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Uri

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Eine der vier Waldstätten, vielleicht schon 1291 oder 1309, sicher ab 1315 Ort der alten Eidgenossenschaft. 1798-1801/03 Teil des helvet. Kt. Waldstätten. Seit 1803 Kanton der Eidgenossenschaft. Offizielle Bezeichnung Kt. U. Franz., ital. und rätorom. U. Amtssprache ist Deutsch, Hauptort ist Altdorf.

U. umfasste im Hoch- und SpätMA das Reusstal vom Urnersee, dem südöstl. Arm des Vierwaldstättersees, bis zur Schöllenen. Zu ihm zählten auch der Bergrücken westlich des Urnersees sowie versch. Seitentäler, östlich der Reuss das Schächental und das Maderanertal, westlich derselben das Erstfeldertal, das Meiental und das Göschenertal. Im 15. Jh. erwarb U. die Leventina, die bis 1798 als Untertanengebiet urnerisch blieb, und gewährte dem Land Ursern ein Landrecht; damit wurde es zum eigentl. Passstaat, der die Nord- wie der Südseite des Gotthardpasses kontrollierte. Die zahlreichen inneralpinen Übergänge in Ost-West-Richtung spielten dagegen stets eine nur untergeordnete Rolle (Surenenpass, Sustenpass, Furkapass, Klausenpass, Oberalppass).

Der Alpenkanton umfasst zu Beginn des 21. Jh. 20 Gem., die sich in Bezug auf die Höhenlage sowie die topograf. und klimat. Verhältnisse (Föhn) erheblich voneinander unterscheiden. Die Ertragsfähigkeit der Böden ist unterschiedlich. Nur knapp die Hälfte der Gesamtfläche von 1'076,4 km2 ist produktiv, von der wiederum 80% nur extensiv als Weide bewirtschaftet werden können.

Fläche (2011)1 076,4 km² 
Wald/bestockte Fläche196,3 km²18,2%
Landwirtschaftliche Nutzfläche262,9 km²24,4%
Siedlungsfläche18,3 km²1,7%
Unproduktive Fläche598,9 km²55,6%

Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur
Jahr 18501880a1900195019702000
Einwohner 14 50523 74419 70028 55634 09134 777
Anteil an Gesamtbevölkerung der Schweiz0,6%0,8%0,6%0,6%0,5%0,5%
Sprache       
Deutsch  18 02418 68527 63931 54632 518
Italienisch  5 3139476931 900462
Französisch  282241209767
Rätoromanisch  23389114251
Andere  526134061 679
Religion, Konfession       
Katholischb 14 49323 14918 92426 43931 73229 846
Protestantisch 125247732 0732 2362 074
Christkatholisch    201022
Andere  213241132 835
davon jüdischen Glaubens 71007
davon islamischen Glaubens     64683
davon ohne Zugehörigkeitc     31818
Nationalität       
Schweizer 14 46517 37618 26727 74331 39331 706
Ausländer 406 3681 4338132 6983 071
Jahr  19051939196519952005
Beschäftigte im Kanton1. Sektor 6 3115 9391 7602 220d1 821
 2. Sektor 2 0173 4556 6706 2245 121
 3. Sektor 3 1992 8434 9718 7468 717
Jahr  19651975198519952005
Anteil am schweiz. Volkseinkommen 0,4%0,4%0,4%0,4%0,4%

a Einwohner, Nationalität: Wohnbevölkerung; Sprache, Religion: ortsanwesende Bevölkerung

b 1880 und 1900 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

c zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

d gemäss landwirtschaftl. Betriebszählung 1996

Quellen:HistStat; eidg. Volkszählungen; BFS

1 - Das Kantonsgebiet von der Urzeit bis ins Hochmittelalter

1.1 - Ur- und Frühgeschichte

Die ältesten bis heute nachgewiesenen menschl. Zeugnisse in U. reichen bis 2200 v.Chr. zurück (Bergkristallabschlagplatz und Silexpfeilspitze bei Hospental-Rossplatten und Hospental-Gotthardmätteli auf über 1500 m). Aus der Bronzezeit stammen die Gräberfunde in Bürglen und möglicherweise auch solche in der Jagdmatt (1300-900 v.Chr.) sowie versch. Streufunde. Die frühesten Siedlungsspuren wurden in Amsteg auf dem Flüelihügel entdeckt; sie datieren aus der Mittelbronzezeit (1450-1200 v.Chr.). Dieser geschützte, an der Einmündung des Maderanertals und damit der Route über den Chrüzlipass in das Reusstal gelegene Ort mit nahen Kristall-, Kupfer- und Eisenvorkommen war auch in der Eisenzeit um 500-450 v.Chr. besiedelt. Keramikfunde weisen für die Bronzezeit auf einen kulturellen Austausch zwischen Amsteg und dem Mittelland einerseits sowie der Siedlung auf dem Padnal in Savognin andererseits hin. Keramiken aus der Eisenzeit belegen für diese Epoche auch Verbindungen in den südalpinen Raum (Quinto) und ins Alpenrheintal. Auch der kelt. Goldschatz von Erstfeld, ein Fund von europ. Bedeutung, weist auf die Begehung der Zentralalpen im 4. Jh. v.Chr. hin; er wird heute zumeist als Weihegabe an eine Berggottheit interpretiert. Hinweise auf eine vorröm. Bevölkerung geben zudem ein Fund von Eisenwerkzeugen oberhalb von Altdorf aus dem 2. Jh. v.Chr. und ferner das Orts- und Flurnamengut (Silenen, Surenen usw.). Zu vermuten ist, dass die Lepontier das Urserntal, wenn auch vielleicht noch nicht besiedelt, so doch in irgendeiner Form extensiv genutzt haben.

Autorin/Autor: Pascal Stadler

1.2 - Gallorömische Epoche

Die wenigen Streufunde (v.a. Münzen, Keramikfragmente von 50-150 n.Chr. in Schattdorf) reichen nicht aus, um Rückschlüsse auf die römerzeitl. Siedlungsverhältnisse in U. zu ziehen. Die Analyse der Orts-, Flur- und Talnamen scheint einen gallorom. Einfluss in den Seegemeinden nahezulegen, während die sprachl. Verwandtschaften in den reussaufwärts gelegenen Gebieten - insbesondere auf der Urnerseite des Oberalp- und des Chrüzlipasses - eher auf rätorom. Wurzeln verweisen. In der frühen Kaiserzeit war vielleicht das ganze Kantonsgebiet, vielleicht aber auch nur das Urserntal mit Rätien und dem Wallis in einem Verwaltungsbezirk unter einem Präfekten zusammengefasst; später lag das Gebiet in der Grenzzone zwischen den Provinzen Raetia und Germania Superior, wobei der genaue Verlauf der Grenzen im Alpengebiet nicht mehr zu eruieren ist (da die Schöllenen später die Grenze zwischen den Bistümern Chur und Konstanz bildete, erscheint allerdings die Annahme plausibel, dass dort schon in röm. Zeit eine Verwaltungsgrenze bestanden hatte). Der Gotthardpass dürfte bekannt gewesen sein, aber nur eine unbedeutende Rolle gespielt haben; er ist nicht in den röm. Itinerarien verzeichnet und Verkehrsstrukturen (Strassenbauten, mansiones) sind bis heute weder im alten Kantonsteil noch im Urserntal archäologisch nachgewiesen. Nach dem Zusammenbruch der röm. Herrschaft im zentralen Alpenraum orientierte sich das Unterland wohl nach Norden hin, während das Urserntal bei den aus der Raetia Prima hervorgehenden staatl. Organismen verblieb.

Autorin/Autor: Pascal Stadler

1.3 - Frühmittelalter

Die alemann. Besiedlung U.s erfolgte ab dem 7. Jh. im polit. Rahmen des Frankenreichs, wobei die Zentralschweiz zum austrasischen, von den Merowingern eingerichteten ducatus alamannorum gehörte, dessen Herzöge bis ins 2. Viertel des 8. Jh. relativ selbstständig waren. Die Ausdehnung von ins 7. bis 10. Jh. zu datierenden Namen mit der Endung -ingen umfasste das ganze Land bis nach Wassen. Das Nebeneinander von rom. und dt. Orts- und Flurnamen lässt eine friedl. Koexistenz von Romanen und Alemannen vermuten. Das alemann. Grab der Kirche St. Martin in Altdorf (660-680) weist auf die polit. und kirchl. Führungsrolle der Alemannen im Reusstal hin. Die Verbannung des frankenfreundl. Abts Heddo von der Reichenau ins abgelegene U. 732 - in diesem Zusammenhang wird der Name U. erstmals erwähnt - ist ein Indiz für die geopolit. Belanglosigkeit des zentralschweiz. Gebiets. Auch die Tatsache, dass sich die Grenze zwischen dem um 600 geschaffenen Bistum Konstanz und dem Bistum Chur in der Schöllenen herausbildete, weist auf die Randlage des Reusstals im FrühMA hin. Der fränk. König verfügte im Reusstal ab dem 8. Jh. über umfangreiches Königsgut, das wohl aus konfiszierten alemann. Besitzungen stammte; seine gerichtl. Kompetenzen scheint in der 1. Hälfte des 9. Jh. ein iudex publicus oder ein comes wahrgenommen zu haben. Dies geht aus der Urkunde von 853 hervor, mit welcher der ostfränk. König Ludwig der Deutsche seine Güter sowie seine Herrschaftsrechte im pagellus Uroniae dem Fraumünster vermachte. Unklar bleibt, ob das ganze Tal damals in den Besitz des Zürcher Klosters überging; es kann nicht ausgeschlossen werden, dass es im 9. Jh. Freie mit Eigengut in U. gab oder dass neben dem König noch andere weltl. oder geistl. Herren im Tal begütert waren. Ein Vogt (advocatus) sollte die Herrschaftsrechte des Klosters ausüben; er übernahm auch die Aufgaben des öffentl. Richters bzw. Grafen, die allerdings nicht näher umschrieben werden können. Der König hatte 853 auch seine Kirchen dem Fraumünster geschenkt, neben den 857 bezeugten Gotteshäusern in Silenen und Bürglen vermutlich auch die archäologisch dokumentierte Kirche in Altdorf.

Ursern dürfte auch im FrühMA von der Leventina aus bestossen worden sein. Das Hochtal, das wohl schon zur Gründungsausstattung des Klosters Disentis gezählt und zur Diözese Chur gehört hatte, wurde spätestens im 10. Jh. durch rätorom. Klosterleute besiedelt.

Autorin/Autor: Pascal Stadler

2 - Herrschaft, Politik und Verfassung vom Hochmittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts

2.1 - Herrschaftsstrukturen vom Hoch- bis ins beginnende Spätmittelalter

Die Herrschafts- und Besitzstrukturen im HochMA sind mangels Quellen schwierig zu eruieren; sie müssen z.T. von spätma. Verhältnissen abgeleitet werden. Die älteste Grundherrschaft war die des Fraumünsters, dessen Grundbesitz im 14. Jh. etwa 80 Hofstätten und 160 Güter umfasste. Verwaltet wurde er ab dem 13. Jh. durch Meierämter, die in den drei Landespfarreien Bürglen, Altdorf/Erstfeld und Silenen eingerichtet wurden. Die Meier entstammten dem einheim. Ministerialadel; als die eigentl. Sozialaufsteiger spielten sie bis in die 2. Hälfte des 14. Jh. in der Urner Geschichte eine wichtige Rolle.

Die versch. Geschlechter von Rapperswil geboten im 12. Jh. über umfangreichen Besitz in U.; sie übertrugen ihn nach 1227 und 1290 dem Zisterzienserkloster Wettingen, dessen Verwaltungszentren die Türme in Schattdorf und Göschenen waren. Die Zisterzienserinnen und Zisterzienser von Rathausen, Frauenthal und Kappel sowie das Lazariterhaus Seedorf hatten Güter inne, die sie von Kleinadelsfamilien geschenkt erhalten oder erworben hatten. Die Attinghausen, ein hochfreies Geschlecht, besassen Güter am See, in der Reussebene und im Oberland. Sie verfügten über Eigenleute und ausserdem über Eigenleute und Besitzungen des Fraumünsters und solche, die - wenigstens vom Anspruch her - dem Kloster Wettingen gehörten. Ihre Herrschaftspraxis ist nirgends konkret fassbar. Ausserdem besassen die Attinghausen ab 1336 den Reichszoll von Flüelen. Bäuerl. Eigengut ist in U. ab dem 13. Jh. bezeugt. Ursern zählte grundherrschaftlich zum Kloster Disentis.

Das Fraumünster in Zürich unterstand Reichsvögten, die über Unfreie wie Freie in U. herrschten. Als Reichsvögte amtierten von ca. 920 bis 976 die Hzg. von Schwaben, von ca. 976 bis 1173 die Lenzburger, dann bis 1218 die Zähringer. Nach deren Aussterben gelangte die Reichsvogtei an die Habsburger. Ursern unterstand dem Disentiser Klostervogt. 1239/40 richtete Ks. Friedrich II. auch in Ursern eine Reichsvogtei ein, die er dem Gf. Rudolf von Rapperswil übertrug. Mit dem Aussterben dieses Geschlechts im Mannesstamm 1283 fiel sie an die Habsburger.

Autorin/Autor: Hans Stadler

2.2 - Die Entstehung des Landes Uri und die Eidgenossenschaft im Spätmittelalter

Im 13. Jh. beschleunigte sich der soziale und wirtschaftl. Wandel. Die Klöster intensivierten die herrschaftl. Erfassung und führten neue Nutzungsformen in der Weidewirtschaft ein. Sie legten Schweighöfe an und förderten die bäuerl. Oberschicht, in deren Besitz die Schweigen fielen. Eine Vielzahl von vorstaatl. Organisationsformen entstand. Die Durchsetzung von herrschaftl. Organisation (Ausübung von Schutz und Gewalt) und die Verfestigung der versch. lokalen Genossenschaften liefen im 13. Jh. und bis Mitte des 14. Jh. nebeneinander her. Parallel dazu entwickelte sich U. infolge der Eröffnung des Gotthards von einem Randgebiet zu einem Durchgangsland; neue Gewerbe kamen auf, und die wirtschaftlichen, aber auch die politischen überregionalen Verbindungen und Beziehungen vervielfachten sich. So begannen Pächter aus der Oberschicht, die Weidewirtschaft mit städt. Geld zu finanzieren.

Bei vielen Rechtsgeschäften traten Leute aus U. als Personenverband kollektiv handelnd auf, so schon 955, als sie (nos inhabitantes Uroniam) Zehntrechte beurkunden liessen, im Alpnutzungskonflikt mit Glarus 1196, im Streit um Surenen seit 1273 (homines universi vallis Uranie), in der Grenzregelung mit Schwyz 1348 bis 1358 (die lantluit gemeinlich ze Ure). Gemäss einer von Aegidius Tschudi kopial überlieferten Urkunde, deren Echtheit von der neueren Forschung z.T. angefochten wird, verlieh Kg. Heinrich (VII.), der Sohn Ks. Friedrichs II., den in U. lebenden Leuten die Reichsunmittelbarkeit. Er löste sie durch Kauf aus dem Besitz des Gf. Rudolf von Habsburg und versprach, sie in Zukunft beim Reich zu behalten. Die Urner hätten dafür eine Vogteisteuer zu entrichten. 1243 wird das Siegel des Tals U. mit Stierkopf erwähnt. Die Ammänner (ministri) des 13. und des frühen 14. Jh. waren auch Beauftragte des Königs. Es ist nicht bekannt, von wem und wie sie eingesetzt bzw. gewählt wurden. Sie dürften die obersten Richter der Reichsvogtei U. gewesen sein; die Verhandlungen wurden im 13. Jh. wohl bei der Gerichtslinde in Altdorf abgehalten. Während des Interregnums sprach Gf. Rudolf IV. von Habsburg (der spätere Kg. Rudolf I.) in der Izzeli-Gruoba-Fehde (1257-58) Recht.

Zur Friedenssicherung durch Herrschaftssicherung schlossen die homines vallis uraniae vielleicht schon 1291, vielleicht aber auch erst 1309 mit Schwyz und Unterwalden ein unbefristetes Bündnis. Ende 1291 verband sich U. mit Schwyz und Zürich auf drei Jahre zur gegenseitigen Unterstützung im Krieg. 1309 vereinigte Kg. Heinrich VII. von Luxemburg die drei Länder U., Schwyz und Unterwalden zur Reichsvogtei der Waldstätte, die er Gf. Werner von Homberg unterstellte. In den Morgartenkrieg - frühe Chroniken ab ca. 1340 überliefern die Teilnahme der Urner an der Schlacht - traten die involvierten Parteien aus unterschiedl. Gründen ein; Habsburg stritt wohl gegen Homberg um das Rapperswiler Erbe, mit Schwyz um Weideland, das auch Einsiedeln beanspruchte, sowie um die Durchsetzung der Königsherrschaft Friedrichs des Schönen gegenüber dem Gegenkönig Ludwig dem Bayern. U. ergriff in dem Konflikt für den Bayern Partei. Nach der Schlacht von 1315 verbündeten sich die Landleute von U. mit Schwyz und Unterwalden, wobei die Initiative von Schwyz ausging. Der Morgartenbrief galt dem Landfrieden in den drei Orten, er garantierte die Rechte der Leib- und Grundherren, hob diese aber auf, sofern die Herren die verbündeten Orte angriffen. Mehrere Königsbriefe von Kg. Heinrich VII. von Luxemburg und dessen Nachfolger Ludwig des Bayern von 1316 an U. sind nur indirekt überliefert, weshalb ihre Bedeutung angezweifelt wird; als unbestritten gelten dagegen die Briefe, mit denen Ludwig dann 1327/28 U., Schwyz und Unterwalden gemeinsam - diesbezüglich stellten diese Briefe eine Neuheit dar - ihre Privilegien bestätigte. 1327 wurde U. zusammen mit Schwyz und Unterwalden von Zürich und Bern in den grossen Städtebund aufgenommen; zu diesem Zeitpunkt wurden die Waldstätte offenbar von den Reichsstädten als Verhandlungspartner anerkannt. Bei den nach 1315 folgenden eidg. Bünden, durch die bis 1513 die dreizehnörtige Eidgenossenschaft entstand, gehörte U. immer zu den Bündnispartnern.

Überblickt man diese Entwicklung, so ist ein Kollektiv in U. ca. ab dem 13. Jh. nachweisbar; offen bleibt aber, ob bzw. inwieweit es sich dabei um eine Talgemeinde aus allmendgenossenschaftl. Wurzeln oder einen herrschaftlich bestimmten Personenverband handelte. Eine gefestigte kommunale Organisation - solche entstanden nun auch in anderen Gebieten des Reichs - stellte keineswegs eine unabdingbare Voraussetzung für das Bündnis von 1291 oder 1309 dar, wie das die ältere Forschung in der Regel annahm. Die Wurzeln für das spätere Zusammengehen der drei Innerschweizer Orte lagen auch in der obrigkeitl. Zusammenfassung zu einer Reichsvogtei. Nach dem Ausscheiden Werner von Hombergs als polit. Faktor begann U. mit seinen Partnern, eine eigenständige Bündnispolitik mit König und Reichsstädten zu führen.

Im 14. Jh. machte die - von der Verselbstständigung im Bündnishandeln zu differenzierende - institutionelle Verfestigung von kommunalen Organisationsformen in U. rasche Fortschritte, wobei dieser Prozess nicht als Befreiung von Herrschaft, sondern als Ersatz der hochma. durch eine von einer neuen Führungsschicht getragenen Ordnung gedeutet werden muss. Das Ammannamt umfasste bald auch die Beurteilung und Entscheidung von Gemeinmarchangelegenheiten. Bei richterl. wie polit. Geschäften wurde der Landammann von einer Vielzahl angesehener Landleute begleitet und unterstützt. Die Kontrolle über Gewalt und wirtschaftl. Ressourcen konzentrierte sich in den Händen dieser sich neu formierenden Führungsgruppe, zu etwa das alte Hochfreiengeschlecht Attinghausen, versch. Ministerialenfamilien, die klösterl. Meier von Erstfeld und Silenen, aber auch reich gewordene Bauerngeschlechter zählten. Dadurch wurde die Gesellschaft befriedet, und es entstand Rechtssicherheit.

In der 2. Hälfte des 14. Jh. erscheint die Urner Verfassung mit Landsgemeinde, Landammann, Einteilung des Landes in zehn Genosssamen (Wahlkreise), Rat der Sechzig und Fünfzehnergericht vollständig ausgebildet. Das Land übernahm nach 1360 schrittweise den Flüeler Reichszoll, der fortan die wichtigste Einkommensquelle der Landesverwaltung darstellte. 1359 erfolgte der Auskauf von Wettingen, Kappel, Rathausen und Frauenthal, 1426-28 die Ablösung der Fraumünster Rechte durch das Land U. Die Kirchengenosssamen betreuten fortan die Sakralbauten und wählten den Pfarrer, der von der Zürcher Äbtissin in der Regel bestätigt und dem Bischof zur Ernennung präsentiert wurde. Kirchenvögte lösten die klösterl. Meier ab. Die Fam. von Attinghausen, die von 1294 bis 1358/59 den Landammann stellte, erlosch kurze Zeit später. Ihre Macht ging auf Ministeriale des Fraumünsters über, denen ab 1374 begüterte Fam. aus dem Stand der Grossbauern und Kaufleute folgten. 1389 bestätigte Kg. Wenzel U. den Besitz des Reichszolls sowie die Ausübung der Hochgerichtsbarkeit. Schon 1382 hatte er dieselbe auch an Ursern übertragen.

Autorin/Autor: Hans Stadler

2.3 - Das Urner Territorium im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit

Schon im HochMA hatten die Urner am Klausen und am Surenen ihre Alpwirtschaftsgebiete über die Passhöhe hinaus ausgeweitet, was zu langen Grenzstreitigkeiten mit Glarus und dem Kloster Engelberg führte. Am Klausen wurde der Grenzverlauf 1196, am Surenen erst 1513 definitiv geregelt. Im 14. Jh. erfolgten auch Alpvergrösserungen auf Kosten von Schwyz und der Leventina.

Zentrales Motiv der Urner Territorialpolitik im SpätMA war das Bestreben, die Gotthardroute bis in die Lombardei unter Kontrolle zu bringen (Ennetbirgische Feldzüge). 1403 schlossen U. und Obwalden mit der Leventina (Livinen) einen Schutzvertrag, was zum Konflikt mit Mailand führte. 1410 wurde Ursern ein Landrecht gewährt; der Vertrag, der das mächtigere U. gegenüber dem Hochtal privilegierte, war der Ursprung von Vorbehalten der Ursner gegenüber U., zumal dieses seine Oberhoheit immer stärker zur Geltung brachte. 1410-18 wurde auch das Eschental (Val d' Ossola) unter Beteiligung U.s eine gemeineidg. Vogtei (Ennetbirgische Vogteien). Die Niederlage in der Schlacht bei Arbedo 1422 brachte die Urner wie die eidg. Expansion gegen Süden für Jahrzehnte zum Stillstand; die Leventina unterstand danach wieder Mailand, bis U. sie 1439/41 wiedererwerben konnte. Erst der Sieg in der Schlacht bei Giornico 1478 bzw. der Friede mit Mailand von 1480 sicherten U. die Leventina langfristig und ermöglichten der Eidgenossenschaft unter seiner Führung das weitere Ausgreifen bis ins Sottoceneri. 1487 gab auch das Mailänder Domkapitel seine Rechte an der Leventina auf. Diese behielt ihre eigentüml. Verfassung, ihre Statuten waren geltendes Recht. U. stellte den Landvogt. Die Leventiner akzeptierten ihre Unterwerfung weitgehend, da sie die Herrschaft der Mailänder Herzöge abgelehnt hatten; nur selten kam es zu Spannungen. Die Leventiner beteiligten sich mit militär. Aufgeboten regelmässig auf Urner Seite an den Ennetbirg. Feldzügen und trugen diese auch finanziell mit. Erst nach dem Livineraufstand von 1755 hob U. die meisten Rechte und Gewohnheiten der Vogtei auf.

U. hatte von 1503 an mit Schwyz und Nidwalden die Vogteien Blenio, Riviera und Bellinzona inne und war an der Verwaltung der meisten gemeinen Herrschaften beteiligt (1441-1712 Baden, 1460-1798 Thurgau, 1482-1798 Sargans, 1491-1798 Rheintal, 1512-1798 Locarno, Maggiatal, Lugano und Mendrisio, 1532-1712 Freie Ämter bzw. 1712-98 Oberes Freiamt). Zudem gehörte U. 1464-1712 zu den Schirmorten von Rapperswil. Da der Ämterkauf nicht in den Griff zu bekommen war, versuchte U. mit einer 1646 eingeführten offiziellen Abgabe, die zukünftige Amtsinhaber zu leisten hatten, die Gelder dem Staatshaushalt zuzuführen.

Autorin/Autor: Hans Stadler

2.4 - Staatsbildung, Regieren und Verwalten im Ancien Régime

2.4.1 - Landesebene

Die wichtigsten Quellen über die Verfassungsverhältnisse sind das Satzungsbuch und das Landbuch. Das Satzungsbuch wurde in der 2. Hälfte des 16. Jh. angelegt. Das 1525 erstmals fassbare Urner Landbuch wurde nach 1600 neu redigiert. Beide Bücher enthalten Rechtsregeln aus der Zeit vor 1500 - es erscheint daher legitim, auch von den in den beiden Sammlungen überlieferten Bestimmungen über die Institutionen auf die Verhältnisse im 15. Jh. zurückzuschliessen.

Die oberste Gewalt des Landes war die Landsgemeinde (die dt. Bezeichnung ist in einer Originalurkunde von 1329 als Gemainde zu Ura fassbar), zu der alle männl. Landleute zusammenkamen, die das 14. Lebensjahr vollendet hatten. Sie nahm die Wahlen der Landeshäupter, der vier Ammannrichter des Fünfzehnergerichts, der Siebnerrichter, der Gesandten, der Landvögte sowie der meisten Beamteten vor, hatte gesetzgebende, allmendgenossenschaftliche, administrative sowie ursprünglich auch richterl. Kompetenzen und entschied über Krieg und Frieden sowie die Aufnahme von neuen Landleuten. Sie tagte jährlich am ersten Maisonntag in Bötzlingen an der Gand in Schattdorf. Sie oblag einem gleich bleibenden Zeremoniell mit Aufzug, Aufstellung und Geschäftsabfolge. Eröffnet wurden die Verhandlungen kniend, mit der Anrufung Gottes in Gebeten und der gemeinsamen Eidesleistung. Unerledigte Geschäfte wurden auf die Nach- und Auffahrtsgemeinde übertragen. Ausserordentlich kam die Landsgemeinde nach Bedarf an beliebigen Orten zusammen. Untergeordnete Geschäfte erledigten auch Räte und Landleute. Das Siebengeschlechtsbegehren - sieben Fam. konnten gemeinsam einen Antrag stellen - dürfte ebenfalls auf das SpätMA zurückgehen.

Der ab 1373 nachweisbare Rat zählte 60 Mitglieder, die sog. Sechzger, von denen jede der zehn Genosssamen je sechs wählte. Mit Sitz und Stimme dazu gehörten die Vorgesetzten Herren und die alt Landammänner. Bis ins 18. Jh. entwickelten sich dann neben dem Landrat, der ordentlicherweise viermal im Jahr zusammentrat, mehrere weitere Ratsformen. Der zwei- und der dreifache Rat, zu dem jeder Ratsherr einen oder zwei ehrenhafte Männer mitnahm, wurden jeweils bei besonders wichtigen Geschäften einberufen. Der Boden- und Wochenrat, zu dem die Ratsherren der Bodengemeinden obligatorisch zu erscheinen hatten und die Aussengemeinden ebenfalls Ratsherrn entsenden konnten, tagte wöchentlich und entschied v.a. Exekutivgeschäfte. Welcher Rat einberufen wurde, war nicht genau reglementiert, sondern hing von der Wichtigkeit der Geschäfte und bisweilen wohl auch vom Zufall ab. Das Landbuch untersagte den Räten die Aneignung von Kompetenzen der Landsgemeinde, unterdrückte aber anderseits auch den Weiterzug von Ratsbeschlüssen und Gerichtsurteilen an die Landsgemeinde. Für die Kontrolle der Wuhren waren die 1493 erstmals erw. Siebner zu Reuss und Schächen zuständig. Von der Mitte des 16. Jh. an übte der Geheime Rat die Aufsicht über die Staatsfinanzen aus und entschied über weitere geheime Geschäfte. 1554 wurde der Geheime Kriegsrat eingesetzt, dessen Zuständigkeiten sich bisweilen mit den Kompetenzen des Geheimen Rats überschnitten.

Nach dem Abgang der reichsrechtl. Gerichtsinstanzen entwickelte sich eine neue Gerichtsverfassung. Sie bestand in der frühen Neuzeit aus dem Malefizlandrat für schwere Verbrechen, dem 1366 bezeugten Fünfzehnergericht, das Ehr-, Erb- und Besitzstreitigkeiten sowie grosse Forderungen und Bussen nach sich ziehende Händel und Vergehen beurteilte, dem Siebnergericht, das für kleinere Forderungen und Bussen zuständig war, sowie dem Ortsgericht für fremde Händler.

Der älteste belegte und bedeutendste Beamte im Land U. war der Landammann; die dt. Bezeichnung wird 1294 in einer kopial überlieferten und 1301 in einer Originalurkunde erwähnt. Der Landammann führte den Vorsitz an der Landsgemeinde, in den Räten und im Fünfzehnergericht. Zu ihm gesellten sich noch im SpätMA Statthalter, Säckelmeister, Landeshauptmann, Pannerherr und Landesfähnriche sowie im 16. Jh. der Zeugherr. Die höheren Landesbeamten bildeten in den Räten die Gruppe der Vorgesetzten Herren. Unterstützt wurden sie von Landschreibern, Weibeln, Läufern sowie den Landesfürsprechern, die bei Rats- und Gerichtsverhandlungen als Berater mitwirkten. Daneben hatte U. eine Vielzahl weiterer, untergeordneter Beamter. Am dichtesten war die Verwaltung in Gewerbe, Handel, Verkehr und Lebensmittelpolizei.

Die Inhaber der höheren Landesämter konzentrierten sich mehr und mehr in Altdorf. Es bildeten sich vom ausgehenden MA an miteinander verschwägerte Häupterfamilien mit aristokrat. Lebensstil, die vielfach Generationen lang in den obersten Ämtern vertreten waren. Die Staatsführung wurde ab 1600 zunehmend absolutistisch. Gegen die Oligarchisierung entstand im 18. Jh. eine Gegenbewegung, die 1764 in der sog. Geschlechterordnung kulminierte. Diese verbot die Übervertretung einer einzigen Fam. in Räten und Gerichten und regelte Ausstandspflichten und Inkompatibilitäten restriktiver.

Für den Finanzhaushalt erliess die Landsgemeinde 1665 die Hausordnung, die bis 1798 gültig war. Der Staatshaushalt war noch im 18. Jh. mit Einnahmen von unter 30'000 Gulden nur von bescheidener Grösse; er erzielte aber laufend Überschüsse, obwohl nach 1656 keine direkten Steuern mehr erhoben wurden. Die Haupteinnahmen bestanden aus Zollerträgen, ausserdem wurde ab 1663 ein Teil der Pensionengelder einbehalten. 1798 erreichte der Staatsschatz 229'000 Gulden.

Das Land beschickte die eidg. Tagsatzungen; vor diese brachte es mehrfach Probleme des Warenverkehrs über den Gotthard, wie z.B. 1471 den sog. Ferriser Handel, der sich um den Diebstahl von Pferden des Ursners Heini Wolleb auf dem Markt von Varese drehte, eine Äffäre, die sich bis 1482 hinzog. U. schickte auch Gesandte zu den Sondertagsatzungen der kath. Orte. Trotz den gesamteidg. Verträgen mit Frankreich und Österreich stand U. - im Gegensatz zu den ref. Ständen - auch im Bund mit Savoyen (1560), dem Kirchenstaat (1565) und Spanien-Mailand (1582). 1586 schloss U. mit den vier anderen inneren Orten sowie Freiburg und Solothurn den Goldenen Bund zum Schutz der kath. Religion. Bei der Ausrottung des neuen Glaubens 1602-08 im Wallis und der Erneuerung des Landrechts zwischen den kath. Ständen und dem Wallis spielte der Urner Gesandte Peter Gisler eine führende Rolle. Während des Ersten Villmergerkriegs kommandierte der Urner Sebastian Peregrin Zwyer von Evibach die Rapperswil verteidigenden Truppen. Seine Beschränkung auf die Defensive sowie ein von den Bernern für sein Schloss Hilfikon ausgestellter Schutzbrief erweckten unter den übrigen kath. Orten den Verdacht zu grosser Kompromissbereitschaft; daraus entstand der Zwyerhandel, der 1656-61 die kath. Eidgenossenschaft spaltete.

U. bejahte 1668 zunächst auch das Defensionale von Baden und die dazugehörende Kriegsordnung, die vorsah, dass U. und Bern abwechselnd den Kommandanten eines eidg. Regiments stellten. 1678 kündigte es unter Schwyzer Einfluss die gesamteidg. Vereinbarungen wieder auf (Defensionalordnungen). Während der Toggenburger Wirren im frühen 18. Jh. suchte der Urner Landammann Josef Anton Püntener den Ausgleich mit Zürich und Bern, unterlag aber der Kriegspartei und der kath. Geistlichkeit in der entscheidenden Landsgemeinde. Die Niederlage im Zweiten Villmergerkrieg beraubte die kath. Stände 1712 ihrer führenden Rolle in der Eidgenossenschaft; ausserdem verlor U. die Mitherrschaft über die Grafschaft Baden, über Rapperswil und teilweise auch über die Freien Ämter. Insgesamt hielt U. in den innereidg. Auseinandersetzungen im 17. und 18. Jh. seinen kath. Bündnispartner stets die Treue; dabei erwies es sich in konfessionellen Fragen als nicht ganz so rigide wie Schwyz, dem meistens die Vorkämpferrolle unter den kath. Orten zukam.

Dienstpflichtig waren Männer ab dem 16. Altersjahr. Die Kriegsordnung von 1600 sah zwei Auszugskontingente vor, das kleinere des Fähnleins und das grössere des Panners. Die period. Landesmusterungen wurden nach dem 2. Villmergerkrieg intensiviert. Ausrüstung und Bewaffnung, ursprünglich von den Liegenschaftsbesitzern beschafft, waren ab dem 16. Jh. Landesaufgaben. Bei der militär. Ausbildung profitierte U. von den Erfahrungen aus fremden Diensten.

Die Verwaltung der Wälder und der Gross- und Kleinviehhirtenen oblag den Dorfschaften, für die Alpen waren die Alp- und Stafelgenossenschaften zuständig. Einzig die nördlich des Schächentals gelegene Ruosalp wurde vom Land selbst verwaltet. Die Gemeinmarch (Allmend) war für den gemeinen Nutzen der Landleute bestimmt. Andere Nutzniesser wurden benachteiligt; der gewinnorientierte Handel mit nicht im Land gewintertem Vieh war verboten.

Autorin/Autor: Hans Stadler

2.4.2 - Gemeindeebene

Die im 14. Jh. geschaffenen zehn Genosssamen wählten die Sechzger und zehn Mitglieder des Fünfzehnergerichts, in dem auch die vier Ammannrichter und der Landammann einsassen. Die Genosssamen nahmen Verwaltungsaufgaben im Vormundschafts- und Waisenwesen, bei der Militärrekrutierung, der Harnischkontrolle sowie der Kontrolle der Gemeinmarch wahr. Verantwortlich für den Vollzug waren meistens die Ratsherren.

In den Siedlungen entfaltete sich autochthon um kirchl. und dörfl. Einrichtungen (v.a. Kapellen, Kirchen, Pfarreien, Wege und Stege) herum ein Gemeindewesen. Kirchl. und dorfschaftl. Entwicklungen verliefen nicht synchron. Die Versammlung der Kirchen- oder Dorfgenossen war das oberste Organ. Leitung und Vollzug lagen bei den "Vorgesetzten des Dorfs", zu denen die Ratsherren, der Kirchen- und der Dorfvogt sowie weitere Amtsträger gehörten.

Autorin/Autor: Hans Stadler

3 - Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur vom Hochmittelalter bis ins 18. Jahrhundert

3.1 - Bevölkerung und Siedlung

Die intensive Rodungstätigkeit, die konfliktreiche territoriale Expansion über die Wasserscheiden hinweg sowie die rasch fortschreitende Ausdifferenzierung der kirchgenossenschaftl. Organisationsformen verweisen auf ein deutl. Bevölkerungswachstum im HochMA. In diese Epoche fällt auch die Besiedlung des vormals nur spärlich von Romanen bevölkerten Urserntals vom Wallis her, die rechts- und sprachgeschichtlich sowie namenkundlich fassbar ist (Walser). Wichtige siedlungsgeschichtl. Impulse gingen ferner von der Erschliessung der Schöllenen um 1200 aus. Der einsetzende internat. Güter- und Personenverkehr über den Gotthardpass machte eine komplexe Transportorganisation mit Zollstätten, Susten, Hafenanlagen, Herbergen und Gewerbebetrieben (Hufschmiede, Küfer, Sattler, Hafner) erforderlich. Entlang der Gotthardroute bildeten sich nun typ. Passwegdörfer mit klarer Ausrichtung auf die Transitachse aus, während in den Seitentälern die Streusiedlung weiter dominierte.

Ein weiterer Bevölkerungsanstieg ist auch für das SpätMA und die frühe Neuzeit trotz demograf. Krisen infolge von Pestzügen - solche sind 1348-49, 1517-18, 1574-75 und 1629 nachgewiesen - anzunehmen. In den 1690er Jahren und dann gehäuft im 18. Jh. führten verheerende Missernten zu Hungersnöten. Die schlimmsten Folgen für die Bevölkerungsentwicklung zeitigten die Hungerereignisse von 1742-43 und 1770-71, die, verstärkt noch durch Viehseuchen, den Viehhandel massiv beeinträchtigten. 1743 hatte U. (ohne Ursern) 9'828 Einwohner gezählt; am Ende des 18. Jh. waren es noch 9'464 (mit Ursern 10'607).

Autorin/Autor: Urs Kälin

3.2 - Wirtschaft

Alpwirtschaft und Viehzucht waren die wichtigsten Standbeine der Urner Wirtschaft. Die Ausweitung der Alpwirtschaft wurde im Hoch- und SpätMA durch vorteilhafte klimat. Verhältnisse begünstigt. Die Bewirtschaftung bäuerl. Güter erfolgte subsistenzorientiert, erzeugt wurden in erster Linie Getreide, Wein, Obst, Nüsse, Wolle, Fleisch, Milch und Milchprodukte für die Selbstversorgung. Ab dem 14. Jh. verloren Acker- und Weinbau allmählich an Bedeutung und es kam zu einer Spezialisierung auf die Viehwirtschaft. Grössere Viehwirtschaftsbetriebe bestanden im Rahmen der klösterl. Grundherrschaft bereits im HochMA (Schweighöfe). Sie bildeten den Kern grossbäuerl. Liegenschaftskomplexe, deren Überproduktion auf den regionalen und überregionalen Märkten in Altdorf, Luzern, Bellinzona, Lugano, Como und Mailand abgesetzt wurde. Bei der Umstellung von der Subsistenz- auf die marktorientierte Viehwirtschaft übten Kaufleute aus Städten im Norden und im Süden Einfluss aus. Der bäuerl. Besitz war seit dem SpätMA durch grosse Dynamik gekennzeichnet und widerspiegelte die erhebl. soziale Mobilität. Die Blütezeit der Urner Landwirtschaft fiel ins 16. und 17. Jh., u.a. mit dem einträgl. Viehtrieb auf die oberital. Märkte, den sog. Welschlandfahrten (Viehhandel). Danach stagnierte deren Leistungsfähigkeit. Strukturprobleme der nach wie vor kleinbäuerlich geprägten Landwirtschaft behinderten den Übergang zur exportorientierten Herstellung von haltbarem Hartkäse (Sbrinz, Spalenkäse). Gleichzeitig entwickelte sich das Verhältnis zwischen der Nahrungsmittelbasis und der Bevölkerungszahl gegen Ende des 18. Jh. ungünstig und der relative Wohlstand der Urner Bevölkerung schmolz rasch dahin.

Neben der Landwirtschaft bildete der Güterverkehr über den Gotthard die zweite Säule des Urner Wirtschaftsgefüges. Der Warentransport auf dem schmalen Saumpfad erfolgte auf Pferden oder Maultieren, im Winter auch auf Schlitten. Anfänglich wurde der Warentransport hauptsächlich in Etappen von einer Sust zur nächsten (sog. Strus- oder Teilfuhr) abgewickelt. Zu Beginn des 18. Jh. wurde der direkte Transport über den Pass, die Strackfuhr, von der Obrigkeit aus wirtschaftl. Gründen stärker forciert. Die Verkehrsfrequenzen lagen weit hinter denen der Bündner Pässe und v.a. hinter dem Brenner zurück. Allerdings stieg das Transitaufkommen am Gotthard im 18. Jh. stark an und erreichte 1795 einen Höchststand (37'000 Saum), nicht zuletzt aufgrund erhebl. Investitionen in die Strasseninfrastruktur (1649 Häderlisbrücke in der Schöllenen, 1707-09 Urnerloch, 1764 Weg bei Flüeli in der Gem. Amsteg, 1773 Schönibrücke in der Gem. Wassen). Vom Aufschwung profitierten in erster Linie die vorab in Altdorf und Andermatt ansässigen Faktoren, Speditoren und Handelsleute, die in der 2. Hälfte des 18. Jh. zu grossem Wohlstand gelangten. Der Warentransport und der Personenverkehr - im 18. Jh. jährlich immerhin rund 15'000 Reisende - brachten auch indirekt Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten (Strassenunterhalt, Schneebruch, Heuverkauf, Herbergswesen). Von der gesteigerten Binnennachfrage profitierte ferner das lokale Gewerbe, das sich ab dem 16. Jh. in zunftähnl. Gesellschaften und Bruderschaften zu organisieren begann. Daneben spielten vom 16. bis zum 18. Jh. der Bergbau (Abbau von Eisenerz bei Isleten in Isenthal sowie im Maderanertal, Silber und Alaun im sog. Graggental in Gurtnellen, Quarzkristalle auf der Göscheneralp, im Maderanertal und im Gotthardgebiet) und im 18. Jh. das protoindustrielle Verlagswesen (Schappe, Baumwolle) mit den Zentren Altdorf und Andermatt eine Rolle.

Einen wichtigen Wirtschaftsfaktor stellte schliesslich der Solddienst dar. Entsprechende Aktivitäten des regionalen Adels in Oberitalien sind bereits im 13. Jh. fassbar. Daraus entwickelte sich eine lange Tradition des selbstständigen Militärunternehmertums, anfänglich v.a. für ital. Fürsten und Städte. Ab dem 16. Jh. gewann die Beteiligung an Schweizer Regimentern in span., franz. und savoy. Diensten sowie in den päpstl. Garden in Bologna und Ravenna, denen stets Urner Hauptleute vorstanden, an Bedeutung. Für die lokale Oberschicht blieben die fremden Dienste bis zum Ende des Ancien Régime die wichtigste Existenzgrundlage, während die Solddienstaktivitäten der gewöhnl. Landleute stark rückläufig waren. Mit den Pensionszahlungen floss nicht nur sehr viel Geld nach U., sondern auch Kulturgut und Lebensweise europ. Fürstenhöfe.

Zwischen 1520 und 1648 wurden in Bellinzona (bis 1548) und Altdorf eigene Münzen geprägt, grösstenteils auch im Auftrag der Stände Schwyz und Nidwalden; später wurden die Urner Münzen in Bern und Luzern hergestellt, letztmals 1811 (Stücke zu 4, 2 und 1/2 Batzen sowie zu 1 Rappen). Trotz eigener Münzen war in U. stets viel fremdes Geld im Umlauf, insbesondere Münzen von hohem Wert (florent. Gulden, span. Dublone, venezian. Zecchine/Dukat, franz. Sonnenkrone, Louis d'or).

Autorin/Autor: Urs Kälin

3.3 - Gesellschaft

Die Führungsgruppe im hochma. U. war unterschiedl. sozialer Herkunft und herrschaftl. Zugehörigkeit. Strukturprägend wirkte der ausgedehnte klösterl. Grundbesitz: Herrschaft wurde in erster Linie von den Amtsleuten des zürcher. Fraumünsters und des Klosters Wettingen ausgeübt. Im Gegensatz zur Herrschaftsposition der Klöster war die Stellung des weltl. Adels relativ schwach, unzweifelhaft das Resultat der späten und unvollständigen Feudalisierung im 11. und 12. Jh. Trotz dieser für die klösterl. Grundherrschaften und den lokalen Adel unvorteilhaften Bedingungen gingen von den feudalen und adligen Kräften gesellschaftl. Stabilisierungsbestrebungen aus, die auch bei den ersten eidg. Bündnisschlüssen zum Tragen kamen. Ab dem späten 13. Jh. lösten sich die alten Adelsstrukturen auf. Neben den ritterl. Dienstleuten (Ministerialadel) und den einzelnen Hochfreien gewannen auch Vertreter der ländl., nichtadligen Oberschicht an Einfluss. Als der Ministerialadel gegen Ende des 14. Jh. seine führende Stellung verlor, rückten Fam. aus dem Bauern- und Handelsstand nach. Die soziale Mobilität nach unten und nach oben war in der frühen Neuzeit erheblich. Erst im Lauf des 16. Jh. bildeten sich eigentl. Familiendynastien, die über Jahrhunderte hinweg Reichtum, Macht und Einfluss auf sich vereinigten. Wirtschaftl. Grundlage dieser Elite war die Verbindung von Grundbesitz, fremdem Kriegsdienst und lukrativer Ämtertätigkeit.

Grossen gesellschaftl. Einfluss hatte die mit den polit. und wirtschaftl. Eliten personell eng verflochtene Welt- und Ordensgeistlichkeit. Die Zahl der Geistlichen nahm bis ins 18. Jh. stark zu. 1762 zählte U. 119 Ordens- und Weltgeistliche, das ergab pro Geistlichen weniger als 100 Gläubige.

Die Ablösung feudaler Rechte setzte in U. im grösseren Stil erst nach 1350 ein und dauerte bis weit ins 15. Jh. Anstelle der ständ. Unterschiede vom unfreien Bauern bis zum hochfreien Adelsmann trat die soziale Differenzierung in Kleinbauern, Mittelstand (Bauern, Handwerker, Gewerbetreibende) und Oberschicht. Zusätzlich schuf das Urner Landrecht eine scharfe Trennlinie zwischen den vollberechtigten Landleuten und den Bei- und Hintersassen, denen die polit. Partizipation verwehrt blieb und die auch weitgehend von der Nutzung der kollektiven Ressourcen (Alpen, Allmenden, Säumerei) ausgeschlossen waren. Das Urner Landrecht konnte nach 1600 nur noch gegen Bezahlung enormer Einkaufsgebühren erworben werden.

Armen-, Arbeits- oder Waisenhäuser existierten im Ancien Régime nicht. Verbreitet war die traditionelle ma. Almosenpraxis; die Unterstützungsleistungen basierten auf kirchl. und privater Caritas. Viele Jahrzeit- und Gedächtnisspenden waren mit der Austeilung von Brot, Salz und Mehl verbunden. Hinzu kamen wohltätige (Familien-)Stiftungen, Vermächtnisse und private Stipendienfonds. Unterstützung fanden Bedürftige auch in den Klöstern und in den Fremdenspitälern, wo z.T. auch einheim. Arme verpflegt wurden. Die einzige direkte staatl. Beteiligung an der Armenfürsorge stellten die Beiträge dar, die der Wochenrat auf Bittgesuche nach Gutdünken sprach. Mit dem Instrument der Verwandtschaftssteuer wurde der grösste Teil der Armenlasten gleichsam von den Armen selbst getragen.

Autorin/Autor: Urs Kälin

3.4 - Kirchliches und religiöses Leben

Ursern zählte zum Bistum Chur, U. bildete das südlichste Gebiet des Bistums Konstanz. Wegen der grossen Entfernung blieb die Verbindung zum Bischof lose - im späteren MA ist die Anwesenheit des Bischofs einzig bei der Neuweihe der Lazariterkirche in Seedorf 1254 bezeugt -, um so mehr als die auf Eigenständigkeit bedachten Urner sich nicht um deren Festigung bemühten. Die im Auftrag des Bischofs durchgeführten Visitationen von Klerus und Kirchengebäuden erfolgten im späteren MA nur spärlich. Erst nach der Kath. Reform, ca. ab 1608, fanden solche in regelmässigeren Abständen statt. In U. wachte der um 1500 fassbare bischöfl. Kommissar, fast immer der Pfarrer von Altdorf, über Verstösse gegen Sittlichkeit und liturg. Vorschriften. Eine alte Verbindung zum Bischof bestand im Vierwaldstätterkapitel, dem als Sextar oder als Dekan stets ein Pfarrer aus U. (meist der von Altdorf) angehörte.

Mit der Ablösung der Zehntrechte der Abtei Fraumünster erlangten die Pfarreien im SpätMA weitgehende Unabhängigkeit. Als Eigentümer der Kirchen besorgten sie deren Unterhalt, verwalteten ihre Einkünfte und Ausgaben. Die Pfarrer der drei Landespfarreien Altdorf, Bürglen und Silenen hatten an den Landsgemeinden das freie Wort, selbst wenn sie nicht Landsleute waren. Aus dem 1513 von Papst Julius II. bestätigten Präsentationsrecht entwickelte sich ein umfassendes Recht auf Wahl und Bestätigung der Pfrundinhaber. Dieses Gemeinde- oder Volkspatronat bildete die Basis des frühneuzeitl. Landeskirchentums in U., in dem die weltl. Obrigkeit eine Aufsichtsfunktion über die Kirche ausübte. In Streitigkeiten zwischen weltl. und kirchl. Obrigkeit setzten sich meistens die Magistraten durch, wie z.B. im Dr.-Stadler-Handel 1692-93.

Ab dem 14. Jh. kurten sich zunächst v.a. die entfernt gelegenen Gebiete von den drei Landespfarreien ab wie z.B. 1387 Sisikon von Altdorf. Dieser Prozess intensivierte sich im späten 15. und im 16. Jh. Gleichzeitig nahm die Zahl der Kirchenpfründen zu. Neben dem Pfarrer verfügten die wohlhabenderen Kirchgemeinden im 17. oder spätestens im 18. Jh. über einen Helfer. Altdorf wies im 18. Jh. neben vier von der Pfarrei besoldeten Vikaren noch neun von Geschlechtern gestiftete Pfründen auf.

U.s ältestes und lange einziges Kloster war das vor 1215 gestiftete Lazariterhaus in Seedorf, das ab 1559 auf Wunsch der Obrigkeit von Benediktinerinnen aus Claro weitergeführt wurde und sich in der Barockzeit zu einem blühenden Konvent entwickelte. Das 1581 gegr. Kapuzinerkloster Altdorf, das erste nördlich der Alpen, war auf die Bedürfnisse der Bevölkerung ausgerichtet; die Kapuziner, die ab 1688 Ursern seelsorgerisch betreuten, prägten über Jahrhunderte das religiöse Leben U.s mit. Das dritte Kloster, das 1608 gegr. Frauenkloster in Attinghausen, war lange kaum lebensfähig; es entschied sich unter dem Einfluss des nach Altdorf versetzten Pater Antonius Gallerani, einem Initianten der sog. Pfanneregger Reform, dem kapuzin. Reformorden beizutreten. Nach einem Brand übersiedelte die Gemeinschaft 1676 nach Altdorf. Die Klöster waren 1638 im Grund- und Gültenbesitz eingeschränkt worden.

Als Durchgangsland blieb U. von der Reformation nicht unberührt. Doch setzten sich alter Glaube und Verbundenheit mit dem Papst durch. Wohl veranlasst durch Landammann Josue von Beroldingen, verfasste Landschreiber Valentin Compar 1524/25 eine Streitschrift gegen Huldrych Zwingli, die der Landsgemeinde vorgelesen und von dieser gutgeheissen wurde. Später verschafften Persönlichkeiten aus der Führungsschicht wie Johannes Zumbrunnen, Ambros Püntener oder Walter von Roll, angespornt durch den Aufenthalt von Karl Borromäus in U. im Jahr 1570, den Weisungen des Konzils von Trient den nötigen Nachdruck. Insgesamt bestanden in der frühen Neuzeit vorzügl. Beziehungen zu den Päpsten, welche die Urner Söldner schätzen gelernt hatten. Die Verbindungen mit dem Papsttum intensivierten sich noch nach der Einrichtung der Nuntiatur im nahen Luzern, zumal ja der Weg von und nach Rom durch U. führte. Vom 16. bis ins 18. Jh. verlegten acht Nuntien ihre Residenz vorübergehend nach Altdorf.

Die Religiosität prägte alle Bereiche des öffentl. Lebens; Magistraten war der Kirchenbesuch an gewissen Tagen vorgeschrieben. Die Anrufung Gottes stand als Ritual am Beginn jeder polit. Handlung. Im Gedenken an bedeutende Ereignisse der Vergangenheit wurde in den Kirchen des Landes im November am Freitag nach Martini der Schlacht am Morgarten gedacht sowie ab 1489 im Juni das Schlachtjahrzeit am Zehntausend-Ritter-Tag begangen. Die Landeswallfahrten galten der Jagdmattkapelle in Erstfeld als Vorlandsgemeinde am Markustag, der Kapelle St. Jakob am Riedweg bei Altdorf und der Tellskapelle am See. Eine Urserner Wallfahrt führte am Placidustag nach Disentis, eine weitere am 30. Juni zur Kapelle des hl. Gotthard. Gemeindewallfahrten führten zu den Gnadenkapellen im Riedertal (Gem. Bürglen), Jagdmatt und Maria Sonnenberg (Seelisberg) und der Kirche Schattdorf. Bittprozessionen fanden in jeder Pfarrkirche statt, besonders häufig in der Woche von Christi Himmelfahrt. Umgänge führten entlang des engeren Dorfbereichs oder von der Kirche zu den Dorfkapellen.

Die älteste bekannte Bruderschaft war jene des Lazariterklosters Seedorf (14.-15. Jh.). Im 16. Jh. folgten die St.-Jakobs-, die Hl.-Grab- sowie die Liebfrauenbruderschaft in Altdorf, wobei die beiden ersten als besonders exklusiv galten. Ab dem 17. Jh. verfügte jede Pfarrkirche über eine Rosenkranzbruderschaft. Im 18. Jh. wiesen die Dorfkirchen etwa vier mit Fahne ausgestattete Bruderschaften auf, darunter auch seltenere wie die Gürtelbruderschaften von Erstfeld und Isenthal. Im 18. Jh. setzten, aus Italien kommend, die Bruderschaft zur Beförderung barmherziger Werke (Altdorf) und die Offizibruderschaft (Hospental) mit ihren eindrucksvollen Gewändern einen besonderen Akzent.

Vom 14. Jh. sind daneben kleinste, keinem Orden inkorporierte Schwesterngemeinschaften zu fassen. In Altdorf, Attinghausen und Schattdorf wurden diese bis ins 16. Jh. von Terminierbrüdern des Predigerklosters Zürich betreut, in Silenen von Brüdern des Franziskanerklosters Luzern. Vorab im Reusstal sind Einsiedler bezeugt. Eremitinnen lassen sich bis ins späte 16. Jh. nachweisen, Waldbrüder bis ins 18. Jh.

Autorin/Autor: Helmi Gasser

3.5 - Sakralarchitektur und Kunst

Die sakrale Baukultur U.s weist mit der alten Kirche von Andermatt und den einst frei stehenden Kirchtürmen von Attinghausen, Seedorf und Bürglen einige Zeugnisse der späten Romanik auf. Geprägt wird die Sakrallandschaft aber von barocken Kirchenbauten mit hellen Saalräumen und Ausstattungen von grosser Qualität. An erster Stelle steht die Kirche Altdorf (1602-07), der erste Frühbarockbau der Deutschschweiz, der an Arbeiten des in Rom tätigen Tessiners Domenico Fontana anknüpft.

An der wichtigen Durchgangsroute von Nord nach Süd ergab sich auch im kulturellen Bereich ein reger Austausch. In den einzelnen Epochen gestalteten sich die Einflüsse unterschiedlich; oftmals überwogen jene von Süden, manchmal jene von Norden. Ab etwa 1500 lassen sich für künstler. Werke drei versch. Entstehungsweisen feststellen, nämlich Importkunst, Kunst von temporär sich in U. aufhaltenden Meistern sowie Werke von Künstlern, die als Beisässen oder Landleute dauernd in U. tätig waren.

Um 1500 wurden Altarwerke aus Schaffhausen und Süddeutschland hergeschafft, kurz nach 1500 auch Malerei aus Mailand. 1510 wurde bei Goldschmied Niklaus Müller in Zürich eine grosse Monstranz bestellt. Wenig später treten kontinuierlich in U. sesshafte Goldschmiede auf, im letzten Viertel des 16. Jh. mit Martin Troger der erste Meister aus einem Landleutegeschlecht. Er und die nachfolgenden Urner Künstler entstammten Fam. der lokalen Oberschicht.

Das Bauhandwerk wurde im 16. und früheren 17. Jh. von oberital. Baumeistern und Maurern aus dem Maggia- und Sesiatal sowie aus Bosco/Gurin dominiert, die teils in U. niedergelassen, teils temporär beschäftigt waren. Überdies wurde Malerei von internat. Rang aus Bologna importiert. Gleichzeitig arbeiteten aus dem Norden kommende Künstler in U. als Niedergelassene. In der 2. Hälfte des 17. Jh. tritt die in U. sesshafte Baumeisterfamilie Butscher - die Beziehungen zwischen diesem Geschlecht und der auch in der Innerschweiz tätigen Baumeisterfamilie Purtschert sind nicht klar - aus Vorarlberg hervor. Im letzten Viertel des 17., Anfang 18. Jh. beherrschten Künstlerpersönlichkeiten aus dem Urner Patriziat das Feld, wie Johann Jakob Scolar mit den Kuppelkirchen von Bürglen und Seedorf, Bartholomäus Schmid mit den Gotteshäusern in Hospental und Andermatt, sodann der Maler Karl Leonz Püntener und versch. Angehörige der Goldschmiededynastie Imhof. In oberital. Händen verblieben die Stuckaturen. Im Altarbau überwog dagegen mit Ausnahme von Altdorf die alpenländ. Stilrichtung mit bildschnitzerisch üppigen Umrahmungen und reichem, in lebhafter Farbigkeit gefasstem Bilderschmuck. Als deren hervorragende Exponenten gelten die Walliser Johann Jodok und Johann Ritz, die zeitweise Beisässen in U. waren.

Im 18. Jh. wurden dann Baumeister, Monumentalmaler und Stuckateure aus dem Norden bevorzugt. Caspar Moosbrugger baute mit seinen Neffen den Gästeflügel des Klosters Seedorf, der Bregenzer Josef von Brüel leitete 1729-33 den Bau der Kirche Schattdorf und der Luzerner Jakob Singer zeichnete 1754-56 für die Kirche Silenen verantwortlich.

In der Malerei treten Ende des 18. Jh. stärker weltl. Themen hervor. Beispiele dafür sind u.a. die Ansichten von Urner Bauwerken in ihrer landschaftl. Umgebung von Franz Xaver Triner aus Arth und die herausragenden Porträts von Felix Maria Diogg aus Ursern.

Autorin/Autor: Helmi Gasser

3.6 - Aristokratische und bäuerliche Wohn- und Lebensformen

In den Bauten der führenden Fam. wird im 13. und 14. Jh. in den nicht aus fortifikator. Gründen angelegten Türmen im unteren Reuss- und Schächental die Bevorzugung von Stein als Material fassbar. Ab dem späten 15. Jh. konzentrierten sich die gehobenen Wohnhäuser auf Altdorf und seine Umgebung. Als Vorbilder dienten von der 2. Hälfte des 16. Jh. an v.a. südl. Palazzi. Das Umgelände dieser gross dimensionierten, im Gegensatz zu städt. Patrizierhäusern frei stehenden Gebäude war jeweils von hohen Mauern umgeben. Die Hausausstattungen widerspiegelten die vielfachen Bezüge zu Italien.

Das Material für den Bau von Bauernhäusern stammte aus der nahen Umgebung. Auch der Zimmermeister war in der Regel einheimisch, die Bauweise stand in herkömml. Tradition. Oft in Hanglage erstellt, erhob sich über einem Steinsockel (mit Keller) der Wohnteil in Blockbau; nur dessen Rückseite mit dem Küchen- oder Herdbereich war aufgemauert. Das bis ins 18. Jh. flachwinklige Dach war mit Schindeln bedeckt und wegen der Winde mit Steinen beschwert. Bezeichnend für das Urner Haus sind die auf den Kubus beschränkte Strenge und die Sparsamkeit der Verzierungen. In den ausschliesslich von der Landwirtschaft abhängigen Gebieten umgab das Haus die eigene Hofstatt. Hier überwogen die Streusiedlungen.

Autorin/Autor: Helmi Gasser

3.7 - Schulen

1472 wird Johann Bürgler als weltl. Lehrer einer Grund- und Lateinschule in Altdorf genannt. Diese Schule wurde vom Land U. unterhalten, auch Mädchen konnten sie besuchen. 1579 wurde eine ausführl. Schulordnung erlassen. Der zumeist weltl. Schulmeister hatte auch kirchl. Funktionen wahrzunehmen, den Chorgesang zu leiten und Orgel zu schlagen. Ab 1697 übernahmen die Kapuzinerinnen die Schulung der Mädchen. Auch in den anderen Gem. sind vom frühen 17. Jh. an Schulmeister belegt, oft geistl. Stands. Das Volksschulwesen war in der frühen Neuzeit dem Klerus überantwortet. Die Lehrer wurden wiederum von der Obrigkeit kontrolliert, die der Aufklärung mehrheitlich feindlich gegenüberstand.

Der Fächerkanon der Lateinschule in Altdorf vermittelte auch Rhetorik. Nach der Beendigung der Lateinschule mussten die Schüler, die eine höhere Bildung anstrebten, an auswärtige Institute wechseln. Dabei wurden Orte im franz. oder im ital. Sprachraum bevorzugt. Urner studierten am Kollegium St. Michael in Freiburg, am Kollegium der Benediktiner in Bellinzona oder Jesuitenkollegium in Luzern. Angehende Priester wurden am Collegium Helveticum in Mailand ausgebildet. Die wenigen Doktoranden besuchten meist oberital. Universitäten.

Autorin/Autor: Helmi Gasser

3.8 - Brauchtum, Befreiungstradition und konfessionelles Denken

Das Brauchtum prägten sowohl Bauernstand wie Kirchenjahr; alte Anlässe sind das Sternsingen an Dreikönigen, die Fastnacht mit Küchlein und Tanz (belegt seit dem 14. Jh.) und die Kirchweihtage mit Küchenschmaus und Tanz. Jede Gem. verfügte über einen Tanzplatz oder ein Tanzhaus. Zu den besonderen Jahresereignissen zählten auch die Schützenfeste mit Gabenschiessen. In von Alpwirtschaft geprägten Regionen entstand der Betruf, in welchem Maria mit dem Kind im goldenen Ring um Schutz angefleht wird (Alpsegen). Im Schächental und in Isenthal kam den Sennenbruderschaften und der Sennenchilbi ein wichtiger Stellenwert zu.

Das 1512 vermutlich von Valentin Compar verfasste, schriftlich überlieferte "Urner Tellenspiel" wurde zu einer verbreiteten Spieltradition. Kulturelle Ereignisse bildeten weiter Theaterstücke religiösen Inhalts, die sog. Geistlichen Spiele, die von Geistlichen geschrieben worden waren, von Geistlichen und Schülern aufgeführt wurden und eine Gelegenheit zur religiösen Belehrung darstellten. Wieweit das offizielle Urner Geschichtsbild in der frühen Neuzeit auf der Befreiungstradition fusste, zeigen auch der 1583 in Altdorf errichtete Tellsbrunnen, die 1694 angefertigten Fresken auf dem Türmli in Altdorf, in denen Episoden aus der Tellsgeschichte und der Schlacht bei Morgarten dargestellt werden, oder die bereits im 16. Jh. mit Tellzyklen ausgestatteten Tellskapellen. 1760 verurteilten Landrat und Landammann in einem Brief an Luzern die ersten Darstellungen scharf, in denen die Tellgeschichte als dän. Märchen dargestellt wurde.

Im geistesgeschichtlich stark in der Tradition verhafteten und vom konfessionellen Denken geprägten U. machten sich Strömungen der Aufklärung, die von Obrigkeit und Klerus als von aussen an den Kanton herangetragene Gefahr begriffen wurde, im späteren 18. Jh. kaum bemerkbar. Nur wenige Urner waren Mitglied einer Sozietät. Einige Urner gehörten der 1768 gegr. Helvet. Concordia-Gesellschaft an, die als kath.-innerschweiz. Gegenmodell zu der überkonfessionellen und gesamteidg. Helvet. Gesellschaft konzipiert worden war, wie der Bürgler Pfarrer Sebastian Anton Wipfli oder der Altdorfer Arzt Anton Imfeld. Eine Ausnahme diesbezüglich war der Pfarrer Karl Joseph Ringold, der als ein Hauptvertreter der kath. Aufklärung in der Schweiz der Helvet. Gesellschaft angehörte und enge Freundschaften mit ref. Aufklärern pflegte. Auf Karl Josef Epp, der Mitglied von mehreren naturwissenschaftl. Gesellschaften war, gehen Meliorationsversuche in der Reussebene zurück.

Autorin/Autor: Helmi Gasser

4 - Der Staat im 19. und 20. Jahrhundert

4.1 - Verfassungsgeschichte und politische Geschichte

4.1.1 - Helvetik und Mediation

Die Urner Obrigkeit verurteilte die Franz. Revolution und wandte sich auch gegen Neuerungen in der Schweiz, indem sie sich z.B. gegen die Forderungen, wie sie etwa die ländl. Oberschicht während des Stäfnerhandels 1794-95 erhob, aussprach. 1797 liess sie aus Frankreich zugeschicktes Propagandamaterial durch den Scharfrichter verbrennen.

Nach dem Franzoseneinfall im Jan. 1798 hatte U. seinen Auszug auf die Mahnung Berns hin am 29.1.1798 aufgeboten. In den entscheidenden Tagen im Kampf um Bern Anfang März riet es der Berner Obrigkeit aber, den Franzosen bezüglich der Regierungsform Konzessionen zu machen; die Urner Truppen verweigerten am 4. und 5. März den Kampf und zogen sich nach U. zurück. Auf der Konferenz in Brunnen am 11. März beschlossen U., Schwyz und Nidwalden sowie Zug und Glarus, mit General Guillaume Brune über eine Sonderlösung für die Innerschweiz im Rahmen des auch von diesem angestrebten Tellgaus zu verhandeln; zur Vorbereitung dieser Gespräche entliess die Landsgemeinde am 14. März die Leventina aus dem Untertanenverhältnis. Die Verhandlungen zerschlugen sich aber, weil das franz. Direktorium auf der Zusammenfassung der Schweiz in einer unteilbaren Republik bestand. Am 11. April setzten Regierungskommissär François-Philibert Le Carlier und General Alexis Balthasar Henri Antoine von Schauenburg, der Nachfolger von Brune, den noch opponierenden Kantonen eine Frist von zwölf Tagen für die Annahme der helvet. Verfassung; U. entschied sich daraufhin nach einigem Zögern an der Landsgemeinde vom 20. April, die überkommene Verfassung zu verteidigen und sich dem Aufstand von Schwyz, Nidwalden, Zug und Glarus anzuschliessen. Die Urner Obrigkeit schien im Gegensatz zur Bevölkerung nicht an einen militär. Erfolg zu glauben, denn sie war bemüht, die eigenen Truppen möglichst aus Gefechten mit franz. Truppen herauszuhalten. Nach der Niederschlagung des Aufstands Anfang Mai kapitulierte U. am 5. Mai und nahm die helvet. Verfassung an. Die Leistung des Bürgereids erfolgte Ende August und im September, die Entwaffnung im September und schliesslich die militär. Besetzung durch franz. Truppen im Oktober.

In der Helvet. Republik bildete U. mit Zug, Ob- und Nidwalden sowie den inneren Teilen von Schwyz den Kt. Waldstätten. Sein Gebiet war aufgeteilt in die Distrikte Altdorf und Andermatt. Die Landvogtei Leventina wurde dem Kt. Tessin zugeschlagen. In jedem Distrikt überwachte ein Unterstatthalter, unterstützt von Agenten in den Dorfschaften, den Vollzug der helvet. Gesetze. Unterste Verwaltungseinheit war die Bürger- und die Einwohnergemeinde. Zu Ersteren zählten nur die Landleute, denen allein das Nutzniessungsrecht an den Genossengütern zukam. Sie wählten als Exekutivorgane die Verwaltungskammern. Die Einwohnergemeinden bestanden aus allen Einwohnern. Sie wählten als ausführende Organe die Munizipalitäten. Der Distrikt Altdorf umfasste 14 bzw. nach der Verselbstständigung von Gurtnellen 1800 15 Gem., der Distrikt Andermatt vier. Altdorf, die wichtigste Munizipalität, führte zeitweise auch für den Distrikt die meisten Geschäfte. Der Distrikt Andermatt, in dem Statthalter Franz Josef Julius Meyer amtierte, stand der Helvetik positiv gegenüber. Im Distrikt Altdorf stiess die neue Republik dagegen sowohl bei der Oberschicht wie auch beim Volk auf Ablehnung. Im April und Mai 1799 erhob sich U. unter der Führung Franz Vinzenz Schmids gegen die Besatzer; der Aufstand, an dem sich in U. auch Leventiner und Walliser beteiligten, wurde aber rasch niedergeschlagen, wohl auch, weil eine Koordination mit zeitgleichen Erhebungen in den übrigen Alpenkantonen fast völlig unterblieb. Der siegreiche General Jean-de-Dieu Soult liess gegenüber der Urner Bevölkerung Milde walten.

Während des 2. Koalitionskriegs war U. vom Juni bis Ende Sept. 1799 Kriegsschauplatz: In den letzten Mai- und den ersten Junitagen eroberten österr. Truppen vom Oberalp her Ursern und das Reusstal. Danach versuchte die österr. Führung mit Hilfe des Kapuzinerpaters Paul Stygers, die Landsgemeindeordnung zu restaurieren. Aber schon im August setzte die Rückeroberung durch die Franzosen ein, an der schliesslich auch die Gotthardüberquerung des russ. Generals Alexander Suworows nichts mehr zu ändern vermochte (Koalitionskriege). Einquartierungen von Soldaten, Requisitionen von Vieh und Viehfutter, Plünderungen, zu leistende Fahr- und Transportdienste, Schäden durch Kriegshandlungen sowie Katastrophen (z.B. 1799 Brand von Altdorf) brachten U. und Ursern eine Hungersnot. Obwohl die von Regierungskommissär Heinrich Zschokke organisierten Hilfsmassnahmen (Spendensammlungen in der Eidgenossenschaft, Aufnahme von Kindern in den Kt. Luzern, Solothurn und Bern) erfolgreich waren, sollte die Beseitigung der Kriegsschäden noch viele Jahre in Anspruch nehmen. Die Überwindung der durch den Umsturz entstandenen Armut gelang erst im Verlauf des 19. Jh.

Durch den Staatsstreich von Ende Okt. 1801 an die Macht gelangt, hoben die Föderalisten Anfang Nov. den Kt. Waldstätten auf und stellten die Innerschweizer Kantone wieder her; Regierungsstatthalter für U. wurde Josef Anton von Beroldingen, der - allerdings vergeblich - sofort seine Hände wieder nach der Leventina ausstreckte. Noch vor Beendigung der Vorarbeiten für eine neue Kantonsverfassung gewannen die Unitarier in der Helvet. Republik die Macht mit dem vierten Staatsstreich am 17.4.1802 zurück. Anfang Juni verwarf das alte Land U. die neu überarbeitete helvet. Verfassung, während Ursern derselben ebenso deutlich zustimmte. Nach dem Abzug der franz. Truppen aus der Schweiz beteiligte sich U. im Sommer und Herbst 1802 zögerlich am Feldzug der Altgesinnten gegen die Zentralregierung (Stecklikrieg); am 30. Aug. löste der nach alter Form von den zehn Genosssamen gewählte provisor. Landrat die helvet. Behörden auf; Ursern wurde mit der Androhung von Waffengewalt am 21. September dazu gezwungen, diesen Schritt nachzuvollziehen.

Die Vermittlung Napoleons, den man für einen Freund der kleinen Länderorte hielt, wurde begrüsst. U. entsandte Emanuel Jauch als Vertreter an die Consulta in Paris. Bemühungen um eine Wiedergewinnung der Leventina blieben auch jetzt erfolglos. Am 27.4.1803 akzeptierte die Landsgemeinde die neue Ordnung und besetzte die Ämter mit Altgesinnten. Die neue Kantonsverfassung erhöhte das Wahl- und Stimmrechtsalter vom 14. auf das 20. Lebensjahr. Die Landsgemeinde durfte nur über die Ablehnung oder die Annahme von Gesetzesentwürfen entscheiden, die ihr der Landrat unterbreitete. Auch andere Gegenstände durften nur beraten werden, sofern sie dem Landrat wenigstens einen Monat zuvor vorgelegt worden waren. Die Bundesakte verankerte die Rechtsgleichheit sowie die Niederlassungs-, Gewerbe- und Handelsfreiheit. U. unterliess es aber, einen neuzeitl. Behördenapparat mit Gewaltentrennung zu schaffen; vielmehr bestätigte die Landsgemeinde 1803 die alte "Satz und Ordnung" sowie die "alte, gute Gewohnheit". Die vorrevolutionären Behörden- und Verwaltungsstrukturen lebten wieder auf. Allerdings musste das Landrecht von 1410 mit Ursern aufgehoben und das Hochtal als gleichberechtigte elfte Genosssame ins Land aufgenommen werden. Das Gerichtswesen erhielt eine Neuorganisation mit unteren Instanzen in U. und Ursern und einem kant. Appellationsgericht. Für die Belange des Kirchen-, Schul- und Sozialwesens bildete U. 1804 den Diözesanrat sowie die Zentralschulkommission und 1812 die Zentralarmenpflege. Die Gem. wurden vom helvet. Dualismus befreit und verpflichtet, Dorfgerichte einzuführen.

Autorin/Autor: Hans Stadler

4.1.2 - Restauration und Regeneration

Nach dem Einmarsch der Alliierten in die Schweiz setzte U. am 29.12.1813 die Mediationsverfassung ausser Kraft. Im Gegensatz zu den Nachbarständen Schwyz und Nidwalden, die den alten Bund von 1315 wieder aufleben lassen wollten, zählte es zu der von Zürich angeführten Gruppe, die eine Neuordnung auf der Grundlage der 19 von der Mediation geschaffenen Kantone anstrebte. Die Wiederangliederung der Leventina, um die sich U. bemühte, misslang erneut. Dafür erhielt U. Anspruch auf die Hälfte des Zollertrags vom Monte Piottino in der Leventina. Am 5.5.1815 genehmigte die Landsgemeinde den Bundesvertrag. Anschliessend vermittelte U. zwischen der Tagsatzung und Nidwalden, das dem Vertragswerk die Anerkennung verweigerte.

Die 1814 vom Hl. Stuhl verfügte Trennung der Schweizer Quart vom Bistum Konstanz hiess U. gut, ebenso die Errichtung eines Nationalbistums mit dem kath. Vorort Luzern als Bischofssitz. Der Bistumsplan scheiterte allerdings, worauf U. dem Beromünster Propst Franz Bernhard Göldlin von Tiefenau als apostol. Vikar unterstellt wurde. Seit 1819 ist U. (ohne Ursern) Administrationsgebiet des Bf. von Chur.

Erst 1820, nach mehrjährigem Drängen der Tagsatzung, legte U. seine Verfassung im Eidg. Archiv nieder. Das Dokument umfasste nur sechs Grundsätze, die auf hergebrachter Übung und bestehenden Landesgesetzen beruhten. Im Innern jedoch blühte die Rechtskultur auf. Sie schlug sich in der Neuredaktion des Landbuchs nieder, das 1823 im Druck zu erscheinen begann und bis 1864 sechs Bände füllte.

Die Regeneration fand in U. keinen nachhaltigen Widerhall; die freie und vielfältige öffentl. Meinungsbildung als Voraussetzung hierfür war - auch wegen der 1813 institutionalisierten Zensur - wenig fortgeschritten. Missmut über die Landesverwaltung sammelte sich zwar 1834 in einem Siebengeschlechtsbegehren, in dem liberale Verfassungselemente wie die Öffentlichkeit der Ratsverhandlungen, die Abschaffung der Lebenslänglichkeit der Ratsherrenmandate sowie die Aufhebung des Geheimen Rats gefordert wurden; die Landsgemeinde lehnte das Begehren aber ebenso ab wie ein Jahr zuvor die Pläne zur Bundesreform. Die ab 1838 erscheinende erste Lokalzeitung, das "Wochenblatt von Uri", musste 1848 wieder eingestellt werden.

Nach den liberal-radikalen Freischarenzügen gegen Luzern rüstete U. ab 1845 militärisch auf. Es zählte zu den Mitgründern des Sonderbunds, in dessen Kriegsrat es ein Regierungsmitglied delegierte. Im Sonderbundskrieg beteiligten sich Urner Kontingente sowohl an den Kampfhandlungen längs der Verteidigungslinie Reuss-Emme wie auch an dem Vorstoss über den Gotthard ins Tessin. Nach der Niederlage der Sonderbundstruppen in Gisikon am 23.11.1847 zog U. einen Tag später seinen Vertreter aus dem Kriegsrat zurück und kapitulierte am 28.11.1847. Wiederum zwei Tage später rückten eidg. Truppen in U. ein.

Autorin/Autor: Hans Stadler

4.1.3 - Uri im Bundesstaat

U. beschloss Ende 1847 unter dem Druck der eidg. Besatzungstruppen einige grundsätzl. Neuerungen im liberalen Sinn, u.a. die Abschaffung der Lebenslänglichkeit der Ratsherrenmandate, des geheimen Rats und der geheimen Prozesse, ferner die Einsetzung eines provisor. Regierungsrats als Exekutive. Die Mai-Landsgemeinde 1848 besetzte die Regierung neu; sie wählte durchwegs Konservative. Die am 6.5.1849 eingesetzte Gesetzesrevisionskommission erarbeitete erstmals eine systematisch kodifizierte Kantonsverfassung, die 1850 von der Landsgemeinde angenommen wurde und 1851 in Kraft trat. Die Bundesverfassung lehnte U. an der Extralandsgemeinde vom 27.8.1848 grossmehrheitlich ab; sein auf der Tagsatzung vorgebrachtes Argument, dass ein Inkrafttreten der neuen Verfassung die Einstimmigkeit der Tagsatzungsgesandten bedinge, drang aber nicht mehr durch.

Die Landsgemeinde blieb die oberste souveräne Gewalt. Der Landrat, zu dem nebst den vorsitzenden Regierungsräten und dem Kantonsgerichtspräsidenten die von den Gem. gewählten Mitglieder (pro 300 Einwohner ein Mandat) zählten, und der elfköpfige Regierungsrat bildeten die Legislative und Exekutive. In kirchl. und schul. Angelegenheiten behielten neben der Regierung der Diözesan- und der Erziehungsrat Kompetenzen. Die Vorberatung der Geschäfte erfolgte in einer Vielzahl von Verwaltungskommissionen. Das Alte Land U. und Ursern gehörten als Bezirke immer noch zum Staatsorganismus und nahmen allmendgenossenschaftl. wie staatl. Aufgaben wahr. Die Gerichtsorganisation wurde durch die Einführung des ratsunabhängigen Kriminalgerichts wesentlich verändert. Der bisherige Malefizlandrat blieb zwar bis 1880 bestehen, jedoch nur als Begnadigungsinstanz. Die kath. Kirche genoss weiterhin Vorrechte; die Kultusfreiheit galt nun aber auch für andere Bekenntnisse. Neben indirekten waren auch direkte Steuern vorgesehen. Auf Gemeindeebene amtierte nebst dem Gemeinderat für die Belange der Einwohner und Bürger neu ein Kirchenrat für kirchl. Angelegenheiten. Der Staatsaufbau blieb insgesamt schwerfällig, der Geschäftsgang wegen der zahlreichen Kommissionen umständlich und die Gewaltentrennung mangelhaft.

Die neue Bundesverfassung von 1874, welche die Stimmbürger von U. abgelehnt hatten, die ab 1882 verkehrende Gotthardbahn und die gestiegenen Ansprüche an den Staat führten 1888 zur Totalrevision der Kantonsverfassung, deren Vater Gustav Muheim war. Landsgemeinde, Land- und Regierungsrat bildeten weiterhin den Kern der Behördenstruktur; allerdings gehörten die Regierungsräte jetzt nicht mehr dem Landrat an. Das Antragsrecht des Einzelnen ersetzte das alte Antragsrecht von sieben Geschlechtern, doch waren für Verfassungsinitiativen 50, für Verordnungsreferenden 20 und die Einberufung einer Extralandsgemeinde 150 Unterschriften beizubringen. Die Bez. U. und Ursern wurden aus dem Staatsverband ausgeschieden und erhielten den Status öffentl.-recht. Allmendkorporationen. Ihre bisherigen staatl. Aufgaben gingen an die Gem. über, die gestärkt wurden. In Ursern allerdings versahen die Behörden der Korporation weiterhin das Armenwesen, erst 1974 verteilte die Korporation das Armengut auf die drei Einwohnergemeinden. In den Korporationen U. und Ursern erhielten sich die Formen der Landsgemeindeverfassung bis ins 21. Jh. Das 1888 eingeführte Direktorialsystem auf Regierungsebene ermöglichte eine Straffung der staatl. Tätigkeit. Die Gerichtsverfassung mit Kriminal- und Obergericht auf kant. Ebene und den Landgerichten U. und Ursern setzte Bestehendes fort.

Die Verfassung von 1888 erwies sich in ihrer Grundstruktur als dauerhaft. Das Staatsrecht erlebte eine fruchtbare Fortentwicklung, die sich im neuen Landbuch niederschlug, das 1892-1962 in 13 chronologisch geordneten Bänden erschien. 1976 löste das systematisch aufgebaute und in Ordnerform angelegte "Urner Rechtsbuch" schliesslich das Landbuch ab.

Ab Ende des 19. Jh. entwickelten sich Parteien. 1876 gründete Gustav Muheim das "Urner Wochenblatt", um das herum sich die konservativen Kräfte bündelten. 1899 riefen diese die Konservative Volkspartei ins Leben. 1893 schuf Martin Gamma die freisinnige "Gotthard-Post", deren Anhänger 1896 sich zum Fortschrittl.-demokrat. Gemeindeverein Altdorf, der Keimzelle der Freisinnigen Partei U.s, zusammenschlossen. 1907 formierte sich im Industriearbeiter- und Eisenbahnermilieu von Altdorf und Erstfeld die Sozialdemokrat. Partei U.s. Auch die ab der Jahrhundertwende tätige Christlichsoziale Bewegung vertrat die Interessen der Arbeiterschaft. 1973 entstand die Zeitung "Alternative", deren rot-grüne Trägerschaft 1983 sich als Krit. Forum U. parteimässig konstituierte. Nach seiner Auflösung 1993 bildete 1994 ein Teil seiner Mitglieder die Grüne Bewegung U. 1998 schliesslich erfolgte die Gründung der Schweiz. Volkspartei. Die Urner Vertretung in den eidg. Räten (zwei Ständeräte, ein Nationalrat) wurde bis 1914 immer von den Konservativen gestellt. 1914 ging das Nationalratsmandat an die FDP über. 2010 eroberte Regierungsrat Markus Stadler einen Ständeratssitz und schloss sich der Grünliberalen Partei an.

Wahlen in die Bundesversammlung 1919-2011 (ausgewählte Jahre)
 1919193919591967197119791983199119951999200320072011
Ständerat
CVP2222222222221
Grünliberale            1
Nationalrat
FDP1111111111111

Quellen:HistStat; BFS

Zusammensetzung des Regierungsrats 1980-2012 (ausgewählte Jahre)
 1980198419881992199620002004200820102012
CVP   4444443333
FDP   2222222222
SP   11111 1111
SVP           11
Parteilos        111  
Total Sitze   7777777777

Landratswahlen 1968-2012 (ausgewählte Jahre)
 196819721976198019841988199219962000200420082012
CVP 414341404141363729292422
FDP 161618191717171921151115
SP 455566789879
Grüne         1232
SVP         491814
Andere       4  112
Total Sitze 616464646464646464646464

Quellen:HistStat; BFS; Standeskanzlei

1888-1984 wurden in 24 Abstimmungen insgesamt 105 Änderungen der kant. Verfassung beschlossen. So entschied sich die Landsgemeinde 1915 anlässlich einer Krise der Ersparniskasse für die Verankerung eines Volksrechts auf Abberufung der Regierung. 1924 wurde das Kriminalgericht aufgehoben und die Landgerichte U. und Ursern als erstinstanzl. Strafbehörden eingesetzt. 1928 stimmte der Souverän der Abschaffung der Landsgemeinde zu; Motive dafür waren einerseits die öffentl. Stimmabgabe, die Lohnabhängigen Nachteile bringen konnte, und andererseits der lange Weg der Ursner nach Altdorf. Das Prinzip der direkten Demokratie bedingte zugleich die Einführung der Volksinitiative - notwendig dazu waren 150 Unterschriften - zur Verfassungs- oder Gesetzesänderung oder zur Abberufung einer Behörde, eines obligator. Gesetzes- und Finanzreferendums sowie eines fakultativen Referendums gegenüber landrätl. Verordnungen. 1968 unterstellten die Stimmbürger den Erziehungs- dem Regierungsrat und bejahten die Einrichtung der Erziehungsdirektion. 1972 wurde das Frauenstimm- und -wahlrecht eingeführt. Auf Gemeindeebene erfolgte sukzessive überall die Aufteilung der Einheitsgemeinde in eine Einwohner-, eine Kirch- und eine Korporationsbürgergemeinde.

Ab 1966 wurde die Forderung nach einer weiteren Totalrevision des Grundgesetzes laut. Ein Verfassungsrat, der aus Land- und Regierungsrat bestand, erarbeitete 1981-84 eine neue Verfassung, die das Volk 1984 guthiess. Die neue Verfassung zeichnete sich durch die Streichung von Überholtem, eine verbesserte Systematik und eine sprachl. Modernisierung aus. Zwecke und Aufgaben des Staats wurden offen formuliert. Die versch. Gemeindeformen wurden klarer definiert und ihre Zuständigkeiten, u.a. im Einbürgerungs- und Sozialwesen, neu umschrieben.

Die Verfassung von 1984 erfuhr seither mehrere Änderungen. 1989 wurden das Stimmrechtsalter 18 und der Proporz für die Wahl des Landrats eingeführt. 1992 war eine Reorganisation der Gerichtsorganisation (zivil- und strafrechtl. Abteilungen der Landgerichte, Ausbau der Verwaltungsgerichtsbarkeit des Obergerichtes) mehrheitsfähig. 1993 wurden die Grenzen für das obligator. Finanzreferendum bei einmaligen Ausgaben auf 1 Mio. Fr. und bei wiederkehrenden Ausgaben auf 100'000 Fr. und diejenigen für das fakultative Finanzreferendum bei einmaligen Ausgaben auf 500'000 Fr. und bei wiederkehrenden Ausgaben auf 50'000 Fr. neu festgesetzt. 1997 erfolgte die Erhöhung der seit 1984 geltenden Unterschriftenzahlen für die Volksinitiative von 300 auf 600 und für das Referendum von 300 auf 450. 2001 wurde die Bestandesgarantie der Kantonalbank abgeschafft.

Autorin/Autor: Hans Stadler

4.2 - Staatliche Tätigkeit und Staatsverwaltung seit 1798

4.2.1 - Verwaltungsstrukturen im Allgemeinen

Nach der Helvetik bestand noch keine klare Aufgabenteilung zwischen Kanton und den beiden Distrikten bzw. Bezirken. Bis 1850 war der Wochen- oder Bodenrat die wichtigste vollziehende Behörde. Die Zentralschulkommission sowie die Zentralarmenpflege nahmen ebenfalls Exekutivaufgaben wahr. Kant. Vollzugsgremien mit besonderen Zuständigkeiten waren der geheime oder Verwaltungs-Rat (Verwaltung des Staatsguts, Salzregie) und der Kriegsrat. Daneben existierten rund ein Dutzend Kommissionen, denen für ihre Aufgabenbereiche Beamte und Amtsdiener zur Verfügung standen (Kanzleibeamte, Polizeidiener, Post-, Zoll- und Sustbeamte sowie ein Schiffsmeister). Für Verhör und Strafverfolgung wurden 1842 das Verhöramt und 1850 die Staatsanwaltschaft geschaffen. Die Kantonsverfassung von 1850 legte neben den Kantons- und Bezirksbehörden auch die Gemeindebehörden genau fest. Die oberste vollziehende Gewalt hatte der Regierungsrat. Die Erledigung und Vorberatung der Geschäfte oblagen sechs untergeordneten Verwaltungskommissionen (Standes-, Militär-, Finanz-, Polizei-, Baukommission sowie Kommission des Innern), die aus drei bis sechs Regierungs- und Landräten bestanden. Durch die eidg. Handels- und Gewerbefreiheit, das eidg. Postregal und die Aufhebung der Zölle wurden viele Kommissionen und Beamte überflüssig. Andererseits verlangten Bundesgesetze neue Ämter (Kreiskommando mit den Sektionschefs, die Zivilstandsämter, Kantonsforstamt). 1886 erfolgte die Aufteilung der Kantonskanzlei in eine Standes-, Hypothekar- und Gerichtskanzlei, 1906 die Anstellung eines Staatsarchivars. Mit dem Ausscheiden der Bezirke aus dem Staatsverband 1888 wuchsen die Aufgaben der Exekutive. Die Geschäfte, die der jetzt siebenköpfige Regierungsrat nicht direkt erledigte, wurden nach dem Direktorialsystem unter die Mitglieder verteilt und die untergeordneten Verwaltungskommissionen aufgehoben. Als beigeordnete Verwaltungsbehörde blieb nur mehr der Erziehungsrat bis 1968 bestehen (ab dann Aufsichtskommission über das gesamte Schul- und Erziehungswesen).

Die eigentl. Staatsverwaltung war ab 1888 einfach und klar strukturiert. Die meisten Geschäfte wurden von den Direktionsvorstehern erledigt oder zuhanden des Regierungsrats bearbeitet. Jeder Direktion war ein Landschreiber aus der Standeskanzlei zugeteilt. Die elf Direktionen wiesen eine unterschiedl. Entwicklung und Geschäftslast auf. Als Stabsstellen entstanden 1960 der Rechtsdienst und die ersten Direktionssekretariate. 1983 legte ein Organisationsreglement die Sach- und Finanzkompetenzen fest. Neben dem Landammannamt bestanden zehn Direktionen, die mit der Verwaltungsreform 1996 bzw. 2000 auf sieben reduziert wurden, so dass fortan jedem Regierungsrat eine Direktion zugeteilt war. Aufgaben, v.a. im Bereich der Planung und Projektierung, wurden vom Kanton mitunter an Institutionen wie das Didakt. Zentrum oder die Lisag, die für Geoinformation und Vermessung zuständig ist, delegiert oder privaten Einrichtungen wie der Kantonsbibliothek oder dem Hist. Museum U. überantwortet. 1971 führte die Verwaltung das erste elektron. Datenverarbeitungssystem ein (Steuerverwaltung, Motorfahrzeugkontrolle, Ausgleichskasse). Das neue Personalrecht ersetzte 2001 den Beamtenstatus durch ein öffentl.-rechtl. Anstellungsverhältnis. Das Öffentlichkeitsprinzip wurde 2008 in der Verwaltung eingeführt. 2009 waren in der kant. Verwaltung 485 Personen beschäftigt (380 Vollzeit-, 105 Teilzeitstellen).

Autorin/Autor: Rolf Gisler

4.2.2 - Aufgabenschwerpunkte

Im Bergkanton, der seit jeher mit Naturgefahren und Problemen des internat. Transitverkehrs konfrontiert ist, kamen dem Bau-, dem Verkehrs- und dem Polizeiwesen grosse Bedeutung zu. Vorerst teilten sich Kanton und Bezirke die Aufgaben. 1836 wurde das gesamte Bauwesen, das bis dahin zum Kompetenzbereich des Landessäckelmeisters gehört hatte, dem neu geschaffenen Amt des Bauherrn zugewiesen. Nach Inbetriebnahme der Axenstrasse sowie der neuen Passstrassen über die Furka und den Oberalp wurde 1866 der Bauinspektor als vollamtl. Beamter angestellt. Rund 40 Strassenakkordanten und Wegknechte sorgten für den Unterhalt des kant. Strassennetzes. Bei aussergewöhnl. Ereignissen wie der Hochwasserkatastrophe von 1910 stellten die Behörden zusätzl. Personal an. 1917 wurde die Stelle des Motorlastwagenführers und 1921 die des kant. Strassenaufsehers eingerichtet. Der durch den zunehmenden Automobilverkehr nötige Ausbau der Axen- sowie der Passstrassen führte zu einer weiteren Zunahme von Aufgaben und Personal. In Zusammenhang mit dem vom Bund zu 97% finanzierten Bau der Nationalstrassen wurde ab 1961 eine eigene Abteilung unter Oberaufsicht von Baudirektion und Kantonsingenieur geschaffen, die 1977 34 Personen zählte. Die Eröffnung der Gotthardautobahn A2 1980 hatte einerseits einen Stellenabbau zur Folge, andererseits boten die dazugehörenden Werkhöfe in Göschenen und Flüelen neue Arbeitsplätze. Mit der Umsetzung der Neugestaltung des Finanzausgleichs und der Aufgabenteilung (NFA) wurden Bau und Betrieb der Nationalstrasse ab 2008 zur Bundessache (Leistungsvereinbarung mit U.).

Für den Bereich Wuhren und Wasserbau waren die Bezirke und Wuhrgenossenschaften zuständig. Die Kantonsverfassung von 1888 erklärte Flüsse und Seen zum Staatsgut. In der Wuhrpflicht trat der Kanton neben die bestehenden Genossenschaften. Wichtige Verbauungen wie 1910-13 am Schächen entstanden. Die Unwetterkatastrophe von 1977 führte zur Erarbeitung des Wasserbaugesetzes von 1980 und eines zeitgemässen Hochwasserschutzprogramms. Damit ging die Ablösung der bisherigen Träger der Wuhrpflicht durch Kanton und Gem. einher. Die Hochwasser von 1987 und 2005 zwangen den Kanton zur Errichtung weiterer grosser Schutzanlagen.

Die Einführung einer selbstständigen Landespolizei stand im Zusammenhang mit der zunehmenden Landstreicherei. Nebst dem Ausbau der Alpen- und Passstrassen prägte der Gotthardbahnbau die Entwicklung des Polizeiwesens. Nach dem Streik in Göschenen von 1875, der von der Urner Polizeimannschaft und der Göschener Bürgerwehr mit Gewalt niedergeschlagen wurde, forderte der Bundesrat eine angemessene Organisation der Polizei. Während des Baus des zweiten Bahngeleises (1887-96), der Anlage der Klausenstrasse (1893-99) sowie der Errichtung der Gotthardbefestigungen (ab 1890) überstieg das wegen der Angst vor Streiks aufgestockte Polizeikorps zeitweise den reglementar. Maximalbestand von zwölf Mann. Nach der Eröffnung der Nationalstrasse 1980 umfasste die Polizei um die 80 Mann (1981 54 Polizeibeamte, 8 Auszubildende, 19 Zivilbeamte). 2009 nahm das grösste Schwerverkehrszentrum der Schweiz in Erstfeld den Betrieb auf.

Der Kanton förderte die Viehzucht durch eine alljährl. Prämierung und war für Schutzmassnahmen gegen Seuchen besorgt. Im 20. Jh. versuchte er, dem Rückgang der Landwirtschaft durch Ausbildung (ab 1938 Land- und Alpwirtschaftl. Winterschule), Bodenverbesserungen und Betriebsberatungen entgegenzuwirken.

Der Kanton stand auf einer schwachen finanziellen Grundlage; Zölle, Sustgebühren, Ohmgeld und der Pachtzins für das Postregal bildeten bis 1850 seine Haupteinnahmen. Grössere Ausgaben, etwa für den Hochbau, wurden durch die Aufnahme von Hintersässen ins Urner Landrecht finanziert. Die Steigerung der Einnahmen beschränkte sich vorerst v.a. auf den Sektor der indirekten Steuern und der Gebühren. Für den Ausfall der Zölle erhielt der Kanton 1850 eine feste eidg. Entschädigung. Die Konsumgebühr (Ohmgeld) durfte beibehalten werden und entwickelte sich zu einer bedeutenden Einnahmequelle. 1875 wurde eine direkte Staatssteuer auf Vermögen und Einkommen eingeführt. Einträglich waren sodann die Wasserkonzessionen. Der Zusammenbruch der Ersparniskasse U. 1915 erschütterte wegen deren verfassungsmässig verankerten Staatsgarantie die Finanzen des Kantons in nie gekanntem Masse. Die Durchgangsgebühren für Motorfahrzeuge wurden in den 1920er Jahren dank des wachsenden Reiseverkehrs zum guten Geschäft. Die Ablösung derselben 1929 entschädigte der Bund mit der Verdopplung seines Anteils am Unterhalt der Alpenstrassen sowie mit dem Benzinzollanteil. Mit seinen grossen Verkehrsanlagen war U. fortan auf die finanzielle Unterstützung des Bundes angewiesen; der Anteil der Bundesgelder am Gesamtertrag des Kantons lag 1984 bei knapp 47% und 2010 bei gut 39%. Als finanzschwacher Kanton profitierte U. von der Einführung der NFA 2008. Den neuen finanziellen Spielraum nützte der Kanton zur Einführung der Besteuerung von natürl. Personen nach einem linearen Tarif (Flat-Rate-Tax, seit 2009 in Kraft).

Eine Reihe von Aufgaben erfüllte U. in Zusammenarbeit mit den Nachbarkantonen. Konkordate regelten die Anlage der Fahrstrasse über den Gotthard (1827), den Abfluss des Vierwaldstättersees (1849), die Fischerei (1891) und die Schifffahrt (1898) auf dem See, den Strafvollzug in der Luzerner Anstalt Sedel (1892), die Zusammenarbeit bei der Lebensmittelpolizei im Urschweizer Labor in Brunnen (1909) und die polizeil. Zusammenarbeit in der Zentralschweiz (1995). Auch diversen sozialen oder schul. Einrichtungen wie dem Zentralschweizer Technikum (1957), dem Lehrerseminar Rickenbach (1958), der Regionalstelle für die Eingliederung Invalider ins Erwerbsleben (1959), der Höheren Wirtschafts- und Verwaltungsschule in Luzern (1980), der Psychiatr. Klinik in Oberwil bei Zug, der Reallehrerausbildung in Luzern (1983), der Zentralschweizer Fachhochschule (1999), der Pädagog. Hochschule Zentralschweiz (2001) und der Interkant. Polizeischule Hitzkirch (2004) lagen Konkordate zugrunde, wobei U. solche Verträge v.a. mit den Innerschweizer Kantonen abschloss, aber nur ausnahmsweise mit den anderen Nachbarkantonen Glarus, Graubünden, Tessin und Wallis.

Autorin/Autor: Rolf Gisler

5 - Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur im 19. und 20. Jahrhundert

5.1 - Bevölkerung und Siedlung seit 1798

Die steigende Lebenserwartung schlug sich bis 1850 in einem durchschnittlichen jährl. Bevölkerungswachstum von 0,4% nieder. 1850 zählte der Kanton 14'505 Einwohner. Die Bevölkerungsdichte stieg in der 1. Hälfte des 19. Jh. von 21 auf 26 Personen pro produktivem Quadratkilometer. Altdorf erlitt bis 1811 erhöhte Verluste, Erstfeld wuchs in dieser Zeit um 10%. 1811-50 lag der jährl. Bevölkerungszuwachs im Hauptort v.a. wegen der Binnenwanderung mit 0,77% über dem Bezirksschnitt von 0,66%. Ähnlich verhielt es sich mit den anderen Gem. im Talboden (Schattdorf, Attinghausen, Seedorf und Flüelen). Der Bevölkerungsanstieg ging mit einer Verarmung weiter Bevölkerungsteile einher, weil sich das Beschäftigungsangebot nicht erhöhte.

1850-88 lag das durchschnittl. Bevölkerungswachstum bei 0,56%. Wegen der Grossbaustellen (v.a. Gotthardbahntunnel 1872-82) schwankte die Einwohnerzahl zwischen 1860 und 1888 aber erheblich: 1870 zählte der Kanton 16'095, zwei Jahre vor der Eröffnung des Gotthardtunnels 23'744 und 1888 dann wieder nur 17'249 Einwohner. 1880 lebten in U. 6'318 ausländ. Arbeitskräfte, die v.a. aus Italien, zu geringeren Teilen aus Österreich-Ungarn, Deutschland und Frankreich stammten. Der Ausländeranteil in Göschenen lag über 80%. 1880 wies Göschenen mit 2'992 Personen mehr Einwohner als Altdorf auf. 1888 lebten dann in Göschenen nur noch 703 Personen. Die kurzzeitig starke Bevölkerungszunahme bei schwachem Industrialisierungsgrad und unveränderter Ernährungsgrundlage veranlasste viele Einheimische zur Auswanderung nach Übersee oder in industrialisierte Kantone, beispielsweise nach Zürich, Glarus oder St. Gallen. Dies verschärfte die rückläufige Bevölkerungsentwicklung nach dem Wegzug der Fremdarbeiter. Andererseits schuf die Bahn neue Erwerbsmöglichkeiten, was den Zuzug qualifizierter, meist ref. Arbeitskräfte zur Folge hatte; 1880-1900 verdoppelte sich die Bevölkerungszahl im Eisenbahnerdorf Erstfeld auf 2'416 Einwohner.

1888-1910 lag das Bevölkerungswachstum in U. nur wenig unter dem gesamtschweiz. Mittel von 1,2%. Die Reussebene erlebte wegen der Niederlassung von Grossbetrieben mit 2% ein doppelt so hohes Bevölkerungswachstum wie das obere Reusstal mit 1,1%. Ernährten sich 1888 erst 17,5% der Einwohner von Handwerk und Industrie, waren es 1910 bereits 30,1%. Die Industrialisierung verhalf v.a. den grösseren Gem. im Reusstal zu mehr Wachstum; Altdorf, Erstfeld und Flüelen wiesen Wachstumsraten von bis zu 2,71% im Jahr auf, während Seelisberg, Unterschächen und Hospental Einwohnereinbussen verzeichneten. Andermatt wuchs wegen des Fremdenverkehrs und des Ausbaus der Gotthardfestung relativ stark, ebenso Gurtnellen. Die Bevölkerungsdichte nahm im Bez. U. bis 1910 auf 44,2 Einwohner pro km2 zu. In Altdorf und Flüelen lag sie 1910 bei über 100 Personen pro km2.

1910-41 stieg die Bevölkerungszahl in allen Gem. ausser in Wassen und Spiringen an. 1941 zählte der Kanton 27'302 Einwohner. Bis 1970 wuchsen v.a. die Gem. Seedorf, Schattdorf, Erstfeld und Attinghausen. In Ursern und im oberen Reusstal nahm die Bevölkerung 1970-80 um 7,4% bzw. 14,5% ab, wobei der Wegzug ausländ. Arbeitskräfte nach Fertigstellung der A2 ca. einen Drittel des Bevölkerungsrückgangs ausmachte. In den letzten 30 Jahren des 20. Jh. verlangsamte sich das Bevölkerungswachstum auf knapp 0,1%. 2010 lebten 35'500 Personen in U.

Die Zunahme der Einwohnerzahl schlug sich in der Siedlungsstruktur nieder. Kleine Weiler stiegen zu Ganzjahressiedlungen (Urnerboden) und selbstbewussten Dorfschaften (Meien) auf. Göschenen wurde 1875 selbstständige Gemeinde.

Bevölkerungsentwicklung 1850-2000
JahrEinwohnerAusländer-anteilAnteil KatholikenAnteil ProtestantenAlters-struktur (Anteil >59)ZeitraumGesamt-zunahmeaGeburten-überschussaWanderungs-saldoa
185014 5050,3%99,9%0,1% 1850-18601,5o/oo20,7o/oo-19.2o/oo
186014 7410,6%99,8%0,2%7,9%1860-18708,9o/oo19,2o/oo-10.3o/oo
187016 0950,7%99,5%0,5%8,6%1870-188039,4o/oo7,2o/oo32.2o/oo
188023 74426,6%97,5%2,2%6,4%1880-1888-39,2o/oo7,4o/oo-46.6o/oo
188817 2493,1%97,8%2,1%9,7%1888-190011,1o/oo11,3o/oo-0.2o/oo
190019 7007,3%96,1%3,9%9,8%1900-191011,6o/oo15,2o/oo-3.6o/oo
191022 1137,0%94,2%5,7%8,3%1910-19208,1o/oo11,0o/oo-2.9o/oo
192023 9736,7%91,9%7,7%7,2%1920-1930-4,3o/oo13,2o/oo-17.5o/oo
193022 9684,5%94,1%5,4%8,5%1930-194115,8o/oo10,9o/oo4.9o/oo
194127 3022,7%91,4%8,3%9,5%1941-19505,0o/oo16,0o/oo-11,0o/oo
195028 5562,8%92,6%7,3%10,3%1950-196011,5o/oo15,1o/oo-3.6o/oo
196032 0215,4%92,6%7,3%11,5%1960-19706,3o/oo13,9o/oo-7.6o/oo
197034 0917,9%93,1%6,6%14,3%1970-1980-0,6o/oo8,2o/oo-8.8o/oo
198033 8836,5%91,0%6,3%17,2%1980-19901,0o/oo5,4o/oo-4.4o/oo
199034 2087,6%89,1%6,4%19,8%1990-20000,7o/oo3,5o/oo-2.8o/oo
200034 7778,8%85,8%6,0%20,9%    

a mittlere jährliche Zuwachsrate

Quellen:HistStat; eidg. Volkszählungen; BFS

Autorin/Autor: Pascal Stadler

5.2 - Wirtschaft

Der Rückgang des Solddienstwesens nach 1798 beeinflusste die Beschäftigungslage in U. in doppelter Hinsicht: Einerseits entfiel eine für weite Kreise wichtige Erwerbsquelle, andererseits reduzierte sich die Abwanderungsquote stark. Die vorherrschende Landwirtschaft vermochte die zahlreichen verfügbaren Arbeitskräfte nicht zu absorbieren, was viele Fam. in der 1. Hälfte des 19. Jh. in Not brachte. Klimatisch bedingte Ernteeinbussen verschärften die Situation. Charakteristisch für die Urner Landwirtschaft war und ist ihre ausgesprochen einseitige Ausrichtung auf die Viehwirtschaft, die bis heute meist im Stufenbetrieb auf zwei bis drei Weidestufen betrieben wird. Das Alpland befindet sich beinahe vollständig im Eigentum der beiden Korporationen U. und Ursern.

Im 19. Jh. blühte der Verkauf von Vieh und Milchprodukten nach Oberitalien, der jedoch nur einem Teil der Bevölkerung ein ausreichendes Einkommen bescherte. Gewerbe war kaum vorhanden. Im Bereich der Heimarbeit erreichten die Seidenkämmelei (Verlagsort Gersau) und die Baumwollspinnerei (Zürich) eine gewisse Bedeutung. Eine nennenswerte Anzahl von Arbeitsplätzen bot damals einzig die Ziegelhütte in Flüelen. Als Reaktion auf die schlechte Beschäftigungssituation und auf Strassenbauprojekte auf konkurrierenden Passrouten trieb U. ab 1820 die Anlage einer Fahrstrasse über den Gotthard voran. Parallel dazu etablierten sich versch. Speditions- und Transportunternehmen im Gotthardverkehr. 1850-63 schaffte die Korrektion der Reuss im Urner Talboden zusätzl. Beschäftigung. Insgesamt entwickelte sich das Gewerbe aber auch in der 2. Jahrhunderthälfte nur langsam. Ab 1851 errichtete der Ingenieur Karl Emanuel Müller in Isleten (Gem. Bauen) eine Papierfabrik. 1873 übernahm die Dynamit Nobel das Gelände und begann mit der Sprengstofffabrikation im Hinblick auf den Bau der Gotthardbahn. Noch 1883 beschäftigten die vier im Kanton angesiedelten Fabriken zusammen weniger als 100 Personen. Der Bau der Gotthardbahn 1872-82 sowie deren Betrieb schufen viele Stellen, was zu einer beachtl. Zuwanderung zuerst von Mineuren aus Italien und später von Eisenbahnern aus dem Inland führte. Die Gotthardbahn bewirkte Ende 19. Jh. einen raschen wirtschaftl. Wandel in den Bereichen Tourismus, Industrie und Militär (ab ca. 1886 Investitionen in den Bau der Gotthardbefestigung). Die Aufbruchstimmung erfasste auch die Urner Gewerbetreibenden, welche sich 1886 im - vorerst noch wenig erfolgreichen - Handwerker- und Gewerbeverein zusammenschlossen. Noch um die Jahrhundertwende waren die Gotthardbahn mit 626 und die Granitsteinbrüche Gurtnellen, Wassen und Göschenen mit 900 Beschäftigten die grössten Arbeitgeber im Kanton.

Ab ca. 1900 siedelten sich mehrere Industriebetriebe an, die z.T. das wirtschaftl. Gesicht des Kantons auch zu Beginn des 21. Jh. noch prägen, so 1896 die Eidg. Munitionsfabrik in Altdorf (Rüstungsbetriebe), damals noch als Eidg. Laborierwerkstätte, 1901 die Elektrochem. Fabrik in Gurtnellen und 1909 die Imperial Kunstholzfabrik in Flüelen sowie die Schweiz. Draht- und Gummiwerke (heute Dätwyler Holding AG) in Altdorf. Deren Direktor Adolf Dätwyler war in der Weltkriegszeit die herausragende Unternehmerfigur im Kanton U. 1891 begann die Firma Arnold und Co. mit dem Abbau von Sand und Kies im Urnersee.

1895 wurde das Elektrizitätswerk Altdorf gegründet. Mit der Nutzung der Wasserkraft des Schächenbachs setzte die Elektrifizierung von Altdorf, Flüelen und Bürglen ein. In regelmässiger Folge, unterbrochen durch die beiden Weltkriege, wurden nun auf Kantonsgebiet Wasserkraftwerke gebaut; das SBB-Kraftwerk Amsteg ging z.B. 1922, das Kraftwerk Wassen 1948, das Grosskraftwerk Göscheneralp 1963 und das Kraftwerk Gurtnellen 2007 ans Netz. In Ursern betrieb die Korporation, welche die Wassernutzungsrechte behielt, eigene Kraftwerke. 1906-51 verkehrte zwischen Altdorf und Flüelen eine elektr. Strassenbahn. Die Einnahmen aus den Wasserzinsen sind für den Kantonshaushalt bis heute von grösster Bedeutung.

Unwetter führten im Kanton U. wiederholt zu schweren Schäden an Kulturland und Infrastruktur. Die Wiederinstandsetzungsarbeiten sowie präventive bauliche Massnahmen brachten jeweils grössere Aufträge für die lokale Bauwirtschaft, so z.B. die Verbauung des Schächenbachs nach dem Unwetter von 1910. Die auf Initiative der Gemeinnützigen Gesellschaft 1837 eingerichtete Ersparniskasse U. ging 1849 in staatl. Besitz über. Im Frühling 1914 geriet das Institut in eine schwere Krise, nachdem versch. Gläubiger wie die Schöllenenbahn und einige Gewerbebetriebe grosse Verluste geschrieben hatten. Nur mit Hilfe von Geldern des Kantons, der Eidgenossenschaft und der Nationalbank konnte die Kasse gerettet und 1915 in eine Kantonalbank umgewandelt werden.

Um 1850 begann mit der Eröffnung des Kurhauses Sonnenberg auf dem Seelisberg die Ära des Urner Tourismus; die neu gebaute, ab 1864/65 befahrbare Axenstrasse verbesserte die verkehrsmässige Anbindung des Kantons an das Mittelland wesentlich. Naturschönheiten und eine geschickte Vermarktung der Gedenkstätten der eidg. Befreiungstradition zogen viele Reisende an. Der Tourismus entwickelte sich zum bedeutenden Wirtschaftsfaktor (1900 145'000 Übernachtungen; 1925 223'100; 1945 181'981; 1962 279'878; 2000 248'528). In der Belle Epoque kam im Urserntal der Wintersport auf. Nach Einbrüchen während der Weltkriege löste der Bau von Seilbahnen und Skiliften ab den 1950er Jahren einen Tourismusboom aus, v.a. in Andermatt, wo auch viele Ferienwohnungen gebaut wurden. In jüngster Vergangenheit weist das seit 2008 entstehende Ferienressort der Orascom Development Holding AG des Ägypters Samih Sawiris den Weg in die tourist. Zukunft.

Die Armee erwies sich durch das ganze 20. Jh. hindurch als wichtiger Arbeitgeber; von den Festungstruppen profitierte das lokale (Gast-)Gewerbe erheblich. Während des 2. Weltkriegs erlebte U. einen eigentl. Wirtschaftsboom; der Rückzug der Armee ins Réduit 1940 löste bis 1944 grosse Investitionen aus. Die Munitionsfabrik lief auf Hochtouren und wurde stetig ausgebaut. V.a. aus militär. Gründen wurde die Furka-Oberalp-Bahn 1940-42 wintersicher gemacht und der Bau der Passstrasse über den Susten als Teil einer inneralpinen Ost-West-Verbindung 1939-46 verwirklicht. Die Armeereformen von 1995 und 2004 (Armee XXI) führten zu einem massiven Abbau der Militärpräsenz und von Arbeitsplätzen, v.a. bei der Festungswacht. Seit 1967 dient der Waffenplatz Andermatt als nationales und internat. Zentrum für die militär. Gebirgsausbildung.

Die Arbeiten an der heutigen Nationalstrasse A2 wurden 1965 begonnen, der Gotthard- und der Seelisbergtunnel 1980 eröffnet. Bau und Unterhalt der A2 werden bis heute in erster Linie von national tätigen Bauunternehmergemeinschaften ausgeführt, an denen sich Urner Unternehmen beteiligen. Der 1999 in Angriff genommene Bau der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale, deren Kernstück der 57 km lange Basistunnel zwischen Erstfeld und Bodio bildet, liegt dagegen in den Händen internat. Konsortien.

Erwerbsstruktura
Jahr1. Sektor2. Sektor3. SektorbTotal
18602 15446,8%98821,5%1 46431,8%4 606
1870c4 52763,8%1 60322,6%97113,7%7 101
1880c4 55937,7%1 69214,0%5 84548,3%12 096
18884 05756,1%1 26617,5%1 90826,4%7 231
19003 80843,7%2 45528,1%2 46028,2%8 723
19103 47636,8%2 83530,0%3 12433,1%9 435
19203 66233,6%3 91035,9%3 32330,5%10 895
19303 21134,2%2 87130,6%3 30435,2%9 386
19413 04624,4%5 94447,5%3 51728,1%12 507
19502 85624,8%5 01543,6%3 62731,5%11 498
19602 26617,5%6 44249,8%4 23432,7%12 942
19701 82012,8%7 10950,2%5 23837,0%14 167
19801 60110,8%6 98747,2%6 22842,0%14 816
19901 3708,5%6 36739,6%8 33151,8%16 068
2000d1 5188,8%4 67227,2%10 96763,9%17 157

a bis 1960 ohne Teilzeitangestellte

b Residualgrösse einschliesslich "unbekannt"

c ortsanwesende Bevölkerung

d Die Beschäftigtenzahlen der Volkszählung 2000 sind wegen der grossen Zahl "ohne Angabe" (2 061) nur begrenzt mit den vorhergehenden Daten vergleichbar.

Quellen:HistStat; eidg. Volkszählungen

Autorin/Autor: Hans Jörg Kuhn

5.3 - Gesellschaft

5.3.1 - Zwischen Abschottung...

An der Schwelle zum 19. Jh. erlebte U. empfindliche polit. und wirtschaftl. Rückschläge. Der Verlust der Untertanengebiete, die sich zuspitzende Konkurrenzsituation im Transitverkehr und nicht zuletzt die lange nachwirkenden Belastungen aus der sog. Franzosenzeit beeinträchtigten die Existenzgrundlage aller Bevölkerungsschichten.

Nach wie vor waren Urner Wirtschaft und Gesellschaft von der - im Vergleich zu den Nachbarkantonen rückständigen - Berglandwirtschaft geprägt. 1837 erreichte der Gesamtviehbestand in U. einen absoluten Tiefpunkt. Eine zentrale Rolle spielten dabei die einengenden genossenschaftl. Produktionsformen und die daraus resultierende, weit verbreitete Abneigung gegen Neuerungen. Die Landfragmentierung, eine Folge des beschleunigten Bevölkerungswachstums und des Erbrechts, trieb die Bodenpreise in die Höhe, was wiederum die hypothekar. Verschuldung bei Kauf oder Erbgang wachsen liess. Zwar vermochten die Einführung der Kartoffel und die sich vielerorts durchsetzende Sondernutzung von Allmendparzellen als Gärten oder Schmalviehweiden die Notlage vieler Fam. vorübergehend zu mildern. Die Armut zwang aber trotzdem weite Bevölkerungsteile zur Auswanderung.

Die Eliten des Ancien Régime behaupteten ihre führende Stellung in der Urner Gesellschaft bis weit ins 19. Jh., auch wenn der wirtschaftl. und polit. Strukturwandel Aufstiegschancen eröffnete, die einzelne Bürgerfamilien v.a. in den ersten Jahrzehnten des 19. Jh. nutzten. Die bemerkenswert schnell in die traditionelle Oberschicht integrierten Aufsteiger übernahmen konsequent deren Wertmuster von der defensiven, z.T. Innovationen gegenüber sehr zurückhaltenden Wirtschaftsgesinnung bis zum polit. Konservatismus. Für die Zusammensetzung der gesellschaftl. Elite stellte die Kantonsverfassung von 1850, die zu einer neuen geografischen und damit auch personellen Verteilung der polit. Gewichte führte, eine erste wichtige Zäsur dar.

Autorin/Autor: Urs Kälin

5.3.2 - ... und Öffnung

Die Gotthardbahn und die einsetzende Industrialisierung führten dann ab dem späten 19. Jh. zu einer Öffnung der zuvor stark abgeschotteten Urner Gesellschaft. Eisenbahn, Fabriken, Fremdenverkehr sowie militär. Festungsbau und -betrieb benötigten gut ausgebildete Arbeitskräfte. Viele der neu geschaffenen Stellen wurden von Zuzügern aus andern Kantonen besetzt, da einheim. Fachkräfte fehlten. Diese Zuzüger - Industrie- und Militärkader, qualifizierte Facharbeiter, sprachkundige Serviceangestellte - brachten neue Denkweisen und Bedürfnisse mit. Indem sie die Gründung industrieller Unternehmungen, die Entwicklung des Schul- und Berufsbildungswesens, die Schaffung von Konsumvereinen und Wohnbaugenossenschaften, Neuerungen im Arbeitsrecht und generell staatl. Leistungen initiierten oder beschleunigten, spielten sie bei der Modernisierung der Urner Gesellschaft eine zentrale Rolle. Gleichzeitig ging der Einfluss der Konservativen und der mächtigen Fam. bis zum Ende des 1. Weltkriegs deutlich zurück.

Parallel zur Industrialisierung erfolgte die Selbstorganisation der Arbeiterschaft in der sozialdemokrat. und der christlichsozialen Bewegung. Während die Letztere stark im kath. Milieu verankert blieb, entwickelte die sozialdemokrat. Arbeiterschaft in ihren Hochburgen Erstfeld und Altdorf gesonderte Lebensformen mit eigener Freizeit- und Festkultur sowie eigenen Vereinen und Institutionen. Die Arbeiter der grösseren Industriebetriebe und die Erstfelder Eisenbahner, die unter der Lebensmittelteuerung und der ungenügenden Versorgungslage litten, beteiligten sich 1918 auch am Landesstreik. Mit der Integration der polit. Arbeiterbewegung in die bürgerl. Gesellschaft vor, während und nach dem 2. Weltkrieg verlor diese Gegenkultur dann an Bedeutung.

Die Industrialisierung hob den Lebensstandard markant an, auch jenen der Bauern, die zwar den techn. Fortschritt aufgrund der topograf. Gegebenheiten weniger nutzen konnten, dafür aber vom erweiterten Nebenbeschäftigungsangebot sowie in besonderem Mass von staatl. und nichtstaatl. Unterstützungsleistungen profitierten. Dennoch sind in U. konservative, binnengerichtete Einstellungen und Werthaltungen vorherrschend geblieben. Einzig der Hauptort Altdorf zeichnet sich bis zu einem gewissen Grad durch eine urbane Mentalität aus.

Der Kt. U. hatte 1888 einen Ausländeranteil von 3,1%. Dabei handelte es sich v.a. um Italiener, die im Festungsbau und in den Granitsteinbrüchen arbeiteten. Nach dem 2. Weltkrieg stieg der Anteil der ausländ. Wohnbevölkerung kontinuierlich an. 2008 betrug er 9,1%, d.h. weniger als die Hälfte des schweiz. Durchschnitts. Die grösste Gruppe bildeten jetzt die Deutschen, was die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt bzw. die gewachsene Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften widerspiegelt.

Autorin/Autor: Urs Kälin

5.4 - Bildung, Kultur, Kirchen und religiöses Leben

5.4.1 - Schulen

Kath. Ordensleute und Weltpriester prägten das Urner Schulwesen bis weit ins 20. Jh. hinein; die Säkularisierung der Schule erfolgte erst spät. Die Einhaltung der 1805 erlassenen Schulordnung wurde von der im Jahr zuvor geschaffenen Zentralschulkommission überwacht. Erst 1849 erlebte das Schulwesen mit der Einsetzung des kant. Schulinspektors und des Erziehungsrats einen Entwicklungsschub. Unter der Federführung des Kapuzinerpaters Theodosius Florentini nahmen zur selben Zeit Lehrschwestern aus Menzingen, Cham und Ingenbohl sowie Brüder der Kongregation der Marianisten in versch. Urner Gem. die Lehrtätigkeit auf. Noch zu Beginn des 20. Jh. belegte der Kt. U. bei den pädagog. Rekrutenprüfungen einen der letzten Plätze. Dieser unbefriedigende Zustand führte zu Reformen im Schulbereich, deren Umsetzung sich allerdings lang hinzog. So wurde die obligator. Schulzeit durch versch. Revisionen der Schulordnung bis 1988 auf neun Jahre verlängert. Das Schulgesetz von 1997 löste die bisher geltenden Schulverordnungen ab. 1990 führte U. als erster Kanton Italienisch als erste Fremdsprache auf der Primarstufe ein, ersetzte dieses allerdings schon 2005 durch das Englisch.

In U. existierten zeitweise zwei Bundesschulen. In Erstfeld unterhielt die Gotthardbahn bzw. die SBB 1893-1938 eine Sekundarschule. Eine Schule für die Kinder von Festungsangestellten in Andermatt bestand von Beginn des 20. Jh. bis 1975. Erst 1906 löste die einzige kant. Gymnasialschule, das Kollegium Karl Borromäus in Altdorf, die nur schlecht funktionierende ältere "Cantons-Schule" ab, die 1852 als Nachfolgeinstitution der Altdorfer Lateinschule von den kant. Behörden geschaffen worden war. Ein Internat ergänzte bis 1994 den Schulbetrieb. In der kant. Mittelschule waren ausserdem 1937-96 eine Handelsschule, 1939-60 eine gewerbl. Sekundarschule, 1976-2004 eine Weiterbildungsschule und 2004-09 eine Fachmittelschule integriert. In Altdorf entstanden 1882 die Gewerbeschule, deren Besuch 1903 für Lehrlinge obligatorisch erklärt wurde, sowie 1911 die von einem Verein geführte kaufmänn. Berufsschule. 1938 wurde die Land- und Alpwirtschaftl. Winterschule U. eröffnet. 2009 erfolgte die Zusammenfassung der drei Berufsschulen im kant. Berufs- und Weiterbildungszentrum U. in Altdorf.

Kantonale Schulstatistik 1900-2010
JahrPrimarschuleOberstufeaGymnasiumbUniversitätc
19002 825134--
19103 477180d75-
19203 584217d199e-
19303 398202d185e-
19403 476239144-
19503 622292149-
19604 367690226-
19704 3431 152401122
19803 4511 726452243
19902 6841 206424263
20002 8811 116518311
20102 2601 043464371
     
 - = keine Angabe

a Sekundar-, Real- und Werkschule

b nur Urner Schüler, inkl. Handelsschule

c ohne Fachhochschulen

d Altdorf nur Mädchensekundarschule gerechnet

e inkl. ausserkantonale Schüler, keine Unterscheidung möglich

Quellen:Rechenschaftsberichte der Verwaltung und des Erziehungsrats des Kt. Uri

Autorin/Autor: Ralph Aschwanden

5.4.2 - Bibliotheken, Archive und Museen

Erste Urner Leihbibliotheken wurden im Umfeld des Grütlivereins im 19. Jh. initiert. 1917 errichtete der kath. Volksverein U. in Erstfeld eine Bibliothek. Von Bedeutung war auch die theol. Fachbibliothek des Kapuzinerklosters in Altdorf. 1955 wurde die Kantonsbibliothek U. ins Leben gerufen. Auch das Benediktinerinnenkloster St. Lazarus in Seedorf verfügt über eine eigene Bibliothek, deren Schriften bis ins 16. Jh. zurückreichen.

Neben den Gemeinde- und Pfarrarchiven beherbergt U. drei grössere Archive, das Staatsarchiv U., das Talarchiv Ursern und das Archiv der Korporation U. Bei den drei Dorfbränden Altdorfs 1400, 1693 und 1799 gingen viele wertvolle Dokumente verloren; die Bestände des Staatsarchivs aus der Zeit vor der Helvetik sind deshalb stark dezimiert. Das Staatsarchiv verfügt aber über ansehnl. Film-, Plakat- und Fotografiesammlungen. Die Bestände des Talarchivs Ursern in Andermatt, die bis ins 14. Jh. zurückgehen, werden seit 2003 durch ein vom Staatsarchiv und der Univ. Basel getragenes Forschungsprojekt systematisch gesichert und erforscht. Die Bestände des Archivs der Korporation U. bieten v.a. Einblicke in die Alp- und Forstwirtschaft des 19. und 20. Jh.

Der Kt. U. weist mehrere kleinere, nicht staatl. Museen auf, darunter als wichtigstes das Hist. Museum U., das vom Hist. Verein U. geführt wird. 1906 wurde das Museumsgebäude in Altdorf eingeweiht. Das Tellmuseum in Bürglen wurde 1966 eingeweiht, das Gotthardmuseum auf der Passhöhe 1986 und das Talmuseum in Andermatt 1994. Zeitgenöss. Kunst stellt das vom Kunst- und Kulturverein getragene Haus für Kunst U. seit 2004 aus.

Autorin/Autor: Ralph Aschwanden

5.4.3 - Kulturelle Ausdrucksformen im 19. und 20. Jahrhundert

Obwohl U. im Bereich der bildenden Kunst eine beachtl. Vielfalt und Qualität aufweist, ist keine kontinuierl. Entwicklung festzustellen. Die Gründe dafür liegen einerseits in der Begrenztheit des lokalen Markts. Andererseits wurde in U. bei der Beschaffung von Werken für den öffentl. Raum oft auf auswärtige Künstler gesetzt, wie auf Ernst Stückelberg für die Fresken in der Tellskapelle am Urnersee (eingeweiht 1883), Richard Kissling für das Telldenkmal in Altdorf (1895), oder Kurt Sigrist für die Skulptur "Zeitraum" an der Autobahn A2 (1990). Seit 1963 beschäftigt sich der Kunstverein U. (ehem. Danioth-Ring) systematisch mit der Vermittlung und Förderung der bildenden Künste.

Unter den Urner Künstlern lassen sich zwei Gruppen unterscheiden: Die eine, grössere Gruppe emigrierte früher oder später aus dem Heimatkanton und entfaltete ihr Schaffen ausserhalb, wie z.B. Heinrich Max Imhof oder Adolfo Müller-Ury. Auf die andere Gruppe wirkte gerade die familiäre Kleinheit des Raums besonders anregend; Franz Xaver Triner, Heinrich Danioth oder Erna Schillig realisierten ihre zentralen Werke in U. selbst. Im Weiteren stellte die Urner Berglandschaft verschiedentlich eine fruchtbare Inspirationsquelle für auswärtige Kunstschaffende wie z.B. den Deutschen August Babberger dar. Im Bereich Architektur ragt im 19. Jh. der Altdorfer Ingenieur Karl Emanuel Müller u.a. als Planer der Fahrstrasse durch die Schöllenenschlucht hervor. Im 20. Jh. realisierten versch. Urner Architekten bemerkenswerte Hochbauprojekte. Als Grafiker erlangte Tino Steinemann internat. Bekanntheit. Der Grafiker, Schriftsteller, Publizist und Kunstvermittler Karl Iten entfaltete in den 1970er und 80er Jahren eine ausserordentl. Wirksamkeit im Kanton. Die Fotografendynastie Aschwanden erreichte mit ihren Bildern von der Axenstrasse nationale Bedeutung. Seit den 1980er Jahren prägt Christof Hirtler mit seinem fotograf. Werk das Bild des Kantons.

Der Göschener Bahnhof-Gastwirt Ernst Zahn erlangte als Verfasser von 28 Romanen und 30 Erzählbüchern in der Belle Epoque europaweit Ruhm. Der Arzt Eduard Renner schuf mit dem vom Denken und Erleben der Bergler handelnden Titel "Goldener Ring über U." (1941) das Urner Kultbuch schlechthin. Seit den 1970er Jahren setzt sich Martin Stadler, der Kolumnen und Reportagen, aber auch Romane, Erzählungen und Theaterstücke veröffentlichte, in seinem Werk mit den Eigenarten seiner Urner Mitmenschen auseinander.

Aushängeschild der Urner Theaterszene sind die seit 1899 regelmässig stattfindenden Altdorfer Tellspiele. In den 1980er Jahren erarbeitete die Jugendtheatergruppe Zeigfinger mehrere Produktionen von überregionaler Ausstrahlung. Seit 1992 tritt die Theatergruppe Momänt & Co. erfolgreich auf, seit 2004 auch die Gruppe Eigägwächs. Als Filmregisseure schufen sich Fredi M. Murer mit Filmen wie "Höhenfeuer" (1985) oder "Vitus" (2006) und in jüngster Zeit Claudio Fäh international einen Namen. Das Cinéma Leuzinger, das einzige Urner Kino, führte von 1925 an ausserhalb der Theatersaison im Tellspielhaus in Altdorf Filme vor. Seit 1963 verfügt es über ein eigenes Kinogebäude.

U. besitzt eine lange Blas- und Volksmusiktradition. Der Urner Pater Alberik Zwyssig komponierte die Schweizer Nationalhymne. Berühmt war der Musiker, Komponist und Dirigent Gustav Arnold. Im Bereich der Volksmusik schufen der Volksliedsänger Ladislaus Krupski alias Hanns In der Gand sowie Berti Jütz Kompositionen, die mittlerweile zum schweiz. Kanon gehören. Seit 2001 findet in Altdorf das internat. Musikfestival Alpentöne für innovative alpenländ. Volksmusik statt.

Die Fasnacht geniesst als alter Brauch einen hohen Stellenwert. In den meisten Urner Gem. bestehen noch zu Beginn des 21. Jh. Fasnachtsgesellschaften, deren Ursprünge bis ins letzte Viertel des 19. Jh. zurückreichen. Im Zentrum des fasnächtl. Treibens steht der Katzenmusikmarsch. Seit der 2. Hälfte des 19. Jh. sind die als Narrenblätter bezeichneten satir. Schmähschriften verbreitet. Bekannt sind zudem die besonderen Ausprägungen der Kirchweihfeste in versch. Dörfern, so die Kilbiausstellungen oder die traditionelle Sennenkilbi.

1892 wurde die Gesellschaft für Geschichte und Altertümer gegründet, die Vorgängerin des heutigen Hist. Vereins U., die bzw. der seit 1895 die Zeitschrift "Hist. Neujahrsblatt" herausgibt. Josef Müller (1870-1929) sammelte das bedeutende lokale Sagen- und Erzählgut, das unter dem Titel "Sagen aus U." 1926-45 in drei Bänden veröffentlicht wurde.

Autorin/Autor: Hans Jörg Kuhn, Rolf Aebersold

5.4.4 - Kirchen und religiöses Leben

Bis 1850 wohnten in U. nur wenige Nichtkatholiken. 2000 waren 89% der Bevölkerung Katholiken, 6% Evang.-Reformierte und 4% Anhänger von Freikirchen, christl.-orthodoxer Kirchen oder des Islam. 1% bezeichnete sich als konfessionslos. Das Wachstum der ref. Glaubensgemeinschaft hatte in den 1880er Jahren eingesetzt. Die Muslime und Orthodoxen waren v.a. ab 1970 aus der Türkei und dem ehem. Jugoslawien eingewandert. Der Anteil der Konfessionslosen und der kleineren freikirchl. Gruppe widerspiegeln einen zahlenmässig noch nicht ins Gewicht fallenden, aber stetigen Bedeutungsverlust der beiden Landeskirchen in der 2. Hälfte des 20. Jh., der sich gegen Ende des Jahrhunderts beschleunigte. 2010 war der Anteil der Katholiken auf 84% (29'806 Personen), derjenige der Reformierten auf 5% (1'838) gesunken.

Die Verfassungen U.s von 1820 und 1850 bezeichneten die röm.-kath. Religion noch als diejenige des Kantons. Danach lockerte sich die Verflechtung von Kirche und Staat. Nach 1888 entstanden überall von den Einwohnergemeinden getrennte Kirchgemeinden. Aus der 1971 geschaffenen Konferenz der Kirchenräte entstand die Röm.-Kath. Landeskirche U., die in der Kantonsverfassung von 1984 verankert wurde. Sie ist im Rahmen der kant. Verfassung und Gesetzgebung selbstständig.

Das Bevölkerungswachstum erforderte feinere Seelsorgestrukturen. Neue Pfarreien entstanden 1802 in Bauen, 1875 in Göschenen, 1882 in Realp, 1886 in Hospental, 1903 in Gurtnellen, Amsteg und Bristen, 1916 in Wiler (Gem. Gurtnellen) sowie 1969 in Altdorf (Bruder Klaus). Die Abkurungsbestrebungen von Meien um 1829 und 1916 führten nicht zum Ziel. Der Urnerboden erhielt 1901 einen ständigen Kaplan. Im 19. und 20. Jh. wurden 17 Pfarrkirchen und Pfrundkapellen neu gebaut.

Von der Mitte des 19. Jh. an blühten neue Orden und Kongregationen auf. Ab 1850 waren Menzinger und Ingenbohler Schwestern sowie Marianisten im Schul- und Sozialdienst tätig, ab 1906 Benediktiner von Mariastein am Kollegium Altdorf und ab 1927 Mariannhiller am Missionshaus St. Josef in Altdorf. Das Kinder- und Familienhilfswerk U. wurde 1952-2004 von dem Seraph. Liebeswerk Solothurn getragen. Personalknappheit zwang die meisten Gemeinschaften im letzten Viertel des 20. Jh. zum Wegzug; 2009 verliessen die letzten Brüder das Kapuzinerkloster Altdorf. 2010 bestanden nur mehr das Benediktinerinnenkloster Seedorf und das Missionshaus St. Josef in Altdorf.

Ab dem letzten Viertel des 19. Jh. intensivierte die kath. Kirche die Seelsorge durch Standesvereine und Organisationen des polit. Katholizismus. Mit dem 2. Vatikanum wuchs das Engagement der Laien und die ökumen. Offenheit. Es entstanden vielerorts Pfarreiräte; viele Pfarreien boten periodisch ökumen. Gottesdienste an. In den letzten Jahrzehnten litt die kath. Kirche unter Priestermangel und der Messebesuch ging zurück.

Die ref. Glaubensgruppe zählte 420 Personen, als sie 1885 die Kirchgemeinde U. gründete. Um 2000 war sie auf rund 2'100 Personen angewachsen; Pfarrämter sind Altdorf und Erstfeld inklusive Urner Oberland und Ursern, Filialgemeinden Altdorf und Erstfeld sowie Andermatt-Göschenen. Die öffentl.-rechtl. Anerkennung erfolgte 1916. Die Gem. wurde als Evang.-Ref. Landeskirche 1984 ebenfalls in der Kantonsverfassung verankert.

1932 entstand die Neuapostolische und 1987 die Freie Christl. Gemeinde. Die Freie Evang. Gemeinde Chrischona wurde 1995 gegründet. Die Muslime besassen ein erstes Gebetshaus in Bürglen, das 2008 nach Altdorf verlegt wurde.

Autorin/Autor: Hans Stadler

Quellen und Literatur

Archive
– KBUR
– Korporationsarchiv U.
– StAUR
– TalA Ursern
Quellen
Staatskal. (Regierungs-, Kirchen und Schul-Etat) des Kt. U., 1818-
Das Landbuch oder offizielle Slg. der Gesetze, Beschlüsse und Verordnungen des Eidg. Kt. Ury, 6 Bde., 1823-64
Rechenschaftsber. von Regierung und Staatsverwaltung des Kt. U., 1863-
Urner. Amtsbl., 1849- (seit 1860 Amtsbl. des Kt. U.)
Landbuch des Kt. U., 13 Bde., 1892-1962
QW
Urner Rechtsbuch, 1976-
Literatur

Autorin/Autor: Ralph Aschwanden