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Sankt Gallen (Kanton)

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Seit 1803 Kanton der Eidgenossenschaft. Amtl. Bezeichnung: Kanton S. Amtssprache ist Deutsch. Franz. Saint-Gall, ital. San Gallo, rätorom. Son Gagl. Hauptort ist S. Das Kloster, die Stadt, der Kanton und das 1847 errichtete Bistum verdanken ihren Namen dem irischen oder irofränk. Wandermönch und Glaubensboten Gallus.

Das heutige Kantonsgebiet umfasste vom 16. Jh. bis 1798 die Herrschaftsgebiete der Fürstabtei S., nämlich die Alte Landschaft (Fürstenland) und die Grafschaft Toggenburg als sog. Neue Landschaft, zudem die freie Reichsstadt S. und weiter die Landvogtei Rheintal, die Freiherrschaft Sax-Forstegg, die Herrschaft Gams, die Grafschaften Werdenberg und Sargans (Sarganserland), die Fürstabtei Pfäfers, die Landvogtei Gaster und Weesen, die Grafschaft Uznach sowie den kleinen Stadtstaat Rapperswil. Der im Osten der Schweiz gelegene Kt. S. umschliesst die Kt. Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden und grenzt im Osten, getrennt durch den Rhein und den Alten Rhein, an das Fürstentum Liechtenstein sowie Österreich (Bundesland Vorarlberg) und im Norden an die Bundesrepublik Deutschland (Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg), wobei die Landesgrenze zwischen Altenrhein und Goldach sowie bei Steinach durch den Bodensee verläuft. Das auch am Bodensee gelegene Horn ist eine thurg. Exklave. Im Westen und Süden grenzt er an die Kt. Thurgau, Zürich, Schwyz, Glarus und Graubünden. Der nördl. Kantonsteil zwischen Bodensee und der Achse Walensee-Oberriet im Rheintal gehört zum Mittelland sowie zu den Voralpen, der südl. Teil mit dem oberen Toggenburg, Teilen Werdenbergs und des Sarganserlands zu den Alpen. Topografisch ist S. zudem durch grosse Täler geprägt: Das Rheintal im Osten, das Seeztal, den Walensee und die Linthebene im Süden sowie das Thurtal im Westen. Durch den Kanton führen die beiden wichtigen Transitrouten vom Bodensee- und vom Walenseeraum zu den Bündner Pässen. Rhein und Thur entwässern als Hauptflüsse das Kantonsgebiet, die Seez fliesst in den Walensee, dessen Wasser sich durch den Linthkanal in den Zürichsee ergiesst.

Fläche (2006)2 025,6 km² 
Wald / bestockte Fläche619,6 km²30,6%
Landwirtschaftliche Nutzfläche970,6 km²47,9%
Siedlungsfläche176,1 km²8,7%
Unproduktive Fläche259,3 km²12,8%

Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur
Jahr 18501880a1900195019702000
Einwohner 169 625209 719250 285309 106384 475452 837
Anteil an Gesamtbevölkerung der Schweiz7,1%7,4%7,6%6,7%6,1%6,2%
Sprache       
Deutsch  208 718243 358299 692339 754398 666
Italienisch  9605 3006 05828 37210 640
Französisch  3767101 5031 6041 813
Rätoromanisch  2394521 1271 482845
Andere  19846572613 26340 873
Religion, Konfession       
Katholischb 105 370126 164150 412184 087244 625236 733
Protestantisch 64 19283 44199 114122 039133 557127 929
Christkatholisch    1 048319330
Andere 638867591 9325 97487 845
davon jüdischen Glaubens 63371556565321231
davon islamischen Glaubens     97127 747
davon ohne Zugehörigkeitc     1 91328 786
Nationalität       
Schweizer 166 367198 195221 841289 268325 641361 904
Ausländer 3 25811 52428 44419 83858 83490 933
Jahr  19051939196519952005
Beschäftigte im Kanton1. Sektor 44 41454 08517 38916 296d13 829
 2. Sektor 83 77958 31393 19386 56382 089
 3. Sektor 22 78330 91455 384128 483143 308
Jahr  19651975198519952005
Anteil am Schweiz. Volkseinkommen 5,3%5,3%5,4%5,6%5,1%

a Einwohner, Nationalität: Wohnbevölkerung; Sprache, Religion: ortsanwesende Bevölkerung

b 1880 und 1900 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

c zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

d gemäss landwirtschaftl. Betriebszählung 1996

Quellen:HistStat; eidg. Volkszählungen; BFS

Autorin/Autor: Wolfgang Göldi

1 - Von der Steinzeit bis zum Frühmittelalter

1.1 - Ur- und Frühgeschichte

Mitte des 19. Jh. setzte die archäolog. Erforschung des Kantons ein: 1864-65 grub Peter Paul Immler von S. das Badegebäude der röm. Villa von Sargans-Malerva aus. Mitglieder des Hist. Vereins des Kt. S. waren zur selben Zeit auch als Sammler prähist. und röm. Gegenstände tätig; dies vorwiegend im Sarganserland. Ab 1890 folgten Grabungen in Höhlen, Höhensiedlungen und Burgen durch Jakob Heierli, Emil Bächler, Theophil Nigg, Benedikt Frei und Franziska Knoll-Heitz. Mit dem Bauboom und der Schaffung einer Kantonsarchäologie 1966 verkleinerten sich die zeitl. Fundlücken im Fürstenland und im Toggenburg allmählich.

1.1.1 - Alt-, Mittel- und Jungsteinzeit

Bisher ältester Beleg für die Anwesenheit von Menschen im Kanton ist eine über 50'000 Jahre alte Feuerstelle im Drachenloch oberhalb Vättis (2427 m, Gem. Pfäfers). Sie zeugt von der saisonalen Präsenz einer Jagdgruppe von Neandertalern in einer Warmphase der letzten Eiszeit. Später (vor 30'000-40'000 Jahren) hielten sich Neandertaler auch im Wildenmannlisloch am Selun (Gem. Alt St. Johann) auf. Sie verwendeten Steingeräte aus Ölquarzit, einem Gestein, das in etwa 9 km Entfernung bei Wildhaus vorkommt. In der Hauptphase der letzten Eiszeit war das Kantonsgebiet weitgehend vergletschert. Spuren menschl. Tätigkeit aus dem Spätpaläolithikum (vor 10'000-12'000 Jahren) sind einzig im Rheintal nachgewiesen. Gefunden wurden Abschläge von Steinwerkzeugen unterhalb der Saxerlücke (Gem. Sennwald) und eine Feuerstelle in einem Abri (Felsdach) im Hirschensprung (Gem. Rüthi).

Mit der zunehmenden Erwärmung und Wiederbewaldung im Mesolithikum verbesserten sich die Lebensbedingungen. Menschen lebten v.a. an Seen und Flüssen. Entsprechende Siedlungsstellen finden sich im Rheintal in Wartau-Oberschan-Moos und am Werdenbergersee.

Um die Mitte des 6. Jt. v.Chr. wurden die ersten Bauern in der Ostschweiz sesshaft. Kulturell orientierten sie sich v.a. gegen Norden und Nordosten. Deutlich zeigt sich dies im Rheintaler Fundmaterial von Sevelen-Pfäfersbüel (Epi-Rössener-Kultur, Lutzengüetle-Kultur, um 4300 v.Chr.). Allerdings sind auch Verbindungen der materiellen Kultur zum Mittelland nachweisbar. Dies gilt für alle jüngeren neolith. Siedlungen auf Pfäfersbüel und die übrigen Siedlungsstellen im Kanton (Pfyner Kultur für Sevelen-Geissberg und Rapperswil-Jona-Feldbach Ost; Horgener Kultur für Wartau-Ochsenberg, Vilters-Wangs-Severgall und Rapperswil-Jona-Seegubel). Auch das Steinkistengrab von Rapperswil-Jona-Kempraten zeugt von Einflüssen aus Westen und Norden. Mit der in ganz Mitteleuropa verbreiteten Schnurkeramikkultur vermischten sich die Unterschiede in der materiellen Kultur. Siedlungsstellen wurden um Rapperswil, im Seeztal und im Rheintal nachgewiesen. Gräber dazu sind bislang nicht bekannt.

Autorin/Autor: Regula Steinhauser-Zimmermann

1.1.2 - Bronze- und Eisenzeit

Mit der allg. Verwendung von Kupfer und seinen Legierungen intensivierte sich der überregionale Handel. Wie der Hortfund von Sennwald-Salez (um 2000 v.Chr.) zeigt, wurde Kupfer in Form standardisierter Barren transportiert. Gute klimat. Verhältnisse und der Kupferabbau bewirkten zudem eine vermehrte Besiedlung des Alpenraums sowie allgemein eine höhere Bevölkerungsdichte. Von Höhen- und Seeufersiedlungen aus (wie Flums-Gräpplang, Mels-Castels, Wartau-Ochsenberg, Rapperswil-Jona-Technikum) wurden in der Frühbronzezeit (2200-1500 v.Chr.) Handel und Verkehr kontrolliert. Die mehrfach erneuerten Holzstege über die Seeenge bei Rapperswil sowie Fundgegenstände weisen auf die Bedeutung des überregionalen Handels während der späten Frühbronzezeit hin.

Eine Klimaverschlechterung führte um 1600 v.Chr. zur Aufgabe der Seeufersiedlungen. In der Mittelbronzezeit befanden sich die Siedlungen v.a. an Talflanken und auf Hügeln (Wartau-Herrenfeld, Rapperswil-Jona-Wagen-Erlen, Mels-Castels und Schänis-Gasterholz). Einzelfunde von Nadeln, Beilen und Waffen belegen eine relativ dichte Besiedlung des gesamten Kantonsgebiets.

In der Spätbronzezeit (1350-800 v.Chr.) werden weiträumige Kontakte z.B. nach Nord- und Mittelitalien fassbar. Funde aus den grossen, teilweise befestigten Höhensiedlungen im St. Galler Rhein- und Seeztal (Oberriet-Montlingerberg, Mels-Castels, Flums-Gräpplang, Walenstadt-Berschis-St. Georg) deuten darauf hin, dass sich hier kleinere Gruppen von Menschen aus dem Südtirol bzw. Trentino niederliessen. Neben dem Handel mit Rohstoffen (Fahlerzkupfer) und Luxusgütern (Bernstein) dürfte auch die Wollproduktion eine Rolle gespielt haben. Über die Besiedlung des nördl. Kantonsteils ist noch sehr wenig bekannt; hier scheinen die Siedlungen v.a. auf Hochterrassen gelegen zu haben (Goldach-Mühlegut, Wil-Fürstenaupark).

Der Beginn der frühen Eisenzeit (800-450 v.Chr.) ist durch eine Verlagerung der Siedlungen aufgrund einer Klimaverschlechterung gekennzeichnet. Die Höhensiedlungen in den St. Galler Flusstälern blieben bewohnt; von den vermuteten Einzelhofsiedlungen fand sich bisher keine Spur. Eine Gruppe von Grabhügeln auf dem Balmenrain (Gem. Eschenbach) könnte allerdings auf einen in der Nähe liegenden Hof hinweisen.

Zu Beginn der späten Eisenzeit (450-15 v.Chr.) verdichtet sich das Siedlungsbild wieder: Im Rhein- und Seeztal lebte eine räto-kelt. Gruppe, die offenbar gute Kontakte mit dem südalpinen Raum hatte; im Linthgebiet, Toggenburg und Fürstenland entsprechen die kulturellen Erscheinungen denen des schweiz. Mittellands. Im 3.-1. Jh. v.Chr. glichen sich Rhein- und Seeztal immer mehr dem übrigen Kantonsgebiet an. Unterschiedlich blieb das kult. Verhalten. Während in Weesen ein kelt. Wasseropferplatz bestand, existierte in Wartau-Ochsenberg ein Brandopferplatz ostalpiner Tradition, der noch in röm. Zeit benutzt wurde.

Autorin/Autor: Regula Steinhauser-Zimmermann

1.1.3 - Römische Zeit

Mit dem Alpenfeldzug von Tiberius und Drusus 15 v.Chr. kam das Gebiet des Kt. S. unter röm. Herrschaft. Die nur kurzzeitig besetzten Wachttürme Biberlikopf, Stralegg und Voremwald am westl. Walensee wurden in der Vorbereitungsphase des Feldzugs erbaut. Ob das Verbergen des röm. Münzschatzes von S.-Bruggen auch damit zusammenhängt, bleibt offen.

Es ist anzunehmen, dass die kelt. Siedlungen weiterhin bewohnt waren. Neu gegründet wurde in der 1. Hälfte des 1. Jh. der Vicus Kempraten (Gem. Rapperswil-Jona), wo der Verkehrsweg nach Oberwinterthur von der Verbindung Chur-Zürich abzweigte. In der 2. Hälfte des 1. Jh. erfolgte nach einem verheerenden Brand der Holzbauten ein Ausbau mit Steingebäuden, der dem Ort ein urbanes Aussehen gab: An einen ummauerten Platz mit einem Tempel im Zentrum des Vicus schlossen sich grosse quadratische oder rechteckige, teilweise zweistöckige Häuser an, in deren Hinterhofbereich kleinere Wirtschafts- und Handwerkerhäuser standen. Am Nordrand des Vicus befand sich zudem ein ebenfalls ummauerter gallo-röm. Tempelbezirk. Funde zeigen, dass der Vicus sicher bis ins 4. Jh. bewohnt war.

Die Bewohner grösserer und kleinerer, über den ganzen Kanton verteilter Gutshöfe betrieben Landwirtschaft und Handwerk (Sargans-Malerva mit Ziegelbrennerei, Oberriet-Montlingerberg, Rorschacherberg-Obere Burg, Rapperswil-Jona-Wagen-Salet). Das Gebäude unter der Kirche St. Martin in Busskirch (Gem. Rapperswil-Jona) dürfte eine Umladestation für den Warenverkehr zu Wasser und zu Land gewesen sein.

Ab der 2. Hälfte des 3. Jh. war die Bevölkerung wegen der Alemanneneinfälle immer wieder gezwungen, sich in teilweise befestigte Höhensiedlungen zurückzuziehen (Walenstadt-Berschis-St. Georg, Wartau-Ochsenberg). Vielleicht wurden wegen dieser Bedrohung die Münzschätze von Oberriet, Balgach und Vättis vergraben. In der 2. Hälfte des 4. Jh. wurde in Weesen noch ein Kastell gebaut; Militärposten befanden sich zudem auf Berschis-St. Georg und auf dem Severgall (Gem. Vilters-Wangs). Um 400 scheint die Besiedlung des westl. Kantonsteils aber aufgegeben worden zu sein oder sich verlagert zu haben. Im östl. Kantonsteil hingegen, der zur Provinz Raetia prima (Raetia) gehörte, blieben die Beziehungen nach Süden auch nach dem Zerfall des weström. Reichs im 5. Jh. bestehen.

Autorin/Autor: Regula Steinhauser-Zimmermann

1.2 - Frühmittelalter

Im FrühMA entwickelten sich der nördl. und südl. Kantonsteil unterschiedlich. Der nördl. Teil war ein von Romanen dünn besiedeltes Randgebiet Churrätiens, das alemann. Einwanderung, fränk. Herrschaft und germ. Rechtstradition ("Pactus Alamannorum" und "Lex Alamannorum") offenstand und das dem im frühen 7. Jh. gegründeten Bistum Konstanz zugewiesen wurde. Im südl. Teil, der beim Bistum Chur blieb, hielten sich in der vorwiegend rom. Bevölkerung die spätröm. Herrschafts- und Rechtsstrukturen ("Capitula Remedii") Churrätiens bis in karoling. Zeit. Die Grenze verlief vom Hirschensprung (Rheintal) über den Alpstein und die Churfirsten in die Linthebene.

Das Gebiet des heutigen Kantons geriet 493 als Teil der Provinz Raetia prima unter ostgot. Einfluss und kam 536/537 unter die Oberherrschaft der Franken, die aber die churrät. bzw. alemann. Herrschafts- und Sozialordnung unberührt liessen. Im nördl. Teil profitierte das alemann. Herzogtum ab Mitte des 7. Jh. von der Schwäche der Merowinger, kam aber mit dem Aufstieg der Karolinger im 8. Jh. unter Druck. Im südl. Teil übten die Zacconen/Viktoriden die weltl. (Praeses) und geistl. Macht (Bf. von Chur) zugleich aus.

Der Siedlungsausbau ging im südl. Teil von den Höfen an den Talrändern (Rhein, Seez, Linth) und Uferlagen am oberen Zürichsee aus. Er erfolgte vermutlich in zwei Schüben im 5.-6. Jh. sowie im 8.-9. Jh. Im nördl. Teil breitete sich die alemann. Bevölkerung vom 7. Jh. an unter Assimilierung oder Verdrängung der Romanen in Einzelhöfen und Weilern bis an den Hirschensprung, das Westende des Walensees und ins mittlere Toggenburg aus. Die nächstgelegenen Städte waren Chur und Konstanz, stadtähnlich die Kastellorte Arbon, wo sich eine rom. Bevölkerung bis ins frühe 8. Jh. hielt, und Bregenz. Die Siedlung beim Kloster S. wurde um 926 als Dorf (villa) bezeichnet und im 3. Viertel des 10. Jh. ummauert.

Wichtige Machtträger waren neben dem Königtum (Königsgut am oberen Zürichsee und im Rheintal) nach Einführung der Grafschaftsverfassung (806) die Gerolde bzw. Udalriche und die Hunfride sowie neben den Bistümern die Reichsklöster S. (719 gegr.) und Pfäfers (um 735 gegr.). Bereits im 8. Jh. sind Fam. mit grösserem Besitz an Land, Leibeigenen und Vieh fassbar (Beata-Sippe), jedoch existierte noch kein Adel mit erbl. Privilegien und Herrschaftsfunktionen. Das alemann. Recht unterschied Freie, Freigelassene und Unfreie mit weiteren Abstufungen innerhalb der Freien und Unfreien. Gerichtsverbände von Freien sind vom 7. Jh. an überliefert (Waltramshuntari). Auch der churrät. Raum kannte diese drei Rechtsstände. Fam., Ehe und Erbrecht der Freien sind aus den St. Galler Urkunden ersichtlich: Vorherrschend war die auf der Muntehe (mit dem Mann als Inhaber der Schutz- und Zwangsgewalt) basierende Kernfamilie mit zwei bis drei Kindern und agnat. Erbfolge. Das Erbrecht benachteiligte die Töchter, schloss sie aber nicht aus. Freie Frauen waren rechtsfähig.

Die Wirtschaft erschliesst sich aus Urkunden und Verzeichnissen von Königs- oder Klostergut (Churrätisches Reichsgutsurbar). Die Getreide Gerste, Dinkel, Emmer und Hafer herrschten bis in Höhen von 650 m vor. Eine Klimaerwärmung begünstigte nach 750 deren weitere Ausdehnung. Auf Klostergütern wurde Dreifelderwirtschaft betrieben, sonst überwog Feldgraswirtschaft. V.a. im alemann. Gebiet waren Schweine und Hühner verbreitet, seltener belegt sind Rinder, Schafe und Ziegen. Im churrät. Teil deuten Ortsnamen auf Alpwirtschaft hin. Der Weinbau ist v.a. im Rheintal, die Bierproduktion im Bodenseeraum und Thurtal bezeugt. Die Handwerke konzentrierten sich in den grundherrl. Zentren, der Bergbau und die Eisenverarbeitung am Gonzen im Sarganserland. Der Verkehr bevorzugte die Gewässer Rhein, Linth, Walensee und Bodensee. Die Transitwege wurden in karoling. Zeit verbessert; Fähren gab es bei Schaan und Maienfeld, Susten in Walenstadt, Weesen, Steinach und Rorschach. Kirchenschätze belegen den Fernhandel mit Seide, Glasgefässen, Edelmetallen, Edelsteinen, Elfenbein und Gewürzen.

Bis ins 7. Jh. existierten provinzialröm. und alemann. Kulte nebeneinander. Im Süden breitete sich das Christentum ab der Wende vom 4. zum 5. Jh. von Chur her aus. Frühe Kirchen standen am oberen Zürichsee (Busskirch, Kempraten), im Sarganserland (Flums) und im Rheintal (Grabs) z.T. auf antiken Mauern. Im Norden förderten das Bistum Konstanz und irische Missionare (Kolumban, Gallus) die Christianisierung. Neben S. und Pfäfers entstanden im 8. Jh. kurzlebige Eigenklöster (Benken, Jonschwil, Flums) und wohl zwischen 814 und 823 das Frauenstift Schänis. Die Klosterschulen von S. und Pfäfers pflegten die Freien Künste. Die Heiligenverehrung (Gallus, Otmar, Magnus, Papst Alexander) machte S., Pfäfers und Kempraten zu Pilgerzielen.

Autorin/Autor: Alfred Zangger

2 - Vom Hochmittelalter bis ins 18. Jahrhundert - Herrschaft und Staatsbildung

2.1 - Hochmittelalterliche Herrschaftsstrukturen

Der Auflösung des karoling. Frankenreichs folgte eine Zeit der Unsicherheit mit dem Überfall der Ungarn auf das Kloster S. 926 (Ungarneinfälle) und Raubzügen von Sarazenen 935-940 in den churrät. Alpenraum. Als Vertretung der Königsmacht etablierten sich die Hzg. von Schwaben 917 und 919 im Kampf mit inneren (Bf. von Konstanz, Abt von S.) und äusseren Gegnern (Hochburgund). Das Herzogtum Schwaben beherrschte das ganze Kantonsgebiet und wurde Ende des 11. Jh. zum erbl. Lehen (Staufer, Zähringer). Die Klöster S. und Pfäfers waren eng mit den Herzogen verbunden. Sie profitierten von Schenkungen, erlebten aber auch Konfiskationen und Einflussnahmen bei Abtwahlen. Als Erbamt der Staufer ging das Herzogtum 1268 mit dieser Dynastie unter. Die Reichsvogtei Oberschwaben als Nachfolgeinstitution spielte in S. keine wesentl. Rolle.

Wichtiger wurde im 12. und 13. Jh. die landesherrl. Expansion hochfreier Adelsgeschlechter: Hauptsächl. Akteure waren die Grafenhäuser der Kyburger, Habsburger, Toggenburger, Montforter und Werdenberger, Rapperswiler und Vazer sowie die Freien von Sax. In besonderem Masse prägten die Äbte Ulrich von Sax und Wilhelm von Montfort die weltl. Herrschaft des Klosters S. Ersterer unterstützte die Staufer, was ihm 1207 die Reichsfürstenwürde einbrachte. Letzterer wehrte sich Ende des 13. Jh. erfolgreich gegen das mächtige Haus Habsburg.

Die Herrschaft des Klosters S. stützte sich im HochMA insbesondere auf unfreie Dienstleute (ministeriales) und Krieger (milites). Deren Funktionen begannen schon im 10. Jh. erblich zu werden. Zum Ausdruck kam ihre Standesbildung im 11. und 12. Jh. einerseits durch ein besonderes Dienstrecht (1064), andererseits durch ein immer selbstbewussteres Verhalten gegenüber dem Abt von S. als Dienstherrn. Vermutlich aufgrund dieser Verbindung von Klosterherrschaft und Ministerialität bildete sich im nördl. Kantonsteil - mit Ausnahme der Gf. von Toggenburg - kein Hochadel mit regionalen Wurzeln aus. Der königstreue Abt Ulrich von Eppenstein verwickelte die Abtei S. 1077 in den Investiturstreit; seine Fehde gegen die papsttreuen Gf. von Toggenburg und von Kyburg sowie den Bf. von Konstanz zog die Bevölkerung und Wirtschaft bis 1093 stark in Mitleidenschaft. Das Kloster Pfäfers stand hingegen wie das Bistum Chur auf der päpstl. Seite. Es wurde deshalb 1095 von Kg. Heinrich IV. dem königsfreundl. Bischof von Basel geschenkt und erst 1116 wieder unabhängig.

Die um 1155 beschriebene Grenze zwischen den Bistümern Chur und Konstanz entsprach jener um 900. Sie reichte von der Linthebene über die Churfirsten und östl. Alpsteinkette bis zum Hirschensprung. Von der Mitte des 12. bis zur Mitte des 13. Jh. entstand die innere Gliederung der beiden Bistümer in Archidiakonate und Dekanate. Das heutige Kantonsgebiet gehörte zu den Konstanzer Dekanaten S., Wil, Rapperswil-Zürich und Wetzikon sowie zum Churer Dekanat Unter der Landquart. Mit dem Landesausbau verdichtete sich im 12. und 13. Jh. das Pfarreinetz und im Rahmen der monast. Reformbewegung entstanden neue Klöster. Dessen adlige Stifter statteten sie mit Gütern aus, so z.B. vor 1152 Sankt Johann im Thurtal und vor 1178 St. Peterzell.

Die Verleihung des Markt-, Münz- und Zollrechts an den Abt von S. für Rorschach 947 blieb ohne Wirkung. Das Städtewesen entwickelte sich erst vom 13. Jh. an, wobei mit Ausnahme von S. - hier sind 1086 erstmals Bürger und 1272/91 eine Handfeste erwähnt, von 1294 ist ein erstes Siegel erhalten geblieben - alle Gründungen Klein- und Kleinststädte blieben oder wie Schwarzenbach (1287/1301) und Weesen (1388) nach Zerstörungen im Krieg nicht mehr aufgebaut wurden. Erste Hinweise auf eine ländl. kommunale Bewegung sind dem Werk Christian Kuchimeisters zu entnehmen, der aus der Zeit um 1270 von organisiertem Widerstand von St. Galler Gotteshausleuten gegen den Abt berichtet.

Autorin/Autor: Alfred Zangger

2.2 - Herrschaftliche und kommunale Entwicklungen sowie Territorialbildungen im Spätmittelalter

Die Zeit von 1300 bis 1500 ist durch den Abstieg vieler und den Aufstieg weniger traditioneller Herrschaftsträger (Adel, Kirche) sowie durch neue Herrschaftsformen (Territorialherrschaft) gekennzeichnet. Parallel dazu erstarkte die kommunale Selbstorganisation in der Stadt und auf dem Land.

Der Einfluss des Hauses Habsburg blieb in der Herrschaftssphäre des Klosters S. zwischen dem Tod Kg. Albrechts I. 1308 und dem Bündnis Hzg. Leopolds IV. mit dem Fürstabt von S. 1392 gering. Um 1400 dehnte das Kloster seine Macht vorübergehend im Rheintal aus. Im Südteil geriet Habsburg nach der Niederlage bei Näfels 1388 unter Druck. Bis in die 1460er Jahre verlor es infolge der Appenzeller Kriege, der Ächtung Hzg. Friedrichs IV. 1415, des Alten Zürichkriegs und des Plappartkriegs 1458 alle Herrschaftsrechte im Gebiet von Rapperswil über den Walensee bis ins Rheintal. Die Gf. von Toggenburg expandierten nach einer Krise Ende des 13. Jh. im Thurtal, dehnten ihre Herrschaft 1338 durch Heirat (Vazer Erbe) nach Graubünden aus und erwarben in den Appenzeller Kriegen die habsburg. Herrschaften im Walenseeraum und Rheintal als Pfänder. Der Alte Zürichkrieg nach dem Tod Gf. Friedrichs VII. (1436) brachte Leid und Zerstörung, änderte aber an den vor Kriegsausbruch getroffenen Regelungen wenig. So gingen die Grafschaft Toggenburg 1436 als Erbe an die Frh. von Raron (und 1468 durch Kauf an die Fürstabtei S.), Uznach 1437 sowie Gaster und Weesen 1438 als gemeine Herrschaften an Schwyz und Glarus. Die Grafschaft Sargans veräusserte der letzte Gf. von Werdenberg 1483 an die sieben eidg. Orte (ohne Bern). Die Vogteien Rheintal und Rheineck gelangten 1445 an Appenzell und 1490 an die acht eidg. Orte. Adelsherrschaften blieben die Grafschaft Werdenberg bis 1517 (danach an Glarus), bis 1497 die Freiherrschaft Hohensax (Verkauf an Schwyz und Glarus) und bis 1615 die Herrschaft Forstegg (Verkauf an Zürich).

Die Fürstabtei S. wurde - nach wirtschaftl. und herrschaftl. Schwächen in den ersten Jahrzehnten des 14. und 15. Jh. sowie nach mehreren Reformanläufen - unter Abt Ulrich Rösch in der 2. Hälfte des 15. Jh. umgestaltet. Aus einer traditionellen Klosterherrschaft mit verstreuten Rechten und einer auf persönl. Bindungen (Ministerialität) beruhenden Herrschaftsausübung wurde eine Territorialherrschaft mit klarer räuml. Gliederung, einer Beamtenschaft und einer weitgehend einheitl. Rechtsordnung. Die fürstäbt. Landesherrschaft umfasste Ende des 15. Jh. das Gebiet von Wil bis Rorschach (Alte Landschaft) und die Grafschaft Toggenburg (Neue Landschaft).

Ausgenommen war einzig die Stadt S., die sich von der Fürstabtei gelöst hatte und bis Anfang des 15. Jh. zur Reichsstadt aufgestiegen war. 1454 verband sie sich mit Zürich, Bern, Luzern, Schwyz, Zug und Glarus. Der Versuch der Stadt, durch Vogteien und Ausbürger eine Herrschaft aufzubauen, scheiterte jedoch 1456 bzw. 1490 im St. Galler Krieg (Rorschacher Klosterbruch) am Widerstand der von den eidg. Orten unterstützten Fürstabtei.

Auch Rheineck (1276-vor 1309) und Rapperswil (1415-44) galten zeitweise als reichsunmittelbar. Um 1500 waren jedoch alle Landstädte entweder unter der Herrschaft des Fürstabts von S. oder zugewandter Ort (Rapperswil ab 1464) oder unter eidg. Herrschaft.

Die kommunale Entwicklung auf dem Land verlief regional unterschiedlich. Im südl. Teil sind hofrechtl. und niedergerichtl. Ordnungen wie z.B. für Benken, Kaltbrunn, Quarten, Mels und Ragaz erhalten. In der Alten Landschaft hingegen ersetzte Abt Ulrich Rösch vermutlich solche Ordnungen durch einheitl. Gerichtsoffnungen (erstmals 1463 Goldach). Die dörfl. Wirtschafts- und Sozialordnung kam darin kaum zur Sprache. Mehr Aufschluss über die kommunale Selbstbestimmung geben einzelne Offnungen der Neuen Landschaft wie diejenige von Krinau 1493 oder von Kirchberg 1515. Auch die Ordnungen aus dem südl. Teil gewährten mehr Spielraum in der wirtschaftl. und sozialen Selbstorganisation (u.a. Hofrodel Jona 1415-50, Dorfrecht Schmerikon 1442, Grabser Urbar 1463, Tagwen im Linthgebiet um 1500).

Als Bündnissysteme waren erstens die Städtebünde im Bodenseeraum vom 14. bis ins frühe 15. Jh. und zweitens ab dem frühen 15. Jh. die Bündnisse mit den eidg. Orten prägend. Die Stadt S., aber auch Wil und Altstätten und sogar Rheintaler Dörfer waren Ende der 1370er Jahre dem Schwäb. Städtebund angeschlossen. Dem Burg- und Landrecht der Stadt S. von 1412 mit den eidg. Orten (ausser Bern) folgten weitere Schritte eidg. Einflussnahme. 1451 wurden die Fürstabtei S. und 1454 die Stadt S. zugewandte Orte der Eidgenossenschaft. Um 1500 waren die Einwohner des nördl. Kantonsgebiets Bürger oder Untertanen zugewandter Orte, diejenigen im südl. Kantonsteil (ausser Sax-Forstegg) eidg. Untertanen in gemeinen oder einzelört. Vogteien.

Autorin/Autor: Alfred Zangger

2.3 - Staatsbildung, Regieren und Verwalten im Ancien Régime

In der frühen Neuzeit setzte sich das Gebiet des späteren Kantons aus zwölf relativ kleinen Territorialstaaten mit unterschiedl. Staatsformen zusammen. Die Alte Landschaft bildete eine absolute, das Toggenburg eine konstitutionelle Monarchie der Fürstäbte von S. Ein geistl. Fürstentum war auch die Fürstabtei Pfäfers, dessen Herrschaft durch die sieben eidg. Orte (ab 1712 auch Bern) eingeschränkt war. Bis 1615 hatten die Herren von Sax die Herrschaft Sax-Forstegg inne, die nach dem Kauf durch die Stadt Zürich als äussere Landvogtei verwaltet wurde. S. und Rapperswil bildeten Stadtstaaten mit Räten und gehörten als zugewandte Orte zur Eidgenossenschaft. Die übrigen Territorien waren eidg. Untertanengebiete: In Sargans und im Rheintal regierten die sieben alte Orte (ohne Bern) gemeinsam. Die Landvogtei Gaster und Weesen, die Grafschaft Uznach sowie die Herrschaft Gams wurden von Glarus und Schwyz beherrscht, Werdenberg von Glarus.

In diesen Territorien machten Niedergerichtsherren ebenfalls Herrschaftsansprüche geltend, so z.B. das Kloster St. Johann im Toggenburg, das Kloster Einsiedeln in Kaltbrunn, die Schenk von Kastel in Oberbüren, die Herren von Gräpplang im Raum Flums (Gräpplang) und v.a. die Fürstabtei S. im Rheintal. Die Gf. von Hohenems beanspruchten alle landesherrl. Rechte in Au, Widnau-Haslach und Schmitter (Gem. Diepoldsau), ebenso die Fürstäbte von Pfäfers im Taminatal und in Ragaz.

In der frühen Neuzeit wollten die Landesherren die konkurrierenden Kräfte ausschalten. Die Fürstabtei S. kaufte die Niedergerichte auf, z.B. jenes der Schenk von Kastel in Oberbüren. Die Eidgenossen höhlten gestützt auf ihre polit. und militär. Macht die Rechte von Konkurrenten aus: Schwache Herrschaften wurden auf leib- und grundherrl. Kompetenzen zurückgebunden. Mit den Fürstabteien S. (im Rheintal) und Pfäfers sowie den Gf. von Hohenems ergaben sich langwierige Konflikte, die - juristisch nie geklärt - faktisch aber stets zugunsten der eidg. Interessen entschieden wurden.

Den versch. Herrschaftsträgern gelang die Straffung der Herrschaft unterschiedlich. In der Stadt S. entmachteten die Zünfte, in Rapperswil die 29 regimentsfähigen Geschlechter die Bürgerversammlung. Die Fürstäbte von S. bauten ihre Alte Landschaft zur absoluten Monarchie mit barockem Hofstaat, geistl. und weltl. Beamten aus. Ähnlich straff regierten das Land Glarus in Werdenberg und die Stadt Zürich in Sax-Forstegg. Das Toggenburg verteidigte dagegen mit dem aus gewählten Vertretern der Gem. bestehenden Landrat und der Landsgemeinde ein grosses Mass an Selbstverwaltung. In Sargans und im Rheintal regierten residierende, alle zwei Jahre wechselnde Landvögte, so dass die lokalen Kräfte stark blieben. In Uznach, Gaster und Weesen sowie Gams gab es kaum absolutist. Tendenzen. Die Schwyzer und Glarner Landvögte residierten nicht am Ort, weshalb die aus dem MA stammenden lokalen Organe wie der Ammann oder Untervogt, die Landräte und Landsgemeinden über eine weitgehende Selbstständigkeit verfügten, zumal im abgelegenen Gams. Es handelte sich aber nicht um Demokratien im heutigen Sinn. In diesen Territorialstaaten besetzte die ländl. Oberschicht die wichtigen Ämter und schloss sich zunehmend ab.

Wo die Landesherren ihre Macht auf Kosten der Untertanen ausbauen wollten, ergaben sich oft regionale Konflikte, z.B. 1703-04 in Rapperswil im sog. Hungerhandel, 1719-22 im Werdenberger Landhandel und 1722-27 sowie 1745-46 in Gossau. Alle Rebellionen wurden mit militär. Repression unterdrückt. Das Toggenburg blieb während drei Jahrhunderten ein Konfliktherd, der auch zu blutigen Aufständen, 1712 gar zu einem eidg. Bürgerkrieg führte (Zweiter Villmergerkrieg). Hier überlagerten sich konfessionelle Zwiste, ein starker Selbstständigkeitsdrang der Talschaft und Rivalitäten innerhalb der Toggenburger Oberschicht.

Ab 1790 breitete sich die Unzufriedenheit in fast allen Territorien aus. In der Alten Landschaft einigte sich Fürstabt Beda Angehrn mit den Untertanen 1795 im Gütlichen Vertrag, der aus einer absoluten eine konstitutionelle Monarchie machte. Ende Jan. 1798 brach die Helvet. Revolution fast flächendeckend aus (mit Ausnahme von Uznach und Gams). Die bisherigen Herren entliessen ihre Untertanen in die Freiheit und diese riefen eine ganze Reihe von Republiken aus. Dem Einmarsch der franz. Truppen folgte im Mai 1798 die Eingliederung in die Helvet. Republik.

Autorin/Autor: Max Baumann

3 - Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur vom Hochmittelalter bis ins 18. Jh.

3.1 - Bevölkerung und Siedlung

3.1.1 - Bevölkerung und Siedlung im Hoch- und Spätmittelalter

Das Kantonsgebiet gliedert sich in fünf Siedlungsräume: das Gebiet vom oberen Zürichsee bis zum Rhein bei Sargans, das Rheintal, die Uferzonen am Bodensee, den Raum zwischen den Städten Wil und S. sowie das Thurtal südlich von Wil. Im klimatisch begünstigten HochMA (v.a. 10.-12. Jh.) wurden dieser mittelländ. und voralpine Raum bis auf das obere Toggenburg praktisch durchgängig besiedelt, so auch die Hänge des Rheintals, bezeugt von den Rodungsnamen, und die Hügelzonen der Alten Landschaft sowie des unteren Toggenburgs (878 Erstnennung von Hemberg auf etwa 950 m). Das Sarganserland wurde erst im 11./12. Jh. vom Walensee und vom unteren Rheintal her germanisiert, wie sich aufgrund der Übernahme rom. Ortsnamen in die dt. Sprache rekonstruieren lässt. Ausgangspunkte der Verdichtung und Erweiterung waren die Höfe und Siedlungen, die im südl. Kantonsteil zum um 840 inventarisierten churrät. Reichsgut gehörten (z.B. Flums, Mels, Ragaz), Kirchen und Kapellen, die oft auch Handlungsorte von Rechtsgeschäften waren, im 12. und 13. Jh. die Klöster Sankt Johann, Magdenau und Wurmsbach, deren Ausbautätigkeiten durch Zehntprivilegien unterstützt wurden, sowie die neu gegr. Grafenstädtchen wie Wil, Lichtensteig, Uznach und Rheineck.

Ab dem 13. Jh. förderten das Kloster Pfäfers sowie die Gf. von Werdenberg und von Montfort die Besiedlung des Weisstannen- und Calfeisentals (Calfeisen) sowie der Hänge am Alvier (Wartau) durch Walser. Gleichzeitig wurden Siedlungslücken im oberen Toggenburg geschlossen. Dagegen kam es im Talboden des Rheins, der zuvor nur ausnahmsweise (Diepoldsau, Salez) erschlossen worden war, zur Aufgabe von Siedlungen wie Berau oder Juggen. Die spätma. Klimaverschlechterung setzte diese vermehrt Überschwemmungen aus.

Um 1500 bestimmten grössere Dörfer an den Talrändern und Seeufern das Siedlungsbild (im Rheintal u.a. bedingt durch die Intensivierung des Rebbaus). Die Hügellandschaft zwischen den Städten Wil und S. war mit grösseren Dörfern, mit Weilern und Einzelhöfen durchsetzt. Im Toggenburg und in den Walsergebieten dominierte Streusiedlung.

Bevölkerungszahlen lassen sich nur schätzen. Es wird angenommen, dass der Landesausbau bis um 1300 mit einer Verdoppelung bis Verdreifachung der Bevölkerung einherging. Wieweit sich danach der Klimawandel, die Pestzüge und Kriege auswirkten, ist unklar. Siedlungswüstungen sind selten zu fassen, Flurwüstungen schwer nachweisbar. Vom Pestjahr 1349 ist einzig für die Pfäferser Klosterherrschaft überliefert, dass der Schwarze Tod mehr als 2'000 Menschenleben gefordert habe.

Abgaben- und Personenverzeichnisse lassen ab 1400 Schlüsse auf die Bevölkerungszahl der Städte und Dörfer zu. So lebten in S. um 1400 2'300-2'900 Einwohner, um 1500 deren 3'000-3'500. Wil und Rapperswil zählten im 15. Jh. weniger als 1'000, die anderen Kleinstädte ca. 200-400, grössere Dörfer wie Gossau, Goldach, Rorschach oder die Rheintaler Rebdörfer ca. 500 Einwohner.

Autorin/Autor: Alfred Zangger

3.1.2 - Bevölkerung in der frühen Neuzeit

Die Schätzung der Einwohnerzahlen fällt nicht leicht, weil für die zwölf Territorien sehr unterschiedl. Quellen vorliegen. Die einigermassen exakte Zählung für den ganzen Kanton datiert erst von 1809 (135'209). Ungefähre frühere Werte lassen sich nur durch Interpolation erschliessen (für 1450 ca. 35'000, für 1669 ca. 82'000). Die annähernde Vervierfachung der Bevölkerung von 1450 bis 1809 verlief nicht linear. Starke Wachstumsschübe nach 1540 und 1650 fielen mit dem Aufschwung der Leinwandproduktion sowie im 18. Jh. mit dem Aufkommen der Baumwollindustrie zusammen. Kurzfristige Rückschläge resultierten aus Epidemien und Wirtschaftskrisen. Ein starker Einbruch (um etwa einen Viertel) erfolgte in der 1. Hälfte des 17. Jh. durch Hungersnöte und drei schwere Pestzüge, ein geringerer durch kühl-feuchte Sommer, Missernten und Teuerung gegen Ende der 1680er Jahre. Die Verluste wurden nach wenigen Jahrzehnten ausgeglichen.

Die Gesamtzahlen verdecken grosse regionale Gegensätze aufgrund unterschiedlicher wirtschaftl. Verhältnisse. Dies belegt z.B. die Bevölkerungsdichte. So kamen um 1669 in den Viehzuchtgebieten des Sarganserlands und des oberen Toggenburgs auf einen Quadratkilometer produktive Fläche weniger als 30 Einwohner, im Kornland des westl. Fürstenlands und des unteren Toggenburgs etwas über 50. In der Gegend von S. und Rorschach sowie im unteren Rheintal bis Altstätten erreichte die Bevölkerungsdichte dagegen über 70 Einwohner pro km2, zum Teil sogar über 100. Die hohen Werte widerspiegeln die intensiv betriebene Landwirtschaft mit Wein-, Obst- und Flachsbau sowie das Leinwandgewerbe. Auch die Bevölkerungszahlen entwickelten sich 1669-1809 regional sehr unterschiedlich. Im wirtschaftlich stagnierenden Sarganserland wuchs die Bevölkerung gar nicht an, in den wenig industrialisierten Herrschaften Werdenberg, Gams und Sax-Forstegg lag die Zunahme bei Werten von 30-50%, im schon früh dicht besiedelten Fürstenland bei solchen von 30-100%. Im Toggenburg bewirkte die Baumwollindustrie Steigerungen um 100-200%, im Gebiet zwischen Mogelsberg und Wattwil sowie in Amden sogar um über 200%.

Auch weiträumige Missernten und Wirtschaftskrisen wirkten sich regional unterschiedlich aus: Je grösser die Abhängigkeit von teuren Nahrungsmitteln war, desto mehr Opfer forderten die Hungersnöte. In Gebieten mit hohem Selbstversorgungsgrad (Gaster und Uznach) starben im Krisenjahr 1771 nicht mehr Menschen als in durchschnittl. Jahren. Im Viehzuchtgebiet des Sarganserlands stiegen die Todesfälle um 60-80%. In Gegenden mit intensiver Landwirtschaft und Industrialisierung (Fürstenland, unteres Rheintal) verdoppelten sie sich, während die Toggenburger mit starker Ausrichtung auf Heimarbeit 2,5 bis 3,5 Mal so viele Opfer beklagten. Dagegen lässt sich bei den etwa zwölf Pestepidemien im Zeitraum 1517/19-1635/36 kein Zusammenhang zwischen der Wirtschaftsstruktur und der Zahl der Opfer feststellen. In zwölf ausgewählten Pfarreien forderte der Schwarze Tod 1634-37 etwa ein Fünftel, in der Freiherrschaft Sax-Forstegg 1629 sogar zwei Drittel der Bevölkerung.

Autorin/Autor: Max Baumann

3.2 - Wirtschaft

3.2.1 - Wirtschaftliche Entwicklungen im Mittelalter

Im 13.-15. Jh. vollzog sich in der Landwirtschaft ein Wandel von einer auf Selbstversorgung ausgerichteten Produktion zu einer Spezialisierung auf Getreide-, Rebbau oder Viehhaltung mit zunehmender Orientierung auf die regionalen Märkte. Auch die Handwerke spezialisierten sich und organisierten sich in Zünften und Bruderschaften. Kaufleute handelten von West- bis Osteuropa mit Leinen, Gewürzen, Salz und Metallen (Diesbach-Watt-Gesellschaft). Das aufkommende Kreditwesen schuf neue Abhängigkeiten des Landes von der Stadt.

Getreidebauregionen blieben die Alte Landschaft, die Flusstäler und die Gebiete am Boden- und Zürichsee. Die Viehwirtschaft wurde im oberen Thurtal, im Oberrheintal, Sarganserland und Gaster intensiviert, der Rebbau im Unterrheintal, bei Rapperswil und Wil. Der Anbau von Textilpflanzen wie Hanf und Flachs ist trotz der gewerbl. Bedeutung relativ selten belegt. Im mittelländ. Raum gab es zwischen den Dörfern mit Zelgensystem (das im südl. Kantonsteil nicht bezeugt ist) Einzelhofwirtschaft, die in höheren Lagen vorherrschte. Die Alpen im Alpstein, an den Churfirsten und im südl. Kantonsteil gingen ab dem späten 14. Jh. oft von Klöstern und Adelsfamilien an Genossenschaften über. Die Hungersnöte und Seuchen des 14. Jh. fanden in den Quellen wenig Beachtung; sie wirkten vermutlich schwächer als anderswo. Zu Teuerungen führten der Näfelser, der Appenzeller und der Alte Zürichkrieg. Viehwirtschaft und Weinbau nahmen ab dem 14. Jh. und verstärkt nach 1450 einen Aufschwung, gefördert durch Kredit- und Pachtformen wie die Viehverstellung (eine Form der Verpachtung von Vieh) und den Teilbau (v.a. im Rebbau, der Bauer hatte dem Verpächter einen festgelegten Ertragsanteil abzuliefern). Die Eisengewinnung am Gonzen, ein Regal der Grafschaft Sargans, kam im 15. Jh. in die Hände von Zürcher Eisenherren (z.B. Peter Kilchmatter, Hans und Georg Thum oder Ulrich Grebel).

Die in den Städten konzentrierten und spezialisierten Handwerker schlossen sich in S. im 14. Jh. zu Zünften (Weber, Schmiede, Schneider, Schuhmacher, Pfister, Metzger) zusammen. Sie regulierten u.a. die Produktion, Qualität, Löhne sowie Preise und prägten ab Mitte des 14. Jh. auch das polit. Leben. In Rapperswil, Wil und Uznach entstanden Bruderschaften mit religiösen und sozialen Aufgaben, aber auch mit wirtschaftl. Zielen wie etwa dem Konkurrenzschutz. Neben Wandergesellen sind wandernde Bauhandwerker, z.B. Steinmetze, belegt.

Für den Warentransport waren v.a. die Wasserverkehrswege wichtig. Das Netz der Landwege reichte von der Reichsstrasse, auf der sich Fuhrwerke kreuzen konnten, bis zum lokalen Flurweg. Auf dem Land besassen reichere Bauern Fuhrwerke, in den Städten bildeten die Fuhrhalter einen besonderen Berufszweig.

Fernhandel trieben ab dem 13. Jh. Kaufleute der Stadt S., die Leinwand bis nach Spanien und Polen ausführten. Sie organisierten sich im 15. Jh. in der Gesellschaft zum Notenstein (zur Wahrung wirtschaftlicher Interessen und Pflege der Geselligkeit) und führten neben Leinen z.B. Pferde, Metalle, Gewürze oder Pelze mit. Auch Kaufleute aus Wil und Uznach waren europaweit unterwegs. Die städt. Wirtschaft erlebte gemäss den Steuerbüchern von S. und Wil im 15. Jh. einen Aufschwung, der vom Alten Zürichkrieg länger und vom St. Gallerkrieg (1490) kurz unterbrochen wurde.

Autorin/Autor: Alfred Zangger

3.2.2 - Wirtschaftliche Entwicklung in der frühen Neuzeit

Die Landwirtschaft entwickelte sich in spezialisierten Agrarzonen weiter. Im Fürstenland und untersten Toggenburg herrschte der Kornbau im Dreizelgensystem mit Getreideüberschüssen vor, im oberen Toggenburg sowie in den höher gelegenen südl. Regionen die Vieh- und Alpwirtschaft mit Butter-, Käse- und Zigerproduktion. Im unteren Rheintal nahm der Wein- und Obstbau ebenso eine Sonderstellung ein wie in der Umgebung der Stadt S. der Anbau von Gemüse und von Flachs für das Leinwandgewerbe. Die Landwirtschaft orientierte sich am in- und ausländ. Markt und die Geldwirtschaft wurde wichtiger. Zur Ertragssteigerung wegen des Bevölkerungswachstums wurden vermehrt Allmenden aufgeteilt und Brachfelder bepflanzt, Privatland wurde eingehegt. Als Rheintaler Spezialität kam um 1700 der Anbau von Mais (sog. Türkenkorn), in den übrigen Regionen ab 1740 jener von Kartoffeln auf.

Handwerk und Gewerbe konzentrierten sich vorwiegend auf die grösseren und kleineren Städte und Marktflecken. Allerdings wurde in den zahlreichen Landstädten auch Landwirtschaft betrieben und in den Dörfern sowie Weilern auch Handwerk ausgeübt. Die Wochenmärkte in den Städten förderten das dortige Gewerbe. Nur in S. bestand ein durchorganisiertes, einflussreiches Zunftsystem. In den Kleinstädten, etwa in Wil und Rapperswil, schlossen sich die Handwerker zusammen; auf der Landschaft organisierten sie sich in unterschiedl. Ausmass. Regionaltypische Gewerbe bildeten z.B. die Steinbrüche im Sarganserland, die Gewinnung von Braunkohle und Torf nahe bei S., das Eisenbergwerk im Gonzen sowie die zahlreichen Heilbäder (z.B. Pfäfers). In den wirtschaftlich rückständigen südl. Regionen blieb der Solddienst wichtig.

Die Stadt S. war um 1500 bereits das Zentrum der Leinwandproduktion im Bodenseeraum. Nach langer Blütezeit und einem Zusammenbruch in der 1. Hälfte des 17. Jh. erreichte sie 1680-1714 eine neue Hochkonjunktur. 1721 begann der Aufschwung der Herstellung von Baumwolltuch. Nach 1750 setzte die Handstickerei ein. Auf dem Prinzip von Verlagswesen und Heimarbeit bot sie der bäuerl. Bevölkerung bis Werdenberg und Obertoggenburg einen wichtigen, allerdings konjunkturabhängigen Zusatzerwerb. Die Leinwandproduktion nahm hingegen in der 2. Hälfte des 18. Jh. rasch ab.

Der Handel mit Garn erfolgte auf den regionalen Märkten, jener mit dem fertig verarbeiteten St. Galler Tuch auch von Wil, Lichtensteig und Rorschach aus. Grosskaufleute exportierten die Produkte nach Polen, Ungarn, Oberitalien, Spanien und Frankreich, z.T. mit Ablagen in wichtigen Messestädten wie Lyon, Frankfurt und Leipzig. Aus den Viehzuchtgebieten führten Grosshändler Jungtiere, Mastochsen und Pferde nach Oberitalien aus. Die Spezialisierung in der Landwirtschaft und die Textilindustrie bewirkten eine Abhängigkeit von Getreideimporten aus Süddeutschland, das sich wirtschaftlich komplementär ausrichtete, dort den Anbau von Dinkel und Hafer förderte, hingegen die gewerbl. Produktion vernachlässigte. Die Gebiete um den Bodensee entwickelten sich zu einem grenzübergreifenden, marktorientierten Wirtschaftsraum. Der Gütertransport erfolgte auf der Walenseeroute und der Rheintalstrasse, den beiden Transitachsen zu den Bündnerpässen. 1773-78 baute die Fürstabtei S. die Fürstenlandstrasse von Rorschach nach Wil und verbesserte die verkehrsmässige Erschliessung.

Autorin/Autor: Max Baumann

3.3 - Gesellschaft

3.3.1 - Wandel der Gesellschaftsordnung im Hoch- und Spätmittelalter

Der Modellvorstellung einer festen Ständeordnung mit Adel, Klerus und Bauern widersprach der tief greifende gesellschaftl. Wandel vom 13. bis 15. Jh. Der Adel verlor gegenüber dem aufstrebenden städt. Bürgertum und der nicht adligen Landbevölkerung an Bedeutung.

Im 13. Jh. schufen die drei Grafenhäuser von Toggenburg, von Rapperswil und von Werdenberg am Rand des Machtbereichs des Klosters S., mit dem die Gf. von Toggenburg bis ins 13. Jh. öfter Konflikte austrugen, Herrschaften unterschiedl. Grösse und Dauer. Mit dem Tod Jörgs von Werdenberg endete 1504 das letzte dieser Häuser. Andere edelfreie Geschlechter erloschen (z.B. im oberen Thurtal) oder wurden aus den Grafschafts- und Stiftsgebieten an die Ränder des späteren Kantons gedrängt (von Bussnang, von Enne, von Güttingen, von Hewen). Sie spielten - mit Ausnahme der Frh. von Sax (Hohensax) - untergeordnete Rollen. Die Zahl der Ministerialengeschlechter nahm im 13. Jh. zu, fiel dann aber bis Ende des 15. Jh. auf wenige Fam. zusammen, deren Träger oft der erstarkten Fürstabtei S. dienten. Die Anlehnung an erfolgreiche Dienstherren konnte Aufstieg bedeuten (z.B. Giel von Glattburg im 13. Jh., Meier von Windegg im 14. Jh.), Widerstand zum Niedergang führen (z.B. von Ramschwag). Standesdenken kam in den Heiraten zum Ausdruck, die selten - etwa wenn sich Prestige mit Besitz verband - über die innerständ. Grenzen hinweg oder in bürgerl. Kreise führten.

Die städt. Sozialstruktur ist vom 14. Jh. an aus Ämtern zu erschliessen. Ab dem frühen 15. Jh. zeichnen die Steuerbücher die Vermögensverhältnisse in S. und Wil nach. In S. bildeten Kaufleute, einzelne Textil- und Metallhandwerker, Müller und Wirte die Oberschicht sowie die obere Mittelschicht, die zusammen vier Fünftel der Ratssitze innehatten. Die meisten Handwerker zählten zur Mittelschicht. Die Reichen wohnten nahe bei den Marktplätzen und Herrschaftssitzen (Kloster S., Burg Rapperswil, Hof Wil); insgesamt war jedoch die Segregation (ausser der Gerber, die wegen des Gestanks ihres Gewerbes in Randlagen verdrängt wurden) wenig ausgeprägt. Zahlen zur Unterschicht sind ebenso wenig abzuleiten wie zu den Frauen, deren Vermögen nur aufgeführt wurde, wenn sie alleinstehend oder verwitwet waren. Juden wurden in S. im Pestjahr 1349 getötet. Danach spielten nur noch wenige Juden eine Rolle, darunter auch einzelne, die im Kreditwesen von S. und Wil tätig waren.

Auch auf dem Land sind die sozialen Verhältnisse ab dem 14. Jh. erkennbar. Jüngere Personenverbände (Gerichtsinsassen, Grafschaftsleute) überlagerten ältere (Hofleute), was in Rorschach und im Toggenburg im 15. Jh. zu Spannungen führte. Zur Oberschicht gehörte, wer ehrbar war, d.h. rechts-, lehens- und amtsfähig, und ein grosses Eigen- oder Lehengut besass. Im 15. Jh. erscheinen einflussreiche Bauern, Müller und Wirte v.a. in den grösseren Dörfern wie Rorschach, Goldach und Gossau sowie im Rheintal und Linthgebiet, wogegen Streusiedlung die Elitebildung beeinträchtigte. In Konflikten wie dem Rorschacher Klosterbruch und St. Gallerkrieg 1489-90 mussten sich lokale Führer zwischen Aufständischen und Herrschaft entscheiden. Gegen 1500 werden Abgrenzungen gegenüber armen Zuzügern erkennbar: Wald- und Weiderechte wurden von den Genossen gegenüber den minderberechtigten Hintersassen und den nicht berechtigten Ungenossen verteidigt, Jagdrechte und Fischenzen von den Herrschaftsinhabern gegenüber den Untertanen geschützt.

Der gesellschaftl. Wandel bildete sich im Klerus ab: Die Insassen der Reichsklöster S., Pfäfers und Schänis entstammten im 13. Jh. dem regionalen Adel. Im 15. Jh. hingegen kamen sie - mit Ausnahme des Frauenstifts Schänis - meist aus nicht adligen Fam. des Kantonsgebiets und der nahen eidg. Orte. Stärker regional verwurzelt waren St. Johann und die im 13. Jh. aufkommenden Frauenkonvente. Im Zug der Frömmigkeitsbewegung nahm die Zahl der Beginensammlungen und der Waldschwestern sowie -brüder in Gemeinschaften und Einsiedeleien zu (Grimmenstein AI, Pfanneregg, Tübach, Wonnenstein). Mit dem Ausbau des Pfarreinetzes stieg der Bedarf an Weltgeistlichen, die sich ebenfalls zuerst aus dem Adel, später oft aus dem Bürgertum und der ländl. Oberschicht rekrutierten.

Autorin/Autor: Alfred Zangger

3.3.2 - Wandel in der Gesellschaftsordnung in der frühen Neuzeit

Der gesellschaftl. Wandel vollzog sich v.a. in der Oberschicht. Der alte Adel war bis auf die im Rheintal verbliebenen Gf. von Hohenems und die Herren von Sax-Hohensax ausgestorben. Dienstadelige, auch zugewanderte wie die Frh. Rinck von Baldenstein oder die von Thurn-Valsassina, übernahmen Ämter im fürstäbt. Territorialstaat. Erfolgreiche Aufsteiger aus dem Leinwandhandel erwarben Burgen und errichteten zahlreiche Landschlösschen im Fürstenland und Rheintal. In der Stadt S. grenzten sie sich von zünft. Mitbürgern in der zunehmend exklusiven Gesellschaft zum Notenstein ab. Einige erlangten vom Kaiser einen Wappen- und Adelsbrief. Um 1500 besassen z.B. die Fam. von Fels und Zollikofer, um 1600 die Hochreutiner einen kaiserl. Wappenbrief. Auch fürstäbt. Beamte wurden gelegentlich in den Adel erhoben, so 1525 die von Saylern oder 1774 die Müller von Friedberg (im 19. Jh. nur noch Müller-Friedberg genannt).

In den Städten S. und Rapperswil war die Bürgerschaft von Geburt an frei, nicht aber in den Landstädtchen. Auf der Landschaft wurden die geburtsständ. Unterschiede zwischen freien und unfreien Bauern nivelliert, alle waren nun Gotteshausleute im Territorialstaat der Fürstabtei S. Im Bauernkrieg 1525 entstand in allen Territorien (ausser im Gaster und in Uznach) Widerstand durch Landsgemeinden, Beschwerden und Drohungen. Die Konflikte drehten sich insbesondere um den Begriff der Leibeigenschaft. 1558 wollten die Rorschacher "freie Gotteshausleute" sein, die Fürstabtei beharrte auf "Leibeigene" und betonte damit ihre leibherrl. Rechte. Im Sarganserland bestanden mehrere Leibherrschaften nebeneinander. Hier wurden noch bis ins 18. Jh. die Kinder von Eltern verschiedener Leibherren unter diesen verteilt. Ein Loskauf von der Leibeigenschaft gelang 1779 lediglich den Leuten von Tscherlach.

Den Zuzug von Fremden bremste die Obrigkeit ab dem 16. Jh. mit einer restriktiven Einbürgerungspolitik und rechtl. Benachteiligung. Weder die Stadt noch die Fürstabtei S. duldeten Juden, erst im 18. Jh. lockerten sie ihre Praxis. Im Toggenburg durften die Juden Handel treiben, aber nicht dort wohnen. In Rheineck bestand bis 1634 eine jüd. Ansiedlung. Heimatlose und Fahrende standen auf der untersten sozialen Stufe. Man verfolgte sie, griff sie in eigentl. Betteljagden auf und führte sie weg. Einzig in Sargans und Gams fanden sie gelegentlich eine Unterkunft.

Innerhalb der einheim. Bevölkerung bestanden grosse soziale Unterschiede. Die Oberschicht der Stadt S. machte um 1650 ca. 20% der Steuerzahler aus, besass aber etwa 81% des steuerbaren Vermögens. In den Dörfern war die Oberschicht aus reichen Bauern, Wirten, Müllern, Textilkaufleuten und Kapitalgebern noch dünner. Diesen stand eine grosse Mehrheit oft verschuldeter Kleinbauern und Heimarbeiter gegenüber. Die Wohlhabenden besetzten alle wichtigen polit. Ämter.

Für die Unterstützung der Armen äufnete man ab dem 16. Jh. Armenfonds. In den Städten bestanden Armen- und Pflegeheime ("Spitäler"). Bei Katastrophen wurden Sammlungen organisiert. Während der Hungersnot von 1771-72 kaufte der fürstäbt. Staat teures Getreide in Italien ein, gab es verbilligt ab und verschuldete sich dadurch massiv. Die Abwanderung Bedürftiger ist noch wenig erforscht. Punktuell ist der Wegzug aus krisenanfälligen und wirtschaftlich rückständigen Regionen nachgewiesen, etwa nach dem Dreissigjährigen Krieg ins Elsass, in die Pfalz, nach Schwaben, Bayern und Ostpreussen.

Autorin/Autor: Max Baumann

3.4 - Kirche und Religion

3.4.1 - Religiöses und kulturelles Leben im Mittelalter

Mit dem wachsenden Bedürfnis der Laien nach besserer Seelsorge gingen im 12.-13. Jh. und erneut Ende des 15. Jh. ein Ausbau des Pfarreinetzes, eine Festigung der Bistumsorganisation (Gericht, Verwaltung) sowie Reformen im Ordensklerus einher. Da die gregorian. Reform den weltl. Herren die Nutzung des Kirchensatzes grundsätzlich untersagte, gingen viele Kirchenpatronate an Klöster über. Die Kirchen der im 13. Jh. gegründeten Kleinstädte waren zuerst Filialen benachbarter Dorfkirchen und wurden erst mit der Zeit eigenständige Pfarrkirchen, manchen wie z.B. Werdenberg gelang das nie. Eine Krise des monast. Lebens im 12.-14. Jh. ist im Kloster S., anders als in den Abteien Pfäfers und St. Johann, klar zu belegen. Die Reformbewegung des 13. Jh. (Zisterzienser, Dominikaner) wurde v.a. von Ordensfrauen getragen (Magdenau, Bollingen, Wurmsbach, Wil und St. Katharinen in S.). Die benediktin. Reform wirkte sich im Kloster S. nach dem Konstanzer Konzil (1414-18) aus, endgültig aber erst unter Abt Ulrich Rösch (ab 1463). In den Städten und Dörfern übernahmen Kirchgenossen zunehmend die Verantwortung für ihre Kirche (Bau, Ausstattung, Priesterwahl, Kirchenpflege), die damit zur Stadt- (z.B. St. Laurenzen in S.) bzw. Dorfkirche (z.B. Wildhaus, Rheintaler Dörfer) wurde. Im Territorium der Fürstabtei war diese Tendenz wegen herrschaftl. Widerstands weniger stark.

Die sog. Versteinerung der Städte - an die Stelle der Holzhäuser traten zunehmend solche aus Stein - setzte erst Ende des MA und in Städtchen wie Werdenberg nur begrenzt ein. Aus Stein gebaut wurden Gebäude und Häuser der Reichen, die zunächst die Burgen des Adels imitierten. Später errichteten sie vermehrt repräsentative Landsitze ohne Wehrfunktion (z.B. Falkenburg ob S., Weinstein ob Marbach). Die Burgen zerfielen oder wurden zu Vogteisitzen. Bäuerl. und adlige Kultur wurden um 1400 von Heinrich Wittenwiler in seinem Ringepos satirisch überzeichnet. Nach der Mitte des 15. Jh. bewirkten Moden aus Burgund und Italien erste Kleidervorschriften (1468 fürstäbt. Landsatzung). Höf. Kultur und Bildung zeigte sich z.B. im Ritterfest Abt Berchtolds von Falkenstein 1270, in den Gesängen von neun Minnedichtern (u.a. stammten Gf. Kraft von Toggenburg, Heinrich von Frauenberg und Eberhard von Sax aus dem Gebiet des späteren Kantons) in der Maness. Liederhandschrift um 1300 und in der "Weltchronik" Rudolfs von Ems um 1250. Zeugnisse bürgerl. und bäuerl. Kultur sind im späten 15. Jh. z.B. das St. Galler Schützen- und Turnfest von 1485, das Familienbuch des Altstätter Ammanns Hans Vogler und die Berichte zu den Wunderwirkungen "Unserer Lieben Frau im Gatter" im Kloster S. Neben den Klöstern S., Pfäfers und St. Johann führten im SpätMA auch die Städte S., Wil, Rapperswil, Lichtensteig und Sargans Lateinschulen sowie die grösseren Dörfer (v.a. zwischen Rorschach und Sarganserland) Dt. Schulen (Elementarschulen). Studenten und später auch Professoren (u.a. Vadian) aus S. sind in wachsender Zahl in mittel- und westeurop. Universitäten zu finden. Ende des 15. Jh. verfügte die Hälfte der Kleriker im Kantonsgebiet über eine akadem. Bildung.

Autorin/Autor: Alfred Zangger

3.4.2 - Kirche und Religion in der frühen Neuzeit

Die religiös-soziale Bewegung der 1520er Jahre verlief stürmisch; das Volk und seine Anführer neigten mehrheitlich der Reformation zu. Doch der 2. Landfrieden von 1531 rekatholisierte das Fürstenland, Gaster, Uznach und Gams. Reformiert blieben die Stadt S. sowie die Herrschaften Werdenberg und Sax-Forstegg. Beide Konfessionen wurden im Toggenburg, Sarganserland und Rheintal geduldet. Im Sarganserland blieb aber nur Wartau reformiert. In den parität. Gemeinden benutzten Katholiken und Reformierte dieselbe Kirche, was gelegentlich zu Konflikten führte (Konfessionelle Parität).

Die Kath. Reform des 16. und 17. Jh. setzte beim Klerus und den Klöstern an. Zur lat. Liturgie kamen Predigten und Lieder in dt. Sprache. Kapuziner predigten von den neu gegr. Klöstern Rapperswil (1602-03), Mels (1650) und Wil (1653) aus. Die ma. Bräuche wurden weiter gepflegt, Bruderschaften, Rosenkranzgebet und Heiligenverehrung gefördert (1640-1791 erfolgten 35 Überführungen neuer Reliquien). Die barocke Sinnlichkeit in vielen neu- oder umgebauten Kirchen sollte die Religiosität fördern und die Abwehr gegen ref. Einflüsse stärken.

Auf ref. Seite stand - nach den Bilderstürmen - das Wort im Mittelpunkt, aber nicht frei interpretiert, sondern gemäss der rechtgläubigen, von der Obrigkeit vorgeschriebenen Lehre. Im 18. Jh. brachen Pietismus und Aufklärung die erstarrten Fronten dieser Orthodoxie auf. Die Reformierten im Toggenburg und unteren Rheintal wurden von der Fürstabtei in der Ausübung ihres Glaubens eingeschränkt.

Die ref. Obrigkeit strebte eine strenge Lebensführung der Untertanen an. Mod. Kleidung, Tanz, Spiel, Fasnacht und Volksfeste waren verboten, Festessen und Wirtshausbesuche wurden behindert. In den kath. Gebieten, v.a. im Süden, waren die Vorschriften lockerer. Selbst die Fürstabtei S. duldete die Fasnacht, die Kilbenen, Trink- und Tanztage. Einig waren sich beide Konfessionen bezüglich der Sonntagsheiligung und des Verbots der ausserehel. Sexualität.

Die Schule erfuhr ab Mitte des 17. Jh. auch auf dem Land eine Förderung, in parität. Gebieten allerdings nach Konfessionen getrennt. Die Pfarrer überwachten sie im Auftrag der Regierung. In der Schule wurde v.a. Lesen und Schreiben unterrichtet, ohne Klasseneinteilung, Lehrmittel und ausgebildete Lehrer. Der Schulbesuch war oft schlecht, bedingt durch die Kinderarbeit in der Landwirtschaft und Heimindustrie. Reformversuche, etwa das Modell der sog. Normalschule ab 1783 in der Fürstabtei S. mit Klassenunterricht und einheitl. Lehrbüchern, scheiterten am konservativen Widerstand.

Leonhard Straub gründete 1578 die erste Buchdruckerei in S.; die Klosterdruckerei folgte 1640. In Rorschach druckte Straub 1597 die Monatsschrift "Annus Christi", die als älteste deutschsprachige Zeitung gilt. Lesegesellschaften boten zusätzl. Lesestoff neben den kleinen Hausbibliotheken im 18. Jh. Als Schriftsteller sind v.a. Ulrich Bräker zu erwähnen, dann auch der Mönch Athanasius Gugger, Johannes Grob, Johann Ludwig Ambühl, Gregorius Grob, Josef Franz Leonhard Bernold sowie Marianne Ehrmann, eine Kämpferin für die Emanzipation der Frau.

Autorin/Autor: Max Baumann

4 - Von der Gründung des Kantons bis zur Gegenwart

4.1 - Politische Geschichte und Verfassungsentwicklung

4.1.1 - Von der Fürstabtei zum liberal-demokratischen Staat (1798-1861)

Vorangetrieben von einer ländl. Elite, konstituierten sich auf dem Gebiet des heutigen Kt. S. zu Beginn des Jahres 1798 acht kleine Freistaaten, die jedoch im April zu den Kt. Säntis und Linth der Helvet. Republik zusammengefasst wurden. Schon bald zwangen Finanzprobleme die beiden Kantone zu unpopulären Massnahmen. Am 17.9.1798 verstaatlichte die helvet. Regierung den Besitz des Klosters S., was die kath. Bevölkerung zutiefst verletzte. Die unerfüllten Hoffnungen führten bei den Anhängern der Revolution bis in den Winter zu einer Ermattung. Belastend wirkten die Besatzungskosten und der anhaltende Widerstand der einflussreichen Revolutionsgegner. Der nach Wien geflohene Fürstabt Pankraz Vorster forderte den Kaiser zur Rückeroberung der Fürstabtei S. auf. Nach dem Ausbruch des 2. Koalitionskriegs besetzte die österr. Armee im Mai 1799 die Ostschweiz, und Fürstabt Pankraz bezog wieder seine alte Residenz. Doch nach der Niederlage der Österreicher und Russen bei Zürich kehrten die Franzosen zurück. In der ausgebluteten Ostschweiz breiteten sich Elend und eine verklärende Sehnsucht nach den alten Zuständen aus.

Der Schweiz verordnete Napoleon in der Eröffnungssitzung der Consulta Ende 1802 eine föderalist. Verfassung. Die Mediationsakte von 1803 schuf neu den Kt. S. Zum Präs. der provisor. Regierung in S. ernannte Napoleon den ehemaligen fürstäbt. Landvogt Karl Müller-Friedberg. In der Verfassung blieb die rechtl. Gleichheit als revolutionäre Errungenschaft auf dem Papier erhalten. Hohe Zensusbestimmungen legten die Macht aber in die Hände der besitzenden Männer. Vordergründig bildete der Gr. Rat das höchste Organ im Kanton, doch die eigentl. Regierungsgewalt übte der neunköpfige Kl. Rat aus, der allein über das Recht zur Gesetzesinitiative sowie über die Finanzen verfügte. Um die labile Herrschaft zu stabilisieren, setzte die Regierung die Zentralisierung des Polizei-, Erziehungs-, Sanitäts- und Gerichtswesens durch. Staatsrechtlich befand sie sich in einer unangenehmen Position, da die Mediationsakte die Wiederherstellung aufgehobener Klöster garantierte. Fürstabt Pankraz weigerte sich denn auch bis zu seinem Tode 1829, auf die Landeshoheit zu verzichten. Der Gr. Rat folgte deshalb 1805 der Regierung und beschloss mit knappem Mehr die Aufhebung der Fürstabtei, worauf der Klosterbesitz rasch liquidiert wurde.

Nach der Niederlage Napoleons drohte der junge Kanton 1814 in seine Teile zu zerfallen. Volksbewegungen vom Rheintal bis ins Gasterland forderten Autonomie. Gegen die Widerstände aus den alten regierenden Orten (Schwyz, Glarus) erreichte die Regierung jedoch die Anerkennung der bestehenden Kantonsgrenzen durch die Siegermächte. Die Verfassung von 1814 orientierte sich am konfessionellen Paritätsprinzip: Der Gr. Rat bestand von nun an aus 66 Reformierten und 84 Katholiken, wobei jeder Konfessionsteil die kirchl. und schul. Angelegenheiten selbst regelte. Das Sarganserland, das den Anschluss an Glarus anstrebte, wurde 1814 durch Tagsatzungstruppen besetzt und verblieb beim Kt. S.

1830 verlangten Bürgerversammlungen in Altstätten, Wattwil und St. Gallenkappel die Beseitigung der restaurativen Ordnung. Nach hitzigen Auseinandersetzungen zwischen direktdemokrat.-religiöskonservativen und liberal-bürgerl. Kräften unter der Führung von Gallus Jakob Baumgartner hiessen die Stimmberechtigten im März 1831 die neue Kantonsverfassung mit dem Grossrat als höchstem Organ gut. Das allg. Wahlrecht wurde auf alle in bürgerl. Ehren stehenden Männer ab dem 21. Altersjahr ausgedehnt. 60% der erwachsenen Männer verfügten nun über die polit. Rechte. Weiter sah die Verfassung die Verankerung der Rechtsgleichheit, die Gewaltenteilung und die öffentl. Kontrolle von Verwaltung und Finanzen vor. Sie garantierte ferner die Presse-, Vereins-, Handels- und Gewerbefreiheit. Bleibende Spuren hinterliessen die religiös-konservativen Bewegungen vom Lande: Das männl. Stimmvolk erhielt ein eingeschränktes Vetorecht, die Wahlen folgten weiterhin dem Prinzip der Parität zwischen Katholiken und Reformierten und die Konfessionsteile verwalteten das Schul- und Ehewesen weiterhin getrennt.

Nach 1831 erhielt das Zweiparteiensystem von Konservativen und Liberal-Radikalen feste Konturen. Flugblätter, Wahlbroschüren und gedruckte Wahllisten kamen in Gebrauch. Dank des Erfolgs der Liberal-Radikalen in den Grossratswahlen von 1847 ermöglichte die Stimme des Kt. S. trotz heftigem Widerstand einiger kath. Gegenden, dass in der Tagsatzung eine knappe liberale Mehrheit der Kantone sich für die militär. Auflösung des Sonderbunds aussprach. Die Bundesverfassung von 1848 wurde in S. deutlich angenommen. Nach 1850 gewannen die Konservativen rasch an Boden. Der Kampf um die Revision der Kantonsverfassung drohte in einen Bürgerkrieg auszuarten, doch 1861 hiessen der Grossrat und die Stimmberechtigten einen Kompromissvorschlag gut. Die neue Verfassung übertrug den Religionsgemeinschaften die Besorgung ihrer kirchl. Angelegenheiten. Die konfessionellen Grossratskollegien wurden aufgehoben. Die Verflechtung von staatl. und konfessionellen Entscheidungsbefugnissen löste sich für alle Glaubensgemeinschaften auf. Nach dem Erziehungswesen gingen 1867 die Führung der Zivilstandsregister sowie 1874 die Eheschliessung und das Beerdigungswesen in die Hände des Staats über. Der Grossrat wurde nicht mehr an offenen Bezirksversammlungen gewählt, sondern in 92 Gemeindewahlkreisen. Die durch die demograf. Entwicklung überholte feste Zuteilung der Mandate nach Konfession und Bezirk fiel weg: Von nun an war auf 1'200 Einwohner ein Abgeordneter zu bestimmen. Mit der Einführung des Veto-Referendums wurden die Volksrechte erweitert.

Autorin/Autor: Max Lemmenmeier

4.1.2 - Vom Kultur- zum Klassenkampf (1861-1914)

1861 eroberte die liberal-radikale Partei drei Fünftel aller Grossratsmandate. Unter dem Eindruck der päpstl. Verurteilung des Liberalismus im "Syllabus" (1864) und im 1. Vatikan. Konzil (1869-70) verstärkten die Liberal-Radikalen ihre kulturkämpfer. Politik, indem der Grossrat nach preuss. Vorbild polit. Äusserungen auf der Kanzel unter Strafe stellte und das bischöfl. Knabenseminar in St. Georgen aufhob. Umgekehrt bekämpfte die konservative Partei in enger Verbindung mit der Kirchenleitung die Kommunalisierung der Friedhöfe und die Reduktion der Feiertage als verletzenden Eingriff in kirchl. Rechte. Zur Verteidigung des kath. Glaubens sammelten sich die konservativen Gläubigen ab 1871 im Piusverein. 1873 folgten die Mütter-, 1875 die Erziehungs- und 1899 die christlichsozialen Arbeitervereine. Die konservative Partei erreichte nach 1875 schrittweise eine grössere Vertretung im Nationalrat und widersetzte sich beharrlich der Schaffung überkonfessioneller, sog. bürgerlicher (staatlich verwalteter) Schulgemeinden, wie sie die Bundesverfassung von 1874 verlangte.

Auf Grund des raschen industriellen Wachstums trat die Soziale Frage in den Vordergrund. Der linke Flügel der Liberalen rückte deshalb von kulturkämpfer. Zielsetzungen ab und engagierte sich für die direkte Demokratie und die Sozialpolitik. Nach 1881 schlossen sich Demokraten und Konservative in ihrer Gegnerschaft zum "Aristokraten-, Plutokraten-, Eisenbahnbaronen- und Manchestertum" der liberal-radikalen Partei zu einer Allianz zusammen. Die Demokrat. und Arbeiterpartei beschloss 1888 ein vom Advokaten Josef Anton Scherrer entworfenes Programm, das den Ausbau der Volksrechte und mehr soziale Gerechtigkeit verlangte und zur Revision der Verfassung führte.

Das 1890 mit vier Fünfteln Jastimmen angenommene Grundgesetz erleichterte das fakultative Referendum, führte die Volkswahl der Regierungsräte ein und verankerte die Gesetzesinitiative. In der heftig umstrittenen Schulfrage behielt der Staat die Leitung des Unterrichts. Die beiden Mittelschulen (Kantonsschule S., Lehrerseminar Rorschach) wurden ausschliesslich aus Staatsmitteln finanziert. Wo konfessionelle Schulen bestanden, erhielten die polit. Gemeinden das Recht, sie durch Mehrheitsbeschluss zu vereinigen. Neu wies Art. 1 dem Staat die Förderung der Volkswohlfahrt zu. Daraus ergaben sich die unentgeltl. Abgabe von Lehrmitteln, die finanzielle Unterstützung der Sekundarschulen und die Erteilung von Stipendien. Ferner sollte der Staat die Gesundheitspflege verbessern, die Arbeitskraft schützen, die Landwirtschaft fördern und das Versicherungswesen ausbauen.

Demokraten und Konservative gewannen 1891 fünf der sieben Regierungsratssitze. Die Grossratswahlen ergaben aber auf Grund der Wahlordnung eine absolute Mehrheit der Liberal-Radikalen. Der Kampf der Allianzparteien richtete sich daher auf die Einführung des Proporzwahlrechts. Nach gescheiterten Versuchen 1893, 1900 und 1906 machte die erste Verhältniswahl von 1912 die Konservative Volkspartei mit 87 Mandaten zur stärksten Partei. Die geschwächten Liberalen kamen auf 86 Vertreter; sie schufen daraufhin zur Erhöhung ihrer Schlagkraft ein ständiges Sekretariat und einigten sich auf die einheitl. Bezeichnung Freisinnig-Demokrat. Partei (FDP). Die Sozialdemokraten, die sich unter der Leitung des Rorschacher Anwalts Johannes Huber 1905 mit einem marxist. Programm als Kantonalpartei konstituiert hatten, stellten elf Vertreter. In Frontstellung zur klassenkämpfer. Arbeiterbewegung kamen sich Freisinnige und Konservative näher. Das bürgerl. Zusammengehen ging mit der Pflege des Nationalgefühls einher. Das kath.-konservative Misstrauen gegenüber dem liberalen Bundesstaat wich der Vaterlandsbegeisterung.

Autorin/Autor: Max Lemmenmeier

4.1.3 - Zwischen Konfrontation und nationalem Konsens (1914-1945)

Die wirtschaftl. Belastungen des 1. Weltkriegs führten zu einer wachsenden Distanz der organisierten Arbeiterschaft zum bürgerlich regierten Staat. Trotz revolutionärer Klassenkampfrhetorik befürwortete die sankt-gall. Sozialdemokratie im Widerspruch zu ihrer Mutterpartei die Landesverteidigung. Als das demonstrative Truppenaufgebot des Bundesrats am 11.11.1918 den Landesstreik auslöste, beteiligte sich die Arbeiterschaft in den Industrieorten S., Rapperswil, Buchs, Sargans und Rorschach am Ausstand. Die bürgerl. Parteien verteidigten während des Kriegs die bestehende Ordnung. Die Konservative Volkspartei behauptete ihre Stellung dank der 1911 gegr. christlichsozialen Parteigruppe, die mit ihrem sozialreformer. Programm eine Abwanderung der kath. Arbeiter und Angestellten "nach links" verhinderte. Demgegenüber erlitten die Freisinnigen im April 1918 eine Wahlschlappe; die Zahl ihrer Mandate im Grossrat sank von 86 auf 69.

Der Landesstreik polarisierte: Auf der einen Seite stand die gestärkte Sozialdemokratie, die programmatisch am Umsturz der Eigentumsordnung festhielt, in der Praxis aber eine reformist. Linie verfolgte. Mit deutl. Mehr verwarf sie 1920 den Beitritt zur kommunist. 3. Internationale, worauf sich in Rorschach, Rapperswil, Rheineck und S. kleine Lokalsektionen der Kommunist. Partei der Schweiz bildeten. Auf der anderen Seite rückten die bürgerl. Parteien nach rechts. Zur Verteidigung des Staats gründeten freisinnige und konservative Militärs in S. eine private Bürgerwehr und bildeten gleichzeitig eine Sektion des Schweiz. Vaterländischen Verbands. Die Gegnerschaft zur "roten Gefahr" führte zu einer antisozialist. Gesinnung. V.a. die Konservativ-christlichsoziale Volkspartei verstand sich als staatstragende Kraft und bekämpfte mit der kath. Kirche alles, was mit Sozialismus und Bolschewismus in Verbindung stand.

Die geschwächte freisinnige Partei, die keine weiteren kath. Wähler verlieren wollte, willigte 1923 und 1931 in die Beseitigung der letzten Reste des Staatskirchentums ein. Da die Konfrontation mit der Linken nicht die gewünschte Wirkung zeigte, gaben die Konservativen ihren Widerstand gegen eine sozialdemokrat. Regierungsbeteiligung auf. Nachdem die Sozialdemokraten als Erben der Demokrat. und Arbeiterpartei 1925 ein drittes Nationalratsmandat erobert hatten, setzten sie fortan auf die Mitarbeit in der Regierung. Mit der 1930 erfolgten Wahl des Redaktors Valentin Keel zum Polizeidirektor folgten sie einem pragmat. Weg, der bei den Wahlen 1935 allerdings deutl. Verluste nach sich zog. Die Unzufriedenen wandten sich neuen polit. Gruppierungen zu, den Jungbauern, den Freiwirtschaftern oder dem von Gottlieb Duttweiler gegr. Landesring der Unabhängigen (LdU), die sich gegen die Herabsetzung des Lebensstandards zur Wehr setzten. 1936 eroberten die Kleinparteien 15 Sitze, 1939 gar deren 24.

Nach ersten Versammlungen der von jungen Akademikern geführten Nationalen Front im Juni 1933 entstanden diverse Ortsgruppen. Im Kampf gegen den Marxismus von den Konservativen, die gestützt auf die kath. Soziallehre u.a. in der "Ostschweiz" antiliberale, ständestaatl. Ideen vertraten, anfänglich als Bundesgenossen begrüsst, setzten die Fronten dem liberalen Individualismus Volksgemeinschaft und Führerdemokratie entgegen. Die Begeisterung verlor sich rasch und 1939 bekannten sich nur noch 200 Mitglieder zum frontist. Programm. Auf dem Höhepunkt der dt. Militärerfolge erlebten die Fronten einen neuerl. Aufschwung. Die 180 Mitglieder starke Nationale Opposition eroberte 1942 dank der Unterstützung von verunsicherten Kleingewerblern und Angestellten einen Grossratssitz.

Wahlen in die Bundesversammlung 1919-2007 (ausgewählte Jahre)
 191919391959196719711975198319911995199920032007
Ständerat
KK/CVP111111111111
FDP11111 111111
SP     1      
Nationalrat
KK/CVP666666554433
FDP544433422221
SP222222223222
Demokraten2           
LdU 1111111    
Grüne       11111
Autopartei/Freiheitspartei       11   
SVP        1345
Andere            
Total Sitze151313131212121212121212

Quellen:HistStat; BFS

Zusammensetzung des Regierungsrats 1954-2008 (ausgewählte Jahre)
 195419571960196819721976198419921996200020042008
KK/CVP333333333332
FDP333333332222
SP111111112222
SVP           1
Total Sitze777777777777

Quellen:Staatskanzlei

Kantonsratswahlen 1909-2008 (ausgewählte Jahre)
 190919121921193919451957197219881992199620042008
KK/CVP718676747789928169665533
FDP838654495060525045443223
SP61123272932212230343516
Demokraten121816         
KP/PdA  1 4       
Jungbauern   106       
LdU   651271197  
Grüne       533104
EVP      122222
Republikaner/NA/SD      7 1   
Autopartei/Freiheitspartei       71910  
SVP         144541
Andere 1387  22 11
Total Sitze172202173174178193180180180180180120

Quellen:HistStat; BFS; Staatskanzlei

Autorin/Autor: Max Lemmenmeier

4.1.4 - Stabilität und neue Strömungen (seit 1945)

Die wirtschaftl. Prosperität in den ersten Nachkriegsjahrzehnten sorgte für polit. Kontinuität. Bis auf eine kurze Unterbrechung teilten sich Freisinnige und Konservative die Ständeratsmandate, und auch die 1930 eingeführte Verteilung der Regierungsratssitze auf je drei Freisinnige und Christlichdemokraten sowie einen Sozialdemokraten hatte bis 1996 Bestand.

In den Wahlen Anfang 1945 erstarkte die Linke: Vier Vertreter der Partei der Arbeit (PdA) hielten Einzug ins Parlament. Bereits 1951 wurden sie im Zeichen des Kalten Kriegs wieder abgewählt, während die Polit. Polizei die kommunist. PdA systematisch überwachte. Nach einer Verschiebung der Kräfteverhältnisse nach rechts 1948 stellte die Konservativ-christlichsoziale Volkspartei bis 1972 fast die Hälfte der Grossratsmandate. Im polit. Alltag verteidigte sie über zwei Jahrzehnte hinweg die kath. Schulen, während der Freisinn umgekehrt deren Aufhebung forderte. Die Schulverschmelzungsinitiative von 1970 führte bis 1982 zur Beseitigung der letzten konfessionellen Schulverbände und zum Ende der kulturpolit. Polarisierung.

Mit der Umbenennung in Christlichdemokrat. Volkspartei (CVP) 1970 präsentierten sich die Konservativen neu als Kraft der dynam. Mitte. Damit verknüpft war die Abkehr von der polit. Wahrnehmung kath.-kirchl. Interessen. Dies verschaffte der CVP in den Wahlen von 1972 die absolute Mehrheit im Grossrat. Obwohl der Griff nach der Mehrheit im Regierungsrat misslang, bewahrte die CVP ihre Vormachtsstellung im Parlament bis 1984. Im Gegensatz dazu büsste der Freisinn 1972 einen Fünftel seiner Sitze ein, und die Sozialdemokratie fiel mit 21 Mandaten auf ein hist. Tief. Der sozialdemokrat. Wählerschwund, der sich aus der Verschiebung der Basis von der Industriearbeiterschaft hin zu den Angestellten, Beamten und Intellektuellen ergab, hielt bis 1988 an. Dann brachte das Engagement für Umweltschutz und Gleichberechtigung wieder mehr Sitze.

Im Zug des öffentl. Bewusstseins für Umweltprobleme bildete sich auf der linken Seite des Parteienspektrums mit den Grünen und der Kleinpartei M.U.T. eine ökolog. Bewegung, die 1984 ein, 2004 als Erbin des LdU zehn und 2008 im verkleinerten Parlament (von 180 auf 120 Sitze) fünf Mandate gewann. Gleichzeitig veränderte sich die bürgerl. Parteienlandschaft grundlegend: Stellten 1984 FDP und CVP rund vier Fünftel der Sitze im Grossrat (seit 2001 Kantonsrat), vereinten sie 2008 nicht einmal mehr die Hälfte auf sich. Als zweitstärkste polit. Kraft etablierte sich die nationalkonservative Schweiz. Volkspartei (SVP), die im Umfeld der Abstimmung zum Europ. Wirtschaftsraum 1992 reaktiviert worden war. 1996 eroberte sie 14 Sitze, 2008 deren 41, wobei sie nicht nur die Autopartei aufsog, sondern auch in ehem. CVP- und FDP-Bezirken beachtl. Wähleranteile erreichte. Der Aufstieg der SVP beruhte auf der schwindenden religiösen Bindung weiter Teile der kath. Bevölkerung und der verbreiteten Ablehnung von europ. Integration und Globalisierung.

Autorin/Autor: Max Lemmenmeier

4.1.5 - Das Pressewesen

Als erste Zeitungen nutzten für kurze Zeit das "Wochenblatt für den Kt. Säntis" und die "Schweiz. Tagblätter" die in Art. 7 der helvet. Verfassung garantierte Pressefreiheit. 1801 erschien als Inserate- und Nachrichtenblatt das "St. Galler Wochenblatt". 1803 folgte das "Kantonsblatt" (Amtsblatt) und 1806 als offiziöses Organ der Regierung "Der Erzähler".

Der Umsturz von 1831 leitete eine Kommunikationsrevolution ein. Die Presse wurde zum Organ der öffentl. Meinung und zum Instrument im Kampf um die Wählergunst. Die grosse Zahl liberal-radikaler Blätter legte den Grundstein zu den freisinnigen Wahlsiegen. Als Organ des Kath. Vereins erschien 1835 "Der St. Gall. Wahrheitsfreund". Das 1839 gegr. "Tagblatt der Stadt S." (seit 1910 "Sankt Galler Tagblatt"), das sich im Untertitel "Organ des vernünftigen ruhigen Fortschritts" nannte, erreichte kantonsweit die grösste Auflage. Die Liberal-Radikalen bauten ihre Presse weiter aus, u.a. mit dem "Rorschacher Wochenblatt" (1846) und dem "Oberländer Anzeiger" (1862). Zugleich entstanden kath.-konservative Zeitungen wie das "Neue Tagblatt aus der östl. Schweiz" (1856), das 1874 durch das Zentralorgan "Die Ostschweiz" (1874) abgelöst wurde. Um 1930 bestanden rund 30 Gesinnungsblätter, die an 22 versch. Orten herausgegeben wurden. Trotz wirtschaftl. Schwierigkeiten und dem langsamen Zerfall der polit.-sozialen Milieus hielten sich die meisten Zeitungen bis in die 1970er Jahre. Die 1911 erstmals erschienene, sozialdemokrat. "Volksstimme" (ab 1970 "Ostschweizer AZ") stellte 1996 ihr Erscheinen ein. Nur ein Jahr später verschwand "Die Ostschweiz". Neben einigen wenigen kleinen Zeitungen dominierte 2008 im Nordteil des Kantons das "St. Galler Tagblatt", im Südteil die "Südostschweiz".

Autorin/Autor: Max Lemmenmeier

4.2 - Staatstätigkeit

4.2.1 - Gebietseinteilung, Behörden und Verwaltung

Der neue Kanton entstand 1803 aus der Verschmelzung der nach der Wiederherstellung der Kt. Glarus und Appenzell übrig gebliebenen Teile der helvet. Kantone Linth und Säntis. Er umfasste zwölf Gebiete. Nachdem er 1803 in acht Bezirke als Einheiten der Verwaltung und Rechtspflege sowie 44 Wahlkreise eingeteilt worden war, erhöhte sich 1831 die Zahl der Bezirke, die gleichzeitig als Amts-, Wahl- und Gerichtsbezirke dienten, auf 15. Die Gem. bildeten 1861-1912 die Wahlkreise. Nach der Erweiterung der Stadtgemeinde S. 1918 reduzierte sich die Zahl der Bezirke auf 14, die 2003 von acht Wahlkreisen, den Regionen S., Rorschach, Rheintal, Werdenberg, Sarganserland, See-Gaster, Toggenburg und Wil, abgelöst wurden.

Die gesetzgebende Gewalt liegt beim Grossrat, der seit 2001 Kantonsrat heisst. 1803 besass das Parlament 150 Mitglieder, ab 1861 kam auf 1'200 Einwohner ein Abgeordneter, was die Vertreterzahl bis 1960 auf 204 ansteigen liess. Dann erfolgte eine Begrenzung auf 180 Mitglieder, seit 2008 auf 120. Neben dem Grossrat bestanden in Kirchen-, Ehe- und Schulsachen 1814-61 ein kath. und ein evang. Grossratskollegium. Die exekutive Gewalt übt der Regierungsrat mit sieben Mitgliedern aus, der sich bis 1831 als Kl. Rat aus neun Mitgliedern zusammensetzte.

Zu den wichtigsten Tätigkeitsbereichen des Staats zählten 1803 die Rechtspflege, das Militärwesen und die Ausübung der Regalrechte. Auch im Bau-, Erziehungs- und Sozialwesen nahm er Aufgaben wahr, überliess den Vollzug seiner Anordnungen aber grösstenteils den Gem. oder privaten Trägerschaften. Einen ersten Ausbau der staatl. Aktivität brachte nach 1890 der Wandel vom Rechts- zum Wohlfahrtsstaat. Die stärkste Intensivierung der Staatstätigkeit setzte nach 1945 ein, als Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum neue Herausforderungen stellten. Die Zahl der Kantonsbeamten und -angestellten erhöhte sich von 2'000 Personen 1945 auf 15'402 Personen 2007, darunter viele Teilzeitbeschäftigte. Der grösste Teil der kant. Angestellten - der Beamtenstatus wurde 1996 abgeschafft - arbeitet im Gesundheitsbereich, gefolgt von der allg. Verwaltung und dem Bildungswesen. Der Kt. S. gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Regio Bodensee, die das Ziel einer engen nachbarschaftl. Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg verfolgt.

Autorin/Autor: Max Lemmenmeier

4.2.2 - Erziehungswesen

Das Erziehungsgesetz von 1804 unterstellte das Schulwesen staatl. Oberaufsicht. Für die Lehrerausbildung richtete der kath. Konfessionsteil 1835 ein Seminar mit einer zweijährigen Berufsbildung ein, das eine Abteilung der Kath. Kantonsschule in S. bildete, während die ref. Lehrer das kant. Seminar im thurg. Kreuzlingen besuchten. Das erste gemeinsame Lehrerseminar entstand 1856 als Abteilung der im gleichen Jahr gegründeten, konfessionell gemischten Vertragskantonsschule. Es ging 1864 im staatl. Lehrerseminar Mariaberg in Rorschach auf.

Trotz Anstrengungen verharrte die Volksschule auf dem Land bis 1830 auf dem Stand des Ancien Régime. Der Unterricht in den konfessionell getrennten Schulen beschränkte sich neben Lesen, Schreiben und Rechnen auf die Tugend- und Glaubenslehre. In vielen Gem. liess der Schulbesuch zu wünschen übrig, und der Zustand der Schulräume war erbärmlich. Erste Reformen setzten 1833 ein, als die liberalen Katholiken im kath. Grossratskollegium und im Erziehungsrat die Mehrheit erlangten. Der Schulstoff wurde säkularisiert: Die sog. Vaterlandskunde diente der Erziehung der Kinder zu patriotisch gesinnten Staatsbürgern, der Realienunterricht (Geografie, Naturkunde) förderte das wissenschaftl. Denken. Nach 1841 verebbten die Bemühungen. Erst die Gründung der Vertragskantonsschule 1856 setzte neue Akzente. An die Stelle des 1809 ins Leben gerufenen Kath. Gymnasiums und des 1598 geschaffenen Evang. Stadtgymnasiums trat eine konfessionell gemischte Staatsschule im Dienst der kant. Einheit.

1862 wurde die Volksschule dem neu errichteten Erziehungsdepartement unterstellt, ohne die konfessionelle Trennung der Schulverbände aufzuheben. Obwohl ab 1890 Art. 27 der Bundesverfassung die Vereinigung der konfessionellen zu staatl. Schulgemeinden durch Mehrheitsbeschluss vorsah, blieb die Wirkung der Neuregelung bis 1960 gering. Danach wurden die konfessionellen Schulgemeinden rasch aufgehoben.

Trotz regelmässiger staatl. Beiträge an die Schulgemeinden ab 1890 und der kostenlosen Abgabe von gedruckten Unterrichtsmitteln verbesserten sich die Verhältnisse in der Grundschule nicht im gewünschten Mass. Die sankt-gall. Primarschulen wiesen die höchsten Klassenbestände der Schweiz auf. Bis nach dem 2. Weltkrieg existierten viele Dreiviertel- und Halbjahresschulen, was zu grossen Qualitätsunterschieden führte. Staatl. Unterstützung erhielten nach 1890 auch die kaufmänn.-gewerbl. Fortbildungs- und die Realschulen. Die Sekundarlehrerausbildung, die 1867 als einjähriger Kurs an der Kantonsschule eingerichtet worden war, erweiterte die Regierung 1893 auf drei und 1909 auf vier Semester und stellte sie auf eine einheitl., fachwissenschaftl.-pädagog. Grundlage.

In der 2. Hälfte des 20. Jh. verdoppelte sich die Zahl der Absolventen der Sekundarschulen, diejenige der Mittelschulen erhöhte sich um das Sechsfache. Der Ausbau der Mittelschulen begann 1961 mit der Errichtung der Zweigschule Sargans. 1964 folgte die Einweihung des Ergänzungsbaus der Kantonsschule S., 1970 die Eröffnung der Kantonsschule Wattwil, 1975 diejenige von Heerbrugg und 2002 jene der interkant. Mittelschule Wil. Als Fachschulen nahmen 1970 das Technikum Buchs und die Höhere Wirtschafts- und Verwaltungsschule S. sowie 1972 das von Schwyz, Zürich (2008 aus dem Vertrag ausgetreten), Glarus und S. getragene Technikum Rapperswil ihre Tätigkeit auf. Nach 1998 wurden sie zu Fachhochschulen aufgewertet. Eine Aufwertung erfuhr auch die 1898 als Handelsakademie gegr. Handelshochschule, die 1976 an den Kanton überging. Die 1963 in Hochschule S. für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften umbenannte und international anerkannte Institution erhielt 1995 als grösste schweiz. Hochschule im Bereich der Wirtschaftswissenschaften den Titel Universität Sankt Gallen.

Autorin/Autor: Max Lemmenmeier

4.2.3 - Sozial- und Gesundheitspolitik

Für die Armenunterstützung waren wie im Ancien Régime zunächst die Ortsbürgergemeinden zuständig. 1835 schränkte die Regierung die Unterstützungspflicht nach engl. Vorbild rigoros ein. Arbeitslose blieben ausgeschlossen und wirtschaftlich in Not geratene Menschen wurden ausgegrenzt, da ihre Armut nach liberaler Vorstellung persönl. Verschulden entsprang. Zudem setzte man das schon 1804 verfügte Bettelverbot mit harten Strafen durch. Die Behörden förderten den Bau von Armenanstalten, welche die Insassen mit strenger Arbeit zu brauchbaren Mitgliedern der bürgerl.-industriellen Gesellschaft erziehen sollten. Um 1850 besassen gegen 80% der Gem. Armenhäuser, in denen Alte, Gebrechliche, Waisen, Irre und Alkoholkranke unter oft erbärml. Zuständen lebten. Im Zug der Industrialisierung und Verstädterung wurde die Arbeitslosigkeit als soziales Problem erkannt und die Arbeitslosenfürsorge von der Armenpflege abgetrennt. 1894 erliess der Grossrat ein Gesetz, das den Gem. die Einführung einer obligator. Arbeitslosenversicherung gestattete. Parallel dazu wurde die Armenpflege humaner. Das Einsperren unterschiedl. Gruppen im Armenhaus nahm ein Ende. Spezialanstalten für Waisen, schwer erziehbare Jugendliche oder Alte wie die 1869 durch den kath. Konfessionsteil für verwahrloste Kinder eröffnete Kath. Rettungsanstalt Thurhof oder die 1894 gegr. Besserungsanstalt für Knaben in Oberuzwil entstanden. 1896 gliederte die Ortsbürgergemeinde S. die Armen- und Arbeitsanstalt aus der Altersversorgung aus, und 1906 verbot ein Gesetz die Aufnahme von Kindern ins Armenhaus.

1803 übertrug die Regierung die medizin. Patentierung einem Sanitätskollegium, das die Zulassungsprüfungen für angehende Mediziner abnahm. Zugleich erhielten die akademisch gebildeten Ärzte als alleinige Experten die Oberaufsicht über das gesamte medizin. Personal. Die öffentl. Institutionen des Gesundheitswesens wurden nach und nach erweitert: 1838 wurde eine private Entbindungsanstalt für arme Schwangere (1847 verstaatlicht), 1847 die Irren-, Heil- und Pflegeanstalt im aufgehobenen Kloster Pfäfers, 1873 das Kantonsspital S., 1892 die psychiatr. Klinik in Wil und 1909 das Tuberkulosesanatorium Walenstadtberg eröffnet. Hinzu kamen staatlich unterstützte Gemeinde- und Bezirkskrankenhäuser, die zwischen 1867 und 1901 in Altstätten, Niederuzwil, Thal, Walenstadt, Wattwil, Flawil, Uznach, Grabs und Rorschach gebaut wurden. Den grössten Entwicklungsschub erfuhr das Gesundheitswesen in den Jahren 1950-70, in denen rund 250 Mio. Fr. in die chirurg. Klinik des Kantonsspitals (1956), das Ostschweiz. Säuglingsspital (1966) und die Regionalspitäler investiert wurden. 1953-98 nahm die durchschnittl. Aufenthaltsdauer eines Patienten im Kantonsspital von 23 auf neun Tage ab. Dies führte ab 1980 zu Überkapazitäten, so dass die Spitalbettenzahl gesenkt werden musste. Versuche, Regionalspitäler zu schliessen, scheiterten aber am Widerstand der Bevölkerung.

Autorin/Autor: Max Lemmenmeier

4.2.4 - Wehrwesen

Die Verfassung von 1803 sah vor, dass jeder im Kanton wohnhafte Schweizer Dienst zu leisten hatte. Für die notwendige Bewaffnung und Uniformierung war jeder Wehrmann selbst zuständig. Entsprechend bunt und mangelhaft fiel die Ausrüstung aus. Für das Bundeskontingent musste S. 1'315 Mann stellen. 1817 wurde dieses Kontingent auf 2% der Bevölkerung erhöht.

Nach dem liberalen Umschwung sorgte der Staat für die Uniform, während der Soldat das Gewehr weiterhin selbst anzuschaffen hatte. Nach wie vor blieb die Ausrüstung der Truppen mangelhaft. Die Rekrutenschule wurde zentral in der alten Kaserne in S. absolviert und förderte die Integration der Bürger in den jungen Kanton. Nach 1848 blieben Finanzierung und Ausrüstung der Armee eine kant. Angelegenheit, obschon der Bund einen Teil des Kriegsmaterials lieferte. Die endgültige Zentralisierung erfolgte erst 1874 mit der Revision der Bundesverfassung. 1877 löste ein Neubau im Westen der Stadt S. die alte Kaserne ab.

Autorin/Autor: Max Lemmenmeier

5 - Von den Anfängen einer bürgerlich-industriellen Gesellschaft bis zur Gegenwart

5.1 - Bevölkerung und Siedlung

1803 nahm S. bezüglich der Einwohnerzahl hinter den Kt. Zürich, Bern und Waadt die vierte Stelle ein. Bis 1870 wuchs die sankt-gall. Bevölkerung pro Jahr durchschnittlich um 0,6% (gesamte Schweiz 0,8%). Bei einer hohen jährl. Geburtsrate von 28-36o/oo und einer gleichzeitig hohen Sterblichkeit von 29-31o/oo resultierte ein mässiger Geburtenüberschuss. Neben dem natürl. Wachstum erzielte S. nach 1840 dank der industriellen Entwicklung im nördl. Teil auch Wanderungsgewinne. 1816-17 kam es zur letzten Hungerkrise, in der über 8'000 Personen starben. Um die Zunahme der Armen (8% der Einwohner) zu unterbinden, erliess der Gr. Rat 1818 ein restriktives Ehegesetz, dessen Einfluss auf die Heiratshäufigkeit gering blieb.

Bevölkerungsentwicklung 1850-2000
JahrEinwohnerAusländer-anteilAnteil KatholikenAnteil ProtestantenAlters-struktur (Anteil >59)ZeitraumGesamt-zunahmeaGeburten-überschussaWanderungs-saldoa
1850169 6251,9%62,1%37,8% 1850-18605,8o/oo3,8o/oo2,0o/oo
1860180 4113,3%61,4%38,5%7,6%1860-18705,6o/oo4,7o/oo0,9o/oo
1870190 6743,5%60,8%39,0%8,2%1870-18809,8o/oo6,2o/oo3,6o/oo
1880209 7195,9%60,0%39,6%8,5%1880-188810,6o/oo7,9o/oo2,7o/oo
1888228 1747,9%59,3%40,4%9,0%1888-19007,7o/oo8,0o/oo-0,3o/oo
1900250 28511,4%60,1%39,6%9,3%1900-191019,3o/oo11,3o/oo8,0o/oo
1910302 89617,6%60,9%38,4%8,3%1910-1920-2,5o/oo7,6o/oo-10,1o/oo
1920295 54311,4%59,0%40,2%9,3%1920-1930-3,2o/oo6,7o/oo-9.9o/oo
1930286 3629,3%58,8%39,9%11,7%1930-19410,0o/oo4,2o/oo-4,2o/oo
1941286 2016,3%58,9%39,8%14,5%1941-19508,6o/oo8,9o/oo-0,3o/oo
1950309 1069,4%59,6%39,5%15,5%1950-19609,4o/oo8,8o/oo0,6o/oo
1960339 4899,7%61,9%37,2%15,9%1960-197012,5o/oo10,4o/oo2,1o/oo
1970384 47515,3%63,7%34,7%16,3%1970-19801,9o/oo4,9o/oo-3,0o/oo
1980391 99513,3%61,0%34,4%18,1%1980-19908,7o/oo4,9o/oo3,8o/oo
1990427 50116,9%58,0%32,2%18,3%1990-20006,1o/oo3,9o/oo2,2o/oo
2000452 83720,1%52,3%28,3%19,0%    

a mittlere jährliche Zuwachsrate

Quellen:HistStat; eidg. Volkszählungen; BFS

Dank des Aufschwungs der Maschinenstickerei rückte S. nach 1865 zu den führenden Industriekantonen auf. 1870-1910 lag die durchschnittl. Zunahme der Bevölkerung pro Jahr mit 1,5% deutlich über dem Landeswert von 1%. V.a. in den nördl. Industriebezirken lebten immer mehr Menschen, während sich die landwirtschaftl.-heimindustriellen Gegenden im Süden (Gaster, Sargans, oberes Toggenburg) gegenläufig entwickelten. In 38 von 93 Gem. stagnierte oder nahm die Einwohnerzahl ab. Aus diesen Gebieten stammte ein Grossteil der Auswanderer: 1844-90 suchten über 15'000 Personen in Übersee eine neue Heimat. Das Wachstum beruhte zum einen auf sinkenden Sterberaten bei gleichzeitig überdurchschnittl. Heirats- und Geburtenziffern, die mit leichter Verzögerung dem Konjunkturzyklus der Stickerei folgten. Zum anderen ergaben sich hohe Wanderungsgewinne. Zwar lag der Kt. S. 1910 mit einem Ausländeranteil von 17,6% in der schweiz. Rangliste nur auf Platz sieben, in den Bez. Tablat, Rorschach und S. machten diese aber rund einen Drittel der Bevölkerung aus. Die grössten Kolonien stellten die Deutschen (45%), Italiener (34%) und Österreicher (18%).

1914-41 führte die Stickereikrise zu einem Bevölkerungseinbruch, dann folgte bis 2000 eine kontinuierl. Zunahme. 1960 rutschte S. hinter dem Aargau auf die fünfte Position in der Rangliste der bevölkerungsstärksten Kantone ab. Von der Krise nach 1914 besonders hart getroffen wurde die Hauptstadt, die einen Sechstel ihrer Einwohner verlor und während Jahrzehnten an diesem Aderlass litt. Parallel zur schweiz. Entwicklung sank der Anteil der Ausländer im Kanton von 17,5% 1914 auf 6,3% 1941.

Nach 1945 folgte das Bevölkerungswachstum der Konjunktur: Die hohen Wachstumsraten 1941-70, die unter dem schweiz. Mittel lagen, wurden bis in die 1980er Jahre durch eine Stagnationsphase abgelöst. Danach nahm die Bevölkerungszahl wieder zu. Die Zunahme beruhte einerseits auf einem anhaltenden Geburtenüberschuss, andererseits auf dem Zustrom von ausländ. Arbeitskräften und Flüchtlingen. Obwohl die Geburtenraten ab Ende der 1960er Jahre stark nach unten tendierten, erzielte der Kanton bei weiter rückläufigen Sterbeziffern regelmässig ein natürl. Wachstum, seit 1995 v.a. dank der Geburten innerhalb der jüngeren Ausländerbevölkerung. Der Anteil der Ausländer belief sich 2000 auf rund 20%, wobei zwei Fünftel davon aus Ex-Jugoslawien, 18% aus Italien und 10% aus Deutschland stammten.

Am stärksten wuchsen bis 1970 die Bez. S., Wil, Rorschach und See, am schwächsten die Region Toggenburg. Die Zunahme konzentrierte sich auf Industrieorte und Städte, wobei Gem. mit einer zukunftsträchtigen Industrie v.a. expandierten. Ein einmaliger Bauboom, der in seinem Volumen die Bautätigkeit ganzer früherer Jahrhunderte übertraf, veränderte das Landschaftsbild. In der Hauptstadt wurden 1950-65 rund 400 Häuser abgebrochen und 780 neu erstellt. Im letzten Viertel des 20. Jh. verlor die Stadt S. als Folge der Abwanderung ins Grüne über 10% ihrer Einwohner. Das Toggenburg litt weiter unter dem Niedergang der Textilindustrie, während das Linthgebiet und die Umgebung von Wil am meisten zulegten, weil sie von der Nähe zum Wirtschaftsraum Zürich profitierten.

Autorin/Autor: Max Lemmenmeier

5.2 - Wirtschaft und Verkehr

Um 1800 gehörte das Toggenburg zu den bedeutendsten Heimindustrieregionen. Handspinnerei und -stickerei wurde saisonal auch im Fürstenland und im unteren Rheintal betrieben. Demgegenüber lebte die Bevölkerung im oberen Rheintal sowie im Sarganser- und Gasterland von der Landwirtschaft. Nach 1865 setzte mit der Mechanisierung der Stickerei ein rasanter Aufschwung ein, der v.a. das Fürstenland, untere Toggenburg und untere Rheintal erfasste. 1910 arbeiteten 61% der Beschäftigten im 2. Sektor, davon rund zwei Drittel in der Textilindustrie. Die darauffolgende Krise der Stickerei vernichtete bis 1941 rund 30'000 Arbeitsplätze. Erst nach 1945 erholte sich S. langsam von der schweren Depression. Bis in die 1970er Jahre stand der industrielle Ausbau - v.a. in der Textil- und Maschinenindustrie - im Vordergrund, dann begann verspätet die Tertiarisierung, die bis zu Beginn des 21. Jh. hinter dem Landesmittel zurückblieb.

Erwerbsstruktura
Jahr1. Sektor2. Sektor3. SektorbTotal
186034 38236,9%42 44145,5%16 44217,6%93 265
1870c33 96637,5%45 89950,6%10 76111,9%90 626
1880c30 84229,7%59 06956,8%14 01713,5%103 928
188828 35926,1%59 24854,5%21 03719,4%108 644
190028 70123,0%72 51458,2%23 37418,8%124 589
191026 61617,4%93 68061,3%32 58321,3%152 879
192029 68021,1%73 87452,6%36 92626,3%140 480
193025 86819,4%67 10050,2%40 58330,4%133 551
194126 84820,3%63 03247,6%42 47732,1%132 357
195022 84516,7%70 15051,2%43 91932,1%136 914
196018 38312,2%84 33656,0%47 92231,8%150 641
197015 9179,0%94 00553,2%66 86137,8%176 783
198013 0347,1%85 12646,5%84 89046,4%183 050
199010 1564,7%82 80538,5%122 22356,8%215 184
2000d8 4163,6%69 93829,9%155 63766,5%233 991

a bis 1960 ohne Teilzeitangestellte

b Residualgrösse einschliesslich "unbekannt"

c ortsanwesende Bevölkerung

d Die Beschäftigtenzahlen der Volkszählung 2000 sind wegen der grossen Zahl "ohne Angabe" (31 037) nur begrenzt mit den vorhergehenden Daten vergleichbar.

Quellen:HistStat; eidg. Volkszählungen

Autorin/Autor: Max Lemmenmeier

5.2.1 - Landwirtschaft

Um 1800 bestanden zwei Landwirtschaftszonen: In den Bez. Sargans, Werdenberg, Gaster und Obertoggenburg dominierten Alpwirtschaft und Viehzucht. Im unteren Toggenburg und der Alten Landschaft von Wil bis Rorschach herrschte der Ackerbau in der Dreizelgenwirtschaft vor. Der Übergang zur individuellen Bewirtschaftung war 1870 abgeschlossen. Der Loskauf der feudalen Bodenlasten wurde nach 1804 umgesetzt. Die öffentl. Weiderechte wurden 1807 aufgehoben und der Ertrag durch vermehrte Düngung und die Fruchtfolge von Kartoffeln, Sommerkorn, Klee, Korn und Hafer erhöht. Im Rheintal dienten um 1850 zwei Drittel der Ackerfläche dem Maisanbau.

Mit der Integration in den Weltmarkt verschwand der schon vorher rückläufige Getreidebau fast vollends. 1905 waren nur noch 2% des bewirtschafteten Bodens Ackerland. Der Rindviehbestand verdoppelte sich 1945-75 und erhöhte sich bis 1980 auf über 200'000 Tiere. Auch die Milchwirtschaft und die Käsereien gewannen an Bedeutung. S. blieb ein Gras- und Viehwirtschaftsgebiet. Um 1900 begann die Mechanisierung: 15% der Höfe verwendeten von Pferden gezogene Mähmaschinen und Heuwender. Nach dem Siegeszug des Traktors übernahmen bis 1975 auch in Hanglagen die sog. Ladetransporter die schwere körperl. Arbeit.

Hatte um 1850 die Hälfte der Bevölkerung von der Landwirtschaft gelebt, sank die Zahl der Beschäftigten im 1. Sektor bis 1900 auf 23%. Dieser Anteil blieb bis zur Hochkonjunktur der Nachkriegszeit konstant, dann brach er ein: Von den 17'156 sankt-gall. Betrieben von 1939 war 1996 nur noch ein Drittel übrig. Im drittgrössten Landwirtschaftskanton nach Bern und Luzern lebten 2000 noch 4% der Bevölkerung in einem landwirtschaftl. Haushalt, und der Anteil des Agrarsektors am kant. Volkseinkommen sank unter 2%. 1975 brachte der flächenmässig im Vergleich zu 1945 nun im Durchschnitt doppelt so grosse Landwirtschaftsbetrieb eine dreifache Milchmenge und eine fast vierfache Ackerproduktion in den Handel, wobei seither Einmann- oder Ehepaarbetriebe die Regel sind. Nachdem Umweltschäden eingetreten waren, sah das kant. Gesetz über die Abgeltung ökolog. Leistungen (1991) Ausgleichszahlungen vor, über die bis 1994 5'400 Verträge zustande kamen. 1988 stellten fünf Pilotbetriebe auf die Integrierte Produktion um, 1998 hatten bereits 82% der Höfe die Anerkennung für integrierte oder biolog. Produktion erhalten.

Autorin/Autor: Max Lemmenmeier

5.2.2 - Industrie, Handwerk und Gewerbe

Um 1800 lebte rund ein Fünftel der Bevölkerung von der Textilindustrie, deren Handelszentrum S. war. 1801 wurde im ehem. Kloster S. die erste mechan. Spinnerei der Schweiz eingerichtet. Die frühen Betriebe verlagerten sich nach 1816 an die Flüsse und Bäche, um die Wasserkraft zu nutzen. Nach engl. Vorbild bauten die Unternehmer im Gaster, Toggenburg und Fürstenland moderne Fabriken, darunter als Musterbetrieb die Spinnerei am Uznaberg (1833-36). Obwohl sich die Spindelzahl 1814-53 verdoppelte, standen nur 15% der schweiz. Spindeln in S. (45% im Kt. Zürich). Mit der Mechanisierung der Spinnerei gewann die Weberei an Bedeutung. Ab 1835 entwickelte sich die Toggenburger Buntweberei, die v.a. Kleiderstoffe für das Osman. Reich herstellte, zu einer der wichtigsten Exportindustrien der Schweiz. Rund 60 Fabrikationsfirmen von Wildhaus bis Mörschwil beschäftigten über 15'000 Personen. In der Heim- und Fabrikindustrie arbeitete um 1860 rund ein Viertel der Beschäftigten. Der Industrialisierungsgrad entsprach dem schweiz. Durchschnitt.

Zwischen 1865 und 1914 verdoppelte sich auf Grund der Mechanisierung der Stickerei die Zahl der Berufstätigen im 2. Sektor. In den Boomjahren 1865-76 nahmen zahlreiche Fabriken ihren Betrieb auf; die Stickerei wurde zum wichtigsten Exportzweig der Schweiz. Zunächst ersetzte die Handstickmaschine die reine Handarbeit, wobei sich die Zahl der Maschinen von 650 (1865) auf 10'630 (1890) erhöhte. Danach folgte die Umstellung auf die Schifflistickerei mit Motorenantrieb, die auf der techn. Erfindung des Oberuzwiler Webereileiters Isaak Gröbli beruhte. Schliesslich verwendete man durch Lochkarten gesteuerte Automaten. Von den Handstickmaschinen standen 1910 rund 80% bei Einzelstickern. Erst mit dem Übergang zur Schiffli- und Automatenstickerei entstanden Grossbetriebe wie die Feldmühle AG in Rorschach, die 1905 über 1'000 Menschen beschäftigte. Im Gegensatz zum Kt. Zürich verharrte S. in einer für Entwicklungsgebiete typ. Industrieproduktion mit wenig Kapital und vielen unqualifizierten Arbeitskräften. Nur 5% der Beschäftigten im 2. Sektor arbeiteten 1910 in der kapitalintensiven Maschinenindustrie mit hoher Bruttowertschöpfung.

Die industrielle Umwälzung wirkte sich nachteilig auf das traditionelle Handwerk aus. Die Schuhmacher z.B. verlegten sich auf die Flickarbeit und den Handel mit gefertigten Schuhen. Ihre Zahl schrumpfte 1870-1910 um 60%. Im Kleider- und Haushaltwarenhandel ersetzten Warenhäuser handwerkl. Massarbeit und Kleinverkauf. Insgesamt profitierte das Gewerbe jedoch vom Wachstum der exportorientierten Textilindustrie, auch wenn der Anteil der Selbstständigen an den Beschäftigten in Gewerbe und Handel zwischen 1888 und 1910 zurückging.

Während die Zahl der im schweiz. Industriesektor Beschäftigten zwischen 1910 und 1941 um einen Viertel anstieg, sank sie in S. in derselben Periode um mehr als einen Drittel. Der 1. Weltkrieg, internat. Konkurrenz und neue Modetrends hatten zum Niedergang der Stickerei geführt. Die Exporte verminderten sich von 200 Mio. Fr. 1913 auf 12 Mio. Fr. 1935. V.a. das Rheintal, Fürstenland und Toggenburg litten unter der Krise, während im weniger industrialisierten Südteil das Gewerbe seine Arbeitskräfte halten konnte. Von den rund 45'000 Arbeitsplätzen in der Stickerei um 1910 waren dreissig Jahre später noch 3'302 übrig. 1923-43 legte die Stickerei-Treuhand-Genossenschaft 6'688 Handstick- und 1'581 Schifflistickmaschinen sowie 1'101 Automaten still. Die Industriekrise wirkte sich auf das Handwerk und Gewerbe unterschiedlich aus: Das Baugewerbe sowie Betriebe der Nahrungsmittelverarbeitung, der Bekleidungsbranche und der Wagnerei spürten sie massiv. Umsatzeinbussen verzeichnete auch der Detailhandel.

Der Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit erfasste S. leicht verzögert. Das durchschnittl. nominale Volkseinkommen pro Kopf wuchs 1950-2000 um den Faktor neun, blieb aber immer rund 15% unter dem schweiz. Mittel. In der entsprechenden Rangliste der Kantone bewegte sich S. zwischen der 16. und 18. Stelle. Bis 1970 legte der 2. Sektor dank der Textilbranche, der Metallverarbeitung und des Maschinenbaus an Bedeutung zu, dann mündete die Konjunktur in eine weltweite Krise. Die jährl. Bauinvestitionen, die sich zwischen 1955 und 1973 nominal verneunfacht hatten, schrumpften bis 1977 um rund 600 Mio. Fr. auf 1,8 Mrd. Fr. Nach einer nochmaligen Steigerung stagnierte das Auftragsvolumen ab 1989 auf einem hohen Niveau von rund 2,8 Mrd. Fr. jährlich. Trotz doppelt so hohen Investitionen beschäftigte das Baugewerbe 2009 eine kleinere Zahl an Arbeitern als 30 Jahre zuvor. In der Textil- und Bekleidungsindustrie, die unter den Druck der Konkurrenz aus Billiglohnländern geriet, sank die Zahl der Arbeitskräfte zwischen 1965 und 2008 von 26'728 auf 2'750 Personen. Renommierte Textilfirmen verschwanden oder verlagerten Teile ihrer Produktion nach Osteuropa und China. Mittels Modernisierung des Maschinenparks und Beschleunigung der Produktionsabläufe wurden die Betriebe rationalisiert. Die Alcan Rorschach AG z.B. erarbeitete im Vergleich zu 1974 mit einem um 40% gesenkten Personalbestand 1998 einen doppelt so hohen Umsatz.

Autorin/Autor: Max Lemmenmeier

5.2.3 - Dienstleistungen

Im 3. Sektor fanden um 1870 12% aller Berufstätigen ein Einkommen. Diese Quote stieg kontinuierlich, blieb jedoch stets unter dem Landesmittel. 1980 machte sie 45% aus und erst 1990 übertraf sie diejenige des 2. Sektors. 2009 lag der Wert bei 60%.

Nach Anfängen in den Bade- und Luftkurorten Ragaz (1869) und Amden (ab 1901) wandelte sich der Tourismus im oberen Toggenburg und in der Region Sarganserland-Walensee zum Haupterwerbszweig. 1945 begann im Sarganserland der Skiliftbau; bis 1967 entstanden dort 28 tourist. Beförderungseinrichtungen, 1984 waren es mehr als 50. Parahotellerie, die Unterkunft im eigenen Ferienhaus und der aufkommende Tagestourismus ergänzten die traditionellen Angebote. Bis zum Beginn der 1970er Jahre nahmen die Übernachtungen kantonsweit ständig zu, dann folgte ein Einbruch. Nach einer kurzen Erholung in den 1980er Jahren führten internat. Konkurrenz und Kostendruck zu einem neuerl. Rückgang der Logiernächte, die sich in den 90er Jahren bei rund einer Million Übernachtungen pro Jahr einpendelten. Kantonsweit bot der Tourismus 2007 rund 4% aller Arbeitsplätze an und erbrachte rund 3% der kant. Wertschöpfung.

Im Bankwesen wurden nach ersten Privatbanken wie der 1741 gegr. Speditionsfirma Zyli (später Wegelin & Co.) bis 1866 22 Sparkassen eröffnet, so dass 1890 auf jede zweite Person in S. ein Sparheft kam. Als private Aktienbank für Notenausgabe nahm 1837 die Bank in S. ihren Betrieb auf, bis sie 1907 mit der Schweiz. Kreditanstalt fusionierte. Während nach dem Vorbild des franz. Crédit Mobilier 1856 als erste Grossbank die Dt.-Schweiz. Creditbank in S. tätig wurde, gründeten Landwirtschaft und Gewerbe eine Reihe von Lokalbanken, so 1854 die St. Gall. Creditanstalt mit Sitz in S., in Lichtensteig 1863 die Toggenburger Bank, die sich 1912 mit der 1863 gegr. Bank in Winterthur zur Schweiz. Bankgesellschaft zusammenschloss, sowie in Uznach 1848 und Rapperswil 1865 eine Leihbank. Die 1868 geschaffene Kantonalbank war die wichtigste Hypothekarbank. Aufgrund der Kapitalknappheit auf dem Land gründeten 1901-13 dörfl. Honoratioren zahlreiche Genossenschaftsbanken. 1920 eröffnete der Verband Schweiz. Darlehenskassen (Raiffeisenkassen) in S. eine eigene Zentralkasse, 1936 verlegte er seinen Zentralsitz nach S. Die christlichsoziale Arbeiterbewegung kopierte das System Raiffeisen, und 1905 schlossen sich deren Kassen zur Genossenschaftsbank S. zusammen.

Im 20. Jh. expandierte das Bankenwesen, bis es nach 1980 unter Rationalisierungsdruck geriet. Bis 2000 halbierte sich die Zahl der regionalen Spar- und Leihkassen. Übernahmen wie diejenige der Sparad, der renommierten Bank der Kath. Administration, durch die Kantonalbank 1994 beschleunigten den Konzentrationsprozess. Trotzdem stellte die Branche 1985-98 20% mehr Leute an. S. wurde zum Bankenzentrum: Der Schweiz. Verband der Raiffeisenkassen mit einer Bilanzsumme von 131,57 Mrd. Fr. 2008 baute seinen Zentralsitz erheblich aus, aber auch ausländ. Banken wie die Hypo Landesbank Vorarlberg (seit 1997) richteten hier Filialen ein.

In der Versicherungsbranche entstand neben den kant. Institutionen wie der 1807 errichteten Gebäudeversicherung 1858 die private Gesellschaft Helvetia Versicherungen, die ab 1861 eine getrennt agierende Feuerversicherung aufbaute. Ab 1863 beteiligte sich die Helvetia an der Schweiz. Rückversicherungsanstalt.

Der Handel, v.a. der Lebensmittel- und Detailhandel, durchlief ab Mitte der 1960er Jahre einen Strukturwandel. Entlang der neu gebauten Strassen wurden Einkaufszentren eröffnet, u.a. 1974 der Rheinpark in St. Margrethen, das damals grösste Einkaufszentrum der Ostschweiz. Die Entwicklung hin zu Verkaufs- und Vergnügungsstätten, die mit dem Auto leicht erreichbar sind, bei gleichzeitiger Ausdünnung der Versorgungsstruktur in den Innenstädten und Dörfern hält mit der Errichtung von Fachmärkten und grossen Multiplexkinos an.

Autorin/Autor: Max Lemmenmeier

5.2.4 - Verkehr

Mit der Kantonsgründung 1803 erhielt der Staat die Oberaufsicht über die Strassen, während Bau und Unterhalt Sache der Gem. blieben. Die Regierung konzentrierte sich zunächst auf den Ausbau der Fürstenlandstrasse (1808-11 Kräzerenbrücke über die Sitter). 1821-22 folgte die Schollbergstrasse, 1824-28 die Erweiterung der Rheintalstrasse und 1828-30 die Passstrasse von Gams nach Wildhaus. 1835 umfasste das kant. Hauptstrassennetz zwölf Strassenzüge von rund 300 km Länge.

Nach einer ersten Zentralisierung während der Helvetik lag die Posthoheit ab 1803 wieder bei den Kantonen. Wie vor der Revolution besorgte das Kaufmänn. Directorium - nun für das gesamte Kantonsgebiet - im Auftrag des Staats die Post. Um 1820 wurden regelmässige Eilwagen zur Beförderung von Gütern und Personen eingesetzt.

1824 nahm das mit Dampf angetriebene Postschiff Wilhelm auf dem Bodensee seinen Betrieb auf. Bis 1839 kamen fünf Boote hinzu. Auf dem Zürichsee kreuzte ab 1835 das Dampfschiff Minerva, auf dem Walensee fuhr 1837 das erste Dampfschiff. Die Industrialisierung des Verkehrs erlebte - mit einiger Verspätung - ihren Höhepunkt mit dem Eisenbahnbau. Nach langen Diskussionen wurde 1853 die Strecke Rorschach-Wil in Angriff genommen und 1856 eröffnet. Mit der Fertigstellung der Toggenburger Bahn von Wil nach Ebnat 1870 endete die erste Phase. Um die Stickereifabriken im Toggenburg direkt mit der Handelsmetropole S. zu verbinden, wurde unter Führung des Degersheimer Unternehmers Isidor Grauer-Frey bis 1910 die Bodensee-Toggenburg-Bahn (seit 2001 Schweiz. Südostbahn) von Romanshorn nach Wattwil gebaut, mit Anschluss an Rapperswil durch den Rickentunnel von 1910. Im Nahverkehr wurde 1897 die erste elektr. Strassenbahn Altstätten-Heerbrugg-Berneck eingeweiht. Die ersten Tramwagen fuhren in S.

In der Nachkriegszeit setzte sich der Privatverkehr durch: Wurden 1945 921 Personenwagen gezählt, waren es 2008 232'637. 2008 fielen auf 1'000 Personen 493 Autos (im schweiz. Mittel auf 1'000 Personen 517 Autos). Mit dem Anwachsen des Individualverkehrs kam es zum umfassenden Ausbau des Strassennetzes, was sich in den 1950er Jahren mit der Hoffnung auf verbesserte Standortbedingungen verband. Bereits vor Inkrafttreten des Bundesgesetzes über die Nationalstrassen 1960 begann S. mit dem Bau erster Autobahnabschnitte. 1962 standen die Teilstrecken Mels/Heiligkreuz-Sargans und Sargans-Bad Ragaz bereit. In Etappen folgten die Autobahnen Wil-St. Margrethen (A1) und St. Margrethen-Bad Ragaz (A13) sowie die in S. liegenden Abschnitte der A3, darunter der Zubringer Schmerikon und die Strecke Murg-Sargans.

Autorin/Autor: Max Lemmenmeier

5.3 - Gesellschaft

An der Spitze der Gesellschaft formierte sich bis 1914 eine ökonomisch und konfessionell heterogene, bürgerl. Oberschicht, die sich aus rund 5% der Erwerbstätigen zusammensetzte. Mit fliessenden Grenzen nach oben gehörten gut 20% zum alten Mittelstand aus Handwerkern, Gewerbetreibenden und Bauern. Der sog. neue Mittelstand aus Angestellten und Beamten umfasste etwa 10%. Das untere Ende der Sozialpyramide bildeten die 65% lohnabhängigen Arbeiter.

Vorangetrieben wurde die Industrialisierung von einem städt. und ländl. Fabrikantentum, deren Mitglieder sich meistens aus der Mittel- und Oberschicht rekrutierten. Der Aufstieg des kleinen Mannes zum Industriellen, wie ihn Matthias Näf schaffte, blieb die Ausnahme. Vorerst lebten die ländl. Fabrikanten deutlich von den alteingesessenen städt. Kaufleuten getrennt. Dank gemeinsamer Ausbildung, militär. Laufbahn und Beziehungen in den Verwaltungsräten wuchsen sie jedoch Ende des 19. Jh. zu einer Gruppe zusammen, die als Teil des gehobenen Bürgertums die polit. Geschicke prägte.

Nicht Besitz, sondern Bildung ebnete Ärzten, Pfarrern, Juristen, Hochschullehrern und Ingenieuren den Weg in die Elite. 1870 zählte diese Gruppe ca. 2'000 Personen, was 3% der Erwerbstätigen entsprach. Ein markanter Aufstieg gelang den Medizinern, die sich 1862 im Ärzteverein organisierten, die universitäre Berufsbildung durchsetzten und 1886 alle anderen Heilpraktiken unter Strafe stellen liessen. Die überwiegend an dt. Universitäten geschulten Juristen erhielten durch den Aufbau des liberalen Rechtsstaats glänzende Karrierechancen. Unter den 35 zwischen 1848 und 1870 in den National- und Ständerat gewählten Vertretern befanden sich 18 Juristen.

Vom traditionellen Handwerk und Gewerbe lebten um 1800 auf der Landschaft rund 20%, in den Städten etwa 50% der Haushalte. Die durch die liberale Konkurrenzwirtschaft und Industrialisierung gefährdeten Gewerbetreibenden schlossen sich nach 1851 in regionalen Handwerkervereinen zusammen, um den Aufbau einer Fachausbildung und die Schaffung von Handwerkerbanken durchzusetzen.

Trotz der Industrialisierung blieb S. in der 1. Hälfte des 19. Jh. eine Agrargesellschaft. 1850 versorgten sich im kant. Mittel noch 70% aller Fam. z.T. vom eigenen Boden. Die Masse der Kleinbauern - je nach Region 40-80% der Haushalte - stand in einem harten Überlebenskampf. Jede Missernte, jede Verdiensteinbusse drohte die Fam. in die Armengenössigkeit zu stürzen. Das Wirtschaftswachstum hob den Lebensstandard der Unterschichten, verschärfte aber die sozialen Gegensätze. Um 1910 lebten im Kanton über 100'000 Arbeiter, rund doppelt so viele wie fünfzig Jahre zuvor. Allerdings hatte sich die Struktur der Arbeiterschaft verändert: Rund ein Drittel der Lohnabhängigen ging 1910 in die Fabrik, um 1870 waren es erst 10% gewesen. Ein Fünftel stickte und fädelte zu Hause. Im Vergleich zur gesamten Schweiz zählte S. doppelt soviele Heimarbeiter. Die Angestellten und Beamten entwickelten sich erst nach 1880 zu einer eigenständigen sozialen Kategorie. Sie unterschieden sich von den Arbeitern durch einen sichereren Arbeitsplatz, ein festes Salär und einen bescheidenen Ferienanspruch. Nachdem bereits Vorläufer bestanden hatten, organisierte sich 1891 die grösste Gruppe im Kaufmänn. Verein. Neben der berufl. Bildung erklärte dieser die soziale Besserstellung und Hebung des Standesbewusstseins zu seinen Zielen.

Nach 1945 bildete sich eine breite Mittelstandsgesellschaft. Während sich der Anteil der Selbstständigen halbierte, zählten 1980 zwei Fünftel der Berufstätigen zu den Angestellten. 1990 erfasste die Statistik die Arbeiter mit den unteren Angestellten neu in einer Kategorie. Die Hebung des Wohlstands und die Nivellierung in eine Angestelltengesellschaft ging mit der Auflösung der Arbeiterkultur einher. Die Klassengegensätze, die in der Zwischenkriegszeit in Lebenshaltung und Erscheinungsbild alltäglich sichtbar gewesen waren, flachten unter dem Einfluss eines gesteigerten Konsums ab. Aus den betriebl. Arbeiterkommissionen, die am Kriegsende die Belange der Lohnabhängigen verfochten hatten, wurden Mitarbeitervertretungen, die den Profit des Unternehmens zu ihrem Ziel erklärten.

Die gesellschaftl. Stellung der Frau änderte sich im nationalen Vergleich nur langsam. Der Anteil der Frauen an den Erwerbstätigen stieg von 30,9% 1950 auf 42,8% 2000, wobei ein grosser Teil der Frauen Teilzeitstellen innehatte. Gemäss der Lohnstatistik von 2008 waren die Unterschiede zwischen Frauen- und Männerlöhnen im schweiz. Vergleich gross, und die ungelernten Frauen erhielten die tiefsten Löhne. Der Zugang der Frauen zur Verwaltungsarbeit wurde erleichtert. 1998 besetzten sie beim Staatspersonal gleich viele Stellen wie die Männer, doch die Übervertretung der Männer in Führungspositionen bestand fort. 1996 wurden mit Kathrin Hilber und Rita Roos die ersten beiden Frauen in den Regierungsrat gewählt.

Autorin/Autor: Max Lemmenmeier

5.4 - Kulturelles und religiöses Leben

Dank den bürgerl. Freiheitsrechten entstand zu Beginn des 19. Jh. eine reiche, männerbestimmte Vereinskultur: Getragen von patriot. Geist schlossen sich als Teil der nationalen Bewegung 1833 die Schützen zum St. Gall. Kantonalschützenverein, 1866 die Sänger und 1867 die Turner zum Kantonalverband zusammen. Bis nach dem 2. Weltkrieg waren die Vereine die Hauptträger des kulturellen und sportl. Lebens, oft fest verankert in den jeweiligen sozialen und weltanschaul. Lagern. Das organisatorisch gefestigte kath. Milieu zählte in der Diözese S. eine Vielzahl von Vereinen, die 1940 über 120'000 Mitglieder einbanden. Parallel zur Aufweichung des kath. Milieus lösten sich ab den 1950er Jahren die kulturellen Aktivitäten aus dem kirchl. Bezug und dienten nun der reinen Freizeitbeschäftigung. So sah 1987 der Ostschweizerische Kath. Turn- und Sportverband seine Hauptaufgabe darin, Sport für alle anzubieten.

Bis zum 2. Weltkrieg beschränkte sich die öffentl. Unterstützung der Kultur auf Beiträge an die etablierten Kulturinstitute wie das Stadttheater oder den Konzertverein in S. sowie auf den Ankauf von Werken sankt-gall. Kunstschaffender. Nach der Ausrichtung von Förderpreisen durch Gem. und Private wurde 1985 eine kant. Kulturstiftung errichtet, die alljährlich im Frühling und Herbst Förderungs- und Anerkennungspreise vergibt. 1995 erhielt S. als letzter Schweizer Kanton ein Kulturförderungsgesetz.

Nach der Aufhebung der Fürstabtei 1805 entstand 1847 nach langen Auseinandersetzungen das Bistum S. Vor dem Hintergrund der antimodernist. Haltung der Kirche entwickelte sich der St. Galler Katholizismus nach 1850 zu einer starken, konservativen Kraft, welche die Werte der kath. Kirche loyal vertrat. Allerdings vermieden die drei Bf. Carl Johann Greith (1862-82), Augustin Egger (1882-1906) und Ferdinand Rüegg (1906-13) die offene Konfrontation mit dem Staat und lehnten extrem ultramontane Positionen ab.

Aus der Ablehnung des Dogmas über den päpstl. Primat und die päpstl. Unfehlbarkeit 1871 entwickelten sich in Rapperswil, Schänis, Weesen, Walenstadt, Ragaz, Flawil, Lichtensteig und in der Stadt S. christkath. Oppositionsbewegungen. Eine dauerhafte Gemeindebildung gelang jedoch nur in der Hauptstadt. 1899 erlangten die Christkatholiken mittels einer Klage ans Bundesgericht die öffentl.-rechtl. Gleichstellung als dritte Landeskirche.

Trotz organisator. Stärke und einer alle Lebensbereiche regelnden kirchl. Alltagskultur löste sich in den 1950er Jahren der Milieukatholizismus langsam auf. Eine neue Epoche der Kirchengeschichte setzte mit dem 2. Vatikan. Konzil (1962-65) ein. Bf. Joseph Hasler (1957-76) stand den Reformen aufgeschlossen gegenüber. Mit der Synode 72 wurden die Konzilsbeschlüsse im Bistum S. breit abgestützt. Zu den bedeutendsten Folgen gehörte der Durchbruch in der Ökumene. 1972 wurde im Bistum S. die Arbeitsgemeinschaft christl. Kirchen gebildet.

An der Spitze der evang. Kantonalkirche von 1803 standen die Synode und der Kirchenrat. In der Synode versammelte sich einmal im Jahr die Geistlichkeit, um kirchl. Angelegenheiten zu beraten. Da sich die evang.-ref. Landeskirche dem wissenschaftl. Zeitgeist anpasste, formierten sich eine Reihe freikirchl. Bewegungen. 1864 entstand die pietist.-orthodoxe Evang. Gesellschaft, 1871 folgte die Methodistenkirche, 1891 die Heilsarmee. Ab 1906 entfaltete der religiös-soziale Kreis, der sozialist. und pazifist. Postulate aufnahm, eine rege Aktivität. Seit der Nachkriegszeit nimmt die Zahl der passiven Kirchenmitglieder in den beiden grossen Landeskirchen erheblich zu.

Nach der Erteilung der Niederlassungsbewilligung gründeten die Juden 1863 in der Stadt S. eine eigene Gemeinde. Als Versammlungsort dient seit 1881 die Synagoge. Schwer lasteten die Zwischenkriegs- und Kriegsjahre auf der Isr. Gemeinde, die sich mit einer antisemit. Stimmung konfrontiert sah. Als 1938 der Flüchtlingsstrom aus Österreich einsetzte, wurde die Jüd. Flüchtlingshilfe S. gegründet. Für den Unterhalt und die Weiterreise der Emigranten hatten allein die jüd. Hilfsorganisationen aufzukommen; 1942 mussten rund 550 Personen betreut werden. 1982 reichte die Gem. ein Gesuch um öffentl.-rechtl. Anerkennung ein. 1992 stellte der Gr. Rat die Isr. Gemeinde rechtlich den anderen anerkannten Religionsgemeinschaften gleich.

Als Folge der Arbeits- und Asylzuwanderung im letzten Viertel des 20. Jh. gewannen weitere Religionen an Bedeutung. Im Kt. S. leben grössere Gruppen von orthodoxen Christen sowie von Muslimen, deren Anteil an der Bevölkerung 2000 6% betrug und die in grösseren Ortschaften, etwa in S. und Wattwil, eigene Kulturzentren und Beträume betreiben. Die Zahl der Konfessionslosen belief sich 2000 auf knapp 10%.

Autorin/Autor: Max Lemmenmeier

Quellen und Literatur

Archive
– Archiv für Frauen- und Geschlechtergesch. Ostschweiz, St. Gallen
– BiA S.
– Hist. Museum S.
– KBSG (Vadiana)
– StASG
– StadtA S.
– StiA S.
– StiB S.
– Textilbibliothek S.
– Regionale Archive: Museum Prestegg, Altstätten; Toggenburger Museum, Lichtensteig; StadtA Rapperswil; Archiv des Hist. Vereins Sarganserland, Sargans; StadtA Wil
– Da die einzelnen Gebiete des heutigen Kantons bis 1798 versch. Herrschaften von eidg. Orten angehörten, finden sich Quellen in diversen Staatsarchiven, so das Werdenberger Archiv im LAG oder das Archiv der Herrschaft Sax-Forstegg im StAZH.
Quellen
Amtsbl. des Kt. S., 1803-
UB der Abtei Sanct Gallen, 1863-1955
SSRQ SG, 1903-
UB der südl. Tl. des Kt. S. 1, bearb. von F. Perret, 1961
Chartularium Sangallense, hg. von O. Clavadetscher, 1983-
Literatur
– Die St. Galler Geschichtsschreibung brachte viele Kantonsgeschichten hervor. Es scheint, als ob damit die fehlende gemeinsame Vorgeschichte kompensiert und Identitätsdefizite behoben werden sollten. Bereits kurz nach der Kantonsgründung publizierte der Benediktiner Ildefons von Arx die "Geschichten des Kt. S." (3 Bde., 1810-30). Diese erste krit. Darstellung blickt auf die Gebiete, v.a. auf die fürstäbt. Territorien, zurück, die 1803 zum neuen Kanton zusammengefasst wurden. Die von Otto Henne-Am Rhyn verfasste "Geschichte des Kt. S. von seiner Entstehung bis zur Gegenwart" (1863) vertritt einen liberalen Standpunkt. Unter den schreibenden Politikern des 19. Jh. ragt Gallus Jakob Baumgartner mit seiner "Geschichte des schweiz. Freistaates und Kt. S." (3 Bde., 1868-90) hervor. Darin widmet er sich den Umwälzungen der Jahre zwischen 1800 und 1850. Zum 100-jährigen Kantonsjubiläum erschien 1903 die vom liberalen Johannes Dierauer geschriebene "Polit. Geschichte des Kt. S. 1803-1903". Aus dessen Feder stammt ebenfalls die 1884 veröffentlichte Biografie des ersten Regierungspräsidenten Karl Müller-Friedberg, die auch eine Darstellung der Geschichte des Kantons 1803-30 bietet. Aus Anlass des 150-jährigen Bestehens kam 1953 der erste Band der von Georg Thürer verfassten "St. Galler Geschichte" (2. Bd., 1972) heraus. In Thürers Werk stehen die polit. Ereignisse und die Geistesgeschichte im Zentrum. 2003 erschien aus Anlass des 200-Jahr-Jubiläums die neunbändige Kantonsgeschichte "Sankt-Galler Geschichte 2003", die auch Fragestellungen aus der Wirtschafts-, Sozial-, Mentalitäts- und Alltagsgeschichte aufgreift. Die Überblicksbeiträge zu den einzelnen Epochen gehen jeweils am Schluss auf den Stand der Forschung und Literatur ein und verweisen auf Forschungsdesiderate.

Autorin/Autor: Wolfgang Göldi