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Graubünden

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1524-1803 Freistaat Gemeiner Drei Bünde (Gotteshausbund, Grauer Bund, Zehngerichtenbund) und zugewandter Ort der Eidgenossenschaft, 1799-1803 als Kt. Rätien Teil der Helvet. Republik, seit 1803 Kanton der Eidgenossenschaft. 1512-1797 gehörten das Veltlin, Chiavenna und Bormio als Untertanengebiete den Drei Bünden. Amtl. Umschreibung: Kanton Graubünden, Cantone dei Grigioni, Chantun Grischun. Franz. Grisons. Amtssprachen sind Deutsch und Italienisch, seit 1996 auch Rätoromanisch (Rumantsch Grischun), Hauptort ist Chur.

Das im Südosten der Schweiz gelegene Kantonsgebiet gliedert sich in rund 150 Täler. Die Surselva und das Engadin, die beiden Haupttäler, verlaufen parallel zum Alpenkamm. Der Rhein entwässert weite Teile des von grossen Höhenunterschieden geprägten Kantons. Am Piz Lunghin oberhalb von Maloja, einer Wasserscheide Europas, entspringen der Inn, der ostwärts in die Donau fliesst, die Julia, welche nach Norden in den Rhein fliesst und die Maira, die in den Po mündet.

Fläche (1995/97)7 105,2 km² 
Wald/bestockte Fläche1 897,1 km²26,7%
Landwirtschaftliche Nutzfläche2 117,3 km²29,8%
Siedlungsfläche127,9 km²1,8%
Unproduktive Fläche2 962,9km²41,7%

Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur
Jahr 18501880a1900195019702000
Einwohner 89 89593 864104 520137 100162 086187 058
Anteil an Gesamtbevölkerung der Schweiz3,8%3,3%3,2%2,9%2,6%2,6%
Sprache       
Deutsch  43 66448 76277 09693 359127 755
Rätoromanisch  37 79436 47240 10937 87827 038
Italienisch  12 97617 53918 07925 57519 106
Französisch  115479893819961
Andere  4421 2689234 45512 198
Religion, Konfession       
Protestantisch 51 85553 16855 15569 52474 39176 252
Katholischb 38 03941 71149 14266 41985 80387 245
Christkatholisch    12282111
Andere 11122231 0351 81023 450
davon jüdischen Glaubens 1381143609885
davon islamischen Glaubens     1613 913
davon ohne Zugehörigkeitc     6109 448
Nationalität       
Schweizer 87 70788 71089 583125 964137 995158 886
Ausländer 2 1886 28114 93711 13624 09128 172
Jahr  19051939196519952001
Beschäftigte im Kanton1. Sektor 42 30442 5779 88011 417d9 936d
 2. Sektor 15 48114 43933 18627 47324 041
 3. Sektor 17 69719 53634 54968 44667 609
Jahr  19651975198519952001
Anteil am Schweiz. Volkseinkommen 2,4%2,4%2,4%2,4%2,3%

a Einwohner: Wohnbevölkerung; Sprache, Religion und Nationalität: ortsanwesende Bevölkerung

b 1880 und 1900 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

c zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

d gemäss landwirtschaftl. Betriebszählungen 1996 und 2000

Quellen:HistStat; eidg. Volkszählungen; BFS

1 - Von der Urgeschichte bis zur Römerzeit

1.1 - Ur- und Frühgeschichte

1.1.1 - Alt- und Jungsteinzeit

Für G. liegen bisher keine Funde aus dem Paläolithikum (ca. 500'000-8000 v.Chr.) vor, da die Alpentäler damals grösstenteils von Gletschern bedeckt waren. Lediglich aus den spätesten Phasen der Altsteinzeit gibt es mit Chur-Marsöl einen Rastplatz von Jägern, die Silex- und Radiolaritgeräte benutzten (ca. 11'000-9000 v.Chr.). Ein mehrfach begangener Siedlungs- und Werkplatz des Mesolithikums (ca. 8000-5000 v.Chr.) ist in Mesocco-Tec Nev nachgewiesen (Silex- und Bergkristallgeräte). Aufgrund der mittelsteinzeitl. Stationen von Pian dei Cavalli in der Region des Splügenpasses und im Valchiavenna (beide Italien) sind aber auch in G. mesolith. Siedlungs- und Rastplätze zu vermuten.

Die zahlreichen Siedlungs- und Werkplätze aus dem Neolithikum (ca. 5500-2200 v.Chr.) konzentrieren sich v.a. auf die tief gelegenen Fluss- und Durchgangstäler. Bei diesen Fundstellen handelt es sich um Mesocco-Tec Nev, Chur-Areal Zindel und Ackermann, Zizers-Friedau, Untervaz-Haselboden, Tamins-Crestis, Cazis-Petrushügel und Castaneda-Pian del Remit. In Chur-Areal Ackermann sind nebst Siedlungsstrukturen mit Holzhütten auch Spuren des Pflugackerbaus belegt. Das jungsteinzeitl. Fundmaterial von Chur lässt Beziehungen zur nördlich gelegenen Lutzengüetle- und Pfyner-Kultur erkennen. In Cazis-Petrushügel wurden zahlreiche Sandsteinsägen und Hirschgeweihartefakte geborgen, die an einen Werkplatz denken lassen. Auch das Fundmaterial von Cazis scheint sich in Richtung Alpenrheintal und Ostschweiz zu orientieren (Bezüge zur Horgener Kultur). In Tamins-Crestis traten Reste einer Siedlung zu Tage, die ebenfalls in die Zeit der Horgener Kultur (ca. um 3000 v.Chr.) datieren. Während die Station von Mesocco-Tev Nev in der Zeit um oder nach 5000 v.Chr. benutzt wurde und vermutlich mit frühneolith. Gruppen Oberitaliens in Zusammenhang steht, gehört die Fundstelle von Castaneda schon ins späte Neolithikum. Auch aus Castaneda liegen vereinzelte Gebäudereste und Spuren eines wohl jungsteinzeitl. Pflugackerbaus vor. Der jungsteinzeitl. Rastplatz unter dem abriartigen Felsdach von Zernez-Ova Spin und diverse Silex- und Steinbeilfunde aus dem Engadin und Averstal beweisen, dass auch höher gelegene Täler während der Jungsteinzeit - wohl zum Jagen - begangen wurden.

Autorin/Autor: Jürg Rageth

1.1.2 - Bronze- und Eisenzeit

In der Bronzezeit (ca. 2200-800 v.Chr.) ist eine starke Zunahme der Besiedlungsintensität festzustellen, die wahrscheinlich mit der Suche nach Kupfervorkommen in Zusammenhang steht. Der bronzezeitl. Mensch besiedelte nicht nur die tief gelegenen Durchgangstäler G.s, sondern auch die hochalpinen Täler wie z.B. Engadin, Oberhalbstein und Lugnez. Als Siedlungsstandort wurden neben markanten Hügelplateaus und -kuppen auch Hangterrassen bevorzugt (Höhensiedlungen). Erst in der Spätbronzezeit wurden Siedlungen in den Talsohlen angelegt. In G. und in angrenzenden Gebieten - dem St. Galler Rheintal, dem Fürstentum Liechtenstein und in Teilen Südtirols - zeichnet sich die Kultur der inneralpinen Bronzezeit mit einem recht charakterist. Fundgut ab. Bedeutende Siedlungen dieser Kultur sind Lumbrein/Surin-Crestaulta, Falera-Muota, Maladers-Tummihügel, Cazis-Cresta, Savognin-Padnal, Salouf-Motta Vallac, Scuol-Munt Baselgia und Ramosch-Mottata. Interessante Siedlungsstrukturen mit guten baul. Elementen weisen Savognin-Padnal und Cazis-Cresta auf, wo ein- und z.T. auch mehrzeilige Reihenhaussiedlungen entdeckt wurden. Im Gegensatz zur Anzahl der Siedlungsreste ist diejenige der bronzezeitl. Grabfunde gering. In Donath-Surses fand man vereinzelte frühbronzezeitl. Körperbestattungen (darunter auch eine Doppelbestattung) und in Lumbrein/Surin-Cresta Petschna trat ein mittelbronzezeitl. Gräberfeld mit Brandbestattungen und Grabbeigaben zu Tage. Aus der Spätbronzezeit sind sowohl vereinzelte Körperbestattungen als auch ein einzelnes Urnengrab nachgewiesen.

Grosse Bedeutung hat die mittel- bis spätbronzezeitl. Quellwasserfassung aus Lärchenholz in St. Moritz-Bad, in der - wohl als Weihegaben - mehrere Bronzeobjekte wie Schwerter und ein Dolch sorgfältig deponiert waren. In den Bereich des Kultischen und Religiösen könnten allenfalls die Felszeichnungen von Sils im Domleschg-Carschenna und von Tinizong-Senslas sowie zahlreiche Schalen- und Zeichensteine gehören.

Wiewohl sich der bronzezeitl. Bewohner des Alpenraums vorwiegend von Ackerbau und Viehzucht ernährte, lassen sich auch Kupferbergbau (Oberhalbstein, Oberengadin und Lugnez usw.) und Alpenpasshandel nachweisen. Dagegen spielte die Jagd in der Bronzezeit keine grosse Rolle mehr.

Im Verlaufe der Spätbronzezeit vollzog sich im bündner. Alpenraum ein kultureller Wandel. Aus dem Raum Trentino und Südtirol drang die spätbronzezeitl. Laugen-Melaun-Kultur ins Unterengadin vor. Von Norden her breiteten sich die Urnenfelder-Kultur und in der entwickelten Spätbronzezeit die Laugen-Melaun-Kultur in Nord- und Mittelbünden aus. In Südwestbünden (Raum Misox) fasste die tessin.-lombard. Spätbronzezeit Fuss. In der Eisenzeit (ca. 800-15 v.Chr.) setzte sich diese kulturelle Gliederung innerhalb des bündner. Alpenraums fort.

In Nord- und Mittelbünden sind von der frühen Eisenzeit an mit der bemalten Schale von Felsberg, der Keramik aus dem Urnengräberfeld von Tamins und anderen Funden hallstätt. Einflüsse auszumachen. Im Verlaufe der älteren Eisenzeit begann sich in Nord- und in Teilen Mittelbündens eine eigene Kulturgruppe mit Keramik vom Typ Tamins und später vom Typ Schneller (sog. eisenzeitl. Alpenrheintalgruppen) abzuzeichnen. Zu dieser Regionalgruppe gehören u.a. die Siedlungen Chur-Welschdörfli, Chur-Sennhof/Karlihof, Fläsch-Luzisteig, Lantsch/Lenz-Bot da Loz, Cazis-Niederrealta, Suraua-Surcasti und Trun-Grepault. Verhältnismässig gut überliefert sind die Siedlungsstrukturen und die Hausgrundrisse in Chur-Markthallenplatz, Chur-Areal Ackermann und z.T. auch in Lantsch/Lenz-Bot da Loz (befestigte Siedlung).

Im Gräberfeld von Tamins wurden 64 Urnengräber freigelegt. Die Toten verbrannte man auf dem Scheiterhaufen und setzte sie anschliessend in Graburnen bei. Das Fundgut von Trun-Darvella umfasst mehrere latènezeitl. Körpergräber, deren Grabbeigaben z.T. einen ausgeprägt kelt. Charakter, z.T. aber auch einen stark lepont. Einfluss erkennen lassen. Allgemein verstärkte sich in der mittleren bis späten Latènezeit der kelt. Einfluss in Nordbünden, was vermutlich auf den Transithandel im Alpenrheintal zurückzuführen ist (Graphittonkeramik, Fibelschmuck usw.). So trat in Cunter-Burvagn bei Grabungen bereits 1786 ein spätlatènezeitl. Hortfund mit zahlreichen Gold- und Silbermünzen bzw. mit Silberdrachmen von Massilia (Marseille) zu Tage, aber auch Schmuck aus Gold und Silber. Der heute nur noch teilweise erhaltene Fund deutet auf den Nord-Süd-Handel im Alpenbereich hin.

In Südostbünden (Unterengadin/Münstertal) weist die spätbronzezeitl. Laugen-Melaun-Kultur, die sich durch charakterist. Henkelkrüge auszeichnet, bis in die Eisenzeit eine klare Kontinuität auf. Gegen Ende der älteren Eisenzeit (6./5. Jh. v.Chr.) wurde diese Kultur von der sog. Fritzens-Sanzeno-Kultur abgelöst, deren keram. Leitformen verzierte Schalen vom Fritzens- und vom Sanzeno-Typ bilden. Bedeutende Siedlungen der Laugen-Melaun- und der Fritzens-Sanzeno-Kultur sind u.a. Scuol-Munt Baselgia, Ramosch-Mottata und Ardez-Suotchastè, wo sich z.T. auch interessante bauliche Strukturen beobachten liessen.

Als weitere Regionalgruppe zeichnet sich derzeit eine kleine Gruppe im Raum Zernez ab, die eine gewisse Verwandtschaft zum Fritzens-Sanzeno-Kulturkreis aufweist, sich aber zugleich auch stark in Richtung des Val Camonica im Veltlin ausrichtet. Zu dieser Gruppe gehört die befestigte Siedlung von Zernez-Muota da Clüs. Zur tessin.-lombard. Golaseccakultur ist eine weitere Regionalgruppe zu zählen, die sich im Raum Südwestbünden (Misox/Calancatal) manifestiert. In G. sind von dieser Gruppe neben einzelnen Siedlungskomplexen v.a. zahlreiche Grabfunde überliefert, die mitunter aus grösseren Nekropolen stammen. In Mesocco-Coop wurden 16 Bestattungen aus der älteren Eisenzeit, darunter Brand- und Körperbestattungen mit z.T. reichen Grabbeigaben wie Situlen, Rippenzisten (Bronzekessel), Gürtelplatten und Fibelschmuck, entdeckt. Aus Castaneda kennt man neben bescheidenen Siedlungsresten heute über 90 Körpergräber aus der älteren und jüngeren Eisenzeit mit reichhaltigen Keramik- und Schmuckbeigaben (Fibeln, Ohrgehänge, Bernstein usw.). Weitere eisenzeitl. Grabfunde wurden in Cama, Santa Maria in Calanca und Mesocco gemacht. Die reichen Grabbeigaben dieser Regionalgruppe weisen darauf hin, dass die Bevölkerung vergleichsweise wohlhabend war, was wohl auf eine Art Vermittlerrolle der Region im Alpenpasshandel zurückzuführen ist. In Mesocco wurde eine fragmentarisch erhaltene, mit Inschrift versehene Steinstele gefunden. Sie lässt sich nach Schrift und Sprache mit den sogenannt lepont. Grabstelen des Südtessins vergleichen.

Schon seit Jahrzehnten beschäftigen sich die Althistorie, die Archäologie und die Sprachwissenschaft mit der Frage nach den Rätern. Während man sich heute weitgehend darüber einig ist, dass ihr Kerngebiet im Raum Trentino und Südtirol, im Unterengadin und Nordtirol liegt (Fritzens-Sanzeno- und Laugen-Melaun-Kultur), wird der nord- und mittelbündner. Raum von der Forschung nur z.T. als rätisch, teilweise aber auch als keltisch oder als keltorätisch aufgefasst. Der südwestbündner. Kreis hingegen gilt als lepontisch (Lepontier). Mit der Unterwerfung der Alpenvölker durch die Römer 15 v.Chr. wurde das Ende der eisenzeitl. Kulturen G.s eingeleitet.

Autorin/Autor: Jürg Rageth

1.2 - Rätien in der Römerzeit

1.2.1 - Allgemeines

Die schriftl. Quellen bieten nur wenig Informationen und geben nur die röm. Sicht wieder. Die Verteilung der zahlreichen archäolog. Quellen hängt z.T. mit der heutigen Siedlungsdichte und damit mit der Grabungsintensität zusammen. Von den ca. 230 röm. Fundstellen im heutigen G. sind 25% Siedlungsfunde, 6% Gräber und die übrigen Einzelfunde, meist Münzen.

Die starke naturräuml. Gliederung in G. bewirkte eine Aufteilung der Siedlungsgebiete in Talschaften, in denen regionale Traditionen und Einflüsse von aussen aufeinandertrafen. Während der 500 Jahre röm. Herrschaft entwickelte sich in diesen Gebieten eine Romanitas, deren unterschiedliche einheim. Substrate erst in Ansätzen erforscht sind. Die in Ost-West-Richtung verlaufenden Täler öffneten sich zum östl. Alpenraum. In der frühen Kaiserzeit und besonders in der Spätantike bestanden enge Verbindungen zu Oberitalien, während vom späteren 1. bis 3. Jh. die nordalpinen Täler wie das übrige westl. Rätien stärker auf die röm. Nordwestprovinzen ausgerichtet waren, was sich u.a. am importierten Geschirr (Terra sigillata) ablesen lässt. Lebensgrundlagen boten weiterhin die Bodenschätze - in röm. Zeit v.a. Eisen, aber auch Bergkristall und Lavez - sowie Transport, Weide-, Wald- und Landwirtschaft. Wichtige Süd-Nord-Verbindungen führten über denSan Bernardino bzw. über denSeptimer oder denJulierpass ins Rheintal, zum Bodensee und an die Donau; diese Alpenpässe erlangten aber nicht die gleiche Bedeutung wie der Brenner oder der Gr. St. Bernhard. Röm. Funde säumen auch Lukmanier, Greina, Splügenpass sowie Berninapass. Das Itinerarium Antonini, ein röm. Strassenverzeichnis, und die Tabula Peutingeriana, eine ma. Kopie einer röm. Karte, führen die wohl mit Wagen befahrbaren Strassen über Septimer oder Julier und Splügen auf.

Autorin/Autor: Stefanie Martin-Kilcher

1.2.2 - Von den ersten Kontakten bis zur Eroberung der Alpen (15 v.Chr.)

Nach den Funden waren im 1. Jh. v.Chr., vor der Eroberung, die meisten Bündner Alpentäler bewohnt. Wenngleich selten, so sind Kontakte zu Italien auch nördlich der Alpen belegt, z.B. durch die padan. Münzen des Cunter Hortfundes und feines Importgeschirr in Chur. Die ersten schriftl. Quellen schildern die Bewohner der Alpentäler meist als wilde Räuberhorden.

Auch wenn Lucius Munatius Plancus 44 v.Chr. (in Gallien?) einen Triumph ex Raetis feierte, kamen das ganze Alpengebiet und alle Strassenverbindungen zwischen Italien und oberer Donau erst mit dem Feldzug des Drusus und Tiberius 15 v.Chr. unter röm. Herrschaft. Der Alpenfeldzug und die röm. Präsenz in den Jahren nach 15 v.Chr. sind durch Funde v.a. an der Passroute über den Septimer oder Julier in Bondo, auf dem Septimer, in Savognin (Padnal) sowie bei Tiefencastel bezeugt. Nach Norden führten die Walenseeroute und eine Strasse zum Bodensee. Die indigene Bevölkerung ist in dieser Zeit kaum fassbar, was nicht nur mit Datierungsproblemen einheim. Funde zu erklären ist, sondern wohl auch mit einer schon im Verlaufe des 1. Jh. v.Chr. stattgefundenen und durch die röm. Eroberung verstärkten demograf. Zäsur, u.a. durch die Zwangsrekrutierung (cohortes Raetorum et Vindelicorum).

Autorin/Autor: Stefanie Martin-Kilcher

1.2.3 - Frühe und mittlere Kaiserzeit

Auf dem Tropaeum Alpium werden mehrere besiegte Stämme aus dem heutigen G. genannt. Bis ca. 20-40 n.Chr. bildeten das Wallis und G. mit dem bayer. Alpenvorland eine administrative Einheit unter einem praefectus Raetis Vindolicis Vallis Poeninae et levis armaturae, während die Südalpentäler zu den italischen Regionen X und XI kamen. Die Provinz Raetia et Vindelicia, deren Kurzform Raetia sich allmählich durchsetzte, wurde vielleicht schon unter Ks. Tiberius (14-37), spätestens aber unter Ks. Claudius (41-54) abgetrennt. Ob zuerst Kempten (Cambodunum) Hauptstadt war und erst nach einigen Generationen das im 2. Jh. zum Municipium erhobene Augsburg (Augusta Vindelicum), ist zur Zeit noch nicht geklärt. Zentrale Orte im Westteil der 80'000 km2 grossen Provinz waren Kempten, Bregenz (Brigantium) und Chur (Curia). Schon um die Zeitenwende huldigten diese drei Städte nahezu gleichzeitig den kaiserl. Prinzen - dies unterstreicht nebenbei die Bedeutung Churs - und bezeugten damit ihre Loyalität. Die röm. Stadtanlagen von Kempten und Bregenz sind besser erforscht als diejenige Churs, in dem öffentliche und private Bauten im Welschdörfli am linken Ufer der Plessur ergraben wurden. Wie in Bregenz zeigen sie eine Bebauung entlang der Fernstrasse. Chur hat eine für röm. Städte typische Lage; hier verzweigten sich die versch. Strassen über die Bündner Pässe und nahm wohl auch die Rheinschiffahrt nach Norden ihren Anfang. Bäder, Markt, Handelshäuser, Herbergen, die typischen lang gestreckten Bauten, in denen Gewerbe und Wohnen kombiniert wurden, und Importe dokumentieren die Zentrumsfunktion der Stadt. Nachgewiesen ist auch ein militär. Posten zur Sicherung des Verkehrs. Schriftl. Quellen über die rechtl. Stellung Churs fehlen; bisher deutet alles auf einen Vicus. Ab ca. 10-30 n.Chr. nehmen Siedlungen und Funde in den Bündner Haupttälern zu. Baute man auch in Chur bis dahin Häuser nach traditioneller Art ganz in Holz oder über Trockenmauersockeln, wurden hier nach der Mitte des 1. Jh. vermehrt Gebäude mit gemörtelten Mauern und Ziegel- oder Steindächern errichtet. In den Tälern reihten sich dorfartige Siedlungen entlang der Strassen von 300 m (Roveredo) bzw. 515 m (Maienfeld) bis gegen 1500 m Meereshöhe (Zernez). Bevorzugt wurden nach Süden oder Südosten exponierte, oft hoch über dem Fluss liegende Terrassen. Am besten erforscht ist die über eisenzeitl. Vorläufern gelegene, vom frühen 1. Jh. an kontinuierlich bewohnte ländl. Siedlung von Riom mit mindestens zwei komfortablen gemauerten Gehöften, die auch Reisenden Unterkunft boten. Derartige gemauerte Höfe scheinen als Rastorte an Transitrouten eine besondere Funktion gehabt zu haben. Noch ganz unerforscht, aber vorauszusetzen ist die Alpwirtschaft.

Autorin/Autor: Stefanie Martin-Kilcher

1.2.4 - Spätantike

Münzhorte im Alpenrheintal und in Chur sowie Brandhorizonte deuten auch in G. auf unruhige Zeiten im späteren 3. Jh. Nach der Reichsreform von Diokletian kam Rätien zur Praefektur Italia und wurde, wohl in konstantin. Zeit, aufgeteilt in die Provinzen Raetia Prima (Hauptstadt zuerst Bregenz, dann im 5. Jh. Chur?) und Raetia Secunda (Hauptstadt Augsburg). Verwaltet wurden die beide Rätien von je einem praeses; das militär. Kommando führte jedoch ein dux, der seinen Sitz vermutlich in Augsburg hatte, für beide Provinzen gemeinsam. Der Zugehörigkeit zur Praefektur Italia und damit der Orientierung nach Süden entsprechen u.a. die Importe nordafrikan. Geschirrs und oberitalischer grünglasierter Keramik; dazu kommen Waren aus dem Nordwesten, wie Argonnensigillata.

Nach der Legende soll der hl. Luzius in Rätien im späten 2. Jh. n.Chr. missioniert haben; archäologisch fassbar ist der Übergang von der antiken Religion zum Christentum erst in spätröm. Zeit, in der in Chur, Bonaduz und Schiers frühchristl. Kirchenbauten, Memorien und Friedhöfe angelegt wurden. Sowohl in Chur wie in den Tälern ist ab dem 4. Jh. mit zunehmend grösseren Gem. zu rechnen; der Bischofssitz in Chur scheint im späten 4. Jh. gegründet worden zu sein, und ab 451 sind Churer Bischöfe schriftlich bezeugt. Der Übergang zum Christentum bedeutete nicht das Ende aller früheren Kultorte, wie eine Höhle bei Zillis illustriert, die sicher im 4., möglicherweise noch im 5. und 6. Jh. der Verehrung einer unbekannten Gottheit diente.

Während weiterhin offene Siedlungen bestanden wie in Chur-Welschdörfli, Riom oder Schiers, wurden vom späteren 3. Jh. an auch Siedlungen und Befestigungen auf Hügeln und unzugänglichen Anhöhen angelegt, mehrfach an Stellen, die bereits eisenzeitl. Befunde lieferten. Neben dem wenig erforschten Kastell Chur-Hof ist die befestigte Ansiedlung Castiel-Carschlingg am besten bekannt. Türme und Burgi schützten wichtige Punkte, wie in Salouf (Motta Vallac) oder Sagogn-Schiedberg. Nach den archäolog. Befunden verfielen die röm. Baustrukturen vom 5. Jh. an allmählich und einfache Holzbauten lösten die gemörtelten Steinbauten - eine Ausnahme diesbezüglich sind Kirchen sowie einzelne repräsentative Profanbauten - immer mehr ab (z.B. Castiel, Riom). Viele Orte wurden aber von einer rom. Bevölkerung kontinuierlich weiterbesiedelt.

Autorin/Autor: Stefanie Martin-Kilcher

2 - Graubünden im Früh- und Hochmittelalter

2.1 - Herrschaft, Politik und Verfassung

2.1.1 - Das frühe Mittelalter (6. bis Mitte des 10. Jahrhunderts)

Die spätröm. Provinz Raetia Prima bildete unter ostgot. Herrschaft einen Teil des alpinen Grenzgürtels Italiens. Als 536/537 die Goten den Franken die Provence und die got. Alemannia abtraten, wurde wahrscheinlich auch Rätien in das merowing. Frankenreich eingegliedert. Die fränk. Italienzüge des 6. Jh. erfolgten wohl z.T. über die Bündner Pässe. Die fränk. Expansion (6. Jh.) und die alemann. Siedlungsbewegung (6.-7. Jh.) modifizierten die Grenzen der antiken Provinz. Sie weisen auf eine starke Bindung an das Frankenreich zu Beginn des 7. Jh. Auch der erste merowingerzeitl. Amtsträger Zacco, der Ahn der sog. Zacconen/Viktoriden (Victoriden), dürfte als militär. Befehlshaber von den Merowingern eingesetzt worden sein. Seine Nachfahren vereinigten die beiden Ämter des praeses und des dux und steigerten durch Übernahme der Bischofswürde ihre Stellung zu einer familialen Samtherrschaft (Churrätien). Spätestens Tello (ca. 765), der zugleich Bischof und praeses war, verwandelte sie in eine klassische regionale Bischofsherrschaft, welche ihre zeitgenöss. Parallelen in Gallien hatte. Wie die Schutzurkunde Karls des Grossen von ca. 773 zeigt, trat Rätien im 8. Jh. wieder stärker in das Gesichtsfeld der Franken. Vermutlich um 806/807 wurde die Bischofsherrschaft durch die Aussonderung des gräfl. Amtsgutes aus dem Kirchengut und die Einführung der Grafschaftsverfassung zerschlagen. Erster Graf war Hunfrid, Markgf. von Istrien. Durch den Vertrag von Verdun (843) fiel Rätien definitiv an das ostfränk. Reich. Die Verbindung mit Schwaben wurde zur Zeit Karls III. des Dicken (865/876-887) dadurch gestärkt, dass der Karolinger seine Herrschaft wohl direkt ausübte. Erst nach seinem Tode begegnet Rudolf, wohl ein Welfe, als dux Raetianorum (890), schliesslich Burchard I. als marchio Curiensis (903). Markgf. Burchard war der Stammvater der schwäb. Herzogsfamilie; sein Sohn Burchard II. erlangte, gestützt auf seine gräfl. Rechte in Rätien, 917 die Herzogswürde. Unter seinen Nachfolgern blieb die Verbindung Rätiens mit Schwaben gewahrt, nur traten an die Stelle der einen Grafschaft nun drei: Oberrätien, das an die Udalrichinger, im 11. Jh. an die Gf. von Buchhorn fiel, der Vinschgau, für den nur zwei Grafen des 10. und 11. Jh. bekannt sind, bevor er 1141 im erbl. Besitz der Gf. von Tirol stand, und Unterrätien, das bis 982 in der Hand der schwäb. Herzöge lag und im 11. Jh. den Gf. von Bregenz unterstand.

Der Bischofssitz Chur gehörte zum Mailänder Metropolitansprengel, doch mehren sich ab dem ausgehenden 6. Jh. die Anzeichen für eine kirchl.-polit. Hinwendung zum merowing. Frankenreich. 614 besuchte Bf. Victor von Chur das Reichskonzil in Paris, 762 traten Bf. Tello und Abt Adalbert von Pfäfers dem Gebetsbund von Attigny bei. Auch kirchlich bildete der Vertrag von Verdun eine Zäsur; denn von nun an unterstand das Churer Bistum bis 1803/18 dem Erzbistum Mainz. Die Teilung von 806/807 hatte die altkirchl. Vermögens- und Verwaltungseinheit des Bistums aufgebrochen. Der bischöfl. Besitz wurde im Laufe des 9. Jh. nur geringfügig zurückerstattet. Im Zusammenhang mit der otton. Italien- und Kaiserpolitik erfuhr das Churer Bistum unter Bf. Hartpert (951 bis wohl 971) eine ungeahnte Aufwertung als Stütze des Königs im Südwesten des Reiches. 951 erhielt Hartpert die Fiskaleinkünfte der Grafschaft Chur, 952 die Zollrechte in Chur, 955 den Königshof Zizers 958 das Münz- und Zollrecht, ferner die Hälfte der Civitas, d.h. des "Hofes" von Chur, 960 den Königshof in Chur mit den dazugehörenden fiskalisch nutzbaren Rechten sowie die Zolleinkünfte und die Grafenrechte im Bergell. Dies bedeutete keineswegs eine Wiederherstellung der umfassenden merowing. Bischofsherrschaft, denn längst waren die Herrschaftsrechte in Rätien aufgesplittert.

Die beiden Frauenklöster Cazis, die ältere Gründung des 7./8. Jh., und Mistail, die jüngere aus der 2. Hälfte des 8. Jh., waren dem Bischof unterstellt; Schänis, das dritte Frauenkloster, gegründet zwischen 814 und 823 durch Gf. Hunfrid, blieb dagegen hunfriding. Eigenkloster bis 1045. Die beiden Männerklöster Disentis und Pfäfers, gegründet im 8. Jh. wohl auf Initiative der Zacconen/Viktoriden und im Falle von Pfäfers anscheinend unter Mithilfe des Klosters Reichenau, stützten sich auf umfassenden Grundbesitz, so Disentis im Vorderrheintal (Tellotestament von 765) und Pfäfers (Urbar von ca. 842/843) im Rheintal unterhalb Domat/Ems, im Hinterrheintal (Splügen), im Vinschgau und im Etschland, sowie an der Walensee-Route bis zum oberen Zürichsee. Wie das Kloster Müstair im Vinschgau, an dessen Gründung nach der Eroberung des Langobardenreiches wohl die Bf. von Chur sowie der fränk. König beteiligt waren, wurden Disentis und Pfäfers 806/807 dem Reiche zugeschlagen. 881 wurde Müstair wieder bischöflich, die beiden anderen Abteien blieben Reichsklöster.

Autorin/Autor: Reinhold Kaiser

2.1.2 - Das hohe Mittelalter (Mitte des 10. bis 13. Jahrhundert)

Die Rolle Churrätiens in der Reichspolitik beruhte auf der Bedeutung der Bündner Pässe für die Italienpolitik der dt. Könige. Otto I. und II. waren nicht zufällig Förderer des Churer Bistums, benutzten sie doch die Bündner Pässe häufiger als die nachfolgenden Könige. Um 1020 übertrug Heinrich II., der 1004 den San Bernardino überquert hatte, das Kloster Disentis dem Bf. von Brixen, zu dessen Herrschaftsbereich der Brennerpass gehörte. Während des Investiturstreits wurden Pfäfers und Disentis kaiser- bzw. papsttreuen Bischöfen unterstellt. Beide Klöster konnten erst im 12. Jh. ihre Selbstständigkeit wiedererlangen. Da ab 1079 die Staufer das schwäb. Herzogtum innehatten, erhielt Churrätien in der stauf. Politik einen hohen Stellenwert. Schon unter Konrad III. waren um 1150 die Lenzburger im Bleniotal, mithin am Südausgang der Lukmanierstrasse, mit den Reichsrechten betraut worden; nach ihrem Aussterben (1173) rückten die Herren von Torre (Bleniotal) als stauf. Amtsträger an ihre Stelle. Friedrich I. förderte das Kloster Disentis zur Sicherung der Lukmanierstrasse. 1164 zog er über den Lukmanier und Disentis nach Ulm, zur Schlichtung der Tübinger Fehde, als deren Ergebnis der Pfalzgf. Hugo von Tübingen 1166 die Grafenwürde in Rätien verlor. Da der Hochvogt des Churer Bistums, Gf. Rudolf von Pfullendorf, ein treuer Anhänger der Staufer war und nach dem Tode seines Erben (1167) die Hochvogtei an den Sohn Barbarossas, Friedrich von Schwaben, übertrug (1170), konnten die stauf. Herzöge von Schwaben am Ende des 12. Jh. noch einmal eine Art herzogl. Verwaltung in Churrätien einrichten. Unter Heinrich VI. verkehrten rät. Adlige am kaiserl. Hof (1192, 1194); darin spiegelt sich ein verfassungsgeschichtl. Wandel, der schon im 11. Jh. begonnen hatte: An die Stelle der ausgestorbenen Grafengeschlechter von Ober- und Unterrätien und der auswärtigen Herren aus dem südschwäb. Raum traten einheimische lokale Gewalten. Äusseres Zeichen dieses Wandels war der Burgenbau, der, im 11. Jh. schon stark verbreitet, seinen Höhepunkt zwischen der Mitte des 12. und dem Anfang des 14. Jh. erreichte. Um die Burgen gruppierten sich meist nur verhältnismässig kleine Herrschaftsgebiete. Unter den geistl. Herrschaften war jene des Bf. von Chur die ausgedehnteste; sie umfasste seit otton. Zeit neben Stadt und Umland Chur, das Bergell und vermutlich auch grosse Teile des Oberengadins, wo der Bischof umfangreichen Grundbesitz durch Kauf von den Gf. von Gamertingen (1137/39) erwarb. Im Unterengadin gelangten die Bischöfe durch Schenkung in den Besitz der Herrschaftsrechte der Tarasper und verfügten über das bischöfl. Kloster Müstair und dessen Besitzungen im Münstertal und im Vinschgau. Im Vorderrheintal errichtete Disentis eine Territorialherrschaft, Cadi (Casa Dei) genannt, die zum Kerngebiet des späteren Oberen oder Grauen Bundes wurde. In Konkurrenz zu den Bischöfen errichteten die Vazer ihre Herrschaft, die sie in Rätien wohl im Zusammenhang mit der Übernahme von Reichslehen und -gütern in Vaz/Obervaz erlangt hatten, und zwar im Raum ihrer Klosterstiftung Churwalden, der Lenzerheide und Alvaschein. Bei ihrem Aussterben im 14. Jh. gingen ihre Rechte auf die Gf. von Werdenberg-Sargans über. Im Vorderrheintal konkurrierten mit dem Kloster Disentis u.a. die Herren von Rhäzüns (Jörgenberg), von Sax-Misox (Gruob, Lugnez) und von Sagogn-Wildenstein-Greifenstein, ferner die Freien von Laax. Diese bildeten wohl ursprünglich einen Personalverband in ganz Oberrätien zwischen Landquart und dem Alpenkamm. Unter den Habsburgern wurden sie territorialisiert zur "Grafschaft Laax" (1283), zu welcher noch bis ins 16. Jh. auswärtige Freie, besonders um Ilanz ansässige, gehörten.

Autorin/Autor: Reinhold Kaiser

2.2 - Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur

2.2.1 - Bevölkerung und Sprachen

Zwischen dem 6. und 14. Jh. dürfte die Einwohnerzahl Rätiens - sehr grob geschätzt - von 30'000 auf 60'000 angewachsen sein. In der Bevölkerungsdichte bestanden grosse Unterschiede zwischen den fruchtbaren Haupttälern, in denen sich Marktorte (Fürstenau) und vereinzelt Städte (Maienfeld, Ilanz) entwickelten, und den kargen, abgelegenen Seitentälern. Das demograf. Wachstum des MA beruhte sowohl auf Geburtenüberschüssen als auch auf Zuwanderungen. Diese setzten vermutlich am Ausgang der Antike vom nördl. Alpenvorland her ein und brachten die vollständige Romanisierung des Landes (Rätoromanisch). Vom HochMA an wanderten aus dem Walensee- und Bodenseeraum u.a. Handwerker zu, die sich in Chur niederliessen. Im Puschlav und im Misox setzten sich lombard. Idiome durch. Zwischen dem 12. und 14. Jh. okkupierten die Walser von Westen und Süden her die dünn besiedelten Hochtäler Nord- und Mittelbündens. Mit diesen Migrationen war die Bildung bzw. Veränderung der Sprachräume verbunden: In dem um 1000 noch rein rätorom. Gebiet entstanden in und um Chur sowie in den Walser Tälern dt. Sprachinseln. Die adlige Oberschicht bediente sich ab ca. 1200 des Deutschen als Standessprache. Im MA stellte Rätien keinen ethnisch geschlossenen Raum dar.

Autorin/Autor: Werner Meyer

2.2.2 - Kirche und Kultur

Die Diözese Chur umfasste ausser dem Gebiet des heutigen Kantons G. - das Puschlav unterstand allerdings Como - das Urserntal, das Sarganserland, das südl. Vorarlberg und den Vinschgau. Sie bestand aus Dekanaten, die den grossen Talräumen entsprachen und anfänglich Grosspfarreien gewesen sein dürften. Ein Filiationsprozess setzte noch vor 1000 ein.Über die Gesamtzahl der Kirchen im hochma. Rätien herrscht Ungewissheit. Im Zuge des hochma. Landesausbaus erfolgten weitere Klostergründungen der Prämonstratenser (St. Luzi in Chur, Churwalden). Die Bettelorden waren in Rätien nur durch die Dominikaner in Chur vertreten. Ausserhalb der klösterl. Gemeinschaften ist religiöses Leben v.a. in den Wallfahrten zu den volkstüml. Landesheiligen (Luzius, Florinus, Gaudentius, Placidus) und in den archäologisch bezeugten Begräbnissitten fassbar.

Ein Zentrum höf.-ritterl. Lebensweise existierte in G. nicht, und auch der bischöfl. Hof in Chur stellte kein solches dar. Dennoch lässt sich eine gewisse Rezeption der ritterl. Kultur durch den rät. Adel nachweisen, wobei Einflüsse aus dem Umfeld der Staufer unverkennbar sind. Durchwegs übernommen wurde ab 1200 die Heraldik, wie die Siegel, das Wappenkästchen von Scheid, die profanen und sakralen Wandmalereien sowie die Ritzzeichnungen von Fracstein zeigen. Inhaltl. Kenntnisse der höf. Epik verrät die Darstellung des Tristanstoffes in den Wandmalereien von Rhäzüns. Die drei rät. Minnesänger Heinrich von Frauenberg, Heinrich von Sax und der Dominikanermönch Eberhard von Sax dürften in den höf. Zentren des Bodenseeraumes gewirkt haben, der zusammen mit Zürich auf die ritterl. Standeskultur einen starken Einfluss ausübte.

In Rätien behauptete sich ab dem Ende der Antike die Mörtelmauertechnik im sakralen und profanen Repräsentationsbau. Doch herrschte während des MA in der ländl. Bauweise die Holzbau- und Trockenmauertechnik vor. Die frühma. Kirchenbauten hielten sich, soweit archäologisch bezeugt (Schiers, Trun/Grepault), in bescheidenen Dimensionen. Monumentale Bauformen setzten in karoling. Zeit ein und entwickelten regionaltypische Grundrisse (rechteckig ummauerte Apsiden, Mehrapsidensäle). Glockentürme sind nicht vor dem 11. oder 12. Jh. belegt. In dieser Zeit löste die halbrunde Einzelapsis die älteren Grundrissformen ab. Mehrschiffige Anlagen kamen in Rätien nur vereinzelt vor (u.a. Kathedrale Chur). Ab ca. 1300 wurden die charakterist. Stilelemente der Romanik zögernd durch got. Formen ersetzt. Die Stilbegriffe Romanik und Gotik sind aber nur bedingt auf den ma. Profanbau anwendbar, der sich wehrhaft-repräsentativ in den vielen Burgen zeigt. Herausgewachsen aus frühgeschichtl. Traditionen, folgte der Burgenbau in G. ab dem 11. und 12. Jh. dem europ. Trend zur Monumentalität. Dominierende Elemente waren Ringmauer, Hauptturm und Schildmauer. Regionale Besonderheiten entwickelten sich aus der Anpassung an das Gelände, doch sind auch auswärtige Einflüsse (Marschlins, Santa Maria in Calanca) nachweisbar. Von Ausnahmen abgesehen (Castello di Mesocco), kam der Burgenbau im 14. Jh. zum Stillstand.

Bis um 1300 bleiben die Zeugnisse künstler. Schaffens in G. auf den kirchl.-religiösen Bereich beschränkt, auch wenn vereinzelt Spuren profaner Wandmalereien bis in die Zeit um 800 zurückreichen (Schiedberg). Aus der Zeit zwischen dem 6. und dem 8. Jh. liegen Fragmente von Kirchenausstattungen vor (Wandmalereien, Bodenmosaike, Stuck, Bauplastik). Zusammenhängend erhaltene Freskenzyklen setzen um 800 mit der älteren Malschicht von Müstair ein. Dichter und vielseitiger bieten sich die Werke aus dem HochMA dar. Sie verraten Einflüsse aus dem Bodenseeraum (Reichenau) und aus der Lombardei (jüngere Malschicht von Müstair, Bilddecke von Zillis, sog. Statue Karls des Grossen in Müstair, Bauplastik der Kathedrale von Chur, Glasmalerei von Pleif). Bewegbare Kultgegenstände von hohem Kunstwert haben sich als Einzelstücke erhalten, während von der hochma. Funeralkunst nur Reste überliefert sind.

Autorin/Autor: Werner Meyer

2.2.3 - Wirtschaft und Alltag

Die rät. Wirtschaft des MA umfasste die vier Hauptbereiche Landwirtschaft, Rohstoffgewinnung, handwerkl. Produktion und Transitverkehr. Die Landwirtschaft war durch Anpassung an Klima und Bodengestalt des Gebirges geprägt. Innovationen gingen v.a. von Klöstern aus. Getreide-, Wein- und Obstbau waren an klimagünstige Lagen gebunden, während die Viehhaltung, die auf die Produktion von Milch, Käse, Fleisch und Häuten ausgerichtet war, nach dem Prinzip der temporären Alpnutzung bis auf Höhen um 2500 m betrieben wurde. Gartenbau und Sammelwirtschaft (inklusive Jagd und Fischerei) ergänzten die landwirtschaftl. Produktion. Diese vermochte schon im HochMA den Gesamtbedarf des Landes nicht mehr zu decken. Zum unverzichtbaren Importgut gehörte neben Getreide und Wein das Salz. Exportmöglichkeiten bildeten sich im Bereich der Viehwirtschaft heraus. In der Rohstoffgewinnung stand der Eisenbergbau (Bernina, Rheinwald, Oberhalbstein) an erster Stelle, doch wurde auch Silber abgebaut (Engadin). Wichtig waren überdies der Holzschlag (Flösserei in das Unterland) sowie die Gewinnung und Verarbeitung von Speckstein. Handwerkl. Gewerbe waren v.a. in den Städten (Chur) und längs der Transitrouten angesiedelt. Der Vertrieb erfolgte z.T. über die an Feiertagen in den einzelnen Talschaften abgehaltenen Märkte. Der Transitverkehr verlief im MA über mehrere Achsen, von denen die ab dem 10. Jh. durch den Bf. von Chur kontrollierte Septimerroute die wichtigste war. Die Organisation (Zoll und Geleit) oblag bischöfl. Dienstleuten und Säumergenossenschaften. Die Einbindung Rätiens in den wachsenden überregionalen Güteraustausch zeigt sich an den Fundmünzen, unter denen die lombard. und süddt. Prägungen überwiegen, obwohl der Bf. von Chur eine eigene Münzstätte unterhielt.

Für weite Teile der Bevölkerung im ma. Rätien bestand der Alltag aus den von religiösen Ritualen begleiteten Tätigkeiten der gewerbl. und landwirtschaftl. Grundversorgung, wobei wie in anderen Teilen des Alpenraumes der Kampf gegen die Naturgewalten des Gebirges eine dominante Rolle spielte. Da sich in G. weder auf herrschaftl. noch auf genossenschaftl. Ebene eine grossräumige Ordnungsmacht mit Durchsetzungsautorität herausbildete, blieb das Land unruhig und der Alltag von Gewalttätigkeiten geprägt, die sich an den von Ehre, Ruhm, Rachsucht und Beutegier erfüllten Normen einer krieger. Gesellschaft orientierten. In den zumeist als räuber. Kleinkriege ausgetragenen Fehden nahm der grundherrl. Adel eine führende Stellung ein. Höhere Bildung genoss geringe Achtung. Die Wohnweise der breiten Bevölkerung war durch Einfachheit der Behausung und des Hausrats gekennzeichnet. In den Städten setzte sich ein gehobener Wohnstil nur zögernd durch. Regionale Besonderheiten waren u.a. der Gebrauch des Specksteins, der in Rätien anstelle der sonst üblichen Geschirrkeramik benützt wurde.

Autorin/Autor: Werner Meyer

2.3 - Kolonisation und Landesausbau

Das weitgehend selbstständig gebliebene Churrätien erfuhr vielleicht bereits in der Spätantike (5. und 6. Jh.) eine Phase des Landesausbaus. Plausibel erscheint die Hypothese, dass röm. Siedler nach Süden ins rät. Bergland zurückströmten, als die röm. Herrschaftsgrenze an der Donau und die südlich anschliessenden Gebiete im Alpenvorland aufgegeben werden mussten. Diese Siedler (coloni) könnten die Haupttallagen intensiver kolonisiert und die Landwirtschaft durch Verbreitung des Acker-, Gemüse-, Obst- und Weinbaus gestärkt haben. Das Roden von Wäldern widerspiegelt sich v.a. in Flurnamen wie "Runc" oder "Ronc" sowie in den neuen Bauernhofeinheiten.

Eine weitere Phase wurde zu Beginn des 9. Jh. eingeleitet, als Karl der Grosse Churrätien stärker als bisher in das karoling. Staats- und Wirtschaftssystem integrierte. Jetzt wurde die Kulturfläche in manche Randlagen der Haupttäler hinein erweitert; vorwiegend entstanden dort Einzelhofsiedlungen (Mansen) oder Weiler (accolae oder aclae), und die Landwirtschaft erfuhr eine kleine Akzentverschiebung vom Ackerbau hin zur Viehwirtschaft (v.a. Schafe). Trotzdem blieb der Ackerbau noch vorherrschend. Dies kommt v.a. in den otton. Urkunden des 10. Jh. zum Ausdruck, in denen die Institution der quadrae in fast allen altbesiedelten Dörfern erstmals aufscheint: Grosse Kornäcker in bester Lage in unmittelbarer Siedlungsnähe, deren Ertrag vermutlich den Zins der Freien an den König bzw. an den Reichsvogt (Bischof) darstellte. Im Übrigen trat im rät. Alpenraum im 10. und 11. Jh. ein Stillstand im Landesausbau ein; zumindest schweigen die Quellen weitgehend.

Im 12. und 13. Jh. erfolgte die grosse ma. Landnahme, in deren Verlauf grossflächig Wälder in Seitentälern und Höhenlagen gerodet wurden. Die guten klimat. Verhältnisse (ma. Optimum), Impulse seitens neu gegr. Klöster, ein emsiger Burgenbau mit angegliederten Landwirtschaftshöfen in abgelegenen Gegenden, die Anlage von neuen Hofsiedlungen und gezielte Anreize der Grundherren stimulierten die Rodungstätigkeit der Freien. Zwischen 1160 und 1220 lösten aus Süddeutschland zugewanderte Prämonstratensermönche um Chur, Churwalden und Klosters eine erste Kolonisationswelle aus; die prakt. Landnahmetätigkeit führten Laienbrüder und Konversen aus. Die Prämonstratenser schufen zentral verwaltete Meierhöfe und förderten mit dem Burgenadel v.a. die Grossviehhaltung. Der Adel (Herren von Tarasp, Matsch, Vaz, Belmont, Rhäzüns, Sagogn-Wildenberg usw.) erkannte den Ertragswert der Rodungssiedlungen und bot den Kolonisten günstige Bedingungen wie Freiheit in der Bewirtschaftung, mässigen Zins und freie Erbleihe an. Am Wettlauf um die verfügbaren Siedlungs- und Wirtschaftsareale beteiligten sich sowohl altfreie Romanen und Kolonisten der Südtäler, die häufig die Alpenkammgrenze nach Norden überschritten, als auch die im Lehensvertragsverhältnis stehenden Walser in den Hochtälern. So wuchsen noch im 13. Jh. neue Siedlungsräume im Bereich des Gr. Flimserwaldes, im Tavetsch und Medelsertal, in Vals, Safien, Rheinwald und Avers, Klosters und Davos, im Ober- und Unterengadin heran.

Autorin/Autor: Martin Bundi

3 - Der Freistaat der Drei Bünde (14.-18. Jahrhundert)

3.1 - Territorialbildung und kommunale Bewegung im Spätmittelalter

Das polit. Geschehen im spätma. G. war zunächst durch die anhaltende Präsenz des hohen Adels bestimmt. Danach stellten die rasche Übernahme der adligen Territorialherrschaften durch neue soziale und politische Führungsschichten sowie das selbstständige Handeln von Gem. und deren Zusammenschluss zu frühstaatl. Gebilden die Grundzüge der Entwicklung dar.

3.1.1 - Die Herrschaft des Bischofs von Chur

Die bischöfl. Landesherrschaft, die für die Territorialbildung vom HochMA an relevant war, gliederte sich in ein Dutzend Talschaften. Diese wurden meist von versch. Amtsleuten wie Burgvögten, Viztumen, Ammännern bzw. Podestaten sowie Meiern von einer Burg aus verwaltet. Auch die Talgemeinden und die Stadt Chur nahmen Einfluss auf die Territorialverwaltung. Sie traten dem Bischof gegenüber als Landstände auf. 1367 schlossen sie sich korporativ zusammen, um eine landständ. Mitwirkung von Domkapitel, Dienstleuten, der Stadt Chur und der Gem. an der bischöfl. Herrschaft zu erwirken. Die Bezeichnung für ihren Verband war Gemeines Gotteshaus, ab dem späten 15. Jh. auch Gotteshausbund.

In Südbünden war die Position des Bischofs stellenweise gefährdet, so im Puschlav durch die mailänd. Konkurrenz. Erst 1408 unterstellte sich die Puschlaver Talgemeinde endgültig der bischöfl. Herrschaft in Chur. Im Unterengadin und im Vinschgau - die beide zur Grafschaft Tirol gehörten - beanspruchte der Bischof die hohe Gerichtsbarkeit über jene Leute, die auf Immunitätsbesitz seiner Kirche sassen. Die entsprechende Vogtei wie auch die Kastvogtei über das Kloster Müstair waren den Herren von Matsch verliehen. Die Matscher verloren diese Vogteirechte 1421 nach einer langwierigen Fehde mit dem Bischof. Darin erkannten die Hzg. von Österreich - ab 1363 Gf. von Tirol - eine Chance für ihre Territorialpolitik. Sie zogen sogleich die Klostervogtei Müstair an sich und kauften 1464 den Matschern die Herrschaft Tarasp ab. Als sie dann versuchten, das Unterengadin und das Münstertal in die Pflegschaft (Gerichtsvogtei) Nauders zu integrieren, stiessen ihre Amtsleute mit den Churer Gotteshausleuten im Unterengadin zusammen. Diese wurden von den Oberengadinern unterstützt. Trotz der Vermittlungsversuche des Bischofs konnte der Konflikt nicht beigelegt werden und löste 1499 den Schwabenkrieg aus. Kampfhandlungen spielten sich auch zwischen St. Luzisteig und Feldkirch, im Engadin und im Münstertal ab. An dessen Ausgang nahmen eidg. und bündner. Truppen in der Schlacht an der Calven am 22.5.1499 eine Talsperre und besiegten ein tirol. Heer.

Autorin/Autor: Florian Hitz

3.1.2 - Territorialpolitik im Westen

Neben dem Bistum konnte als weitere geistl. Herrschaft auch die Abtei Disentis ein eigenes Territorium ausbilden. Im SpätMA verkleinerte sich deren Herrschaftsgebiet jenseits des Oberalppasses, während es sich am Vorderrhein ausdehnte: Ursern wurde zuerst reichsfrei und trat 1410 in ein Landrecht mit Uri, während die Abtei 1472 die Herrschaft Jörgenberg erwerben konnte.

Eine expansive Territorialpolitik entwickelten die Herren von Rhäzüns. Zu ihrer kleinen Stammherrschaft mit den Dörfern Rhäzüns und Bonaduz hatten sie noch im HochMA Obersaxen hinzugewonnen, offenbar als bischöfl. Lehen. Im frühen 14. Jh. entrissen sie den Herren von Vaz und deren Erben die Herrschaft Jörgenberg. 1383 erwarben sie von den Gf. von Werdenberg-Sargans die Herrschaftsrechte am Heinzenberg, in Safien und Vals. Von da aus griffen sie auf bischöfl. Rechte am Heinzenberg und im Domleschg über, besonders auf die Klostervogtei Cazis. Damit verwickelten sie sich in eine erbitterte Fehde mit dem Bischof, wodurch ihre Expansion aufgehalten wurde. Dieser und andere Fehdekriege trugen 1395 zum Zusammenschluss des Grauen Bundes bei, eines vom Oberländer Adel und der Abtei Disentis initierten Landfriedens, der zuerst Oberer Bund genannt wurde und sich 1406 im Gefolge der Rhäzünser Fehde mit dem Gotteshausbund verbündete. 1424 erneuerte der Graue Bund seinen Vertrag von 1395.

Nach dem Aussterben der Rhäzünser 1458 gingen die von den Sargansern erworbenen Gebiete an diese zurück. Eine Ausnahme bildete Vals, das an die Herren von Sax gelangte. Die übrigen Besitzungen kamen an die Gf. von Zollern. Diese verkauften die Herrschaft Jörgenberg 1472 dem Kloster Disentis, den Rest im folgenden Jahr den Herren von Marmels. Gegenüber den von Marmels behielten sie sich das Rückkaufsrecht vor, bis sie die Herrschaft 1497 Kg. Maximilian von Österreich abtraten. In der Folge galt die Herrschaft Rhäzüns als österr. Pfandschaft in den Händen der von Marmels.

Die Güter der Herren von Belmont, die vom Bischof mit der Burg Ems belehnt worden waren, lagen in den Gebieten Flims, Gruob und Lugnez. Ob noch weitere Teile ihres Besitzes bischöfl. Lehen darstellten, ist unsicher. Jedenfalls beanspruchte der Bischof die Lehenshoheit über alle ihre Güter, nachdem die Fam. 1371 ausgestorben war. 1390 kam es mit den Erben, den Herren von Sax, zu einer gütl. Lösung. Die Vogtei im Lugnez sollte als Eigen der von Sax gelten, die Herrschaft Castrisch dagegen als bischöfl. Lehen. Mit den Herren von Rhäzüns, die ihrerseits auf das belmont. Erbe zugreifen wollten, konnten sich die von Sax ebenfalls einigen. Die Rhäzünser erhielten Ems, die von Sax die Rechte in der Gruob, später auch noch Vals. Allerdings gerieten die von Sax dann in Streit mit ihren Leuten in der Gruob und mit dem Grauen Bund. 1458 mussten sie sich in das Disentiser Landrecht aufnehmen lassen. Im Lugnez lag die tatsächl. Herrschaft bei den Talvögten, welche die Fam. von Lumbrein und de Mont stellten. So veräusserten die von Sax 1483 ihren ganzen Oberländer Besitz an den Bischof und das Gotteshaus von Chur. Der Bischof wurde neben Disentis und dem Herrn von Rhäzüns zum dritten Hauptherrn des Grauen Bundes. Den von Sax blieb noch das Misox, ihre angestammte Herrschaft, für die sie ab 1413 den Grafentitel führten. Hier trafen in der 2. Hälfte des 15. Jh. bündner. und mailänd. Interessen aufeinander. Das obere Vikariat (Mesocco-Soazza) schloss sich 1480 dem Grauen Bund an. Noch im gleichen Jahr verkauften die von Sax die ganze Grafschaft dem Söldnerführer Gian Giacomo Trivulzio aus Mailand. Auch dieser trat 1496 zusammen mit den Misoxer Talleuten dem Grauen Bund bei.

Autorin/Autor: Florian Hitz

3.1.3 - Fehden und bündische Integration in den Rheintälern

Die Gf. von Werdenberg-Heiligenberg waren ab dem späten 13. Jh. Klostervögte von Disentis. Ihr Verhältnis zum Kloster blieb aber stets gespannt, und 1401 lösten Abt und Gem. die Vogtei ab. Im frühen 14. Jh. übernahmen die Grafen das Erbe der Herren von Wildenberg und Frauenberg. Die Herrschaft Greifenstein (Bergün) verpfändeten sie schon bald dem Bischof, etablierten sich aber im anderen Teil, der Herrschaft Hohentrins. Mit der Erbschaft waren ausserdem Ansprüche in der Gruob verbunden, wo die Heiligenberger jedoch mit den Herren von Belmont zusammenstiessen. Als sie diese 1352 militärisch angriffen, wurden sie im vorderen Lugnez geschlagen. Auf der Seite der Belmonter kämpften neben den Herren von Rhäzüns auch Talleute. Den Rhäzünsern mussten die Heiligenberger in der Folge das Dorf Felsberg abtreten, während sie sich in der Herrschaft Hohentrins halten konnten. 1399 traten sie mit ihr dem Grauen Bund bei. Nach dem Aussterben der Grafen ging die Herrschaft um die Mitte des 15. Jh. an die Herren von Hewen über.

Die Gf. von Werdenberg-Sargans erhielten 1338 aus dem Erbe der Herren von Vaz bischöfl. Lehen, nämlich die Grafschaft Schams samt Rheinwald sowie die Vogtei über Safien. Als Eigen übernahmen sie die Herrschaften Obervaz und Heinzenberg, als Pfandschaft von Österreich die Vogtei über die Freien von Laax. Von den Herren von Montalt erwarben sie im Oberland noch die Herrschaft Löwenberg (Schluein) und Vals. Mit Löwenberg und den Freien von Laax traten sie 1395 dem Grauen Bund bei. Die Freien kauften sich 1428 von der sargans. Herrschaft los, um sich sechs Jahre danach dem Bf. von Chur zu unterstellen. Die Herrschaft Löwenberg kam derweil an kleinadlige Geschlechter, die von Lumbrein und später die de Mont.

Auf die Dauer konnten die Werdenberg-Sargans ihre territorialherrl. Ansprüche auch andernorts nicht durchsetzen. 1360 lehnten sich die Talgemeinden Rheinwald und Safien sowie die Freien am Schamserberg gegen die sargans. Herrschaft auf. Dabei wurden sie von den Herren von Rhäzüns, Belmont, Montalt und Sax unterstützt. Diese Verbindung mussten die Sarganser beim Friedensschluss 1362 anerkennen. 1424 trat die Talgemeinde Schams ohne Einverständnis der Sarganser dem Grauen Bund bei. Drei Jahre danach rebellierten die Schamser und die Obervazer; sie waren mit Churer Gotteshausleuten verbündet. Schliesslich verweigerten die Schamser 1431 und 1450 den Huldigungseid. Nun versuchten die Grafen, ihre Herrschaft durch einen Überfall auf das Tal wiederherzustellen. Dabei wurden sie vom Bischof und vom Herrn von Rhäzüns unterstützt. Dagegen erhielten die Schamser Zuzug aus dem Grauen Bund und dem Churer Gotteshaus. Die sargans. Burgen im Schams und im Domleschg wurden gebrochen, die Herren mussten einlenken. In der Folge veräusserten die Sarganser ihre rät. Herrschaften: 1456 Schams (ohne Rheinwald) und Obervaz sowie 1475 Heinzenberg an den Bischof und das Gotteshaus, 1493 Rheinwald und Safien an Trivulzio. Nur im Domleschg konnten sie ihre territorialherrl. Position halbwegs halten. Hier besassen sie sowohl Eigengüter wie bischöfl. Lehen. Demgemäss wurde das Tal 1472 in zwei Gerichtsbezirke geteilt, Ortenstein blieb sargansisch, Fürstenau war nun bischöflich.

Autorin/Autor: Florian Hitz

3.1.4 - Landesherrschaft und Widerstand im Norden

Den grössten Teil des Vazer Allodialbesitzes hatten 1338 nicht die Sarganser geerbt, sondern die Gf. von Toggenburg. Sie übernahmen das Landwasser- und das mittlere Albulatal, das innere Prättigau und Churwalden. Im mittleren und vorderen Prättigau lag die Herrschaft im frühen 14. Jh. bei den Herren von Aspermont, die sie an die Gf. von Toggenburg und die Vögte von Matsch veräusserten. Diese teilten 1344 den gemeinsam erworbenen Besitz auf: Das Gericht Castels ging an die Vögte von Matsch, das Gericht Schiers an jene von Toggenburg. Als sich die beiden Geschlechter 1391 verschwägerten, erhielten die Toggenburger auch noch Castels.

Ebenfalls aus der Aspermonter Erbmasse kauften die Toggenburger 1355 bzw. 1359 die Herrschaft Maienfeld. Dabei waren die niederen Gerichte Jenins und Malans nicht inbegriffen. Sie wurden unter kleinadligen Fam. vererbt. Schliesslich erwarben die Toggenburger 1363 die Vogtei im Schanfigg. Das bischöfl. Lehen war bei der Teilung des Vazer Erbes den Gf. von Werdenberg-Sargans zugefallen.

Nach dem Aussterben der Toggenburger 1436 schlossen sich die zehn Gerichtsgemeinden im rät. Teil des toggenburg. Territoriums zusammen, um den Wegfall des landesherrl. Schutzes auszugleichen. Der Zehngerichtenbund zielte auf die Erhaltung der eigenen Gerichtsorganisation bei Herrschaftswechseln ab. In der Folge gelangten die Gerichtsgemeinden, von denen acht schon 1437 in ein Bündnis mit dem Churer Gotteshaus eintraten, an versch. Herren: Maienfeld und Malans-Jenins an die Herren von Brandis, Castels und später auch Schiers an die Vögte von Matsch, die sechs übrigen (Davos, Klosters, Belfort, Churwalden, St. Peter und Langwies) an die Gf. von Montfort. Bei der Herrschaftsübernahme stellten die Montforter und die Brandiser den Gerichten Freiheitsbriefe aus. Darin bestätigten sie den Bund und gewährten den Gerichtsgemeinden abgestufte Privilegien.

Auch bei späteren Herrschaftswechseln machten die Gem. die Leistung des Huldigungseides von der Bedingung abhängig, dass ihre Rechte anerkannt würden. So verweigerten die sechs Gerichte den Hzg. von Österreich die Eidesleistung, nachdem diese 1470 den Matschern die Herrschaft abgekauft hatten. Vor diesem Hintergrund wurde 1471 ein Bündnis zwischen dem Zehngerichtenbund und dem Grauen Bund geschlossen - ein entscheidender Schritt im Integrationsprozess der Gemeinen Drei Bünde. Daraufhin traten die Österreicher die sechs Gerichte wieder den Vögten von Matsch ab, jedoch unter Vorbehalt des Rückkaufrechts. Die Matscher erreichten die Eidesleistung gegen eine Erweiterung der Privilegien. Nachdem die Österreicher den Rückkauf 1477 getätigt hatten, erhielten auch sie die Huldigung, wogegen sie die Garantie der Freiheiten erneuern mussten. Schliesslich erwarb Kg. Maximilian 1496 von den Matschern noch Castels und Schiers für das Haus Österreich.

Autorin/Autor: Florian Hitz

3.2 - Staatsbildung, Regieren und Verwalten

3.2.1 - Verfestigung des Bündnissystems

In der 2. Hälfte des 15. Jh. begann sich das rät. Bündnissystem zu verfestigen, wobei jeder der Bünde an seinen eigenen Traditionen festhielt. Die Anfänge einer Staatsbildung manifestierten sich in der Definition der Hilfspflichten, dem Entstehen von Schiedsgerichten und dem Ausarbeiten von Satzungen zur Kriegsführung. Durch mehrere Bündnisverträge integrierten sich ab 1450 der Graue Bund, der Gotteshausbund und die Zehn Gerichte zunehmend in einen als "Drei Bünde" bezeichneten Verband. Auf den zuerst in unregelmässigen Abständen stattfindenden Bundstagen kamen die Abgeordneten der Gerichtsgemeinden zusammen. Sie bildeten eine neue Führungsschicht, die durch die politisch erstarkten Gem. legitimiert wurde. Von 1460 an, erstmals in grösserem Ausmass während der Veltliner Feldzüge 1486-87, betrieben die Drei Bünde gemeinsam eine eigene Aussenpolitik.

Autorin/Autor: Martin Bundi

3.2.2 - Aussenpolitische Unternehmungen um 1500

Die Zeit um 1500 war für die Drei Bünde eine Epoche des grossen Umbruchs und Aufschwungs. Der Sieg an der Calven 1499 vermittelte den folgenden Generationen ein neues Selbstwertgefühl. Freiheits- und Unabhängigkeitsgeist führten zu einem verstärkten Staatsbewusstsein, das sich in gemeinsamen aussenpolit. Aktionen und einer gezielten Bündnispolitik manifestierte. So wurden die Bündnisbeziehungen zur Eidgenossenschaft, in die ab 1497 der Graue Bund und ab 1498 der Gotteshausbund einbezogen waren, schon früh als Freundschaftsverhältnis aller drei Bünde mit den Eidgenossen empfunden. Nach freiem Ermessen - nicht auf die formelle "Mahnung" hin - eilten die Verbündeten einander zu Hilfe. Damit galten die Drei Bünde zwar als zugewandter Ort, waren in Wirklichkeit aber ein gleichberechtigter Bündnispartner.

In der weiteren Bündnispolitik strebten die Drei Bünde Ausgewogenheit an. Ihre ersten Soldverträge schlossen sie mit Frankreich ab (Grauer Bund 1496, alle drei 1509), das seine Position im Herzogtum Mailand ausbaute. Dadurch wurden die früher "wilden" Söldnerdienste einer staatl. Kontrolle unterstellt. Die Drei Bünde erhielten in der Form von Annaten, jährlich von Frankreich bezahlten Pensionen, regelmässige Einnahmen. Darüber hinaus wurden freier Markt und Güterverkehr garantiert.

Zur Herstellung des aussenpolit. Gleichgewichts gehörte auch ein erträgliches Verhältnis zum Heiligen Röm. Reich. 1500 schlossen der Gotteshaus- und der Zehngerichtenbund, 1502 auch der Graue Bund mit dem Kg. und späteren Ks. Maximilian eine Verainung und Verstendnus ab, die gute Nachbarschaft, Zollreduktionen im tirol. Raum und ein Schiedsgericht vorsah. Diese Verbindung wurde 1518 bestätigt und von nun an "Erbeinung" genannt (Ewige Richtung). Sie erfuhr wiederholt Neuauflagen und behielt bis 1798 ihre Gültigkeit.

Autorin/Autor: Martin Bundi

3.2.3 - Erwerb und Verwaltung des Veltlins

Der Erwerb des Veltlins war die grösste aussenpolit. Unternehmung der Drei Bünde zu Beginn des 16. Jh. Die Bünde schlossen sich ungeachtet ihrer Verträge mit Frankreich 1512 im Pavierzug der von Kardinal Matthäus Schiner gebildeten Koalition an und halfen an der Seite der Eidgenossen, die Franzosen aus der Lombardei zu vertreiben. Auf ihrem Auszug besetzten sie Bormio, das Veltlin, Chiavenna und die Drei Pleven am Comersee und eigneten sich diese Gebiete in der Folge als Untertanenlande an. Rechtlich beriefen sie sich dabei auf die sog. Mastinische Schenkung (1404 hatte der geflohene Mastino Visconti dem Churer Bf. für seine freundl. Aufnahme das Veltlin geschenkt). Darauf anerkannten der Hzg. von Mailand und später auch Frankreich diese Landschaften als bündner. Hoheitsgebiet.

Die Drei Bünde waren auf die Verwaltung der neuen Untertanengebiete nicht vorbereitet. Sie übernahmen von Mailand die seit Jahrhunderten bestehenden Ämterstrukturen. Zur Lösung von administrativen und jurist. Problemen waren sie auf die Erfahrung und das Wissen einheim. Rechtsgelehrter angewiesen. Die Veltliner Bevölkerung bewahrte ihre Autonomie in der lokalen und regionalen Verwaltung, d.h. im ökonom. Bereich in den Gem. und im Veltliner Talrat. Ihre Rechte und Pflichten wurden von Veltliner Vertretern neu festgehalten und vom Dreibündestaat ausdrücklich in den gedruckten "Veltliner Statuten" von 1548 anerkannt.

Die Bündner Herren setzten mit dem Landeshauptmann (governatore) ihren höchsten Stellvertreter in Sondrio ein. Dieser hatte die Kommandogewalt inne und war mit einer kleinen Hilfspolizei für die Ordnung im Land zuständig. Ebenfalls in Sondrio amtierte der vicari, ein angesehener Rechtsgelehrter, der in Kriminalfällen als oberster Untersuchungsrichter fungierte. In den Verwaltungsbezirken des Veltlins setzten die Bündner Podestaten ein, die den straf- und zivilrechtl. Gerichten sowie den lokalen Verwaltungen vorstanden. Sämtl. Bündner Amtsleute unterstanden während ihrer zweijährigen Amtsperiode der Kontrolle durch die Syndikatur, einer aus neun Mitgliedern bestehenden Aufsichtsbehörde, die vor dem Bundstag Bericht erstattete. Im 16. Jh. funktionierte das Verwaltungssystem im Allgemeinen gut, obwohl infolge des Zwangs zum Turnus unter den Gerichtsgemeinden nicht immer die fähigsten Magistraten gewählt wurden. Vom 17. Jh. an nahm der Ämterkauf überhand.

Autorin/Autor: Martin Bundi

3.2.4 - Verfassung und Landesgesetze

Am 23.9.1524 gaben sich die Drei Bünde mit dem Bundsbrief eine gemeinsame Verfassung. Die innere Organisation, die ihnen erlaubte, in Fragen von Krieg und Frieden, der Aussenpolitik sowie in der Verwaltung der Untertanenlande geschlossener aufzutreten, blieb stark föderalistisch aufgebaut. Die Gerichtsgemeinden bildeten kleine Republiken für sich. Die oberste Behörde des Dreibündestaates, der Bundstag, setzte sich anfänglich aus 63, später aus 65 Boten der 52 Gerichtsgemeinden zusammen. Diese Deputierten stimmten nur nach Instruktion, trugen zur Anfrage (Referendum) neue Situationen an ihre Gem. und kamen mit neuem Auftrag (teilweises Initiativrecht) an den nächsten Bundstag. Eine eigentl. Zentralgewalt fehlte. Als eine Art Exekutive fungierten nach Bedarf die Häupter der Drei Bünde, nämlich der Landrichter des Grauen Bundes, der Bundspräsident des Gotteshausbundes (Bürgermeister von Chur) und der Bundslandammann des Zehngerichtenbundes (Landammann von Davos). Unter Beizug einiger Ratsboten aus jedem Bund konnte sich dieser Kleine Kongress zur Behandlung wichtiger Probleme an sog. Beitagen zum Grossen Kongress erweitern. Im Übrigen erschwerte auch das Fehlen einer eigentl. Landeskasse, eines Voranschlags (Finanzplan) und eines schlagkräftigen Verteidigungsheeres die Führung und Behauptung des Bundes. Dies bekam der Freistaat zwischen 1526 und 1532 deutlich zu spüren, als ihm das Gebiet der Drei Pleven am Comersee entrissen wurde (Müsserkriege). Nach der militär. Niederlage konnte er nur dank der Intervention befreundeter auswärtiger Mächte seine übrigen Errungenschaften von 1512 behaupten.

Demgegenüber bedeuteten die 1524 und 1526 erlassenen Landesgesetze, die sog. Ilanzer Artikel, eine Stärkung des inneren Zusammenhalts. Sie hoben den grössten Teil der feudalen Lasten auf, brachen die weltl. Machtstellung des Bf. von Chur weitgehend und gewährten den Kirchgemeinden völlige demokrat. Freiheit zur Regelung ihrer Angelegenheiten. Dadurch wurde im Dreibündestaat die kirchl. Reformation von unten, von den Gem. her, ermöglicht. Nach dem Religionsgespräch vom Jan. 1526 in Ilanz proklamierte der Bundstag die freie Ausübung des ref. und des kath. Bekenntnisses. Es war Sache der einzelnen Individuen und Gem., sich für eine der beiden Konfessionen zu entscheiden.

Autorin/Autor: Martin Bundi

3.2.5 - Der Freistaat zwischen den europäischen Mächten

Von der 2. Hälfte des 16. Jh. an geriet der Dreibündestaat wegen seiner geopolit. Situation immer mehr ins Spannungsfeld der gegensätzl. Interessen von Frankreich und Venedig einerseits und Österreich und Spanien andererseits. Gesandte beider Machtblöcke warben im Lande um Söldnerkontingente, Bündnisse und Durchmarschrechte über die Bündner Pässe. Ihre jeweiligen Parteigänger in den Drei Bünden entzweiten sich zusehends, wobei die Auseinandersetzungen von konfessionellen Gegensätzen überlagert wurden. Auf Drängen einzelner Landsleute und Gem. erliess hierauf der Freistaat mehrere Dekrete gegen wilde Zusammenrottungen, die Aufwiegelung zu Strafgerichten sowie die Annahme von Geschenken, Pensionen und Bestechungsgeldern (Pensionenbrief, Kesselbrief, Dreisieglerbrief); diese Massnahmen konnten aber den Einfluss der fremden Geldströme nicht brechen. 1603 scheiterte ein breit angelegter Versuch einer "Landesreform", die auch Verbesserungen in der Verwaltung der Untertanenlande vorgesehen hatte.

Im selben Jahr gelang es Venedig endlich, mit den Drei Bünden ein Bündnis abzuschliessen. Dadurch wurde das bisherige Gleichgewicht in der Aussenpolitik langfristig gestört. Als die Drei Bünde 1604 den Abschluss eines gleichen Bündnisses mit dem span. Herzogtum Mailand ablehnten, verhängte Statthalter Pedro von Fuentes ein Handelsembargo gegen die Bündner und errichtete eine riesige Festung am Eingang zum Veltlin. Der span. Druck im Süden verstärkte v.a. im Veltlin die Konflikte unter den Bündnern; die anhaltenden Spannungen entluden sich in einer Reihe von Volksaufständen, Fähnlilupfen und Strafgerichten (1607, 1618, 1619), die das Land in anarch. Zustände stürzten und erste Höhepunkte der sog. Bündner Wirren markierten. Nach dem Veltliner Mord von 1620 wurde der Freistaat der Drei Bünde zu einem Nebenschauplatz des Dreissigjährigen Krieges, da das Veltlin den einzigen nicht über venezian. Gebiet führenden Verbindungskorridor zwischen dem habsburg. Österreich bzw. Tirol und dem span.-habsburg. Herzogtum Mailand darstellte. Die Drei Bünde verloren nicht nur für etwa 20 Jahre das Veltlin, sondern waren zeitweise ein Spielball der Grossmächte. Erst 1639 konnte mit Spanien und Mailand ein Friede geschlossen und das Veltlin zurückgewonnen werden, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass die ref. Konfession dort keinen Platz mehr haben sollte (1. Mailänder Kapitulat). Im Westfälischen Frieden erlangte der Dreibündestaat 1648 die völlige Unabhängigkeit vom Dt. Reich. Die verbleibenden habsburg. Rechte wurden 1649 und 1652 teilweise ausgekauft.

In der 2. Hälfte des 17. Jh. blühten die fremden Kriegsdienste auf, die Kapital ins Land brachten und zu einer Renaissance des bürgerl. Haus- und Palastbaus führten. Um 1700 wandte sich der Dreibündestaat aus konfessionellen und wirtschaftl. Gründen stark den Seemächten zu, besonders den prot. Staaten England und Holland. Diese Annäherung führte 1713 zu einer Defensivallianz mit Holland. Ferner schloss der Dreibündestaat 1706 ein neues Bündnis mit der Republik Venedig.

Autorin/Autor: Martin Bundi

3.3 - Der Verlust des Veltlins und der Untergang des alten Freistaats

Nachdem Österreich um 1714 in den Besitz des Herzogtums Mailand gelangt war, bemühten sich die Drei Bünde 1726 und 1763 um Verbesserungen des Mailänder Kapitulats von 1639. Diese Revisionen brachten nur geringfügige Fortschritte im wirtschaftl. Bereich und stärkten v.a. die Position der einflussreichen Fam. von Salis. Minister Ulysses von Salis und andere Führer dieser Aristokratenpartei, welche die Drei Bünde beherrschte, arbeiteten nunmehr einseitig Österreich in die Hände. Dabei brüskierten sie Venedig derart, dass dieses 1764 die Allianz von 1706 aufkündigte und Tausende von Bündner Gewerbetreibenden ihrer Privilegien beraubte, was diese zur Abwanderung zwang. Die von Salis widersetzten sich allen Versuchen, den Reformwünschen der Veltliner Bevölkerung entgegenzukommen. Diese fand weder mit den 15 Beschwerdepunkten von 1786 noch mit dem Progetto finale von 1792 Gehör, obwohl sie damals nur eine erweiterte Teilautonomie anstrebte. Der Unfähigkeit der bündner. Behörden, den Staatsapparat zu reformieren, und der Salispartei war es zuzuschreiben, dass sich die Veltliner Bevölkerung im März 1797 für den Anschluss an die Cisalpinische Republik aussprach. Napoleon setzte den Bündnern noch zwei Ultimaten, um sich auf Basis der Gleichberechtigung mit den Veltlinern zu vereinigen. Doch die Bündner liessen beide Fristen unbenutzt ablaufen, womit das wirtschaftlich wie politisch bedeutende Veltlin endgültig verloren war (Confisca).

An der Furcht der herrschenden Fam. vor einer Machteinbusse scheiterten auch Versuche zur "innenpolitischen" Erneuerung, die auf eine Entflechtung des extrem föderativen Staatsaufbaus abzielten. Infolge des beharrl. Festhaltens an erstarrten staatl. Strukturen erwies sich der Rumpfstaat nicht in der Lage, sich eindeutig zu den Prinzipien der Franz. Revolution oder zu denjenigen des aristokrat.-monarch. Österreichs zu bekennen. Im innenpolit. Widerstreit befangen, wurde er 1798-1800 Kriegsschauplatz und je zweimal von österr. und franz. Truppen besetzt. Der 1799 unterzeichnete Vertrag über die Eingliederung G.s in die Helvetische Republik bzw. der schrittweise Vollzug dieses Vertrags ab Mitte 1800 bedeuteten das Ende des alten Freistaats.

Autorin/Autor: Martin Bundi

3.4 - Bevölkerung und Siedlung

Für das MA können zum Bevölkerungswachstum im Gebiet des heutigen Kt. G. nur punktuelle Schätzungen gemacht werden. Die Bevölkerung wuchs von rund 75'000 Personen um 1500 auf den Höchststand von rund 100'000 Personen um 1600 an. Anders als etwa im Mittelland sank die Zahl bis 1750 dann auf ca. 71'000. Nach 1750 setzte ein kontinuierliches, aber äusserst bescheidenes Wachstum ein; 1800 ergab eine inoffizielle Zählung 72'903 Personen. In Südbünden war der Bevölkerungsrückgang im 17. und 18. Jh. noch stärker als in anderen Landesteilen. In den Untertanengebieten Veltlin, Bormio und Chiavenna sollen Ende des 18. Jh. annähernd 90'000 Personen gelebt haben.

Für Chur ist um 1350 ein Bevölkerungsrückgang nachgewiesen, der bis 1470 durch Zuwanderung aus der Landschaft kompensiert wurde. Die Hauptstadt erhielt dadurch ein neues Profil. Die Klimaerwärmung 1531-65 ermöglichte eine Intensivierung der Landwirtschaft und den Anbau von Getreide auch in höheren Lagen. Hinweise auf Pfarreitrennungen (Bevölkerungsvermehrung) weisen ebenfalls auf eine Wachstumsphase in dieser Zeit hin. Die Rodungstätigkeit und die Besetzung der Höhenlagen durch einwandernde Walser fanden am Ende dieser Warmphase einen Abschluss. Die folgende Klimaverschlechterung, der Dreissigjährige Krieg, Pestzüge und Versorgungskrisen entvölkerten G. Von der Pest, die im Gebiet von G. zwischen 1349 und 1635 periodisch auftrat, waren v.a. die Gem. entlang der Transitachsen betroffen. Mit Ausnahme der Pestzüge von 1628-35 (Chur) konnte die Krankheit dank der topograf. Vielgestaltigkeit, Kontrollen und der Zusammenarbeit mit ital. Städten rasch eingedämmt werden. Weitere Infektionskrankheiten wie Pocken und Tuberkulose, aber auch Hungersnöte (v.a. 1771-73) erhöhten zwischenzeitlich die Sterberate, insbesondere jene der Kinder. Die rasche Erholung erfolgte jeweils durch eine Erhöhung der Geburtenrate, was v.a. nach dem Dreissigjährigen Krieg deutlich sichtbar wurde. Solche Erhöhungen waren jedoch nur vorübergehend und führten nicht zu einem langfristigen Bevölkerungsanstieg, weil die traditionelle Gesellschaft die Einwohnerzahl mittels Heiratsbeschränkungen und Auswanderungen ihren ökonom. Möglichkeiten anpasste.

Die inneren Alpentäler gehörten zu den bedeutendsten Auswanderungszonen der alten Schweiz. V.a. Missernten, oft Folgen ungünstiger Witterungseinflüsse, erhöhten die Bereitschaft zur Emigration. Neben der temporären etablierte sich auch die definitive Auswanderung in versch. Formen, insbesondere im ausgehenden 18. Jh. Die sog. Schwabengängerei, die saisonale Auswanderung von Kindern und erwachsenen Hilfskräften für die Landwirtschaft, hielt sich bis zum 1. Weltkrieg (Saisonarbeit). Vom 16. Jh. an sind v.a. in Venedig zahlreiche Bündner Zuckerbäcker belegt, aber auch Handelsleute, Kaminfeger, Maurer, Glaser, Baumeister und andere Handwerker. Während vom 15. bis 18. Jh. Venetien und die Lombardei die Hauptziele der kommerziellen Auswanderung waren, verteilten sich die Emigranten ab Ende des 18. Jh. über zahlreiche europ. Staaten.

Nachdem die Bevölkerung aufgrund von Krieg und Krisen zurückgegangen war, kam es im 17. und 18. Jh. zu Umsiedlungen. Walser gaben hoch gelegene und wenig ertragreiche Siedlungen auf und erwarben Güter in Tallagen. Romanen wichen auch in südlich gelegene Täler aus. Eine kleine innerbündner. Wanderungsbewegung war die Folge. Die im MA vorherrschende Siedlungsform von Einzelhöfen und Weilern machte in der frühen Neuzeit eng umgrenzten Dorfbereichen Platz. Die Einzelhofstruktur hielt sich in spät ausgebauten Gebieten wie z.B. in Teilen des Unterengadins und in den abgeschiedenen Walsertälern am längsten.

Die konsequente Abgrenzung der Bürger von den Bei- bzw. Hintersässen hielt das Gleichgewicht zwischen der Entwicklung der ständigen Bevölkerung in den Gem. und der landwirtschaftl. Produktion aufrecht. Die Hintersässen waren Heiratsbeschränkungen und dem System der Endogamie unterworfen, womit die Bewirtschaftung lebensfähiger Höfe gesichert war. Das System der Realteilung verkleinerte jedoch die Grösse der Betriebe. Der weitgehende Verzicht auf Neueinbürgerungen im 18. Jh. führte zu einem geringen Innovationspotential der Gesellschaft und war mitverantwortlich für die grosse Zunahme der nicht sesshaften Bewohner.

Autorin/Autor: Peter Bollier

3.5 - Wirtschaft

Die Bevölkerung des bündner. Freistaats lebte bis ins 19. Jh. hauptsächlich von der Landwirtschaft. Eine wichtige Nebenbeschäftigung entlang der Alpenübergänge bildete der Gütertransport, mit dem ein Handel mit dem Ausland einherging. Bergbau und der Export von Holz waren verbreitet. Das Wirtschaftsleben spielte sich vorwiegend auf der Ebene der Gem. ab, die ab 1526 (2. Ilanzer Artikel) im Besitz der Regale und für allfällige Vorschriften und Abgaben zuständig waren. Der Dreibündestaat befasste sich kaum mit der Wirtschaft, bemühte sich aber aussenpolitisch um Handelserleichterungen und eine sichere Versorgung.

3.5.1 - Landwirtschaft

Mit der Auflösung der Grundherrschaft im SpätMA änderten sich die Bedingungen der Landwirtschaft. Die aufkommende Erbleihe weckte ein individuelles Interesse an höheren Erträgen, die durch Verbesserungen an Pflügen, Sensen, dem Zuggeschirr und den Wassermühlen möglich wurden. Die gleichzeitige Ausdehnung der Viehwirtschaft erforderte grössere Weide- und Alpflächen. Sie war u.a. bedingt durch den Verlust von Arbeitskräften durch Pest und Fehden. Zwischen 1300 und 1500 kehrte sich das Verhältnis von Kleinvieh- zu Grossviehzucht ins Gegenteil, nämlich von 4 zu 1 in 1 zu 4. Trotz der Aufteilung der feudalen Grosshöfe blieben beträchtl. Unterschiede im Grundbesitz bestehen. Die durchschnittl. Betriebsgrösse lag bei gut 5 ha; der Besitzer eines solchen Hofes dürfte zu den mittleren Schichten gezählt haben.

Im HochMA - dies zeigen die Urbarien - waren die Produkte der Landwirtschaft noch hälftig auf Ackerbau und Viehzucht verteilt; im SpätMA ging der Anteil des Ackerbaus zurück. In der frühen Neuzeit blieb jedoch das lokal sehr unterschiedl. Verhältnis zwischen Ackerbau und Viehzucht erstaunlich konstant. Die Ilanzer Artikel von 1524 und 1526 bekräftigten die Erbleihe sowie die Abschaffung gewisser Feudallasten und förderten die Ablösung der Zehnten. Die meistverbreitete Wirtschaftsform blieb der gemischte Betrieb, der keine Brache kannte. Während in den nördl. Gebieten die Wechselwirtschaft zwischen Gras- und Ackerland vorherrschte, war in Südbünden der Dauerfeldbau prägend. Die Obstkulturen und der Weinbau im Domleschg und im Rheintal wie auch die Kastanienhaine und Rebberge in den Südtälern führten zu einer gewissen Vielfalt in den tieferen Lagen. Neben Gerste und Roggen wurden auch Hülsenfrüchte und Hanf angebaut, während die Kartoffel erst Ende des 18. Jh. weite Verbreitung fand.

Die ausgedehnte Alpwirtschaft erlaubte die Nutzung grosser, sonst weitgehend unproduktiver Flächen. Sie war meist genossenschaftlich organisiert, nur etwa ein Fünftel der Gem. kannte familiäre Kleinsennereien. Mit Ausnahme des Oberengadins, wo schon ab 1520 Fettkäse für den Export hergestellt wurde, herrschte die Produktion von Magerkäse und Butter vor.

Autorin/Autor: Max Hilfiker

3.5.2 - Handwerk und Gewerbe

Das ländl. Handwerk diente in erster Linie der Selbstversorgung. Den Schmied, den Müller und den Säger gab es überall; Maurer, Zimmerleute, Schuhmacher, Kesselflicker, Tischler und Schneider waren oft Wanderhandwerker. Preisvorschriften und die gebräuchl. Naturalentlöhnung führten dazu, dass Landhandwerker eher zu den ärmeren Schichten gehörten. Dennoch sind auch auf dem Land einzelne erfolgreiche Kunstschmiede und Tischler bezeugt, die sich einen überregionalen Namen machten, wie etwa die Kunstschmiede Laim in Alvaneu.

Ein Zunfthandwerk etablierte sich nur in Chur. Hier führten die meist zugewanderten Handwerker 1465 ein Zunftregiment ein, das ihnen polit. Mitbestimmung und wirtschaftl. Vorrechte sicherte. Die fünf Zünfte der Rebleute, Schuhmacher, Schneider, Schmiede und Pfister umfassten an die dreissig Handwerke und Gewerbe. Die engen Zunftvorschriften verhinderten die Ansiedlung neuer oder grösserer Betriebe. Im 18. Jh. eröffneten Aristokraten einige Manufakturen auf dem Land, mehrheitlich Baumwoll- und Seidenspinnereien und -webereien, die teilweise im Verlagssystem betrieben wurden (z.B. in Tschappina). Viele dieser Gründungen hielten sich aber nicht lange.

Die Ausbeutung der zahlreichen Eisenerzvorkommen ist von 1200 an - aus diesem Jahr datiert die erste bezeugte Verpachtung einer Erzader im Puschlav - bis ins 19. Jh. in allen Regionen nachgewiesen. Bei Davos, Scuol und im Schams wurde zeitweise auch Silber gefördert. Grössere Verarbeitungszentren für Eisen und Buntmetalle befanden sich in Filisur und Bellaluna (Gem. Filisur), später bei Sils im Domleschg und im Schams. Während die Konzessionäre einheim. Aristokraten waren, die sich oft mit Handelsherren aus Chur, Zürich oder Schwaben zusammentaten, stammten die Bergbautechniker und Knappen meist aus Italien oder Österreich. Trotz der kapitalintensiven, aufwändigen Technik und des immensen Holzverbrauchs war die Ausbeute häufig gering.

Autorin/Autor: Max Hilfiker

3.5.3 - Verkehr und Handel

Die Bündner Pässe verbanden Nordeuropa mit Italien und waren, auch wenn sie im Schatten des Brenners und des Gotthards standen, von grosser strateg. und wirtschaftl. Bedeutung. Nachdem der Septimer Ende des 14. Jh. für die nächsten Jahrzehnte fahrbar gemacht worden war, eröffneten die beteiligten Gem. 1473 den Weg durch die Viamala. Schon früh vereinten sich die Passgemeinden der Unteren (Splügen, San Bernardino) sowie der Oberen Strasse (Julier, Septimer) in sechs bzw. vier genossenschaftl. Transportverbänden, den sog. Porten, die aufgrund ihres Transportmonopols für den Unterhalt der Wege in ihrem Bereich zu sorgen hatten. Spediteure versandten die Massengüter mit Fuhrwerken, Saumpferden oder Schlitten meist auf der sog. Rod, einem Rotationssystem, das die Verteilung der Säumerdienste auf die Portgenossen regelte. Da die Waren an den Grenzen der Porten jeweils auf die Saumtiere der benachbarten Genossenschaft umgeladen werden mussten, war der Transport insgesamt langsam. Wertvollere Expressgüter wurden deshalb in der Strack- oder Eilfuhr befördert: Ein Berufssäumer führte solche Waren in etwa drei Tagen von Chur bis Chiavenna. Infolge polit. oder wirtschaftl. Ereignisse unterlag die Menge der Transitgüter bedeutenden Schwankungen. Sie erreichte um 1600 mit 14'000 Saum einen Höhepunkt, fiel im Dreissigjährigen Krieg auf ein Zehntel zurück und erreichte erst mit dem Bau der Kommerzialstrassen Ende des 18. Jh. wieder mehr als 10'000 Saum. Die Zolleinnahmen und Weggelder, Fuhrlöhne und andere Verkehrseinkünfte machten den Gütertransit zur zweitgrössten Einnahmequelle der Bündner Volkswirtschaft.

Der Handel entwickelte sich parallel zum Gütertransit. Da jeder Bundsmann frei handeln durfte, wurden v.a. im Süden (Lugano, Tirano, Vinschgau) schon früh Butter und Jungvieh gegen Getreide, Salz oder Wein getauscht. Daneben existierte auch ein berufsmässiger Salz-, Wein- und Reishandel. Erst in der frühen Neuzeit löste Mailand Zürich als Hauptgetreidelieferanten ab. Reis war v.a. Transitgut. Salz erhielten die Drei Bünde aus Hall im Tirol und aus Reichenhall in Bayern, während das venezian. Meersalz aus Qualitätsgründen wenig beliebt war. Mittels gesetzl. Massnahmen, strikter Preiskontrollen und durch den ausgedehnten Grundbesitz von führenden Fam. im Untertanenland wurde die Kontrolle über den Veltlinerwein sichergestellt. Jahrmärkte - Ende des 18. Jh. gab es an die 50 - ergänzten die Wochenmärkte und dienten im Herbst dem Viehabsatz. Handelshäuser entstanden v.a. im 18. Jh. entlang der Transitstrassen (z.B. jenes der Rosenroll in Thusis), in Ilanz, Davos und natürlich in Chur.

Autorin/Autor: Max Hilfiker

3.5.4 - Die militärische Auswanderung

Eine wichtige Einnahmequelle war die militär. Auswanderung. Die ital. Feldzüge, der Dreissigjährige Krieg und die Kämpfe des 18. Jh. um das europ. Gleichgewicht beschäftigten Tausende von Bündner Söldnern (Johann Andreas von Sprecher geht davon aus, dass um die Mitte des 18. Jh. bis zu 10'000 Bündner in fremden Diensten standen). Viele Bündner dienten auch in Garderegimentern in Paris, Wien und Italien. Für die Aristokratie waren die Soldkompanien ein einträgliches, wenn auch spekulatives Geschäft. Sie wurden gehandelt oder vererbt und sicherten eine standesgemässe Lebensführung sowie polit. Ansehen. Für die angeworbenen Soldaten dagegen bildete der fremde Dienst meist eine wirtschaftl. Notwendigkeit; in der Neuzeit brachte er kaum mehr viel ein.

Autorin/Autor: Max Hilfiker

3.6 - Gesellschaftliche Entwicklung

Die Auflösung der Grundherrschaft im SpätMA zog einen Wandel der Gesellschaft nach sich. Die Verlagerung der Verfügungsgewalt über den Grundbesitz von den nominellen, adligen Eigentümern hin zu den realen, bäuerl. Inhabern führte in der Agrarbevölkerung ab dem späten 14. Jh. zu einer Nivellierung der Standesverhältnisse zugunsten der un- und halbfreien Menschen. Die Ausstattung der einwandernden Walser und anderer Bauerngruppen mit weitgehenden Freiheitsrechten sowie die sich verstärkende Kommunalisierung sind weitere Merkmale des soziopolit. Strukturwandels. Da es den Gem. gelang, immer mehr grundherrl. Rechte an sich zu ziehen, wurde die feudale Herrschaft über Land und Leute gebrochen. Die hochadligen Territorialherren mussten vermehrt weichen. Höhepunkt und im Wesentlichen auch Abschluss dieses Prozesses bildeten die 2. Ilanzer Artikel von 1526.

Dem Niederadel, der sich hauptsächlich aus Ministerialen der Territorialherren zusammensetzte, gelang die Verteidigung seiner sozialen Stellung nur teilweise. Ein Drittel konnte sich noch über das 14. Jh. hinaus behaupten, nur ein Fünftel schaffte es, von den feudalen in die kommunalen Funktionärsstrukturen zu wechseln und sich bis in die frühe Neuzeit zu behaupten. Zu den Ministerialen, die im kommunalen Gefüge ihre Machtstellung noch erheblich auszubauen vermochten, gehörten vorab die von Salis, von Planta, de Mont und von Castelberg. Daneben bot die Erneuerung der staatl. Ordnung viel Raum für den Aufstieg neuer Fam. aus bäuerl.-bürgerl. Schichten; v.a. die Beeli, Buol, Capol, Florin, Guler, Jecklin, Schorsch, Sprecher und von Tscharner übten vom 15. oder 16. Jh. an Einfluss aus. Eine klare Unterscheidung zwischen niederadligen und bäuerl.-bürgerl. Geschlechtern innerhalb der Führungsschicht entsprach bereits am Ausgang des SpätMA kaum mehr der sozialen Realität.

Die Bündner Amtsleute in den Untertanenlanden Veltlin, Bormio und Chiavenna im 17. Jahrhunderta
FamilieLandes- hauptmann SondrioVicari SondrioCommissari ChiavennaPodestà MorbegnoPodestà TraonaPodestà TeglioPodestà TiranoPodestà PlursPodestà BormioTotal
von Salis56744141 32
von Planta5358512 130
Buol34222312221
Sprecher344311 3120
von Capol21251212117
Schmid von Grüneck 1221 4  10
de Florin2111 21 19
de Mont2 111 21 8
Enderlin von Montzwick11 1 111 6
Pellizari  1 21 116
Rosenroll21111    6
Schmid/Schmied   1 3 116
Schorsch11  21 1 6
Travers222      6
Janett    1 1215
Jenatsch1   2 11 5
Montalta11 1  1  4
von Porta 2    1 14
Scarpatetti    2 2  4
Gaudenz    1 11 3
Gugelberg von Moos11  1    3
Hartmann    1 11 3
Jagmet 111     3
de Latour1   2    3

a Aufgelistet sind Familien, die mehr als zwei Amtsleute stellten.

Quellen:S. Färber, Der bündner. Herrenstand im 17. Jh., 1983, 134-136

Trotz der Demokratisierung des Staatswesens kann auch in der frühen Neuzeit von einer zumindest ständeartigen Gliederung der Gesellschaft gesprochen werden. Selbst die Bauern waren keine homogene Gesellschaftsgruppe. Reichere und ärmere Bauern unterschieden sich in Ansehen und Lebenshaltung deutlich voneinander. Ab dem 17. Jh. wurde zudem vermehrt zwischen Bürgern und Hintersässen differenziert. Die neue Führungsschicht zeigte im Laufe des 16. Jh. eine immer stärker werdende Tendenz zur Abschliessung gegen unten. Im 17. und 18. Jh. gelang der Aufstieg deshalb nur noch einzelnen Familien. Die neue, stark oligarchisch geprägte Elite unterschied sich in zunehmendem Masse durch die Betonung von Statusunterschieden vom "gemeinen Volk". Zum angemessenen Lebensstil gehörten v.a. Besitz, aristokrat. Titel und Lebenshaltung, Offiziersränge in fremden Heeren, Bildung, das Heiratsverhalten sowie eine gehobene wirtschaftl. und polit. Tätigkeit. Deutlich an der Spitze von Bündens Politik und Gesellschaft standen im 17. und 18. Jh. die von Salis und von Planta. Um sie herum gruppierte sich ein engerer Kreis von einem Dutzend einflussreicher Familien. Hinter diesen sind in einem weiteren Kreis zwei Dutzend andere Geschlechter einzuordnen, die entweder nur während ein bis zwei Generationen zur Führungsschicht gehörten oder lediglich regionale Bedeutung erlangten. Alle Fam., Geschlechter und Clans der aristodemokrat. Elite waren zudem mit grossen Teilen der sonstigen Bevölkerung in ein alle Lebensbereiche durchdringendes Klientel- und Patronagesystem eingebunden, das seine wichtigste Wurzel in dem ab dem 16. Jh. zu erbitterten Parteiungen führenden polit. Interesse der Nachbarstaaten an G. hatte.

Autorin/Autor: Silvio Färber

3.7 - Kirchen, Klöster und Konfessionalisierung

3.7.1 - Kirchen und Klöster vom 14. Jahrhundert bis zur Reformation

Für die kirchl. Organisation innerhalb Rätiens spielten die Klöster auch im SpätMA eine bedeutende Rolle. Das Kloster Disentis errichtete längs des nördl. Aufstiegs zum Lukmanier mehrere Hospize. Im Vorderrheintal wurden der Abtei 1491 neun Pfarreien inkorporiert. Eng mit Disentis verbunden war im 13. und 14. Jh. eine Gemeinschaft von Beginen und Begarden bei der Kapelle S. Benedetg (Gem. Sumvitg). Nach dem Niedergang des Männerklosters Müstair im HochMA bestand hier von der Mitte des 12. Jh. an ein Benediktinerinnenkonvent. Dieses Frauenkloster bildete im SpätMA ein Zentrum eucharist. Mystik (Verehrung des Hl. Blutes). Die Prämonstratenserpropsteien St. Luzi in Chur und Churwalden wurden um die Mitte des 15. Jh. zu Abteien erhoben. Zu beiden gehörte bis ins 14. Jh. ein Frauenkonvent, zu Churwalden zudem als Filialkloster die Propstei St. Jakob im hinteren Prättigau (Gem. Klosters). Die einzige spätma. Klostergründung in Rätien war St. Nicolai in Chur. Das Dominikanerkloster entstand um 1277 auf bischöfl. Initiative und spielte in der Siedlungsentwicklung Churs eine bedeutende Rolle. Hier konstituierten sich Laienbruderschaften, hier stifteten Kleinadlige und Handwerker ihre Seelenmessen.

Die Stiftung neuer Kirchen war zunächst v.a. Sache der Feudalherren, die auch meistens das Patronatsrecht besassen. An ihre Stelle trat im SpätMA das in Siedlungsverbänden organisierte Kirchenvolk: Nachbarschaften tätigten im 15. Jh. über hundert Kapellen- und Pfründenstiftungen. Solche Stiftungen führten zur Bildung neuer Pfarreien. Die Nachbarschaften erstrebten zunächst eine eigene lokale Seelsorge, dann auch patronale Rechte. Um 1500 wurde mehr als ein Viertel der hauptamtlich tätigen Priester von kommunalen Stiftungen unterhalten. In über einem Fünftel der Fälle wirkten die nachbarschaftlich organisierten Kirchgenossen bei der Priesterwahl mit, in mehr als einem Drittel kontrollierten sie die Verwaltung des Pfrundgutes. Daneben bestanden als geistl. Körperschaften das Augustinerchorfrauenstift Cazis, das Kollegiatstift S. Vittore im Misox, die Hospize Chapella bei S-chanf (gegründet von der Pfarrei Zuoz) sowie S. Romerio/S. Remigio bei Brusio (betreut von einem Augustinerstift). Die beiden Hospize gingen im frühen 15. Jh. ein.

Autorin/Autor: Florian Hitz

3.7.2 - Reformation und Katholische Reform

Höhepunkt der auf die Ablösung der weltl. und kirchl. Herrschaftsrechte des Bf. von Chur zielenden Gemeindebewegung bildeten die 2. Ilanzer Artikel von 1526, die neben der Schmälerung der weltl. Rechte des Hochstifts dem Bischof die geistl. Gerichtsbarkeit aberkannten, ein Indigenat bei der Besetzung geistl. Ämter verankerten - die Ämter sollten nur von Einheimischen besetzt werden - und die Gemeindehoheit über die Pfarrerwahl sowie über die Verwaltung des Kirchenvermögens festschrieben. Zwar waren die Ilanzer Artikel noch kaum dogmatisch gebunden und zielten auf eine vorkonfessionelle Gemeindekirche, deren Grundsätze auch in später kath. Gemeinden mindestens bis ins frühe 17. Jh. galten, dennoch erschwerten sie die Verfolgung der evang. Bewegung durch die Kirchenbehörden und erleichterten dadurch deren Ausbreitung. Etliche Forderungen der Ilanzer Artikel wurden 1541 im Wahlkapitulat mit Bf. Lucius Iter vertraglich durchgesetzt (sog. VI Artikel). Zwischen den 1520er und 50er Jahren häuften sich Abgabenverweigerungen und Rechtsablösungen um geringe Preise. 1558-61 und während der Herrschaftszeit von Beatus a Porta stand das Bistum mehrmals kurz vor der Auflösung. Gleichzeitig waren Amtsfunktionen der Diözese einem drast. Zerfall ausgesetzt: In die 2. Hälfte des 15. Jh. zurückverfolgbare Reformbestrebungen versiegten nach 1527, das Domkapitel löste sich nach 1529 weitgehend auf und ab den späten 1530er Jahren fehlten der Generalvikar sowie der Weihbischof.

Zentrum der reformator. Bewegung war Chur, in dem sich der neue Glauben 1523-27 unter Stadtpfarrer Johannes Comander durchsetzte. Da auf das Ilanzer Religionsgespräch von 1526, in dem sich Comander gegen die vom bischöfl. Generalvikar beim Bundstag erhobene Klage auf Häresie verteidigte, kein Urteil folgte, konnte sich der neue Glaube ungehindert ausbreiten. Zwischen der ersten, von einem durchziehenden Reformator gehaltenen evang. Predigt und dem formellen Gemeindebeschluss bis zur Wahl eines Prädikanten sowie der oftmals konfliktreichen Beseitigung der Kirchenzierden konnten allerdings Jahrzehnte vergehen. Während sich die meisten Gem. des Zehngerichtenbunds und Teile des Grauen Bunds (Gruob, Thusis, Heinzenberg, Schams, Avers) schon in den späten 1520er und 30er Jahren der Reformation anschlossen, übernahmen das Engadin und die angrenzenden Täler den neuen Glauben mehrheitlich im 3. Viertel des 16. Jh. Einzelne Gem. aus den nördlich der Alpenpässe gelegenen Teilen des Gotteshausbunds vollzogen den Übergang sogar erst im späten 16. und frühen 17. Jh. Dementsprechend lang dauerte der Aufbau einer ref. Landeskirche. Treibkraft dieses Vorgangs war die Schaffung und Wahrung einer dogmat. Einheit, wobei dem um 1545-71 in Chiavenna unter den ital. Glaubensflüchtlingen schwelenden Kirchenstreit zwischen Vertretern der Bullinger'schen Orthodoxie und der täuferischen bzw. antitrinitarischen Lehren eine herausragende Bedeutung zukommt. Die Anfänge der Bündner Synode gehen auf 1537 zurück, doch enthält erst die "Confessio Raetica" (1553) eine Synodalordnung. Eine institutionelle Verfestigung mit geregelter Protokollführung, Institutionalisierung der Kirchenleitung, Regelung der Beziehungen zu den weltl. Behörden und den Anfängen einer Kirchenzucht im calvinist. Sinn erfolgte in den 1570er Jahren parallel zur Durchsetzung der prot. Orthodoxie und war eng mit dem Wirken Ulrich Campells verknüpft. Zum Abschluss kam der Aufbau einer flächendeckenden Landeskirche aber erst mit dem vom Bundstag 1628 erlassenen Sittenmandat, das eine eigentl. Kirchenordnung darstellte, und den mit kleinen Ergänzungen bis 1808 geltenden Synodalgesetzen von 1645. In den Gem. setzten die Presbyterien die Kirchenzucht durch, ausserdem überwachten regionale Pfarrerkolloquien die Amtsführung und Lehre der Pfarrer.

Der Hauptanstoss zur Kath. Reform ging von den päpstl. Nuntien in Luzern aus, die das Bistum ab 1578 periodisch visitierten. Sie leiteten in der Regel auch bis ins frühe 18. Jh. die Bischofswahl. Die ab 1580 erfolgten Anweisungen der Nuntien zielten darauf ab, das Domkapitel und den ländl. Seelsorgeklerus zu reformieren. 1599 folgte der Erlass einer grundlegenden Ordnung für die kirchl. und weltl. Verwaltung des Hochstifts. In den Bündner Wirren nötigte der Nuntius den Drei Bünden unter dem Schutz der österr. Besatzung 1623 die Einwilligung zur Restitution der Rechte ab, die das Churer Hochstift vor 1526 besessen hatte (Scappische Artikel). Zwar erwies sich die Wiederherstellung der weltl. Rechte als weitgehend unmöglich, im Bereich der Kirchenreform waren aber die Folgen in einer Belebung der kirchl. Tätigkeit des Bischofs spürbar, etwa beim geistl. Gericht, den Visitationen in Verbindung mit Firmreisen oder bei Pfarrerwahlen. Schliesslich setzten die Nuntien durch, dass die VI Artikel von 1541 ab der Bischofswahl von 1627 nicht mehr beschwört werden mussten und dass das von 1526 an beanspruchte Indigenat ab 1661 aufgegeben wurde. Von den letzten Jahren des 16. Jh. an standen auch im Innern des Bistums im tridentin. Sinn ausgebildete Kirchenmänner zur Verfügung. Als Reformbischof erliess Johann Flugi Bestimmungen für den Diözesanklerus (1605), welche die Beschlüsse des Konzils von Trient in diözesanes Kirchenrecht überführten. Wichtiger Reformträger war der Kapuzinerorden, der unter dem Schutz der österr. Besetzung 1621 vorab zur Rekatholisierung des Prättigaus und des Unterengadins eingesetzt wurde; nach dem franz. Einmarsch 1624 setzte sich der ref. Kultus dort aber allmählich wieder durch. Grössere Bedeutung erlangte der Orden in der Seelsorge in kath. Gebieten. Um 1650 wurde rund ein Drittel der kath. Pfarreien von Kapuzinern versehen. Angesichts der ab 1526 nur spärlichen Ausstattung der Pfründen garantierten die v.a. von auswärts unterhaltenen Patres kostengünstig eine ausreichende geistl. Betreuung. In der Verbreitung barocker Frömmigkeits-, Bau- und Kunstformen spielten sie eine ausschlaggebende Rolle.

Die Konfessionalisierung der beiden Kirchen zwischen den 1570er und den 1640er Jahren erfasste die Landesbevölkerung schliesslich flächendeckend; mit ihr fand das konfessionelle Moment auch in die bündner. Faktionskonflikte Eingang (Konfessionalismus). In den 1610er Jahren, besonders ausgeprägt in den 1640er und 50er Jahren sowie vereinzelt bis in die 1740er Jahre fanden in gemischtkonfessionellen Gem. Konflikte vorab um Kirchennutzung und Kirchengut statt. Sie führten beim Bundstag zur Bildung eines Corpus catholicum und der Evang. Session (Corpus evangelicum), die seit den frühen 1640er Jahren zu religionspolit. Fragen in getrennten Sessionen tagten. Institutionalisierte Mechanismen der Konfliktlösung wurden jedoch in der Folgezeit nicht ausgebildet.

Nach dem Verebben der Konflikte im frühen 18. Jh. gingen beide Glaubensgemeinschaften ihre eigenen Wege. Über die holländ. Solddienste und das häufig in Halle absolvierte Studium verbreitete sich der Pietismus ab den 1710er Jahren unter den Reformierten. Führungsgestalt in dieser Zeit war Daniel Willi. Ab 1745 wurden die Drei Bünde wiederholt von herrnhuterischen Sendboten besucht, die hier eine beträchtl. Anhängerschaft aufbauen konnten. Bis gegen 1780 blieben die beiden Strömungen zeitweise dominant, wurden dann aber rasch von der vorwiegend ref. Aufklärung verdrängt.

Autorin/Autor: Ulrich Pfister

3.7.3 - Entwicklung des Schulwesens

Schulinitiativen der frühen Neuzeit wurzelten vornehmlich im Interesse der beiden konfessionalisierten Landeskirchen an der systemat. Katechisation der Gläubigen sowie an einem steten Nachwuchs qualifizierter Geistlicher. Im Bereich der höheren Bildung blieben die wiederholten Anstrengungen des Bundstags, unter Heranziehung von Kirchengut eine Landesschule zu schaffen, ohne Wirkung; so scheiterten z.B. die beiden umstrittenen Gründungsprojekte in Sondrio 1584 und 1618-19. Ebenso wenig Erfolg war dem Bischof bei dem Versuch beschieden, gemäss den Vorgaben des Tridentinums ein diözesanes Priesterseminar zu errichten. Einzig die Churer Lateinschule nahm nach ihrem Ausbau zu einem Collegium philosophicum im frühen 18. Jh. die Aufgaben einer Hochschule im bescheidenen Rahmen war. Infolge dieser Aufwertung verlor das zuvor universelle Auslandstudium der ref. Bildungselite etwas an Bedeutung. Der Aufklärungspädagogik verpflichtet waren die von der weltl. Oberschicht ab der 2. Hälfte des 18. Jh. betriebenen Bildungsanstalten in Haldenstein, Marschlins, Jenins und Reichenau.

Die Institutionalisierung des Volksschulwesens setzte im 2. Viertel des 17. Jh. ein. Nach dem Erlass der Kirchenordnung von 1628, welche die Gem. zur Unterhaltung von Schulen verpflichtete, erfolgte in ref. Gebieten die Äufnung von Schulfonds und die regelmässige Anstellung von Lehrern. In kath. Gebieten setzte die Volksschulbewegung mit den Katechesebruderschaften ein, die im Zuge der sich ausbreitenden Barockfrömmigkeit gegründet worden waren. V.a. im 18. Jh. wurden in kath. Gebieten auch Kaplaneien gestiftet, deren Benefiziaten ausdrücklich zum Schulunterricht verpflichtet waren.

Autorin/Autor: Ulrich Pfister

3.8 - Die kulturelle Entwicklung

3.8.1 - Schriftkulturen und Literatur

Die lat. Schriften der vorkonfessionellen Humanisten der 1. Hälfte des 16. Jh., unter denen Simon Lemnius und der ital. Emigrant Franciscus Niger herausragen, waren auf ein internat. Gelehrtenpublikum ausgerichtet. Versch. Autoren wie Ulrich Campell, Fortunat Sprecher von Bernegg und Fortunat von Juvalta verfassten auch in der frühen Neuzeit noch lat. Chroniken.

Die ältesten deutschsprachigen Sagen- und Legendenfragmente datieren aus dem HochMA, ebenso einzelne Bruchstücke aus Gedichten des Rudolf von Ems, des Minnesängers Heinrich von Frauenberg (in der Manessehandschrift) und des Eberhard von Sax. Das nicht religiöse dt. Schrifttum des 16. und 17. Jh. beschränkte sich auf Chroniken (z.B. von Hans Ardüser), grosse Geschichtswerke und einige literarisch anspruchslose Gedichte polem. Natur, die z.T. in Mundart abgefasst sind. Von der gelehrten Aristokratin Hortensia Gugelberg von Moos stammen religiöse Schriften sowie die "Conversations-Gespräche" von 1696. Im 18. Jh. verherrlichten in Niedersachsen Johann Jakob Dusch, ein Nachkomme bündner. Emigranten, und "Rätiens Adoptivsohn" Heinrich Zschokke nach Albrecht von Hallers Vorbild die Bündner Heimat in Idealbildern des einfachen ländl. Lebens. 1785 erschien eine Ausgabe der Bündnerlieder Martin von Plantas in der Vertonung des Lehrers und Verlagsherrn Konrad Greuter, 1786 die Dichtung "Die Bernina" von Johann Baptista von Tscharner.

Mit den ab 1527 entstandenen ladin. Texten des Engadiner Notablen Johann Travers nahm die rätorom.-volkssprachl. Schriftkultur ihren Anfang (Rätoromanische Literatur). In der Folge stand die Produktion volkssprachl. Texte sowie der ersten rätorom. Grammatiken bis gegen Mitte des 18. Jh. im Dienst der Konfessionskirchen; ref. Bibelübersetzungen, Katechismen und Liederbücher beider Konfessionen sowie kath. Andachtsbücher stellten den Grundstock des populären Lesestoffs dar. Ab der 2. Hälfte des 17. Jh. entstanden auch Passions- und Fastnachtsspiele in rätorom. Sprache, im 18. Jh. ausserdem polit. Dichtung (Georg Anton Vieli) und Theaterstücke (Peter Anton de Latour).

Die ital. Talschaften weisen vor 1800 keine eigene literar. Tradition auf; sie orientierten sich kulturell gänzlich an Italien. Dantes und Petrarcas Nachahmung zeigt sich in den acht Sonetti von Martino Bovollino (1519) aus Mesocco und Paganino Gaudenzi aus Poschiavo, der v.a. in Italien lebte und wirkte. In Gaudenzis zahlreichen und verschiedenartigen Werken (hist. und philosoph. Abhandlungen, 700 Sonette, publiziert 1648) ist der Einfluss der Zeitgenossen Giambattista Marino und Galileo Galilei spürbar. Die "Oratione" des Architekten Gabriele de Gabrieli aus Roveredo und die ital. Verse von Francesco Rodolfo Mengotti (gestorben nach 1786) aus Poschiavo verraten den Einfluss der röm. Akademie Arcadia und der ital. Aufklärung.

Autorin/Autor: Adolf Collenberg, Ulrich Pfister

3.8.2 - Architektur, Plastik und Malerei

Auch in der bildenden Kunst und der Architektur waren für den Dreibündestaat die Beziehungen zu den Kulturkreisen nördlich und südlich der Alpen wichtig. Je nach Ort der Innovationen und je nach der polit. und ökonom. Konstellation gestalteten sich die Einflüsse unterschiedlich. Epochenwechsel traten wegen der peripheren Lage am Alpenkamm meist verzögert auf. Seiner Situierung verdankt das Bergland aber auch die hohe Dichte an hist. Kulturgütern.

Aus dem 14. Jh. hat sich ein vielfältiger Bestand an Wandmalereien erhalten, darunter Fresken in Nachfolge Giottos und 16 Werke der dem süddt. Kulturkreis angehörenden Werkstatt des sog. Waltensburger Meisters. Gleichzeitig entstandene Statuen von höf. Eleganz verweisen in den Bodenseeraum. Die sich konstituierenden Kirchgemeinden initiierten von der Mitte des 15. Jh. bis zur Reformation eine intensive Kirchenbautätigkeit, vorwiegend unter der Leitung von Baumeistern aus dem dt. Sprachraum. Parallel dazu wurden in süddt. Werkstätten zahlreiche spätgot. Flügelaltäre in Auftrag gegeben. Die Renaissance, deren Formensprache in der Wandmalerei bereits ab dem späten 15. Jh. angewendet wurde, prägte die Ausstattungen v.a. der Innenräume von Profanbauten nachhaltig. Bis weit ins 17. Jh. wiesen aber viele Objekte noch spätgot. Stilmerkmale auf. Die Kath. Reform löste in altgläubigen Gebieten erneut eine Welle von Kirchenbauten aus. Die Formensprache von Architektur und Stuckaturen wurde nun von Süden beeinflusst. Bündner Bauleute, darunter die Misoxer Meister, prägten massgeblich die Entwicklung des Barocks in Süddeutschland, Österreich und den benachbarten Gebieten. Im Bereich der Holzplastik dominierte hingegen eine alpenländ. Tradition mit Ursprung im Wallis, die Schule des Johann Ritz. In der Malerei wiederum war der südl. Einfluss mit Werken von lombard. und Tessiner Meistern vorherrschend.

Die Bündner Bauern- und Patrizierhäuser waren je nach Region aus Holz (z.B. Walserhaus) oder aus Stein errichtet. Bis zum HochMA wurde das Einzweckhaus bevorzugt: Schlafräume, Speicher und Sennerei waren auf versch. Häuser verteilt. Im Engadin und in Mittelbünden waren die Wohnhäuser mit den Stallscheunen verbunden. Sgraffito prägt das nach 1500 aufkommende typische Engadinerhaus mit den zwei Toren und die Häuser in den benachbarten Südtälern. Im Engadin erreichte die Sgraffito-Technik in der 2. Hälfte des 17. Jh. ihren Höhepunkt.

Autorin/Autor: Marc Antoni Nay

4 - Der Staat im 19. und 20. Jahrhundert

4.1 - Politische Geschichte ab 1797

4.1.1 - Von der Gemeindeherrlichkeit zum Kantonalstaat

Der Verlust seiner früheren ital. Besitzungen 1797 hatte Bünden in eine schwere Krise gestürzt. Innenpolitisch standen sich zwei Lager gegenüber: Einerseits das aus dem Kreis der Patrioten der 1790er Jahre rekrutierte, das einen Anschluss an die Helvet. Republik grösstenteils befürwortete, andererseits das "kaiserliche" Lager der Aristokraten um Ulysses Salis-Marschlins, das für eine Annäherung an Österreich eintrat. Im Juli 1798 lehnten die Gerichtsgemeinden einen Beitritt zur Helvet. Republik klar ab; dieser Entscheid kam aber nicht zum Tragen, weil G. in der Folge zum Kriegsschauplatz zwischen Frankreich und der Koalition und von Ende 1798 bis 1800 je zweimal von Österreichern und Franzosen besetzt wurde. Das polit. Geschehen diktierten die Besatzungsmächte, die jeweils Geiseln nahmen und provisor. Regierungen installierten. Während der ersten Okkupation durch die Franzosen wurde am 21.4.1799 der Vertrag über die Eingliederung G.s als Kt. Rätien in die Helvet. Republik unterzeichnet; während der zweiten wurde die Integration schrittweise vollzogen und der Aufbau einer zentralisierten Verwaltung nach dem Muster der übrigen helvet. Kantone in Angriff genommen. Aber schon 1801 sagten sich immer mehr Gem. von der helvet. Ordnung los, worauf die helvet. Zentralbehörde den Kanton erneut besetzen liess. Nach dem Rückzug der franz. Truppen im Spätsommer 1802 breitete sich eine restaurative Bewegung aus. Die föderalist. Mediationsverfassung von 1803, die aus G. einen Kanton der Eidgenossenschaft machte, befriedete das Land. Nach dem gescheiterten Putsch der Aristokraten und anderer Gruppierungen im Jan. 1814 und dem Machtwort der Alliierten akzeptierten die Altrepublikaner schliesslich die neuen Gegebenheiten. 1815 bestätigte der Wiener Kongress den Verlust des Veltlins.

Stabilität und Frieden prägten G. bis zur Jahrhundertmitte. Staat, Regierung und Legislative waren durch die Verfassung von 1814/20 zur Machtlosigkeit verurteilt, während Räte und Gerichtsgemeinden weiterhin die Gesetzgebung kontrollierten. Das Volk pflegte seine lokalen und regionalen Interessen, kümmerte sich aber wenig um die kant. oder eidg. Politik. In der 1. Hälfte der 1830er Jahre traten erstmals die Verfechter des liberalen Staates auf, die den Kantonalstaat handlungsfähiger machen bzw. die Gemeindeautonomie teilweise beschneiden wollten und deshalb auch als Etatisten bezeichnet werden können. Die Kommunalisten befürworteten dagegen einen Staatsminimalismus mit teilweise konfessioneller Färbung. Die Polarisierung war jedoch nicht so ausgeprägt, dass sie zu eigentl. Parteibildungen geführt hätte. Die Zusammensetzung der Gruppierungen änderte sich je nach Sachfrage. Bei Wahlen erhielten in der Regel gemässigte Reformpolitiker den Vorzug. Die Gerichtsreform von 1851 und die Kantonsverfassung von 1854 waren ihr Werk. Der Reformwille war weder ein liberales noch ein reformiertes Monopol. G. verdankt viele Errungenschaften dieser Jahrzehnte auch dem Innovationswillen seiner Aristokraten und kath. und ref. Geistlichen.

Die Revision der Bundesverfassung löste um 1870 eine Welle der Agitation und eine Polarisierung zwischen zwei getrennten Lagern aus, jenem der sog. Anti und jenem der sog. Revi, d.h. der Befürworter. Das vormals gemässigt-liberale Bündner Tagblatt schwenkte unter Hermann Sprecher und Placidus Plattner ins Lager der Anti ein und wurde Leitblatt der Konservativen und Föderalisten. Florian Gengel, Redaktor des Freien Rätiers, und Anton Versell bildeten mit der Gründung des liberalen Stadtvereins in Chur ein Gegengewicht, ebenso Carl Hilty mit dem Bündner. Volksverein. Die scharfe Trennlinie von 1872 und 1874 verwischte sich nach der Annahme der Verfassung recht schnell. Die Konservativen und Föderalisten dominierten, v.a. nach der Erweiterung der Volksrechte durch die kant. Verfassungsrevision 1880, Wahlen und Abstimmungen auf allen Staatsebenen. Die 1881 gebildete überkonfessionelle föderalist.-konservative Allianz um Hermann Sprecher und Remigius Peterelli vernichtete den kath. Liberalismus, der mit den de Latour von Breil/Brigels jahrzehntelang die Surselva politisch dominiert hatte. Der Kulturkampf tangierte G. kaum - die überkonfessionelle Allianz entzog ihm den polit. Boden, und auch die Liberalen versprachen sich von Auseinandersetzungen zwischen den Konfessionen keinen Gewinn. In den 1870er und 80er Jahren wurde die alte Führungsschicht weitgehend von den Bildungseliten aus dem bürgerl. und bäuerl. Milieu abgelöst.

Autorin/Autor: Adolf Collenberg

4.1.2 - Die Epoche der Parteigründungen 1890-1919

Unter Führung von Felix Calonder organisierte sich das Umfeld der liberalen Fraktion im Jan. 1891 in der Freisinnigen Partei (FP), einer Volkspartei mit kant. Statuten und Programm. Der Radikal-demokrat. Verein von Chur unter Friedrich Manatschal spielte darin die Rolle einer widerspenstigen Fraktion. 1891 bestellte auch die Allianz ein selbstständiges Landeskomitee zur Leitung der Föderal-demokrat. Partei. Der programmat. Seiltanz ihres Anführers Caspar Decurtins zwischen Ultramontanismus und sozialpolit. Schulterschluss mit der Linken provozierte die allmähl. Abwanderung des ref. Flügels zum Freisinn und eine innerparteil. Sezession unter Placidus Plattner und Johann Josef Dedual (den sog. "neuen Kurs" 1892-98). Letztere forderten u.a. eine selbstständige kath. Partei- und Sozialpolitik. Die um 1895 initiierte Parteireform führte 1903 zur Gründung der Konservativ-demokrat. Partei (KDP) der Katholiken mit einem kleinen, aber einflussreichen ref. Flügel (v.a. die von Sprecher). In diesem Jahrzehnt vollzog sich der Wandel von der alten Persönlichkeits- zur modernen Parteiwahl und zur einvernehml. Aufteilung der Mandate unter den beiden bürgerl. Parteien (bis 1919).

1906 schlossen sich die Grütli- und Arbeitervereine unter Arthur Gamser zur Sozialdemokrat. Partei (SP) zusammen. Ihren Anhang rekrutierte sie unter Hotelangestellten sowie Bahnarbeitern und im kleinbürgerl. Milieu Churs. Ein eigentl. Proletariat gab es im industriell wenig entwickelten G. nicht. Nach 1918 schwächten Richtungskämpfe die SP. Programmatische und personelle Differenzen rissen auch das freisinnige Lager auseinander. Der jungfreisinnige Flügel spaltete sich ab und gründete im Dez. 1919 die stärker links gerichtete Demokrat. Partei (DP). Die Neue Bündner Zeitung wurde ihr Leitblatt.

Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Parteien eher rudimentär organisiert. Die polit. Mobilisierung und Sensibilisierung erfolgte über die Presse, durch Vertrauensmänner in den Dörfern, auf Kirchweih- und Gesangsfesten, Viehmärkten und auf kath. Seite auch über die Kanzel, von der herunter sich die Pfarrer bis in die 1960er Jahre offen als Träger des polit. Weltanschauungskampfes engagierten.

Autorin/Autor: Adolf Collenberg

4.1.3 - Krisen- und Kriegszeit

Die Einführung des Proporzes bei den Nationalratswahlen 1919 wirkte sich auf G. vorerst wenig aus, doch eroberte die SP ihr erstes Nationalratsmandat. Die KDP hielt ab den 1920er Jahren ihre Wählerschaft durch entschiedenen Prinzipienkampf gegen Liberalismus und Zentralismus bzw. Sozialismus und Atheismus erfolgreich bei der Stange. Die Freisinnigen lancierten heftige Kampagnen gegen die Demokraten und Sozialisten und koalierten mit der KDP gegen die bürgerlich-mittelständ. Linke - als solche präsentierte sich die DP in Abgrenzung zum freisinnigen Grosskapital - und gegen die SP. Der Kraftwerkskandal, der in der 1. Hälfte der 1920er Jahre ruchbar wurde, setzte der FP arg zu und erodierte allmählich ihre Basis, die in den 1930er Jahren völlig wegbrach und sich grösstenteils der DP unter Andreas Gadient anschloss, die nach 1935 das Erbe des Freisinns antrat. Die SP stagnierte trotz ihres populären Anführers Nationalrat Gaudenz Canova; ihr strikter Antifaschismus - in G. waren bis 1939 sechs kleine Fascio-Gruppen entstanden, und von Davos aus agitierten eine starke NSDAP-Ortsgruppe sowie mehrere gleich gesinnte Organisationen - zahlte sich politisch nicht aus, und wirtschaftspolitisch hatte die DP mehr Erfolg. Letztere nahm zu Beginn der 1930er Jahre den Kampf gegen die Frontenbewegung auf und forderte eine aktive Konjunkturpolitik gegen die Wirtschaftskrise, während die als Partei von Grosskapitalisten verschrieene FP die Krise tatenlos hinnahm.

Gegen links- und rechtsextreme Strömungen sammelten sich nach der Ablehnung der Kriseninitiative am 2.6.1935 Bauern, Angestellte und Arbeiter aus allen Lagern in der sog. Richtlinienbewegung. Inwieweit Teile der bürgerl. Eliten mit den Ideen eines neuen Europa, einer ständ. Gesellschaftsordnung und einer autoritären Führung sympathisierten, ist nur teilweise geklärt. Problemlos überstand die KDP den Absturz der FP, die sich 1934 in Freisinnig Demokratische Partei (FDP) umbenannte. In Chur gründeten jedoch die unzufriedenen Christlichsozialen eine eigene Parteisektion (CSP). Der Ausbruch des Krieges verschärfte den Parteienkampf noch mehr. Die DP, die ab 1935 Demokrat. Volkspartei (DVP) hiess, setzte ihren Vormarsch auf Kosten der FDP und der SP fort. Die KDP reorganisierte sich 1942 als Konservative Volkspartei (KVP) und arrangierte sich mit der Tochterpartei CSP. In den letzten Kriegsjahren war das polit. Klima G.s von gehässigen Wahl- und Parteikämpfen sowie verspäteten kulturkämpfer. Polemiken geprägt.

Nationalratswahlen 1919-2003 (ausgewählte Jahre)
 1919193919591967197119791983199119992003
FDP3111111111
CVP2222222111
Demokraten/SVP 322211122
SP1 1  11211
Total Sitze6665555555

Quellen:HistStat; BFS

Grossratswahlen 1919-2003 (ausgewählte Jahre)
 1919193719471953196319711979198719942003
FDP46291429312928302629
CVP31272928303839383840
Demokraten/SVP 334332363842404133
SP167678910713
CSP11168   3 
Parteilos13421 1234
Andere9     1 21
Total Sitze899998103113113120120120120

Quellen:HistStat; BFS; Standeskanzlei

Der rasante Modernisierungsprozess in allen Sektoren brachte nach 1960 eine nie dagewesene Prosperität, an der alle Anteil hatten. Die Atmosphäre des Kalten Krieges und der materielle Aufschwung einten die Konservativen (seit 1970 CVP), den Freisinn und die nach rechts rutschenden Demokraten, die sich auf nationaler Ebene 1971 mit der BGB zur SVP zusammenschlossen, und brach dem Parteienkampf im bürgerl. Lager die Spitze. Ab den 1960er Jahren verebbte auch der Weltanschauungskampf zugunsten sachpolit. Nüchternheit und materieller Verteilungskämpfe. Parallel entpolitisierten sich die Kulturvereine. Die Einführung des Frauenstimmrechts 1972 hatte keine nennenswerten Auswirkungen auf die Stärke der Parteien. Erst seit Ende der 1980er Jahre trat die Frauenbewegung als selbstbewusste polit. und kulturelle Kraft hervor (z.B. Frauenplenum, Frauenlisten). Gleichzeitig erweiterte sich das Parteienspektrum durch die parteipolit. Sammlung von Umwelt- und Jugendparteien. Den Durchbruch ausserhalb Churs schaffte bisher keine.

Autorin/Autor: Adolf Collenberg

4.2 - Verfassungsgeschichte

Der 1798 untergegangene Freistaat der Drei Bünde hatte sich durch eine fast vollkommene Eigenstaatlichkeit der Gerichtsgemeinden ausgezeichnet. Alle Verfassungsbemühungen zielten in der Folge darauf ab, den Kanton zu stärken, um die Ideale des Rechtsstaates und der bürgerl. Freiheiten durchzusetzen und die allg. Wohlfahrt zu fördern. Während im 19. Jh. noch vier Versuche unternommen wurden, mit Totalrevisionen das Staatswesen zu verbessern, ging das 20. Jh. ohne neues Grundgesetz zu Ende. Erst 2004 trat eine neue Kantonsverfassung in Kraft.

4.2.1 - Von der Helvetik zum Bundesstaat 1798-1848

Die Elferkommission, die im Aug. 1801 einen Entwurf für eine Verfassung des Kt. Rätiens ausarbeitete, orientierte sich am helvet. Vorbild: Die Bünde und Gerichtsgemeinden wurden durch elf - bereits von der provisor. Regierung eingerichtete - Distrikte ersetzt. Diese unterstanden dem Präfekturrat, der von einem Präfekten präsidiert wurde. Zu jedem Distrikt gehörten eine Verwaltungskammer und ein Gericht, die je ein Distriktspräfekt verwaltete. Die ehem. Nachbarschaften wurden zu Munizipalitäten und wählten durch Wahlmänner Abgesandte in den Kantonsrat, der seinerseits eine fünfköpfige vollamtl. Kantonsverwaltung, das Kantonsgericht sowie die Tagsatzungsdelegation bestimmte. Allerdings wurde diese Verfassung nie vollständig und geordnet umgesetzt, auch wenn ihr der Kantonsrat Ende Aug. 1801 zugestimmt hatte. Das Ende der Helvetik besiegelte auch das Schicksal des unter franz. Druck geschaffenen Präfekturstaats.

Die Mediationsverfassung Napoleons von 1803 knüpfte einerseits wieder an die vorrevolutionären Verhältnisse an. Die alte Gebietseinteilung in Bünde, Hochgerichte und Gerichtsgemeinden lebte wieder auf, wobei die einstigen Fremdherrschaften Haldenstein, Rhäzuns und Tarasp sowie der bischöfl. Hof integriert wurden. Die Gerichtsgemeinden erhielten ihre alten Befugnisse - die Genehmigung aller Gesetze auf dem Referendumsweg - zurück. Die Verfassung schrieb aber anderseits auch helvet. Neuerungen fest, wie z.B. die Gewerbefreiheit, die Abschaffung der Vorrechte des Adels und das Kantonsgericht, ein Appellationsgericht für Zivilsachen ab einem gewissen Streitwert. Sie behielt auch die ständige Kantonsregierung bei, den Kl. Rat, der sich aus den drei Bundshäuptern zusammensetzte, und legte mit dem 63-köpfigen Gr. Rat den Grundstein für ein modernes Parlament. Da der Gr. Rat nur einmal im Jahr tagte, wurde die Behördenstruktur schon wenige Jahre später durch die Standeskommission ergänzt, welche die Regierung beriet und Gesetzesentwürfe für die Debatte im Gr. Rat vorbereitete. Gr. und Kl. Rat konnten, im Gegensatz zu ihren Entsprechungen im alten Freistaat, ohne Instruktionen der Gerichtsgemeinden tätig werden; deshalb wird die kant. Mediationsverfassung in der Forschung trotz der schwachen Stellung der Regierung auch als Übergang vom Staatenbund zum Bundesstaat bzw. als das Gründungsereignis des modernen G. interpretiert.

1814 nahm G. unter dem Druck der Alliierten den neuen Bundesvertrag der Eidgenossenschaft an. Die neue Kantonsverfassung, die in ihren Hauptzügen 1814 ausgearbeitet wurde, formell aber erst 1820 in Kraft trat, folgte weitgehend der Mediationsverfassung. Sie verlangte für künftige Verfassungsänderungen die Zustimmung von zwei Dritteln der Gerichtsgemeinden, gewährte innerhalb des Kantons die Niederlassungsfreiheit und schrieb vor, dass alle kant. Behörden zu zwei Dritteln mit Protestanten und zu einem Drittel mit Katholiken besetzt werden.

In G. hatten die Ideen der Regeneration ausserhalb des Gr. Rats einen schweren Stand. Die Bestrebungen zur Reform des Bundesvertrags von 1815 wurden abgelehnt; ebenso scheiterten 1834 und 1835 Versuche, das für kant. Verfassungsänderungen notwendige Zweidrittelsmehr der Gerichtsgemeinden zu senken, um Neuerungen in der Justiz und der Regierungsorganisation vorzubereiten.

Autorin/Autor: Max Hilfiker, Philipp von Cranach

4.2.2 - Von 1848 bis heute

Infolge der Annahme der Bundesverfassung 1848, der auch die Mehrheit der Bündner Gerichtsgemeinden zugestimmt hatte, entsprachen der föderalist. Aufbau des Kantons und zahlreiche kant. Regelungen nicht mehr dem eidg. Verfassungsrecht. Nachdem mehrere kant. Totalrevisionen gescheitert waren und die Bundesversammlung eine Gewährleistung der kant. Verfassung von 1814/20 abgelehnt hatte, wurde - in einer nach Kreisen durchgeführten Abstimmung - am 30.11.1853 eine Verfassung angenommen, die auf den 1.2.1854 in Kraft trat. Das neue Grundgesetz besiegelte die schon 1851 vollzogene Aufhebung der Gerichtsgemeinden und der Bünde bzw. die neue Einteilung in 14 Bez., 39 Kreise und 227 Gem., die ein Recht auf Selbstverwaltung hatten. Jetzt war das Volk souverän, ihm waren die dem obligator. Referendum unterstehenden Gesetze, Verfassungsänderungen usw. vorzulegen. Niedergelassenen Schweizer Bürgern wurde am Wohnort das Stimmrecht auf kant. Ebene eingeräumt. Im Übrigen verzichtete die Verfassung auf Neuerungen: Sie enthielt weder eine Kompetenzabgrenzung zwischen Kanton und Gem. noch eine Aufzählung der Staatsaufgaben. Die Kantonsregierung, die hauptsächlich als Aufsichts- und Rekursorgan fungierte, wurde nicht gestärkt. Sie bestand wie bis anhin aus drei Mitgliedern; die Amtsdauer der Kleinräte betrug nach wie vor nur ein Jahr. Die 66 Grossräte wurden in den Kreisen nach dem Majorzverfahren gewählt. In Gemeindesachen entschieden weiterhin nur die Ortsbürger. In der Gerichtsorganisation waren die Kreisgerichte v.a. für das Strafrecht, die Bezirksgerichte hauptsächlich für das Zivilrecht zuständig, während das Kantonsgericht primär Appellationsinstanz war.

In den folgenden Jahrzehnten strebten liberale Kreise eine Stärkung der Regierung, jungdemokratisch-soziale den Ausbau der Volksrechte und konservativ-föderalistische die Abschaffung des sog. Landespolizeirechts von 1814/20 an, auf dem die Verordnungen des Gr. Rats basierten; sämtl. Reformbestrebungen scheiterten jedoch zunächst. Erst nach der Revision der Bundesverfassung 1874 wurde - noch im selben Jahr - durch das Niederlassungsgesetz endlich die Einheitsgemeinde eingeführt und damit der alte Konflikt zwischen Bürgern und Niedergelassenen entschärft. Die Totalrevision der Kantonsverfassung von 1880 erweiterte das Gesetzesreferendum, führte ein Finanzreferendum sowie die Gesetzesinitiative ein, der mit den vorgeschriebenen 5'000 Unterschriften zunächst eine hohe Hürde gesetzt wurde, und schuf das Landespolizeirecht ab. Das Volk bestimmte nun die Ständeräte und die drei Sprachen des Kantons wurden als Landessprachen gewährleistet. Mit der Totalrevision von 1892 wurde die Anzahl der jetzt vom Volk gewählten Mitglieder des Kl. Rats (seit 1971 der Regierung) auf fünf aufgestockt, deren Amtsdauer auf drei Jahre verlängert und das Departementalsystem eingeführt, womit die Standeskommission überflüssig wurde. Ausserdem setzte sie die Zahl der Unterschriften, die für die Einreichung einer Gesetzesinitiative notwendig sind, auf 3'000 herab.

Die Verfassung von 1892 erwies sich als dauerhaft. Im ganzen 20. Jh. erfolgte keine weitere Totalrevision; dagegen waren ca. 30 Teilrevisionen erfolgreich. 1907 vereinfachte eine neue Zivilprozessordnung den Rechtsweg, 1967 wurde die Einführung einer Verwaltungsgerichtsbarkeit und 1978 eine neue Gerichtsverfassung angenommen, 2000 stimmte das Volk einer Reform der Gerichtsorganisation zu. Die Bezirksgerichte sind seither nicht mehr nur Zivil-, sondern auch Strafgerichte; ihre Anzahl wurde von 14 auf 11 reduziert. Das Frauenstimmrecht wurde 1972 auf Kantons- und Kreisebene angenommen und 1983 auch in Gemeindesachen für obligatorisch erklärt. Dagegen scheiterten 1937, 1942, 1949, 1960, 1982, 1996 und 2003 Versuche, den Proporz für die Wahl des Grossrats einzuführen, weshalb v.a. die SP im Kantonsparlament konstant untervertreten war.

Erst 2003 wurde die Kantonsverfassung wieder total revidiert. Das im Jan. 2004 in Kraft getretene Grundgesetz enthält aber nur wenige substanzielle Änderungen. Sie ermöglicht den Gem., das Stimm- und Wahlrecht in Gemeindesachen auch Ausländern zu gewähren, institutionalisiert das kant. Verfassungsgericht und ersetzt das obligator. durch das fakultative Gesetzesreferendum. Ausserdem bekennt sie sich eindeutig zur Dreisprachigkeit.

Autorin/Autor: Max Hilfiker, Philipp von Cranach

4.3 - Staatliche Aufgaben und Verwaltung

Die staatl. Verwaltung befasste sich im 19. Jh. schwergewichtig mit dem Aufbau des Militär-, des Verkehrs-, des Justiz- und des Schulwesens. Im 20. Jh. weitete sich die staatl. Tätigkeit auf viele Bereiche aus, z.B. auf Wirtschaftspolitik, Wohlfahrt, Raumplanung und Umweltschutz. Die Vergrösserung des Staatsapparates von 107 Funktionären im Jahr 1861 auf rund 3'000 Angestellte im Jahr 2004 weist nicht nur auf die Übernahme zahlreicher neuer Aufgaben hin, sondern widerspiegelt auch die steigende Finanzkraft des Kantons.

4.3.1 - Die Anfänge 1800-1848

Trotz Finanzmisere und Widerstand der Gerichtsgemeinden wandte sich der Staat nach 1803 neuen Aufgaben zu, zunächst dem Schul-, Justiz-, Polizei- und Heerwesen. Zur Erfüllung dieser Aufgaben wurden Komm. gebildet, in denen - wie auch im Kl. Rat - v.a. Mitglieder der früher regierenden Fam. Einsitz nahmen.

Der erste Versuch, die Unübersichtlichkeit im Bereich der Justiz zu beheben - es gab 100 Zivil- und 60 Strafgerichte mit eigenen Statuten und Verfahren -, führte zur Schaffung eines kant. Appellationsgerichts für Zivilurteile und eines kant. Strafgerichts für Ausländer. Die Organisation der Miliz - G. stellte 2'000 bis 3'000 Soldaten als Bundeskontingent - erwies sich trotz der Ordnung von 1809 und der Verfassung von 1814/20 als praktisch undurchführbar. Eine Ausbildung, die nur auf dem Papier bestand, die unzureichende Ausrüstung mit Waffen und Uniform, die ab 1827 vom Kanton gestellt wurden, und die den Dienstpflichtigen offen stehende Möglichkeit, sich bei der Erfüllung des Dienstes durch einen Ersatzmann vertreten zu lassen, machten das Kantonsheer zur Farce. 1838 griff deshalb der Bund ein und unterstellte G. militärisch einer Kuratel.

Der Ausbau der Transitwege zu fahrbaren Kunststrassen stellte das wichtigste Werk in der 1. Hälfte des 19. Jh. dar. Nach zähen Verhandlungen mit Österreich und Sardinien wurden mit deren Finanzhilfe 1818-23 die Strassen über den San Bernardino und über den Splügenpass erstellt (Untere Strasse), 1820-40 jene über den Julier- und den Malojapass (Obere Strasse). 1856 erreichte der Transitverkehr das höchste Volumen. Bau und Unterhalt der Strassen verschlangen zwei Drittel der Einnahmen des Kantons. Die Sanitätskommission erarbeitete 1808 ein Medizinalgesetz und förderte die Pockenschutzimpfung sowie die Ausbildung der Hebammen.

Zur Finanzierung dieser Aufgaben dienten Zölle, Luxussteuern und das Salzregal. 1807-42 liess der Kanton eigenes Geld prägen und übernahm auch das Postwesen. 1813 wurde das erste kant. Postamt eröffnet, 1817 der gesamte Postverkehr der Kontrolle der Postkommission unterstellt. Der evang. Gr. Rat bestimmte ab 1803 als Kirchenorgan die Geschicke der evang. Landeskirche. Mit der Kirchenverfassung von 1807 wurde der evang. Kirchenrat geschaffen. Das Corpus catholicum geriet mehrmals zwischen die Fronten der Kirchenleitung und der Regierung. Einen längeren Zwist löste 1823 das neu geschaffene Doppelbistum Chur-St. Gallen aus, so dass die Regierung unter Bezugnahme auf die Ilanzer Artikel von 1526 das Bistum 1824 unter weltl. Verwaltung stellte.

Autorin/Autor: Max Hilfiker

4.3.2 - Der Ausbau im neuen Bundesstaat 1848-1914

Die Schaffung des neuen Bundesstaats zog einschneidende Veränderungen nach sich. Die wichtigsten Einnahmequellen aus Zöllen und der Post entfielen, gleichzeitig mussten die Kantone neue Lasten für das Militärwesen übernehmen. Die steigenden Auswanderungszahlen - bis zu 500 Personen jährlich - machten die verbreitete Armut deutlich. Die vom Bund auferlegte Zwangseinbürgerung von rund 7'000 Heimatlosen um die Jahrhundertmitte verstärkte den Druck auf die Gem., für welche die Armengenössigen eine grosse finanzielle Belastung darstellten. Unter diesen Umständen sah sich die Regierung gezwungen, erstmals allgemeine kant. Steuern zu erheben. Den grössten Posten im Budget von 1856 stellte mit 40% der geplanten Ausgaben immer noch der Strassenbau dar. Mit Hilfe des Bundes wurden bis Ende des 19. Jh. im ganzen Kanton Verbindungsstrassen in die Täler gebaut. Viele Bauerndörfer, die weder vom Transit- noch vom Fremdenverkehr berührt wurden, wurden allerdings erst im 20. Jh. durch fahrbare Verbindungen an das kant. Strassennetz angeschlossen. Der Bau der Alpenbahnen über den Brenner (1867), durch den Mont-Cenis (1871) und durch den Gotthard (1882) führte zum Niedergang des Transitverkehrs über die Bündner Pässe. Fuhrleute und Postkutscher wurden arbeitslos, Schmiede, Wirte, Sattler und Wagner büssten an Umsatz ein, was einige Gebiete, die diese Ausfälle nicht durch Einnahmen aus dem Fremdenverkehr kompensieren konnten, in wirtschaftl. Krisen stürzte (Schams, Rheinwald). Im Kampf um eine Ostalpenbahn, die durch rivalisierende Projekte und polit. Intrigen zu Fall gebracht wurde, waren der Kantonsregierung weitgehend die Hände gebunden. Als jedoch die durch private Initiative entstandene Schmalspurbahn Landquart-Davos 1889 eröffnet wurde, übernahm der Kanton 1897 deren Aktien. Mit Bundeshilfe entstand in Rekordzeit ein Bahnnetz. Die Rhätische Bahn (RhB) entwickelte sich bis zum 1. Weltkrieg zu einem der grössten Arbeitgeber des Kantons.

Gestützt auf die Bundesverfassung wurde um die Jahrhundertmitte endlich auch die Rechtsvereinheitlichung in Angriff genommen und zwischen 1851 und 1861 ein neues Straf- sowie ein neues Zivilgesetzbuch mit den entsprechenden Prozessordnungen in Kraft gesetzt. Zur Förderung der Volkswirtschaft gründete die Regierung 1870 die Kantonalbank. Von 1845 an sorgte eine Forstkommission für eine nachhaltige Nutzung des Gebirgswaldes. Die zahlreichen Dorfbrände des 19. Jh. führten erst 1907 zur Einrichtung einer kant. Brandversicherung, die ab 1932 auch Elementarschäden abdeckte. Nach der Mitte des 19. Jh. entstanden mehrere Tal- und Regionalspitäler, die sich meist aus privaten Mitteln (Stiftungen, Spenden) finanzierten. Eine Schenkung ermöglichte 1892 die Eröffnung der kant. Irrenanstalt Waldhaus in Chur. Eine zweite Welle von Spitalgründungen setzte in der Zwischenkriegszeit ein.

Autorin/Autor: Max Hilfiker

4.3.3 - Das 20. Jahrhundert

Im 1. Weltkrieg waren die Behörden vorwiegend mit der Notstandsbekämpfung beschäftigt, da jegliche zivile Vorbereitung auf den Kriegsfall fehlte. Einkommenslose Fam. der Wehrmänner wurden auf die Armenunterstützung verwiesen, die Bekämpfung der Teuerung und die Versorgung erforderten diverse Massnahmen. Am Generalstreik im Nov. 1918 beteiligte sich v.a. das Bahnpersonal. In Chur war zwar die Stimmung gespannt, aber infolge des zurückhaltenden Vorgehens des Militärs kam es nicht zu Zusammenstössen. Allerdings hatte die Regierung den Streikführer Christian Albert Hitz kurzerhand einsperren lassen. Von ca. Herbst 1918 bis Frühling 1919 war der Kanton von einer Grippeepidemie betroffen, die über 870 Opfer forderte.

Die Bahnen erlitten im Krieg einen massiven Einbruch der Personen- und Güterfrequenz, der Finanzspritzen unausweichlich machte und zu einem Stellenabbau führte. Während des 2. Weltkriegs schlossen sich die letzten privaten Gesellschaften der Rhät. Bahn an. Schon 1914-18 wurde die Umstellung der Rhät. Bahn auf den elektr. Betrieb beschleunigt, womit sich das Problem der Wasserkraftnutzung aufdrängte. Die unerfahrene Geschäftspolitik der neu gegr. Bündner Kraftwerke endete aber für den Kanton 1923 in einer finanziellen Katastrophe und führte zum Ausverkauf der Wasserkraft an ausserkant. Gruppen. Erst nach dem 2. Weltkrieg gelang es G., dank seines Beteiligungsrechts Einfluss auf die Wassernutzungspolitik zu nehmen.

Als ebenso schwierig erwiesen sich die Anfänge des Automobils. Vom totalen Fahrverbot (1900) bis zur "teilweisen Zulassung des Automobils" (1925) musste das Volk zehnmal an die Urne bemüht werden. Seit 1957 hat jede Gem. oder Fraktion mit 35 Einwohnern (seit 1986 mit 30 Einwohnern) Anspruch auf einen Anschluss an eine Durchgangs- oder Verbindungsstrasse. Das Alpenstrassenprogramm des Bundes ermöglichte die erforderl. Anpassung des gesamten Strassennetzes, deren wichtigste Etappen die Eröffnung des Tunnels durch den San Bernardino (1967) sowie der Ausbau der A13 bildeten.

Das Rät. Kantons- und Regionalspital in Chur wurde 1941 eröffnet und bildet mit dem Kreuzspital (seit 1853) und dem Frauenspital Fontana (seit 1917) ein Spitalzentrum. Der stetige Ausbau im Gesundheitswesen führte ab den 1980er Jahren zu finanziellen Problemen. Der sozialen Wohlfahrt widmete der konservative Kanton lange nur wenig Aufmerksamkeit. Bis gegen Ende des 19. Jh. erschöpfte sich die fürsorger. Tätigkeit im Wesentlichen in der Führung der 1849 eingerichteten Armenkasse; 1920 wurde dann ein Fürsorgegesetz angenommen und die Stelle eines Trinkerfürsorgers eingerichtet. Erst die grossrätl. Verordnung von 1943 ermöglichte den Aufbau eines kant. Fürsorgeamtes und die Schaffung von Bezirksfürsorgestellen, der institutionelle Ausbau des Sozialstaats erfolgte während oder nach der konjunkturellen Blüte der Nachkriegszeit. Im kulturellen Bereich übernahm der Kanton in der 2. Hälfte des 20. Jh. die Verantwortung für bestehende Einrichtungen - er unterstützt das Stadttheater in Chur seit 1963 bzw. 1976 mit festen Beiträgen - und vergibt ausserdem Anerkennungs- und Förderpreise. Ein kant. Kulturförderungsgesetz wurde 1965 verabschiedet und 1997 revidiert.

Autorin/Autor: Max Hilfiker

4.4 - Der Auf- und Ausbau des Schulwesens

Die staatl. Organisation des Volksschulwesens und der Aufbau der Mittelschulen sowie der Lehrerbildung gehen auf die 1. Hälfte des 19. Jh. zurück. Die flächendeckende Durchsetzung der Schulpflicht, der Ausbau der staatl. Aufsicht und das finanzielle Engagement der Öffentlichkeit erfolgten aber erst in der 2. Jahrhunderthälfte.

Im Verlauf des 19. Jh. normierte der Kanton das Volksschulwesen (Schularten, Lehrmittel in allen Kantonssprachen) und professionalisierte die Lehrerbildung. Die Schulordnung für die Volksschule von 1846 sowie das Schulgesetz von 1853 waren die ersten Erfolge des 1838 geschaffenen Erziehungsrats. Der Staat übernahm das im 18. Jh. noch weitgehend private Bildungsangebot. Dabei konnten die Gem. ihre starke Position behaupten. Anlass zu Diskussionen gaben die konfessionelle Ausrichtung und die Sprachenfrage. Ein weiteres Merkmal des bündner. Schulwesens blieb bis in die jüngste Zeit infolge der starken Dezentralisation des Volksschulwesens der hohe Anteil von Gesamt- und Mehrklassenschulen. Für die Volksschuloberstufen, die zuerst Realschule, später Sekundarschule hiess, wurde 1907 eine erste kant. Regelung erlassen. 1929 erschien der erste Lehrplan für Sekundarschulen; eine Vereinheitlichung folgte aber erst in den 1940er Jahren. 1895 wurde die Bündner Frauenschule (bis 2002) gegründet, die neben Arbeits- und Hauswirtschaftslehrgängen ab 1947 auch eine Ausbildung für Kindergärtnerinnen anbot. 1895 öffnete die landwirtschaftl. Schule Plantahof in Landquart (heute Landwirtschaftl. Bildungs- und Beratungszentrum) ihre Tore, 1967 die interkant. Försterschule in Maienfeld (heute Bildungszentrum Wald).

1804 entstanden eine evang. und eine kath. Kantonsschule, die 1850 in Chur zu einer überkonfessionellen Anstalt zusammengelegt wurden. Ab 1820 bzw. 1832 bildeten sie auch Lehrer aus. Bis zum Ende des 19. Jh. entwickelten sich die Schultypen Gymnasium, Technikum, Handelsschule und Lehrerseminar. In zunehmendem Masse besuchten ab dem 20. Jh. auch Mädchen die Kantonsschule, 1943 machten sie 16,5% der Schülerschaft aus, 2004 59%.

Eine Besonderheit in G.s Schulwesen bilden die zahlreichen privaten Mittelschulen: In Schiers entstand 1837 die Evang. Lehranstalt (heute Evang. Mittelschule), die neben den Gymnasialabteilungen bis 2003 auch ein Lehrerseminar führte. Das heute noch bestehende Klostergymnasium in Disentis wurde 1880 ins Leben gerufen. In Davos (1878-1945, Neueröffnung 1946) und im Engadin (Zuoz 1904, Ftan 1913) wurden mit dem Aufschwung des Kurbetriebs und des Fremdenverkehrs weitere Mittelschulen gegründet, die zunächst v.a. interne Schülerinnen und Schüler aus dem In- und Ausland aufnahmen. Dazu kamen in Teilen des Kantons Progymnasien mit unterschiedl. Lebensdauer. Mit den Unterstützungsbeiträgen, die der Kanton seit 1963 für den Besuch privater, regionaler Mittelschulen durch einheim. Schülerinnen und Schüler ausrichtet, wurde eine Dezentralisierung des Mittelschulwesens eingeleitet. Ab den 1980er Jahren erweiterte der Kanton sein Angebot an Fachhochschulen und höheren Fachschulen (u.a. Hochschule für Technik und Wirtschaft, Academia Engiadina), ausserdem entstanden zahlreiche Institutionen der Erwachsenenbildung. An der Theol. Hochschule Chur, die sich aus dem seit 1807 in Chur angesiedelten Priesterseminar entwickelte, kann seit 1974 Theologie studiert werden. Die Lehrerausbildung für die Primarstufe und den Kindergarten erfolgt seit 2003 an der Pädagog. Fachhochschule Graubünden in Chur.

Autorin/Autor: Georg Jäger

5 - Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur im 19. und 20. Jahrhundert

5.1 - Bevölkerung und Siedlung

5.1.1 - Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum 2. Weltkrieg

G.s Bevölkerung vergrösserte sich zwischen 1850 und 1888 jährlich um 1,5o/oo von 89'895 auf 94'810 Personen. In der 1. Hälfte des 19. Jh. dürfte die Zuwachsrate etwas höher gelegen haben. Die langsame Abnahme der Geburtenrate (von 30 auf 25o/oo) und die im Vergleich zur übrigen Schweiz tiefere Sterblichkeit bewirkten einen hohen Geburtenüberschuss. Das Prinzip der Selbstversorgung, regional verschiedene, auf Realteilung basierende Erbrechte, das hohe Heiratsalter und der Zwang zur Endogamie blieben bis ins 20. Jh. Merkmale des agrarisch geprägten Kantons. Der Bevölkerungsüberschuss wurde mittels Auswanderung ausgeglichen. Kriegsdienste in der Fremde behielten bis zu den ital. Einigungskriegen 1859 ihre Bedeutung. Alternativen dazu boten die Schwabengängerei, die zwischen 1817 und 1850 durchschnittlich 710 Kinder und Jugendliche pro Jahr nach Süddeutschland führte, und andere Formen der gewerbl. Tätigkeit im Ausland. In der Regel beabsichtigten die Auswanderer eine spätere Rückkehr. Infolge der Franz. Revolution und der Ernährungsengpässe 1816-17 und 1848-50 fassten viele Bündner den Entschluss zur definitiven Emigration. Beliebtestes Auswanderungsland waren ab den 1850er Jahren und v.a. in den 1880er Jahren die USA, aber auch Russland, Südamerika und Australien wurden als Ziele gewählt.

Bevölkerungsentwicklung 1850-2000
JahrEinwohnerAusländer-anteilAnteil ProtestantenAnteil KatholikenAlterstruktur (Anteil >59)ZeitraumGesamt- zunahmeaGeburten- überschussaWanderungs- saldoa
185089 8952,4%57,7%42,3% 1850-18600,8o/oo-0,1o/oo0,9o/oo
186090 7133,2%57,3%42,7%9,2%1860-18701,4o/oo-0,2o/oo1,6o/oo
187092 103b4,1%56,5%43,4%10,4%1870-18803,4o/oo4,6o/oo-1,2o/oo
188093 864b6,7%56,0%43,9%11,2%1880-18881,3o/oo3,6o/oo-2,3o/oo
188894 8108,0%54,8%45,1%11,8%1888-19008,2o/oo4,3o/oo3,9o/oo
1900104 52014,3%52,8%47,0%11,1%1900-191011,4o/oo7,2o/oo4,2o/oo
1910117 06917,2%51,0%48,6%10,1%1910-19202,4o/oo6,8o/oo-4,4o/oo
1920119 85412,4%51,9%47,4%10,1%1920-19305,3o/oo7,0o/oo-1,7o/oo
1930126 34012,3%51,3%47,8%10,9%1930-19411,4o/oo5,9o/oo-4,5o/oo
1941128 2477,4%51,6%47,8%13,2%1941-19507,4o/oo10,0o/oo-2,6o/oo
1950137 1008,1%50,7%48,4%14,1%1950-19607,3o/oo8,3o/oo-1,0o/oo
1960147 45811,6%48,0%51,2%14,8%1960-19709,5o/oo9,2o/oo0,3o/oo
1970162 08614,9%45,9%52,9%16,1%1970-19801,6o/oo4,6o/oo-3,0o/oo
1980164 64112,1%45,2%51,0%18,2%1980-19905,5o/oo4,1o/oo1,4o/oo
1990173 89013,3%43,9%49,5%19,3%1990-20005,9o/oo3,0o/oo2,9o/oo
2000187 05815,1%40,8%46,6%20,5%    

a mittlere jährliche Zuwachsrate

b ortsanwesende Bevölkerung

Quellen:HistStat; eidg. Volkszählungen; BFS

Die Bekämpfung der Armut bzw. die Integration der sesshaften Nichtbündner und der nicht sesshaften Wandersippen und Einzelwanderer stellten bis nach 1850 die wichtigsten Probleme der öffentl. Hand dar. Mit der Schaffung eines gesamtschweiz. Bürgerrechts 1848 und der den Gem. auferlegten Pflicht, die Fremden und Vaganten einzubürgern, wurde eine zwar einheitliche, aber ungerechte Lösung getroffen; sie bevorzugte nämlich diejenigen - oft reicheren - Gem., welche solche Armen konsequent abgeschoben hatten. Die wirtschaftl. Strukturveränderungen, die zum Verlust der wirtschaftl. Funktion der Nichtsesshaften führten, beschleunigten deren Ausgrenzung und belasteten die betroffenen Bürgergemeinden über die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit.

Entlang der Passrouten nach Italien war der Warentransit neben der Landwirtschaft bis um die Jahrhundertmitte die wichtigste Erwerbsquelle. Dessen Zusammenbruch als Folge des Baus der grossen Alpenbahnen, das Ende der fremden Kriegsdienste und Strukturveränderungen in der Landwirtschaft leiteten eine Abwanderungsbewegung ein, die anfänglich v.a. Mittelbünden, später alle peripheren Gebiete betraf. Der Anteil der in der Landwirtschaft Tätigen sank von 69% 1860 auf 46% 1910. Die traditionellen Wanderziele in Europa und Übersee verloren nun an Bedeutung, während das schweiz. Mittelland zunehmend an Attraktivität gewann.

Zwischen 1900 und 1910 wuchs die Bevölkerung jährlich um 11,4o/oo auf 117'069 Einwohner. Kinder- wie Erwachsenensterblichkeit gingen nach 1895 infolge der besseren medizin. Versorgung rasch zurück. Der Geburtenüberschuss stieg 1901-10 auf 7,2o/oo jährlich an. Beinahe ebenso bedeutend war die Zuwanderung. Chur baute seine Stellung als regionales Verwaltungszentrum aus, die Industrialisierung gelang hingegen kaum. Der Bau der Infrastruktur für die tourist. Zentren sowie des Strassen- und Eisenbahnnetzes machte aus dem traditionellen Auswanderungs- ein Einwanderungsland. Binnen- und Einwanderungsströme in die Fremdenverkehrszentren bzw. zu den grossen Bauplätzen veränderten zeitweise das Gesicht ganzer Regionen. Der Hauptort Chur (1850 6'183 Einw.; 1900 11'532) und Regionalzentren wie Davos (1850 1'680 Einw.; 1900 8'089) wuchsen rasch und nachhaltig. Die Anteile der zugewanderten Schweizer und der Ausländer an der Wohnbevölkerung nahmen stetig zu; letzterer lag 1910 im gesamten Kanton bei 17%, in den Bez. Oberlandquart und Maloja gar bei 32-35%. Im selben Jahr waren 27% der Erwerbstätigen im 3. Sektor (1860 9,5%) und 26% im 2. Sektor tätig. Die peripheren Gebiete wurden allerdings von der Einwanderung und der verbesserten Gesundheitsversorgung kaum erfasst.

Der 1. Weltkrieg leitete eine Phase der verlangsamten Bevölkerungsentwicklung ein, die - unterbrochen von einer Erholung in den 1920er Jahren - bis 1941 anhielt. Das Wachstum war Folge des Geburtenüberschusses, während die Wanderungsbilanz negativ blieb. Dennoch wurden auch in den peripheren Regionen die traditionellen Strukturen aufgeweicht. Das Heiratsalter sank, weil die Möglichkeit einer Beschäftigung ausserhalb der Landwirtschaft auch die Vermählung ohne Hofübernahme gestattete. Der Zeitpunkt der Heirat und das Fortpflanzungsverhalten glichen sich jenen der Bevölkerung in der übrigen Schweiz an. Die Wirtschaftskrise und der Beginn des 2. Weltkriegs dämpften die Heiratslust, erst 1941-50 stieg die Zahl der Eheschliessungen gegenüber dem Jahrzehnt zuvor wieder an. Die Scheidungsrate nahm zwischen 1870 und 1950 um das Zweieinhalbfache zu. Der 1. Weltkrieg und eine restriktivere Politik führten zum Abbau des Ausländeranteils - meist handelte es sich um temporär ansässige Gastarbeiter -, der sich infolge der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren fortsetzte. Die Agrargebiete waren 1920-30 von einer Abwanderung betroffen. Während der Weltwirtschaftskrise verzögerte sich diese, und in einigen Bezirken setzte eine Rückwanderungsbewegung aus dem schweiz. Mittelland ein.

Autorin/Autor: Peter Bollier

5.1.2 - Die Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg

In den Jahren 1941-2000 stieg die Einwohnerzahl um 46% auf 187'058 Personen. Eine erste Phase bis 1970 brachte Zuwachsraten von jährlich 7,2o/oo. Die in allen Bez. rasch zunehmende Geburtenrate und die langsam sinkende Sterberate führten zu steigenden Geburtenüberschüssen. Die mittlere Lebenserwartung kletterte von 67,7 (Männer) bzw. 72,6 Jahren (Frauen) 1950 auf 76,6 bzw. 82,4 Jahre 1999. Die Wanderungsbilanz blieb vorerst negativ, dennoch verschob sich der Ausländeranteil von 8,1% 1950 auf 14,9% 1970 und 15,2% 2001. Der beträchtl. Zuwanderung von Ausländern stand die zahlenmässig noch stärker ins Gewicht fallende Abwanderung von Bündnern gegenüber. Wie im 19. Jh. erfolgte häufig eine Rückwanderung von Pensionierten in ihre Herkunftsdörfer. 1970-80 verlangsamte sich das Bevölkerungswachstum vorübergehend. Die veränderten Einstellungen gegenüber Ehe, Fam., Sexualität und der Wandel der Geschlechterverhältnisse zeigten sich ab der Mitte der 1960er Jahre in einem Rückgang der Geburtenrate ("Pillenknick"). Diese Entwicklung setzte in den versch. Kantonsteilen nicht parallel, sondern zeitverschoben ein; die städt. Zentren bzw. Gem. entlang den Verkehrsachsen wurden früher von ihr erfasst als die peripheren Agrargebiete. Diese Unterschiede waren teilweise auch durch die konfessionellen Bindungen bedingt. Für den beschleunigten Bevölkerungszuwachs in letzten beiden Jahrzehnten des 20. Jh. (jährlich durchschnittlich 6,8o/oo) war die erstmals seit 1910 wieder deutlich positive Wanderungsbilanz verantwortlich. Obwohl sich die Bevölkerungszunahme G.s nach 1950 dem schweiz. Mittel langsam annäherte, büssten die peripheren Gebiete zum Teil massiv an Bevölkerung ein. Der Anteil der in der Landwirtschaft Tätigen reduzierte sich 1941-2000 von 38,4% auf 5,7%. Hoch gelegene Gebiete entvölkerten sich, viele Bergsiedlungen wurden aufgegeben. Dieses Fortschreiten des Wüstungsprozesses und die Konzentration der Siedlungen im Talgrund bilden seit der frühen Neuzeit Konstanten der bündner. Bevölkerungsgeschichte.

Autorin/Autor: Peter Bollier

5.2 - Wirtschaftliche Entwicklung

Ein zentrales Merkmal der neueren Bündner Wirtschaftsgeschichte ist der direkte Übergang von der Vorherrschaft des 1. zu derjenigen des 3. Sektors. Der Transitverkehr wurde Ende des 19. Jh. vom Fremdenverkehr abgelöst, der sich zum Motor der Bündner Volkswirtschaft entwickelte. Der 2. Sektor blieb relativ schwach ausgeprägt. Zwar stieg der Anteil der in ihm beschäftigten Erwerbspersonen von 1941 bis 1960 von 24% auf 38% an; nach diesem Zwischenhoch sank er dann aber wieder rasch und lag 1990 bei nur mehr 27%. Nach 1960 erfolgte der Aufschwung G.s als Tourismuskanton und damit die Tertiarisierung der Gesellschaft. 2000 waren 71% der Berufstätigen im 3. Sektor tätig.

Von dieser Entwicklung profitierten nicht alle Regionen im gleichen Mass. Dynam. Tourismusorten sowie Dienstleistungszentren (v.a. Chur) standen lange agrarisch geprägte Regionen mit starker Abwanderung gegenüber. Hauptsächlich aufgrund der tourist. Entwicklung und des Kraftwerkbaus konnte G. nach dem 2. Weltkrieg langsam von einem finanzschwachen zu einem finanziell mittelstarken Kanton aufsteigen.

Erwerbsstruktura
Jahr1. Sektor2. Sektor3. SektorbTotal
186024 69362,2%7 75119,5%7 24118,3%39 685
1870c29 24169,2%8 31319,7%4 72111,1%42 275
1880c28 37263,6%9 73121,8%6 51314,6%44 616
188825 45857,0%8 70019,5%10 48523,5%44 643
190026 17650,6%13 42225,9%12 15023,5%51 748
191027 70644,5%15 80325,4%18 77930,1%62 288
192028 36647,4%13 40322,4%18 12230,2%59 891
193020 99335,4%15 50026,1%22 88638,5%59 379
194121 63838,4%14 38125,5%20 28936,1%56 308
195016 98129,4%17 63130,6%23 05540,0%57 667
196013 08820,2%25 74239,8%25 82740,0%64 657
197010 72814,1%27 97336,7%37 44149,2%76 142
19808 14710,2%24 89931,4%46 35558,4%79 401
19905 2676,0%23 15826,3%59 75667,7%88 181
2000d4 8044,8%19 47019,6%74 96975,6%99 243

a bis 1960 ohne Teilzeitangestellte

b Residualgrösse einschliesslich "unbekannt"

c ortsanwesende Bevölkerung

d Die Beschäftigtenzahlen der Volkszählung 2000 sind wegen der grossen Zahl "ohne Angabe" (15 082) nur begrenzt mit den vorhergehenden Daten vergleichbar.

Quellen:HistStat; eidg. Volkszählungen

5.2.1 - Land- und Forstwirtschaft

Land- und Forstwirtschaft stellten bis 1920 bezüglich der Anzahl der Beschäftigten die wichtigsten Bündner Erwerbszweige dar. Neue Einnahmen im Nebenerwerb bot der Tourismus. Vom Beginn des 20. Jh. an ersetzte das Pferd oft den Ochsen und das Rind als Zugtier, bis es infolge der Motorisierung und Mechanisierung nach dem 2. Weltkrieg von Maschinen abgelöst wurde. Wegen billiger Getreideimporte verlor der Ackerbau (v.a. Roggen, Gerste) ab der 2. Hälfte des 19. Jh. an Bedeutung und die Ackerflächen verringerten sich. Ausweichmöglichkeiten boten in einzelnen Regionen der Rebbau (Churer Rheintal, Misox, Puschlav), der Obstbau (Churer Rheintal, Domleschg, vorderes Prättigau) und die Kastanienkultur (Misox, Bergell, Puschlav). Die Graswirtschaft konzentrierte sich im 20. Jh. auf die guten bzw. tieferen Lagen; vermehrte Düngung ersetzte oft die Bewässerung.

In nord- und hochalpinen Tälern lag der Schwerpunkt seit jeher auf der Viehwirtschaft. Wegen der besseren Marktbedingungen überholte diese ab dem 19. Jh. auch in den übrigen Gebieten den Ackerbau allmählich. Der Bestand an Schafen und Ziegen nahm ab. Beim Rindvieh erfolgte eine Spezialisierung auf die Nachzucht. In der Umgebung von Chur und in Tourismusgebieten mit Bedarf an Frischmilch blieb der Kuhbestand höher. Weidegebiet oberhalb der Waldgrenze wurde durch Alpwirtschaft extensiv genutzt. Der produzierte Magerkäse war für den Eigenbedarf bestimmt, etwas Fettkäse und Butter für den Verkauf. Ab Mitte des 19. Jh. kamen Talkäsereien auf. Schafherden aus Italien blieben nach der Jahrhundertwende wegen der Seuchengefahr aus. Die ab dem Ende des 19. Jh. erfolgte Alpmodernisierung förderte Gemeinschaftssennereien, die zentralisierte Bewirtschaftung und den Bau neuer Gebäude und Fahrwege.

Auch wenn Getreideimporte die Autarkiewirtschaft seit jeher durchbrochen hatten, so war die Subsistenzökonomie um 1800 wahrscheinlich noch vorherrschend. Der grösste Teil der Einnahmen stammte aus dem Viehverkauf, der in der 1. Hälfte des 19. Jh. noch auf Tessiner und italienischen, danach v.a. auf kant. und ostschweiz. Märkten getätigt wurde. Noch im frühen 19. Jh. war der Tauschhandel weit verbreitet (etwa Getreide gegen Obst). In der Viehwirtschaft lösten Preiszerfälle eigentl. Agrarkrisen aus, so in der 2. Hälfte des 19. Jh. und v.a. in der Zwischenkriegszeit, in der sich viele Betriebe stark verschuldeten. Die Abschaffung der sog. Gemeinatzung scheiterte v.a. am Widerstand der Schmalviehbesitzer. Die Kantonsverfassung von 1880 postulierte ausdrücklich die Förderung der Landwirtschaft, so durch die Prämierungen von Rindvieh und Meliorationen. Genossenschaften für Zucht, Produktion, Konsum und Finanzierung ergänzten ab der 2. Hälfte des 19. Jh. die traditionellen bäuerl. Selbsthilfeorganisationen.

Nach 1950 büsste die Landwirtschaft rasch weiter an Bedeutung ein. Der Einkommensrückstand der Bergbauern nahm stetig zu, weshalb v.a. viele kleinere Betriebe (bis zu 10 ha) aufgegeben wurden und die bäuerl. Bevölkerung zurückging. Nur grössere und zentralisierte Höfe, die auch eher von den Vorteilen der Mechanisierung profitierten, überlebten (die durchschnittl. Fläche stieg von 4,76 ha 1939 auf 12,08 ha 1990). Mit dieser Betriebskonzentration ging ein Trend zum bäuerl. Nebenerwerbsbetrieb einher. Eidg. Unterstützungsmassnahmen setzten in den 1920er Jahren ein und wurden ab den 50er Jahren ausgeweitet; v.a. das Investitionshilfegesetz von 1974 hatte grosses Gewicht. Die staatl. Zuschüsse und die Rationalisierungsbemühungen der Bauern selbst konnten die Krise und den Schwund der Berglandwirtschaft nur verzögern, aber nicht aufhalten. Seit den 1990er Jahren bewirtschaften viele Bündner Landwirte (1997 über 30%) ihre Höfe nach Richtlinien der Vereinigung biolog. Landbauorganisationen. G. steht nicht zuletzt deshalb an der Spitze dieser Entwicklung, weil sich die Berglandschaft ohnehin nie für eine industrielle Agrarproduktion eignete.

In der 1. Hälfte des 19. Jh. wurden die Bündner Wälder durch Holzschlag und durchziehende Herden übernutzt; die Waldfläche schrumpfte, was u.a. Naturkatastrophen auslöste. Das Kantonsforstinspektorat und die Kreisförster - ersteres Amt wurde mit der Waldverordnung von 1836 eingerichtet, Letztere wurden anlässlich der Reorganisation des Forstwesens 1851 eingesetzt - standen oft im Konflikt mit den Gem., denen der Wald bedeutende Einkünfte verschaffte. Die Waldarbeit, die lange nur wenige ganzjährig tätige Arbeiter beschäftigte, bot zahlreichen Bauern einen Nebenverdienst. Im 20. Jh. dehnte sich die Waldfläche dank nachhaltiger Nutzung, Aufforstungen und geschultem Personal trotz einer Steigerung des Hiebsatzes wieder aus. Dabei dürfte auch eine Rolle gespielt haben, dass die Waldbewirtschaftung gegen Ende des 20. Jh. ihre Kosten nicht mehr deckte und der Wald damit keine wichtige Einnahmequelle mehr für die Gem. darstellte.

Autorin/Autor: Jürg Simonett

5.2.2 - Gewerbe und Industrie

Von der Aufhebung der Churer Zünfte 1840 gingen keine Impulse für eine Industrialisierung aus. Das Fehlen von Konsumzentren im Kanton, die abgeschiedene Lage vieler Orte und Talschaften, die grossen Distanzen zu den Absatzzentren des Mittellandes bzw. die aus diesen resultierenden hohen Transportkosten wirkten sich hindernd aus. Die kant. Politik bemühte sich überdies mehr um die Ostalpenbahn (Normalspur der Vereinigten Schweizerbahnen 1858 nur bis Chur) und den Tourismus. Aus diesen Gründen entstanden nur wenige industrielle Unternehmungen in G., überwiegend Klein- und Mittelbetriebe, die sich auf das Churer Rheintal und einige andere Regionalzentren konzentrierten. Der einzige Grossbetrieb blieb die 1936 in Domat/Ems gegr. Holzverzuckerung (Ems-Chemie). Das Gewerbe produzierte v.a. für lokale und regionale Bedürfnisse und unterlag den Schwankungen des Dienstleistungssektors, insbesondere des Tourismus. Von der Errichtung einer tourist. Infrastruktur profitierte ab der 2. Hälfte des 19. Jh. die Bauwirtschaft, die viele ital. Arbeitskräfte beschäftigte.

Die Erstellung der Wasserkraftwerke begann 1878, erfuhr um die Jahrhundertwende einen ersten Aufschwung und erlebte nach dem 2. Weltkrieg ihre Blütezeit. Die Spitzenleistung aller Kraftwerke des Kantons wurde von 185 Megawatt 1945 auf 2'539 Megawatt 1994 gesteigert, G. hinter dem Wallis der grösste Produzent hydroelektr. Energie. Kanton und Gem. profitierten finanziell wie infrastrukturell erheblich vom Ausbau der Wasserkraft, obwohl ein fertig gestelltes Kraftwerk nur relativ wenig Arbeitsplätze bietet. Ab dem ausgehenden 20. Jh. stiessen v.a. Grossprojekte auf erhebl. Widerstand seitens des Landschaftsschutzes (Greina, Val Madris, Curciusa).

Autorin/Autor: Jürg Simonett

5.2.3 - Tourismus

Vom Ende des 18. Jh. an führte das Interesse an der alpinen Landschaft Reisende nach G. Die eigentl. Gründerjahre des Fremdenverkehrs setzten aber erst nach 1850 ein. Sie zeichneten sich durch den Ausbau der Beherbergungs- und Transportkapazitäten aus, wobei Pioniere wie Alexander Spengler in Davos (1853) oder Johannes Badrutt in St. Moritz (1855) die lokale Entwicklung entscheidend vorantrieben. Manche Orte spezialisierten sich auf Kur-, andere auf Sporttourismus; Tuberkulosebehandlung kannten v.a. Davos und Arosa, Alpinismus etwa Pontresina. Die Finanzierung erfolgte z.T. mit einheim. Geld, z.T. aber auch mit schweiz. oder internat. Kapital. Neue Strassenverbindungen - etwa Landquart-Davos (1842-60) und Reichenau-Disentis (1840-58) - wurden angelegt und Hotels gebaut, welche die Bedürfnisse einer reichen, lange verweilenden Kundschaft erfüllten. Später entstanden Eisenbahnlinien nach Davos (1889), ins Engadin (St. Moritz 1904, Scuol 1913), ins Misox (1907), ins Puschlav (1910), in die Surselva (1912) und nach Arosa (1914).

Der Aufschwung des Tourismus prägte ab den 1880er Jahren die Bündner Volkswirtschaft nachhaltig, obwohl der Fremdenverkehr nicht das ganze Kantonsgebiet erfasste. In dieser Wachstumsphase veränderten sich nicht nur die Dorfbilder der Fremdenverkehrsorte - in Arosa, Flims und im Oberengadin entstanden riesige Hotelkomplexe -, sondern auch die Kräfteverhältnisse zwischen den Gem. verschoben sich zugunsten der Tourismuszentren. Da viele Arbeitskräfte aus agrarisch geprägten Tälern, die wirtschaftlich und demografisch vom Boom direkt nur wenig profitierten, in der Hotellerie (1905: 7'999) ihr Auskommen fanden, setzte sich während der Belle Epoque der Konsens durch, dass es zum Tourismus keine wirtschaftl. Alternative gäbe. Dementsprechend richteten sich auch die Landwirtschaft, der Handel und das Gewerbe zunehmend auf den Fremdenverkehr aus, und dessen Führungsrolle wurde kaum mehr bestritten.

In dem Mass, in dem sich der Tourismus in G. durchsetzte, wurde die kant. Volkswirtschaft aber auch von der europ. Konjunktur abhängig. Spürbar wurde dies während des 1. Weltkriegs, in dem der Tourismus einen ersten Einbruch erlebte. In der Zwischenkriegszeit erholte er sich kaum, nur jeweils in der 2. Hälfte der 1920er und 30er Jahre waren die Besucherfrequenzen etwas besser. Viele Hotels gingen faktisch von Gründerfamilien an die Banken über. Im Bez. Maloja verlor zwischen 1929 und 1939 ein Viertel der Beschäftigten ihre Arbeit, und auch die Umsätze sämtlicher nachgelagerter Gewerbe gingen erheblich zurück. Auch während des 2. Weltkriegs nahm die Zahl der ausländ. Besucher ab; dieser Rückgang konnte allerdings durch schweiz. Gäste und durch die Belegung von Hotels durch Internierte teilweise kompensiert werden. In der Zwischenkriegszeit sind auch einige Innovationen zu verzeichnen: Lokale Transportanlagen erschlossen die Landschaft zuerst für den Sommertourismus, später setzten sie v.a. mit Skiliften - erstmals 1934 in Davos - mehrheitlich auf den Winter.

Nach dem 2. Weltkrieg bildete sich in vielen Bündner Orten eine tourist. Monokultur heraus, von der Gewerbe und Landwirtschaft abhängig waren. Der sog. Massentourismus setzte etwa ab 1950 ein. Bald übertraf die Anzahl Betten der Parahotellerie jene in Hotels und Pensionen; der hohe Bestand an Ferienhäusern und -wohnungen liess nur temporär bewohnte Agglomerationssiedlungen entstehen. Um 1960 überflügelte der Winter- den Sommertourismus. Nach und nach übernahmen ausländ. Arbeitskräfte die Ganzjahres- und v.a. die Saisonstellen. In einer weiteren Ausbauphase wurden die Transportanlagen massiv erweitert (z.B. in Laax und Savognin). Mit der Einführung des sog. Stockwerkeigentums 1965 waren die gesetzl. Bedingungen für den Bau von Appartementhäusern mit Eigentumswohnungen erfüllt. Der folgende Bauboom und die Zersiedlung des Landes durch Zweitwohnungen wurde später durch die Verkleinerung der Bauzonen und die Einschränkung des Verkaufs von Bauland an Ausländer leicht gebremst.

Die Übernachtungszahlen stagnierten ab den 1980er Jahren. Zahlreiche Gem. setzten in den letzten Jahrzehnten auf den sanften Tourismus; der Kanton fördert v.a. jene Formen des Fremdenverkehrs, die eine hohe Wettbewerbsfähigkeit aufweisen, sowie die international konkurrenzfähigen Orte. Schon in der 1. Hälfte des 20. Jh. hatte der Tourismus in guten Jahren 30 bis 40% des bündner. Volkseinkommens generiert; in der 2. Jahrhunderhälfte stieg dieser Anteil auf rund 50% an.

Autorin/Autor: Jürg Simonett

5.3 - Gesellschaftlicher Wandel

1870 waren zwei Drittel der Bündnerinnen und Bündner in der Land- und Forstwirtschaft beschäftigt, 2000 eine noch stärkere Mehrheit im Dienstleistungsbereich. Entsprechend bestimmten bis über die Mitte des 19. Jh. hinaus bäuerl. Normen und Werte das öffentl. und private Leben, während es in der Folge zunehmend jene der Dienstleistungsgesellschaft waren. Zur Industriegesellschaft hatte G. dagegen stets nur indirekten Bezug, als Lieferant von Wasserkraft und der alpinen Ferienlandschaft. Die meisten Ausseneinflüsse, welche die Bündner Gesellschaft des 19. und 20. Jh. veränderten, sind dieser spezifischen wirtschaftl. Situation zuzuschreiben.

Eine starke Arbeiterbewegung kam auf kant. Ebene infolge des niedrigen Industrialisierungsgrades nie zustande. Sie erreichte nur lokal Gewicht, so in Chur, Landquart und Davos, meist mit den entsprechenden Arbeiterkulturvereinen. Stützen der Gewerkschaften waren vor dem 1. Weltkrieg v.a. dt. Handwerksgesellen sowie ital. Bauarbeiter. Der Kampf für bessere Arbeitsbedingungen fand vor 1914 in zahlreichen Auseinandersetzungen Niederschlag. Von den Schweizern waren die Bahnarbeiter der SBB und der Rhät. Bahnen stark organisiert.

Ein vielfach besungenes Idealbild der Bündner Gesellschaft war bis weit ins 20. Jh. "Il pur suveran" (Gion Antoni Huonder), der unabhängige Bauer mit vollem Bürgerrecht und eigenem Grund und Boden. Tatsächlich hatte jedoch nie eine geschlossene bäuerl. Gesellschaft bestanden, insbesondere nicht in Transitregionen und Gebieten mit starkem Handwerk. Die Emigration und die Marktabhängigkeit hoch gelegener Viehzuchtregionen schufen zusätzl. Aussenkontakte. Den Hauptanstoss zur bedeutend grösseren räuml. und sozialen Mobilität gab nach der Mitte des 19. Jh. der Tourismus. Die Begeisterung für die vermeintlich heile Alpenwelt führte zahlreiche meist bürgerliche, später vermehrt mittelständ. Gäste aus dem industrialisierten Europa und aus Übersee nach G. Saisonale und ganzjährige Angestellte, Hoteliers, Investoren und Gäste aus dem Kanton, der übrigen Schweiz und dem Ausland schufen neu zusammengesetzte, personell instabile lokale Gesellschaften. Bisher v.a. agrarisch geprägte Dörfer und Täler erlebten eine Öffnung, womit steigende Einwohnerzahlen, ein Wandel der Sozialstruktur und veränderte Alltagserfahrungen und Denkmuster einhergingen. Zwischen den zwei Welten bewegten sich zahlreiche Frauen und Männer, die während der Saisons in den Hotels arbeiteten und dazwischen zu Hause den Bauernbetrieb besorgten.

Vom Aufkommen des Massentourismus nach 1950 wurden weitere Dörfer erfasst. Die Arbeitskräfte kamen nun vermehrt aus dem Ausland, während die nicht in der einheim. Landwirtschaft beschäftigte Bevölkerung lohnendere Arbeitsstellen im Baugewerbe und in den Dienstleistungs- und Verwaltungszentren (v.a. Chur) fand, wo manche traditionelle, kulturelle, konfessionelle und sprachl. Bindung allmählich verschwand. Nur wenn der neue Arbeitsplatz innert vernünftiger Zeit erreichbar war, blieben die Menschen gegebenenfalls als Wegpendler im Heimatdorf wohnen. Die Bevölkerungsabnahme und der Abbau der Infrastruktur (Schule, Läden, Gaststätten, Vereine) gefährdeten die Funktionsfähigkeit der Dorfgemeinschaften in abgelegenen Orten. Motorisierung, Ausbau der Strassen und sinkende Lebensqualität in den Zentren führten ab den 1970er Jahren zu einer Gegenbewegung, v.a. in der Agglomeration des Churer Rheintals; "Arbeiten in der Stadt, Wohnen auf dem Land" lautete jetzt die Maxime. 1950 war nur jede fünfzehnte Bündner Erwerbsperson Pendler, 1980 bereits jede fünfte.

In Bezug auf das Steueraufkommen, die volkswirtschaftl. Bedeutung und die Bevölkerungszahl vergrösserte sich bereits im 19. Jh. der Abstand zwischen den landwirtschaftlich ausgerichteten Tälern einerseits und den tourist. Regionen sowie der Schul- und Verwaltungsstadt Chur anderseits. Modernisierungsanstösse kamen vorwiegend aus den Fremdenverkehrsregionen, die mit gestärktem Selbstbewusstsein und einem grösseren Organisationsgrad auftraten, etwa wenn sie mit der Stadt Chur für die Zulassung des Autos warben. Für die einheim. Bauern, die wirtschaftlich vom Fremdenverkehr abhängig waren, ergab sich eine zwiespältige Situation. Während die Touristen die unberührte, hochalpine Welt schätzten, die von einer urbanen Infrastruktur ergänzt wurde, stand für die Landwirtschaft der Ertrag der Wiesen und Weiden im Zentrum. Den Wechsel zu einer Sichtweise, welche die Ziele des Fremdenverkehrs in den Vordergrund rückte, machten die meisten Einheimischen mit, wenn auch nicht überall gleich schnell und gleich stark. Die Vertreter der landwirtschaftl. und der tourist. Interessen in Verbänden und Parteien intervenierten v.a. dann erfolgreich, wenn die Landschaft - für alle die ökonom. Grundlage - bedroht war, so bei der geplanten Überflutung der Silserebene im Engadin nach 1900 oder bei der Unterwassersetzung des Rheinwalds während des 2. Weltkriegs. Bestrebungen für Kultur- und Landschaftsschutz wurzelten oftmals in einer konservativen Modernisierungsfeindlichkeit und in den Überzeugungen des urbanisierten einheim. Bildungsbürgertums. Stark präsent im öffentl. Diskurs blieb stets das Thema Verkehr. Während zuerst die Ostalpenbahn bzw. der Verzicht auf deren Realisierung und die daraus resultierende Benachteiligung G.s als "Land dahinten" Anlass zur Klage gaben, standen später die Erschliessung der abgelegenen Orte für den motorisierten Privatverkehr und schliesslich auch die durch diesen bedingten Umweltprobleme zur Diskussion.

Autorin/Autor: Jürg Simonett

5.4 - Kirche, Kultur und Sprache

5.4.1 - Die Entwicklung der Landeskirchen und ihr Verhältnis zum Staat

Ein Merkmal der Entwicklung der Kirchen in G. ist die starke Stellung der ref. Kirchgemeinden. Die bisher letzte Verfassung der Evang.-ref. Landeskirche wurde 1978 angenommen, die jüngste Revision der Kath. Landeskirche Graubünden datiert von 1993. Die Interessen der beiden Landeskirchen G.s wurden im 19. und 20. Jh. vom Evang. Gr. Rat und dem Corpus Catholicum vertreten, die als Kirchenparlamente im 19. Jh. auch ein polit. Mandat der Interessenvertretung und Aufsicht erhielten. Die beiden Räte sind damit auch Organe der kirchl. Autonomie im demokrat. Staat.

Diese Entwicklung war eine Konsequenz aus zahlreichen, seit dem Beginn des 19. Jh. geführten Auseinandersetzungen zwischen der kath. Kirche und dem Staat. In den Verfassungen von 1814/20 und 1854 schrieb die sog. Paritätsklausel vor, dass alle kant. Behörden zu zwei Dritteln mit Reformierten und einem Drittel mit Katholiken besetzt werden sollen. Bei der Wahl der Ständeräte und der Erziehungskommission kam der konfessionelle Minderheitenschutz zur Anwendung. Nach der Revision der Bundesverfassung von 1874, die durch die Gewährung der Glaubensfreiheit dem Staat eine strikte Konfessionsneutralität auferlegte, war kein Raum mehr für nach Konfessionen bestellte Kantonsorgane; die Paritätsklausel musste fallen gelassen werden. Wegen Unklarheiten blieben die konkreten Aufsichtsbefugnisse der staatl. Behörden noch lange Zeit umstritten. Dies gilt auch für die Mitwirkungsrechte bei Bischofswahlen.

Nach der Vernichtung des kath. Liberalismus in den 1880er Jahren richtete sich der kath. Widerstand v.a. gegen die kant. Schulpolitik. Von Beginn des 20. Jh. bis gegen Ende der 1940er Jahre kam es zu einem verspäteten Kulturkampf um die Frage der konfessionellen Schulen und des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat. Die Auseinandersetzung verlief nun auf der Ebene der Parteipolitik v.a. zwischen den Katholisch-Konservativen und den Demokraten. Eine allmähl. Entkrampfung des Verhältnisses erfolgte zunächst nach dem 2. Weltkrieg. Nach dem 2. Vatikan. Konzil (1962-65) ergaben sich dann wieder durch die vermehrte Mitwirkung der Laien und der Frauen innerkirchl. Veränderungen und Diskussionen, die besonders nach der Ernennung von Bf. Wolfgang Haas 1990 zu einem heftigen Konflikt in der Diözese führten.

Das Verhältnis zwischen ref. Kirche und Staat blieb weitgehend ungetrübt. In der evang. Kirche dominierten zunächst die traditionellen Auseinandersetzungen um die Sonntagsheiligung und die Gottesdienstgestaltung. Die Basis manifestierte zunehmend ihren Willen, selber Verantwortung für die Mitgestaltung der Kirche zu übernehmen. In den 1930er und 40er Jahren beteiligte sich die evang. Kirche mit Aufrufen und Stellungnahmen an den konfessionellen Auseinandersetzungen. Gleichzeitig fanden auch innerkirchl. Diskussionen und Abstimmungen um die Zulassung von Frauen zum Pfarramt (seit 1927) statt. Erst 1965 wurde der Zugang für Frauen zum Pfarramt rechtlich gestattet. Ab den 1970er Jahren führen beide Landeskirchen auch Diskussionen mit einer zunehmend grösser werdenden freikirchl. Bewegung. Dies begünstigte nach dem 2. Vatikanum zwischenzeitlich ökumen. Bestrebungen (z.B. die 1974 entstandene Interkonfessionelle Gesprächskommission).

Autorin/Autor: Georg Jäger

5.4.2 - Kultur

G. galt im 19. und zu Beginn des 20. Jh. als Kanton mit wenig Kunstsinn, zumindest suchten viele künstler. Talente ihr Glück in der Fremde. Berühmteste Emigranten waren die Mitglieder der Bergeller Fam. Giacometti. Mit dem Aufschwung des Fremdenverkehrs zogen aber auch bedeutende europ. Künstler dauernd oder vorübergehend nach G., so Giovanni Segantini oder Ernst Ludwig Kirchner. Ende des 19. Jh. erlebte die professionelle Fotografie einen Aufschwung. 1900 erfolgte die Gründung des Bündner Kunstvereins, der kontinuierlich Ausstellungen veranstaltete, bis 1919 das Bündner Kunstmuseum in Chur diese Aufgabe übernahm. Das Museum betreut die Bündner Kunstsammlung, deren Anfänge auf das späte 19. Jh. zurückgehen, besitzt aber auch Werke zeitgenöss. Bündner Kunstschaffender (z.B. Not Vital, Matias Spescha). Das Segantini-Museum in St. Moritz öffnete 1908 seine Tore, das Kirchner-Museum in Davos 1982.

Zu den kulturellen Werken zählt man heute auch die in der 1. Hälfte des 19. Jh. entstandenen Kunststrassen über die Alpenpässe und die vor dem 1. Weltkrieg errichteten Bauten der Rhät. Bahn. Persönlichkeiten wie Richard La Nicca wirkten wegweisend für die Entwicklung der Ingenieurskunst im 19. Jh. Die ersten Hotelbauten aus der Zeit der Belle Epoque wurden noch von auswärtigen Architekten entworfen. Vor dem 1. Weltkrieg entstand dann ein eigenständiger Bündner Heimatstil, den Architekten wie Nicolaus Hartmann, Gaudenz Issler, Martin Risch und Otto Schäfer vertraten. In den Südtälern wirkte der Italiener Giovanni Sottovia und später in Davos der Berner Rudolf Gaberel als Exponent des Neuen Bauens. Nach dem 2. Weltkrieg bildete sich in der Bündner Architektur ein moderner Regionalismus aus, etwa bei Rudolf Olgiati. Internat. Beachtung erlangten ab den 1980er Jahren die Bauten von Peter Zumthor, die sich durch ihre einfache, moderne Formensprache und die Verwendung einheim. Materialien auszeichnen.

Das Auftreten von professionellen Wandertruppen ist in Chur ab der Mitte des 18. Jh. belegt; die ersten Bündner Theatergruppen wurden im 19. Jh. gegründet. Bis zum Beginn der 1950er Jahre wuchs die Zahl von Laiengruppen in allen drei Sprachregionen stark an. Vereinzelt verbanden diese schon früh künstler. Ehrgeiz mit dem traditionellen Anspruch auf Unterhaltung und Geselligkeit. In den letzten Jahrzehnten konnte im Kanton eine hoch stehende Laientheaterszene aufgebaut werden. 1976 entrichtete die Stadt Chur erstmals Beiträge an professionelle Aufführungen. Das dortige Stadttheater befindet sich seit 1959 im alten Zeughaus. Bis 1992 zeigte das feste Churer Ensemble Eigenproduktionen, daneben fanden Gastspiele statt. Seither ist das Stadttheater ein Gastspielbetrieb. Eigenständiges, professionelles Theater pflegt die Churer Kleintheaterszene. Als Teil des kulturellen Angebots finden in Tourismuszentren Gastspiele statt, die keine professionelle Theatertradition zu begründen vermochten.

Die Rätoromanische Literatur und die Italienischsprachige Literatur der Südttäler blieben im 19. Jh. stark regionalen Themen verpflichtet. Als Ausdruck der sprachlich-kulturellen Identität standen das Bündner- und Bauerntum im Zentrum, aber auch die Emigration und die schwierigen wirtschaftl. Verhältnisse. Als Folge des niedrigen Industrialisierungsgrads fehlte eine sozialkrit. Arbeiterliteratur. Für das 20. Jh. gilt Gian Fontana als Begründer des zeitgenössischen rätorom. Romans, während Luisa Famos die bündner. Lyrik erneuerte. Deutschsprachige Autoren wie Johann Benedikt Jörger verfassten v.a. im 19. Jh. Stücke in Dialektliteratur. Im 20. Jh. machten sich Schriftsteller wie Iso Camartin oder Leo Tuor auch ausserhalb der Schweiz einen Namen.

Das öffentl. Bündner Musikleben nahm seinen Anfang im frühen 19. Jh. mit der Gründung von Gesangvereinen. Der Männerchor Chur organisierte 1862 erstmals ein Eidg. Sängerfest. Ausserdem konstituierten sich versch. Blasmusiken, z.B. 1879 als Vorläuferin der Stadtmusik in Chur die Harmoniemusikgesellschaft. Im 19. Jh. existierten in Chur bereits diverse Laienorchester. 1912 entstand der Churer Orchester-Verein, 1920 wurde ebenfalls in der Kantonshauptstadt die erste Musikschule ins Leben gerufen. Lucius Juon begründete 1938 am selben Ort mit dem Kirchenchor St. Martin eine Tradition von hoch stehenden Aufführungen geistl. Werke. In der Nachkriegszeit trugen Konzertvereine und regionale Veranstalter das Konzertleben allmählich auch in die Bündner Regionen hinaus. Berufsmusiker schlossen sich 1989 zum Bündner Kammerorchester zusammen. Sommerkonzerte und Festivals sind inzwischen fester Bestandteil des Musiklebens im ganzen Kanton. In der Zeit nach dem 2. Weltkrieg bildete sich in Chur auch eine Jazzszene. Zahlreiche regionale und lokale Festivals mit alternativ-künstlerischem oder kommerziellem Anspruch sind seit den 1980er Jahren entstanden.

Autorin/Autor: Georg Jäger

5.4.3 - Sprache und Sprachpolitik

Die Dreisprachigkeit G.s geht auf die ma. Siedlungsverhältnisse zurück. Bis vor 1800 blieb das Rätoromanische als gesprochene Sprache dominierend. Lombard. Idiome wurden in den südl. Tälern Misox, Calanca, Bergell und Puschlav gesprochen. Die Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft brachte ab dem 19. Jh. die Sprachgrenzen rasch in Bewegung. Nach der Mitte des 19. Jh. verkleinerte sich die rätorom. Sprachregion zunehmend, wobei v.a. in Mittelbünden und in den Tourismusregionen vermehrt Deutsch gesprochen wurde. Der rätorom. Raum spaltete sich durch diese Entwicklung in zwei Teile: Einerseits die Gebiete Engadin, Münstertal und Oberhalbstein, andererseits die Surselva. Ab etwa 1860 bildete die Bevölkerung dt. Muttersprache eine Mehrheit im Kanton. Nach dem 2. Weltkrieg veränderte sich die Situation durch den Vormarsch des Englischen erneut. Auch die Sprachen der ausländ. Arbeitskräfte und Flüchtlinge führten dazu, dass sich G. von der Dreisprachigkeit zur Vielsprachigkeit entwickelte.

Nachdem im Freistaat der Drei Bünde keine allg. Regelung des öffentl. Sprachgebrauchs bestanden hatte, faktisch aber die dt. Sprache als verbindlich betrachtet wurde, wurden im 19. Jh. die Bedeutung und der Wert der Sprachen Themen eines öffentl. Diskurses, in dessen Verlauf sich der von Placidus Spescha für die verschiedenen konfessionell und räumlich getrennten rom. Idiome geprägte Sammelbegriff "Rätoromanisch" und die Auffassung von der kulturellen Eigenständigkeit dieses Sprachguts allmählich durchsetzten. Aber noch in der Zeit des ital. Irredentismus vor und nach dem 1. Weltkrieg wurde dem Rätoromanischen von der nationalist. Philologie in Italien der sprachl. Eigencharakter abgesprochen. Die rätorom. Sprache verschaffte sich mit der Entstehung von Sprachvereinen (Societad Retorumantscha, 1919 Lia Rumantscha als Dachorganisation regionaler Sprachvereinigungen) zunächst im kant. Bildungswesen Anerkennung. Unter dem Eindruck der Bedrohung durch den Nationalsozialismus und den Faschismus anerkannten Volk und Stände 1938 mit massivem Mehr das Rätoromanische als vierte Landessprache.

Die Bündner Sprachenpolitik beruht neben den Aufgaben, die der Kanton direkt in Schule und Öffentlichkeit wahrnimmt, auf dem Prinzip der Subsidiarität. Historisch gewachsene, autonome Sprachorganisationen werden vom Kanton und im Fall der rätorom. und italienischsprachigen Minderheiten auch vom Bund finanziell unterstützt. Die zentrale Organisation der regionalen Sprachvereine in den vier Tälern Italienischbündens (Misox/Calanca, Puschlav und Bergell), die Pro Grigioni Italiano, besteht seit 1918. Wie die Lia Rumantscha verfügt sie in Chur über ein Zentralsekretariat. 1960 gründeten die Walser eine eigene Kulturorganisation, der heute die meisten Gem. mit walserischer Vergangenheit und eine grosse Zahl von Einzelmitgliedern angehören. Die übrigen Deutschbündner verfügen über keine entsprechende Organisation. Die drei Sprach- und Kulturorganisationen trugen in den vergangenen Jahrzehnten zur Entstehung und Verbreitung einer sprachethn. Identität bei und förderten den Dialog unter den Sprachgruppen. Seit 1982 exisiert mit Rumantsch Grischun eine rätorom. Standardsprache. Mit der Revision des Sprachenartikels (aBV 116) wurde 1996 die Stellung des Rätoromanischen als Landessprache bestätigt.

Autorin/Autor: Georg Jäger

Quellen und Literatur

Archive
– StAGR
– BiA Chur
– StadtA Chur
– Regionale Dokumentationsarchive (Brusio, Davos, Grüsch, Mesocco, Samedan, Stampa/Coltura, St. Moritz)
– Rät. Museum, Chur
Quellen
– T. Dandolo, Saggio di lettere sulla Svizzera: il Canton dei Grigioni, 1829 (neue Ausgabe 1997)
Codex diplomaticus (ad historiam Raeticam), 4 Bde., 1848-63
– H. Ardüser, «Hans Ardüser's rät. Chronik», in Jber. der Naturforschenden Ges. von G., NF 15-20, 1871-76, (Beil.)
– N. Sererhard, Einfalte Delineation aller Gem. gemeiner dreyen Bünden [...], 1871-72, (bearb. Neudr., hg. von W. Kern, 1944, 21994)
– C. Jecklin, «Urk. zur Verfassungsgesch. G.s», in JHGG 12-13, 1882-83; 15, 1885
– U. Campell, Ulrici Campelli Raetiae alpestris topographica Descriptio, hg. von C.I. Kind, 1884
– C. Jecklin, «Urk. zur Staatsgesch. G.s», in JHGG 20, 1890-91, 1890-91
– U. Campell, Ulrici Campelli Historia Raetica, hg. von P. Plattner, 2 Bde., 1887-90
Rechtsqu. des Cantons G., hg. von R. Wagner, L.R. von Salis, 2 Bde., 1887-92
Rät. Urk. aus dem Centralarchiv des fürstl. Hauses Thurn und Taxis in Regensburg, hg. von H. Wartmann, 1891
Heinrich Bullingers Korrespondenz mit den Graubündnern, hg. von T. Schiess, 3 Tl., 1904-06
Materialien zur Standes- und Landesgesch. Gem. III Bünde (G.) 1464-1803, hg. von F. Jecklin, 2 Bde., 1907-09
Rät. Namenbuch, 3 Bde., 1939-1986
UB GR, 1955-
SSRQ GR
UB der südl. Tl. des Kt. St. Gallen 1, bearb. von F. Perret, 1961
Handel und Verkehr über die Bündner Pässe im MA zwischen Deutschland, der Schweiz und Oberitalien, hg. von W. Schnyder, 2 Bde., 1973-75
Hs. aus Privatbesitz im Staatsarchiv G., hg. von R. Jenny, 1974
Landesakten der Drei Bünde, hg. von R. Jenny, 1974
Urk. -Slg. im StAGR, 2 Tl., hg. von R. Jenny, 1975-77
Qu. und Forsch. zur Bündner Gesch., 1986-
Walser Regestenbuch, hg. von E. Rizzi, 1991
Jahrzeitbücher, Urbare und Rödel G.s 1-, bearb. von U. Brunold, 1999-
Literatur

Autorin/Autor: Florian Hitz