirchen- und Klosterbau (Muri, Wettingen, Olsberg, Fahr) sowie z.B. in den glanzvollen religiösen Festen im Kloster Muri. Die Frömmigkeit des Barocks zeigte sich auch in neu belebten Wallfahrten und neuen Bruderschaften, gerade auch im ländl. Bereich.

In den meisten Städten existierten festl. Bräuche, so anlässl. der Neubesetzung städt. Ämter oder im Zusammenhang mit dem Schulbetrieb. Ein Blick in die Abrechnungen des Aarauer Jugendfestes 1551 zeigt grosse Üppigkeit und das Bestreben nach repräsentativem Auftreten. Auf dem Land waren Zins- und Zehnttage, aber auch Sitzungen gemeindl. Gremien oft ebenfalls mit gemeinsamem Essen und Trinken verbunden. Im ref. Berner A. griff die Obrigkeit mittels Mandaten immer stärker in das tägl. Leben ein, was v.a. im 17. Jh., z.Z. der prot. Orthodoxie, zu einer rigorosen Kontrolle des Alltags- wie auch des kulturellen Lebens führte. Gefordert war ein gottgefälliger Lebenswandel nach den Weisungen der Obrigkeit, überwacht durch die örtl. Chorgerichte.

Bildungsvermittlung geschah zunächst v.a. durch Klosterschulen und städt. Lateinschulen, die oft ebenfalls von kirchl. Institutionen getragen wurden. Ziel der Ausbildung war die Vorbereitung auf eine kirchl. Laufbahn mit universitärer Bildung. Im Laufe des 16. Jh. wurden die ersten deutschen Schulen in den Städten und auch in den grösseren Landgem. eingerichtet. Das einzige Gymnasium auf Aargauer Boden wurde vom Kloster Muri unterhalten. Im Fricktal vollzog sich in der 2. Hälfte des 18. Jh. eine grundlegende Reform des kulturellen Lebens im Zeichen des aufgeklärten Absolutismus. Die österr. Regentin Maria Theresia und ihr Sohn, Ks. Joseph II., setzten zahlreiche Neuerungen durch, die im religiösen Bereich eine Straffung der Zahl der kirchl. Feste und im Rahmen der Verwaltungsreform ein verbessertes und vereinheitlichtes Schulsystem brachten (Josephinismus). Im Berner A. verbreitete sich das Gedankengut der Aufklärung durch aufgeschlossene Landvögte, durch einen Ableger der bern. Ökonomischen Gesellschaft und v.a. durch die 1761 gegr. Helvetische Gesellschaft, die alljährl. in Bad-Schinznach, später in Aarau tagte. Ab 1780 traten immer mehr Aargauer dieser Ges. bei. Die Ideen der Aufklärung wurden v.a. in der Aarauer Bürgerschaft rezipiert, in deren Stadt 1776 auch die erste öffentl. Bibliothek im A. gegr. wurde.

Autorin/Autor: Dominik Sauerländer

4 - Der Staat im 19. und 20. Jahrhundert

4.1 - Politische Geschichte und Verfassungsentwicklung

4.1.1 - Der helvetische Kanton Aargau 1798-1803

Im bern. Unteraargau begann sich offener Widerstand gegen die Regierung erst anfangs 1798 zu regen. Am 30. Jan. wurde in Aarau -- wenige Tage nach der Beschwörung der alten Bünde durch die eidg. Tagsatzung -- das Stadtregiment durch einen Sicherheitsausschuss ersetzt, am 31. Jan. einem bern. Truppenaufgebot keine Folge geleistet und am 1. Febr. ein Freiheitsbaum aufgerichtet. Ähnliches ereignete sich in Aarburg, Zofingen und Brugg. Bern konnte die Ordnung nur für kurze Zeit wiederherstellen. Vom 10. März an wurde der Berner A. von franz. Truppen besetzt. Zur Einrichtung eines selbstständigen Kt. A. im Rahmen der am 12.4.1798 ausgerufenen Helvetischen Republik tagten die Abgeordneten der aarg. Städte und Ämter vom 22. März bis 5. April in Aarau als provisor. Nationalversammlung.

Dieser, eingeteilt in die fünf Distrikte Aarau, Brugg, Kulm, Lenzburg und Zofingen, umfasste vorerst den ehemals bern. Unteraargau östl. der Wigger. Der westl. Teil des Amtes Aarburg kam formell 1802, fakt. aber erst 1803 dazu. Kantonshauptstadt war Aarau, das vom Mai bis Sept. 1798 auch Hauptstadt der Helvet. Republik war. Aus den Freien Ämtern, der Grafschaft Baden und dem Kelleramt wurde am 11.4.1798 -- nach deren Entlassung als Untertanengebiete Ende März -- ein Kt. Baden gebildet. Am 9.2.1802 konstituierte sich das bis 1801 österr. Fricktal als Kt. (Hauptort Rheinfelden), der am 13.8.1802 als selbstständiger Gliedstaat der Helvet. Republik angegliedert wurde.

Die Helvetik besass ihre Anhänger v.a. in den Städten Aarau und Brugg sowie in der ländl. Oberschicht. Zahlreiche Aargauer gehörten zu den tragenden Persönlichkeiten der Helvet. Republik (u.a. Albrecht Rengger, Philipp Albert Stapfer, Johann Rudolf Dolder). Viele begegneten der neuen Ordnung gleichgültig oder lehnten sie sogar ab. Sorgen mit Einquartierungen und die Enttäuschung darüber, dass 1801 die unentgeltl. Aufhebung der Zehnten und Bodenzinsen widerrufen wurde, prägten die Stimmung auf dem Land. Rund um Baden litt die Bevölkerung im Sommer 1799 unter den Kriegshandlungen des 2. Koalitionskriegs, als die Einquartierungen (ca. 12'000 Mann) ihren Höchststand erreichten. Diese Belastungen, verbunden mit religiösen Vorbehalten katholischerseits, führten zu versch. Formen passiven Widerstands (Verweigerung von Bürgereid und Militärdienst). 1802 schlossen sich Tausende dem im Raum Siggenthal-Baden losgebrochenen Aufstand gegen die helvet. Regierung an (Stecklikrieg). Am 21.9.1802 entlud sich die Wut der Bauern aus der Region Baden in einem Pogrom gegen die in Endingen und Lengnau ansässigen Juden, die als vermeintl. Profiteure der Helvetik in eine Sündenbockrolle gerieten (Zwetschgenkrieg). Eine Eingabe vom Dez. 1802 an die Consulta, welche die Wiedervereinigung mit Bern wünschte, wurde von 2'746 Personen unterzeichnet.

Autorin/Autor: Heinrich Staehelin

4.1.2 - Von der Mediations- zur Regenerationszeit (1803-1848)

Die Schaffung eines aarg. Grosskantons als Gegengewicht zu Bern und Zürich war v.a. ein Anliegen der helvet. Führungsgruppen, entsprach aber auch den Interessen Napoleons. Doch erst die Mediationsakte 1803 liess durch den -- ähnl. bereits in der Verfassung von Malmaison (1801) vorgesehenen -- Zusammenschluss der helvet. Kt. A., Baden und Fricktal den Kt. A. in seiner heutigen Gestalt entstehen. Gleichzeitig kam im Tausch mit dem Amt Hitzkirch das bisher luzern. Amt Merenschwand hinzu; die Gem. Schlieren, Dietikon, Hüttikon und Oetwil an der Limmat wurden an Zürich abgetreten. Die unter Respektierung der hist. und konfessionellen Grenzen vorgenommene Einteilung in elf Bez. ist seither nur geringfügig verändert worden (1840 Brunegg vom Bez. Brugg zum Bez. Lenzburg, 1866 Unterleibstadt vom Bez. Laufenburg zum Bez. Zurzach anlässl. der Vereinigung mit Oberleibstadt zu Leibstadt ).

Die aarg. Verfassung von 1803 schränkte durch Zensus und Altersgrenzen Stimmrecht und Ausübung öffentl. Ämter stark ein (1803 9'233 Stimmberechtigte oder 7% der Bevölkerung gegenüber 14'561 im Sommer 1802). Der 150-köpfige Gr. Rat als gesetzgebende Behörde besass kein Initiativrecht und konnte ledigl. die vom Kl. Rat vorgelegten Gesetze annehmen oder verwerfen. Das Schwergewicht der polit. Willensbildung lag beim Kl. Rat, dessen neun Mitglieder vom Gr. Rat gewählt wurden und diesem zugleich angehörten. Als richterl. Gewalten wurden Friedensrichter, Bezirksgerichte und als oberste Instanz das Obergericht (bis 1831 Appellationsgericht) geschaffen. Erhalten blieben wichtige Errungenschaften von 1798 wie die Abschaffung der Vorrechte des Ortes und der Geburt, die Handels- und Gewerbefreiheit, die Loskäuflichkeit der Feudallasten sowie die Kultusfreiheit für Katholiken und Protestanten. In den kant. Behörden waren alle Regionen gleichmässig vertreten.

Der Durchzug der alliierten Truppen nach Frankreich 1813-14 traf v.a. das Fricktal hart und auferlegte den Gem. und dem Staat Lasten von 1,8 Mio. Fr. Mit Beginn der Restauration stand die Existenz des A.s als Kt. in Frage: Bern erhob Anspruch auf sein ehem. Untertanengebiet, Zug auf Teile der Freien Ämter. Die Bevölkerung hatte sich indessen mit dem neuen Kt. abgefunden. Dem Verhandlungsgeschick Renggers und dem Einfluss Frédéric César de La Harpes auf Zar Alexander I. hatte es der A. zu verdanken, dass ihm der Wiener Kongress 1814 sein Territorium in vollem Umfang bestätigte.

Die Verfassung von 1814 erweiterte den Kl. Rat auf 13 Mitglieder, verlängerte die Amtszeiten von in der Regel fünf auf zwölf Jahre, schränkte die Volkswahl des Gr. Rats ein und führte die parität. Vertretung von Reformierten und Katholiken für die kant. Behörden ein; im Übrigen hielt sie sich weitgehend an die Grundsätze der Verfassung von 1803. Der A. blieb auch während der Restauration den aufklärer. Idealen verpflichtet und verhielt sich, etwa was Zensur und polit. Flüchtlinge betraf, vergleichsweise liberal. Eines der Hauptanliegen der aarg. Politik war die Verschmelzung der Teilgebiete zu einem einheitl. und neuzeitl. Staatswesen. Aus diesem Grund wurde besonderes Gewicht auf die Vereinheitlichung und Modernisierung des Rechts und auf die Schaffung gesamtaarg. Institutionen gelegt. Die aarg. Kirchenpolitik folgte den Spuren des alten Bern, des Josephinismus und des Konstanzer Generalvikars Ignaz Heinrich von Wessenberg. Die ref. wie die kath. Staatskirche sollten in den Dienst der aufgeklärten Kulturpolitik genommen, die kath. Kirche aus ihren Bindungen zu Rom herausgelöst und in ein schweiz. Nationalbistum eingegliedert werden. Dem Vertrag zur Neubildung des Bistums Basel (1828) trat der A. erst 1829 bei, da ihm darin die Rechte des Staates gegenüber der Kirche vorerst nicht gewahrt schienen.

Beim Umschwung von Ende 1830 wirkten Teile der Oberschicht, die eine Verfassungsrevision in liberalem Geiste anstrebten, und Teile der Landbevölkerung (v.a. in den Freien Ämtern), die mit der Verteilung der öffentl. Lasten und der Kirchenpolitik der Regierung unzufrieden waren, zusammen (Regeneration). Ihre Forderungen wurden auf einer Volksversammlung zu Wohlenschwil (7.11.1830) festgehalten. Die zögernde Haltung der Kantonsbehörden provozierte den "Freiämtersturm" vom 6.12.1830, einen unblutig verlaufenden Zug gegen Aarau unter dem angesehenen Merenschwander Wirt Johann Heinrich Fischer. Den Wünschen des Volkes wurde teilweise Rechnung getragen; an die Macht kam jedoch eine neue, liberale Führungsschicht, die den bisherigen Kurs verstärkt fortsetzte.

Die Verfassung von 1831 gewährte zusätzl. Grundrechte (z.B. Pressefreiheit, Petitionsrecht, Unverletzlichkeit des Eigentums) und schuf ein Repräsentativsystem mit dem nun 200 Mitglieder umfassenden Gr. Rat als oberster staatl. Behörde. Ein Zensus bestand nur noch für einen Teil der Grossrats- und für Gemeinderatsmitglieder, die Amtszeiten wurde auf sechs Jahre beschränkt. Verwaltung und Justiz wurden getrennt, während die neun Mitglieder des Kl. Rats weiterhin dem Gr. Rat angehörten.

Der A. trat 1832 dem Siebnerkonkordat bei und befürwortete eine Bundesrevision im Sinn einer Stärkung der Bundesgewalt. Die Kirchenpolitik, massgebl. geprägt durch liberale Katholiken, schlug mit den Badener Artikeln und dem Gesetz über das Plazet (staatl. Genehmigung für kirchl. Erlasse, 1834) eine schärfere Gangart ein. Den Widerstand in der kath. Bevölkerung beantwortete die Regierung mit Repression (z.B. militär. Besetzung der Freien Ämter, Ende Nov. 1835). Zu einer eigentl. Staatskrise spitzten sich die Gegensätze bei der Totalrevision der Staatsverfassung 1840-41 zu, die zum Aargauer Klosterstreit führte. Der Radikalismus errang dabei einen entscheidenden Sieg auf kant. wie auf eidg. Ebene. Mit der Verfassung von 1841 fielen die Parität, die indirekten Wahlen und der Zensus für den Gr. Rat dahin, die Zahl der Mandate richtete sich nach der Zahl der Stimmbürger (ein Mandat auf 180 Stimmbürger). In der Folge beteiligte sich der A. an vorderster Stelle an den Freischarenzügen und an der Agitation gegen die Jesuiten. 1847 gehörte er zur Mehrheit der zwölf Kt., welche die Auflösung des Sonderbunds beschloss und vollzog. Die Bundesverfassung von 1848 nahm das Aargauer Stimmvolk zu 70% an, darunter auch eine starke Minderheit der Katholiken.

Autorin/Autor: Heinrich Staehelin

4.1.3 - Vom liberalen Rechtsstaat zum demokratischen Wohlfahrtsstaat (1848-1914)

Nach 1848 rückten die Fragen nach einem weiteren Ausbau der Volksrechte und nach der Tätigkeit des Staates in materiellen Belangen in den Vordergrund. Die Verfassung von 1852 ging mit der Einführung der Volksinitiative für die Teilrevision der Verfassung und die Abänderung bestehender Gesetze erstmals vom reinen Repräsentativsystem ab. Der Gr. Rat wurde erhebl. verkleinert (ein Sitz auf 260 Stimmbürger, ab 1863 auf 1'100 Einwohner). Wer aus dem Staatsgut besoldet wurde (Regierungsräte, Staatsbeamte, hauptamtl. Richter) oder ein öffentl. Lehramt bekleidete, durfte ihm nicht mehr angehören. Die Exekutive wurde auf sieben Mitglieder verkleinert und hiess nun Regierungsrat. Alle Amtszeiten wurden auf vier Jahre herabgesetzt; zudem konnte das Volk den Gr. Rat auch während der Legislaturperiode abberufen. Ferner wurden dem Kt. im Armen-, Auswanderungs- und Kreditwesen zahlreiche Aufgaben übertragen.

Direktdemokrat. Postulate brachte zuerst die kath. Opposition vor (Veto 1840), doch sind nach 1848 auch im liberalen Lager Tendenzen zur Demokratischen Bewegung feststellbar. Von den 1860er Jahren an hoben sich die Demokraten deutl. von den Altliberalen ab. Nach dem "Mannlisturm" von 1862, einer Protestbewegung gegen die Einbürgerung der aarg. Juden, die zur Verwerfung eines entsprechenden Gesetzes und zur Abberufung des Gr. Rats durch das Volk führte, vollzog sich zwischen 1863 (fakultatives Gesetzesreferendum, sog. Veto) und 1869-70 (Volkswahl der Bezirksbehörden, Gesetzesinitiative, obligator. Gesetzes-, Finanz- und Steuerreferendum) der Übergang zur (halb-)direkten Demokratie.

Beide Flügel des liberalen Lagers hielten an den kulturpolit. Positionen der aarg. Frühzeit fest. Die oppositionellen Katholiken, die rund ein Drittel der Grossratssitze innehatten, wurden von allen Schlüsselpositionen ferngehalten. Nach 1870 wirkte der A. an den Kämpfen um das Bistum Basel und der Absetzung des Bf. Eugène Lachat mit (Kulturkampf). Die eidg. Verfassungsrevisionen von 1872 und 1874 nahm das Aargauer Volk mit grossem Mehr an. Die christkath. Kirche, die sich 1876 konstituierte, wurde von namhaften aarg. Politikern gefördert. Da im Zeitalter der Volksrechte -- insbes. des Steuerreferendums -- ein Regieren gegen den Willen der Römisch-Katholiken schwierig geworden war, suchten die Liberalen ab 1879 die Verständigung mit dem Gegner. 1884 beteiligte sich der A. an der Übereinkunft, die den Konflikt zwischen dem Bistum Basel und den Diözesanständen beilegte. Nach jahrelangem Streit fanden sich 1884-85 (Alt-)Liberale, Demokraten und kath. Opposition zur Revision der Staatsverfassung zusammen.

Die als Werk der Verständigung und Versöhnung gepriesene Verfassung von 1885 erlaubte den anerkannten christl. Konfessionen (ref., röm.-kath., christkath.), "ihre Angelegenheiten selbständig unter Aufsicht des Staates" zu regeln; den Katholiken wurde das Recht des freien Verkehrs mit den geistl. Oberbehörden zugesichert. Endgültig bereinigt wurde das Verhältnis der anerkannten Kirchen zum Staat 1927 mit ihrer Erhebung zu Landeskirchen. Im Regierungsrat (seit 1885 fünf Mitglieder) wurde den Katholiken erstmals eine Vertretung zugestanden. Die Volksrechte wurden in der Folge noch etwas erweitert (1904 Volkswahl der Regierungs- und Ständeräte, 1910 formulierte Gesetzesinitiative). Eingehend beschrieb die Verfassung von 1885 den neuen Aufgabenkreis des Staates auf wirtschaftl. und sozialem Gebiet.

Das liberale Lager befand sich nach 1885 weiterhin in der Mehrheit und stellte bis 1919 vier der fünf Regierungsräte. 1894 vereinigten sich Liberale und Demokraten zur Freisinnig-Demokrat. Partei (FDP), von der sich allerdings die "Rheinkreispartei" des Radikaldemokraten Josef Jäger zeitweise wieder absonderte. Der 1879 geschaffene "Pressverein" kann als Vorläufer der 1892 gegr. Kath.-Konservativen Partei des Kt. A. gelten. Innerhalb derselben bildete sich schon in den 1890er Jahren ein christlichsozialer Flügel heraus. Frühsozialist. Gedankengut wirkte seit den 1840er Jahren auf den A. ein. 1849 wurden die ersten Sektionen des Grütlivereins gegr. (Zofingen, Aarau). 1902 trat der kant. Grütliverband der Sozialdemokrat. Partei der Schweiz (SPS) bei. Aus ihm ging die Aarg. Arbeiterpartei hervor, die sich 1911 in Sozialdemokrat. Partei des Kt. A. umbenannte. 1912 folgte die Schaffung eines kant. Gewerkschaftskartells.

Autorin/Autor: Heinrich Staehelin

4.1.4 - Aargauische Politik seit dem 1. Weltkrieg

Während des 1. Weltkriegs gerieten trotz guter Geschäftsergebnisse der Industrie und eines hohen Selbstversorgungsgrades der Bevölkerung breite Kreise in materielle Not. Revolutionäre Neigungen zeigten sich jedoch nirgends. Im Landesstreik vom Nov. 1918 wurde in den Bez. Aarau, Baden, Brugg und Zurzach, teilweise auch in Rheinfelden gestreikt. Die überwiegend reformist. Aargauer Sozialdemokraten lehnten 1919 den Beitritt zur III. Internationale mit grossem Mehr ab. Demgegenüber entstanden auf der Rechten private Organisationen wie die Vaterländ. Vereinigung und Bürgerwehren zum Schutze der bestehenden Ordnung. 1918 begannen die liberalen Bauern, die ihre Interessen bisher über die bestehenden Parteien wahrgenommen hatten, sich eigene polit. Organisationen zu geben, die sich 1920 zur Aarg. Bauern- und Bürgerpartei zusammenschlossen. 1919 überliess ihnen die FDP einen Regierungsratssitz und bei den Nationalratswahlen errang eine "Bauernliste" drei Mandate. 1920, im eidg. Vergleich relativ spät, wurde das Proporzwahlsystem (Listenstimmen) für den Gr. Rat eingeführt, was dazu beitrug, dass 1921 die SP mit 51 Sitzen (1917 18 Mandate) zur stärksten Fraktion aufstieg, während die FDP von 140 auf 43 Sitze zurückfiel.

Nationalratswahlen 1919-99 (ausgewählte Jahre)
Partei191919351947195919711999
 WaSitzeWSitzeWSitzeWSitzeWSitzeWSitze
FDP25%317%219%319%316%317%3
BGB/SVPb20%316%216%215%213%232%5
KK/CVPc24%322%322%323%320%316%3
SP28%336%436%431%424%319%3
Jungbauern  5%1        
LdU      7%19%2  
Republikaner        ?1  
EVP          4%1
Total 12 12 12 13 14 15

a Wähleranteile; gerundet

b ab 1971

c ab 1970

Quellen:Autor, BFS

Trotz schwieriger Wirtschaftslage (Krise 1920-24, Weltwirtschaftskrise 1929-36) und der Einwirkung extremer Ideologien pendelten sich die polit. Kräfteverhältnisse gegen Ende der 1930er Jahre ein. Die SP konnte ihren Wähleranteil auf über 30% steigern und ihn bis 1965 auf dieser Höhe behaupten. Die bürgerl. Parteien behielten jedoch stets eine klare Mehrheit. Die Gegensätze zwischen SP und Bürgerlichen, die sich nach 1918 verschärft hatten, liessen um 1930 nach. SP-Vertreter nahmen Einsitz in den kommunalen Exekutiven, 1932 auch im Regierungsrat. Schon 1934 bekannte sich die aarg. SP zur Landesverteidigung. Die vier grossen Parteien FDP, KK/CVP, BGB/SVP und SP hatten seither trotz des raschen und tiefgreifenden Wandels der wirtschaftl., sozialen und kulturellen Verhältnisse zusammen nie weniger als 65% der Wähler hinter sich und stellten stets sämtl. Regierungsräte. 2001 wurde die SVP mit 72 Sitzen stärkste Partei im Gr. Rat seit der Einführung des Proporzes. Die Evang. Volkspartei (EVP) ist seit 1921, der Landesring der Unabhängigen (LdU) war von 1937 bis zu seiner Auflösung 2000 ständig im Rat vertreten, und die Jungbauern (1937-57) konnten sich mind. vorübergehend eine gewisse Geltung verschaffen. Rechtsbürgerl. Kreise sympathisierten z.T. offen mit dem Nationalsozialismus, doch kamen rechtsextreme Parteien (Nationale Front nach 1933) nie über einzelne Sitze hinaus.

Als Oppositionsparteien hatten in den späteren 1960er und in den 70er Jahren der LdU und die Republikaner einiges Gewicht, während die Neue Linke nach 1968 nicht richtig Fuss zu fassen vermochte. Gewaltloser ausserparlamentar. Widerstand richtete sich gegen den Bau neuer Kernkraftwerke. Eine zweite Oppositionsphase 1985-95 erhielt ihr Gepräge durch die Grünen und v.a. durch die 1986 gegr. Auto- bzw. Freiheitspartei (FP).

Grossratswahlen 1921-2001 (ausgewählte Jahre)
Partei192119371945196119732001
 WaSitzeWSitzeWSitzeWSitzeWSitzeWSitze
FDP21%  4318%  3217%  3720%  4119%  4119%  40
BGB/SVPb23%  4615%  3015%  3415%  2815%  3034%  72
KK/CVPc23%  4721%  4221%  4222%  4724%  5415%  32
SP26%  5132%  6234%  6731%  6422%  4619%  36
EVP  1%    2  3%    5  3%    3  3%    5  5%    8  5%    8
Jungbauern    6%    8  3%    3      
LdU    2%    3  3%    4  4%    8  5%    9  
CSP    1%    2  1%    1      
Nationale Front   1%    1        
Jungliberale    1%    1        
PdA      3%    2      
Rep.d          7%  10  
Grüne            4%    7
SD            2%    4
FP            2%    1
EDU            
Andere  6%  11      4%    7  3%    2  
Total 200 186 193 200 200 200

a W: Wähleranteile; gerundet

b ab 1971

c ab 1970

d Republikan. Bewegung

Quellen:Autor

1952 wurde die Mitgliederzahl des Gr. Rats auf 200 festgesetzt. Die 1972 eingeleitete Totalrevision der Verfassung von 1885 blieb nach anfängl. Umgestaltungseuphorie moderat. Sie fand ihren Abschluss mit der Verfassung von 1980, nachdem das Volk einen ersten Entwurf, der das obligator. durch das fakultative Gesetzes- und Finanzreferendum ersetzen wollte, 1979 abgelehnt hatte. Der Grundrechts- und der Aufgabenkatalog des Staates wurden aktualisiert, dem Gr. Rat Planungskompetenzen eingeräumt.

Das Frauenstimmrecht stand im Gr. Rat erstmals 1918 zur Debatte. 1936 wurden die Frauen für Armen-, 1940 für Schulbehörden wählbar, 1971 erhielten sie die vollen polit. Rechte in Gem. und Kt., gleichzeitig mit dem Stimm- und Wahlrecht auf Bundesebene. 1979 wählte die Stimmbevölkerung die Sozialdemokratin Ursula Mauch als erste Aargauerin in den Nationalrat, 1993 die freisinnige Stéphanie Mörikofer zur ersten Regierungsrätin. 1997 waren 58 Mitglieder des Gr. Rats weibl. Geschlechts.

Autorin/Autor: Heinrich Staehelin

4.1.5 - Das Pressewesen im 19. und 20. Jahrhundert

Als erste aarg. Zeitung kann das "Unter-Aergauische Intelligenz-Blatt" (Aarau 1797) gelten. Sowohl der helvet. Kt. A. wie auch der 1803 geschaffene Kt. A. besassen ein amtl. Publikationsorgan; seit 1839 heisst es "Amtsblatt des Kt. A.". Die private Meinungspresse entwickelte sich nach polit. Richtungen und nach Regionen. Den zentralist. Liberalismus der aarg. Frühzeit vertrat der 1804 von Heinrich Zschokke gegr. Schweizerbote in Aarau, der sich bis 1878 hielt. Liberale sowie radikale bzw. demokrat. Blätter entstanden in regionalen Zentren des ref. A.s sowie in Baden und Wohlen: 1847 das "Aarauer Tagblatt" (ab 1880 Aargauer Tagblatt), 1848 die "Neue Eidg. Zeitung" (ab 1856 "Tagblatt der Stadt Baden", ab 1870 Badener Tagblatt), 1873 das Zofinger Tagblatt. Die Anfänge einer kath.-konservativen Presse fallen in das Jahr 1840 ("Der Freiämter", Bremgarten). Eine führende Rolle spielten zunächst die von Johann Nepomuk Schleuniger redigierten Blätter "Die Stimme von der Limmat" (1842-52) und "Die Botschaft" (seit 1856), später das 1911 gegr. "Aargauer Volksblatt" in Baden. Die Sozialdemokratie schuf sich ihr Organ 1906 mit dem "Freien Aargauer", der in Aarau erschien. Die Bauern- und Bürgerpartei erwarb 1924 die "Schweizer Freie Presse" in Baden und führte sie 1938-72 als "Aarg. Bauern- und Bürgerzeitung" weiter. Kein dauernder Erfolg war der Presse der Parteien und Bewegungen der 1930er Jahre sowie der Neuen Linken der 1960er und 70er Jahre beschieden. Auf die Entwicklung zu regionaler und polit. Vielfalt bis ins frühe 20. Jh. folgte ein Konzentrationsprozess, der seit den 1980er Jahren immer schärfere Formen angenommen hat. 1987 bzw. 1992 stellten der "Freie Aargauer" und das "Aargauer Volksblatt" ihr Erscheinen ein. Das "Badener Tagblatt" und das "Aargauer Tagblatt" fusionierten 1996 zur "Aargauer Zeitung". Seit 2001 kooperieren die "Aargauer Zeitung" und das "Zofinger Tagblatt mit der "Solothurner Zeitung" und dem "Oltner Tagblatt" unter dem Namen "Mittelland Zeitung". Daneben existieren nur noch mehrere kleine Lokalzeitungen.

Autorin/Autor: Heinrich Staehelin

4.2 - Staatstätigkeit

4.2.1 - Gebietseinteilung, Behörden, Verwaltung

In Staatstätigkeit und Verwaltung knüpfte der Kt. A. 1803 in erster Linie an bern., oft auch vorderösterr. Traditionen an. Die Bez. sind Einheiten für Verwaltung und Rechtspflege (seit 1920 auch Wahlkreise) und besitzen keinerlei rechtl.-polit. Selbstgestaltungsbefugnisse. Die Gem. dagegen -- anfangs Ortsbürgergem., neben denen sich ab Mitte des 19. Jh. die Einwohnergem. entwickelten -- sind autonom und verfügen über eigene polit. Organe (Gemeindeversammlung bzw. in grösseren Gem. seit 1966 Einwohnerräte, Gemeindeammann, Gemeinderat).

Die gesetzgebende Gewalt liegt beim Gr. Rat, die vollziehende beim Regierungsrat (vor 1852 Kl. Rat). In diesem führt der Landammann (bis 1831 Amtsbürgermeister) den Vorsitz. Die Mitglieder des Regierungsrats, der 1852 vom Kommissions- zum Departementssystem überging, sind seit 1885 vollamtl. tätig. Vertreter der Regierungsgewalt und zugleich Gerichtspräs. auf Bezirksebene, dem altbern. Landvogt vergleichbar, war bis 1831 der Oberamtmann. Seither sind seine Funktionen auf den Bezirksamtmann und den Bezirksgerichtspräs. aufgeteilt. Die richterl. Gewalt kennt seit 1803 Friedensrichter als Vermittlungsinstanz und für Zivilrechtsfälle von geringem Streitwert, Bezirksgerichte als erste Instanz in Zivil- und Strafsachen sowie das Obergericht (bis 1831 Appellationsgericht) als höchste Instanz; dazu kamen zeitweise die Kreisgerichte und 1858-1977 das Schwurgericht. Seit 1885 sind versch. Sondergerichte (Handels-, Arbeits-, Jugendgericht usw.) eingeführt worden. Das Verwaltungsgericht wurde 1968 geschaffen.

1803 waren in der Zentralverwaltung des Kt. 15 Personen beschäftigt, etwas mehr in den Bez. sowie in den kant. Anstalten und Domänen (1996 rund 21'000 vollamtl. Arbeitskräfte). Zu den wichtigsten Tätigkeitsgebieten des frühen Staates A. zählten die Rechtspflege, das Militärwesen, das Kirchenwesen und die Ausübung seiner Regalrechte. Auch im Bau-, Erziehungs- und Sozialwesen nahm er gewisse Aufgaben wahr, überliess aber den Vollzug seiner Anordnungen und die materiellen Aufwendungen dafür grösstenteils den Gem. oder privaten Trägerschaften. Nach 1848 wurden Post-, Zoll- und Münzwesen an den Bund abgetreten, ebenso 1848 bzw. 1874 das Militärwesen. Mit dem allmähl. Abbau des Staatskirchentums (ca. 1880-1927) gingen die Kirchenleitung und -verwaltung, die Kirchengüter, das Pfarrwahlrecht usw. an die Landeskirchen und Kirchgem. über. Andererseits übernahm der Staat ab ca. 1852, verstärkt ab 1885 allg. wirtschaftl. und soziale Aufgaben und wandelte sich allmähl. vom reinen Rechtsstaat zum Wohlfahrtsstaat. Eine weitere Intensivierung der Staatstätigkeit erfolgte nach 1945, als das Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum ganz neuartige Probleme stellte. Staat und Wirtschaft sind um eine klare Trennung ihrer Aufgabenbereiche bemüht; der Staat fördert die Wirtschaft indirekt durch Schaffung günstiger Rahmen- und Infrastrukturbedingungen (Bildungs-, Verkehrs-, Steuerwesen, Dienstleistungen usw.), nicht aber direkt durch finanzielle Unterstützung einzelner Firmen oder Zweige.

Autorin/Autor: Heinrich Staehelin

4.2.2 - Finanzen

1822-30 wurde zur Tilgung der Staatsschuld erstmals eine Vermögenssteuer erhoben. Bis zur Mitte des 19. Jh. konnte der Kt. seine laufenden Ausgaben (1843 erstmals über 1 Mio. Fr.) aus den Erträgen des Staatsgutes und der Regalien (Zölle, Post, Salz usw.) sowie aus Gebühren und indirekten Abgaben decken. Nach 1852 wurden die gesetzl. Grundlagen zur direkten Besteuerung geschaffen und 1855 erstmals eine Einkommens- und Vermögenssteuer erhoben. Das Volk verweigerte jedoch dem Staat -- in Anwendung des 1870 eingeführten Steuerreferendums -- 1877-85 jegl. direkte Steuern. Ab 1885 durfte der Gr. Rat eine zweckgebundene halbe Staatssteuer von sich aus erheben; auch damit waren dem Staat die Mittel aber noch knapp bemessen. Erst von 1920 an, als er die Besoldung der Volksschullehrer übernahm, wurden ihm grössere Steuereinkünfte zugewiesen. Seine Einnahmen, 1915 noch 6,8 Mio. Fr., stiegen 1920 auf 21,9 Mio. Fr., erreichten 1950 82,5 Mio. Fr. und 1990 2'244 Mio. Fr.; der Anteil der Steuern an den Einnahmen betrug 1915 21%, 1920 35%, 1950 43% und 1990 54%.

Autorin/Autor: Heinrich Staehelin

4.2.3 - Recht und Justiz, Wehrwesen, Regalien

Die Vereinheitlichung des Rechts nahm Jahrzehnte in Anspruch (1828-56 Zivilrecht, 1804 und 1857 Kriminalstrafgesetz, 1858 Strafprozessordnung, 1868 Zuchtpolizeigesetz usw.). Kant. Strafanstalten bestehen seit 1803 in Baden und seit 1826 in Aarburg. Als vorbildl. galt die 1864 bezogene Strafanstalt Lenzburg.

Die Truppenorganisation basierte ab 1816 auf dem Milizsystem und der allg. Wehrpflicht. Die Truppe umfasste Infanterie, Reiterei, Artillerie und Train, Sappeure und Pontoniere. 1837 zählte sie 6'048 Mann im Auszug und 7'070 Mann in der Reserve.

In Ausübung des Münzregals prägte der Kt. A. 1805-19 eigene Münzen auf der Grundlage des helvet. Münzgesetzes von 1799. 1819 beteiligte er sich mit 19 anderen Kt. am Konkordat über einen schweiz. Münzfuss und 1825 am Münzverein von sieben Ständen zur Regelung des Umlaufes von Scheidemünzen und zur einheitl. Tarifierung fremder Geldsorten. 1826-31 wurden die aarg. Scheidemünzen eingezogen und in Bern umgeprägt. Dem Münzwirrwarr machte erst die eidg. Münzreform von 1850 ein Ende.

Der Salzverkauf war Staatsmonopol und der Salzpreis lange ein Politikum ersten Ranges. Der Staat bezog seit den 1840er Jahren das Salz von den Salinen Riburg (Gem. Rheinfelden), Rheinfelden und Kaiseraugst, die sich 1874 zu den "Schweiz. Rhein-Salinen" zusammenschlossen. 1909 konnte der Kt. diese käufl. erwerben. Mit der Saline Schweizerhalle wurden sie zu den "Vereinigten Schweiz. Rheinsalinen" zusammengefasst, an welchen alle Kt. ausser der Waadt beteiligt sind.

Autorin/Autor: Heinrich Staehelin

4.2.4 - Erziehung und Kultur

Vor 1798 bestanden in den Städten Deutsch- und Lateinschulen. Während das Fricktal bereits die allg. Schulpflicht kannte und im Berner A. die Berner Landschulverordnung für eine minimale Bildung der Landjugend sorgte, war es in den Gemeinen Herrschaften mit den Landschulen meist übel bestellt. Das erste aarg. Schulgesetz von 1805 erklärte alle Kinder für schulpflichtig und bestimmte, dass jede polit. Gem. eine Schule haben müsse. Das Schulgesetz von 1835 gab dem gesamten Schulwesen die Strukturen, auf denen es im Wesentl. noch heute beruht. Die elementare Bildung vermittelt die Gemeindeschule. Daran schliessen die Bezirksschulen (Progymnasien und zugleich Realschulen), seit neuerer Zeit auch die Fortbildungs- bzw. Sekundarschulen an. Der Staat selbst führt die höheren Mittelschulen: die 1802 gegr., 1813 verstaatlichte Kantonsschule in Aarau, die älteste Schule ihrer Art in der Schweiz, die auch als Erste seit 1838 Maturitätsprüfungen abhielt, sowie seit 1822 das Lehrerseminar, das 1847 ins Kloster Wettingen verlegt wurde; 1911 übernahm er auch das seit 1873 bestehende Lehrerinnenseminar in Aarau. Der ständige Streit um die Zuschüsse des Staates an die Schulausgaben der Gem. wurde durch die Übernahme der Lehrerbesoldungen durch den Kt. 1920 weitgehend entschärft. Gemäss Auftrag der Verfassung von 1885 unterstützt der Staat landwirtschaftl., kaufmänn. und gewerbl. Berufsschulen und führt einige davon selbst.

Stark ausgebaut wurde das Bildungswesen nach 1960. Unter Preisgabe der alten Grundsätze einer zentralisierten Mittelschule wurde 1961 eine weitere Kantonsschule in Baden eröffnet. 1967 wurden Zweigstellen der Lehrerseminarien in Wohlen und Zofingen errichtet. 1976 erfolgte die Umwandlung der Lehrerseminarien zu Kantonsschulen mit Maturitätsabschluss. Gleichzeitig wurde das Angebot an Diplommittelschulen erweitert. Neu dazu kam ab 1965 die Tertiärstufe mit der Höheren Techn. Lehranstalt Windisch, die gemeinsam mit Solothurn betriebene Höhere Wirtschafts- und Verwaltungsschule in Olten u.a.m. Das 1962 lancierte Projekt einer Hochschule für Humanwiss. (Pädagogik und klin. Medizin) wurde 1976 v.a. aus finanziellen Gründen sistiert. Dagegen ermöglicht ein 1997 angenommenes Gesetz die Gründung von Fachhochschulen, in welche die höheren Lehranstalten integriert werden können.

Kulturpolitik meinte im 19. Jh. v.a. Kirchen- und Schulpolitik. Dazu unterhält der Kt. in Aarau seit 1803 ein Staatsarchiv und seit 1807 eine Kantonsbibliothek, deren Grundstock die Bibliothek des Zuger Generals Beat Fidel Zurlauben bildet. Ein kant. Gewerbemuseum, das auch die 1959 ins Kunsthaus Aarau verlegte kant. Kunstsammlung beherbergte, wurde 1896 in Aarau eröffnet. An andern Museen (z.B. Vindonissa-Museum Brugg, Natur- und Heimatmuseum Aarau) ist der Kt. beteiligt. Grössere Anstrengungen auf kulturellem Gebiet unternahm er seit 1950. Seine Sammlungen wurden etwa im Hist. Museum auf Schloss Lenzburg (1956) oder im Kunsthaus Aarau (1959) zugängl. gemacht. Seit 1968 unterstützt er Kulturschaffende und kulturelle Institutionen mit bis zu 1% seiner Steuereinnahmen.

Autorin/Autor: Heinrich Staehelin

4.2.5 - Verkehrswesen

Der Verkehr auf den Gewässern war im 19. Jh. kaum mehr von Bedeutung. Die Pläne zur Schiffbarmachung des Hochrheins und der Aare aus den 1950er Jahren kamen nicht zur Ausführung. Demgegenüber gewann der Strassenverkehr vom 18. Jh. an erhebl. an Umfang. 1803 durchzogen das aarg. Gebiet mehrere fahrbare "Heer- und Handelsstrassen" (Zürich-Baden-Murgenthal-Bern, Basel-Zofingen-Luzern, Baden-Brugg-Bözberg-Basel) mit Abzweigungen in die grösseren Täler und Zentren. In der Folge baute der Kt. das Strassennetz zielbewusst aus. Mit der Staffeleggstrasse (1804-10) wurde das Fricktal enger mit Aarau verbunden, mit der Mutschellenstrasse (1842 vollendet) eine direkte Verbindung mit Zürich hergestellt. Durch kleinere Landstrassen und Ortsverbindungsstrassen wurden bis 1880 alle Gem. ans Strassennetz angeschlossen. In die Kosten teilten sich Staat und Gem., was zu endlosen Streitigkeiten führte. 1859 übernahm der Staat den Bau und Unterhalt der Landstrassen ganz und unterstützte den Bau kostspieliger Nebenstrassen. Gegen Ende des 19. Jh. ging der Strassenbau zurück, um im Zeitalter des Automobils nach dem 1. Weltkrieg und vollends während der Hochkonjunktur nach 1945 einen neuen Aufschwung zu nehmen. Die seit 1966 auf aarg. Gebiet errichteten Nationalstrassen folgen den alten Verkehrslinien (A 1 Zürich-Baden-Lenzburg-Bern, A 2 Basel-Zofingen-Luzern, A 3 Basel-Bözberg-Brugg).

Eisenbahnen hat der Staat A. selbst nie gebaut und betrieben; finanziell beteiligt hat er sich nur an der Gotthardbahn und an den nach 1900 erstellten aarg. Nebenbahnen. Als erstes Teilstück der geplanten Linie Zürich-Basel eröffnete 1847 die Zürcher Nordbahnges. die Strecke Zürich-Baden (Spanischbrötlibahn). Nach 1852 beherrschten ihre Rechtsnachfolgerin, die Nordostbahn, und die Schweiz. Centralbahn mit Sitz in Basel die Szene. Ihnen gegenüber konnte der Kt. A. angesichts der divergierenden Verkehrsinteressen seiner Regionen seine Wünsche nur teilweise durchsetzen. Immerhin erhielt er Anteil an den grossen Transitlinien Olten-Luzern (1856), Zürich-Aarau-Olten (1858) und Basel-Brugg durch den Bözberg (1875) sowie an der Südbahn (Aarau-Arth-Goldau, 1881); dazu kamen einige Nebenlinien. Dennoch liessen sich zahlreiche Gem. auf das Nationalbahnunternehmen ein, das 1878, kurz nach Eröffnung der Linie Winterthur-Baden-Zofingen, Konkurs machte. An ihrer Schuldenlast trugen sie bis in die 1930er Jahre. Die vor 1900 erstellten Normalspurstrecken gingen 1902 (die Seetalbahn allerdings erst 1925) ins Eigentum der SBB über. Nach der Jahrhundertwende wurden einige schon früher geplante Nebenbahnen durch private Gesellschaften erstellt. Die SBB elektrifizierten ihre Linien im A. 1907-46. Seit den 1960er Jahren haben sie die Linien Zürich-Bern und die Südbahnlinie zu grossen Transitlinien ausgebaut (Heitersberglinie 1975). Der östl. A. ist an das 1990 in Betrieb genommene Zürcher S-Bahn-Netz angeschlossen. Seit den 1950er Jahren wurden in Aarau und Baden, später auch in Lenzburg, Brugg und im Wiggertal Busnetze auf- und ausgebaut, die teils durch regionale Trägerschaften betrieben werden. Seit 1993 besteht der Tarifverbund A., dem mit Ausnahme des Fricktals (seit 1987 beim Tarifverbund Nordwestschweiz) das ganze Kantonsgebiet angeschlossen ist.

Autorin/Autor: Heinrich Staehelin

4.2.6 - Gesundheitswesen

Durch einzelne Erlasse wie durch umfassende Gesetze (Sanitätsgesetz 1836) regelte der Kt. schon früh die Ausbildung und Tätigkeit des Medizinalpersonals und der Gesundheitspolizei sowie die medizin. Grundversorgung (z.B. obligator. Pockenimpfung). Die vom alten Bern übernommene Pflegeanstalt Königsfelden wurde als Kantonsspital betrieben. 1872 wurde daselbst eine neue kant. Heil- und Pflegeanstalt in Betrieb genommen, 1886 eine neue kant. Krankenanstalt in Aarau eröffnet. Vom späteren 19. Jh. an sind durch Gem. und Vereine zahlreiche Regionalspitäler, Sanatorien, Heime für Suchtkranke, Alters- und Pflegeheime usw. ins Leben gerufen worden. Ein zweites Kantonsspital besteht seit 1978 in Baden.

Autorin/Autor: Heinrich Staehelin

4.2.7 - Sozialpolitik

Nach dem Armengesetz von 1804 waren für die Armenpflege die Ortsbürgergem. zuständig, seit 1936 sind es die Einwohnergem. Als um die Mitte des 19. Jh. die Armenlasten stark zunahmen, verpflichtete die Verfassung den Staat, an überforderte Gem. Zuschüsse zu leisten und zwecks Senkung der Armenzahlen für "eine angemessene Organisation des Auswanderungswesens" zu sorgen. Während die Armen früher in Armenhäuser gesteckt oder verkostgeldet wurden, ist seit der 2. Hälfte des 19. Jh. -- zu einem guten Teil durch kirchl. und private Kreise -- ein differenziertes System von Fürsorgeeinrichtungen geschaffen worden. In der Zwischenkriegszeit liess der Staat auch Notstandsarbeiten durchführen und unterstützte so Arbeitslose und gefährdete Unternehmungen.

Die Fabrikarbeit blieb lange ohne gesetzl. Regelung. Erst 1862 wurde ein Fabrikpolizeigesetz erlassen, das Fabrikarbeit für unter 13-Jährige verbot und die tägl. Arbeitszeit für unter 16-Jährige auf 12 Stunden limitierte. 1877 wurde es durch das eidg. Fabrikgesetz ersetzt.

Autorin/Autor: Heinrich Staehelin

4.2.8 - Wirtschaftspolitik

Landwirtschaftl. Angelegenheiten gehören seit 1852 zum Geschäftskreis des Regierungsrates. Der Staat förderte zunächst die Ausbildung der Landwirte durch Schulen, Kurse und Subventionen. Seit 1855 unterstützt er Bodenmeliorationen, seit 1872 auch Güterregulierungen, verstärkt seit 1884, als dafür Bundessubventionen erhältl. wurden.

Nach vorderösterr. Muster schuf der A. 1805 eine für alle Gebäudebesitzer obligator. Brand- bzw. Gebäudeversicherungsanstalt, die Erste ihrer Art in der Schweiz. 1910 wurde eine Kant. Unfallversicherungskasse für Beamte, Lehrer und Schüler eingerichtet. Dagegen misslangen die Versuche, eine kant. Mobiliarversicherung zu gründen und ein Krankenversicherungsobligatorium durchzusetzen. Seit 1897 leitet das Kant. Versicherungsamt die staatl. Versicherungsanstalten und überwacht die Tätigkeit der privaten Versicherungen.

Ein Teil des Staatsvermögens war bis weit ins 19. Jh. in Zinsschriften auf Hypothek angelegt. Zur Linderung der "Geldnot" im Volk wurde 1855 gemäss Auftrag der Verfassung von 1852 die Aarg. Bank in Aarau eröffnet, ein gemischtwirtschaftl. Inst., das sich mit Hypothekar- wie mit kommerziellen Geschäften befasste. 1913 wurde sie unter dem Namen "Aarg. Kantonalbank" in eine Staatsbank mit der Stellung einer selbständigen öffentl. Anstalt umgewandelt. Ende 1999 unterhielt sie ausserhalb des Hauptsitzes in Aarau 30 Niederlassungen (Bilanzsumme 11'083,8 Mio. Fr.).

Auf Initiative von Regierungsrat Emil Keller gründeten 1914 neun Kt. die Nordostschweiz. Kraftwerke AG (NOK), der A. hält 28% des Aktienkapitals. Die NOK übernahmen die Beznau-Löntsch-Werke von der A.G. Motor (Baden) und erbauten bzw. beteiligten sich an zahlreichen, auch aarg. Kraftwerken. Von den drei Kernkraftwerken auf aarg. Boden haben sie zwei erstellt (Beznau I 1969, Beznau II 1971), am dritten (Leibstadt, 1984) sind sie beteiligt. Von der NOK bezieht das 1916 gegr. Aarg. Elektrizitätswerk (AEW) den Strom.

Autorin/Autor: Heinrich Staehelin

5 - Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur im 19. und 20. Jahrhundert

5.1 - Bevölkerung und Siedlung

1803 gehörte der A. zu den sechs grossen Kt., denen die Mediationsverfassung zwei Stimmen auf der Tagsatzung zubilligte. In der 1. Hälfte des 19. Jh. schloss er bezügl. Bevölkerungsgrösse zur Waadt auf und lag 1850 hinter Bern und Zürich an dritter Stelle. Die Agrarreform und der Bau mechan. Spinnereien verbreiterten die Erwerbsgrundlage. Bei sinkender Sterblichkeit wuchs die Bevölkerung hauptsächl. dank hohen Geburtenüberschüssen; der Anteil der nichtaarg. Bevölkerung betrug 1850 erst 5,1% (Landesmittel 9,6%). Das Wachstum wurde einzig im Hungerjahr 1816-17 unterbrochen. Im 19. Jh. war die Siedlungsdichte im früh industrialisierten südwestl. A. am höchsten, doch gab es keine eigentl. Ballungsgebiete. Noch 1888 wohnten in den zwölf ma. Kleinstädten nur 15% der Gesamtbevölkerung.

Bevölkerungsentwicklung 1798-1990
ZeitraumEinwohneraGesamtzunahmebGeburtenüberschussbWanderungssaldobAusländeranteilaAltersstruktur: Anteil >59a
1798-1836/37125'66910o/oo    
1836/37-1850182'7557o/oo9o/oo-2o/oo  
1850-1860199'852-3o/oo5o/oo-8o/oo1,4% 
1860-1870194'2082o/oo7o/oo-5o/oo1,5%8.6%
1870-1880198'718c0o/oo7o/oo-7o/oo1,8%9,3%
1880-1888198'357c-3o/oo5o/oo-8o/oo2,6%10,2%
1888-1900193'5805o/oo8o/oo-3o/oo2,8%11,5%
1900-1910206'49811o/oo10o/oo1o/oo4,9%11,0%
1910-1920230'6344o/oo8o/oo-4o/oo7,9%9,7%
1920-1930240'7768o/oo9o/oo-1o/oo5,5%9,3%
1930-1941259'6444o/oo7o/oo-3o/oo5,2%10,1%
1941-1950270'46312o/oo11o/oo1o/oo2,8%12,0%
1950-1960300'78218o/oo11o/oo7o/oo3,6%12,4%
1960-1970360'94018o/oo12o/oo6o/oo10,9%13,1%
1970-1980433'2845o/oo6o/oo-1o/oo18,5%14,1%
1980-1990453'44211o/oo5o/oo6o/oo14,8%15,6%
1990507'508   17,1%16,8%

a zu Beginn der Berechnungsperiode

b mittlere jährl. Zuwachsrate

c ortsanwesende Bevölkerung

Quellen:BFS, HistStat

Bei schlechter Konjunktur und im Anschluss an einige Fehljahre schlug die Entwicklung nach 1850 um. 1850-88 war A. der einzige Kt. mit rückläufiger Bevölkerungszahl. 1860 hatte ihn die Waadt wieder überholt, 1880 auch St. Gallen. In einer Auswanderungswelle, der zweiten nach 1817, suchten 1851-55, von Staat und Gem. materiell unterstützt, 8'019 Aargauer oder rund 4% der Gesamtbevölkerung eine neue Heimat in Übersee (davon gut 80% in den USA). In einer dritten Auswanderungswelle im Zeichen der Weltwirtschaftskrise ab 1873 wurden 1880-85 wiederum 5'305 Überseeauswanderer registriert. Stärker ins Gewicht fiel aber die nun einsetzende Abwanderung (v.a. aus den ländl. Gegenden im Jura und im Süden) in die aufstrebenden Industriezentren der Schweiz (v.a. Zürich und Basel) sowie in andere Länder Europas.

Bis zum 1. Weltkrieg nahm die Bevölkerung, trotz meist leicht negativer Wanderungssaldi, wieder zu, v.a. in den industrialisierten Gegenden des unteren Mittellandes. Ein Schwerpunkt begann sich um Baden zu bilden, wo der Aufschwung der 1891 gegr. Firma Brown Boveri (BBC) eine starke Zuwanderung aus anderen Kt. auslöste. Zwischen 1890 und 1910 schloss der Bez. Baden bezügl. Bevölkerungsdichte zu den westaarg. Bez. auf. Absolut ist er seit 1910 der mit Abstand bevölkerungsreichste Bez. des Kt. Der Bevölkerungsanteil der nichtaarg. Schweizer stieg von 1888 bis 1950 kontinuierl. von 8% auf 31%; der Ausländerbestand erreichte um 1910 einen vorläufigen Höchststand von 18'235 Personen oder 8% der Gesamtbevölkerung (52% Deutsche, 37% Italiener). In der Zwischenkriegszeit blieb die Wachstumskurve in schwieriger konjunktureller Lage flach. Analog zur nationalen Entwicklung glitt der Ausländeranteil bis 1941 auf knapp 3% zurück.

Die Hochkonjunktur nach dem 2. Weltkrieg löste im verkehrsgünstig gelegenen A. einen starken Wachstumsschub aus. Seit 1960 rangiert der A. unter den Kt. bevölkerungsmässig wieder an vierter Stelle. Die Einwohnerzahl wuchs 1950-90 jährl. um durchschnittl. 1,3%, hauptsächl. bedingt durch Zuwanderung. Nur in der Rezession 1975-76 war eine leichte Abnahme zu verzeichnen. Der Zustrom ausländ. Arbeitskräfte in die aarg. Industrie und Bauwirtschaft war 1950-70 überdurchschnittl., der Ausländeranteil stieg 1941-70 von 3% auf 18%. Nach der rezessionsbedingten Abwanderung der Ausländer in den Jahren 1975-78 stieg deren Zahl kontinuierl. wieder und überschritt 1996 die Marke von 100'000 (19%). Davon stammten 28% aus Italien (1974 noch 57%), 32% aus Ex-Jugoslawien und rund 10% aus der Türkei. In allen Bez. nahm die Bevölkerung zu. Einen überproportionalen Anstieg verzeichnete bis 1970 v.a. der Bez. Baden, zurückzuführen auf das weitere Wachstum der BBC und die zunehmende Anbindung an die Grossagglomeration Zürich.

In den grenznahen Einzugsgebieten von Zürich und Basel, entlang den Autobahnen (z.B. Spreitenbach) und seit den 1980er Jahren verstärkt auch dezentral, etwa in den Bez. Laufenburg und Muri, bildeten sich grossflächige Neubauquartiere. Obwohl zwischen 1955 und 1990 11% der Kantonsfläche (ca. 15'000 ha Kulturland) überbaut worden sind, ist der A. ein Kt. der Klein- und Mittelstädte geblieben. Die seit 1955 grösste Gem. des Kt., Wettingen (vorher Aarau), zählte 1990 nur 17'706 Einw. Seit 1930 gelten Aarau und Baden, seit 1980 auch Brugg und Zofingen und seit 1990 zudem Lenzburg als Agglomerationen. 14 aarg. Gem. gehören zur Agglomeration Zürich, fünf zur Agglomeration Basel.

Autorin/Autor: Heinrich Staehelin

5.2 - Wirtschaft

Um 1800 war die protoindustrielle Tätigkeit im ehem. Berner A. (Baumwollspinnerei- und -weberei) und in den Freien Ämtern (Strohflechterei) am weitesten entwickelt. In der ehem. Grafschaft Baden und im Fricktal gab es neben vereinzelter Heimarbeit für Zürcher und Basler Verleger keine Industrie. Um 1830 entstand zwischen Baden und Brugg ein weiterer industrieller Schwerpunkt, als Limmat und Reuss zur Energiegewinnung für Spinnereien genutzt wurden. 1870 betrug der Beschäftigtenanteil im 2. Sektor 42%. Die Grosse Depression der 1870er Jahre wurde im aarg. Mittelland überlagert durch lokale Finanz- und Wirtschaftskrisen (Baden, Lenzburg, Zofingen), ausgelöst 1878 durch den Konkurs der Nationalbahn. Der industrielle Ausbau stagnierte. Die Gründung der BBC und zahlreicher weiterer Firmen markiert in den 1890er Jahren den Beginn einer zweiten Industrialisierungsphase, während welcher die Metall- und Maschinenindustrie die Textilindustrie überflügelte. Zögerl. wurden nun auch die noch stark agrar. Gebiete des Fricktals und der Freien Ämter erfasst. Doch die aarg. Industrie entwickelte sich hauptsächl. entlang den Verkehrsachsen, die sowohl für Neugründungen (Feldschlösschen an der Bözbergbahn 1876) als auch Auslagerungen (Möbel Pfister an der Zürich-Bern-Strasse in Suhr 1939, versch. Lagerhäuser an der Autobahn, Rangierbahnhof Limmattal 1978) attraktiv waren. Im Rahmen dieses industriellen Weiterausbaus wuchs der Anteil der Industriebeschäftigten bis 1960 auf hohe 64%. Die Tertiarisierung erfolgte erst mit dem Strukturwandel der 1970er und 80er Jahre, während die Landwirtschaft seit dem 19. Jh. fast linear Beschäftigte einbüsste.

5.2.1 - Landwirtschaft

Ende des 18. Jh. war der Anbauzyklus der ma. Dreizelgenwirtschaft bereits in allen aarg. Regionen durchbrochen, die Brache zumeist angebaut und teilweise auch die Allmende aufgeteilt. Am weitesten fortgeschritten war der Wechsel zur individuellen Bewirtschaftung im ehem. Berner A. Die vollst. Öffnung der Zelgen fand ihren Abschluss erst in der 2. Hälfte des 19. Jh. Weiterhin dominierte der Getreidebau. Drei Viertel der Bevölkerung waren Kleinbauern oder Kleinhandwerker mit wenig oder gar keinem eigenem Land; ihr Hauptnahrungsmittel war die seit etwa 1740 angepflanzte Kartoffel. Die in der Verfassung von 1803 vorgesehene freiwillige Ablösung der Zehnten zog sich bis 1850 hin, jene der Bodenzinsen gar bis 1880. Oft wurden die am Boden haftenden Lasten in Grundpfandschulden umgewandelt. Der individualisierte Grundbesitz war stark verschuldet, zudem durch Erbteilung und Zelgeneinteilung zersplittert.

Die Konkurrenz billigen ausländ. Getreides leitete ab 1850 einen Wechsel vom Getreidebau zur Milchwirtschaft und zum Futterbau ein, der sich nach 1870 beschleunigte. 1850-86 versiebenfachte sich der Viehbestand; der Kt. förderte die Zucht mit Prämien. Zahlreiche Käserei- und Milchgenossenschaften wurden gegründet. Der Strukturwandel zog sich bis in die Zwischenkriegszeit hin. 1888-1934 verringerte sich die Getreidefläche zugunsten der Wiesen um 45%. Viele Kleinbauern konnten sich indes die Umstellung auf Milchwirtschaft nicht leisten. Sie wandten sich einer Beschäftigung in der Industrie zu, behielten aber eine Kuh und etwas Land zur Selbstversorgung (sog. Rucksackbauern). So reduzierte sich 1905-39 der Anteil der Kleinstbetriebe unter 3 ha am Total aller Betriebe von 52% auf 39%, absolut von 10'665 auf 6'350. Im Gefolge des Strukturwandels erreichte der v.a. an den Jurasüdhängen heim. Rebbau um 1880 mit 2'700 ha Anbaufläche (2% des Kulturlands) einen Höchststand (fünftgrösster Rebbau-Kt.). Als kurz nach 1900 die Reblaus auch den A. heimsuchte, schrumpfte das Weinbauareal bis 1935 auf 330 ha zusammen. Nach einem Tiefststand um 1965 (212 ha) erhöhte sich die Rebfläche bis 1995 wieder auf knapp 400 ha.

Um 1900 setzte mit Mähmaschinen und Heuwendern die Mechanisierung der Landwirtschaft ein. Sie beschleunigte sich nach 1945, was weitere Arbeitskräfte freisetzte. 1900 stellten die Bauern, erstmals an Zahl von den Industriebeschäftigten übertroffen, 36% der Erwerbstätigen, 1941 noch 21%, 1990 noch 3%. Die Zahl der landwirtschaftl. Betriebe nahm von 18'777 im Jahr 1939 (zwei Drittel hauptberufl. geführt) auf 6'845 im Jahr 1990 ab (die Hälfte hauptberufl. geführt). Das durchschnittl. Betriebsareal stieg von 4,5 auf 9,5 ha. Im gleichen Zeitraum wurde das Ackerland auf Kosten der Naturwiesen fast verdoppelt. Der Getreidebau errang gegenüber dem Futterbau wieder einen höheren Stellenwert, während der Rindviehbestand sich nur noch wenig erhöhte. 1990 war die Fläche des offenen Ackerlands wieder grösser als 1850 oder während des 2. Weltkriegs (Anbauschlacht). Ab den 1950er Jahren verbreiteten sich Zuckerrüben und Mais als neue Produkte. Die gesamte Betriebsfläche verringerte sich um rund 20%, was einem Zehntel des Kantonsgebiets entspricht. Im Verhältnis zu seiner Fläche verlor der A. durchschnittl. zweimal mehr Kulturland als die anderen Kt., v.a. wegen der flächenintensiven Verkehrs- und Logistikbauten im Mittelland.

Seit der 2. Hälfte des 19. Jh. fördert der Kt. das landwirtschaftl. Bildungswesen -- direkt und über Beiträge an die 1838 gegr. Aarg. Landwirtschaftl. Ges. -- und die Bodenverbesserung. Der Zersplitterung des Parzellbesitzes suchte man seit 1872 mit Güterregulierungen entgegenzuwirken. Neue Flurwegsysteme und die Beseitigung von Obstbäumen, Hecken und Bächen, v.a. zwischen 1960 und 1980, als das Meliorationswesen kulminierte, machten die Landschaft maschinengerecht. Rund 150 Bauernbetriebe siedelten in dieser Zeit aus den Dörfern aus, u.a. in den seit 1964 gebauten, normierten und staatl. subventionierten "Aargauer Siedlungstyp".

Autorin/Autor: Heinrich Staehelin, Andreas Steigmeier

5.2.2 - Industrie, Handwerk und Gewerbe

Die Handwerksordnung von 1806, welche die Ausübung der handwerkl. Berufe regelte und Reste des Zunftzwangs enthielt, wurde nach und nach entschärft und 1860 endgültig aufgehoben. 1857 gab es ca. 10'000 gelernte Handwerker. Die meisten arbeiteten in Kleinstbetrieben und für den Bedarf ihrer Umgebung. Sie gründeten lokale Handwerks- und Gewerbevereine (1837 Zofingen, 1845 Aarau), die der Hebung der Berufsbildung, der Erleichterung der Kreditbeschaffung und auch der Geselligkeit dienten, und 1894 als Dachorganisation den Aarg. Gewerbeverband. Die Baumwollspinnerei wurde bis 1840 mechanisiert und in Fabriken zusammengefasst. Die erste mechan. Spinnerei errichtete Johannes Herzog 1810 in Aarau. Ab 1825 wagten sich kapitalkräftige Zürcher Spinnereiunternehmer an die Nutzbarmachung der Limmat und der Reuss (Bebié in Turgi, Heinrich Kunz in Windisch). Qualifizierte Arbeitskräfte holten sie im Zürcher Oberland und in den Bez. Kulm und Lenzburg, Hilfskräfte in agrar. Gem. umliegender Bez. und in Südbaden (D). Mit weiteren, ebenfalls von Zürcher Unternehmern gegr. Spinnereien in Baden (1835) und Wettingen (1857) bildete sich im Osten eine neue Industrieregion. Die Textilindustrie beschäftigte 1857 in 191 Unternehmungen 10'600 von total 11'500 Fabrikarbeitern sowie über 40'000 Heimarbeiter und erarbeitete rund 90% der aarg. Industrieproduktion. Die mitgezählte personalintensive Strohindustrie, die fast einzige Industrie im unteren Freiamt, hatte die Baumwollindustrie bezügl. der Beschäftigtenzahl überholt. Sie ergänzte von etwa 1830 an das einheim. Roggenstroh durch gefärbtes Stroh, importierte Weizenhalme und andere Materialien wie Rosshaar, Bast, Hanf und wandelte sich damit zur Geflechtindustrie.

Die allmähl. Mechanisierung der Baumwollweberei sowie der Seiden- und Geflechtindustrie und die wachsende internat. Konkurrenz bewirkten in der 2. Hälfte des 19. Jh. einen starken Rückgang der Betriebe und der Beschäftigten in der Textilindustrie (1900 noch rund 13'000 Beschäftigte). Neue Industrien absorbierten die von ihr und von der Landwirtschaft freigesetzten Arbeitskräfte und erschlossen neue Regionen: ab 1838 die Tabakindustrie zuerst das obere Wynen-, dann das Seetal, ab etwa 1860 die metallverarbeitende Industrie v.a. das Limmat- und Reusstal und ab 1864 dezentral die Schuhindustrie v.a. mit Filialen der Firma Bally. Das ab 1847 entstehende Eisenbahnnetz erleichterte zwar die Transporte der Industrie, wurde aber erst allmähl. zu einem wichtigen Standortfaktor. Vorerst war wegen der mechan. Krafterzeugung die Flussnähe entscheidend. Dampfkraft wurde nur vereinzelt eingesetzt. Erst die Elektrizität ermöglichte die bahnnahe Standortwahl abseits vom Fluss. Davon profitierte v.a. die Metall- und die erst ab den 1890er Jahren Fuss fassende Maschinenindustrie (Baden, Brugg, Aarau; zusammen 1900 rund 3'400 Beschäftigte). Weitere für den A. typ. Industrien, die sich vor 1900 entwickelten, sind die Salzausbeutung (ab 1844) und die Bierbrauerei im Raum Rheinfelden, die Zementindustrie mit einer ersten Fabrik 1832 in Aarau und vier grossen, 1883-1913 eröffneten Werken in Aarau, Wildegg, Holderbank und Siggenthal-Würenlingen, die Konservenindustrie in Lenzburg (Hero, gegr. 1886), die Holz- und Möbelindustrie, die nach 1900 v.a. im unteren Aaretal expandierte, ab 1890 die Elektrizitätswirtschaft, die im A. bis 1945 rund 15 mittlere und grössere Wasserkraftwerke erstellte und sich teils im Kt. niederliess, wie z.B. 1895 die AG Motor, Baden (1923 zur Motor-Columbus fusioniert), 1914 die NOK (Baden) und ab 1897 die Aluminiumindustrie im Wynental.

Der Aufschwung der Metall-, Maschinen- und Apparateindustrie (u.a. Kern), die in den 1920er Jahren die Textilindustrie an der Spitze der Branchen ablöste, brachte dem A. nach 1900 einen weiteren Industrialisierungsschub. Waren um 1900 noch zehn Kt. stärker industrialisiert gewesen, lag der A. 1930 hinter Glarus und Solothurn an dritter Stelle. Bis in die 1890er Jahre arbeiteten zu mehr als 50% Frauen für die aarg. Industrie. Da die nun führende Branche hauptsächl. Männer beschäftigte, verminderte sich der Anteil der weibl. Erwerbstätigen spürbar. Das starke Wachstum der BBC, die 1945, nunmehr grösster privater Arbeitgeber der Schweiz, 15'000 Mitarbeiter zählte, verlagerte den industriellen Schwerpunkt weiter in den Bez. Baden. Die Wirtschaftskrisen zu Beginn der 1920er und in den 1930er Jahren führten zu vorübergehender Arbeitslosigkeit (1936 4,6%, Landesmittel über 6%) und zur Aufgabe vieler Betriebe (v.a. der Textilindustrie).

Nach 1945 setzte dank Hochkonjunktur und Zustrom ausländ. Arbeitskräfte ein starker Kapazitätsausbau der Industrie und des Baugewerbes ein. Die Elektrizitätswirtschaft baute ihr Engagement im A. aus. Aare und Rhein als Kühlwasserlieferanten zogen Nuklearanlagen an (1955 Forschungsinst. in Würenlingen, 1969-71 AKW Beznau, 1984 AKW Leibstadt; der Bau eines weiteren AKW in Kaiseraugst wurde nach anhaltendem Widerstand 1988 fallengelassen). Ausserkant. Firmen verlagerten ihre Standorte an die 1966-80 und 1996 eröffneten aarg. Autobahnstrecken, so die Basler Chemie seit 1956 ins Fricktal.

Die nationalen Bestrebungen zur Begrenzung der Ausländerzahl und die rezessiven Phasen von 1974-76 und 1982 sowie nach 1989 brachten einen starken Strukturwandel in Gang. Die Geflechtindustrie hatte schon in den 1960er Jahren Nordamerika als letzten grossen Markt verloren und verschwand völlig. Die Textilindustrie mit letztem Schwerpunkt im Bez. Zofingen sank zur Nebenbranche herab. Der Wandel erfasste auch grosse Firmen der dominierenden Metall-, Maschinen- und Elektrobranche, die 1995 27% der Erwerbstätigen im 2. Sektor beschäftigte: 1986 begann der Konzernumbau bei Sprecher + Schuh, 1987 fusionierten BBC und Asea zur Asea Brown Boveri (ABB), 1991 schloss die Firma Kern. Als Folge erhielt das im A. typischerweise grosse Segment der Klein- und Mittelbetriebe ab Ende der 1980er Jahre noch mehr Gewicht. Der Anteil der Arbeitslosen blieb seit 1975 geringfügig unter dem schweiz. Durchschnitt.

Autorin/Autor: Heinrich Staehelin, Andreas Steigmeier

5.2.3 - Dienstleistungen

Der 3. Sektor beschäftigte 1870 9% aller Berufstätigen. Dieser Anteil stieg regelmässig an, blieb aber stets unter dem Landesmittel. Er lag 1980 noch bei 44% und übertraf erst danach (1990 55%, 1995 59%) im Zuge der Tertiarisierung den Anteil des 2. Sektors. Heute haben neben dem Handel (1995 18% aller Erwerbstätigen) die öffentl. Verwaltung, das Unterrichts- und das Gesundheits- und Sozialwesen den grössten Anteil.

Der Tourismus spielte, abgesehen von den alten Heilbädern in Baden, Schinznach-Bad und Rheinfelden sowie seit 1955 in Zurzach, eine bescheidene Rolle. Neben den vielen seit 1812 entstandenen lokalen Sparkassen gründeten Gewerbe, Handel und Industrie 1849-72 eine Reihe von Geschäftsbanken, darunter 1854 die gemischtwirtschaftl. Aarg. Bank (1913 als Aarg. Kantonalbank reines Staatsinst.). Grossbanken fassten erst spät Fuss: die SBG 1919 durch Übernahme der Aarg. Creditanstalt in Aarau, die 1915 ihrerseits die Bank in Baden übernommen hatte, die SVB 1920 durch Errichtung einer Niederlassung in Brugg, der SBV 1935 durch Teilübernahme der 1863 gegr. Bank in Zofingen. Mit der Zahl der Banken pro Kopf lag der A. über Jahrzehnte an der Spitze aller Kt. Ein starker Konzentrationsprozess vollzog sich 1989-95, als aus drei unabh. aarg. Banken und den aarg. Filialen der SVB die Neue Aargauer Bank als Tochter der SKA entstand. Das Versicherungswesen kennt keine einheim. privaten Ges. neben den kant. Inst. (1805 Gebäudeversicherung, 1910 Kant. Unfallversicherungskasse). Von Bedeutung war im zentral gelegenen A. stets das Verkehrswesen, das seit 1960 durch die Ansiedlung von Verteil- und Einkaufszentren (Spreitenbach u.a.) in Autobahnnähe neuen Auftrieb erfuhr.

Autorin/Autor: Heinrich Staehelin, Andreas Steigmeier

5.3 - Gesellschaft

Der Grundsatz der Rechtsgleichheit gilt seit 1798 bzw. 1803. Er liess sich unter günstigen Voraussetzungen vollziehen, da die Nachkommen von Inhabern alter Gerichtsherrschaften wenig Gewicht hatten. Die Kleinstädte und Marktorte verloren zwar ihre Privilegien, konnten aber als polit.-administrative, wirtschaftl. und kulturelle Zentren eine Vorzugsstellung wahren. Die Männerklöster, die über umfangreichen Besitz und erhebl. Einfluss verfügten, wurden 1841 aufgehoben.

Die Konfessionen durchmischten sich v.a. durch die mit der Industrialisierung verbundenen Wanderungen. 1860 zählte Aarau 18% Katholiken, Baden 25% Reformierte. 1841 fiel der Zensus weg, der seit 1803 das passive und teilweise das aktive Wahlrecht auf Vermögende beschränkt hatte. Dennoch war um die Mitte des 19. Jh. oft die Rede von Spannungen zwischen "Herren" und "Volk", wobei mit den "Herren" sowohl die Leute von Bildung und Besitz als auch "Aarau" und die polit. Führung gemeint sein konnten. Die Eingliederung von Randgruppen, die noch um 1840 einige tausend Menschen umfassten, zog sich über mehrere Jahrzehnte hin. Die Heimatlosen, Landsassen und ewigen Einsassen wurden 1847 eingebürgert, die Juden auf Druck des Bundes bis 1877 den übrigen Schweizerbürgern gleichgestellt.

Die aarg. Gesellschaft trug bis ins frühe 20. Jh. ein ländl., kleinbäuerl. und kleinbürgerl. Gepräge. Nur wenige Handelsleute und Industrielle gelangten zu Reichtum und pflegten einen grossbürgerl. Lebensstil. Grossgrundbesitz gab es nicht. Die Grundeigentümer waren zahlreich (1850 33'770). Im 18. wie im 19. Jh. besassen nur ca. 20-30% der Bauern genug Land, um sich ganz von der Landwirtschaft ernähren zu können. Die Angehörigen der ländl. Unterschicht waren auf einen Zusatzverdienst aus handwerkl. und heimindustrieller Lohnarbeit angewiesen. Bei wachsendem Bevölkerungsdruck, einem konjunkturellen Einbruch in der Industrie und schlechten Ernten schritt die Verarmung um 1850 rasch voran. 1830 wurden 9'705 Personen aus öffentl. Mitteln unterstützt, 1855 aber 25'017 (13% der Bevölkerung). Bis 1860 ging diese Zahl auf die Hälfte zurück; dann blieb sie bis 1950 auf gut 10'000 stehen. Noch 1871 waren ein Viertel der männl. Erwachsenen wegen Armengenössigkeit, Konkurs usw. nicht stimmberechtigt. Viele wanderten aus; die Fabrikindustrie und der 3. Sektor konnten die in Landwirtschaft und Heimindustrie verloren gegangenen Arbeitsplätze erst von 1900 an einigermassen ersetzen. Die dezentrale Struktur der Fabrikindustrie besonders im südwestl. A. trug dazu bei, dass die kleinbäuerl.-industrielle Gesellschaftsstruktur weit ins 20. Jh. hinein erhalten blieb und eine Proletarisierung ausblieb. Der "Rucksackbauer" war noch um 1950 eine häufige Erscheinung.

Im 19. Jh. entwickelte sich allmähl. ein lokales Vereinswesen. Gilden, Bruderschaften usw. bestanden an manchen Orten von alters her. Schützenvereine hatten in den Städten teilweise seit dem SpätMA Tradition, auf dem Land wurden sie zumeist im 19. Jh. gegründet. Das Turnen wurde um 1820 durch dt. Immigranten populär gemacht. In den folgenden Jahrzehnten entstanden zahlreiche lokale Turn-, Gesangs- und Musikvereine. Schützen (1824), Turner (1832) und Sänger (1842) gaben sich ihre gesamtschweiz. Organisation in Aarau. Im 20. Jh. differenzierte sich das Vereinswesen (z.B. Landfrauen-, Samariter-, dramat. und andere Vereine; Sektionenbildung in Turnvereinen). Bis zum 2. Weltkrieg blühten sozialdemokrat. und kath. Vereine. Danach standen immer mehr Vereine jedermann ohne Rücksicht auf Herkunft, Konfession und soziale Stellung offen und bildeten einen wichtigen gesellschaftl. Integrationsfaktor.

Die Frauen, nach Brauch und bis 1971 auch nach dem Gesetz den Männern gegenüber benachteiligt, waren seit je in die landwirtschaftl., gewerbl. und industrielle Arbeitswelt integriert. 1885 stellten sie 56% aller Arbeitskräfte in den Fabriken. Während die Gemeindeschulen den Mädchen von Anfang an offen standen, erhielten sie zu den Bezirksschulen 1865, zur Kantonsschule 1896 Zugang. Akademikerinnen waren seit Ende des 19. Jh. im Kt. tätig; ihre Zahl blieb jedoch bis 1950 gering. 1990 betrug der Frauenanteil unter den Mittelschülern und Lehrlingen zwischen 40% und 50%.

Die Gesellschaft der Nachkriegszeit war geprägt von steigendem Wohlstand breiter Kreise. 1950 kam ein Personenwagen auf 37 Einw., 1997 einer auf zwei. Das Kleinbauerntum verschwand, mit der Tertiarisierung auch die eigentl. Arbeiterschaft. Die zuwandernden Ausländer wurden sozial und anfängl. auch räuml. ausgegrenzt. Wegen akuter Wohnungsnot wohnten viele bis in die 1960er Jahre, im Baugewerbe weit darüber hinaus, in Barackenlagern. Sie bildeten eigene Vereine. Viele der früh Zugewanderten assimilierten sich und bürgerten sich ein, sofern sie nach 1975 nicht in ihr Heimatland zurückgingen. Die Mehrzahl der seit etwa 1980 eingewanderten Ausländer, v.a. vom Balkan und aus der Türkei, gehört zur Unterschicht.

Die Vermischung der Konfessionen beschleunigte sich in den verkehrsgünstigen Regionen, v.a. an der Grenze zum Kt. Zürich und im unteren Fricktal. Mit steigender Mobilität ist die Bindung an den Wohnort schwächer geworden. Die Zahl der Nichtaargauer, der Pendler und Grenzgänger wie der Zu- und Wegzüger hat stark zugenommen. Die Sozialstruktur vieler Gem. hat sich dadurch verändert.

5.4 - Kulturelles und religiöses Leben

Seit 1803 waren Bestrebungen im Gange, eine gesamtaarg. Kultur zu schaffen. Kulturpolitik meinte im 19. Jh. v.a. Kirchen- und Schulpolitik. Der Staat besass zwar versch. Sammlungen, doch war die Pflege von Künsten und Wiss. privater Tätigkeit überlassen. Eine hervorragende Rolle spielten dabei Geistliche und Lehrer sowie die 1811 von Heinrich Zschokke und seinen Freunden gegr. "Ges. für vaterländ. Kultur" (Kulturges.). Ihr hat der A. den wohl ironisch gemeinten Namen "Kulturkanton" zu verdanken. Aus ihr sind zahlreiche Vereinigungen und Einrichtungen mit wiss. und kultureller, aber auch ökonom., erzieher. und fürsorger. Zielsetzung hervorgegangen. Öffentl. Bibliotheken und Leseges. sowie kulturelle Vereine, die es in manchen Städten bereits gab, entstanden in diesem Umfeld auch auf dem Land.

Die von unterschiedl. Traditionen geprägten und auf versch. auswärtige Zentren ausgerichteten Regionen des Kt. haben ihre kulturelle Eigenständigkeit besonders gut wahren können. Altes Brauchtum ist vielerorts erhalten geblieben und teils zwecks Identitätsstiftung wiederbelebt oder neu geschaffen worden, z.B. zu Beginn der 1950er Jahre das Winzerfest Döttingen oder um 1964 die Cordulafeier in Baden. V.a. in den westaarg. Städten werden die im 19. Jh. geschaffenen, z.T. auf älteren Traditionen basierenden Jugendfeste in traditioneller Form gefeiert. "Chilbi" (Kirchweih) und Fasnacht haben sich in den kath. Gebieten bis heute gehalten, Prozessionen und Wallfahrten verschwanden vielerorts im Zug der gesellschaftl. Säkularisierung. Neueren Datums sind zahlreiche Vereins-, Dorf- und Stadtfeste.

Seit 1950 sind zur Kulturförderung grössere Anstrengungen unternommen worden. Wichtige Impulse gab dazu die 1952 gegr. Kulturstiftung Pro Argovia, eine der Trägerinnen des seit 1960 existierenden "Stapferhauses" auf Schloss Lenzburg, einer Begegnungsstätte mit nationaler Ausstrahlung. Mit dem Kurtheater Baden erhielt der Kt. 1952 sein erstes Schauspielhaus. Seit 1961 fassten mehrere Volkshochschulen Fuss im A., viele Gem. unterhalten ein Ortsmuseum, professionell geführte Stadtmuseen gibt es in Aarau und Baden. Staatl. Sammlungen befinden sich im Kunsthaus Aarau (seit 1959) und auf Schloss Lenzburg (seit 1956). Der auf wirtschaftl. Prosperität und zunehmender Mobilität gründende kulturelle Aufbruch kulminierte 1968 im aarg. Kulturgesetz. Es ermöglicht dem Staat, Kulturschaffende und kulturelle Institutionen mit bis zu 1% seiner Steuereinnahmen zu unterstützen. Damit können auch professionelle Ensembles auf hohem Niveau (Aargauer Oper, Aargauer Symphonie-Orchester usw.) unterhalten werden. In den 1970er Jahren blühten Klein- und Kellertheater, 1972-80 das Folkfestival Lenzburg als erstes Open-Air-Konzert der Schweiz, in den 1980er und 90er Jahren die Alternativkultur, die sich in Altliegenschaften einrichtete.

Die beiden Staatskirchen, besonders aber die ref. Kirche, pflegten offiziell eine aufgeklärt-liberale Religiosität. Anhänger pietist. und fundamentalist. Strömungen sind bis heute besonders im südwestl. A. recht zahlreich, haben sich indes nie gegen die Staatskirche aufgelehnt. Ein 1865 gegr. "Evang. Verein" mit eigenen Seelsorgern nennt sich heute "Landeskirchl. Minoritätsgem.". Im 20. Jh. wirkte u.a. das Denken Karl Barths, der sein bahnbrechendes Werk "Der Römerbrief" als Pfarrer von Safenwil schrieb, auf den A. ein. Der Kampf der Liberalen für die Einschränkung von kath. Festen und Feiertagen sowie gegen die Praktiken der Volksreligion zeitigte einige Ergebnisse. Die antiröm. Kirchenpolitik, die in den Badener Artikeln von 1834, der Klösteraufhebung von 1841 und dem Kulturkampf der 1870er Jahre gipfelte, wurde jedoch von der grossen Mehrheit der Geistlichen und des Volkes abgelehnt und mit der Gründung von Gegenorganisationen (kath. Vereine, Piusvereine usw.) beantwortet. Der 1874 gegr. und 1876 vom A. anerkannten alt- oder christkath. Kirche, mit welcher die Idee einer romfreien Nationalkirche realisiert werden sollte, traten einige tausend Katholiken bei, hauptsächl. in liberalen Kreisen der Städte und im josephinist. geprägten Bez. Rheinfelden. In der Folge entkrampfte sich das Verhältnis zwischen Staat und Kirche. In der Verfassung von 1885 wurde den drei staatl. anerkannten Konfessionen zugestanden, ihre Angelegenheiten durch selbstgewählte Organe (Synoden) zu regeln. Bis 1906 wurde das Kirchengut aus dem Staatsgut ausgeschieden. Seit 1927 sind die drei Kirchen als Landeskirchen mit öffentl.-rechtl. Charakter statuiert. Bis gegen 1960 grenzten sich Reformierte und Katholiken deutl. gegeneinander ab. Im Zeichen der Ökumene wie infolge der fortschreitenden Durchmischung der Bevölkerung hat sich der Geist der Zusammenarbeit Bahn gebrochen. 1990 bildeten die Moslems mit 16'218 Angehörigen die drittgrösste Religionsgemeinschaft.

In die religiösen Angelegenheiten der korporativ organisierten Judengem. in Endingen und Lengnau mischte sich der Staat nicht ein. Sie besassen seit der Mitte des 18. Jh. in beiden Gem. Synagogen. 1850 wurden im A. gut 1'500 Einw. jüd. Glaubens gezählt. Mit der Emanzipation wanderten die meisten aus dem Surbtal ab, näher zu ihrer Handelskundschaft oder in die wirtschaftl. aufstrebenden Städte. Die Judenkorporationen von Endingen und Lengnau wurden 1877 in jüd. Ortsbürgergem. umgewandelt und 1983 in die Ortsbürgergem. integriert.

Autorin/Autor: Heinrich Staehelin

Quellen und Literatur

Archive
– StAAG (auch Bestände der früheren Organisationseinheiten, insbes. der Landvogtei Baden mit Tagsatzungsakten)
– Archiv der Kant. Denkmalpflege, Aarau
– Archiv der Kantonsarchäologie, Brugg
– KBAG
– W. Merz, Repertorium des Aarg. Staatsarchivs, 2 Bde., 1935
– W. Merz et al., Inventare der aarg. Stadtarchive, 2 Bde., 1917-37
Quellen
Verhandlungen des Gr. Rates 1830-, (mit Unterbrüchen)
Rechenschaftsber. des Kl. Rathes bzw. Regierungsrates, 1837-
– F.X. Bronner, Der Kt. A., hist., geogr., statist. geschildert, 2 Bde., 1844
SSRQ AG
Aargauer Urk., 15 Bde., 1930-66
150 Jahre Kt. A. im Lichte der Zahlen 1803-1953, 1954
Zurlaubiana AH
Statist. Jb. des Kt. A., 1986-
Literatur

Autorin/Autor: Andreas Steigmeier