22/07/2015 | Rückmeldung | PDF | drucken

Schwyz (Kanton)

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Eine der vier Waldstätten, vielleicht schon ab 1291 oder 1309, sicher ab 1315 Ort der Alten Eidgenossenschaft. 1798-1803 geteilt, teils dem helvet. Kt. Waldstätten, teils dem helvet. Kt. Linth zugewiesen. Seit 1803 Kanton der Eidgenossenschaft. Amtl. Bezeichnung: Kt. S., eidg. Stand S. Franz. Schwytz, ital. Svitto, rätorom. Sviz. Amtssprache ist Deutsch, Hauptort S.

Das Land S. erwarb im SpätMA die sog. Angehörigen Landschaften, zu denen die March, Einsiedeln, Küssnacht sowie die Höfe Pfäffikon und Wollerau zählten; ab ca. 1450 entsprach das Schwyzer Territorium im Wesentlichen dem heutigen Kantonsgebiet. Enthielten die Rechtsverhältnisse zwischen dem Land S. und den Angehörigen Landschaften anfänglich noch vereinzelt konstruktiv-parität. Aspekte, so sanken Letztere während des Ancien Régime zu blossen Untertanengebieten herab. 1817 kam zum Kantonsterritorium noch die bis dahin freie Republik Gersau, 1814 bzw. 1831 das früher äbt.-einsiedler. Gebiet Reichenburg dazu.

Der in der zentralen Alpen- und Voralpenregion gelegene Kanton reicht vom Vierwaldstättersee, dem Massiv der Rigi und dem Zugersee im Westen, den Urner Alpen im Süden, den nur zu Fuss und über die Fahrstrasse des Pragelpasses erreichbaren Glarner Westalpen im Osten bis an den Zürichsee im Norden, wo die Transitroute Zürich-Bündnerland verläuft. Eine Nebenroute der Nord-Süd-Achse von Zürich über den Gotthard durchschneidet den Schwyzer Talkessel und führt entlang der Axenstrasse ins Urnerland.

Der Kanton umfasst 30 Gem. und gliedert sich geografisch in die drei Kammern Innerschwyz, Einsiedeln und Ausserschwyz. Für die Staatsstruktur charakteristisch sind die sechs - noch immer grösstenteils die Verhältnisse des Ancien Régime abbildenden - Bez. S., Gersau, March, Einsiedeln, Küssnacht und Höfe, welche als eigenständige polit. Gebietskörperschaften je eine eigene Geschichte aufweisen. Gersau, Einsiedeln und Küssnacht sind gleichzeitig Eingemeinde-Bezirke. Ab dem 19. Jh. wurde das Land S. auch als Altes Land bezeichnet, im Unterschied zu den ehem. Angehörigen Landschaften, die zu Bezirken wurden.

Fläche (2006)908,3 km² 
Wald / bestockte Fläche306,0 km²33,7%
Landwirtschaftliche Nutzfläche371,9 km²40,9%
Siedlungsfläche48,9 km²5,4%
Unproduktive Fläche181,5 km²20,0%

Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur
Jahr 18501880a1900195019702000
Einwohner 44 16851 10955 38571 08292 072128 704
Anteil an Gesamtbevölkerung der Schweiz1,8%1,8%1,7%1,5%1,5%1,8%
Sprache       
Deutsch  49 63153 83469 23182 957115 688
Italienisch  1 3771 1081 1916 6632 447
Französisch  146296312283502
Rätoromanisch  6388216273234
Andere  18591321 8969 833
Religion, Konfession       
Katholischb 44 01350 26653 53766 29784 08792 868
Protestantisch 1559541 8364 6427 27116 401
Christkatholisch    794346
Andere  15126467119 389
davon jüdischen Glaubens 79151951
davon islamischen Glaubens     2025 598
davon ohne Zugehörigkeitc     2386 331
Nationalität       
Schweizer 43 97048 58552 42268 41681 301108 381
Ausländer 1982 5242 9632 66610 77120 323
Jahr  19051939196519952005
Beschäftigte im Kanton1. Sektor 13 59814 6965 4325 909d5 083
 2. Sektor 10 3049 82918 16619 39518 075
 3. Sektor 6 3926 4409 99228 98736 238
Jahr  19651975198519952005
Anteil am Schweiz. Volkseinkommen 1,2%1,3%1,4%1,6%1,7%

a Einwohner, Nationalität: Wohnbevölkerung; Sprache, Religion: ortsanwesende Bevölkerung

b 1880 und 1900 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

c zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

d gemäss landwirtschaftl. Betriebszählung 1996

Quellen:HistStat; eidg. Volkszählungen; BFS

Autorin/Autor: Kaspar Michel

1 - Ur- und Frühgeschichte bis Frühmittelalter

1.1 - Vom Spätpaläolithikum bis in die Römerzeit

Das Schwyzer Kantonsgebiet unterlag während der Würmeiszeit vor ca. 24'000 Jahren der Maximalvergletscherung. Nur wenige höher gelegene Zonen wie das Rigimassiv, die Mythengruppe (Mythen), die Wägitaler und die Muotathaler Alpen waren eisfrei. Die spärlichen archäolog. Untersuchungen erlauben kaum Rückschlüsse auf die frühe Besiedlung. Praktisch ohne prähist. Belege sind der Talboden von Arth sowie die Tallage von Brunnen-S. Lagerplätze aus dem Spätpaläolithikum und dem Frühmesolithikum wurden 1980 am nördl. Ufer des Sihlsees entdeckt und nach 1994 wissenschaftlich erforscht; die ältesten dort gesicherten menschl. Spuren im Kantonsgebiet datieren demnach aus der Zeit um 12'500 v.Chr. Die seit 2000 durchgeführte systemat. Untersuchung der Karsthöhlen im Muotatal ergab zahlreiche Fundstellen, die teilweise bis in die Jüngere Dryas (um 10'000 v. Chr.) zurückreichen. Knochenfunde mit eindeutigen Bearbeitungsspuren (Schnitt-, Hack- und Brandspuren) und C-14-datierte Holzkohlenreste belegen Wildbeutergruppen in den Alpgebieten Bödmeren, Twärenen und Silberen. Gejagt wurden v.a. Steinböcke und Rothirsche. 2009 wurde als bisher einziges steinzeitl. Werkzeug ein Steinbohrer gefunden.

Im äusseren Kantonsteil stehen das Gebiet des Frauenwinkels (See- und Uferzone zwischen Pfäffikon und den Inseln Lützelau und Ufenau) und die Bereiche beidseitig der Hurdener Landzunge (Seedamm) seit 1996 im Fokus von archäolog. und unterwasserarchäolog. Untersuchungen. Funde bei Hurden (Gem. Freienbach) weisen gemeinsame Merkmale mit der westl. Cortaillodkultur (ca. 4500-3500 v.Chr.) auf. Restanzen aus Fundlagen bei der Insel Lützelau und der Uferzone bei Freienbach stehen bereits in der Tradition der östl. Pfyner (4000-3300 v.Chr.) und der Schnurkeramikkultur (2750-2450 v.Chr.). Ab der Bronzezeit, verstärkt ab 1800 v.Chr., lassen sich mehrere Brückenschläge zwischen dem Felssporn von Endingen (Rapperswil SG) und der Hurdener Landzunge nachweisen. Bis heute sind anhand der Pfahlreihen (insgesamt gegen 200'000 Pfähle) sieben Seeübergänge ausgemacht worden; das in ihrer Nähe und entlang der Uferverbindungen gefundene Material (Nadeln, Beile, Dolche) zeugt von rituellen Handlungen und der über viele hundert Jahre anhaltenden religiösen Bedeutung der Brücken. Im Nahbereich der Brücken lagen diverse Seeufersiedlungen. Auf der Schwyzer Uferseite sind zwischen Altendorf und Bäch (Gem. Freienbach) mittlerweile zehn versch. Siedlungen anhand der Reste von Fundamenten und Pfahlstellungen sowie von Kulturschichten identifiziert, die alle aus dem Zeitraum von 4300 bis 2700 v.Chr. stammen.

Im mittleren und im inneren Kantonsteil sind keine bronzezeitl. Siedlungen nachgewiesen. Einzelfunde aus der Zeit nach 1500 v.Chr. sind aus Einsiedeln, Lachen, Gersau, Steinen, Küssnacht und Muotathal bekannt. Nach 1200 v.Chr. werden die archäolog. Belege im ganzen Kantonsgebiet seltener. Für die Eisenzeit (8.-1. Jh. v.Chr.) sind bis heute nur gerade acht Fundstellen auf Schwyzer Kantonsgebiet zu verzeichnen. Kelt. Ursprungs ist der Münzfund von Altendorf, der zusammen mit röm. Keramik bei der Renovation der Kirche St. Michael 1960-61 gefunden wurde. Ausstrahlung bis in das Schwyzer Gebiet hinein hatte der röm. Vicus in Kempraten bei Rapperswil (SG), der wie die massive römerzeitl. Brücke beim Seedamm vom 1. Jh. n.Chr. bis ins 4. Jh. n.Chr. bestand. Religiöse Zentrumsfunktion hatte der um 200 n.Chr. erbaute galloröm. Umgangstempel auf der Insel Ufenau, am Standort der heutigen Kapelle St. Peter und Paul. Dieser Kultplatz sowie die Brücke lassen darauf schliessen, dass auch auf der Schwyzer Seite von Zürich- und Obersee - bis heute nicht entdeckte - röm. Siedlungen existiert haben. Aus dem Raum Einsiedeln fehlen röm. Spuren; ein 2'000-4'000 Münzen umfassender, nicht vor 270 n.Chr. deponierter Hort wurde 1809 in Küssnacht, ein weiterer mit 80 Münzen 1857 in Rickenbach bei S. gefunden. An letzterem Fundort wurden auch je zwei Bronzeglocken und -pfannen sowie eine Silberfibel entdeckt. Dass in Küssnacht ein röm. Gutshof bestand, macht auch das besitzanzeigende Suffix "-acum" im Namen plausibel.

Autorin/Autor: Kaspar Michel

1.2 - Frühmittelalter

Zu Beginn des 6. Jh. lag das Schwyzer Kantonsgebiet im Grenzbereich zwischen dem burgund. bzw. fränk. und dem ostgot. Reich; ab 536 zählte es zum fränk. Reich, nach der Reichsteilung von 561 wohl zum austras. ducatus alamannorum, wobei die alemann. Herzöge bis ins 2. Viertel des 8. Jh. eine relativ selbstständige Stellung innehatten. Ab ca. 680 dürfte eine alemann. Siedlungstätigkeit eingesetzt haben, wobei vorderhand noch alemann. und rom. Bevölkerungsgruppen nebeneinander bestanden; im 10. Jh. war der rätorom. Einfluss in der March noch wirksam.

Im 8. und 9. Jh. gehörte das Kantonsgebiet zum Zürichgau, im HochMA wurde es zum Bestandteil des Herzogtums Schwaben. Die am Zürichsee gelegenen Gebiete des nördl. Kantonsteils wiesen spätestens ab dem 7. Jh. - u.a. wegen der Nähe zu den (spät-)antiken Verkehrsverbindungen, v.a. der Route von Zürich über den Walensee zu den Bündnerpässen - eine permanente Besiedlung auf, auch wenn diese im Süden des Sees etwas dünner war als auf dessen Nordseite. Die Waldstatt Einsiedeln scheint zwar nicht besiedelt, aber trotzdem bewirtschaftet worden zu sein, was pollenanalyt. Untersuchungen beweisen.

Zeugen frühma. Siedlungsstrukturen sind Kirchenbauten und Gräber. Für die Gebiete am Zürichsee sind zudem - im Gegensatz zur Überlieferungssituation im inneren Kantonsteil - vereinzelt schriftl. Quellen (Schenkungsurkunden) aus dem letzten Viertel des 1. Jt. tradiert, die Besitz- und Herrschaftsverhältnisse illustrieren. In Tuggen ist eine vielleicht schon seit galloröm., sicher aber seit alemann. Zeit bestehende Ortschaft aufgrund der archäologisch fassbaren ersten Kirche und dreier Grablegungen gesichert, in denen - darauf weisen die einzigartigen, tauschierten Gürtel und Gürtelgehänge sowie die Waffen (Sax, Spatha) hin - Angehörige der sozialen Oberschicht beigesetzt worden waren. Knochen und Grabbeigaben datieren ins mittlere 7. Jh. Eine erste Kirche in Tuggen muss spätestens um 680/700 angesetzt werden. Viele Grundherrschaften im äusseren Kantonsteil und vielleicht auch in den südlich anschliessenden Gebieten hatte im 8. Jh. die Beata-Sippe inne. 741 übertrug Beata dem Frauenkloster auf der Insel Lützelau mehrere Güter. 744 wird die Insel samt Kloster an die Abtei St. Gallen veräussert. Mehrere klösterl. Schriftquellen aus St. Gallen, Säckingen und Bobbio (Emilia Romagna) nennen im 8. und 9. Jh. beispielsweise Güter in Wangen, Tuggen, Altendorf, Ufenau, Pfäffikon, Freienbach, Bäch, Wollerau und geben Aufschluss über die Siedlungs- und Herrschaftsstrukturen im nördl. Kantonsteil. Die nach 900 verfasste "Vita sancti Meginradi" sowie die Urkunden über die versch. Schenkungen an die 934 von adligen Mönchen gegr. Benediktinerabtei Einsiedeln erhellen zudem die Struktur der versch. Höfe und Hofverbände (curtes) mit den dazugehörigen Wirtschaftsflächen und vereinzelt auch Kirchen.

Der aktuelle Stand der Bodenarchäologie im inneren Kantonsteil zeigt das Entstehen von Siedlungen im frühen 7. Jh. in S., Steinen und Oberarth. In den Muotathaler Alpen wurden auch frühma. Wüstungsplätze gefunden, welche allerdings nicht dauernd besiedelt waren, sondern als alpwirtschaftl. Sömmerungsplätze dienten. In S. wurde 1965-66 und 1988-89 ein alemann. Reihengräberfeld untersucht, das unter der ersten Saalkirche (nach 700, am Standort der heutigen Pfarrkirche) hindurch bis auf den Postplatz führte. Auffallend ist ein reich ausgestattetes Grab einer Dame aus der Führungsschicht aus der Zeit um 700. Küssnacht wird im 9. Jh. ein erstes Mal schriftlich erwähnt. Ein älterer Kirchenbau als der romanische aus dem 11. Jh. ist nicht fassbar, frühma. Siedlungsplätze sind archäologisch nicht nachgewiesen. Trotzdem erscheint ein Fortbestand der aufgrund von Einzelfunden und des "acum"-Namens anzunehmenden röm. Siedlung während des FrühMA denkbar.

Das Kantonsgebiet gehörte zum um 700 gegr. Bistum Konstanz, dessen Grenzen sich ab spätestens Mitte des 8. Jh. praktisch mit denjenigen der Provinz Alemannien deckten. Die Urpfarrei Tuggen wird denn auch um 833/834 als in der Provinz Alemannia gelegen bezeichnet. Neben Tuggen waren auch St. Martin auf der Ufenau sowie St. Martin in S. sog. Urpfarreien. Später entstanden Kirchen in Morschach und Steinen (9. Jh.) sowie in Arth (10. Jh.). Während das Eigenkirchenwesen im inneren Kantonsteil vorgeherrscht haben dürfte, waren kirchl. respektive klösterl. Gründungen im äusseren Teil vorherrschend. Eine wichtige Rolle für die Christianisierung des Schwyzer Gebiets spielten die Klöster Säckingen, St. Gallen und bisweilen auch Reichenau. Als herausragendes künstler. Zeugnis der Christianisierung gilt das um 800 entstandene fränk. Bursenreliquiar von Muotathal (Eigentum der Pfarrei Muotathal, heute im Staatsarchiv S.). Ein angebl. Besuch der irisch-fränk. Glaubensboten Gallus und Kolumban in Tuggen im Jahre 611 wird in den Gallusviten erwähnt. Allerdings waren die Missionsbemühungen damals noch erfolglos.

Autorin/Autor: Kaspar Michel

2 - Herrschaft und Politik vom Hochmittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts

2.1 - Weltliche und geistliche Herrschaftsstrukturen im HochMA

Sowohl im inneren wie im äusseren Kantonsteil waren vorwiegend weltl. und geistl. Herrschaftsinhaber am Landesausbau beteiligt, deren Besitzschwerpunkte ausserhalb des Schwyzer Gebiets lagen. Im inneren Kantonsteil verfügten zunächst die Gf. von Lenzburg bis zu ihrem Aussterben 1173 über grossen Grundbesitz. Dieser ging später auf andere mächtige Fam. über: Als wichtigste weltl. Herrschaftsträger agierten die Kyburger, die Frohburger, die Herren von Rapperswil und die Habsburger oder reklamierten hier zumindest Herrschaftsansprüche (z.B. Habsburg. Urbar aus dem frühen 14. Jh.). Über ausgedehnten Besitz verfügte das 934 gegründete, v.a. durch adlige Stifter reich begabte Benediktinerkloster Einsiedeln; im Zusammenhang mit der Bestätigung von klösterl. Besitz wird S. 972 erstmals urkundlich in der Form Suittes erwähnt. Im äusseren Kantonsteil waren die Abteien St. Gallen, Pfäfers, Rüti, Schänis und v.a. Einsiedeln die mächtigsten geistl. Grundherren, während die Gf. von Habsburg und Toggenburg und die Herren von Rapperswil ebenfalls über Güter und Rechte verfügten. Steinerne Wohntürme, aber auch Burgen dienten als Verwaltungszentren des jeweiligen Herrschaftsträgers und wurden zugleich als Wohnsitze vom Grundherrn oder dessen Verwalter genutzt (Archivturm, Schorno- und Nauerhaus in S., Schloss Pfäffikon, Alt-Rapperswil in Altendorf, Burg auf der Insel Schwanau im Lauerzersee). Lokal ansässige Angehörige des Ritteradels, dem beim Ausbau der habsburg. Landesherrschaft im Schweizer Mittelland eine wichtige Rolle zukam, hatten auf Schwyzer Gebiet keine grosse Bedeutung; sie rangierten sowohl in finanzieller wie in sozialer Hinsicht deutlich unter den dominierenden klösterl. Ammännern und den Angehörigen der lokalen bäuerl. Führungsgruppen.

Mit dem Aussterben der Kyburger und dem Niedergang der sog. Herren von Rapperswil in der 2. Hälfte des 13. Jh. traten die Habsburger als deren Erben an und versuchten, ihre Herrschaftsansprüche im Gebiet der Innerschweiz durchzusetzen. Sie erwarben lukrative Kirchenpatronate (S., Steinen, Muotathal, Morschach) und erlangten 1283 die Schirmvogtei über das Kloster Einsiedeln. Die jüngere Forschung hat die Ansicht der älteren Historiografie, dass die Habsburger eine rücksichtslose Expansionspolitik gegenüber S. und der Innerschweiz betrieben hätten, einer Korrektur unterzogen. Die Darstellung der Habsburger als Unterdrücker war ein im 15. Jh. aufgrund zeitgenöss. Gegebenheiten entstandenes Geschichtsbild, welches im 16. Jh. durch den Glarner Chronisten Aegidius Tschudi kanonisiert und durch weitere Geschichtsschreiber rezipiert wurde. Die jüngere Geschichtsschreibung begreift v.a. den Zerfall der ehem. Herrschaft Rapperswil um 1300 und die Erbstreitigkeiten zwischen Habsburg und Werner von Homberg, ab 1309 Reichsvogt der Waldstätte, als entscheidend für die weitere Ausbildung der Herrschaftsstrukturen. Von dieser Entwicklung profitierten in erster Linie die Klöster, die ihre Besitzungen bis nach 1300 durch Schenkungen, Stiftungen und Käufe noch vermehrten. Nicht zuletzt wegen der Einführung neuer wirtschaftl. Organisationsformen (Schweighöfe) intensivierte sich die klösterl. Herrschaft, was schwere Konflikte mit der ansässigen Bevölkerung auslösen konnte, wie z.B. den Marchenstreit zwischen S. und Einsiedeln.

Während im äusseren Kantonsteil v.a. die Dominanz Einsiedelns die Ansiedlung weiterer Konvente verhinderte, entstanden im inneren Kantonsteil im 13. Jh. aus ursprüngl. Beginensammlungen mehrere Klostergemeinschaften; das vergleichsweise begüterte Zisterzienserinnenkloster in der Au in Steinen wird 1262 erstmals erwähnt, das Dominikanerinnenkoster St. Peter am Bach in S. 1275, das Franziskaner-Terziarinnenkloster St. Josef in Muotathal hatte um 1280 seinen Ursprung. Die ökonom. Grundlagen der Bettelordensklöster blieben aber dürftig. Beginen- und Begardengemeinschaften sind ab dem 13. Jh. in versch. Orten belegt, verschwanden aber bis zu Beginn des 16. Jh. wieder.

Autorin/Autor: Oliver Landolt

2.2 - Kommunale Bewegung und Territorialbildung im Spätmittelalter

Im MA lässt sich eine zunehmende Organisation der ansässigen Bevölkerung in den einzelnen Gegenden des heutigen Kantons feststellen. In diesem Prozess kam den Pfarreien, welche neben ihrer Funktion als Sakralgemeinschaft weitere Aufgaben übernahmen, grosse Bedeutung zu.

2.2.1 - Die Entstehung des Landes Schwyz

Im Schwyzer Talkessel, dem Kerngebiet des späteren Kantons, spielten neben dem Dorf S. auch die grösseren Siedlungen Steinen und Arth eine wichtige Rolle, wobei der Flecken S. sich erst im 14. Jh. als Hauptort gegenüber den anderen Dörfern, insbesondere Steinen, durchsetzte. Im Marchenstreit mit dem Kloster Einsiedeln sind die cives de villa Svites bzw. cives de Suites in der 1. Hälfte des 12. Jh. bezeugt. Die seit dem frühen 13. Jh. politisch handelnde, sich als universitas vallis de Switz bezeichnende Talgemeinde wurde von reichen und mächtigen Fam. ursprünglich bäuerl. Herkunft dominiert, wozu z.B. die Stauffacher, Hunno oder Ab Yberg gehörten. Als Ammänner nahmen die Mitglieder dieser sog. Häupterfamilien Führungspositionen innerhalb der sich verfestigenden kommunalen Gemeinschaft ein. Die häufig über grossen Grundbesitz verfügenden Häupterfamilien wohnten in repräsentativen Holzhäusern wie dem 1287 erbauten Haus Bethlehem in S. Das nicht in Privatbesitz übergegangene Wald- und Weideland diente als sog. Allmeinde der gemeinsamen Nutzung: Zur Verwaltung dieses Gemeinlandes bildete sich im Raum S., Steinen, Muotathal, Sattel und Rothenthurm die Oberallmeind aus, während im Raum Arth die Unterallmeind entstand. Diese sich vom 12. bis ins 14. Jh. aus wirtschaftl. und polit. Interessen entwickelnden Korporationen gewannen eine für den Staatsbildungsprozess nicht zu unterschätzende Bedeutung. Allerdings ist das territoriale Zusammenfinden der im Schwyzer Talkessel existierenden Gemeinschaften zum Land S. nicht restlos geklärt. Auch im übrigen Kantonsgebiet entstanden im MA zahlreiche Genossenschaften und Korporationen.

Von der 2. Hälfte des 13. Jh. an verfestigten sich in der Talschaft S., der Ks. Friedrich II. 1240 aufgrund erwiesener Dienste die Reichsfreiheit zugestand, die kommunalen Strukturen. Landammann und Landleute als politisch handelnde Akteure erscheinen ab dem späten 13. und frühen 14. Jh. und die Führung eines eigenen Landessiegels ist Zeugnis für ein selbstständiges kommunales Handeln. Die Landsgemeinde als polit. Organ der Landleute, in dieser Zeit gelegentlich auch als Landtag bezeichnet, bildete sich im 14. Jh. aus. Als geografisch wie politisch wichtige Verwaltungseinheiten entstanden im 14. Jh. die sog. Viertel, wobei angenommen wird, dass ursprünglich nur vier Viertel (Ob- und Nidwässerviertel, Steiner- und Muotathalerviertel) existierten. Die Angliederung von Arth im 14. Jh. an das Land S. machte eine Neuordnung und die Bildung zweier weiterer Viertel (Alt- und Neuviertel) notwendig. Jedes Viertel stellte zehn Vertreter, welche im seit der 2. Hälfte des 14. Jh. belegten, 60-köpfigen Landrat des Landes S. Einsitz nahmen.

Autorin/Autor: Oliver Landolt

2.2.2 - Entwicklung kommunaler Strukturen in den übrigen Kantonsteilen

Im 14. und 15. Jh. lassen sich - etwas später als im Land S. - auch in den anderen Regionen des Kantons kommunale Tendenzen und landschaftl. Zusammenschlüsse feststellen, wobei je nach herrschaftl. Durchdringung Unterschiede bestanden und die Ausbildung solcher kommunaler Strukturen z.T. vom Land S. beeinflusst war. In der March sind ab dem frühen 14. Jh. kommunale Entwicklungen fassbar; die dortige Landsgemeinde ist ab 1323 und der Landrat ab 1424 bezeugt. In der Waldstatt Einsiedeln wird 1399 erstmals eine Verwaltungsbehörde erwähnt, die sog. Drei Teile, in welcher das Benediktinerkloster Einsiedeln, der durch das Land S. gestellte Vogt und die Waldleute vertreten waren. Die Entwicklung kommunaler Strukturen in Küssnacht trieben wohl v.a. die ab dem späten 13. Jh. nachzuweisenden Streitigkeiten der Bevölkerung mit den Inhabern der Vogteigewalt, der ritteradligen, Habsburg verpflichteten Fam. von Küssnacht, sowie die langwierigen Auseinandersetzungen mit dem Kloster Engelberg, welche das Patronatsrecht in Küssnacht innehatte, um die Pastoration voran. 1378 ist das Siegel der Küssnachter erstmals belegt. Auch in den Höfen Wollerau und Pfäffikon, deren Herrschaftsrechte im SpätMA beim Kloster Einsiedeln lagen, sind kommunale Selbstständigkeitsbestrebungen auszumachen. Das abgelegene, primär über den Seeweg erreichbare Gersau, das bereits 1359 zugewandter Ort der Eidgenossenschaft war, kaufte sich 1390 aus habsburg. Pfandschaft frei; die Gersauer Dorfgenossen erlangten damit eine besondere Stellung. 1433 bestätigte Ks. Sigismund ihnen die Reichsunmittelbarkeit.

Autorin/Autor: Oliver Landolt

2.2.3 - Die Frühzeit der Eidgenossenschaft und die schwyzerische Territorialbildung im SpätMA

V.a. die Frühzeit der Geschichte des Kt. S. wird in einen engen Konnex mit jener der schweiz. Eidgenossenschaft gestellt, was sich bei der Bearbeitung der Kantonsgeschichte gelegentlich als Hypothek erweist. Die ältere Geschichtsforschung und auf dieser beruhende populäre Vorstellungen sahen im Bündnis von Uri, S. und Nidwalden von 1291 den eigentl. Gründungsakt der schweiz. Eidgenossenschaft, mit welchem die Ursprünge eines freiheitlich verfassten Staats geschaffen worden seien. Die jüngere Forschung deutet das Bündnis von 1291 dagegen als eine die Herrschaft bewahrende Landfriedensordnung, in welcher neben gegenseitigen Hilfsverpflichtungen v.a. die Gehorsamspflicht gegenüber den Herrschaften betont werde. Roger Sablonier vermutete 2008 überdies, dass der Bundesbrief von 1291 eine Nachherstellung von 1309 der in der Reichsvogtei Waldstätte vereinigten Orte Uri, S. und Unterwalden sei, um als Garanten für die Friedenssicherung in der Region die Bestätigung der Reichsfreiheit zu erhalten. Die nach dem Niedergang der Herren von Rapperswil erstarkten Habsburger suchten ihren Einfluss auch im schwyzer. Raum auszuweiten und geriet dabei in einen Konflikt mit den Kommunalisierungsbestrebungen schwyzer. Führungsschichten. Als Schutzmacht des Klosters Einsiedeln wurde Habsburg durch den schwyzer. Überfall auf das Kloster im Zusammenhang mit dem jahrhundertealten Marchenstreit zwischen der Abtei Einsiedeln und dem Land S. 1314 zu einer Strafaktion gegenüber dem Land S. herausgefordert, die zum österr. Debakel in der Schlacht bei Morgarten 1315 führte (Morgartenkrieg). Im gefestigten, noch im selben Jahr in Brunnen von den drei Urschweizer Orten geschlossenen Bündnis bestätigten diese ihre gemeinsame Militär- und Bündnispolitik, welche auch territorialpolit. Auswirkungen hatte. Das Bündnis von 1315 blieb bis 1798 in Kraft.

Marchen- und Grenzstreitigkeiten mit benachbarten Grundherren (Kloster Einsiedeln) oder Talschaften (Uri, Glarus) sind die am frühesten wahrnehmbaren territorialpolit. Aktivitäten der Talgemeinde S., wobei diese z.T. erbittert ausgetragenen Auseinandersetzungen, in denen es um die Erschliessung bisher unbebauter Gebiete ging, im Zusammenhang mit den ökonom. Umstrukturierungen in der Landwirtschaft (Intensivierung der Viehwirtschaft) zu sehen sind. Auch im Grenzgebiet zu Zug (Ägerital) und Luzern (Küssnacht, Rigi) kam es in spätma. Zeit wiederholt zu solchen Konflikten.

Im 14. Jh. wurden zusammen mit den anderen Waldstätten wichtige aussenpolit. Bündnisverträge geschlossen, die sich v.a. auch auf die Konstituierung des Landes S. auswirkten. 1323 wurde das befristete militär. Hilfsbündnis mit Bern geschlossen, das 1353 in ein unbefristetes Bündnis mündete. Die ewigen Bündnisse mit Luzern (1332) und Zürich (1351) müssen in einem ähnl. Rahmen gesehen werden, wobei hier das Land S. und seine Urschweizer Verbündeten im Gegensatz zu älteren Forschungsansichten nicht als aktiv agierende Partner, sondern aus reagierender Position heraus handelten. Immerhin spielte das Land S. in der Frühzeit des noch lockeren eidg. Bündnissystems eine so aktive Rolle, dass die aggressiv-expansive Aussenpolitik der Schwyzer der Schweiz ihren heutigen Namen gab: Bereits im 14. Jh. wurden die eidg. Bündnispartner durch Chronisten im Reich kollektiv als Schwyzer oder eben Schweizer bezeichnet.

Um 1350 war das Land S. im Inneren wie Äusseren gefestigt. Im SpätMA erwarb es mittels Abschluss von Landrechten, krieger. Eroberung oder Kauf ein ansehnl. Territorium, das bereits weitgehend dem heutigen Kantonsgebiet entsprach. Es dauerte jeweils mehrere Jahrzehnte, bis die einzelnen Rechte in den Landschaften in den Händen der Schwyzer Oberherren vereinigt waren und sich die Landesherrschaft in eine Landeshoheit umgewandelt hatte. Die Waldstatt Einsiedeln wurde 1386 militärisch besetzt, die hohe Gerichtsbarkeit übte seit 1394 ein Schwyzer Vogt aus, 1397 geriet das Kloster vorübergehend unter schwyzer. Schirmhoheit und 1424 wurde die Schwyzer Kastvogtei über das Kloster errichtet. 1386 erfolgte die Aufnahme von Märchler Landleuten ins Schwyzer Landrecht, 1414 der Abschluss eines Landrechts mit der Mittelmarch und 1436 derjenige mit der Obermarch. In Küssnacht verfügte S. seit 1383 über eine Zollstätte, 1402 kaufte es die Vogtei- und Gerichtsgewalt und 1424 nahm es die Leute ins Landrecht auf. Küssnacht und die am Zürichsee gelegenen, 1440 eroberten Höfe Wollerau und Pfäffikon sowie Hurden und die Insel Ufenau fielen im 14. und 15. Jh. schrittweise an das Land S., wobei sich im Laufe der Territorialisierungsprozesse unterschiedl. Verhältnisse zwischen S. und den einzelnen Landschaften ausbildeten und nicht allen Landschaften derselbe Grad an Autonomie zugestanden wurde.

1415 verlieh Kg. Sigismund den Schwyzern als Dank für die militär. Unterstützung im Kampf gegen Hzg. Friedrich IV. von Habsburg die hohe Gerichtsbarkeit im Land S., in Einsiedeln, Küssnacht und in der March. Die dem Kloster Einsiedeln gehörende Vogtei Reichenburg gelangte mit der Schirmherrschaft über das Kloster Einsiedeln 1397 in den schwyzer. Herrschaftsbereich. Einen Sonderfall stellt das sich im SpätMA selbstständig machende Gersau dar, das 1359 als zugewandter Ort ins eidg. Bündnissystem integriert und 1817 dem Kt. S. angeschlossen wurde.

Nicht alle territorialpolit. Aktivitäten des Landes S. waren von Erfolg gekrönt: Expansionsversuche innerhalb des zentral- und ostschweiz. Raums scheiterten v.a. am Widerstand der Städte Zürich und Luzern. In der 2. Hälfte des 14. Jh. konnte das Land S. zunächst Stadt und Amt Zug seinem Einfluss unterwerfen und dort sogar das Ammannamt besetzen; doch im Herbst 1404 fand diese Einflussnahme mit dem sog. Siegel- und Bannerhandel ein abruptes Ende. Auch im ostschweiz. Raum hatten die Schwyzer Ambitionen: Ende 1402 oder Anfang 1403 schloss das Land S. mit den nach Unabhängigkeit von der Abtei St. Gallen strebenden Appenzellern ein Landrecht ab und engagierte sich auch in den Appenzeller Kriegen; es soll auch hier den Ammann sowie militär. Führungskräfte gestellt haben. Nach anfänglichen militär. Erfolgen scheiterte dieses Engagement mit der Niederlage der Appenzeller vor Bregenz Anfang 1408.

Erfolgreicher war das Land S. in seinen Bestrebungen, Anteil am Verkehrsweg von Zürich zu den Graubündner Pässen zu erlangen. Hier wurde es mittels des Abschlusses von Landrechten (1417, 1428) mit dem letzten Gf. von Toggenburg, dem 1436 verstorbenen, kinderlosen Friedrich VII., aktiv und war zum Nachteil der Stadt Zürich Profiteur in dem um dessen Erbe ausbrechenden Alten Zürichkrieg (1436-50). Neben dem bereits erw. Gewinn der Höfe Wollerau und Pfäffikon erlangte das Land S. zusammen mit seinem schwächeren Partner Glarus die Herrschaft über Uznach (1437 Verpfändung, 1469 Kauf) und Gaster (1436 Landrecht, 1438 Verpfändung). 1497 gelangten beide Orte durch Kauf überdies in den Besitz der Herrschaft Gams, die sie der Vogtei Gaster angliederten.

Als Mitglied der sich im 15. Jh. in immer stärkerem Masse konstituierenden Eidgenossenschaft hatte der Stand S. Anteil an den Gemeinen Herrschaften. Mit Uri und Nidwalden teilte S. aus wirtschaftl. Gründen das Interesse an einer Expansion jenseits des Gotthards. Zu Beginn des 16. Jh. gewannen diese Orte die Herrschaft über Bellinzona, dem Tor zur Lombardei, sowie über Gebiete in der Riviera und im Bleniotal (Ennetbirgische Feldzüge). Zusammen mit anderen eidg. Orten regierte das Land S. auch die übrigen Ennetbirgischen Vogteien in Lugano, Mendrisio, Locarno und dem Maggiatal.

Die langen Regierungszeiten der Landammänner Ital Reding des Älteren (gestorben1447) und dessen gleichnamigen Sohns Ital Reding des Jüngeren (gestorben 1466) erwiesen sich als konstanter Faktor der Schwyzer Aussen- und Innenpolitik. Der Stand S. blieb nicht von inneren Unruhen verschont: Das Scheitern der Expansionspolitik gegenüber Zug 1404 führte zur Absetzung mehrerer Ratsherren. Die Konkurrenz unter den führenden Fam., die mitunter, wie der Mord an Werner Ab Yberg durch Hans Ulrich 1462 zeigt, auch in Gewalt ausartete, bedrohte die innere Stabilität ernsthaft. Schon im ausgehenden MA spielte während solcher innerer Unruhen, die sich in der frühen Neuzeit fortsetzten, die Unberechenbarkeit der Landsgemeindedemokratie häufig eine wesentl. Rolle.

Autorin/Autor: Oliver Landolt

2.3 - Regieren und Verwalten im Ancien Régime

2.3.1 - Landsgemeinde, Landrat und Landesämter

Mehr noch als in den übrigen Länderorten war in S. die Landsgemeinde der polit. Dreh- und Angelpunkt. Das polit. System manifestierte die Auffassung einer durch und durch selbstständigen Körperschaft, die ihre eigenen Interessen im Wissen um die Freiheiten und die gelebten, staatsbildenden Traditionen unbeirrbar und oft rücksichtslos verfolgte. Die Landsgemeinde wurde im 17. und 18. Jh. als "Höchster Fürst", "Oberste Gewalt" oder auch als "Landesfürst" schlechthin bezeichnet, was ihre unumstössl. Position innerhalb des staatl. Machtgefüges bis 1798 veranschaulicht. Die sorgsam gepflegte archaische Vorstellung der althergebrachten Landsgemeindedemokratie kontrastierte spätestens ab dem ausgehenden 17. Jh. mit den tatsächl. Machtverhältnissen, die durch einige wenige auch wirtschaftlich erfolgreiche Fam. bestimmt waren.

Eine eigene Landsgemeinde hatte nicht nur der Stand S., sondern auch einzelne Angehörige Landschaften wie etwa die Landschaft March. Teilnahme- und stimmberechtigt waren die Landleute. Diese besassen das Landrecht und genossen alle polit. und wirtschaftl. Rechte, was allerdings durch die spätestens im frühen 16. Jh. einsetzenden Abschliessungstendenzen der Führungsschichten relativiert wurde. Die Herausbildung einer polit. Führungsschicht war keineswegs nur ein Phänomen der sechs Viertel im Stand S.; auch in den Landschaften lässt sich die Elitenbildung durch einzelne Geschlechter nachweisen. Von den Landleuten unterschied man die Beisassen, welche weder zu den einträgl. Ämtern noch zu den Nutzungsrechten der Allmeinden und Genosssamen Zugang hatten. Der im SpätMA und im 16. Jh. noch mögl. Einkauf in eine gleichberechtigte Stellung wurde im 17. Jh. durch entsprechende Landrechtsbeschlüsse immer mehr eingeschränkt. Ausgenommen von diesen Regelungen wurden bisweilen zahlungskräftige Beitragswillige, welche die Gelegenheit boten, desolaten Finanzsituationen abzuhelfen. So wurde 1715 wegen der leeren Staatskassen nach dem 2. Villmergerkrieg entschieden, anstatt der Erhebung einer direkten Steuer Beisassen und Fremden gegen die Zahlung einer erhebl. Summe das Landrecht zu erteilen.

Die eigentl. Konstante im staatl. Leben war die jeweils am letzten Sonntag im April stattfindende Maienlandsgemeinde, auf der die Amtsträger Rechenschaft über ihre Tätigkeit ablegten und die Landleute über wichtige Geschäfte abstimmten, Kapitulationen mit Soldherren genehmigten, neues Landrecht erliessen und alte Gewohnheiten bestätigten. Je nach Bedarf wurden auch ausserordentl. Landsgemeinden einberufen. Die Landsgemeinde wurde meist im Ring zu Ibach, einer Filiale von Schwyz, abgehalten; daneben bestanden diverse Ausweichplätze (u.a. Pfarrkirche oder Hauptplatz in S.).

Die Landesgeschäfte besorgte der Landrat, aus dessen Mitte die Landsgemeinde den Landammann und die Inhaber der weiteren Landesämter (u.a. Statthalter, Säckelmeister, Pannerherr, Landeshauptmann, Bauherr, Spitalherr, Strassenherr, Richter, Umgeldherr) wählte. Im Rat sassen zusätzlich die sog. Siebner, die jeweiligen Vorsteher der sechs Viertel. Eigentl. Landesbeamte waren der Landweibel sowie die Landschreiber mit ihren Unterschreibern, die auch in den versch. Gerichtsgremien assistierten. Je nach Geschäft wurde der Landrat nach dem Kooptationsprinzip auf einen Zweifachen (strafrechtl. Instanz) oder Dreifachen (Instruktion und Entgegennahme der Rechenschaftsberichte der Tagsatzungsgesandten, Beschlussfassungen über Anträge der Tagsatzung) Landrat ergänzt. In militär. Hinsicht bestand die Organisation aus einem Pannerherrn (Ehrenamt) an der Spitze, dem Landeshauptmann, dem Obrist-Leutnant, dem Obrist-Wachtmeister, dem Landesfähnrich sowie dem Kriegsrat, der sich wiederum aus dem Landammann, dem Pannerherrn, dem Zeugherrn, den Landeshauptleuten der March, von Einsiedeln, der Höfe, von Küssnacht, Gaster und Uznach, vier Majoren, den Stuck-Hauptleuten (Artillerieoffiziere), neun Hauptleuten des Landes S., dem Landes-Aidemajor (Stabsoffizier zur Führungsunterstützung des Landeshauptmanns) sowie dem Kriegsratsschreiber zusammensetzte. Bis auf den Pannerherrn wurden die Funktionen und Gremien je nach Bedarf besetzt bzw. einberufen.

Prägendes Element der inneren Organisation von S. war die lückenlose korporative Durchdringung der gemeinwirtschaftlich genutzten Weiden, Wälder und Alpen (Korporationen). Da die Landleute gleichzeitig auch den entsprechenden Allmeindkorporationen angehörten, wurden die klass. Staatsgeschäfte und die Allmeindgeschäfte bis 1816 nicht getrennt. Die Beteiligten und die Behörden waren in beiden Bereichen die gleichen. Auch in den Angehörigen Landschaften bestanden - und bestehen teils noch zu Beginn des 21. Jh. - Allmeindgenossamen, die sich aus bestimmten Geschlechtern oder in definierten Genossenkreisen lebenden Personen zusammensetzten.

Landammann Jost Rudolf von Reding legte der Landsgemeinde von 1704 den schriftl. Entwurf einer Liste der sog. 19 Landespunkte vor, welche alle zwei Jahre an der Maienlandsgemeinde vorgelesen werden sollte. Die darin enthaltenen "Grundsätze" oder "Satzungen" hatten verfassungsähnl. Charakter und gaben den Landleuten eine gewisse Rechtssicherheit, schützten im Gegenzug aber auch die Obrigkeit vor der Willkür des Volkes. Der Landammann wollte demnach die Unzufriedenheit und die drohende Krise mit der Aufnahme von "Volksrecht-Artikeln" und "Geschäftsordnungs-Grundsätzen" eindämmen und einer revolutionären Stimmung gegensteuern. Die Landsgemeinde akzeptierte die 19 Punkte ohne Abänderungen. Die Landespunkte, die bis 1733 noch um sieben zusätzl. Punkte erweitert wurden, bildeten bis 1833 als Teil der Sammlung der wichtigsten Landsgemeindebeschlüsse die eigentl. Verfassung des Standes S.

Autorin/Autor: Kaspar Michel

2.3.2 - Landsgemeindeunruhen

An der Landsgemeinde flackerten immer wieder heftige Auseinandersetzungen zwischen Behörden und Volk auf, die sich in der Regel um Soldgeschäfte oder ausbleibende Soldzahlungen der fremden Mächte drehten. Nicht selten standen am Schluss solcher Querelen wenig konkrete Vorwürfe des Landesverrats an die Amtsträger oder Anschuldigungen an die oligarch. Staatselite, die kath. Religion durch eine undurchsichtige Politik zu gefährden. Da der Kreis der Soldunternehmer mit der polit. Führungsschicht weitgehend deckungsgleich war, führten diese Konflikte wiederholt zu Amtsentsetzungen, Reislauf- und Pensionenverboten, Bündnisauflösungen und handfesten Streitigkeiten, die weit über die gewöhnl. Richtungskämpfe zwischen den sog. Faktionen hinausgingen. Faktionen wurden die versch. Gruppen von Parteigängern genannt, die - je nach Klientelzugehörigkeit - dem franz. oder dem kaiserl.-span. Soldgeschäft anhingen. Savoy., venezian. und päpstl. Gefolgschaften spielten eine untergeordnete Rolle. Zudem waren die Grenzen der jeweiligen Klientel fliessend und die Konturen der Parteiungen je nach polit. Grosswetterlage verschwommen. Oft bestimmte die familiäre Tradition die Zugehörigkeit zur einen oder zur anderen Faktion. Analog zur europ. Mächtekonstellation standen sich auch in S. vom 16. Jh. an meistens eine pro- und eine antifranz. Partei gegenüber.

Mehrere Landsgemeindeunruhen nach 1550, bei denen es um ausgebliebene Zahlungen der sog. Teilkronen (d.h. den Anteil der Landleute an den Pensionen) ging, dokumentieren das grundsätzl. Misstrauen gegenüber dem Soldgeschäftsgebaren der Landesbeamten und Soldunternehmer. 1557 wurde Landammann Dietrich In der Halden, der Führer der franz. Partei, nach mehrjährigem Ausbleiben der franz. Jahrgelder sowie gezielten Intrigen der span. Soldunternehmer von der Landsgemeinde als Landammann im Zwischenjahr seiner Amtszeit nicht mehr bestätigt. Mit ihm wurden mehrere Ratsherren abgesetzt. An seiner Stelle wählte die Landsgemeinde den aus bäuerl. Umfeld stammenden Morschacher Sebastian Schilter, der mit der Erreichung des höchsten Landesamts auch seinen Nachkommen Zugang zur Führungsschicht verschaffte. Das gleiche Schicksal erlitt der Schwiegersohn von In der Halden, Landammann Rudolf Reding (1539-1609), den seine ungeduldigen Landleute wegen Zahlungsrückständen der franz. Dienstherren nach 1590 vorab 1606-08 in Bedrängnis brachten. In der Regel beruhigte sich die Lage jeweils nach Vermittlung der eidg. Orte, Besänftigungen und Versprechen der franz. Ambassadoren und Gesandten sowie den Vorschusszahlungen der Soldunternehmer wieder. Mit dem Harten- und Lindenhandel erreichten die Auseinandersetzungen zwischen den Schwyzer Militärunternehmern und dem Volk 1763-67 einen - zeitweise staatsgefährdenden - Höhepunkt, der turbulente Auswirkungen bis in die Angehörigen Landschaften hatte (Einsiedlerhandel).

Die Forschung wertet die Landsgemeindeunruhen als eine Form der frühen popularen Opposition, die nicht nur im Fall des Harten- und Lindenhandels auch die Angehörigen Landschaften in Mitleidenschaft zogen. Gerade das Mittel der Absetzung von Landesbeamten oder Ratsherren kam während der ganzen frühen Neuzeit mehrere Male zur Anwendung. Bei der Unruhe von 1655 in Arth wegen einer Gruppe von Reformierten oder Täufern (sog. Arther oder Nikodemitenhandel, Erster Villmergerkrieg) handelte es sich ebenfalls um eine lokale Oppositionsbewegung, die sich auf das Geschehen in Rat und Landsgemeinde auswirkte; allerdings war sie auch religiös motiviert und muss vor dem Hintergrund der allg. Konfessionalisierung interpretiert werden. Stärker in der Traditionslinie einer latenten popularen Opposition standen dagegen der Defensionalstreit von 1676 und der Stadlerhandel im frühen 18. Jh., in welchem die antiaristokrat. Bewegung in der Person des 1708 enthaupteten Landvogts Josef Anton Stadler einen umtriebigen Anführer hatte.

Autorin/Autor: Kaspar Michel

2.3.3 - Die Vogteien

Im Beteiligungssystem der eidg. Vogteien und Schirmherrschaften nahm S. vom 15. bis zum 17. Jh. eine starke Position ein. Hinzu kamen seine dominante Stellung in dem für den Fernhandel interessanten Gebiet von Rapperswil, Uznach und Gaster sowie seine Partizipation an allen dt. und ital. gemeinen Herrschaften. Die Auswirkungen des Vogteiwesens auf die innenpolit. Verhältnisse waren gross, weil die Landvogteien oftmals an den Meistbietenden an der Landsgemeinde vergeben wurden und diese Praxis Bestechung und anderen Formen unbotmässiger Einflussnahme (Trölen und Praktizieren) Tür und Tor öffnete. Kostspieligere, aber auch einträglichere Vogteistellen wurden in der Regel von Angehörigen der polit.-gesellschaftl. Elite bekleidet. Einzelne Fam. (v.a. Reding) besetzten über Jahrzehnte hinweg wichtige Stellen im Thurgau und in der Grafschaft Baden. Gleichwohl war zwischen 1630 und 1798 rund ein Viertel der 150 Schwyzer Landleutegeschlechter am Landvogteiwesen beteiligt.

Eine Zäsur für das Schwyzer Vogteiwesen stellte der 2. Villmergerkrieg von 1712 dar, mit dessen Folgeregelungen (4. Landfriede) S. aus Beteiligungen an den lukrativen gemeinen Herrschaften (Grafschaft Baden, Untere Freie Ämter) verdrängt und eine polit. Marginalisierung des Standes innerhalb der eidg. Orte eingeläutet wurde. Unberührt von dieser Entwicklung blieben die ausschliesslich von S. wahrgenommenen obrigkeitl. Rechte in den Angehörigen Landschaften und den Untertanengebieten (March, Höfe Wollerau und Pfäffikon, Waldstatt Einsiedeln und Küssnacht). Die Rechtsstellung der Landschaften wurden zusehends schlechter; das ursprünglich auch durch konstruktiv-parität. Aspekte geprägte Verhältnis zum Land S. entwickelte sich im Verlaufe des 17. Jh. immer mehr - dies gilt v.a. für die March - zu einem Abhängigkeitsverhältnis. Standen im 15. Jh. noch die jährl. Gewährleistungen der Rechte der im Landrechtsstatus befindl. Gebiete durch S. im Vordergrund, verlangte Letzteres im 18. Jh. eigentl. Untertaneneide. In den sich verschlechternden Beziehungen zwischen S. und den Landschaften wurzelten auch die grossen Auseinandersetzungen zwischen den späteren Landesteilen nach 1798, deren Höhepunkt die Kantonsteilung von 1833 darstellte.

Autorin/Autor: Kaspar Michel

2.4 - Selbstverständnis und Fremdwahrnehmung

Bis ins SpätMA reicht die Ausbildung eines schwyzer. Geschichts- und Selbstverständnisses zurück, das einerseits aus den Elementen der eidg. Befreiungstradition genährt wurde, andererseits weitere Mythen wie z.B. den über die sagenhafte Abstammung der Schwyzer von Schweden einbezog. Gemäss der Schrift "Vom Herkommen der Schwyzer und Oberhasler", verfasst von Heinrich von Gundelfingen um 1480, sollen sich 6'000 Schweden und 1'200 Ostfriesen in der Schweiz niedergelassen haben; diese hätten die Reichsfreiheit erhalten, weil sie um 400 den Papst und den Kaiser in Rom aus einer Bedrohung durch Barbaren befreit hätten. Dieser Mythos entfaltete im 16. Jh. eine grosse Wirkungsmacht; ein Schwyzer Sittenmandat aus den späten 1520er Jahren sowie ein Landsgemeindebeschluss von 1531 belegen, dass die Abstammung von den Schweden auch die offizielle, von der Schwyzer Obrigkeit vertretene Anschauung war. Ein zentrales Element dieses Mythos, die Rettung des Papstes durch Schweden bzw. Schwyzer, korrespondiert in gewisser Hinsicht mit den sakralen Aspekten des um das Schwyzer Banner entstandenen Fahnenkults oder der besonderen Bedeutung der Schlachtjahrzeiten im Land S. Der Ort verstand sich also nicht nur als Gründer und Schützer der Eidgenossenschaft, sondern sah sich auch als kath. Bollwerk innerhalb der kath. Eidgenossenschaft, weshalb er mitunter gegenüber den anderen kath. Orten einen gewissen Vorrang beanspruchte.

Diese Rigidität in konfessionellen Fragen einerseits und die konfliktreiche Innenpolitik andererseits prägten in der frühen Neuzeit die Aussenwahrnehmung des Standes S. Gerade bei den ausländ. Gesandten und Solddienstvermittlern galten die Schwyzer als unberechenbar, eigensinnig, aufrührerisch und geldgierig. Nicht nur die ref. Orte, sondern - je nach anstehendem Geschäft - auch die kath. Orte beurteilten die Schwyzer als hochmütig und schwierig im polit. Umgang (z.B. in Zusammenhang mit der Defensionalpolitik ab 1647 und dem Zwyerhandel). Die bisweilen in religiösen Fanatismus ausartende schwyzer. Politik war einer vernunftgeleiteten, gemeineidg. Vorgehensweise oftmals abträglich. Mehrmals wurde S. als das "enfant terrible" innerhalb des Corpus helveticum bezeichnet. Direkte Auswirkungen hatte dieser zweifelhafte Charakter der polit. Kultur von S. in der Tagsatzung und den Untertanengebieten, in denen die Zusammenarbeit mit S. wiederholt Probleme bereitete.

Autorin/Autor: Kaspar Michel, Oliver Landolt

3 - Bevölkerung, Wirtschaft, Gesellschaft vom Hochmittelalter bis ins 18. Jahrhundert

3.1 - Bevölkerung und Siedlung

Zonen mit früher alemann. Siedlungstätigkeit waren neben dem Gebiet des heutigen Bez. Höfe und der Mittelmarch die Gegend um Küssnacht und der Schwyzer Talkessel, während der Einsiedler Raum vorab als wirtschaftl. Hinterland genutzt wurde. Nachdem die Alemannen diese Zonen im 7. Jh. erreicht hatten, fand im 8. und 9. Jh. der Landesausbau im inneren Kantonsteil statt. Die Ufer am Küssnachter Arm des Vierwaldstättersees, der Schwyzer Talboden und Gersau waren spätestens um 900 dauernd besiedelt, das Ausgreifen in höher gelegene Bergregionen, das für das Muota- und das Wägital nachgewiesen ist, dürfte ab ca. 1000 eingesetzt haben. Die einzelnen Höfe wuchsen nach alemann. Siedlungsstruktur im Hoch- und SpätMA zu dörfl. Siedlungen zusammen, was auch eine Folge des Bevölkerungswachstums war und sich schliesslich in den für S. typischen genossenschaftl. Bewirtschaftungsarten manifestierte. Mehrheitlich korporativ organisiert und genutzt waren zudem die temporären alpinen Siedlungen (Alp Rederten im Wägital, Alpen im Muotatal), deren früheste Zeugen um 1000 datieren. Charakteristisch sind die Streusiedlungs- bzw. Einzelhofgebiete, sowohl im äusseren Kantonsteil (nördl. Bergflanke Rossberg-Etzel-Pfifegg) wie auch im inneren Kantonsteil (Altmatt-Morgarten-Rossberg/Steinerberg sowie südl. Engelstock-, Haggen- und Ibergereggregion). Als Besonderheit gelten die ganzjährig bewohnten und bewirtschafteten Gehöfte in diesen Streusiedlungsgebieten und ab dem 14. Jh. auch in den Berggebieten (archäolog. Fundstätte Balmis bei Illgau). Frühe dörfl. Zentren formierten sich in Küssnacht, Steinen, S. und Einsiedeln; weitere kamen erst später hinzu (Brunnen, Morschach) oder entstanden als erkennbare Dörfer im 14. Jh. (Arth, Lachen). In der frühen Neuzeit bildeten S., Brunnen, der Arther Talboden, Küssnacht, Einsiedeln und die untere March die Siedlungsschwerpunkte.

Die Bevölkerungszahlen der Schwyzer Pfarreien sind erst für die Mitte des 18. Jh. verlässlich. 1743 lebten im ganzen Kantonsgebiet (einschliesslich Gersau und Reichenburg, die erst im 19. Jh. definitiv zum Kt. S. kamen) 25'815 Menschen. Davon entfielen 12'287 auf das Land S., 5'426 auf die March, 3'320 auf Einsiedeln, 1'506 auf Küssnacht, 2'321 auf die Höfe und 955 auf Gersau. Der Hauptort zählte 4'639 Personen. Zehn Jahre später betrug der Bevölkerungszuwachs kantonsweit 1'287 Einwohner; 1799 wurden bereits 34'138 Menschen gezählt.

Statistisch kaum ins Gewicht fallen die Auswanderungen. Nur einzelne Personen emigrierten aus religiösen und polit. Gründen; auch die militär. Auswanderung (Fremde Dienste) wird gemeinhin überschätzt. In der Regel kehrten Soldnehmer wieder in die Heimat zurück.

Autorin/Autor: Kaspar Michel

3.2 - Wirtschaft

Die Landwirtschaft im Gebiet des inneren Teils des heutigen Kt. S. richtete sich im HochMA auf die Selbstversorgung aus. Im 14. und 15. Jh. verlegte sie sich v.a. auf die profit- wie exportorientierte Grossvieh- und Milchproduktion (Käse, Butter). Diese Produkte wurden über die Alpen auf die oberital. Märkte, aber auch gegen Norden ins schweiz. Mittelland und den süddt. Raum exportiert. Neben der Rinderzucht hatte auch die Pferde- und die Schafhaltung eine gewisse Bedeutung; v.a. Oberitalien war ein wichtiges Absatzgebiet für Pferde. Der im frühen 14. Jh. noch belegte Ackerbau wurde allmählich verdrängt und das Getreide zur Versorgung der Bevölkerung zunehmend aus dem Mittelland und aus süddt. Gebieten importiert; allerdings bestanden in Bezug auf den Ackerbau zwischen den einzelnen Regionen grosse Unterschiede. Eingeführt wurde auch das für die Viehzucht wichtige Salz. Da die Vieh- und Milchwirtschaft wesentlich weniger Arbeitskräfte als der personalintensive Ackerbau benötigte, wurde der Solddienst im SpätMA zu einem wichtigen wirtschaftl. Faktor. Ökonom. Gewicht hatte zudem die Forstwirtschaft. Im 16. und 17. Jh. fanden grössere Waldrodungen statt, um mehr Weideland zu gewinnen. Das gefällte Holz wurde in Form von Brettern und Brennholz nach Luzern, Zug und v.a. Zürich exportiert.

Vom frühen 11. bis ins frühe 15. Jh. dominierte im Kantonsgebiet der Zürcher Pfennig. Im 15. Jh. fand daneben die Luzerner Münze Verbreitung. Doch auch das Land S. wurde münzpolitisch aktiv, nachdem ihm Kg. Sigismund 1424 die Münzhoheit verliehen hatte. S., Uri und Unterwalden liessen zu Beginn des 16. Jh. in Bellinzona eine gemeinsame Münze schlagen; eine zweite gemeinsame Münzstätte wurde mit Unterbrechungen zwischen 1548 und 1610 in Altdorf (UR) betrieben. Danach gaben die drei Stände die münzpolit. Zusammenarbeit auf. S. brachte vom 17. bis ins 19. Jh. versch. eigene Prägungen in Umlauf.

Mit dem am Vierwaldstättersee gelegenen Küssnacht und dem Hafenort Brunnen profitierte der Stand S. auch vom Verkehr auf der Gotthardroute. Nutzen aus seiner Bedeutung als Wallfahrtsort zog v.a. Einsiedeln; Unterbringung und Versorgung der Pilger liessen hier einen Flecken mit beinahe urbanem Charakter entstehen.

Der margt ze Switz wird erstmals 1313 im Zusammenhang mit einem Rechtshandel erwähnt. Auch an anderen Orten existierten Märkte wie der in Steinen 1416 belegte Viehmarkt. 1415 bestätigte Kg. Sigismund dem Land S. ein Marktrecht für einen seit einigen Jahren bestehenden Markt in der March, der in Lachen - also an der Route von Zürich zu den Bünderpässen - gehalten wurde und den Rapperswiler Wochenmarkt konkurrenzierte. In Einsiedeln sind Märkte vom 14. Jh. an bezeugt.

Handwerk und Gewerbe waren im Land S. und in seinen Angehörigen Landschaften an einzelnen Orten schon im 15. Jh. recht entwickelt. Ab dem 16. Jh. organisierten sich die Handwerker versch. Landschaften in Bruderschaften, denen die Funktion von Zünften zukam. So vereinte die 1532 obrigkeitlich bewilligte St.-Crispin- und Crispian-Bruderschaft die Schneider und Schuhmacher im Flecken S. In Einsiedeln kam dem klösterl. Buchdruckergewerbe wirtschaftl. und kulturelle Bedeutung zu.

Nachdem im 17. Jh. im Kt. Zürich eine Verlagsindustrie entstanden war, verbreitete sich diese auch im Kt. S. Speziell im 18. Jh. ernährte die Baumwollspinnerei als Hausindustrie zahlreiche Fam. im Talkessel von S., in der March und in den Höfen. Die vom letzten Viertel des 17. Jh. an und v.a. während des 18. Jh. feststellbaren Initiativen zum Aufbau einer auf Heimarbeit basierenden Seidenindustrie waren mehr (S., Gersau) oder weniger erfolgreich (Einsiedeln).

Ab dem 16. Jh. erfolgten mehrere Versuche, Bergwerke für die Gewinnung von Eisen oder anderer wichtiger Rohstoffe einzurichten; langfristig blieben jedoch alle erfolglos. Ökonomisch interessanter war die vom SpätMA an belegte Ausbeutung von Steinbrüchen, insbesondere in den Höfen und der March. Ab dem 18. Jh. wurde im Raum Einsiedeln und im Hochmoor von Rothenthurm Torf gestochen, der als Brennstoff diente. Zur Befriedigung des eigenen Bedarfs an Baumaterialien wurde 1596 auf obrigkeitl. Anordnung die erste Ziegelei in Ibach errichtet; weitere Ziegeleien, u.a. in Einsiedeln und in der March, nahmen später die Produktion auf. In der 2. Hälfte des 17. und im 18. Jh. wurden in der Region Iberg und im Alptal sporadisch Glashütten betrieben.

Autorin/Autor: Oliver Landolt

3.3 - Gesellschaft

Die Gesellschaftsentwicklung innerhalb der versch. Regionen des Kantons war im SpätMA durch eine zunehmende soziale Differenzierung geprägt. Neben Gotteshausleuten, Zinsern und Leibeigenen lebten auch Freie, wobei über die prozentuale Verteilung dieser Bevölkerungsgruppen keine näheren Informationen vorliegen. V.a. die ältere Geschichtsforschung nahm ein Überwiegen "altfreier" Bevölkerungsteile an, was aber neuere Untersuchungen nicht bestätigen. Im Gegensatz zu anderen Länderorten wie Uri oder Nidwalden muss der Raum des heutigen Kt. S. im SpätMA als eine nahezu adelsfreie Zone bezeichnet werden. Dominiert wurde die Gemeinschaft durch reiche und mächtige Fam. mit bäuerl. Wurzeln. Die Mehrheit der Bevölkerung setzte sich aus in bescheidenen Verhältnissen lebenden Bauern zusammen, welche über mehr oder weniger grosse landwirtschaftl. Güter verfügten oder solche gepachtet hatten. Nicht wenige Personen dürften als Knechte, Mägde, Dienstboten oder Sennen in einem abhängigen Arbeitsverhältnis (Landwirtschaft, Klöster, Handwerksbetriebe) ihren Lebensunterhalt verdient haben. In rechtl., polit., wirtschaftl. wie sozialer Hinsicht wichtig wurde die schon im SpätMA feststellbare Ausdifferenzierung der Bevölkerung in vollberechtigte Landleute, minderberechtigte Beisassen und die in der frühen Neuzeit entstehende Gruppe der Jahrgeldler bzw. tolerierten Fremden (Jahresaufenthalter gegen Zahlung einer Gebühr), welche praktisch rechtlos waren. Ähnl. Strukturen mit vollberechtigten Landleuten (March, Küssnacht), Waldleuten (Einsiedeln) oder Hofgenossen (Höfe Wollerau und Pfäffikon) und minderberechtigten Einwohnern entwickelten sich in den Angehörigen Landschaften.

Im Stand S. wurden während der frühen Neuzeit die Vorrechte der zum Land S. gehörenden Landleute bestimmend, welche gegenüber allen Bewohnern der Angehörigen Landschaften in versch. Bereichen privilegiert waren. Einige Fam. aus dem Land S. gelangten v.a. ab dem 16. Jh. durch ihre Beteiligung am Soldunternehmertum für ausländ. Fürsten zu gewaltigen Vermögen (Militärunternehmer); Stein gewordenes Zeugnis dieses Reichtums sind die zahlreichen, rund um den Flecken S. liegenden Herrenhäuser. Diese Fam. übten auch die polit. Macht im Länderort aus, stellten jeweils den Landammann und besetzten weitere polit. Schlüsselämter. Ihren polit. Einfluss sicherten sie sich durch umfangreiche klientelist. Beziehungsnetze, welche v.a. mittels Geldzahlungen aufrechterhalten wurden. Ab dem 16. Jh. lassen sich Aristokratisierungstendenzen in diesen Fam. ausmachen, u.a. im Bestreben, von ausländ. Fürsten Wappenbriefe und Adelstitel zu erwerben.

Im 14. Jh. gehörten die Stauffacher und die Ab Yberg zu diesen Häuptergeschlechtern. Exponenten der ab der 2. Hälfte des 16. Jh. im Dorf S. ansässigen Fam. Reding prägten vom SpätMA an nicht nur die Verhältnisse im Stand S., sondern übten zeitweise auch grossen Einfluss auf die eidg. Politik aus. Zwischen ca. 1440 und 1580 gelangten auch Angehörige der Fam. In der Halden wiederholt in die höchsten Landesämter. Bis zum Ende des Ancien Régime dominierten nebst den Angehörigen der Fam. Reding v.a. die Ab Yberg, Schorno, Betschart, von Nideröst, Ceberg, Jütz und Weber. In der - im Vergleich zur Kastvogtei Einsiedeln, den Untertanengebieten von Pfäffikon und Wollerau sowie der Landschaft Küssnacht recht selbstständigen - March brachte sich nach 1500 das Geschlecht der Hegner und im 18. Jh. jenes der Schwyter in führende Positionen.

Bedürftige wurden v.a. aus kirchl. Stiftungen (Armenspende, Armenleute-Seckel, private Jahrzeitstiftungen) versorgt. Spitäler und Siechenhäuser bestanden - teilweise vom SpätMA an - in den grösseren Ortschaften S. und Einsiedeln. Diese nahmen nicht nur Einheimische, sondern auch erkrankte Pilger und sonstige Reisende zeitweise auf. Die gelegentlich durchgeführten Betteljagden dienten v.a. der Vertreibung auswärtiger Bettler. Zur Kontrolle des Armenwesens wurden vom 16. Jh. an Bettelvögte eingesetzt.

Dorfbrände (u.a. 1509, 1577 und 1680 in Einsiedeln, 1620 in Brunnen, 1642 in S. sowie 1719 und 1759 in Arth), Pestepidemien (z.B. 1519, 1611, 1629), Unwetterereignisse, Hungerjahre, Perioden der Teuerung usw. hatten nicht nur grosse demograf. Auswirkungen, sondern prägten auch die Mentalität. Solche Katastrophen wurden teilweise als Strafe oder Prüfung Gottes interpretiert, weshalb nicht selten nach solchen Ereignissen strengere Sittengesetze erlassen, Kapellen gebaut oder Wallfahrten unternommen wurden.

Autorin/Autor: Oliver Landolt

3.4 - Kirchliches und religiöses Leben, Kultur und Bildung

3.4.1 - Kirchliche Verhältnisse und Volksfrömmigkeit

Das Gebiet des Kt. S. zählte bis 1815 zum Bistum Konstanz. Während die Pfarreien im äusseren Kantonsteil mit den Angehörigen Landschaften March, Höfe und Einsiedeln dem Dekanat Rapperswil-Zürich zugeteilt waren, gehörten diejenigen des inneren Kantonsteils zum Dekanat Luzern bzw. zum Vierwaldstätterkapitel. 1688 erhielt S. nach längeren Bemühungen einen eigenen bischöfl. Kommissar.

Vom HochMA an verdichtete sich das Pfarreinetz im ganzen Kantonsgebiet. Die zahlreichen, bis Ende des 18. Jh. durch Abkurung entstandenen Pfarreien bezeugen das Bedürfnis der Einwohner nach einer weitreichenden pastoralen Versorgung. Der tiefe Glauben grosser Teile der Bevölkerung äusserte sich in Landeswallfahrten (schon im MA nach Einsiedeln, ab Ende des 16. Jh. zu Bruder Klaus nach Sachseln, ab 1641 zur hl. Anna in Steinerberg), in zahlreichen Kapell- und Bildstockstiftungen und anderen Formen der Frömmigkeit wie der Gründung von Bruderschaften oder dem sog. Grossen Gebet, einer ca. drei Stunden dauernden Volksandacht, die wohl im frühen 16. Jh. aufkam. An versch. Orten lebten Eremiten (u.a. Insel Schwanau, Tschütschi oberhalb von S.), welche die Bevölkerung hoch achtete.

Die 934 gegr. Benediktinerabtei Einsiedeln entwickelte sich im MA zu einem Marienwallfahrtsort mit europaweiter Ausstrahlung, der Scharen von Pilgern anzog. Mit dem Wirken Huldrych Zwinglis als Leutpriester im Klosterdorf Einsiedeln 1516-18 und Balthasar Trachsels als Pfarrer in Arth 1520-24 verbreitete sich reformator. Gedankengut, v.a. in Einsiedeln, Arth, Freienbach und Tuggen sowie vielleicht auch in S., doch wurden solche Neigungen schon bald wieder von der Obrigkeit unterdrückt. Einzig in Arth hielt sich eine im Untergrund agierende Gruppe von Reformierten oder Täufern bis 1655. Unter den beim kath. Glauben verbliebenen eidg. Orten vertrat der Stand S. nach 1530 auch eine besonders strenggläubige Position, was v.a. die Reformierten in den gemeinen Herrschaften wie Gaster zu spüren bekamen. Die nach dem Konzil von Trient (1545-63) im Land angesiedelten, auch aus der Landeskasse unterstützten Kapuziner - Klöster bestanden ab 1585 in S. und ab 1656 Arth - spielten bei der Stützung des kath. Glaubens eine wichtige Rolle und genossen in weiten Teilen der Bevölkerung grosse Popularität. Im 17. und 18. Jh. fand der Barock in der schwyzer. Sakrallandschaft Eingang; die führenden Fam. wie die von Reding, Ab Yberg, Kyd, Betschart, Büeler, Kothing oder Fassbind finanzierten zahlreiche Kirchen- und Kapellenbauten. Die durch die Obrigkeit gestützte kath. Vorherrschaft griff tief in das Leben der Bevölkerung ein: Verordnete Gebete, Bittgänge und Wallfahrten zur Abwendung von Katastrophen und Unglücksfällen gehörten ebenso zum Alltag wie die Ermahnung zum regelmässigen Besuch des Gottesdiensts. Mag. Vorstellungen, nicht selten mit religiösen Elementen vermengt, waren bis in die höchsten Bevölkerungskreise verbreitet, wie z.B. Aufzeichnungen des Landammanns Michael Schorno aus dem 17. Jh. beweisen. Hexenverfolgungen sind ab der 2. Hälfte des 16. Jh. dokumentiert. Wegen der schlechten Quellenlage lassen sich aber nur sehr bedingt Aussagen über deren quantitatives Ausmass machen. Der Hexenwahn forderte 1753 und 1754 die beiden letzten Opfer.

Autorin/Autor: Oliver Landolt

3.4.2 - Schule und Bildung

Die Anfänge des Schulwesens im Kloster Einsiedeln sind bereits für das 10. Jh. verbürgt; die dortige Klosterschule blieb aber dem klösterl. Nachwuchs vorbehalten. Für den Flecken S. sind Schulmeister ab Mitte des 15. Jh. namentlich bekannt; in den anderen Dörfern des Kantons wurden während des 16. und 17. Jh. erste Schulen eingerichtet. V.a. die Forderung des Konzils von Trient, in jeder Pfarrei Bildungseinrichtungen zu schaffen, trug Früchte, wobei aber über den erreichten Alphabetisierungsgrad der Bevölkerung keine Informationen vorliegen. Lateinschulen mit meist aus dem Klerus stammenden Lehrern bestanden in Einsiedeln sowie ab 1627 in S. und ab 1690 in Lachen. In S. führten Schwestern aus dem Kloster St. Peter am Bach von der Mitte des 16. Jh. an eine Mädchenschule.

Vom SpätMA an besuchten einzelne Mitglieder der Führungsschicht Universitäten im In- und Ausland, v.a. in Basel, Bologna, Pavia, Mailand, Paris, Wien, Köln, Heidelberg, Erfurt, Wittenberg, Tübingen und Freiburg i.Br. Nach der Einführung der Reformation beschränkte sich der Besuch von Schwyzer Studenten auf die beim kath. Glauben verbliebenen Hochschulen. Die Zahl der Universitätsabsolventen erweist sich im Vergleich zu anderen eidg. Orten als gering.

Autorin/Autor: Oliver Landolt

3.4.3 - Kultur und Kunst

Kultur wie Kunst wurden im MA und in der frühen Neuzeit kontinuierlich durch die kath. Glaubensvorstellungen geprägt. Das Skriptorium der Benediktinerabtei Einsiedeln stellte ein frühes Zentrum ma. Buchkunst mit Höhepunkten in otton. und rom. Zeit dar. Gleiches gilt für die hier gepflegte Choralmusik. Einen neuerl. Höhepunkt der Buchkultur erlebte Einsiedeln mit der Erweiterung der Klosterbibliothek ab dem frühen 17. Jh. und der Errichtung einer eigenständigen Klosterdruckerei 1664. Am Ausbau der Sakrallandschaft, die noch heute durch den Barockstil geprägt ist, waren v.a. auswärtige Künstler und Kunsthandwerker beteiligt. Ganz allgemein spielte das Kloster Einsiedeln als europäisch bedeutender Wallfahrtsort für die Innerschweiz bezüglich der sakralen Barockkunst eine Vermittlerrolle. Bis ins späte 17. Jh. dominierten oberital. Baumeister, Stuckateure und Freskanten im Sakralbau, ab dem 18. Jh. waren überwiegend aus dem süddt. Raum stammende Bauateliers tätig. Seit dem SpätMA sind auch einheim. Kunstschaffende bezeugt, wie der Ende des 15. Jh. in Lachen ansässige spätgot. Holz- und Steinbildhauer Ulrich Rosenstein oder der im 18. Jh. europaweit bekannte Medailleur Johann Carl Hedlinger aus S. In Einsiedeln wirkte Ende des 17., Anfang des 18. Jh. der ursprünglich aus dem Bregenzerwald stammende Barockbaumeister Caspar Moosbrugger, der nicht nur innerhalb des Kt. S. (v.a. der Neubau von Kloster und Kirche Einsiedeln 1702-23), sondern auch in der übrigen Schweiz und im süddt. Raum an der Erstellung vieler Sakralbauten beteiligt war. Die hohe Fertigkeit einheim. Handwerker im Holzbau zeigt sich in den ab 1170 dokumentierten Holzhäusern. Im 16. und 17. Jh. setzte sich dann zunehmend die Steinbauweise durch, nicht selten in Kombination mit Holzelementen; im 18. Jh. übernahmen Bauernhäuser auch städt. Elemente wie beispielsweise die Klebdächer. Ein gewisser Kulturtransfer zwischen dem Kt. S. und den Dienstländern, der sich sowohl am Baustil wie auch an der Inneneinrichtung (u.a. Täferzimmer) der um den Flecken S. errichteten Herrenhäuser (z.B. Ital-Reding-Haus) ablesen lässt, erfolgte auch über das Militärunternehmertum.

Autorin/Autor: Oliver Landolt

4 - Der Staat vom Ende des Ancien Régime bis zur Gegenwart

4.1 - Politische Geschichte und Verfassungsentwicklung

Der Stand S. wehrte sich 1798 aus polit. und religiösen Gründen gegen die Eingliederung in die Helvet. Republik. Für seine Überzeugungen war er auch bereit zu kämpfen.

In den Ideen der Aufklärung sah die Mehrheit des Klerus eine Gefahr für den kath. Glauben sowie die Sittsamkeit und lehnte sie deshalb entschieden ab. Lediglich einige wenige Geistliche wie Augustin Schibig und später Alois Fuchs standen diesen Strömungen offener gegenüber. Der Geistlichkeit kam auch an der kompromisslosen Einstellung der Bevölkerung gegen aufklärer. Tendenzen und die Helvet. Republik ein wesentl. Anteil zu; besonders an den Landsgemeinden im Frühjahr 1798. Diese Haltung wurde durch die Ereignisse der Franz. Revolution, v.a. die Kirchenpolitik der Revolutionäre, untermauert. Zudem nahm das Kloster Einsiedeln in den 1790er Jahren eine beachtl. Anzahl von aus Frankreich geflohenen Geistlichen zeitweise auf, deren Berichte zur Ablehnung der Revolution beitrugen. In den Angehörigen Landschaften und Untertanengebieten hingegen, etwa der March, wurde die Helvetische Revolution aufgrund eigener Autonomiebestrebungen z.T. begrüsst.

Angesichts der franz. Bedrohung gewährte S. während des Franzoseneinfalls im März 1798 den Angehörigen Landschaften schrittweise das Recht auf Selbstbestimmung. Im April lehnte S. mit Nidwalden, Uri, Glarus und Zug die helvet. Verfassung ab. Die Innerschweizer Truppen unter dem Kommando von Alois Reding mussten trotz des Sieges gegen die franz. Truppen bei Rothenthurm am 2.5.1798 vor der Überlegenheit des Gegners kapitulieren. Das Alte Land S. wurde vorerst von Truppenbesetzung und Requisitionen verschont, die Angehörigen Landschaften hingegen nicht, wobei v.a. das Kloster Einsiedeln geplündert wurde. Das Territorium von S. wurde auf die Kt. Waldstätten (die späteren Bez. S., Gersau, Küssnacht und Einsiedeln) und Linth (die späteren Bez. March, Wollerau und Pfäffikon) aufgeteilt. Nach dem gescheiterten Nidwaldner Aufstand im Herbst 1798, den das Alte Land S. unterstützt hatte, besetzten die franz. Truppen den ganzen Kanton und erzwangen auch von den Schwyzern Waffenablieferungen und Requisitionen. Dass die belastende Präsenz der franz. Truppen auf Widerstand stiess, belegt der sog. Hirthemmlikrieg vom April 1799. Nach der Niederschlagung des Aufstands verlegten die Franzosen den Hauptort des Kt. Waldstätten von S. nach Zug.

Im Sommer und Herbst 1799 wurde S. nach dem Ausbruch des 2. Koalitionskriegs zum Schauplatz von Kampfhandlungen. Mitte August vertrieb der franz. General André Masséna österr.-russ. Kontingente aus dem Schwyzer Talkessel. Ende September fanden in der March Gefechte statt. Gleichzeitig überquerte der russ. General Alexander Suworow mit seiner Armee den Kinzigpass und lieferte sich im Muotatal Kämpfe mit den Franzosen. Da es ihm nicht gelang, in den Talkessel von S. auszubrechen, musste er sich über den Pragelpass nach Glarus zurückziehen. Die krieger. Ereignisse, verbunden mit erzwungenen Lebensmittellieferungen und Plünderungen, setzten der Bevölkerung schwer zu.

Die Mediationsakte von 1803 stellte den Kanton im alten Umfang wieder her, wobei die früheren Untertanengebiete abgeschafft und in Bezirke umgewandelt sowie Gersau und Reichenburg eingegliedert wurden. Alle Landleute waren gleichberechtigt. Die Vertretung in den Institutionen erfolgte nach der Bevölkerungszahl.

Nach der Aufhebung der Mediationsverfassung brachen im Febr. 1814 die inneren Konflikte wieder auf, weil das Alte Land S. versuchte, die Führungsrolle im Kanton an sich zu reissen und wie vor 1798 nur die Landleute des Alten Landes an den polit. Entscheidungen zu beteiligen. Diesem Ansinnen widersetzten sich die anderen Bezirke. S. lenkte ein und anerkannte in der Übereinkunft von 1814 die polit. Gleichberechtigung aller Landleute. Allerdings erlangte das Alte Land mit der Bestimmung, dass der Bez. S. zwei Drittel der Behördenmitglieder stellte, die dominierende Stellung im Kanton. Ferner wurden die obersten Staatsstellen durch Angehörige des Bez. S. besetzt. In der Folge trieben die Vertreter des Alten Landes ihre Restaurationsbestrebungen voran. 1817 kam Gersau, das sich 1814 wieder als Freistaat konstituiert hatte, endgültig zum Kt. S. Die Beisassen des Bez. S., die sog. Neuen Landleute, waren zwar politisch gleichberechtigt, die ihnen 1798 versprochene völlige Gleichstellung mit den Alten Landleuten erreichten sie aber nicht, weil sie vom Mitbesitz des Korporationsguts ausgeschlossen blieben. Als die Schwyzer Bezirksgemeinde 1829 die Neuen Landleute von den polit. Rechten ausschloss, sahen die anderen Bezirke in diesem Schritt nichts anderes als den unverhüllten Machtanspruch des Alten Landes, der ihre polit. Mitbestimmung in Frage stellte.

Ermutigt durch die Pariser Julirevolution von 1830 und die Regeneration in anderen Kantonen forderten die vier äusseren Bez. March, Einsiedeln, Küssnacht und Pfäffikon eine neue Verfassung, die u.a. die proportionale Vertretung der Bezirke in den Behörden garantierte. Die Verantwortlichen des Alten Landes S. reagierten uneinsichtig und zu zögerlich, so dass es zu keiner Verständigung kam. Daraufhin trennten sich die äusseren Bezirke 1831 vom Alten Land S. Am 9. März konstituierte sich in Einsiedeln der Landrat von Ausserschwyz und führte eine eigene Verwaltung und Rechtssprechung ein; 1832 folgte die Annahme einer Verfassung. Im Frühjahr 1833 anerkannte die Tagsatzung den Kt. S. Äusseres Land als eidg. Stand, verlangte jedoch die Wiedervereinigung.

Eine Auseinandersetzung in Küssnacht zwischen Befürwortern und Gegnern der Abspaltung bot Alt-S. die Gelegenheit, die kant. Verfassungswirren militärisch zu lösen. Mit der Besetzung Küssnachts am 31.7.1833 überspannte es jedoch den Bogen, denn die Tagsatzung beschloss, auf das Hilfegesuch von S. Äusseres Land und Luzern einzugehen, und ordnete die militär. Besetzung des Kt. S. durch eidg. Truppen an, die im August vollzogen wurde. Auch wenn die Führer der äusseren Bezirke liberal und die von S. und Wollerau konservativ bzw. altgesinnt waren, beruhte der Konflikt nicht in erster Linie auf polit.-weltanschaul. Gegensätzen, sondern auf der Auflehnung der benachteiligten Bezirke gegen das übermächtige Alte Land.

Unter dem Eindruck der Besetzung arbeiteten die Bezirke innert kurzer Zeit eine neue Verfassung aus, welche die volle Rechtsgleichheit aller Kantonseinwohner festschrieb. Mit deren Annahme wurde auch die Wiedervereinigung der beiden Kantonsteile vollzogen. An der Kantonsgemeinde vom 13.10.1833 wählten die Schwyzer mit Nazar von Reding und Melchior Diethelm zwei fortschrittl. Vertreter an die Staatsspitze. Doch bereits ein halbes Jahr später wurden sie durch konservative Altgesinnte ersetzt. Der Seitenwechsel des Lacheners Franz Joachim Schmid hatte die Machtverhältnisse zugunsten der Konservativen verändert.

Das konservative Regime blieb bis 1847 an der Macht. Versuche, dringende Probleme (Strassenbau, Heimatlose) zu lösen, scheiterten an fehlenden Finanzen. Ferner wurden die innerkant. Konflikte (zerstrittene Parteien und Bezirke) nicht angegangen. Vielmehr eskalierte der Hörner- und Klauenstreit an der sog. Prügellandsgemeinde 1838 in einer Massenschlägerei, wobei sich die konservativen Kräfte gegenüber den liberalen behaupteten. Auf eidg. Ebene brachten der Aargauer Klosterstreit (1841-43), die Freischarenzüge (1844-45), die Jesuitenfrage und die Bestrebungen zur Revision des Bundesvertrags von 1815 die konservative Regierung in Bedrängnis, sicherten ihr aber im Kanton die Unterstützung. Nach aussen fand sie 1845 im Sonderbund einen polit. und religiösen Rückhalt. Für S. ging es um den Schutz der kant. Souveränität und die Verteidigung der kath. Religion. An der Kantonsgemeinde vom 26.9.1847 liess sich die Regierung die Vollmacht erteilen, sich im Ernstfall mit militär. Mitteln zur Wehr zu setzen. Nach Kriegsausbruch liess die Begeisterung v.a. in den liberalen Bezirken rasch nach. Nach der Niederlage bei Gisikon am 23. November stimmte der Gr. Rat vier Tage später der Kapitulation zu.

Die Besetzung des Kantons durch Tagsatzungstruppen bedeutete das Ende der konservativen Regierung. Bei der polit. Umgestaltung spielten die beiden eidg. Kommissäre, der Ausserrhoder Johann Heinrich Heim und der St. Galler Matthias Hungerbühler, eine wichtige Rolle. Sie setzten die Bestellung einer neuen provisor. Regierung und v.a. eines Verfassungsrats durch. Der erste Verfassungsentwurf, der u.a. eine Aufteilung des Bez. S. in die Bez. S. und Arth vorsah und die Gem. S. in ihrer Rolle als Hauptort des Kantons beschnitten hätte, wurde am 27.1.1848 knapp verworfen. Den zweiten Entwurf, der die beanstandeten Punkte zurücknahm und die ehem. Bezirke Wollerau und Pfäffikon zum neuen Bez. Höfe vereinigte, nahm das Stimmvolk an.

Die Kantonsverfassung vom 27.2.1848 brachte wesentl. Neuerungen: die erstmalige klare institutionelle Gliederung in eine Legislative (Kantonsrat), Exekutive (Regierungsrat) und Judikative, den dreistufigen Aufbau in Gem., Bezirke und Kanton mit klaren Kompetenzbereichen und je eigener Steuerhoheit sowie die Abschaffung der Landsgemeinde, des bis anhin höchsten Staatsorgans. Letztere hatte sich nach den Ereignissen 1833-47 diskreditiert. Sie genügte den Anforderungen eines Kantons dieser Grösse - bezüglich der Bevölkerungszahl wie der geogr. Ausdehnung - nicht mehr. Ihre wichtigsten Kompetenzen, v.a. die Befugnis, über Gesetze und Verfassungsänderungen abzustimmen, gingen auf die neu geschaffenen 13 Kreisgemeinden über, an denen die Bürger im offenen Handmehr die Wahlen und Abstimmungen vornahmen.

Die Kantonsratswahlen vom 12.3.1848 brachten ein mehrheitlich konservatives Parlament. Trotzdem wählten die Kantonsräte eine Regierung, in der die liberal-konservativen und liberalen Vertreter dominierten. Dem Regierungsrat fiel die schwierige Aufgabe zu, den Kanton im Innern zu konsolidieren und ihn in den ungeliebten Bundesstaat - ein Indiz dafür war die klare Verwerfung der Bundesverfassung (mit 75% Neinstimmen) - zu führen. Auf kant. Ebene verfolgte er eine Politik des Ausgleichs, so dass die zerstrittenen Parteien und Landschaften rasch zueinanderfanden. Ebenso zielgerichtet engagierte er sich trotz innerer und äusserer Widerstände für die Annäherung des Kantons an den Bundesstaat. Nachdem 1852 der ausstehende Teil der Sonderbundskriegsschuld erlassen worden war, gestaltete sich das Verhältnis zum Bundesstaat allmählich entspannter. Eine wichtige Rolle im Integrationsprozess spielten die Eidgenössischen Feste, v.a. das Eidg. Offiziersfest von 1856 und das Eidg. Schützenfest von 1867, die beide in S. stattfanden.

Zu Beginn der 1870er Jahre belasteten der Kampf um die Revision der Bundesverfassung sowie der Kulturkampf zwischen einzelnen radikalen Regierungen und der kath. Kirche den Annäherungsprozess. In S. führte der Streit auf nationaler Ebene zu einer Neuformierung der polit. Kräfte auf kant. Ebene: Die streng Konservativen, die für eine romtreue, kath.-konservative Richtung einstanden, verdrängten die Liberal-Konservativen von der Macht. Erstere engagierten sich 1881 in der Lehrschwesternfrage und 1882 im Referendum gegen die sog. Schulvogtvorlage des Bundesrats für die kath. Sache. Auch auf gesamtschweiz. Ebene festigten die Konservativen dank erfolgreicher Abstimmungskämpfe ihre Position. Die gelungene Einbindung der ehem. Sonderbundskantone in den Bundesstaat symbolisierte die 1891 in S. (1. August) und auf dem Rütli (2. August) durchgeführte Bundesfeier zum 600-Jahr-Jubiläum der Eidgenossenschaft augenfällig.

Die Kantonsverfassung von 1848 bewährte sich im polit. Alltag. Ein 1854 von altgesinnter Seite initiierter Revisionsversuch, der u.a. die Wiedereinführung der Landsgemeinde bei gleichzeitiger Abschaffung der Kreisgemeinden verlangte, scheiterte ebenso deutlich wie 1866 die von liberaler Seite eingereichte Volksinitiative zur Teilrevision der Kantonsverfassung, die eine Erweiterung der Volksrechte anstrebte. Aufgrund der neuen Bundesverfassung von 1874 musste die Schwyzer Verfassung angepasst werden. 1876 wurde die total revidierte Kantonsverfassung, die eine konservative Handschrift trug, mit 73% Jastimmen angenommen. Sie brachte u.a. die Einschränkung des kantonsrätl. Verordnungsrechts, die Ausweitung des obligator. Referendums für die Gesetze des Kantonsrats, das obligator. Finanzreferendum und die Gesetzesinitiative.

Mitte der 1890er Jahre entbrannte ein neuerl. Parteikampf, als die Liberalen die Initiative zu einer Verfassungsrevision ergriffen. Sie besassen im Verfassungsrat ein leichtes Übergewicht und setzten sich bei den strittigen Artikeln durch, die den Klöstern bei der Vermögensverwaltung und Novizenaufnahme Vorschriften machten. Mit dem Schlagwort der Religionsgefahr bekämpften die Konservativen in einer erbittert geführten Auseinandersetzung die Vorlage, die schliesslich deutlich abgelehnt wurde. Dieser Erfolg festigte die konservative Vorherrschaft. Umgehend arbeitete der Regierungsrat eine zweite Fassung aus, die bis auf die umstrittenen kirchenpolit. Artikel praktisch der ersten entsprach. Dieser Entwurf, der u.a. alle vier Jahre Gesamterneuerungswahlen, die Volkswahl für alle Parlamentarier, für jede Gem. mindestens ein Kantonsratsmandat, das Proporzwahlrecht in Gem. mit mindestens drei Kantonsräten sowie die volle Religionsfreiheit vorsah, wurde am 23.10.1898 klar gutgeheissen. Trotz der Revision wesentl. Teile im 20. Jh. wurde erst 2011 eine neue Kantonsverfassung angenommen.

In den 1870er Jahren kamen die ersten Grütlisektionen auf. 1900 schaffte ihr erster Vertreter die Wahl in den Kantonsrat. Bis 1920 schlossen sie sich der liberalen Fraktion an, dann zerbrach die Fraktionsgemeinschaft wegen des Landesstreiks von 1918 und die Arbeiterpartei bildete eine eigene Fraktion. Die 1904 geschaffenen christlichsozialen Arbeiterinnen- und Arbeitervereine initiierten 1926 die Gründung der Christl.-sozialen Partei, die sich mit den Katholisch-Konservativen zu einer gemeinsamen Fraktion zusammenschloss.

Der 1. Weltkrieg traf die Bevölkerung des Kt. S. hart. Wegen der langen Dauer des Kriegs und der ungenügenden Massnahmen der Behörden stiegen die Lebensmittel- und Produktepreise stark an. Gleichzeitig war die Beschäftigungslage schwierig und das Lohnniveau sank. Weil Tourismus und textile Heimindustrie einbrachen, litt S. im schweiz. Vergleich überdurchschnittlich. Erschwerend kam hinzu, dass die Soldaten keinen Lohnausfall erhielten, weshalb viele Fam. in eine Notsituation gerieten. Die Einberufung eines Teils der Schwyzer Truppen bei Armeeeinsätzen im Kt. Uri, in Rapperswil und im Zürcher Oberland gegen die Teilnehmer des Landesstreiks 1918, verbunden mit der Polemik über die an der Span. Grippe verstorbenen Soldaten, führte zu einer Polarisierung in der Politik; die Konservativen benutzten das Schlagwort der "grippetoten Soldaten" in Wahl- und Abstimmungskämpfen bis Mitte der 1930er Jahre.

Die Zwischenkriegszeit stand im Zeichen einer tiefen Verunsicherung. Dies belegen die heftig geführten Wahl- und Abstimmungskämpfe, v.a. wenn sozialpolit. Vorlagen von linker Seite behandelt wurden, und die Entwicklung zum sog. Neinsagerkanton. So lehnte S. 1919-39 von 58 eidg. Vorlagen deren 38 ab, mehr als jeder andere Kanton. Die parteipolit. Polarisierung gipfelte 1938 im kant. Verbot der Kommunist. Partei. Dennoch begann angesichts der wirtschaftl. Probleme ab Mitte der 1930er Jahre eine parteiübergreifende Zusammenarbeit. Dabei ging es in erster Linie um Unterstützungsprogramme zur Beschäftigung von Arbeitslosen. Der Wille zur Einbindung der Arbeiterschaft in die Regierungsverantwortung wurde 1940 durch die Wahl des Sozialdemokraten Johann Wattenhofer zum Kantonsratspräsidenten untermauert. 1944 folgte mit Josef Heinzer der erste Sozialdemokrat im Regierungsrat, wobei er sich gegen einen dritten bäuerl. Vertreter durchsetzte. Die Niederlage des Bauernvertreters bei den Regierungsratswahlen bedeutete gleichzeitig das Ende einer eigenen Bauernpartei im Kt. S. Der um 1935 gegr., parteiunabhängigen Bauernvereinigung war es nämlich gelungen, den ländl. Unmut wegen der schlechten Wirtschaftslage und der Alkoholgesetzgebung für sich zu nutzen und zu einem polit. Faktor aufzusteigen. Ihren Höhepunkt erlebte die Bewegung 1943 mit der Wahl von Josef Schuler in den Nationalrat. Allerdings wurde er vier Jahre später nicht wiedergewählt.

Obwohl der Binnenkanton S. den 2. Weltkrieg weniger exponiert als die Grenzkantone erlebte, bestimmten Themen wie Flüchtlingspolitik, Rationierungen, Anbauschlacht und Aktivdienst die kant. Politik. Da S. am nördl. Rand des Réduits lag, entstanden zahlreiche Festungen und militär. Anlagen, etwa an der Rigi, in Sattel, am Etzel und in der Linthebene. Zweimal stand S. im Fokus des nationalen Interesses: 1941 anlässlich der 650-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft (Bundesbriefmuseum) und 1942, als die Verhaftung des Inhabers einer Molkerei und Mühle, der umfangreiche Schwarzhandelsgeschäfte getätigt hatte, in Steinen die Bevölkerung empörte.

Dank des Zusammengehens der Katholisch-Konservativen und der Christl.-sozialen Partei - seit 1971 als Christlichdemokrat. Volkspartei (CVP) - sicherten sich die beiden Parteien bis 1988 im Kantonsrat und bis 2004 im Regierungsrat die Mehrheit. 1972 wurde als Reaktion auf die Gründung der CVP eine Schwyzer Sektion der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei ins Leben gerufen, die sich 1975 der Schweiz. Volkspartei (SVP) anschloss. Die SVP legte ab Ende der 1990er Jahre auf Kosten der CVP, aber auch der Freisinnig-Demokrat. Partei stark an Wählerstimmen und Mandaten zu und ist seit 2008 die stärkste Partei. Zu ihrem Aufschwung trug einerseits der gesamtschweiz. Trend bei, andererseits fanden Konservative, denen sich die bürgerl. Parteien stark geöffnet hatten, hier ihre neue Heimat. Ab 1979 spielte das Krit. Forum Ibach (ab 1983 Krit. Forum S., später Grüne Kt. S.) bei Sachthemen eine wichtige Rolle, bevor es sich 1999 auflöste. Kleine und Kleinstparteien, etwa die Autopartei, die Freiheitspartei, die Europapartei oder Marcel Strebels Partei der Zukunft, blieben vorübergehende Erscheinungen.

Wahlen in die Bundesversammlung 1919-2011 (ausgewählte Jahre)
 1919193919591967197119791987199119951999200320072011
Ständerat
KK/CVP222222211111 
FDP       111   
SVP          112
Nationalrat
KK/CVP2221121111111
FDP11 1111111  1
SP  111 11  111
SVP        11221
Total Sitze3333333333444

Quellen:HistStat; BFS

Zusammensetzung des Regierungsrats 1920-2012 (ausgewählte Jahre)
 19201932194419521964197619881992199620002004200820102012
KK/CVP55444444443322
FDP22222222222122
SP  11111111111 
SVP          1223
Total Sitze77777777777777

Kantonsratswahlen 1920-2012 (ausgewählte Jahre)
 19201932194419521964197619841988199219962000200420082012
KK/CVP6159535557525549484643342929
FDP3231303327292530342926242123
SP91213141616141311111115910
Grüne       421   1
SVP     34451220274135
Andere 133     1   2
Total Sitze10210399105100100100100100100100100100100

Quellen:HistStat; BFS; Staatskanzlei

Autorin/Autor: Erwin Horat

4.2 - Presse und Schwyzer Selbstverständnis

Der ausgesprochen regionale Charakter der Zeitungen zeichnet die vielfältige Schwyzer Presselandschaft aus. Die Blätter decken in der Regel einen Bezirk oder eine Talschaft ab, wobei die meisten bis in die 1980er Jahre hinein parteipolitisch gebunden waren. Danach wandelten sie sich zu Forumszeitungen. Die erste Schwyzer Zeitung, das "Schwyzer Wochenblatt", wurde 1819 und erneut 1823-30 herausgegeben, 1833-44 gefolgt vom "Waldstätter-Boten". 1846 erschien erstmals das "Schwyzer. Volksblatt", aus dem 1849 die "Schwyzer Zeitung" hervorging, 1858 folgte die erste Ausgabe der "Wochenzeitung der Urschweiz", die ab 1859 "Bote der Urschweiz" hiess. Es kamen 1859 der "Einsiedler Anzeiger", 1860 der "March-Anzeiger", 1862 das "Wochenblatt für den Bez. Höfe" und 1866 der "Freie Schweizer" (Küssnacht) hinzu. Diese Zeitungen bildeten das Grundgerüst der kant. Presse, die in den folgenden Jahrzehnten manche Neugründung und fast ebenso viele Titeleinstellungen erlebte. Sie vertraten bürgerl. Positionen. Der "Schwyzer Demokrat" (Siebnen), die einzige sozialdemokrat. Zeitung, bestand 1912-87. Die Schwyzer Bevölkerung konnte 2010 auf acht Zeitungen zurückgreifen: der "Bote der Urschweiz" (S., 2010 eine Auflage von 15'266 Exemplaren), die "Neue Schwyzer Zeitung" (Luzern, 3'487 Exemplare), die "Rigi Post" (Goldau, 3'260 Exemplare), der "Freie Schweizer" (Küssnacht, 4'320 Exemplare), der "Einsiedler Anzeiger" (Einsiedeln, 5'932 Exemplare), der "March-Anzeiger" (Lachen) und das "Höfner Volksblatt" (Wollerau, zusammen 11'646 Exemplare) sowie die "Zürichsee Zeitung Obersee" (Stäfa, 11'087 Exemplare). 1990 nahm das bisher einzige Lokalradio, Radio Schwyz (seit 1997 Radio Central), den Betrieb auf.

In den gut 200 Jahren seit 1798 bekundete der Kt. S. immer wieder Mühe, sich von auswärtigen oder übergeordneten Instanzen gefällten Entscheiden zu unterziehen. Der Bogen reicht von der Helvetik über die Bundesverfassungen von 1848 und 1874 bis zur Abstimmung über den Europ. Wirtschaftsraum 1992. Zum distanzierten Verhältnis trug der Umstand bei, dass S. noch nie einen Bundesrat stellte, Schwyzer in der Bundesverwaltung, v.a. in Kaderpositionen, kaum vertreten waren und S. praktisch keine Bundesinstitutionen - mit Ausnahme der eidg. Zeughäuser, die jedoch 2004 geschlossen wurden, und der Schweiz. Bundesbahn in Arth-Goldau - beherbergte. Andererseits stellte sich S. mit Hilfe eidg. Jubiläumsfeiern immer wieder als treuer Partner dar, und bis zur Gegenwart wird die Durchführung eines nationalen Anlasses, etwa des Eidg. Trachtenfests von 2010, als freundeidg. Tat verstanden.

Autorin/Autor: Erwin Horat

4.3 - Aufbau und Tätigkeit der staatlichen Verwaltung

Die territorialpolit. Eigenheiten zählen zu den Grundkonstanten der Schwyzer Geschichte und Politik. Darunter sind die Gliederung in die drei Regionen Innerschwyz (Bez. S., Gersau, Küssnacht), Ausserschwyz (Bez. March, Höfe) sowie Einsiedeln und das bedeutende polit. Gewicht dieser hist. Landschaften resp. Bezirke zu verstehen. Dieses fortwährende Austarieren der Kompetenzen und Aufgabenverteilung zwischen Kanton, Bezirken und seit 1848 auch Gem. prägt die Kantonsgeschichte in beträchtl. Mass.

Von der Mediation 1803 bis zum Vorabend der Eingliederung in den Bundesstaat 1847 wies S. im Wesentlichen zwei staatl. Ebenen auf: den Kanton und die Bezirke. Die Gem. wurden in der Verfassung von 1833 zwar erwähnt, sie besassen aber keine Kompetenzen und Aufgaben. Trotz der in der Verfassung postulierten Aufgabenteilung waren in diesem Zeitabschnitt die Bezirke die eigentl. Machtträger. Dies zeigt sich z.B. am Recht der Bezirke auf Steuererhebung (ab 1833), an der Beanspruchung der Zölle und der Forderung des Bez. S. nach dem Eigentum der Gebäude des früheren Standes S. Erschwert wurde die kant. Politik durch das grosse Gewicht des Bez. S., der erstens die kant. Staatsstellen in beträchtl. Ausmass prägte und zweitens während der Restauration seine Vorherrschaft mit der Besetzung von zwei Dritteln der Behördenmitglieder durchsetzte.

Die Kantonsverfassung von 1848 brachte erstmals die Trennung von Exekutive und Legislative. Entscheidend war dabei die Schaffung des Regierungsrats als Exekutive auf Kantonsebene. Ihm oblag der Aufbau eines zeitgemässen Staatswesens. Die Verwaltung wurde nach dem Departementalsystem organisiert. 1848-1904 zählte die kant. Verwaltung zehn Departemente. 1904 folgte die Reduktion auf deren sieben. Diese Zahl hat bis heute Bestand, auch wenn sich die Namen und z.T. die Aufgaben veränderten. So schuf die Departementsreform von 2008 neu das Sicherheitsdepartement (Zusammenlegung von Polizei- und Militär- sowie eines Teils des Justizwesens) und das Umweltdepartement, während das Erziehungsdepartement durch die Integration des Amts für Kultur zum Bildungsdepartement umgebaut wurde.

Der Ausbau der kant. Verwaltung erfolgte langsam. 1850 zählte sie 26 Personen. Neben den 20 Polizisten arbeiteten sechs Beamte auf der Kantonskanzlei, die sämtl. Schreibarbeiten erledigten. 1900 betrug der Bestand rund 50 Personen, wobei die Polizei mit 26 Mann gut die Hälfte des Personals stellte. Die geringe Zahl der Beamten und Angestellten bedingte die Delegation vieler Aufgaben an Kommissionen und Teilzeitbeschäftigte (z.B. Eichmeister oder Steuereinnehmer). 1950 hatte sich die Situation noch nicht grundlegend geändert. Die Verwaltung zählte nun rund 150 Personen; nach wie vor kam den Kommissionen und Teilzeitbeschäftigten eine wichtige Rolle zu. In den 1960er Jahren erfolgte ein Modernisierungsschub, der mit einem markanten Ausbau des Personalbestands einherging. Diese Entwicklung setzte sich in den folgenden Jahrzehnten mit der Übernahme neuer Staatsaufgaben fort, so dass die Kantonsverwaltung 2010 1'450 Vollzeitstellen aufwies.

In den ersten Jahren nach 1848 standen der Aufbau der Infrastruktur (Strassen, später Eisenbahnen) und die Volksschule im Vordergrund. Nach 1876 kamen der Wald- und Wasserbau dazu. Besondere Anstrengungen erforderten die schwierigen Jahre der beiden Weltkriege und der Weltwirtschaftskrise, in denen der Kt. S. ein aufwendiges Beschäftigungsprogramm umsetzte. Nach 1960 übernahm der Kt. S. einerseits im Schul- und Gesundheitsbereich Aufgaben, die vorher von kirchl. Institutionen getragen worden waren (z.B. Mittelschulen), andererseits erforderte der Vollzug der vom Bund vorgeschriebenen Gesetze einen höheren Personalaufwand.

Auf der Ebene der Bezirke und Gem. spielte sich die Entwicklung des Personalbestands im ähnl. Rahmen ab. Auch hier bewegte sich die Zahl der Angestellten vor 1950 auf bescheidenem Niveau und vieles wurde neben- oder ehrenamtlich erledigt. Nach 1950 machten die Bezirks- und Gemeindeverwaltungen eine Professionalisierung durch, wesentlich bedingt durch die höhere Regelungsdichte der gesetzl. Vorschriften. 2010 lag der Personaletat bei den Schwyzer Bezirken und Gem. bei rund 2'900 Personen, Schulen und Altersheime eingerechnet.

Zwei Faktoren erklären die lange Zeit bescheidene Ausstattung der Verwaltung auf allen drei Ebenen: Zum einen verfügten die Gemeinwesen wegen der fehlenden Einkommenssteuer über nur geringe Einnahmen. Die Einkommenssteuer war 1854 abgeschafft und erst 1936 wieder eingeführt worden. Zum anderen bestand ein breiter Konsens, dass ein möglichst sparsamer, schlanker Staat anzustreben sei. Daraus ergaben sich Vollzugsprobleme. Klagen über die ungenügende Umsetzung der gesetzl. Vorschriften, sei es im Schulwesen, sei es bei der Lebensmittelhygiene, nahmen in den Rechenschaftsberichten des Regierungsrats bis ins 20. Jh. immer wieder viel Raum ein.

Die Bezirke verwalteten ihre Güter, sorgten für ihre öffentl. Bauten, beaufsichtigten den Wasserbau, unterhielten die Verbindungs- und Nebenstrassen und wachten über die Verwaltungstätigkeit der Gemeinden. Die Kantonsverfassung von 1876 schwächte die Bezirke, indem sie die Gemeindeaufsicht dem Regierungsrat überantwortete. Letzterer erhielt mit dem sog. Kommunaluntersuch, d.h. mit der regelmässigen Überprüfung der Verwaltungsabläufe auf Bezirks- und Gemeindeebene, der 1855 erstmals durchgeführt wurde, ein Mittel zur Qualitätsverbesserung und Vereinheitlichung der Verwaltungsarbeit in die Hand. Diese Entwicklung stärkte die Gem., während sich die Bezirke auf ihre bisherigen Aufgaben beschränkten. In den 1960er Jahren wurde die Abschaffung der Bezirke als selbstständige polit. Körperschaften diskutiert, mit der Zuweisung der Trägerschaft der Mittelpunktschulen (Sekundar- und Realschule, 7.-9. Schuljahr) 1972 gewannen die Bezirke allerdings wieder an Einfluss. Trotzdem etablierte sich in der Folge die regionale Zusammenarbeit v.a. über die Zweckverbände, so dass der Regierungsrat mit der sog. G-Reform zu Beginn des 21. Jh. den Versuch unternahm, ein Gleichgewicht von Aufgaben, Finanzen, Institutionen und Gebieten zu erreichen. Sein Lösungsvorschlag sah die Abschaffung der Bezirke und die Aufwertung der Gem. vor, doch wurde die Vorlage 2006 deutlich abgelehnt.

Die rund 70 Genosssamen erfüllen als grösste Landbesitzer bis in die Gegenwart eine bedeutende Funktion. Im Ancien Régime und bis in die frühen 1830er Jahre hatten sie eine noch wichtigere Stellung innegehabt, denn sie erfüllten öffentl. Aufgaben. Mit der in der Verfassung von 1833 postulierten polit. Gleichberechtigung der Bürger verloren sie zwar an polit. Einfluss, aber dank der Gewährung ihres ausgedehnten Land- und Waldbesitzes behielten sie ihre herausragende Stellung im wirtschaftl. Leben. Die Ausscheidung des öffentl. Guts zwischen dem Kanton und der Gemeinsamen Korporation, der Vereinigung von Oberallmeind und Unterallmeind, wurde 1877 in einem Vergleich vor Bundesgericht geregelt. Bis in die 2. Hälfte des 20. Jh. wurde der Besitz traditionell genutzt, d.h. die Weiden verpachtet und das Holz teilweise von den Korporationsbürgern selbst geschlagen. Danach wurde die Forstwirtschaft professionalisiert und auch bei der Bewirtschaftung der Liegenschaften neue Wege beschritten. Einige Genosssamen stiegen in die Liegenschaftsverwaltung ein, indem sie das Land nicht mehr an Bauwillige verkauften, sondern es lediglich im Baurecht abgaben oder eigene Liegenschaften erstellten und vermieteten.

Der Modernisierungsschub in den 1960er Jahren kam einem fundamentalen Wandel gleich, denn der Kt. S. verabschiedete sich endgültig vom Modell des Nachtwächterstaats. Allmählich schloss er zu den anderen Kantonen auf, in einigen Bereichen, insbesondere bei den Finanzen, erreichte er gar einen Spitzenplatz. Mit dem Wandel ging ein beträchtl. Ausbau der staatl. Leistungen einher. Kanton und Verwaltung verstehen sich immer mehr als Dienstleister; ebenso wurde der Vollzug einheitlicher. Am meisten profitierte das Erziehungswesen von den staatl. Anstrengungen. Die Massnahmen reichten vom Umbau der Volksschule über die Einführung der Mittelpunktschulen bis zur Übernahme mehrerer Berufs- und Mittelschulen (1972 Kollegium Maria Hilf in S., 1997 Christ-König-Kollegium in Nuolen; 1966 Kantonalisierung der gewerbl. Berufsschulen, 2008 der KV-Berufsschulen). Ferner erhielten die privaten Schulträger höhere Beiträge. Weiter wurden zahlreiche pädagog. und sonderpädagog. Dienstleistungen erfüllt. Auch im Gesundheits- und Sozialwesen engagierte sich der Kanton in beträchtl. Mass. Ab den 1960er Jahren richtete er Beiträge an die Spitäler in S., Lachen und Einsiedeln aus, finanzierte die Umwandlung der Bürger- in Alters- und Pflegeheime mit und schuf 1983 mit dem Sozialhilfegesetz eine zeitgemässe Rechtsgrundlage. Beharrend auf der traditionellen Form der subsidiären Unterstützung, beschränkte sich der Kanton dabei auf die Mitfinanzierung, während die Trägerschaft bei den bisherigen Institutionen verblieb, waren dies nun Private, Vereine oder die Bezirke und Gemeinden. Wie im Fall der stationären Pflege von psychisch Kranken (1926 Vereinbarung mit der Verwaltung der Nervenheilanstalt Franziskusheim in Oberwil bei Zug) favorisierten die Behörden oft Konkordatslösungen (1983 Psychiatrie-Konkordat der Kt. Uri, S. und Zug).

Autorin/Autor: Erwin Horat

5 - Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur vom Ende des Ancien Régime bis zur Gegenwart

5.1 - Bevölkerung und Siedlung

1833-1950 verdoppelte sich die Bevölkerung des Kt. S. von 38'351 auf 71'082 Personen beinahe, wobei diese Zunahme hinter derjenigen in der gesamten Schweiz (1837 2'190'258 Einwohner, 1950 4'714'992) zurückblieb. Dank des Eisenbahnanschlusses an den Nord-Süd-Verkehr wuchsen die Bez. Küssnacht und S. 1870-1914 überdurchschnittlich. Damit einher ging die erste Einwanderungswelle von Ausländern, v.a. aus Italien. Das Wachstum war das Resultat des Geburtenüberschusses, denn die Wanderungsbilanz war negativ. Ihre Höhepunkte erlebte die Auswanderung 1847-54 und 1878-84, als Schwyzer bevorzugt in die USA emigrierten. Aber auch in den anderen Jahren verliessen sie kontinuierlich ihre Heimat: 1868-1959 waren es 8'500 Personen. Mit diesem Wert rangiert der Kt. Schwyz im Verhältnis zur Wohnbevölkerung gesamtschweizerisch an dritter Stelle. Bei der Binnenwanderung zogen mehr Schwyzer aus dem Kanton weg als Schweizer einwanderten, da es an Arbeitsplätzen mangelte. In drei Bereichen fällt jedoch eine gezielte Zuwanderung auf: Der Zuzug von Reformierten in den 1840er Jahren beim Aufbau der mechan. Werkstätte von Caspar Honegger in Siebnen sowie die Rekrutierung von Arbeitskräften für den Tourismus und die Eisenbahn. Der Bau der ref. Kirchen in Brunnen 1886 und Oberarth 1893 spiegelt diese Entwicklungen. Die Binnenwanderung veränderte auch die Zusammensetzung der Bevölkerung. Lebten 1860 fast 80% der Einwohner an ihrem Geburtsort, sank dieser Anteil bis 1950 auf 50%.

1950-2010 verdoppelte sich die Einwohnerzahl erneut und lag 2010 bei 146'730 Personen. In diesem Zeitraum wies S. eine der höchsten Wachstumsraten unter den Schweizer Kantonen aus. Besonders ausgeprägt fiel das Wachstum in Ausserschwyz aus, wobei der Bez. Höfe am stärksten zulegte, und zwar von 7'573 1950 auf rund 27'000 Personen 2010. 2004 löste Freienbach S. als einwohnerstärkste Gem. ab. Der Bez. Höfe ist der am dichtesten besiedelte des Kantons und gehört zur Agglomeration Zürich. Der Ausbau der Infrastruktur und die Schwyzer Steuerpolitik begünstigten diesen Wandel. Die Arbeitsplatzentwicklung hielt mit dem Zuwanderungsschub nicht Schritt, deshalb pendeln viele Erwerbstätige.

Bevölkerungsentwicklung 1850-2000
JahrEinwohnerAusländer-anteilAnteil KatholikenAnteilProtestantenAlters-struktur (Anteil >59)ZeitraumGesamt-zunahmeaGeburten-überschussaWanderungs-saldoa
185044 1680,5%99,6%0,4% 1850-18601,8o/oo23,0o/oo-21,2o/oo
186045 0391,2%98,8%1,2%6,6%1860-18705,8o/oo10,8o/oo-5,0o/oo
187047 7331,5%98,6%1,4%7,2%1870-18807,2o/oo8,7o/oo-1,5o/oo
188051 1095,2%98,4%1,9%7,8%1880-1888-2,0o/oo6,8o/oo-8,8o/oo
188850 3073,2%98,0%2,0%8,7%1888-19008,0o/oo8,5o/oo-0,5o/oo
190055 3855,3%96,7%3,3%9,5%1900-19105,4o/oo10,3o/oo-4,9o/oo
191058 4286,8%95,9%4,0%9,1%1910-19202,2o/oo6,7o/oo-4,5o/oo
192059 7314,5%94,9%4,9%9,1%1920-19304,3o/oo8,7o/oo-4,4o/oo
193062 3375,2%94,3%5,4%10,5%1930-19416,0o/oo7,8o/oo-1,8o/oo
194166 5553,3%93,3%6,5%11,9%1941-19507,3o/oo11,0o/oo-3,7o/oo
195071 0823,8%93,3%6,5%12,5%1950-19609,4o/oo11,3o/oo-1,9o/oo
196078 0486,9%93,6%6,2%13,5%1960-197016,7o/oo13,2o/oo3,5o/oo
197092 07211,7%91,3%7,9%14,2%1970-19805,6o/oo6,5o/oo-0,9o/oo
198097 3549,5%86,6%10,3%15,9%1980-199014,0o/oo6,6o/oo7,4o/oo
1990111 96412,8%80,4%12,4%16,0%1990-200014,8o/oo5,8o/oo9,0o/oo
2000128 70415,8%72,2%12,7%17,3%   

a mittlere jährliche Zuwachsrate

Quellen:HistStat; eidg. Volkszählungen; BFS

Autorin/Autor: Erwin Horat

5.2 - Die wirtschaftliche Entwicklung

Bis gegen Ende des 19. Jh. beschäftigte die Landwirtschaft (v.a. Viehwirtschaft und Viehexport) am meisten Arbeitskräfte. Die Unterschiede zwischen der Landwirtschaft am Zürichsee und jener in der Voralpenregion waren beträchtlich. 1900 löste der 2. Sektor mit rund 44% der Beschäftigten die Landwirtschaft als wichtigsten Arbeitgeber ab. Die Protoindustrie hatte im 18. Jh. über die Seidenverarbeitung (Schappe) in Gersau Fuss gefasst. Seither wird hier mit Ausnahme einer Unterbrechung 1875-92 Seide produziert, wobei im 19. Jh. die Mechanisierung einsetzte. Zur selben Zeit wurden mehrere Baumwollspinnereien und -webereien, v.a. im Bez. March, gegründet, deren Angestelltenzahlen sich zu Beginn des 20. Jh. verringerten. Bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs spielten auch die Heimarbeit in der Seidenstoffweberei, v.a. in den peripheren Gem., und die Holzverarbeitung eine bedeutende Rolle.

Zu den wichtigsten Aufgaben des Schwyzer Regierungsrats nach 1848 zählte die Anlage eines funktionstüchtigen Strassennetzes zur Förderung der Wirtschaft. 1860 war das ambitionierte Strassenbauprogramm in seinen Grundzügen abgeschlossen. Mit der Inbetriebnahme der Dampfschifffahrt auf dem Vierwaldstättersee 1837, der Axenstrasse 1865 und der Gotthardstrecke 1882 erfuhr der Tourismus einen Aufschwung. Der Fremdenverkehr für gehobene Gäste bildete bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs eine wichtige Stütze der Wirtschaft. Beliebtestes Reiseziel war die Rigi. 1871 nahm mit der Vitznau-Rigi-Bahn die erste Zahnradbahn Europas auf der Luzerner Seite ihren Betrieb auf (vorerst nur bis Staffelhöhe), 1875 folgten die Arth-Rigi-Bahn und die Adhäsionsbahn zwischen Rigi Scheidegg und Rigi Kaltbad (1931 Einstellung). Daneben galten auch Brunnen und Morschach als beliebte Tourismusorte. Einsiedeln behielt seine herausragende Position als bedeutendster Schweizer Pilgerort mit über 100'000 Pilgern jährlich. Nach dem Anschluss ans Eisenbahnnetz 1877 kam es zu einer weiteren Frequenzsteigerung und neuen Pilgerformen, den sog. Pilgerzügen.

Hatte die Frage der Linienführung der Eisenbahn durch die Alpen in den 1860er Jahren zu einem Konflikt zwischen Inner- und Ausserschwyz geführt, wurden mit der Eröffnung der Strecke Goldau-Pfäffikon der Schweiz. Südostbahn 1891 auch die Bezirke am Zürichsee an den internat. Nord-Süd-Verkehr angeschlossen. Gleichzeitig verfügte der Kanton neu über eine innerkant. Eisenbahnverbindung. Da die beiden Eisenbahnlinien von Zürich und Basel Richtung Süden in Goldau aufeinanderstiessen, wurde das Dorf zum Knotenpunkt und Eisenbahnerdorf.

1914-45 stagnierte die Schwyzer Wirtschaft. Die Textilindustrie samt Heimarbeit und der Tourismus erholten sich nicht mehr vom Einbruch nach Kriegsbeginn. In den 1930er Jahren geriet auch die Landwirtschaft in eine Krise, weil der traditionelle Viehexport zusammenbrach. Die Melioration ausgedehnter Riedflächen in der Linthebene, im Fänn bei Küssnacht und andernorts öffnete der Landwirtschaft erst nach 1945 neue Perspektiven. Immerhin behauptete sich die Möbelindustrie in der March. Mit Hilfe ausgedehnter kant. Beschäftigungsprogramme im Hoch- und Tiefbau versuchte die Regierung, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Allerdings gab der Bau der beiden Staudämme im Wägital (1921-24) und im Hochtal von Einsiedeln (Sihlsee, 1932-37) kaum Impulse. Zudem wurden die Konzessionen zu äusserst günstigen Bedingungen erteilt. Das 1897 in Betrieb genommene Kraftwerk an der Muota wurde in den späten 1950er und den 60er Jahren durch die sechs Kraftwerkstufen und Zentralen des Elektrizitätswerks des Bez. S. abgelöst.

Nach 1945 glich sich die Schwyzer Wirtschaft der nationalen Entwicklung an. Die Landwirtschaft verlor an Bedeutung; der Anteil der im 1. Sektor Beschäftigten sank bis 1980 unter 10%. Industrie und Gewerbe diversifizierten und erreichten 1970 einen Höchststand von gut 52%. Seither verschieben sich die Gewichte stetig zum Dienstleistungssektor hin, der 1990 gut 54%, 2000 gut 67% der Arbeitsplätze anbot. Aufgrund des Ausbaus der Verkehrsinfrastruktur, v.a. der Autobahn A3 in Ausserschwyz, und relativ billigem Bauland wurde S. noch ausgeprägter zum Pendlerkanton, wobei viele Bewohner in der nahe gelegenen Agglomeration Zürich oder in Zug arbeiteten. Die Zuwanderung gutverdienender Mittelschichtfamilien führte dazu, dass die Steuern gesenkt werden konnten. Das verstärkte die Sogwirkung auf Private und Firmen und in der Folge liessen sich die Steuern weiter reduzieren. Diese Dynamik führte zum steilen Aufstieg des einst finanzschwachen S. in die Gruppe der finanzstarken Kantone. Ende 2009 wies der Kanton ein Eigenkapital von 605 Mio. Fr. auf, die Bezirke und Gem. verfügten über ein solches von 390 Mio. Fr. Auch führte die Ansiedlung von Firmen dazu, dass 2000 nur noch gut die Hälfte der Erwerbstätigen des Bez. Höfe wegpendelten. Andererseits vertiefte sich gleichzeitig das innerkant. Gefälle zwischen den Gem. vorab am Zürichsee und denjenigen im Voralpengebiet. Hinzu kam die Agglomerationsbildung in Ausserschwyz, wozu auch Einsiedeln zählt, sowie in Küssnacht und im Arther Becken, die zum Luzerner und Zuger Einzugsgebiet zählen.

Auch wenn im Kanton die kleineren und mittleren Unternehmen die meisten Personen beschäftigen, beherbergt S. einige Firmen von Weltruf wie die Messerfabrik Victorinox, die 1884 als Messerschmiede von Karl Elsener gegründet worden ist. 2010 zählte das Unternehmen rund 1'000 Beschäftigte und war der grösste private Arbeitgeber. Das Transport- und Logistikunternehmen Kühne & Nagel richtete 1974 eine Zweigstelle in Pfäffikon ein und verlegte 1992 den Hauptsitz des Unternehmens nach Schindellegi. Seit 1977 führt Estée Lauder in Lachen eine Filiale. Seit den späten 1990er Jahren wandelt sich Pfäffikon zu einem Banken- und Dienstleistungszentrum, u.a. mit der Ansiedlung der MAN Investments AG 1994, der BZ Bank (Martin Ebner) 1997 oder der LGT Capital Management AG 1999.

Erwerbsstruktura
Jahr1. Sektor2. Sektor3. SektorbTotal
186014 61754,8%7 02626,3%5 05018,9%26 693
1870c10 54350,3%7 95537,9%2 47511,8%20 973
1880c10 18042,8%9 10738,3%4 47918,9%23 766
18889 07039,9%9 03139,8%4 60720,3%22 708
19009 14235,3%11 26043,5%5 48221,2%25 884
19108 88532,7%11 57842,7%6 67624,6%27 139
19209 98835,7%10 62738,0%7 36926,3%27 984
19308 33630,0%11 55841,6%7 90528,4%27 799
19418 42428,7%12 15541,5%8 73629,8%29 315
19507 84525,4%13 81144,7%9 23129,9%30 887
19606 35018,6%17 08550,1%10 67831,3%34 113
19705 21812,8%21 51752,6%14 17134,6%40 906
19804 4619,8%20 66745,7%20 14044,5%45 268
19903 8416,6%22 44338,6%31 80054,8%58 084
2000d2 8474,1%19 54628,2%46 86667,7%69 259

a bis 1960 ohne Teilzeitangestellte

b Residualgrösse einschliesslich "unbekannt"

c ortsanwesende Bevölkerung

d Die Beschäftigtenzahlen der Volkszählung 2000 sind wegen der grossen Zahl "ohne Angabe" (9 147) nur begrenzt mit den vorhergehenden Daten vergleichbar.

Quellen:HistStat; eidg. Volkszählungen

Autorin/Autor: Erwin Horat

5.3 - Gesellschaft und Alltag

Auch nach 1800 zeichnete sich die Schwyzer Gesellschaft durch Abschliessungstendenzen aus, da sich die Landleute mit der Integration der ehem. Beisassen und der Aufnahme von Bürgern aus anderen Kantonen schwertaten. Noch prekärer war die Situation für die Heimatlosen. In den Höfen lebten aufgrund der Grenzlage mehr Kantonsfremde als in den anderen Bezirken. Der Bau der Gotthardlinie zu Beginn der 1880er Jahre brachte den ersten namhaften Zuzug von Ausländern, eine zweite Einwanderungsphase folgte mit der Hochkonjunktur nach 1945. Trotzdem blieb im Kt. S. die Skepsis gegenüber den "Fremden" bestehen. Dies belegen die Abstimmungsresultate zu Ausländerthemen und die heftigen Diskussionen über die Regeln der Einbürgerung.

Bis in die Mitte des 20. Jh. stand das Familienleben ganz im Zeichen des kath.-patriarchal. Milieus. Die kath. Kirche gab die Normen vor und kontrollierte deren Einhaltung. Die Geschlechterrollen entsprachen traditionellen Vorstellungen. So beschränkte sich die Erwerbstätigkeit der Frau in der Regel auf die Zeit vor der Ehe. Verheiratete Frauen gingen, abgesehen von der Landwirtschaft, der Heimarbeit und dem Detailhandel, kaum einer bezahlten Arbeit nach. Die Hochkonjunktur und das 2. Vatikanum (1962-65) sorgten für die Implosion dieser festgefügten Welt mit jenseitiger Heilserwartung. Mit dem Wertewandel ab den 1970er Jahren glichen sich die Schwyzer Verhältnisse in gesellschaftl. Fragen den schweiz. Zuständen an.

Immer wieder erschütterten Katastrophen die traditionelle Ordnung. Die schlimmste war der Goldauer Bergsturz vom 2.9.1806 (Bergstürze). Hungerkrisen traten 1816-17 und 1845-46 auf. Häufig waren Überschwemmungen, z.B. 1910, selbst nach der Verbauung der Bäche und den Aufforstungsbemühungen. Verändert wurde die Landschaft auch durch die grossflächigen Meliorationen und die Staudammbauten. Das Gefühl des Heimatverlusts setzte v.a. denjenigen zu, die ihren Hof aufgeben mussten.

Die regionale Vielfalt vom Agglomerationsgürtel am Zürichsee über die kleinstädtisch strukturierten Siedlungen S., Lachen, Einsiedeln, Küssnacht und Arth bis zum ländlich geprägten Muotatal spiegelt sich in den unterschiedl. Mundarten - deren Eigenheiten wurden durch die Mobilität eingeebnet - und im regionalen Brauchtum. Diesen Sachverhalt illustriert die Fasnacht eindrücklich, die für den ganzen Kanton wichtig ist, aber unterschiedlich begangen wird. Das Gleiche trifft auf die Volksmusik, die v.a. im Voralpengebiet gepflegt wird, und auf die Architektur zu. So lassen sich die Bauernhäuser regionalen Stilen zuordnen. Bis ins 20. Jh. hinein verharrte die Architektur in traditionellen Vorgaben. Noch bei der Erstellung des Regierungsgebäudes 1927 wurde der sog. Schwyzer Barock verwendet. Einer der wenigen zeitgenöss. Bauten vor 1945 ist das 1934-36 errichtete Bundesbriefarchiv (seit 1992 Bundesbriefmuseum), ein herausragendes Baudenkmal der Schweiz aus der Zeit der Geistigen Landesverteidigung.

Die Schützengesellschaften, die ins SpätMA zurückreichen, stellen die älteste Form des Vereinswesens dar. Nach 1848 entstanden parallel zur schweiz. Entwicklung Musik-, Sänger-, Turn- und Fasnachtsvereine. Die kath. Vereine deckten bis Mitte des 20. Jh. zahlreiche Lebensbereiche des Alltags ab als Gegengewicht zu den entsprechenden gesamtschweiz. Organisationen wie der Bürgerturnvereine oder der Pfadfinder.

Autorin/Autor: Erwin Horat

5.4 - Religion, Bildung und Kultur

Gesellschaft und Alltag waren katholisch geprägt, wobei die konservative Auffassung in der Tradition von Joseph Thomas Fassbind und Paul Styger lange dominierte. Noch 1950 betrug der Anteil der Katholiken 93% der Bevölkerung. Die Volksfrömmigkeit fand ihren Ausdruck in zahlreichen Feiertagen, Prozessionen und Wallfahrten. 1848-1992 waren die meisten Gemeinden sog. Einheitsgemeinden, d.h. die polit. und die Kirchgemeinde bildeten eine Einheit. Mit der Annahme der Neuordnung des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat 1992 fand hier eine Entflechtung statt. In der 2. Hälfte des 20. Jh. nahm zudem die Zahl der Reformierten im Kt. S. von 4'642 Personen 1950 auf 16'401 2000 zu. Aufgrund der Arbeitszuwanderung wuchs Ende des 20. Jh. die Zahl der Muslime (2000 5'598 Personen).

Im Zug der kirchl. Neuregelung nach nationalstaatl. Prinzipien kam der Kt. S. 1824 definitiv zum Bistum Chur. Die zwei Schwyzer Domherren haben das Recht, an der Bischofswahl teilzunehmen. Das 1970 errichtete Generalvikariat Urschweiz mit Sitz in Brunnen wurde 2008 in ein Bischofsvikariat umgewandelt. 1856 bestimmte ein bischöfl. Entscheid, dass das Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern vom Hl. Kreuz nach Ingenbohl kam. Zur ersten Generaloberin wählten die Schwestern Maria Theresia Scherer.

Die Schulorganisation von 1848 baute auf derjenigen von 1841 auf und verankerte das Schulobligatorium. Trotz Kompromissen wie Halbtagesschulen in ländl. Gebieten stiess der obligator. Schulunterricht auf Widerstand, seine Durchsetzung liess zu wünschen übrig. 1856 erfolgte in Seewen die Gründung des kant. Lehrerseminars, das 1868 nach Rickenbach verlegt wurde. Bei den ab 1875 durchgeführten pädagog. Rekrutenprüfungen landete S. dennoch regelmässig auf einem der hinteren Plätze. Im Lauf des 20. Jh., spätestens nach der Einführung des 9. Schuljahrs, minimierten sich die Unterschiede.

Im Erziehungsbereich spielten Geistliche bis nach 1950 sowohl im Schulunterricht als auch in den Bildungsinstitutionen eine wichtige Rolle. Die Mittelschulausbildung lag lange in geistl. Händen, wobei der Vermittlung des kath. Fundaments viel Platz eingeräumt wurde, weil zahlreiche Schüler aus Diasporakantonen stammten. Bei den entsprechenden Institutionen handelt es sich um die Stiftsschule Einsiedeln, die nach 1848 stark ausgebaut wurde, das Jesuitenkollegium in S. (1836-47) bzw. das Kollegium Maria Hilf, das bis 1972 den Bistümern Chur, St. Gallen und Solothurn unterstand und danach als Kantonsschule weitergeführt wurde, das 1860 eröffnete Theresianum Ingenbohl, das 1896 gegr. Gymnasium der Missionsgesellschaft Bethlehem in Immensee sowie das 1934 eingerichtete Christ-König-Kollegium in Nuolen. Ferner errichtete der Kanton in Pfäffikon 1971 das Unterseminar und 1975 die Kantonsschule, die sich 1997 mit dem Christ-König-Kollegium zur Kantonsschule Ausserschwyz vereinigte.

Das Fehlen eines Zentrums führte zur Regionalisierung des Kulturschaffens. Am deutlichsten manifestiert sich dies in der Gründung von Museen und kulturellen Institutionen. S. beherbergt das Bundesbriefmuseum (seit 1936), das Turmmuseum (1953-95), das Ital-Reding-Haus (1982) und das Forum der Schweizer Geschichte als Aussenstelle des Schweiz. Landesmuseum (1995). In Küssnacht befindet sich das Heimatmuseum (1951), in Goldau das Bergsturzmuseum (1966), in Vorderthal das March-Museum (1977), in Pfäffikon das Seedamm Kulturzentrum (seit 2010 Vögele Kultur Zentrum) und in Gersau das Museum der altfryen Republik Gersau (1987). Einsiedeln besitzt eine Darstellung der Kreuzigung Christi im Panorama (1893-1960, Wiedereröffnung nach Brand 1962), die Weihnachtskrippe im Diorama Bethlehem (1954), den Kulturverein Chärnehus (1977), die Stiftung Bibliothek Werner Oechslin (2006) und das von der Stiftung Kulturerbe Einsiedeln getragene Fram Museum (2010). Der 1996-2008 bestehende Kunstraum Katzenstrick in Einsiedeln, in dem Kunstschaffende während eines halben Jahres arbeiten konnten, wurde vom Kanton finanziell unterstützt. Einsiedeln mit dem Kloster war und ist ein viel besuchter Wallfahrtsort und behielt seinen Rang als Kult- und Kulturort. Zudem erlebte die graf. Industrie in Einsiedeln dank den Gebrüdern Benziger in der 2. Hälfte des 19. Jh. einen Aufschwung und beschäftigte bis zu 1'500 Personen in der Industrie und in Heimarbeit (Devotionalien). Die Waldstatt wurde wegen der Bücher und der reproduzierten Heiligenbilder und -bildchen zu einem internat. Zentrum für kath. Massenkultur und religiöse Kunst.

Kunsthandwerkl. Schöpfungen von überregionaler Bedeutung gelangen einzelnen Wachsbossierern (Fam. Kuriger in Einsiedeln), Hafnern (in S., Lachen und Einsiedeln), Goldschmieden (in S., Lachen und Einsiedeln) und Kunstschreinern (in S., Gersau und Einsiedeln). Unter den Schriftstellern ragen Meinrad Lienert, Meinrad Inglin und Gertrud Leutenegger heraus, unter den Musikern, Komponisten und Dirigenten Joachim Raff, Othmar Schoeck, Artur Beul, Tony Kurmann und Graziella Contratto, unter den Kunstmalern August Benziger, Josef Marius Beul, Anton und Clemens Bütler, Michael Föhn, Georg Anton Gangyner, Ugo Rondinone, Hans Schilter, die Brüder David Alois, Franz und Martin Schmid, Franz Xaver Triner und Georges Weber, unter den Bildhauern Josef Bisa, Anton Janser, Josef Nauer, Josef Rickenbacher und die Werkstatt Alois Peyer / Franz Wipplinger, bei den Filmemachern Xavier Koller und Karl Saurer, bei den Theaterschaffenden Werner Düggelin und Annette Windlin.

Autorin/Autor: Erwin Horat

Quellen und Literatur

Archive
– KlA Einsiedeln
– StASZ
Quellen
Das Landbuch von S. in amtlich beglaubigtem Text, hg. von M. Kothing, 1850
Die Rechtsqu. der Bez. des Kt. S. als Folge zum Landbuch von S., hg. von M. Kothing, 1853
QSG
QW
Die Jahrzeitbücher des Kt. S., 3 Bde., 1999-2008
Literatur

Autorin/Autor: Oliver Landolt