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Bern (Kanton)

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Seit 1353 Ort der Eidgenossenschaft bzw. Kanton der Helvet. Republik (1798-1803). Amtl. Umschreibung: Kanton und Stand der Schweiz. Eidgenossenschaft. Alte Staatsbezeichnungen: bis 1798 und 1815-31 "Stadt und Republik", 1798-1815 Kanton, 1831-46 Republik, ab 1846 Kanton. Franz. Berne, ital. und rätorom. Berna. Amtssprachen sind Deutsch und Französisch, Hauptort ist die Stadt Bern.

Das Kantonsgebiet hat seit dem SpätMA grosse Veränderungen erfahren: Zum Stadtstaat B. gehörten ab 1415 Teile des heutigen Kt. Aargau (Berner Aargau) und ab 1536 der heutige Kt. Waadt. 1798 verlor B. diese beiden Untertanengebiete sowie für die Dauer der Helvetik das Berner Oberland, das bis 1801 als helvet. Kt. Oberland mit der Hauptstadt Thun bestand. 1815 stiess der grösste Teil des ehem. Fürstbistums Basel mit Biel zum sog. Alten Kantonsteil und bildete den Berner Jura. 1978 entstand aus dessen nördl. Teil der Kt. Jura. 1994 wechselte der Amtsbez. Laufen zum Kt. Basel-Landschaft, 1996 die Gem. Vellerat zum Kt. Jura.

Fläche (1994)5 958,8 km² 
Wald / bestockte Fläche1 845,6 km²31,0%
Landwirtschaftliche Nutzfläche2 581,4 km²43,3%
Siedlungsfläche381,3 km²6,4%
Unproduktive Fläche1 150,4 km²19,3%

Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur
Jahr 1850190019501990a
Einwohner 458'301589'433801'943958'192
Anteil an Gesamtbevölkerung der Schweiz19,2%17,8%17,0%13,9%
SpracheDeutsch 483'388665'702802'740
 Französisch 97'789120'56674'338
 Italienisch 7'16711'78626'359
 Rätoromanisch 119700875
 Andere 9703'18953'880
KonfessionProtestantisch403'768506'699671'817691'812
 Katholisch (bis 1900 inkl. Christkatholisch)54'04580'489122'971172'906
 Christkatholisch  3'2561'263
 Israelitisch4881'5431'403802
 Andere und konfessionslos07022'49691'409
 davon konfessionslos   41'350
NationalitätSchweizer   860'655
 Ausländer   97'537
Jahr 1905193919651995
Beschäftigte im Kt.1. Sektor155'304163'50654'80348'733b
 2. Sektor95'787123'987213'755136'397
 3. Sektor51'63675'868122'431325'992
Jahr 1965197519851995
Anteil am Schweiz. Volkseinkommen14,7%14,0%12,6%11,6%

a Einwohner 2000 957'197; erst Gesamtzahlen verfügbar

b gemäss landwirtschaftl. Betriebszählung 1996

Quellen:BFS, BLw, HistStat

1 - Von der Urzeit bis ins Hochmittelalter

1.1 - Ur- und Frühgeschichte

1.1.1 - Der Naturraum

Der heutige Kt. B. hat Anteil an allen drei schweiz. Grosslandschaften: im Süden an den Alpen mit den nördlich anschliessenden Voralpen, nordwestlich davon am Mittelland und im Norden am Jura. Im westl. Mittelland reicht er bis zum Sensegraben und an den Neuenburgersee, im Osten bis zu Napf und Sustenpass. Dieser Naturraum mit seinen unterschiedl. Landschaften beeinflusste neben Klimaveränderungen die ur- und frühgeschichtl. Besiedlung nachhaltig. Den wichtigsten Nahrungs- und Siedlungsraum bildeten zum einen das tiefere Mittelland mit dem Seeland, weiteren grossen Ebenen und den seit prähist. Zeit befahrenen Wasserwegen, zum andern die ins höhere Mittelland eingetieften Sohlentäler von Aare, Gürbe und Emme mit ihren vor Hochwassern und Versumpfungen geschützten Talrandsiedlungen. Zum höheren Mittelland zählen das Frienisberg-, das Rapperswiler Plateau und der Oberaargau. Am unteren Rand der voralpinen Zone liegen das Napfgebiet, der Längenberg und das Schwarzwassergebiet. Der bern. Alpenraum umfasst die Siedlungsräume um Thuner- und Brienzersee, besiedelte Talsohlen und Terrassen in den Tälern der Zuflüsse beider Seen und eine hochalpine Bergwelt von bis über 4000 m Höhe. Der bern. Jura erstreckt sich auf die südl. Juraketten mit dem Chasseral im Westen (1607 m), Längstälern und Klusen (Quertälern) im Innern und dem klimatisch begünstigten Jurasüdfuss.

Grosse Bauwerke wie die beiden Juragewässerkorrektionen (1868-91, 1962-73), der Nationalstrassenbau (seit Mitte der 1960er Jahre) und neue SBB-Strecken (Bahn 2000) sowie die seit den ausgehenden 1950er Jahren stark ansteigende Bautätigkeit förderten zahlreiche Siedlungs- und Bestattungsbelege der vorröm. Bevölkerungen zutage.

Autorin/Autor: Hans Grütter

1.1.2 - Steinzeitliche Jäger

Früheste Spuren menschl. Anwesenheit im Gebiet des Kt. B. finden sich in den drei Simmentaler Höhlen Schnurenloch bei Oberwil, Ranggiloch ob Boltigen und Chilchlihöhle ob Erlenbach; sie stammen aus unterschiedl. Phasen der letzten Eiszeit. Während sich diese Belege aus dem Mittel- und Spätpaläolithikum in den schützenden oder anschliessend durch Gletschereis versiegelten Höhlen erhielten, können Freilandsiedlungen von den Eismassen zerstört oder durch Geschiebe und Geröll verschüttet worden sein. Erst die zurückweichenden Gletscher gaben wieder Jagd- und Siedlungsareale frei: Der Homo sapiens des Jungpaläolithikums wird in der Freilandsiedlung Moosbühl bei Moosseedorf (Zeltlager mit Silizes und Tierknochen) sowie in Halbhöhlen und Balmen des Juras erstmals fassbar. Im wärmeren Klima des Mesolithikums folgten auf die eiszeitl. Tierwelt nacheiszeitl. Arten. Die zunehmende Bewaldung schränkte die Bewegungsfreiheit der Jäger, Fischer und Sammler ein; daher entstanden ihre temporären Siedlungsplätze an Gewässer- und Moorrändern, die wegen Schwankungen des Wasserspiegels baumfrei blieben. Wichtige mesolith. Fundzonen im Kt. B. sind das Pieterlenmoos und die Umgebung des Burgäschisees. Das Eindringen in den Alpenraum lässt sich im Diemtig- und im Simmental beobachten.

Autorin/Autor: Hans Grütter

1.1.3 - Spuren erster sesshafter Siedler

An den Ufersiedlungen des Bielersees, der Toteisbecken (Lobsigen-, Moos-, Burgäschi-, Inkwilersee) und der Flussläufe (Aare, Zihl) ist abzulesen, wie die Bevölkerung im Neolithikum sesshaft wurde. Wegweisend wurden die Grabungsergebnisse in Twann, wo sich im Twannbach-Delta zwischen 3800 und 2950 v.Chr. mit hochwasserbedingten Siedlungsunterbrüchen 25 Dörfer folgten. Dendrochronolog. Messungen an Hölzern und Untersuchungen am Keramikbestand, welcher der Cortaillod- und der Horgenerkultur zugewiesen wird, lieferten Daten zur Abfolge und baulichen Entwicklung der einzelnen Dörfer. Der Übergang zur planmässigen Nahrungsproduktion (Ackerbau, Viehzucht) verlangte neue Gerätschaften wie Hacke und Furchenstock. Die Vorratshaltung von luftgetrocknetem Kernobst und gedarrtem Getreide ist nachgewiesen. Das bisher älteste in der Schweiz gefundene Brot (Sauerteig) stammt aus einem zwischen 3560 und 3530 v.Chr. abgebrannten Twanner Dorf.

Autorin/Autor: Hans Grütter

1.1.4 - Bronzezeitliche Bauern und Handwerker

Schon im 4. Jt. v.Chr. kamen Geräte aus Kupfer in Gebrauch (z.B. Kupfernadel aus Lattrigen um 3170 v.Chr., Messerklinge aus Twann). Kurz vor 2000 v.Chr. setzte sich die Legierung von Kupfer mit Zinn zu Bronze allgemein durch und brachte einen Entwicklungsschub. Es lässt sich noch nicht entscheiden, ob die relativ bescheidenen einheim. Vorkommen (etwa im Lauterbrunnental) damals genutzt wurden. Siedlungszonen blieben zunächst vorab die See- und Flussufer. Günstige klimat. Verhältnisse mit zeitweilig bis über 2000 m ansteigender Waldgrenze erlaubten die Besiedlung und Begehung voralpiner und alpiner Gebiete. Der Raum Thunersee-Niedersimmental erscheint dicht belegt (Streufunde an Passübergängen, befestigte Höhensiedlungen Spiezberg, Cholis Grind bei Saanen und Pintel bei Wimmis, Gräberfelder in Thun-Allmendingen, Einigen und Hilterfingen). Reiche Fundensembles der Spätbronzezeit (ca. 1000-800 v.Chr.) stammen aus später überfluteten Ufersiedlungen am Bielersee (Mörigen, Vinelz).

Autorin/Autor: Hans Grütter

1.1.5 - Die mediterranen Einflüsse auf die Kulturen der Eisenzeit

Die ältere Eisen- oder Hallstattzeit (800-450 v.Chr.) schloss an die Spätbronzezeit an, ohne dass ein Bevölkerungswechsel erkennbar wäre. Klimaverschlechterungen erzwangen die Aufgabe von Siedlungen an Gewässern (v.a. Bielersee) und in Talböden sowie die Umsiedlung in Plateaulagen, was anfangs wohl die Siedlungsflächen verringerte. Mit verstärkten Handelskontakten über die Alpen hinweg wuchs der kulturelle Einfluss des Mittelmeerraums auf unser Gebiet. Belege sind Importware aus Italien und den griech. Kolonien Unteritaliens, so etwa die in Grächwil gefundene Hydria (Prunkgefäss). Soziale Unterschiede lassen sich eindrücklich an der Anlage und Ausstattung der sog. Fürstengräber ablesen: Deren Grabhügel erreichten über 30 m Durchmesser und 4 m Höhe, wurden erhöht oder an Plateaurändern angelegt und reich mit Beigaben (u.a. Prunkwagen) ausgestattet. In einem Grabhügel in Bützberg hat sich gezeigt, dass der Erstbestattung weitere folgten. Oft bildeten mehrere Grabhügel eigentl. Nekropolen (Grossaffoltern, Ins, Bannwil, Langenthal, Bützberg). Auch im Kt. B. beruht der Wissensstand über die Hallstattkultur fast ausschliesslich auf Grabfunden. Siedlungsspuren sind selten (Blanche Eglise in La Neuveville), und selbst die befestigten mutmassl. Fürstensitze (z.B. Hasenburg bei Vinelz, Städtiberg bei Büren an der Aare, Schwandenberg bei Münchenbuchsee) entziehen sich genauerer Kenntnis. Die Grabfunde belegen, dass Eisen zu Schwertern, Dolchen, Lanzenspitzen, Messern und Wagenzubehör geschmiedet wurde. Ausserdem wurde Gold, das man vermutlich auch aus Flusssand gewann, zu Diademen, Ringen und Anhängern verarbeitet, dünnes Bronzeblech zu Arm-, Bein- und Halsreifen mit geometr. Ornamenten getrieben (u.a. Fürstengräber bei Allenlüften in der Gem. Mühleberg sowie in Ins und Bützberg). Zum Schmuck gehörten auch Armreifen und Ringe aus Gagat und Lignit (Kohlearten). Die Keramik wurde von Hand, aber auch schon mit der Töpferscheibe geformt und als Grabbeigabe mit mehrfarbig ausgemalten Ornamenten versehen (Münchringen).

Der Übergang zur jüngeren Eisen- oder Latènezeit (um 450-1. Jh. v.Chr.) ist am starken Stilwandel im Metall- und Kunstgewerbe zu erkennen. Zahlreiche Grabfunde - die dazugehörigen Siedlungen sind noch kaum bekannt - markieren zusammen mit den beiden Oppida Engehalbinsel und Jensberg bei Studen Siedlungsschwerpunkte im bern. Kantonsgebiet. Im Fundmaterial erscheinen erstmals Münzen ("Regenbogenschüsselchen") aus Gold (Fund von Melchnau), Silber und Bronze. Nachgewiesen sind auch griech. Schriftzeichen (Name des Korisios auf einer Schwertklinge im Massenfund von Port). Ateliers zur Glas- und Keramikherstellung befanden sich im helvet. Oppidum Engehalbinsel bei B. Die Eisenverarbeitung erreichte einen hohen Stand; belegt sind ferner Holz-, Lederverarbeitung und Goldschmiedekunst. Als Kultstätten dienten sog. Viereckschanzen (Grosser Bremgartenwald bei B.). Grabbeigaben (Gräberfelder Münsingen, Engehalbinsel) weisen wieder auf einen Jenseitsglauben hin.

Autorin/Autor: Hans Grütter

1.1.6 - Die gallorömische Epoche

Nach verlorener Schlacht bei Bibracte (58 v.Chr.) und der erzwungenen Rückkehr in die aufgegebenen Wohnsitze unterstanden die Helvetier als Föderaten der röm. Oberhoheit. Unter zunehmendem röm. Einfluss erfuhren Wirtschaft und Handel einen erhebl. Aufschwung. Das Schwergewicht der Besiedlung lag am Jurasüdfuss und im Mittelland; das bestehende Verkehrsnetz wurde ausgebaut (v.a. Aventicum-Vindonissa, Petinesca-Augusta-Raurica). An Übergängen kamen im Alpenraum zu Grimsel, Brünig und Susten der Kaltwasserpass (Col des Eaux Froides) - eine Wegvariante zum Rawilpass mit einer Station, evtl. auch einem Heiligtum, am Westufer des Iffigsees -, im Berner Jura der Pass am Mont Raimeux und die Pierre Pertuis hinzu. Die kelt. Bevölkerung lebte nach wie vor - als Bebauer oder Pächter röm. Gutshöfe - von Landwirtschaft sowie von Handwerk und Handel. In Oberwichtrach sind als seltenes Beispiel beide Hauptteile einer röm. Villa überliefert: am Südhang des Lerchenbergs oben das Herrenhaus des Gutsherrn (pars urbana), am Hangfuss der Ökonomietrakt (pars rustica). Häufige Bautypen waren die Portikus- und die Risalitvilla; auch seltenere Formen wie die Vierkantvilla lassen sich auf bern. Boden nachweisen. Die z.T. reiche Ausstattung der Villen umfasste Mosaiken (Münsingen, Toffen, Herzogenbuchsee) und Wandmalereien (z.B. ausgemalter Kryptoportikus von Meikirch). Neben den zahlreichen Gutshöfen wurden die ehemaligen festen Plätze weiter bewohnt und ausgebaut: Das helvet. Oppidum auf der Engehalbinsel wandelte sich zum röm. Vicus; Brenodor/Brenodurum gilt als sein wahrscheinl. Name. Am Fuss des Jensbergs entstand Petinesca an der Juratransversale, in spätröm. Zeit (368-369 n.Chr.) ergänzt durch den befestigten Zihlübergang zwischen Aegerten und Brügg.

Im Kult der galloröm. Epoche verschmolzen kelt. und röm. Elemente; er bezog aber auch vorderasiat. Religionen mit ein. Auf bern. Gebiet lässt sich eine seltene Dichte von Kultzentren beobachten. Ob die umfriedeten und mit z.T. überlebensgrossen Götterstatuen (u.a. thronender Jupiter) ausgestatteten Tempelbezirke von Petinesca, Engehalbinsel und Thun-Allmendingen auch Mittelpunkte der inschriftlich überlieferten regiones (Kultregionen?) waren, ist jedoch offen. Zu Beginn des 5. Jh. n.Chr. zog Rom zwar seine Truppen vom Rheinlimes ab, gab aber den Anspruch auf Helvetien noch nicht preis, sondern siedelte 443 n.Chr. zur Gebietssicherung Burgunder in der Westschweiz an.

Autorin/Autor: Hans Grütter

1.2 - Frühmittelalter

Der Übergang von der röm. Epoche mit ihrer galloröm. Bevölkerung zur alemannisch dominierten des FrühMA war offenbar mit wenigen Kämpfen verbunden. Eine Ausnahme war die Schlacht bei Wangen (610), deren Austragungsort neuerdings im Könizer Wangental vermutet wird. Die alemann. Landnahme von Süddeutschland her vollzog sich von der Mitte des 6. Jh. an in einem offenbar zumeist friedlichen, sich über Jahrzehnte hinziehenden Infiltrationsprozess. Im Lauf des 7. Jh. erschlossen sich alemann. Siedler die guten Lagen südöstlich des Aarelaufs und zogen vom Mittelland aareaufwärts bis in die Regionen von Thuner- und Brienzersee. Alle Gebiete westlich der Aare gehörten zum in Sprache und Glauben romanisierten Burgunderreich, das 534 endgültig in das merowing. Frankenreich eingegliedert wurde. Dieses dehnte gleichzeitig seinen Einfluss auf die östl. Schweiz aus. In karoling. Zeit wird die fränk. Grafschaftsverfassung in unserem Gebiet fassbar (Grafschaften Aargau 762/778, Oberaargau 861, Bargen 965). Der Teilungsvertrag von Verdun legte 843 die Grenze zwischen Mittel- und Ostreich an die Aare und teilte so den Aareraum herrschaftlich entzwei. Auf vereinzelte fränk. Kolonisten weisen eventuell Grabfunde und Ortsnamen auf -dorf oder -court (Court, Kaufdorf) für Siedlungen hin, die sich in der Nähe von spätröm. Strassenstationen (Petinesca) befanden.

An versch. Orten sind Siedlungskontinuität und Nachbarschaft zwischen galloröm. und alemann. Bevölkerungsgruppen nachzuweisen (z.B. Oberbipp, Mett, Meikirch). Gleichwohl kam es zu einschneidenden Änderungen. Früheres Wissen auf polit., techn. und kulturellem Gebiet ging verloren, und gravierend für die Kenntnis jener Zeit wirkte sich der Rückgang der Schriftlichkeit aus. Der alemann. Besiedlungsvorgang muss deshalb v.a. archäologisch und ortsnamenkundlich erschlossen werden: Die sich herausbildende Grenze zwischen rom. und alemann. Sprachraum verlief in etwa auf der Linie Freiburg-Murten und dem Jurasüdfuss entlang. Der Raum zwischen Aare und Saane war im 7. Jh. zur Kontaktzone zwischen Romanen und Alemannen geworden. Während das Romanische östlich der Aare und im Berner Oberland früh im Alemannischen aufgegangen war, bewahrte es sich im Aaretal selbst und westlich davon länger. Hier überdauerten auch mehr vordt. Ortsnamen (z.B. Wichtrach, Rüfenacht). Die Alemannen setzten sich vom Seeland aus aareaufwärts und vereinzelt im Simmen- und im Frutigtal zuerst in Lagen mit guten Ackerböden in Nachbarschaft zu bestehenden Siedlungen fest. Indiz dafür sind Felder von Ortsnamen auf -ingen, die in das 6.-7. Jh. deuten. In den später erschlossenen Regionen des Frienisbergplateaus und v.a. des Emmentals sind Orte mit -wil-Namen und andere in das 8.-10. Jh. weisende Namenbildungen besonders dicht vertreten. Zu den letzten Ausbaugebieten gehören die waldreichen Zonen am Napf, im Schwarzenburgerland und die höheren Lagen im Berner Oberland. Rodung und Besiedlung dürften noch vor der Jahrtausendwende auch die abgelegenen Täler des Oberemmentals erreicht haben. Ein Bild der Durchmischung ansässiger und zugezogener Volksteile bieten auch die Grabfunde im Raum Aaretal und Seeland. In den nun nach Osten ausgerichteten Gräbern sind burgundisch-romanische neben alemann. Trachtelementen überliefert (Köniz, Nieder- und Oberwangen). Im Lauf des 8. Jh. ging der Brauch der Grabbeigaben verloren, und die älteren Gräberfelder (z.B. Wahlern-Elisried) wurden durch Friedhöfe im Umfeld der neu gegr. Kirchen ersetzt.

In politischer, wirtschaftlicher, rechtlicher und kultureller Hinsicht erscheint der bern. Aareraum im FrühMA als Randgebiet und Durchgangsland. Münzprägungen, die Entwicklung alemann. Rechts, die frühe Christianisierung und die Anfänge der Kirchenorganisation erfolgten vorerst ausserhalb dieses Raums und fanden erst später Eingang. Die Bischofssitze Lausanne, Basel, Sitten, Chur und Konstanz lagen weitab; im Aareraum grenzten die Diözesen Lausanne, Konstanz und Basel aneinander. Der Christianisierungsprozess kam vermutlich vom elsäss. Raum und von Westen her in Gang. So gründete die Abtei Luxeuil (Vogesen) um 630 an der alten Transitroute durch die Pierre Pertuis das Kloster Moutier-Grandval, das spätestens im 9.-10. Jh. seinen Interessenbereich bis an den Bielersee und nach Balsthal ausweitete. Bereits um 600 als Zelle gegründet wurde das später ebenfalls von Luxeuil beeinflusste Benediktinerkloster Saint-Imier. Im Seeland und im Aareraum entstanden zur Merowingerzeit erste Holzkirchen, stets Vorgänger bestehender Kirchen und nur archäologisch belegt (Kirchlindach, Oberwil bei Büren, Bleienbach). Die Archäologie hat auch eine gewisse Kontinuität von der Antike zum MA aufgedeckt: Gegen 30 Kirchen im bernisch-solothurnischen Aareraum entstanden über Ruinen röm. Villen und nachfolgenden Gräberfeldern des 7. Jh. (u.a. Meikirch, Oberbipp), die Kirche Mett über einem im 5. Jh. zum Mausoleum umgebauten Grabbau des 4. Jh. Neben einem röm. Tempelbezirk wurde auf der St. Petersinsel um 700 eine Grablege mit sechs Sarkophagen angelegt, der im 8.-9. Jh. ein Klosterbau in Holz folgte.

Der Mangel an schriftl. Quellen wirkt sich auch auf unsere Kenntnis des tägl. Lebens aus: Anlage, Grösse und Organisation der frühma. Siedlungen, Wirtschaftsformen und ganz allgemein der Alltag der Bevölkerung und ihre soziale Struktur sind kaum bekannt. Zwar geben die Alemannenrechte viele Hinweise zu Normen der rechtsständ. Ordnung; konkrete Anhaltspunkte auf deren Wirkung im bern. Gebiet stehen aber aus. Immerhin bringen auch die unterschiedl. Bestattungsformen eine soziale Differenzierung zum Ausdruck: Gräber in dominierender Lage mit reichen Grabbeigaben (Reitergrab Spiez) deuten auf Angehörige der Oberschicht, ebenso die oft (aber selten mit Sicherheit) als Stiftergräber interpretierten Bestattungen in den Kirchen (u.a. Spiez, Einigen, Amsoldingen, Lyss, Biglen, Rohrbach, Oberbipp). Bereits in der Ausbauphase des 7.-8. Jh. bestand demnach eine Gruppe von Grundherren, die in der Lage waren, (Eigen-)Kirchen und deren Priester zu unterhalten. Von der übrigen Bevölkerung hoben sie sich durch befestigte Wohnsitze (Fronhöfe) ab. Viele namenlose und urkundlich nicht überlieferte "Erdwerke", früher oft als Flieh- und Erdburgen interpretiert, gelten heute als Reste früh- und hochma. Herrensitze mit Holzburgen. Hier dürften die Wurzeln mancher Adelsgeschlechter des Hoch- und SpätMA liegen.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler, Karl H. Flatt

2 - Herrschaft, Politik und Verfassung vom Hochmittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts

2.1 - Hochmittelalterliche Herrschaftsstrukturen

Vom 10. Jh. an kam der Aareraum wieder unter westschweiz. Einfluss. Das Zweite Königreich Burgund dehnte unter den Kg. Rudolf I. und Rudolf II. sein Einflussgebiet bis in die Ostschweiz aus. Auf burgund. Krongut entstanden die Königshöfe Bümpliz, Münsingen, Uetendorf, Wimmis, Kirchberg und Utzenstorf als Stützpunkte königl. Politik. In der Spätzeit des hochburgund. Königreichs rückte der Aareraum dem Hl. Röm. Reich unter den Ottonen und Saliern näher. Die hochburgund. Königsfamilie lebte in der urkundl. und chronikal. Überlieferung in einiger Beliebtheit weiter: Rudolf II. als legendärer Stifter der zwölf Thunerseekirchen (Chronik des Elogius Kiburger), seine Frau, die Königin Bertha, als Stifterin der Abtei Payerne, ihre gemeinsame Tochter, die Kaiserin Adelheid, durch die Vergabe von Kirchberg, Uetendorf und Wimmis an das elsäss. Kloster Selz. Der Erbfolgestreit nach dem Tod Kg. Rudolfs III. (gestorben 1032) hatte die Übernahme des Königreichs Hochburgund durch die Salier (Krönung Ks. Konrads II. in Payerne 1033) im Namen des Reichs zur Folge. Damit geriet auch der heute bern. Raum nach 1056 in die Wirren um die Kaisernachfolge: Der als Regent über Burgund eingesetzte Gf. Rudolf von Rheinfelden liess sich 1077 im Investiturstreit zum Gegenkönig Heinrichs IV. ausrufen. Dieser Treuebruch bewirkte, dass die kaisertreuen Bf. von Basel und Lausanne aus den Grafenhäusern Oltigen und Fenis konfiszierte Güter Rudolfs im Aareraum erhielten. Burgundisch-rheinfeldisches Hausgut im Oberaargau und im rechtsseitigen Aaretal kam um 1090 erbweise an Rudolfs Schwiegersohn Berchtold II. von Zähringen. Dieser und sein Sohn Berchtold III. versuchten ihre herrschaftl. Stellung auszubauen. Durch Paktieren mit Anwärtern auf den dt. Königsthron erhielten sie 1127 das Rektorat (Stellvertretung des Königs) in Burgund. Weil sich grossburgund. Pläne 1156 zerschlugen, beschäftigten sich die letzten Zähringer mit der Sicherung und Verdichtung ihrer mittelländ. Herrschaft. In diesem Zusammenhang erfolgten im Aareraum die Stadtgründungen von Burgdorf, Murten, Thun und B., vermutlich alle unter dem letzten Zähringer, Berchtold V. Die Errichtung einer eigentl. Landesherrschaft misslang: Nach dem Tod Berchtolds V. (gestorben 1218) zerfiel die Herrschaft in ihre Bestandteile - die Eigengüter gingen an die Kyburger, die Ämter und Lehen fielen zurück an das Reich.

Der Aareraum war im HochMA definitiv dem Hl. Röm. Reich zugeordnet. Er erhielt nun auch die für lange Zeit gültige Kirchenstruktur. Das Netz an Dekanaten, Pfarrkirchen und deren Filialen ist zwar erst im 13. Jh. lückenlos überliefert (Lausanner Chartular 1228, "Liber decimationis" des Bistums Konstanz 1275), doch existierten die wichtigsten Pfarrkirchen vermutlich bereits um die Jahrtausendwende, ohne dass ihre Gründer bekannt sind. Unbekannt ist auch, inwieweit die Abteien, denen im Aareraum Güter und Kirchen geschenkt worden waren, zur kirchl. Erschliessung beigetragen haben: das Kloster St. Gallen im Oberaargau (8.-9. Jh.), das rechtsrhein. Kloster Ettenheim in Spiez und Scherzligen (762), das elsäss. Selz in Kirchberg, Uetendorf und Wimmis (994) sowie St. Peter im Schwarzwald in Huttwil, Seeberg und Herzogenbuchsee (vor 1108). Eine wichtige Rolle spielte die burgund. Königsfam., von deren kirchl. Zentrum Saint-Maurice aus Beziehungen über die Abtei Payerne bis Utzenstorf und Kirchberg sowie durch das Simmental bis zum Thunersee liefen. Urkundlich nicht zu belegen ist der vermutlich wesentl. Beitrag einheim. Herren als Gründer von Eigenkirchen in ihren Grundherrschaften sowie als Stifter und Donatoren von Klöstern. Die frühesten bekannten einheim. Schenker übertrugen zwischen 795 und 886 dem Kloster St. Gallen Besitz im oberaarg. Rohrbach und dessen Umgebung. Zwischen 1070 und 1150 entstanden zehn z.T. bedeutende klösterl. Niederlassungen auf Eigengut ihrer Stifter, so die Cluniazenserpriorate Rüeggisberg (Herren von Rümligen 1072), Münchenwiler (von Wiler um 1080), St. Petersinsel (Gf. von Hochburgund-Mâcon auf Erbgut der von Oltigen im späten 11. Jh.), Hettiswil (1107), Röthenbach im Emmental (Herren von Rümligen oder Signau), die Benediktinerklöster St. Johannsen bei Erlach (auf Erbgut der von Fenis um 1100), Trub (Herren von Lützelflüh vor 1130) und Rüegsau (evtl. auch Herren von Lützelflüh in der 1. Hälfte des 12. Jh.), das Augustiner Chorherrenstift Interlaken (von Oberhofen um 1130) und das Zisterzienserkloster Frienisberg (Gf. von Saugern auf Oltiger Erbgut in den 1130er Jahren).

An die grafschaftl. Einteilung des 9. bis 11. Jh. schlossen sich räumlich und z.T. mit organisatorischer Kontinuität (z.B. Buchsgau) die spätma. Landgrafschaften an - die Landgrafschaften Burgund rechts der Aare (ab 1252) und links oder jenseits der Aare (ab 1276) sowie Buchsgau ab 1318. Das Berner Oberland unterstand dem Reich unmittelbar. Unter- und Oberland waren von vielen Freiherrschaften durchsetzt, deren adlige Inhaber (u.a. von Fenis, Oltigen, Belp-Montenach, Kramburg, Bremgarten, Gerenstein, Signau, Heimberg, Sumiswald, Lützelflüh, Langenstein, Buchsee, Jegenstorf, Seedorf) im 11.-12. Jh. urkundlich fassbar werden. Am Aufstand der Freiherren gegen Berchtold V. von Zähringen (1191) waren Oberländer Herren beteiligt, die im Gefecht bei Grindelwald unterlagen. Durch Einheirat in den einheim. Adel (Unspunnen, Oberhofen) kamen nun auch reichstreue mittelländ. Adelsgeschlechter (von Wädenswil, Eschenbach) neben einheim. Freiherren (u.a. von Brienz, Ringgenberg, Weissenburg) zu Sitzen im Berner Oberland. Zahlreich war der zähring. Dienstadel, an dessen Holzburgen vielerorts Burgstellen erinnern.

Im HochMA kam der Landesausbau in eine neue Etappe. Die Gründung kolonisatorisch tätiger Klöster belegt den Gang der Besiedlung bis in die abgelegensten Täler (z.B. Trub). Seit dem frühen 13. Jh. ist die Alpwirtschaft urkundlich belegt. Die strateg. Lage des Königshofs Wimmis am Eingang zum Simmental weist auf die Begehung der Alpenpässe ins Wallis. Allgemein markierten Königshöfe die wichtigen Wege ins Berner Oberland (Münsingen, Uetendorf) und durch das Mittelland (Kirchberg, Utzenstorf), die in zähring. Zeit durch den Burgenbau und die Städtegründungen neues Gewicht erhielten.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler, Karl H. Flatt

2.2 - Kommunale Bewegung und Territorialbildung im Spätmittelalter

Vom 13. Jh. an entstanden in den meisten nachmals bern. Städten die für das SpätMA und die frühe Neuzeit charakterist. Verfassungsstrukturen: Stadtrechte wurden erlassen und bestätigt, Amtmänner, Schultheissen oder Meier wirkten als Herrschaftsvertreter, und Räte und Stadtgemeinden konstituierten sich. In Biel, Burgdorf, Thun, Erlach und Büren an der Aare erfolgte diese Ausgestaltung unter Führung des geistl. oder weltl. Stadtherrn, in der unmittelbar dem dt. König unterstehenden Stadt B. vom 13. Jh. an in Auseinandersetzung mit dem Herrscher oder seinen Vertretern. Die schwächer werdende Präsenz des Reichs im Aareraum zwang die Stadt B. von der Mitte des 13. Jh. an dazu, sich aus eigenen Kräften der Territorialpolitik der grossen Dynasten (Kyburg, Habsburg) zu erwehren. Rückhalt suchte die Stadt bei ihren Verbündeten und Beschirmten (Interlaken 1224, Freiburg 1243, Murten (?), Rüeggisberg 1244, Bf. von Sitten 1252 und 1296, Köniz 1257, Reichsland Hasli 1275, Frh. von Signau 1277, Biel 1279, Kloster Trub 1286, Solothurn 1295), aber auch bei Savoyen (Schirmherrschaft in Vertretung des Reichs 1256, 1268, 1291). Kg. Rudolf I. von Habsburg bestätigte zwar 1274 B.s Handfeste (Reichsfreiheit), doch trieb die 1285 auferlegte Reichssteuer die Stadt auf die Seite von Rudolfs Gegnern. Sie widerstand zwar 1288 zwei Belagerungen des Königs, hatte aber nach der Niederlage an der Schosshalde 1289 Steuern und eine Busse zu zahlen.

B.s Territorialpolitik setzte 1298 nach dem Sieg bei Oberwangen (Gem. Köniz) über den welschburgund. Adel und das österr. Freiburg ein: Die Stadt erwarb um 1300 die vier umliegenden Kirchspiele Bolligen, Vechigen, Stettlen und Muri, zerstörte die allzu nahen Burgen Bremgarten und Belp und nahm die Frh. von Montenach in das Burgrecht auf. Der Aufbau des bern. Stadtstaats im 14.-16. Jh. erfolgte einerseits durch Expansion (Käufe, Pfandschaften, Eroberungen), andererseits durch Verdichtung der Herrschaft (Ausburgeraufnahmen, Schaffung wirtschaftl. Abhängigkeiten, Burgrechte, Bündnisse). Die wichtigsten Konkurrenten und Gegner B.s waren im 14. Jh. die Häuser Habsburg-Österreich und (Neu-)Kyburg sowie die Stadt Freiburg. Nach dem Sieg Ludwigs des Bayern über seinen habsburg. Konkurrenten Friedrich den Schönen in der Schlacht bei Mühldorf am Inn (Bayern) 1322 verband sich B. 1323 erstmals mit den antihabsburg. Waldstätten. Es nötigte Eberhard II. von Kyburg nach dem Thuner Brudermord ins bern. Burgrecht und erwarb die Oberlehensherrschaft über Thun. Die Annäherung Eberhards an Habsburg und die damit erneut ausbrechenden Rivalitäten im burgund. Raum führten im 14. Jh. zu mehreren militär. Konflikten: Der Gümmenenkrieg zwischen B. und Freiburg um Rechte und Einfluss im Senseraum brachte 1333 noch keine Entscheidung. 1334 wandte sich B. gegen die Frh. von Weissenburg (Streit um Mülenen, Besetzung von Wimmis und Unspunnen), erwarb deren Pfandherrschaft Hasli (Oberhasli) und zwang die Weissenburger ins bern. Burgrecht. Im Laupenkrieg von 1339-40 setzte sich B. mit Hilfe seiner Verbündeten (u.a. Waldstätte) gegen die Allianz zwischen Freiburg, Kyburg, burgund. Adel, Österreich und Ks. Ludwig dem Bayern durch. Nach dem Frieden von Königsfelden mit Österreich 1340 und den weiteren Friedensschlüssen bis 1345 nahm B. seine Erwerbs- und Ausburgerpolitik wieder auf (Aarberg 1358). Den dazu nötigen Rückhalt fand es in den erneuerten Städtebündnissen und Burgrechten seiner Burgundischen Eidgenossenschaft, in den von 1348 an von Karl IV. und Wenzel bestätigten und erweiterten Reichsprivilegien und in den Landfriedensbündnissen mit den Waldstätten (1341, 1353), Österreich (1341, 1348, 1363) und Savoyen (1350, 1364, 1374, 1384). Die eidg. Geschichtsschreibung hat das erste unbefristete Bündnis B.s mit Uri, Schwyz und Unterwalden von 1353 später als Beitritt zur Eidgenossenschaft interpretiert, obwohl B. danach noch längere Zeit nur indirekt mit Zürich und Luzern verbunden war. Die engen Burgrechtsbeziehungen Biels zu B. führten 1367-68 zum Krieg gegen Biels Landesherrn, den Fürstbf. von Basel, und zur Verwüstung Biels und des Südjuras. 1375 litt das Mittelland unter den Söldnerscharen Enguerrands de Coucy (Gugler). Die Schwäche Österreichs und Kyburgs angesichts dieser Einfälle und der missglückte Handstreich der Kyburger auf Solothurn 1382 veranlassten B. zum Handeln. Berner Truppen eroberten verschiedene kyburg. Burgen und belagerten während mehrerer Wochen Burgdorf. Ein eidg. Schiedsspruch beendete 1384 den Burgdorferkrieg: B. erwarb mit Burgdorf und Thun die Zentren des kyburg. Besitzes; die entmachteten Grafen mussten das Burgrecht von Laupen annehmen.

Mit Österreich und Freiburg erfolgte die entscheidende Auseinandersetzung im Umfeld des Sempacherkriegs (bern. Züge ins Oberland 1386, Seeland 1388, in den Aargau 1389). Im Frieden von 1389 erhielt B. das Obersimmental, Unterseen, Oberhofen, Balm (Gem. Oberhofen), Unspunnen, Nidau, Tessenberg, Ligerz, Twann und Büren an der Aare. 1398 akzeptierte Freiburg auch B.s Erwerbung des Iselgaus, d.h. des Gebiets zwischen Bielersee und Seeland. Nach der endgültigen Verdrängung Österreichs und Freiburgs aus dem Oberland und dem Seeland erwarb B. weitere Herrschaften: 1391 Simmenegg, 1399 Signau, 1400 Frutigen, 1407 Wangen an der Aare, 1408 Trachselwald und Huttwil, 1412 Oltigen, 1413 (gemeinsam mit Solothurn) Bipp und Bechburg. Es ging neue Bündnisse und Burgrechte ein: 1388 mit La Neuveville, 1401 mit Wilhelm von Valangin, 1403 mit Saanen und Oesch (Château-d'Œx), 1406 mit dem Kollegiatstift, der Stadt und den Gf. von Neuenburg, 1407 mit Städten und Herren im Aargau. Zur gleichen Zeit richtete sich B. als Mitunterzeichner des Sempacherbriefs 1393 mehr auf die Eidgenossenschaft aus. Trotz des Fünfzigjährigen Friedens zwischen den Eidgenossen und Österreich (1412) wandte sich B. 1415, durch Kg. Sigismund und das Konstanzer Konzil dazu aufgefordert, gegen Hzg. Friedrich IV. von Habsburg-Österreich, besetzte den grössten Teil des Aargaus und errichtete Vogteien (Berner Aargau). Damit dehnte sich der Berner Einfluss praktisch bis an den Rhein aus.

Im Streit um das Eschental zwischen den Oberwalliser Zenden (verbündet mit den fünf innerschweiz. Orten) und Savoyen schlug sich B. auf die Seite Savoyens (Feldzüge ins Wallis 1418-19, Schiedsspruch 1420); das bern. Ausgreifen über die Alpen (Grimsel, Griespass) blieb aber Episode. Im Alten Zürichkrieg galten die Berner Sympathien v.a. Schwyz. B. versuchte aber mehrmals zu vermitteln (Schiedssprüche 1438, 1440) und griff nach dem Bündnis Zürichs mit Österreich (1442) erst 1444 mit grösseren Mitteln auf der Seite der übrigen Eidgenossen in den Krieg ein. Angesichts der Verbindungen Österreichs zu Frankreich und Burgund galt seine Sorge v.a. der Sicherung des Aargaus. Nach der Schlacht bei St. Jakob an der Birs und den Verhandlungen von Basel und Ensisheim (Elsass) 1444 drängte B. auf Friedensverhandlungen zwischen Eidgenossen, Österreich und Zürich. Infolge der andauernden Kriegslasten brachen im Berner Oberland Unruhen aus (Böser Bund im Berner Oberland), die ein eidg. Schiedsgericht 1446 beilegen konnte. 1448 unternahm B. mit Savoyen mehrere Kriegszüge gegen Freiburg.

Der stürm. Expansion folgte um 1450 eine erste Phase der territorialen und rechtl. Konsolidierung. 1463 teilten B. und Solothurn die 1413 erworbenen Herrschaften Bipp und Bechburg samt der Landgrafschaft Buchsgau; Bipp fiel an B. Die bernisch-solothurnischen Grenzen wurden 1466, 1516 und 1665 festgelegt. Nach der Erneuerung ihres Burgrechts beteiligte B. Freiburg 1454 wieder an der 1423 gemeinsam erworbenen Herrschaft Grasburg, und 1467 kam das freiburg. Gümmenen an B. Von 1408 bis 1470 dauerten versch. Grenzstreitigkeiten mit Luzern. Am Jurasüdfuss und im Seeland erfolgten 1439, 1440, 1452, 1464, 1470 und 1486 Grenzbereinigungen mit dem Fürstbistum Basel, 1443, 1470 und 1491 solche mit Neuenburg. Weitere Erwerbungen und Bündnisbeziehungen verdichteten die Berner Landesherrschaft. So erlangte B. 1474-76 in den Burgunderkriegen die Herrschaften Erlach und Aigle, gemeinsam mit Freiburg zudem Murten, Grandson, Orbe und Echallens.

Der Herrschaftsbereich der Stadt B. wurde im 14.-15. Jh. durch sehr unterschiedl. Rechts- und Besitzansprüche zusammengehalten. Ungewöhnlich früh (2. Hälfte 14. Jh.) erlangte das von 1218/20 an dem dt. König unmittelbar unterstellte B. die Voraussetzungen zur nachmaligen Reichsunmittelbarkeit. Bereits um 1300 unterschied der Rat sorgfältig zwischen dem Reich und der Person des jeweiligen Herrschers (Nichtanerkennung Ludwigs des Bayern). Aufgrund der Handfeste besass B. u.a. das Recht auf eigene Münzen, Masse und Gewichte, deren Verbreitung den wirtschaftl. Einfluss der Stadt belegt. Von Anfang an stand den Stadtbehörden die Gerichtsbarkeit zu. Dem Blutgericht sass der Schultheiss als Vertreter des Reichs vor. 1365 erweiterte Ks. Karl IV. den Jurisdiktionsbereich des Stadtgerichts, und 1398 erhielt B. das Evokationsprivileg. Vom 15. Jh. an amtete der bern. Rat (bzw. ein Ratsausschuss) als Blut- und Appellationsgericht über den grössten Teil des Herrschaftsgebiets. Ihre Landesherrschaft verstand die Reichsstadt B. als Vertretung des Reichs. Nach der königl. Bestätigung der Reichspfandschaften Laupen und Hasli 1348 erhielt die Stadt 1365 das generelle Recht, Reichslehen zu erwerben, 1379 die Erlaubnis, selber Reichsgut weiterzuverleihen. Eine wesentl. Grundlage dieser Landesherrschaft bildeten die Rechte der Landgrafschaft, die B. 1406 rechts der Aare, 1408 im Emmental und 1426 im Buchsgau erworben hatte. 1437 liess sich B. erstmals im gesamten Herrschaftsgebiet einen Untertaneneid schwören (Reispflicht, Friedenswahrung). Von 1458 an benötigten die bern. Twingherren für auswärtige Burgrechte und fremde Kriegsdienste die Zustimmung des Rats, und ab 1459 beanspruchte die Stadt ein Vorkaufsrecht auf deren Gerichtsherrschaften. Das Streben des Rats nach grösseren Herrschaftskompetenzen in den Twingherrschaften führte zum Twingherrenstreit: In der Folge setzte B. in allen ihm nur mittelbar unterstellten Herrschaften die sog. fünf Gebote durch (Anberaumung von Landtagen, Truppenaufgebot und Harnischschau, öffentl. Fuhrleistungen, Besteuerungsrechte, Gerichts- und Polizeikompetenzen).

Im korporativ geordneten bern. Herrschaftsbereich des 14.-15. Jh. waren der Gr. Rat der Stadt B. (oft mehr als 400 Mitglieder) und dessen Regierungsausschuss, der Kl. Rat (27 Mitglieder: amtierender und stillstehender Schultheiss, Seckelmeister, vier Venner, zwei Heimlicher von Burgern, 18 Ratsherren), die oberste polit., rechtl. und militär. Instanz des gesamten Territoriums. Vom 15. Jh. an ergänzten sich die Behörden in den Osterwahlen weitgehend selber; die Stadtgemeinde trat nicht mehr in Erscheinung. Der Rat übte die Landesherrschaft aus über die vier Kirchspiele, die zum Stadtgericht gehörten, ferner über die vier Landgerichte Sternenberg, Seftigen, Konolfingen und Zollikofen, die je einem Venner unterstanden (ortsansässige Freiweibel als Statthalter), sowie über die Landvogteien unter bernburgerl. Verwaltern. Diese Vögte vertraten von ihren Amtssitzen (Schlössern) aus B.s Landesherrschaft, hatten sich aber an das von B. bestätigte lokale Recht (Handfesten der Städte, Landsatzungen) zu halten. Dieses garantierte gewisse herrschaftl. Kompetenzen und eine recht weitgehende Selbstverwaltung. Von der Mitte des 15. Jh. an wurden Volksanfragen durchgeführt. Die allmähl. Auflösung der ma. Sozialordnung durch den geförderten Loskauf Unfreier und die Ausdehnung öffentl. Pflichten auf diese (Wehrdienst, Steuern, Treueid) verstärkten bereits vor der Reformation den Wandel von der städt. Landesherrschaft zum Territorialstaat.

Autorin/Autor: Urs Martin Zahnd

2.3 - Wehrwesen im Spätmittelalter

Grundsätzlich schuldete jeder Bürger der Stadt B. Wehrdienst, auf eigene Kosten, mit eigener Waffe und Ausrüstung. Mit dem Privileg Kg. Sigismunds von 1415 verfügte B. über das Aufgebotsrecht in seinem ganzen Territorium. Eine permanente Truppenorganisation und takt. Gliederung der Streitkräfte bestand nicht. Für die Auszüge hatten die Gesellschaften der Stadt B., die Landstädte und Vogteien ihre Kontingente unter eigenen Hauptleuten und Feldzeichen zu stellen. Um die ungleiche Belastung von Auszügern und nicht Aufgebotenen zu mildern, wurden vom 14. Jh. an durch die Korporationen und Gemeinden Reisgeldkassen angelegt, um ihre Auszüger zu entschädigen. Zu einem grossen Auszug mit dem Banner unter dem Befehl des Schultheissen gehörten im 15. Jh. in der Regel 6'000 Mann, etwa ein Drittel des gesamten Mannschaftspotentials. Ausnahmsweise und in eigener Sache wurden auch Auszüge von 10'000-12'000 Mann ins Feld geschickt. Die oft jahrelangen Abnützungskriege wurden vorwiegend mit Aufgeboten unternehmungslustiger Freiwilliger unter einem Fähnlein geführt, für Garnisonen oft Söldner verpflichtet. Armbrust- und vom 15. Jh. an auch Büchsenschützen zur Verteidigung und Belagerung fester Plätze wurden gefördert (erstmals erwähnt in der Stadtrechnung von 1375). Der Einsatz von Pulvergeschütz auf bern. Seite ist erstmals 1383 im Burgdorferkrieg bezeugt. Das Rossbanner, unter dem die adligen Lehensträger der Stadt B. dienten, hatte nur im Aufklärungs- und Vorpostendienst sowie im Kleinkrieg eine gewisse Bedeutung.

Autorin/Autor: Georges Grosjean

2.4 - Staatsbildung, Regieren und Verwalten in der frühen Neuzeit

Die drei Jahrhunderte bern. Politik zwischen der Reformation und der Helvetik sind geprägt durch den Ausbau und die Festigung der staatl. Herrschaft, durch die militär., aber kampflose Angliederung der Waadt (1536) mit ihren Folgen für die Verwaltung "Welschberns". Gleichzeitig stabilisierten sich das eidg. Bündnisgeflecht und die Position B.s - des grössten Stadtstaats nördlich der Alpen - im entstehenden europ. Staatensystem.

2.4.1 - Das Regiment im Innern

Im 15. Jh. hatten sich die Eingriffe des Rats in kirchl. Angelegenheiten (Klosterzucht, -verwaltung) gemehrt. Nach der Berner Disputation führte die Obrigkeit mit dem Ratsmandat vom 7.2.1528 die Reformation in B. ein und übernahm die ehemalige bischöfl. Gewalt über Kirche, Sittenzucht, Schule und Armenwesen. Die bern. Landeskirche wurde damit zur kräftigen Stütze beim Ausbau des frühneuzeitl. Staats. In aller Schärfe traten die schwelenden Konflikte zwischen den vereinheitlichenden Tendenzen der Obrigkeit und den auf ihre gewachsenen Rechte pochenden Landschaften zutage. Nur mit Mühe gelang es, im Berner Oberland den neuen Glauben durchzusetzen. Die Aufstände im Okt. 1528 wurden niedergeschlagen, führten aber zu äussersten Spannungen mit Obwalden. Dem Machtanspruch der weltl. und geistl. Obrigkeit erteilten auch die Täufer eine grundsätzl. Absage. Trotz härtestem Durchgreifen gelang es der bern. Obrigkeit nicht, dieser Bewegung endgültig Herr zu werden. Besonders im Emmental regten sich bis zum Ende des Ancien Régime immer wieder Täufergemeinden, die brutal verfolgt wurden. Neben die gewachsene polit. Struktur der Landvogteien trat eine straff organisierte kirchl. Verwaltung mit Dekanaten und einer Synode (die allerdings nach 1615 nicht mehr einberufen wurde). In den Kirchgemeinden urteilten Chorgerichte unter dem Vorsitz des Pfarrers über Sitte und Moral.

Im Verlauf des 16. und 17. Jh. sah sich die Obrigkeit vor versch. neue Aufgaben gestellt. Neben dem Ausbau und der Reorganisation des Wehrwesens gaben Armenfürsorge und Wirtschaftspolitik grosse Probleme auf. Die kirchl. Fürsorgeeinrichtungen bzw. ihre säkularisierten Nachfolgeorganisationen genügten den Anforderungen nicht mehr. Das Armenwesen wurde neu den Gemeinden übertragen, und zwar je nach Gegend der Kirchgemeinde oder der Dorfgemeinde. In Verbindung damit wurde das Bürgerrecht neu definiert. In der Stadt B. hatte die Klärung der Bürgerrechtsfrage schon um die Mitte des 17. Jh. ihren Abschluss gefunden: Etappenweise war 1643-51 das städt. Bürgerrecht abgeschlossen worden. Neuzuzüger konnten sich nur noch als Ewige Einwohner oder Habitanten niederlassen. Die städt. Gesellschaften (Zünfte) wurden zu Grundeinheiten der bern. Burgerschaft. Wie den Dorfgemeinden wurde ihnen mit der Bettelordnung von 1676 das Armenwesen übertragen.

Im Zeitalter des Merkantilismus wurde auch in B. die Wirtschaftspolitik zur Aufgabe der Räte. Die 1687 errichtete Kommerzienkammer (ab 1695 Kommerzienrat) suchte durch Eingriffe in den Waren- und Geldverkehr die Landesversorgung sicherzustellen. Nur geringen Erfolg hatten die zahlreichen Versuche, gewinnversprechende Gewerbe und Manufakturen - wie z.B. die Seidenindustrie - ins Land zu ziehen. Kapitalmangel und die Dominanz agrar. Investitionen konnten nicht überwunden werden. Hingegen gelang es durch eine langfristige Vorratshaltung, Krisen der landwirtschaftl. Produktion wenn nicht zu vermeiden, so doch zu dämpfen.

Auf dem Hintergrund der wachsenden Staatsaufgaben bildete sich vom 16. Jh. an ein eigentl. Magistratenstand aus, der sich gegenüber der übrigen Bürgerschaft mehr und mehr abschloss. Die endgültige Schliessung des Bürgerrechts 1651 bildete die Grundlage für die Ausbildung eines aristokrat. Regierungssystems (Patrizische Orte), in dem sich nur wenige Familien die einträgl. Ämter teilten. Die Gemeindeversammlung wurde im 16. Jh. nur noch selten, später überhaupt nicht mehr einberufen. Die Abschliessung des Bürgerrechts hatte zur Folge, dass sich der Kreis der regimentsfähigen Familien (1650 540, 1784 243) zunehmend verkleinerte. Zaghafte Reformen in den letzten Jahren des Ancien Régime vermochten die Machtkonzentration nicht aufzubrechen: Ein ausgeklügeltes Kooptationssystem garantierte die Kontinuität der Geschlechter im Gr. Rat, und nur Grossräte konnten die höhere Ämterlaufbahn einschlagen. Der Gr. Rat, auch Rat der Zweihundert genannt, zählte vollständig 299 Mitglieder und wurde nach 1683 nur etwa alle zehn Jahre ergänzt, wenn die Zahl der Grossräte unter 200 gesunken war. Die Selbstergänzung erlaubte es, die bestehende Geschlechterherrschaft (Patriziat) durch Wahlabsprachen stabil zu halten. Fünfzig bern. Landvogteien und mehrere Vogteistellen in den Gemeinen Herrschaften sowie zehn Direktionsposten in der Verwaltung (z.B. Bau-, Salzdirektor) bildeten das wirtschaftl. Rückgrat der Magistratur, der sich das Patriziat immer ausschliesslicher widmete. Ein kompliziertes System von Wahl und Los sollte dem Ämterkauf entgegenwirken. Nur die Einkünfte aus dem Grundbesitz galten neben den Staatsgeschäften und dem Kriegsdienst als standesgemässe Lebensgrundlage.

Das Verhältnis zwischen dem Gr. und dem Kl. Rat, dem eigentl. Führungsgremium des Staats, war nicht spannungsfrei. Wiederholt kam es zu Kompetenzstreitigkeiten, die nie völlig ausgeräumt werden konnten. Als 1681 das wachsende polit. Übergewicht des Kl. Rats in Frage gestellt wurde, kam es zu einer grundsätzl. Klärung der Kompetenzen. Die Souveränität wurde dem Gr. Rat zugesprochen, die Macht des Kl. Rats und der zuvor allmächtigen Vennerkammer (bestehend aus den Vennern und den Seckelmeistern) entscheidend eingeschränkt. In einer grossen Zahl von Kommissionen, Räten und Ausschüssen - zeitweise mehr als 40 - wurden die Fachgeschäfte vorbereitet und den Räten zur Entscheidung vorgelegt. Vom 18. Jh. an gewann der Geheime Rat, ein Ausschuss des Kl. Rats, an Gewicht, besonders in der Führung auswärtiger Angelegenheiten.

Aristokratisierung und Professionalisierung der Politik gingen einher. Der von den Regierungsgeschäften faktisch ausgeschlossenen Bürgerschaft blieb im öffentl. Bereich nur der Zugang zu den Pfarrstellen und untergeordneten Beamtungen offen. Die latente Unzufriedenheit mit der Verfassungsentwicklung brach 1749 in der schlecht geplanten und sofort niedergeschlagenen Henzi-Verschwörung auf, als einige zurückgesetzte Bürger gewaltsam die gleichmässigere Verteilung der städt. Privilegien innerhalb der Bürgerschaft durchsetzen wollten.

Trotz grosser Anstrengungen in einzelnen Gebieten gelang es der Stadt nicht, in der Landschaft einheitl. Verwaltungsstrukturen durchzusetzen. Die Vielfalt der Herrschaftsverhältnisse und der landschaftl. Partikularrechte blieb bestehen. Neben den Munizipalstädten mit weitreichender Selbstverwaltung und eigener Oberschicht (z.B. Burgdorf) bestanden verschiedenste Abstufungen lokaler Selbstverwaltung unter der Oberhoheit der Stadt B. bzw. des bern. Landvogts. Der Widerstand gegen neue Abgaben und Vereinheitlichungsmassnahmen blieb durch das ganze Ancien Régime hindurch ungebrochen. An der Einführung einer Wehrsteuer entbrannten 1641 besonders im Emmental und im Amt Thun Aufstände, die nur nach grossen Zugeständnissen B.s beigelegt werden konnten.

Der Bauernkrieg von 1653 war zugleich Höhepunkt und Abschluss der zweihundertjährigen Auseinandersetzung um die Partikularrechte im bern. Staat. Es war das letzte Mal, dass ein landständ. Element in die Verfassungsdiskussion des Ancien Régime getragen wurde. Der blutig niedergeschlagene Aufstand zeigte sowohl die Grenzen landschaftl. Autonomiestrebens wie auch jene einer obrigkeitl. Modernisierung der polit. Strukturen auf. Der einsame Aufstand des Majors Jean Daniel Abraham Davel 1723 in der Waadt war ein spätes Echo dieser Auseinandersetzung. Er stiess bei Regierung wie Untertanen auf Ablehnung und Unverständnis.

In der 2. Hälfte des 18. Jh. wandelte sich das Regierungsverständnis bei Obrigkeit und Untertanen von Grund auf: Der unpersönliche Staat ersetzte auch in B. das Bild der christlich-landesväterlichen Obrigkeit. Die steigenden Anforderungen an den Staat und an seine Verwaltung, v.a. auf dem Gebiet des Armenwesens, gerieten in Widerspruch zum althergebrachten Prinzip des sparsamen Haushaltens. Die sich konstituierende polit. Öffentlichkeit der Aufklärung forderte ihre Rechte. Die Diskussion um den Staat und seine Zukunft wurde in Zirkeln, Salons und Gesellschaften (Sozietäten) zum selbstverständlichen polit. Engagement, an dem sich nicht nur die Patrizier, sondern auch die reichen und gebildeten Kreise der grossen und kleinen Städte beteiligten. Besonders im Aargau und in der Waadt entstand in den Jahrzehnten vor der Revolution eine neue Elite von Unternehmern, die ihren Anspruch auf eine Machtbeteiligung nicht mit überlieferten Partikularrechten begründeten, sondern mit dem naturrechtlich abgestützten Hinweis auf Besitz und Bildung. Polit. Machtverhältnisse und Wirklichkeit des Ancien Régime klafften immer weiter auseinander. Zwar anerkannte man allgemein die weitgehende Unbestechlichkeit, Fachkompetenz und Rechtschaffenheit der meisten Magistraten, lehnte aber die paternalist. Wirtschaftsordnung, die allgegenwärtige - wenn auch wenig effiziente - Zensur und kirchl. Bevormundung sowie die krasse Privilegierung einiger weniger Familien ab. Im Guten wie im Schlechten wurde B. in ganz Europa zum Inbegriff des aristokrat. Ancien Régime.

Der Ausbruch der Franz. Revolution stiess in den bern. Untertanengebieten auf grosse Resonanz. Unruhen in der Waadt, besonders 1791, die Bedrohung der Nordgrenzen ab 1792 und die schleichende Desintegration bedrohten das Ancien Régime im Kern. Für die Anhänger der Revolution wurde B. zum eigentl. Symbol der alten Ordnung. Nachdem 1797 die Schweiz nach dem Frieden von Campoformio ins Visier der franz. Kriegspolitik geraten war, zerfiel der bern. Staat innert weniger Monate. Am 2.2.1798 wurde der Gr. Rat durch 52 Abgeordnete der Landschaft ergänzt und eine neue Verfassung in Angriff genommen. Freiheitsbewegungen in der Waadt und im Aargau, Unruhen in Stadt und Land und die direkte Bedrohung durch die franz. Armeen erlaubten aber keine Erneuerungen mehr. Am 5.3.1798 wurde die Stadt B. nach den Schlachten bei Neuenegg und am Grauholz von franz. Truppen besetzt (Franzoseneinfall).

Autorin/Autor: François de Capitani

2.4.2 - Bern in der Eidgenossenschaft

Die Spaltung der Eidgenossenschaft in zwei konfessionelle Blöcke bestimmte nach der Reformation auch B.s eidg. Politik. Zusammen, teils aber auch in Rivalität mit Zürich (Tessiner Refugianten im 16. Jh.) kontrollierte B. weitgehend das Bündnissystem zwischen den ref. Orten. Nach den krieger. Auseinandersetzungen zwischen Reformierten und Katholiken in den beiden Kappelerkriegen (Landfriedensbünde) liess sich kein Konsens mehr über die Reform des Bündnissystems finden. Reformversuche im 17. Jh. scheiterten: Im 1. Villmergerkrieg 1656 unterlagen B. und Zürich den kath. Orten der Innerschweiz; eine tief greifende Erneuerung der eidg. Bünde war damit unmöglich geworden. Letztmals im Ancien Régime standen sich die konfessionellen Blöcke 1712 im 2. Villmergerkrieg gegenüber. Der Sieg der Reformierten änderte an der grundsätzl. Problematik der erneuerungsbedürftigen Bündnisse nichts, sondern verschob nur unwesentlich die Anteile an den gemeinen Herrschaften. Die überkommene Bundesstruktur stand im 18. Jh. immer deutlicher im Widerspruch zur fakt. Dominanz der Städte B. und Zürich in der Führung der Bundespolitik. Die Bedrohung im Dreissigjährigen Krieg, die Entlassung aus dem Reich im Westfäl. Frieden von 1648 und die franz. Expansionspolitik im Westen liessen B. eine Vorkämpferrolle für die eidg. Defensionalordnungen von 1647 und 1668 einnehmen.

Wichtiger als gesamteidg. Regelungen wurden allerdings bilaterale Unternehmungen. So bildeten die gemeinsame Erwerbung der Grafschaft Greyerz durch B. und Freiburg 1555 oder die Einigung mit dem Fürstbf. von Basel im Bieler Tauschhandel von 1599 über die Einflusssphären in Biel und im Gebiet der Propstei Moutier-Grandval die Grundlage für ein stabiles polit. System im südl. Jura. Das gemeinsame Interesse der Städte gegenüber unruhigen Untertanen bewirkte im ganzen Ancien Régime über konfessionelle Schranken hinweg eine besonders enge Zusammenarbeit B.s mit Luzern, Freiburg, Solothurn und dem Fürstbf. von Basel. Vom Stanser Verkommnis von 1481 über die Bauernkriege des 16. und 17. Jh. bis zu den vorrevolutionären Aufständen des ausgehenden 18. Jh. bildete diese Herrschaftssolidarität ein wichtiges Band der eidg. Politik B.s. Die Bündnistreue war gekennzeichnet von polit. Vermittlung und militär. Unterstützung. Nach der Eroberung der Waadt 1536 verband ein enges Bündnis auch die Stadt Genf mit B. Der Schutz der ref. Rhonestadt vor den Ansprüchen Savoyens wurde zu einer zentralen Aufgabe bern. Bündnispolitik. Das starke Engagement B.s im Westen und seine Bündnisse mit den ref. Städten Genf, Neuenburg, Biel und Mülhausen im Umfeld seines Machtgebiets stärkten seine Stellung innerhalb der Eidgenossenschaft. Sie erschwerten aber auch jede Reform der eidg. Bünde. B. wurde zum wichtigsten Ordnungsfaktor im westl. Gebiet der Eidgenossenschaft. Dies führte besonders bei seinem wiederholten militär. Eingreifen in die Genfer Revolutionen des ausgehenden 18. Jh. zu Spannungen. Ebenso belastet war die Beziehung zum 1707 an Preussen gefallenen Fürstentum Neuenburg, wo B. im Konflikt zwischen der Stadt und dem preuss. König 1768 vermittelnd intervenierte.

Autorin/Autor: François de Capitani

2.4.3 - Bern und das europäische Staatensystem

Die bern. Westpolitik war durch die Auseinandersetzungen mit Savoyen und Frankreich bestimmt. Die Eroberung der Waadt, des Pays de Gex und von Teilen des Chablais 1536 führte zu wiederholten Waffengängen. 1564 verlor B. im Lausanner Vertrag seinen Anteil am Chablais und die Vogtei Gex an Savoyen. Zu einem dauerhaften Frieden mit Savoyen kam es jedoch erst 1617. Nach der Abtretung des Pays de Gex 1601 an Frankreich grenzte die Eidgenossenschaft erstmals an die westl. Grossmacht, die durch den Erwerb des Elsasses 1648 und der Freigrafschaft Burgund 1674 für B. noch an Bedeutung gewann. Die wirtschaftl. und polit. Annäherung an Frankreich bestimmte in der Folge die bern. Aussenpolitik. Die Allianz von 1668 mit Frankreich, 1777 erneuert, bildete einen Eckstein der eidg. Politik und ihrer Integration in das entstehende europ. Staatensystem. Bei aller Nähe zu Frankreich suchte man doch sorgfältig die Distanz zu wahren. Im Neuenburgerhandel 1699 und im Span. Erbfolgekrieg 1701-14 widersetzte sich B. vehement den franz. Expansionsgelüsten. Verbindungen mit England und den Niederlanden sollten ein Gegengewicht gegen die oft bedrohl. Stärke Frankreichs bilden. Als wichtiges Instrument der bern. Politik erwiesen sich die Anleihen, die B. den Niederlanden, England, dt. Städten und Fürsten, nicht aber Frankreich gewährte. Sie dienten nicht nur der einträgl. Anlage des bern. Staatsschatzes, sondern ebenso sehr der Stärkung eines polit. Gleichgewichts in Europa. Bis zur Revolutionszeit blieb B. im 18. Jh. - wie die übrige Eidgenossenschaft - im Schatten der grossen europ. Auseinandersetzungen. Neben der engen Verbindung zu Frankreich bildete die weltweite Solidarität mit den ref. Glaubensbrüdern eine weitere Konstante der bern. Politik. Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 fanden mehrere tausend Hugenotten im Land Aufnahme; eine ungleich grössere Zahl (ca. 45'000) passierte bern. Gebiet auf der Durchreise. Auch für die vertriebenen Waldenser aus dem Piemont setzte sich B. ein. Schottland, die Niederlande und Ungarn waren die Eckpunkte in diesem ref. Beziehungsgeflecht.

Autorin/Autor: François de Capitani

2.5 - Wehrwesen im Ancien Régime

Vom 16. bis 18. Jh. vollzog sich der Wandel vom Kontingentsheer, das im regionalen Denken verhaftet war, zur bern. Staatsmiliz. Begleitet war er von der Entwicklung vom ungegliederten Schlachthaufen mit Spiess und Halbarte zur kunstvollen Lineartaktik mit der Feuerwaffe, die ein Exerzieren auch in Friedenszeiten verlangte. Die Wahrung der Neutralität erforderte während der mehrjährigen Kriege zwischen den europ. Grossmächten statt mächtiger, kurzzeitiger Aufgebote einen langdauernden Bereitschaftsdienst, auch ausserhalb bern. Gebiets. Die Besoldung aus dem Reisgeld und die Gewohnheit, zum Auszug nur sesshafte "Hausväter" einzuteilen, eigneten sich dafür nicht. Zudem hatten die durch ein Teilaufgebot belasteten Landesteile auch noch die Kosten zu tragen, und die rasche Mobilmachung grösserer Truppenkörper verlangte regionale Rekrutierungen. Die grossen Auszüge aus ungleichen Kontingenten unter der beschränkten Befehlsgewalt des Berner Schultheissen versagten in den Kriegen des 16. Jh.

Nach einer längeren Reformphase war 1610 die Mannschaft des Auszugs in vier Freifähnchen zu 300 Mann sowie in zwei grossen Auszügen von 6'000 Mann organisiert. Jeder der 13 Rekrutierungsbezirke stellte ein Fähnchen von aus dem Reisgeld besoldeten "Hausvätern", zusammen 13'200 Mann. Die Truppenordnung von 1628-29 bildete aus dieser Zahl sechs regional rekrutierte Regimenter von "Hausvätern", zusammen 66 Kompanien zu 200 Mann; die Hälfte davon waren Musketiere. 1651 wurde die nicht im Auszug eingeteilte Mannschaft in 118 Mannschaftskompanien organisiert. Mit zunehmender Bevölkerungszahl wurden ab 1667 aus jungen, ledigen Männern weitere Regimenter aufgestellt, die bei Mobilmachung aus dem Stadtsäckel besoldet und aus Zeughäusern mit dem neuen Steinschlossgewehr ausgerüstet wurden. So bestand die bern. Infanterie 1721 aus sechs Auszugsregimentern (13'200 Mann), acht Füsilierregimentern (9'600 Mann), dem Sukkursregiment für Genf in der Waadt (1'014 Mann) sowie den 118 Mannschaftskompanien (21'000 Mann) der Territorialtruppe. Im 2. Villmergerkrieg waren alle Truppen des Auszugs aus der Staatskasse besoldet, uniformiert und mit dem Steinschlossgewehr ausgerüstet. Im Feld erhielt das Heer eine neue takt. Gliederung in Bataillone und Brigaden, was dem 1656 geschaffenen dreizehnköpfigen Kriegsrat (Vorsitzender, vier Kleinräte, acht Grossräte) erlaubte, tüchtige, aus fremden Diensten heimgekehrte Offiziere mit einem höheren Kommando zu betrauen. Die mühsam nach 1668 aufgrund der allg. Wehrpflicht aufgestellte Kavallerie blieb wenig tauglich.

Gegen Ende der Friedenszeit des 18. Jh., in welcher viel und umständlich experimentiert und reorganisiert wurde, präsentierte sich das bern. Heer folgendermassen: Das Staatsgebiet war in 21 Regimentskreise eingeteilt, von denen jeder zwei "ausgezogene" oder "Selectbataillone" (je ein Grenadier- und Musketierbataillon) zu 500 Mann stellte. Diese bildeten zusammen das "kleine Regiment". Der Auszug oder die "regulierte Miliz" bestand aus den 21 "kleinen Regimentern" (total 21'000 Mann), den selbstständigen Bataillonen von Büren an der Aare und Avenches (1'000 Mann), 14 Jäger- und acht Scharfschützenkompanien (2'434 Mann), vier Dragonerregimentern (ca. 1'000 Mann), 24 Artilleriekompanien (1'960 Mann), dem Ingenieurkorps und der Besatzung der Genfersee-Flottille - insgesamt rund 28'000 Mann. An Artilleriematerial lagen 1790 in den Zeughäusern und Schlössern des Landes 499 Geschütze versch. Alters und unterschiedl. Qualität. Einen besonderen Ruf genossen um die Mitte des 18. Jh. die Rohre der Fam. Maritz aus Burgdorf. Die Dragoner erfüllten die in sie gesetzten Erwartungen nicht; das Artilleriepersonal dagegen galt als hervorragend. Bei drohender Gefahr konnten aus der übrigen Mannschaft der Regimentskreise noch je vier Füsilierbataillone (insgesamt 48'000-50'000 Mann) formiert werden, die aber nicht die Qualität der "Selectbataillone" erreichten. Die gesamte eingeschriebene, dienstpflichtige, bewaffnete und tageweise auf den Exerzierplätzen gedrillte Miliz umfasste Ende des 18. Jh. 78'000-80'000 Mann, was etwas weniger als einem Fünftel der Bevölkerung des Staats B. entsprach.

Autorin/Autor: Georges Grosjean

3 - Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur vom Hochmittelalter bis ins 18. Jahrhundert

3.1 - Bevölkerungs- und Siedlungsentwicklung

Im Gebiet des heutigen Kt. B. wuchs die Bevölkerung in der klimat. Gunstphase von 1000-1300 mehr oder weniger kontinuierlich an. Ausdruck dieser Expansion ist die Gründung einer Kette von befestigten Plätzen und Marktorten am Jurasüdfuss und im Seeland (u.a. La Neuveville, Le Landeron, Erlach, Aarberg, Nidau, Büren und Wangen an der Aare, Wiedlisbach) sowie entlang der Stufe zwischen tieferem und höherem Mittelland (Murten, Oltigen, Gümmenen, Laupen, B., Burgdorf). In der Herrschaft Erlach überlagerte eine deutschsprachige Besiedlung die französischsprachige burgund. Bevölkerung. Nach 1300 besiedelten Walser das hintere Lauterbrunnental (u.a. Gimmelwald, Mürren) vom Lötschental her. Im 14. Jh. ging die Bevölkerung als Folge einer Klimaverschlechterung und der Pestzüge längerfristig zurück. Ein Teil der ländl. Bevölkerung wanderte in die Städte ab, Ackerland wurde als Weide genutzt, der Wald drang vor. So häuften sich z.B. im Einflussgebiet des Klosters St. Urban in der 2. Hälfte des 14. Jh. Wüstungserscheinungen: V.a. ertragsärmere Böden in Randlagen wurden aufgegeben, Kleinsiedlungen verödeten. Viele spät gegr. Städtchen verloren in einem entvölkerten Umland ihre kaum gewonnenen Zentrumsfunktionen. Im Berner Oberland war der demograf. Rückschlag wohl weniger schwerwiegend als im Mittelland. Im 15. Jh. war das Gebiet des Kt. B. weniger dicht besiedelt als dasjenige der benachbarten Kantone. Die Rekultivierung zuvor wüstgefallener Flächen, Güterteilungen, vermehrte Nutzungskonflikte, Rodungen im höheren Mittelland sowie die Landnahme in den Schachen (Auwäldern) des Emmentals deuten darauf hin, dass die Bevölkerung nach 1450 und v.a. in der klimat. Gunstphase 1530-64 kräftig anwuchs: 1499-1559 nahm die Zahl der Feuerstätten in den emmental. Ämtern jährlich um 1,4% zu. Im Zuge steigender Bevölkerungszahlen wuchs neben dem ländl. Bauern- und dem städt. Handwerkerstand v.a. die Schicht von landarmen und landlosen Kleinhandwerkern, Taunern und Armengenössigen. Um der Not dieses ländl. Proletariats zu steuern, bewilligte die bern. Obrigkeit in den 1560er und 70er Jahren Ausbausiedlungen in Allmend- und Waldgebieten.

Bis ins 18. Jh. muss die Bevölkerungsentwicklung geschätzt werden. Wichtigste Grundlagen dafür sind für den sog. Alten Kantonsteil Feuerstättenzählungen (1499, 1558/59, 1653), für den heutigen Südjura die Haushalt- und Mannschaftsverzeichnisse des Fürstbistums Basel. 1558/59 dürften im Alten Kantonsteil 58'000-64'000 Einw. gelebt haben. 1565-1630 häuften sich als Folge einer Klimaverschlechterung kalte Frühjahrsperioden und nasse Sommer. Zudem wurde B. mehrmals (1564-67, 1577, 1583, 1628-30, 1669-70) von der Pest heimgesucht, bevor Quarantänemassnahmen ihre weitere Einschleppung verhinderten. Daher wies das Kantonsgebiet (in den Grenzen von 1980) 1653 erst 110'000-120'000 Einw. auf. In der Folge wechselten klimabegünstigte Wachstumsphasen (1654-88, 1720-40) mit Phasen des Rückgangs (Teuerung 1688-94) und der Stagnation (1740-70) ab. Die Auswanderung ins Elsass (nach 1650 in die Grafschaft Hanau-Lichtenberg), Ende des 17. Jh. nach Brandenburg und im 18. Jh. nach Carolina (1710 Gründung von New Berne) zog ebenso wie die fremden Dienste keine nennenswerten Bevölkerungsverluste nach sich; die Bevölkerungszahl von 1730 wird für das Kantonsgebiet in den Grenzen von 1980 auf 193'000 Seelen geschätzt. Durch eine Ruhrepidemie, die 1750 5% der Bevölkerung, meist Kinder und Jugendliche, dahinraffte, fiel B. gegenüber den Nachbargebieten bis um 1800 im Wachstum zurück. Die nach 1760 spürbaren Auswirkungen der Epidemie (Mangel an Arbeitskräften und Wehrfähigen) wurden als Zeichen zunehmender Entvölkerung gedeutet. Sie veranlassten die Obrigkeit 1764 zur Durchführung der ersten Volkszählung, die (einschliesslich der geschätzten Zahlen für den südjurass. Kantonsteil) 200'000 Einw. auswies. In den Grenzen von 1764 zählte der Kt. B. 323'008 Einw., wovon 112'346 in der Waadt und 40'276 im Berner Aargau. Nach 1770 beschleunigte sich das Wachstum bis zur Helvetik (1798 231'768 Einw.), v.a. durch zunehmende innerehel. Fruchtbarkeit. Die Verluste durch Wanderung in die damals bern. Waadt, ins Fürstentum Neuenburg und ins Fürstbistum Basel blieben gering. Die geogr. Mobilität wurde durch erschwerten Liegenschaftenerwerb sowie durch Einzugs- und Hintersassengelder wirkungsvoll kontrolliert; Almosenempfängern wurde die Eheschliessung ab 1743 aus sozialpolit. Gründen verweigert.

Die Bevölkerungsentwicklung verlief regional unterschiedlich. Im Südjura stagnierte sie von 1722/23-70/71. Gegen Ende des 18. Jh. stiegen die Geburtenüberschüsse an (Uhren-Heimindustrie im heutigen Amtsbez. Courtelary), doch wurde das Wachstum durch Abwanderung gedämpft. Die heimindustrielle Durchdringung des Oberaargaus äusserte sich im 18. Jh. in einer relativ hohen Bevölkerungsdichte. Das Emmental wies bei einem etwas tieferen Heiratsalter und überdurchschnittl. Fruchtbarkeit die höchsten Geburtenüberschüsse, die höchste Bevölkerungsdichte und eine kontinuierl. Abwanderung auf, die vorwiegend in andere Gebiete des Kt. B. führte. Das Berner Oberland war nach relativ geringen Bevölkerungsverlusten im 14. Jh. in den militär. Aufgeboten des 15. Jh. überdurchschnittlich vertreten. 1500-1764 wies es eine höhere jährl. Wachstumsrate (6,6o/oo) auf als die mittelländ. Landesteile (5,2o/oo). 1764-98 war die Wanderungsbilanz annähernd ausgeglichen. Das im 16. Jh. erst schwach besiedelte Seeland erlebte nach 1653 einen überdurchschnittl. Zuwachs an Feuerstätten und Einwohnern im Sinne eines "Nachholeffekts".

Autorin/Autor: Christian Pfister

3.2 - Wirtschaft

3.2.1 - Die Wirtschaftsräume

Über den gesamten Zeitraum hinweg war der überwiegende Teil der Menschen in der Landwirtschaft tätig. Agrarprodukte machten den Hauptanteil der Exporte sowie (in Form von Zehnten) der Staatseinnahmen aus und bildeten auch die Rohstoffe für das Gewerbe. Entsprechend eng waren die drei hist. Wirtschaftsräume an die agrar. Nutzungssysteme gebunden: In den Ebenen des tieferen Mittellandes dominierte der Getreidebau in Form der Dreizelgenwirtschaft, in Gunstlagen (v.a. an den Seen) als arbeitsintensive Sonderkultur der Rebbau. Im Gebiet der Feldgraswirtschaft, d.h. im höheren Mittelland und in den Juratälern, trat die Viehwirtschaft stärker hervor. Das Landnutzungssystem im Alpengebiet schliesslich war auf die Viehwirtschaft zugeschnitten; dem Ackerbau kam hier - wie dem Gartenbau in allen Regionen - eine Hilfsfunktion zu. Neben den befestigten Kleinstädten hatten ländl. Marktflecken Zentrumsfunktion für den Warenaustausch ganzer Regionen des höheren Mittellandes, des Voralpen- und Alpenraums. Die ältesten waren die bereits im SpätMA bezeugten Märkte von Aarwangen und Herzogenbuchsee im Oberaargau, Langnau im Emmental, Wattenwil im Gürbetal, Aarmühle (Interlaken) im Bödeli, Meiringen im Oberhasli, Frutigen, Saanen und Château-d'Œx im Frutig- und Saanenland. Am bedeutendsten waren jene in Langnau und in Langenthal (1571 errichtet). Dreizehn weitere Märkte wurden von der bern. Obrigkeit zwischen 1500 und 1700 bewilligt; allein zehn davon im Berner Oberland. Sie dienten v.a. dem Viehhandel und wurden von Händlern aus dem Unterland und dem Wallis (Welschlandhandel) aufgesucht.

Autorin/Autor: Christian Pfister

3.2.2 - Landwirtschaft

Im Verlauf des Landesausbaus in der grundherrschaftl. Blütezeit des 11.-13. Jh. setzte sich der Getreidebau im Dreizelgensystem durch, wo dies von den naturräuml. Gegebenheiten her möglich war. Für den Ackerbau ungeeignet blieben u.a. die Torfböden des Grossen Mooses, die im Hoch- und SpätMA trocken lagen und nur zur Grasgewinnung und als Weide genutzt wurden. Tal- und Berglandwirtschaft unterschieden sich vorerst kaum: Der Getreidebau in Verbindung mit bescheidener Grossvieh- und dominierender Kleinviehhaltung reichte bis in grosse Höhen hinauf; die Alpweiden wurden vorwiegend durch Schafe genutzt. Im Alpenraum traten Getreidebau und Kleinviehzucht nach 1450 zugunsten der Rindviehhaltung zurück: So breitete sich im Simmental zwischen 1515 und 1576 der Grasbau im Tal auf Kosten des Ackerbaus aus; Heualpen wurden in Sömmerungsweiden umgewandelt. Auch im Frutigland, in den Lütschinentälern und v.a. im Saanenland verlor der Getreidebau, auf kleinen Parzellen mit Hacke und Sichel betrieben, etwas an Boden. Bedeutender blieb er in der nördl. Randzone des Oberlands und im Oberhasli. Überall im Alpenraum wich das Getreide vom frühen 18. Jh. an teilweise der Kartoffel. Vom späten 16. Jh. an wurde Hartkäse v.a. im Saanenland und durch Küher auf den Emmentaler Alpen hergestellt. Im höheren Mittelland wurden Wies- und Weideland vom späten 14. Jh. an auf Kosten des Ackerlands ausgedehnt, vorhandene Dreizelgenwirtschaften durch die Aufteilung von Allmenden zu privatem Weideland aufgelöst. In der Folge brachte der Getreidebau dank besserer Düngung höhere Erträge. Im heutigen Amt Aarwangen breiteten sich um 1500 Wässermatten auf Kosten der Äcker aus. In manchen Gebieten des höheren Mittellandes waren die Getreidezelgen im 17. und 18. Jh. mit umzäunten und individuell genutzten Einschlägen (Bünten) durchsetzt. Im tieferen Mittelland veränderte sich die Landnutzung bis um 1750 kaum. Die von der Ökonom. Gesellschaft propagierten Reformen zur Überwindung der Düngerlücke begannen sich von 1760 an mit Unterstützung der aufgeklärten Obrigkeit im Rahmen der geltenden gemeindl. Rechtsordnungen schrittweise durchzusetzen. Zu den Reformen gehörten die Aussaat Stickstoff bindender Ackerfutterpflanzen, die Stallfütterung, der Anbau der Brache, die Aufteilung der Allmenden und die Vermehrung der Grossviehbestände. Die viehwirtschaftl. Produktion konnte ohne Rückgang der Getreideproduktion ausgedehnt werden. Die Entwicklung der Zehnteinkünfte als Indikator der Getreideproduktion zeigt Übereinstimmungen zwischen versch. Teilen des bern. Mittellandes und offensichtl. Parallelen zur Bevölkerungsentwicklung: Zunahme bis 1585, Rückgang 1586-1600, Stagnation bis 1670 (im Emmental bis 1650), Zuwachs bis um 1740 (im Emmental bis 1750), erneut Stagnation bis um 1800. Im Seeland fluktuierten die Zehnten vom 16. bis 18. Jh. auf langfristig konstantem Niveau. Die Kartoffel, die zunächst in höheren Lagen als Vieh-, Armen- und Notnahrung diente, fasste im Verlauf des 18. Jh. auch im Mittelland Fuss, v.a. in Gärten und Allmenden, denen als Ressource zur Armenversorgung eine wichtige soziale Funktion zukam.

Während des ganzen SpätMA und in der frühen Neuzeit deckte die Getreideproduktion aus dem bern. Herrschaftsbereich in Normaljahren den Eigenbedarf; meist konnten sogar Überschüsse ausgeführt werden. Nur nach schweren Missernten sah sich die Obrigkeit genötigt, durch Kornkäufe im benachbarten Ausland die Versorgung Not leidender Landesteile mit Brotgetreide sicherzustellen. So sind im frühen 15. Jh. überregionale Getreideimporte ins Berner Oberland und Exporte von Molkenprodukten nur im Zusammenhang mit Teuerungen fassbar.

Autorin/Autor: Christian Pfister

3.2.3 - Eisen, Salz, Holz

Die vom 14. Jh. an genutzten, qualitativ minderwertigen Eisenerzvorkommen im Oberhasli und das vom späten 16. Jh. an im hinteren Lauterbrunnental gewonnene Eisenerz, Blei und Zinkerz reichten für den Bedarf nicht aus; ihre Verhüttung setzte dem Wald arg zu. Die Salinen bei Bex deckten vom frühen 18. Jh. an nur die Nachfrage in der Waadt und im Berner Oberland. Stets mussten Salz und Eisen (beide meist aus der Freigrafschaft Burgund) importiert werden. Die Erträge aus dem Salzmonopol machten einen bedeutenden Teil der Staatseinnahmen aus. Über die Aare wurde die Hauptstadt per Schiff und Floss mit Bau- und Brennholz aus dem Berner Oberland versorgt. Über die Emme wurden bedeutende Mengen Holz bis nach Basel und weiter rheinabwärts exportiert. Mit Blick auf die Erhaltung der Wälder und den Hochwasserschutz schritt die Obrigkeit v.a. im 18. Jh. wiederholt dagegen ein.

Autorin/Autor: Christian Pfister

3.2.4 - Handwerk, Gewerbe, Protoindustrie und Unternehmertum

Da den stadtbern. Zünften (bzw. Gesellschaften, wie sie vom 14. Jh. an in B. hauptsächlich genannt wurden) keine polit. Rolle zukam, vermochten sie die im Grundsatz anerkannte Privilegierung des städt. Gewerbes gegenüber der Landschaft nicht durchzusetzen. Nach 1550 bildeten sich ländl. Zünfte aus hauptberufl. Meistern aus, die sich mit Ausbildungsnormen und Wettbewerbsbeschränkungen gegen die Konkurrenz gewerblich tätiger Taglöhner zu schützen suchten. Das Aufblühen der Landwirtschaft im 18. Jh. begünstigte die Verdichtung eines im Oberaargau und im Emmental schon im 16. Jh. nachgewiesenen ländl. Mischgewerbes. Die verschiedenen gewerbl. Tätigkeiten wechselten oft saisonal und waren eng mit der Landwirtschaft verbunden. 1798 lag die Dichte des ländl. Gewerbes mit 103 Handwerkern auf 1'000 Einw. im Kt. B. weit über schweiz. und europ. Vergleichswerten.

Einziges bedeutendes bern. Exportgewerbe war bis ins 16. Jh. die Gerberei, die neben einheim. auch importierte Häute (v.a. von Schafen) zu Leder verarbeitete. Dagegen scheiterten die von der 2. Hälfte des 15. Jh. an wiederholten Anstrengungen zum Aufbau eines exportorientierten Wollgewerbes. 1687 entfiel ein Drittel des Importvolumens wertmässig auf Textilien. Erfolglos versuchte die im gleichen Jahr gebildete Kommerzienkammer unter den kurzfristig aufgenommenen hugenott. Flüchtlingen Unternehmer längerfristig zum Aufbau von Seiden- und Wollmanufakturen zu verpflichten. Die aufgrund der besonderen Böden und klimat. Gegebenheiten der Schweiz selbst bei geeigneten Schafrassen schlechte Qualität der Wolle erlaubte nur die Herstellung grober Tuche für die einfache Alltagskleidung.

Im 18. Jh. lösten das Emmental und der Oberaargau die Stadt St. Gallen als Zentrum der Leinwandproduktion ab: Der Rohstoff Flachs wurde von der ländl. Bevölkerung selber in Heimarbeit zu Garn versponnen. Dieses wurde meist auf Lohnbasis zu Tuchen verwoben, die auf dem Langenthaler Markt zum Verkauf gelangten, wo sie ab 1758 einer Qualitätsprüfung durch Tuchmesser unterlagen. Im 18. Jh. fassten auch der Zeugdruck in der Stadt B. und die Indiennedruckerei in B. und Biel Fuss. Der Zulieferbereich der Baumwollweberei dehnte sich in den Oberaargau, jener der Basler Seidenbandweberei ins Münstertal (Webstühle) und ins Amt Thun (Schappespinnerei und Seidenkämmelei) aus. Zu einem eigenständigen Exportgewerbe stieg die Handstrickerei und Wirkerei von Handschuhen, Kappen und Strümpfen auf.

Der Fernhandel versorgte das bern. Staatsgebiet mit Textilien, Metallwaren, Salz, Wein, Zucker und Gewürzen und stellte den Absatz von Getreide, Leder, Fellen, vom 16. Jh. an v.a. von Vieh und Hartkäse sicher. Oft wurde Wein als Gegenfuhr zum Käse eingeführt. Im 18. Jh. exportierte man Leinwand von Langenthal aus vorwiegend nach Frankreich, Produkte der Handstrickerei von Aarau aus nach Westeuropa und Übersee. Im HochMA wurde B. von keinem der internat. Transitwege über die Alpen berührt. Versuche, die Achse über Grimsel- und Griespass zu kontrollieren, scheiterten um 1420 am Widerstand der Oberwalliser. Erst als mit dem Aufblühen neuer Wirtschaftszentren im oberdt. Raum und der Eröffnung der Messen in Genf und Lyon im 15. Jh. eine wichtige Transitlinie durch das Mittelland führte, konnte sich B. in den Exporthandel einschalten. Nach 1420 kam mit der Diesbach-Watt-Gesellschaft ein bedeutendes bernisch-sankt-gallisches Fernhandelsunternehmen auf, das sich dem Handel mit Leinwand, Safran, Pelzen, Wachs und Edelmetallen widmete und in Krakau, Breslau, Nürnberg, Genf, Venedig und Spanien ständige Niederlassungen unterhielt. Bereits in den 1450er und 60er Jahren nahm aber der Berner Anteil an diesem Fernhandel ab. Gründe waren möglicherweise die krieger. Auseinandersetzungen und der Zwang der städt. Exportgewerbe zur Ruralisierung oder Spezialisierung, sicher aber die zunehmende Zahl attraktiver Stellen für die stadtbern. Eliten in Verwaltung, Diplomatie und Militärwesen. In der frühen Neuzeit bildete sich ein Magistratenstand aus, der sich vom Handel treibenden und handwerkl. Stadtbürgertum immer deutlicher abhob. 1747 verbot der Berner Gr. Rat seinen Standesgliedern die Beteiligung am Kleinhandel; weiterhin erlaubt blieben Aktivitäten im Grosshandel, im Bank- und Manufakturwesen.

Aufgrund der Militärkapitulationen, die im 17. und 18. Jh. mit Frankreich, den Niederlanden und Sardinien-Piemont geschlossen wurden, stellte B. Soldregimenter. Deren Gewinn bringende Kommandostellen behielten sich die regimentsfähigen Familien (v.a. von May, Stürler, von Erlach, von Ernst) selber vor. Während das Soldunternehmertum im 17. Jh. jedoch eine bedeutende Einnahmequelle darstellte, sicherte eine Kompanie im 18. Jh. höchstens noch den standesgemässen Lebensunterhalt des Hauptmanns. In der 2. Hälfte des 18. Jh. wurde der Solddienst zudem als eine vermeintl. Ursache der befürchteten Entvölkerung kritisiert.

Autorin/Autor: Christian Pfister

3.2.5 - Post- und Verkehrswesen

1675 machte B. gegenüber dem kaufmännisch organisierten Botenwesen für sein Territorium ein Postregal geltend und übertrug Organisation und Betrieb dem Jungunternehmer Beat Fischer. In zähen Verhandlungen mit den betroffenen Ständen setzte die Berner Obrigkeit ihren Monopolanspruch durch. Aufgrund ihrer Schnelligkeit und Pünktlichkeit wurde die Fischer'sche Brief-, Paket- und Geldpost bis 1700 zu einem blühenden Unternehmen, das die Kt. B., Luzern, Freiburg und Solothurn, die Republiken Wallis und Genf sowie das Fürstentum Neuenburg bediente und über Simplon- und Gotthardpass auch nach Italien führte. Nach dem Tod Beat Fischers wurde das Postimperium gegen Pachtzins von der Familie weitergeführt.

Die Postunternehmer hatten schon lange auf eine Verbesserung der Hauptstrassen gedrängt. 1740 legte Strasseninspektor Friedrich Gabriel Zehender der Berner Regierung sein Memorial vor, in dem er auf die Vorteile eines guten Strassennetzes für die allg. Wohlfahrt hinwies und einen systemat. Ausbau der wichtigsten Verbindungen anregte. 1742 bewilligte die Regierung auf Antrag der Zollkammer das Programm Zehenders in seinen Grundzügen und leitete damit eine neue Phase der bern. Strassenpolitik ein: Hatte man bisher nur dort, wo es unbedingt nötig war, an kurzen Passagen Ausbesserungen vorgenommen, so wurden nun die Hauptstrassen über ihre ganze Länge zu modernen Chausseen mit einheitl. Breiten und Bauweisen ausgebaut. Vorgängig errechnete man in Projektstudien, welche Linienführungen für den Fiskus die grössten Vorteile erwarten liessen. Für den Strassenbau stellte die Regierung jährlich die eher bescheidene Summe von 6'000 Talern zur Verfügung; die Hauptlasten trugen die anliegenden Gemeinden.

Bis um 1770 entstand ein Netz von auf die Hauptstadt ausgerichteten Kunststrassen, das im ganzen dt. Sprachraum als vorbildlich galt. Die weitaus wichtigste Route führte von Brugg (mit Verlängerung nach dem Messeort Zurzach) bzw. Lenzburg (mit Fortsetzung nach Zürich) über Aarburg nach B., von dort über Gümmenen und die gemeine Herrschaft Murten in die Waadt und nach Genf. Mit ihr sollte der West-Ost-Transit so lange wie möglich durch bern. Gebiet geführt werden. Die Berner Regierung musste aber auch Kompromisse mit den benachbarten Kantonen eingehen und andere Routen ausbauen, z.B. die Strecke von B. nach Neuenegg, diejenige von Murten über Aarberg nach Solothurn und die Abzweigung nach Solothurn bei Schönbühl. Unabhängig vom Strassenprogramm der Regierung bemühten sich auch einige Landstädte um einen Ausbau der für sie relevanten Verbindungen.

Autorin/Autor: Christian Pfister

3.3 - Gesellschaft

3.3.1 - Hoch- und Spätmittelalter

Das Gebiet des heutigen Kt. B. war im Hoch- und SpätMA nur in geringem Masse von Städten durchsetzt, das bürgerl. Element in der Gesamtbevölkerung entsprechend klein. Viele Einwohner der Klein- und Kleinststädte (u.a. Unterseen, Huttwil, Büren an der Aare, Nidau, Laupen, Aarberg) waren auch als Klein- und Gartenbauern tätig und nutzten ihren Anteil an städt. Weiden und Wäldern. Wirtschaftlich und sozial unterschieden sich diese Städtchen kaum von offenen Flecken wie Langnau, Meiringen oder Frutigen. Selbst in den grösseren Städten B., Biel, Burgdorf und Thun mit ihren stärker auf den überregionalen Handel ausgerichteten Gewerben war die Bürgerschaft durch den Markt, die Zuwanderung und die wirtschaftl. Verankerung versch. Führungsgruppen (Twingherren) im Agrarsektor eng mit der Landbevölkerung verbunden.

Die meisten Landbewohner gehörten mehreren, sich überschneidenden Rechtsverbänden an: einer dörflich-bäuerlichen Gemeinschaft (Bursami), dem Pfarrsprengel, der Gerichtsherrschaft und der Grundherrschaft, einige zudem auch der Leibherrschaft. Der grösste Teil des bebauten Bodens war grundherrl. Lehen, für das Arbeitsdienste, Natural- und Geldabgaben zu entrichten waren. In den Rebbaugebieten waren Lohnarbeit und Halbpacht schon früh üblich. Oft setzten sich dörfl. Gemeinschaften aus Lehensleuten versch. Grundherren zusammen. Der Grundherrschaft gehörten häufig auch Twing und Bann oder das Kirchenpatronat mit den dazugehörigen Einkünften (Twinghühner, Zehnt usw.). Bis zum Ende des HochMA übten Adel, Klöster und Stifte diese grund- und gerichtsherrl. Rechte weitgehend unangefochten aus. Rückendeckung fanden sie einerseits bei den grösseren Dynasten (Kyburg, Habsburg, Savoyen, Neuenburg), andererseits bei der jungen Stadt B., mit der sie ins Burgrecht traten und deren Rat versch. Adelsgeschlechter regelmässig angehörten. Vom 14. Jh. an geriet dieses Gefüge zunehmend ins Wanken, weil auch die Stadt B. begann, ihr Umland herrschaftlich zu durchdringen. In der territorialpolit. Konkurrenz zwischen Stadt und Dynasten gerieten die ländl. Adligen in wirtschaftl., soziale und polit. Schwierigkeiten, die im 14. und 15. Jh. zu ihrem Niedergang führten. Entweder wurden sie zusammen mit den Häusern Kyburg und Habsburg zwischen Laupen- und Sempacherkrieg aus dem Aareraum verdrängt (z.B. von Aarberg, von Nidau, von Burgistein, von Montenach), oder sie stellten sich auf die Seite B.s und übten ihre Herrschaft in der Folge als verburgrechtete Twingherren unter der Oberhoheit der Stadt aus.

Freie Bauern gab es im SpätMA v.a. im Berner Oberland, darunter auch Inhaber von Mannlehen des Reichs. Aufgrund der Spezialisierung in der Landwirtschaft und des damit verbundenen Einstiegs in den überregionalen Warenaustausch (Getreide, Vieh, Viehprodukte, Wein usw.) bildete sich im 14. und 15. Jh. eine ländl. Oberschicht. Einzelne Geschlechter gelangten über den Handel mit Agrarprodukten in die Führungsschicht des bern. Stadtstaates (Zigerli/von Ringoltingen, von Wattenwyl, von Muleren). Im Mittelland zählte der grösste Teil der Landbevölkerung im 13.-15. Jh. zu den Hörigen und Leibeigenen. Bei Ehen zwischen Leuten ungleichen Standes sanken die Kinder auf dem Land im Gegensatz zur Stadt zwar nach dem Prinzip der "ärgeren Hand" auf den tieferen gesellschaftl. Rang. Hörige und Eigenleute waren aber fähig, ein Gut in Erbleihe zu übernehmen, da die persönl. Rechtsstellung nicht mehr die güterrechtliche bestimmte. Im Verlauf des 14. und 15. Jh. sank der Realwert der bäuerl. Leihezinsen, da deren Nominalwert grundsätzlich nicht erhöht werden durfte und Abgaben oder Dienste der Bauern auf deren Drängen oft in feste Geldzahlungen umgewandelt wurden, die sich tendenziell entwerteten. Da gleichzeitig die Agrarerträge insgesamt leicht stiegen, nahm der Wohlstand der Inhaber bäuerl. Erblehen langfristig zu. Vom 14. Jh. an verschwanden allmählich Todfall und Schollenbindung. V.a. im Oberland, im 15. Jh. auch im Mittel- und Seeland, versuchten sich Leibeigene von ihren Herren freizukaufen. Die Stadt B. unterstützte diese Bestrebungen, weil sie die städt. Territorialbildung erleichterten, indem zusätzl. Ausburger gewonnen wurden und das Besteuerungs- sowie das Aufgebotsrecht ausgedehnt werden konnten. So bemühte sich B. v.a. im 15. Jh. um den Loskauf der Eigenleute ganzer weltl. und geistl. Herrschaften (z.B. 1386 Kloster Frienisberg, 1393 Büren an der Aare, 1439 Aarwangen, 1447 Brandis, 1491 Erlach, 1501 Kloster Rüeggisberg, 1508 Bipp und Münchenbuchsee). Vereinzelt wehrten sich die Leibeigenen gegen den Loskauf, weil sie sich dadurch stärker dem obrigkeitl. Zugriff aussetzten (z.B. in Sumiswald 1513). Mit der Reformation fand die Befreiung der Eigenleute im Bernbiet im Wesentlichen ihren Abschluss.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler, Urs Martin Zahnd

3.3.2 - 16. bis 18. Jahrhundert

Das Bevölkerungswachstum nach 1450 veränderte auch das Sozialgefüge. Zuvor waren Zuwanderer in Stadt und Land willkommen gewesen; nun verschlossen sich Landstädte und Dörfer ärmeren Fremden zunehmend, indem sie Aufnahmegelder forderten. Im Berner Oberland, in den Zelgdörfern des Mittellands und am Bielersee führte die erbweise Aufteilung unter den direkten Nachkommen (Realteilung) zur Zerstückelung des Grundbesitzes; die Gütergrössen reichten zur Existenzsicherung der Haushalte oft nicht mehr aus. Im Einzelhofgebiet (Emmental, Schwarzenburgerland) bewahrte das Minorat, d.h. das bevorzugte Erbrecht des jüngsten Sohnes (Emmentaler Landsatzung 1559), die Höfe zwar vor der Teilung. Ausgekauften Söhnen und Töchtern drohte jedoch der Abstieg in die Schicht wirtschaftlich und sozial ungesicherter Taglöhner. Da nicht alle Landarmen und Landlosen in der landwirtschaftl. Taglöhnerei unterkamen, drängten sie auch in handwerkl. Berufe: Das Handwerk rückte so im letzten Viertel des 16. Jh. auch auf dem Land zum wichtigen Wirtschaftszweig auf. Überall akzentuierte der Bevölkerungsdruck soziale Unterschiede. Die Unterschicht wuchs überproportional an. Ihr gehörten im Ancien Régime in Landstädten, Dörfern und in der Einzelhofregion Tauner, Klein- und Störhandwerker an, v.a. im Textil- und Bauhandwerk. Im 17. und 18. Jh. boten neue Heimindustrien Zusatzverdienst (Wollspinnerei im Frutigland, Leinwandspinnerei und -weberei im Emmental und Oberaargau, Baumwollverarbeitung im Oberaargau). Spinner und Weber bildeten aber, anders als in der Ostschweiz, keine eigentl. Heimarbeiterschaft; die Heimarbeit blieb Gelegenheitsarbeit von Taunern und Kleinhandwerkern.

Soziales Ziel auf dem Lande war die Zugehörigkeit zur Land besitzenden Bauernschaft, wobei auch Erblehenhöfe immer mehr als fakt. Besitz betrachtet wurden. Diese Höfe waren von adligen und 1528 auch von geistl. Grundherren in das Eigentum von patriz. Grundherren oder der bern. Obrigkeit gelangt. Reiche Bauern, die auf solchen Höfen oder im Berner Oberland auch auf Eigengut sassen, sowie Gewerbetreibende (Müller, Wirte, Gerber, Färber-Bleicher) und Händler (Pferde-, Viehhändler im Oberland) bildeten die ländl. Oberschicht. Sie bekleideten die wichtigen Ämter im Dorf, in der Pfarrei oder in der obrigkeitl. Verwaltung: Ammann (Vertreter des Grundherrn), Schaffner, Statthalter, Weibel (Vertreter der Obrigkeit), Seckelmeister, Hauptmann (Landesverwaltung, Miliz) und Chorrichter (Sittengericht). Besonders angesehen waren die Bauern grosser Einzelhöfe in der Feldgrasregion (v.a. Emmental); aus dieser Gruppe stammten denn auch die militär. Anführer der Aufständischen im Bauernkrieg (1653). Die landstädt. Oberschicht sass in städt. Ämtern, besetzte Offiziersstellen in fremden Kriegsdiensten und schöpfte ihren Wohlstand aus Handelsgeschäften (z.B. Leinwandfirma Fankhauser, Burgdorf) und Landbesitz. Im 17. und 18. Jh. stiegen im Oberaargau und Emmental mit den Käsehändlern und Textilverlegern neue Unternehmer in die Oberschicht auf. Sie wohnten in den Marktorten Langenthal, Langnau und Sumiswald in repräsentativen Häusern, betätigten sich kulturell in Musik- und Lesezirkeln und gehörten 1798 zu den Anhängern der neuen polit. Ideen.

Ausländ. Reisende berichteten im ausgehenden Ancien Régime über bäuerl. Wohlstand im bern. Staat. Der Reichtum war allerdings ungleich auf die einzelnen Regionen verteilt. Im Emmental, dessen Taldörfer im 16. Jh. vom Zelgensystem auf die Feldgraswirtschaft übergegangen waren, wurden die höchsten Getreideerträge erzielt. Hier gehörte rund ein Viertel der Haushalte zur Schicht der reichen Hofbauern: In Lützelflüh zählten z.B. 1783 22% der Einwohner dazu. In dieser Region hatte die exportorientierte Alpwirtschaft, die vom 17. Jh. an mehrheitlich im Besitz von Berner Patriziern war, die soziale Gruppe der Küher hervorgebracht. Diese nomadisierten als Herdenbesitzer und Alppächter zwischen Sömmerungsweide auf der Alp und Winterstation im Hof eines Talbauern und gelangten zu beträchtl. Wohlstand. Im Mittelland und im westl. Oberland überwog infolge der Realteilung die Unterschicht, im östl. Oberland war die soziale Pyramide eher ausgeglichen. In der mittelländ. Zelgenregion blockierten die Tauner die agrar. Umstellungen des 18. Jh. trotz staatl. Ermunterung zur Allmendteilung (1765). Im Einzelhofgebiet verdrängten die Grosshöfe kraft des Minorats die Armut v.a. in die Schachendörfer, die eigentl. Armensiedlungen waren. In den Kleinstädten milderte die städt. Fürsorge (Spenden, Armenhäuser, Burgerholz, Pflanzland) die verbreitete Armut im Handwerk und bei den Taglöhnern nur wenig.

Wie in allen eidg. Gebieten galt nach 1551 auch in B. bei der Bekämpfung des Bettelwesens der Grundsatz, dass fremde Bettler fortzuweisen, einheim. Arme von ihren Gemeinden zu unterhalten seien. In den 1670er und 1690er Jahren regelte B. die Armenfürsorge neu: Die Gemeinden sollten neben ihren Dorfgenossen (im 18. Jh. als Burger bezeichnet) auch ihre Hintersassen unterhalten. In den Zelgdörfern bürdete man die Armenlast der Allmend auf. In Gebieten ohne Allmend erhoben die Kirchgemeinden Armensteuern. Das Prinzip der heimatörtl. Armenpflege auf der Basis von Allmendparzellen, Legaten und Steuern setzte sich jedoch erst um 1720 durch. Im Verlauf des 18. Jh. versuchte die Almosenkammer eine flächendeckende Sozialhilfe im ganzen Staatsgebiet aufzubauen. Diese schloss aus bevölkerungspolit. Erwägungen in zunehmendem Masse auch Opfer von Krisen mit ein. Staatl. Unterstützung wurde subsidiär zur kommunalen und nach Massgabe der Ertragskraft der jeweiligen Landvogtei geleistet. Absolut wie auch relativ zur Gesamtbevölkerung stieg die Armut im Lauf des 18. Jh. als Folge von Teuerungskrisen (z.B. 1770-71) und des Bevölkerungswachstums um ein Vielfaches an. Deshalb fielen die Beihilfen aus Rücksicht auf die Staatsfinanzen immer knapper aus, und entwürdigende Praktiken, wie der sog. Umgang der Armen von Hof zu Hof, blieben teilweise bestehen. Auswanderung war im 18. Jh. oft die einzige Möglichkeit, der Armut auszuweichen; 1750-64 stellte allein die Emmentaler Gem. Trub 288 Heimatscheine für Auswanderungswillige aus.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler, Urs Martin Zahnd

3.4 - Kirchliches und religiöses Leben, Kultur und Bildung

Typ. Merkmale der spätma. Frömmigkeit waren auch im Bernbiet v.a. das Ablasswesen, die Reliquienverehrung, Wallfahrten, Bruderschaften und Stiftungen. Erste Ablässe erhielten 1262 die Zisterzienserinnen von Fraubrunnen und 1265 die Deutschherren von Köniz für ihre Kirche in der Stadt B. Um 1479 erwarb der Berner Rat sog. Romfahrten (Plenarablässe) zur Finanzierung des Münsterbaus. Grössere Reliquiensammlungen befanden sich in der Stadt B., in Einigen, Burgdorf und Saanen. Beliebte bern. Wallfahrtsziele waren Oberbüren und Reutigen (Patronin: Maria), Einigen (Patron: Michael), Oberbalm (Sulpitius), Würzbrunnen (Stefan) sowie Beatenberg und die Beatushöhle am Thunersee. Stadt- und Landbewohner unternahmen Pilgerfahrten auch nach fernen Zielen wie Santiago de Compostela und Jerusalem. Religiöse Bruderschaften bestanden nicht nur in der Stadt B., sondern z.B. auch in Oberbüren (1482) und Huttwil (1487). Von frommen Stiftungen profitierten im SpätMA auch die Klöster: Das Frauenkloster Interlaken blühte v.a. im 14. und 15. Jh. 1393 stiftete Peter von Thorberg in seinem Stammsitz eine Kartause. In B. und Burgdorf entstanden in Anlehnung an Bettelordenskonvente versch. Beginenhäuser. Im 15. und frühen 16. Jh. kam es zu zahlreichen Neu- und Umbauten von Kirchen auf dem Land (z.B. Oberburg, Kirchberg, Hindelbank, Utzenstorf, Jegenstorf, Ligerz) und in den Städten (B., Biel, Burgdorf). Zeichen von Aberglauben zeigten sich im Engerlingsprozess (1478-79), im Jetzerhandel (1507-09) oder bei den ersten Hexenverfolgungen (Stadt B. Mitte des 15. Jh. und 1523, Schwarzenburg 1473, Wangen an der Aare und Aarwangen 1491).

Die vorreformatorische Kirchenkritik richtete sich v.a. gegen die Lebensführung einzelner Kleriker, gegen die Inkorporierung von Pfarrpfründen in Klostergüter und gegen die oft mangelhafte Wirtschaftsführung einzelner Konvente. Bereits vor der Reformation gab es Ansätze zu einem obrigkeitl. Kirchenregiment. So griff der Berner Rat z.B. 1474 mit der Bevogtung des Doppelklosters Interlaken in kirchl. Belange ein. 1484-86 hob er die Klöster bzw. Stifte Amsoldingen, Münchenwiler, St. Petersinsel, Rüeggisberg, Därstetten, Frauenkappelen und Interlaken (Frauenkloster) auf und übertrug deren Klostergüter dem 1484 gegr. Stadtberner Stift St. Vinzenz.

Grundlagen des kirchl. Lebens nach der Reformation waren die zehn Thesen der Berner Disputation von 1528 und der Berner Synodus (Kirchenordnung) von 1532. Nach der Auseinandersetzung mit luther. Strömungen (Sebastian Meyer, Simon Sulzer) und der Abgrenzung vom strengen Calvinismus kam es in der 2. Hälfte des 16. Jh. zur Konsolidierung der Berner Kirche (1566 2. Helvet. Bekenntnis, 1587 Prädikantenordnung, 1618 Dordrechter Synode). Die Leitung der bern. Kirche lag zunehmend in der Hand des hauptstädt. Kirchenkonvents. Die Kapitelsversammlungen der Landdekanate und die bern. Gesamtsynoden verloren vom 17. Jh. an ihre Bedeutung. Die allmähl. Verfestigung zur prot. Orthodoxie zeigt sich u.a. in der Einführung einer eigenen Bibelübersetzung (Piscator-Bibel 1684, 1748) und in der späten Übernahme des "katholischen" gregorian. Kalenders (1701). Mit grosser Opferbereitschaft wurden nach 1685 zahlreiche Hugenottenflüchtlinge aufgenommen. Das wichtigste Instrument zur allmähl. Durchsetzung der ref. Ethik im Alltag waren die Chorgerichte. Dennoch lebten Formen des Aberglaubens weiter, und der Hexenwahn erlebte 1581-1620 mit rund 970 Todesurteilen einen Höhepunkt. Die Hexenprozesse verschwanden erst in der 2. Hälfte des 17. Jh. Schwer lastete das Verhältnis zu den Täufern, die als strenge Biblizisten die Amtskirche und die staatl. Rechtsordnung ablehnten, auf der bern. Obrigkeit und Kirche. Ihre weiteste Verbreitung fanden die Täufer jeweils in der 2. Hälfte des 16. und 17. Jh. im Emmental, im bern. Aargau und im Oberland. Die Obrigkeit erliess von 1531 bis ins 18. Jh. zahlreiche Täufermandate, büsste Angehörige der Sekte, verbannte Rückfällige, steckte Täuferlehrer ins Zucht- und Arbeitshaus und verhängte nach Täuferunruhen in Eggiwil 1671 sogar Galeerenstrafen. Dank der Fürsprache niederländ. Mennoniten erhielten bern. Täufer 1711 die Erlaubnis zur Auswanderung, deren bevorzugte Ziele das Fürstbistum Basel, die Niederlande und Nordamerika wurden. Der bern. Rat, die Amtskirche und die eigens geschaffene Täuferkammer (1658-1743) reagierten auf die religiöse Herausforderung v.a. mit intensiverer Seelsorge, Förderung der Schule, Vermehrung der Pfarrstellen und Errichtung neuer Kirchgemeinden in den besonders betroffenen Gebieten: Im Bernbiet wurden 1660-1730 ca. 70 neue Kirchen gebaut. Auch den Pietismus, dessen Exponenten Samuel König (1671-1750) und Samuel Lutz (1674-1750) waren, lehnten Obrigkeit und Konvent anfänglich scharf ab (Pietistenprozess 1698-99, Assoziationseid 1699). In der 1. Hälfte des 18. Jh. beruhigte sich die Situation aber allmählich.

Vor der Reformation besassen im Bernbiet nur einzelne Klöster, Stifte (Interlaken, Amsoldingen) und Kommunen ständige Schulen. Die Lateinschulen von B., Burgdorf und Thun waren städt. Institutionen, ihre Rektoren oft zugleich als Schreiber tätig. Elementare Lese- und Schreibfertigkeiten vermittelten in Stadt und Land herumziehende Lehrmeister und "Lehrgotten". Mit der Reformation erhielt der höhere Unterricht eine einheitl. Ordnung: 1528 errichtete der Rat im ehemaligen Berner Barfüsserkloster zur Aus- und Weiterbildung ref. Theologen eine Hohe Schule, 1537 eine entsprechende Anstalt in Lausanne. Die bern. Hohe Schule wandelte sich im 17. und 18. Jh. dank neuer Lehrstühle zur allg. Akademie (1805): Zu Theologie und Alten Sprachen kamen 1680 bzw. 1718 Rechtswissenschaften, 1684 Eloquenz, 1709 Geschichte, 1736 bzw. 1749 Mathematik und 1664 eine Anatomieschule im Inselspital. Auf die Hohe Schule hatten Lateinschulen vorzubereiten, wie sie in den Städten B., Biel, Burgdorf, Thun, Aarau, Brugg und Zofingen bestanden. Die Lateinschulen und die Hohen Schulen standen v.a. Burgerssöhnen der Stadt B. und der Munizipalstädte offen. Unbemittelten ermöglichten die 1529 errichtete Mushafenstiftung und versch. Legate das Studium. Auch nach der Reformation besuchten zahlreiche Berner ausländ. Universitäten und Akademien, v.a. in ref. Ländern (Theologie), aber auch z.B. die Pariser Sorbonne oder die Universitäten in Bologna und Padua, oft versehen mit Stipendien des Rats. Mit der Reformation wuchs das Interesse von Rat und Kirche an der Volksschulung: 1533-36 wurde im ganzen Bernbiet eine Kinderlehre für Sechs- bis Vierzehnjährige eingeführt. 1596 wandelte der Rat die bisher private Deutsche Schule in B. zur städt. Institution um. 1606, 1616 und v.a. mit der Landschulordnung von 1628 verpflichtete die Regierung alle bern. Kirchgemeinden, Schulen zu errichten. Die Schulaufsicht übergab sie den Pfarrern. Vom 18. Jh. an waren elementare Lesefertigkeiten auch auf dem Lande weitgehend eine Selbstverständlichkeit.

Bereits in vorreformatorischer Zeit lässt sich im Bernbiet literar. Schaffen auch ausserhalb der Städte nachweisen: Als Minnesänger sind Heinrich von Strättligen (Mitte 13. Jh.) und Johannes von Ringgenberg (1. Hälfte 14. Jh.) belegt. Aus Spiez stammt die Handschrift einer Marienklage, und in Einigen schrieb Elogius Kiburger seine Strättliger Chronik (Mitte 15. Jh.). Neben dem Berner Predigerkloster war im 15. Jh. die Kartause Thorberg unter Prior Marcellus Geist ein Zentrum wiss. Schaffens. Im Umkreis der ref. Hohen Schule entstanden v.a. theol. Werke (u.a. Johann Heinrich Hummel), im 18. Jh. aber auch hist., jurist. und mathemat. Arbeiten (Johann Georg Tralles). Fasnachts- und Schulspiele wurden vom 15. Jh. an auch ausserhalb der Stadt B. aufgeführt, z.B. 1540 und 1550 in Burgdorf, 1549 in Signau, 1552 in Herzogenbuchsee, 1553 in Langenthal, 1554 im Obersimmental und 1568 in Nidau. Weite Verbreitung fanden die Stücke von Jakob Fünklin aus Biel. 1560 schrieb Konrad Boll ein Loblied auf seine Vaterstadt Büren an der Aare. Der Bauer Jodokus Jost von Brechershäusern (1589-1657) zeichnete seine Beobachtungen zum Zeitgeschehen auf, und 1669 verfasste Albrecht Herport seinen Bericht über eine Ostasienreise. Das erste gedruckte Buch im Bernbiet entstand 1475 in Burgdorf. Die 1537 von Matthias Apiarius in der Stadt B. eröffnete Offizin bestand bis um 1565. Dem danach herrschenden Mangel begegnete der Rat, indem er 1589 eine obrigkeitl. Druckerei einrichtete, die bis 1831 in Betrieb blieb. Öffentl. Bibliotheken entstanden im 18. Jh. auch ausserhalb der Hauptstadt (Burgdorf 1729, Biel 1765, Thun 1785).

In der Berner Kirche wurde um die Mitte des 16. Jh. der Gemeindegesang eingeführt (u.a. Werke von Claude Goudimel 1588, neues Gesangbuch 1606), zu dessen Unterstützung Zinken und Posaunen mitwirkten. Die stadtbern. Musikordnung von 1663 regte auch andernorts die Bildung von Collegia musica an (Thun 1668, Burgdorf 1701, Langenthal 1765). Im 18. Jh. wurden die Kirchen versch. Landstädte mit Orgeln ausgestattet (Burgdorf 1703, Thun 1765, Biel 1783).

Auch in B. erfolgte die Auseinandersetzung mit der Aufklärung v.a. innerhalb der gebildeten Oberschicht. Als kurzlebige Publikationen erschienen ab 1721 das "Freytagsblättlein" und ab 1739 der "Brachmann" von Johann Georg Altmann. Wichtiger waren das Wirken einzelner Patrizier wie Albrecht von Haller, Beat Ludwig von Muralt, Johann Rudolf Sinner von Ballaigues, Niklaus Emanuel von Tscharner oder Karl Viktor von Bonstetten, die sich mit der Reform von Schule und Landwirtschaft befassten. Unter den zahlreichen Klubs und Sozietäten wurden v.a. die 1759 gegründete bern. Ökonom. Gesellschaft und die 1761-79 im damals bern. Schinznach tagende Helvet. Gesellschaft bedeutsam.

Autorin/Autor: Urs Martin Zahnd

4 - Der Staat im 19. und 20. Jahrhundert

4.1 - Verfassung, Politik und Staatsverwaltung

4.1.1 - Helvetik (1798-1803)

Mit dem Franzoseneinfall im Frühjahr 1798 brach die alte Republik B. zusammen. Die Herrschaft des Patriziats ging zu Ende, und mit der Waadt und dem Aargau verlor B. grosse Teile des bisherigen Territoriums. Sogar das Berner Oberland wurde als helvet. Kt. Oberland vom übrigen Bernbiet abgetrennt. Dafür erhielt der helvet. Kt. B. die zuvor gemeinsam mit Freiburg verwaltete Herrschaft Schwarzenburg zugeteilt. Das Staatsgebiet wurde in 15 Distrikte mit oft recht willkürlich gezogenen Grenzen eingeteilt.

General Guillaume Brune verbot für die meisten stadtbern. Patrizier eine Wahl in die neuen Behörden. So stammte die Mehrzahl der Behördenmitglieder vom Lande, doch waren es eher Notare, Weibel, Wirte oder Krämer als Bauern. In die Behörden der Helvet. Republik entsandte der Kt. B. namentl. "Republikaner" wie Bernhard Friedrich Kuhn, Karl Koch oder David Ludwig Bay. Diese erstrebten schrittweise Reformen, eine repräsentative Demokratie sowie den Schutz der Individualrechte, v.a. des Eigentums. Unter den Abgeordneten vom Lande zählte mancher eher zu den "Patrioten", die nach rascher und radikaler Veränderung und auch nach Rache an den früheren Regenten strebten. Die Berner unter ihnen gewannen keine Führungsrolle in den helvet. Räten.

Die Kompetenzen der kant. Verwaltungskammer waren z.T. unklar geregelt. So blieb ihr Einfluss gering, da sie in Bagatellgeschäften ertrank und zudem Druckversuchen gesamthelvet. Behörden oder der franz. Besatzungstruppen ausgesetzt war. Auch fiel es oft schwer, für Distrikte und Gemeinden Amtsträger zu finden, so dass die Posten oft wieder der ländl. Oberschicht aus der Zeit vor 1798 zufielen.

Finanziell litt B. besonders unter der Plünderung seines Staatsschatzes durch die franz. Armee. Ungefähr 10,6 Mio. Pfund führte diese nach Paris ab, doch gelang es Gottlieb Abraham von Jenner später, einen Teil davon zurückzugewinnen. Dem Patriziat der Stadt B. auferlegte François-Philibert Le Carlier zudem eine Kontribution von 6 Mio. Pfund, die später reduziert wurde. Zwar beschlossen die helvet. Behörden die Aufhebung der Zehnten, doch liess sich der Beschluss nicht durchführen, so dass B. noch rund ein halbes Jahrhundert lang mit diesem Problem kämpfte.

Die wohl wichtigsten Dienste leisteten Berner der Helvet. Republik auf hohen Verwaltungsposten, so Johann Rudolf Steck als erster Generalsekretär des Direktoriums, Johann Rudolf Fischer als erster Sekretär in Philipp Albert Stapfers Ministerium für Wissenschaft und Künste, Albrecht Friedrich May als erster Sekretär des Direktoriums oder Gottlieb Abraham von Jenner als Diplomat in Paris und Staatssekretär für auswärtige Angelegenheiten.

Im Sommer 1799, als die Alliierten im 2. Koalitionskrieg gegen den Vierwaldstättersee vorrückten, verlegten die helvet. Räte ihren Sitz und damit die Hauptstadt der Helvet. Republik von Luzern in die Stadt B. Deshalb spielte sich im Herbst 1802 v.a. hier der Stecklikrieg ab, der das Ende der Helvet. Republik einleitete.

Autorin/Autor: Beat Junker

4.1.2 - Mediation (1803-1815)

Die Mediationsakte bestätigte dem Kt. B., der einer der sechs Direktorialkantone der Schweiz wurde, den Verlust der Waadt und des Aargaus, vereinigte ihn aber wieder mit dem Oberland. Ferner schlug die Tagsatzung die Gem. Münchenwiler und Clavaleyres, auf die auch Freiburg Anspruch erhoben hatte, 1808 endgültig dem Kt. B. zu. Die bern. Kantonsverfassung der Mediationszeit umfasste bloss 22 Artikel und regelte namentlich das Vorgehen bei Wahlen. Die 195 Grossräte konnten nun aus dem ganzen Kanton stammen und nicht nur aus dem stadtbern. Patriziat. Das komplizierte Verfahren bei der Einteilung der Wahlkreise und eine Kombination von Wahl und Losentscheid bevorzugten jedoch die Hauptstadt. So wurden 1803 121 Stadtberner in den Gr. Rat gewählt. Von den Wahlversammlungen ausgeschlossen waren nach einem zeittyp. Zensuswahlrecht Bevormundete, Konkursiten, Bezüger von Armenunterstützungen und Handwerksgesellen, desgleichen, wer nicht Grundstücke oder Schuldbriefe von einem bestimmten Wert besass. Für das passive Wahlrecht wurde ein höheres Vermögen verlangt.

Als Exekutive wirkte ein Kl. Rat von 27 Mitgliedern, die zugleich dem Gr. Rat angehörten. 1803 waren 21 Kleinräte Patrizier, fast ausschliesslich solche, deren polit. Laufbahn schon vor 1798 begonnen hatte. An der Spitze der Behörden standen zwei Schultheissen, die sich im einjährigen Turnus ablösten. Der amtierende Schultheiss, der Seckelmeister und vier Kleinräte bildeten zusammen den Staatsrat, dem die Sicherheitspolitik oblag. Der Kl. Rat und der Staatsrat hatten die tatsächliche innenpolit. Macht inne.

Neu bildeten der Kanton und seine Hauptstadt B. zwei getrennte Gemeinwesen mit je eigenem Haushalt. Dies erforderte eine Ausscheidung der Vermögen: Die Stadt B. erhielt im Herbst 1803 als sog. Dotation eine Reihe von Rebbergen, Wäldern, Grundstücken, Gebäuden und Stiftungen, hatte aber aus den entsprechenden Einkünften auch wohltätige Einrichtungen zu betreiben, die den Kantonsbürgern vom Lande ebenfalls zugute kamen. Missverständl. Formulierungen in den Teilungsdokumenten lieferten Jahrzehnte später Stoff für endlose Streitereien zwischen Stadt- und Kantonsbehörden.

Als nach Napoleons Niederlage in Russland der europ. Krieg sich gegen Ende 1813 wieder der Eidgenossenschaft näherte, hofften in B. extrem Altgesinnte, die sog. Ultras oder Unbedingten, auf eine Rückkehr der polit. Ordnung des Ancien Régime. Sie waren indes nicht repräsentativ für das gesamte Patriziat. Die gemässigten Patrizier um Schultheiss Niklaus Rudolf von Wattenwyl dachten vielmehr an eine bescheidene Öffnung des städt. Bürgerrechts für wohlhabende Landleute und an einen Verzicht auf die Waadt. In der übrigen Eidgenossenschaft und namentlich in den 1803 neu geschaffenen Kantonen entstand allerdings der Verdacht, B. habe die Alliierten zum Einrücken in die Schweiz veranlasst und suche alte Untertanenverhältnisse wiederherzustellen. Beim Einmarsch österr. Truppen am 23.12.1813 erklärte der Gr. Rat die Mediationsakte für den Kt. B. als aufgehoben und die vorhelvet. Behörden von 1798 als rechtmässige Regenten. Zudem forderte die Berner Obrigkeit in der bald als "unglückliche Proklamation" bezeichneten Kundmachung vom 24.12. die Waadt und den Aargau auf, unter bern. Herrschaft zurückzukehren. Die landesväterl. Arroganz und Herablassung weckte auch im Kt. B. selber Widerstand; eine Rebellion im Oberland wurde 1814 im Raum Interlaken gewaltsam niedergeworfen.

Autorin/Autor: Beat Junker

4.1.3 - Restauration (1815-1830)

Der Bundesvertrag von 1815 beseitigte die Einrichtung der Direktorialkantone und bezeichnete stattdessen Zürich, B. und Luzern als Vororte, welche die Tagsatzung im Zweijahresturnus aufnahmen. Für den Kt. B. trat an die Stelle einer Kantonsverfassung die sog. Urkundliche Erklärung vom Sept. 1815. Nach ihr sollte der Gr. Rat wieder 299 Mitglieder umfassen, davon 200 aus der Stadt B. Letztere wurden durch Instanzen aus dem Patriziat in einem Verfahren der Selbstergänzung bestimmt, so dass einzelne Patriziergeschlechter bis zu zehn Grossräte stellten, während die nichtpatriz. Burger leer ausgingen. Obwohl der restl. Kanton die Hauptstadt an Einwohnern um das Zwanzigfache übertraf, stellte er bloss 99 Grossräte. Diese wurden von den Behörden der Landstädte und der Amtsbezirke gewählt, wobei Vorschriften über Alter und Vermögen die Wählbarkeit einschränkten. Der Gr. Rat trat nur zweimal im Jahr obligatorisch zusammen. Da weder Taggelder noch Reiseentschädigungen entrichtet wurden, blieben die ländl. Abgeordneten den Sitzungen oft fern. Die wie bisher 27 Mitglieder des Kl. Rats wurden vom Gr. Rat gewählt und gehörten ihm auch weiterhin an. Eine Gewaltentrennung bestand nicht, da der Kl. Rat ebenso gut Erlasse mit Gesetzeskraft beschliessen konnte wie der Gr. Rat als eigentl. Legislative.

1815 musste der Kt. B. endgültig auf die Waadt und den Aargau verzichten. Dafür wies ihm der Wiener Kongress den grössten Teil des einstigen Fürstbistums Basel zu (Berner Jura), den B. nur widerstrebend annahm. Verhandlungen unter eidg. Oberaufsicht führten im Nov. 1815 zur Vereinigungsurkunde, die das künftige Zusammenleben regelte. Damit besass der Kt. B. einen zusätzl. Landesteil und - anders als zuvor - Bürger kath. Konfession.

Wie schon z.Z. der Mediation herrschte in B. wieder die Zensur, die sich allerdings kaum mit einheim. Zeitungen zu befassen brauchte. Bestehende und neu entstandene gingen bald ein ("Gemeinnützige Schweiz. Nachrichten" 1801-17, "Europ. Zeitung" 1817-18), andere waren so harmlos (z.B. "Schweizerfreund" 1814-29), dass die polit. Interessierten eher zu Blättern aus Kantonen griffen, in denen Pressefreiheit herrschte, namentlich dem Kt. Aargau.

Die Patrizier genossen im Allgemeinen bei der dörfl. Bevölkerung noch Ansehen, und als Grundbesitzer verstanden sie die bäuerl. Anliegen. Allerdings boten ihnen ihre Ämter immer seltener ein ausreichendes Einkommen, so dass manche ihre Landgüter verkauften und sich mit einer Stadtwohnung begnügten, was zu einer gewissen Entfremdung von der Landbevölkerung führen konnte. Der Verlust der Waadt verminderte zudem die Zahl einträgl. Staatsstellen. Patrizier, die 1798 Teile ihres Vermögens durch die franz. Kontribution verloren hatten, bewarben sich deshalb häufiger um Posten, die früher nichtpatriz. Burgern zugefallen waren. Dies schuf Rivalitäten und Unzufriedenheit. So erwuchs aus der nichtpatriz. Stadtburgerschaft, aus den Landstädten und aus der dörfl. Mittelschicht eine Opposition, die sich in den zahlreichen neu gegr. Vereinen und an deren Festen zusammenfand und sich auch gegen die Verfassung und das Wahlsystem richtete. Diese Leute hatten z.T. schon während der Helvetik und der Mediation Einfluss erlangt, den sie nicht mehr preisgeben wollten. Auch waren sie ökonomisch oft erfolgreicher als Patrizier, was ihr Selbstbewusstsein weiter hob.

Autorin/Autor: Beat Junker

4.1.4 - Regeneration (1830-1845)

Wie in andern Kantonen ging die Bewegung der Regeneration von den Landstädten aus, namentlich von Burgdorf, wo v.a. die Gebrüder Karl und Johann Schnell die Aristokratie bekämpften. Eine Volksversammlung am 10.1.1831 in der Kirche von Münsingen verlangte die Revision der Kantonsverfassung durch einen Verfassungsrat. Drei Tage darauf dankte die patriz. Regierung freiwillig ab und öffnete so den Weg für einen gewaltfreien Wandel. Über 600 Petitionen aus dem ganzen Kanton forderten Neuerungen, meist im Sinne der Liberalen, die auch bei den Wahlen in den Verfassungsrat (111 Mitglieder) deutlich siegten.

Die im Wesentlichen von einer 17-köpfigen Verfassungskommission unter Karl Koch ausgearbeitete neue Verfassung wurde am 31.7.1831 bei geringer Beteiligung der mit dem Stimmrecht noch nicht vertrauten Bürger in gemeindeweisen offenen Abstimmungen mit grossem Mehr (93% Ja) angenommen. Sie gewährte dem Einzelnen eine Reihe von Grundrechten. Die wichtigsten Befugnisse wies sie dem Gr. Rat zu, der nun 240 Mitglieder umfasste. Diese wurden z.T. durch Kooptation bestimmt, mehrheitlich aber in einem indirekten Verfahren gewählt, wobei ein Zensus das Amt eines Wahlmanns und v.a. das eines Grossrats den Wohlhabenden vorbehielt. Der Regierungsrat bestand aus 17 Mitgliedern. Diese leiteten sieben Departemente in gewöhnlich siebenköpfigen Kollegien, denen auch Grossräte und Aussenstehende angehörten. 1831 wurde der Kt. B. noch keine Demokratie nach heutigem Verständnis. Aber die Abdankung der bisher regierenden Familien und das Ende der städt. Vorherrschaft über das Land waren diesmal endgültig. Bei den Grossratswahlen vom Spätsommer 1831 dominierten die Liberalen. Zwar wurden auch Patrizier gewählt, doch lehnten die meisten von ihnen ein Mandat ab und zogen sich zurück, z.B. auf Ämter in der Stadt B., womit sich die Spannungen zwischen der Hauptstadt und den Kantonsbehörden fast von selber ergaben. Den liberalen "Weissen" um die Gebrüder Schnell standen fortan die konservativen "Schwarzen" gegenüber, namentlich Stadtberner. Zwischen diesen beiden Gruppen stand das Juste-Milieu, vorwiegend gemässigte Patrizier und nichtpatriz. Stadtberner, die zwar Reformen bejahten, aber dabei ein bedächtiges Tempo und keinen Bruch mit der Vergangenheit wünschten.

Das Bedeutendste leisteten die neuen polit. Führungskräfte im Bildungswesen: 1833 gründeten sie ein staatl. Lehrerseminar, und 1834 bauten sie die bisherige Akademie zur Universität Bern aus. Weniger geschickt gingen sie im Berner Jura vor, wo die Auseinandersetzungen um die Badener Artikel (1834) und um ein kantonal einheitliches oder ein besonderes jurass. Gesetzeswesen für Spannungen sorgten. Diese förderten den Separatismus, der seine Leitfigur in Xavier Stockmar fand. Die Beseitigung der Feudallasten zog sich länger hin als erwartet. Bei ihrer geringen diplomat. Erfahrung stellten sich die Gebrüder Schnell in aussenpolit. Händeln mehrmals bloss und traten deshalb 1838 von ihren Ämtern zurück. An ihrer Stelle dominierte in der Folge der aus einer Bieler Industriellenfamilie stammende Charles Neuhaus die bern. Politik.

Autorin/Autor: Beat Junker

4.1.5 - Herrschaft der Radikalen und konservative Zwischenspiele (1845-1877)

Den Radikalen waren die Reformen von 1831 zu wenig weit gegangen. Sie verlangten mehr polit. Volksrechte und wiesen dem Staat auch wirtschaftl. und soziale Aufgaben zu. Frühe Wortführer waren die aus Deutschland geflüchteten Gebrüder Ludwig und Wilhelm Snell. In ihrer Publizistik ("Schweizerischer Republikaner", "Berner Verfassungsfreund", Berner Zeitung) spotteten die Radikalen ungehemmt über alle Mächte der Tradition. Unter ihren Führern Jakob Stämpfli und Ulrich Ochsenbein siegten sie 1845 in den Grossratswahlen und setzten eine Revision der Kantonsverfassung durch. Diese brachte 1846 die direkte Volkswahl des Gr. Rats, der nun noch deutlicher als zuvor von den Radikalen dominiert wurde. Der durchwegs aus Radikalen bestehende Regierungsrat zählte nur noch neun Mitglieder, die je einer Direktion vorstanden. Der traditionsreiche Titel eines Schultheissen wurde durch den eines Präsidenten des Regierungsrats ersetzt. Alle Bodenzinsen, Zehnten und ähnl. Abgaben sollten abgelöst werden. Dafür erhob der Staat nun eine direkte Steuer auf Einkommen und Vermögen, wie sie B. zuvor erst z.Z. der Helvetik gekannt hatte. Um ihre Annahme durch die Stimmbürger zu sichern, hatte die Vorlage Sonderwünsche einzelner Landesteile erfüllt: Das Emmental profitierte davon, dass die Pflicht der Heimatgemeinde zur Armenunterstützung abgeschafft wurde. Das Oberland erhielt eine Vorzugsbehandlung durch die neu errichtete staatl. Hypothekarkasse, und der Jura durfte seine besonderen Regelungen im Steuer- und Armenwesen sowie seine franz. Gesetze aus der Zeit vor 1815 behalten.

Die neue BV wurde in der kant. Volksabstimmung vom 6.8.1848 bei einer Beteiligung von 19% (der niedrigsten aller Kantone) mit rund 11'000 Ja gegen 3'400 Nein angenommen. Somit unterlagen die im Kt. B. führenden Radikalen, denn sie hatten Verwerfung empfohlen. Ihres Erachtens ging die Vorlage bei der Zentralisation zu wenig weit - sie lehnten z.B. einen Ständerat ab - und brachte B. finanziell zu grosse Nachteile.

Von den 111 Nationalräten stellte B. entsprechend seinem Bevölkerungsanteil 20, weit mehr als jeder andere Kanton der Schweiz. Sie wurden in sechs Wahlkreisen gewählt, die ungefähr den bern. Landesteilen entsprachen. Die bekanntesten Gewählten waren Radikale wie Jakob Stämpfli oder Ulrich Ochsenbein. Das Seeland entsandte aber auch einen Vertreter des Zentrums, den bekannten ehemaligen General und konservativen Genfer Guillaume-Henri Dufour.

Weil B. 1848 Vorort war, traten die neuen eidg. Räte hier zusammen. Sie bestimmten die Stadt als Bundesstadt. B. siegte v.a. dank den Stimmen aus der franz. Schweiz über Zürich, die einzige ernsthafte Konkurrentin. Die Grossbauten des Bundes veränderten ab 1852 die Silhouette der Stadt markant. Dagegen blieb ein stärkerer Wandel der Bevölkerungsstruktur vorerst aus. Sprachrohr des Freisinns und der Bundespolitik wurde die 1850 gegr. Zeitung Der Bund.

Wie 1831 die Liberalen, so weckten 1846 auch die Radikalen Hoffnungen auf materielle Erleichterungen, die sich vorerst kaum erfüllten. Abneigungen gegen eine Gesetzesflut und gegen ausländ. Flüchtlinge und Professoren, namentlich gegen den Theologen Eduard Zeller, minderten die Beliebtheit der Regierung. Sie verlor im Mai 1850 die Grossratswahlen knapp und wich für vier Jahre einer rein konservativen Exekutive mit Eduard Blösch als führendem Kopf. 1854 schmolz diese "schwarze" Mehrheit auf fünf Sitze, was zur "Fusion" (Koalition) führte: Fortan bildeten Konservative und Radikale gemeinsam die Kantonsregierung, wobei den Radikalen schon bald ein Übergewicht zufiel. Anders als in andern ref. Kantonen bestand aber in B. die konservative Opposition weiter und zwang die Radikalen zur Mässigung. Allmählich verschwammen die Parteigrenzen. So schieden sich die Geister beim Eisenbahnbau (ab 1854) und bei der ersten Juragewässerkorrektion (1868-91) v.a. nach wirtschaftl. und regionalen Interessen.

Die demokrat. Bewegung erfasste B. vergleichsweise spät. Wie die demokratisch gesinnte "Junge Schule" der Radikalen unter dem Stadtberner Fürsprecher Rudolf Brunner forderten auch die Konservativen, wenn auch aus andern Gründen, das obligator. Referendum für Gesetzes- und Finanzvorlagen. Dieses wurde 1869 durch blosse Gesetzesänderung eingeführt, d.h. ohne Revision der Kantonsverfassung.

Autorin/Autor: Beat Junker

4.1.6 - Auswirkungen des Kulturkampfs und der Staatskrise von 1877-1878

Der Kulturkampf riss zwischen den bern. Kantonsbehörden unter radikaler Führung und den Katholiken im Nordjura tiefe Gräben auf. Zwischen dem Bf. von Basel, dem Jurassier Eugène Lachat, und dem Berner Regierungsrat kam es zur Machtprobe: B. besetzte den Nordjura mit Militär und wies die bischofstreuen Priester aus. Die örtl. Bevölkerung hielt aber weiter zu diesen, und es gelang B. nicht, eine starke christkath. Kirche aufzubauen. Erst die Wirtschaftskrise, die neue Bundesverfassung von 1874 und der Erfolg der Konservativen bei den Berner Grossratswahlen 1878 liessen die Kämpfe abflauen. B. musste die härtesten Druckmassnahmen aufheben. Sie hatten den Widerstandsgeist und den inneren Zusammenhalt der Nordjurassier gestärkt und Wunden geschlagen, die in der Folge nicht mehr verheilten.

Zu personellen Änderungen in der kant. Exekutive führte die Staatskrise von 1877-78: Der Regierungsrat hatte der angeschlagenen "Eisenbahngesellschaft B.-Luzern" heimlich ein Darlehen gewährt, das seine Kompetenz weit überschritt. Das Stimmvolk weigerte sich, die "Vorschussmillion" nachträglich an der Urne gutzuheissen, umso mehr, als nun auch die riesige Verschuldung des Staats offenbar wurde. Alle neun Regierungsräte zogen daraus die Konsequenz und traten zurück. Da bei den Neuwahlen 1878 mehrere gewählte Freisinnige das Amt ausschlugen, dauerte es bis 1882, ehe sämtl. Regierungsratssitze wieder besetzt waren.

Um von der missl. Lage der Kantonsfinanzen abzulenken und aus der Staatskrise herauszufinden, schlugen Freisinnige eine Totalrevision der veralteten Kantonsverfassung von 1846 vor. Erste Anläufe scheiterten wohl v.a. wegen der geplanten Abschaffung von Burgergemeinden und -gütern. Die 1893 angenommene Vorlage berührte diese umstrittene Frage nicht mehr. Sie brachte die Gesetzesinitiative und die Wahl der Bezirksbeamten durch das Volk sowie eine leichte Verkleinerung des Gr. Rats (ein Vertreter auf 2'500 Einw. statt auf 2'000). Erst später setzten sich die Proporzwahl des Gr. Rats (1922) sowie die Volkswahl des Regierungsrats (1906) und der beiden Ständeräte (1977) durch. In der Volksabstimmung nahmen die Altberner die Verfassung ebenso deutlich an, wie die Jurassier sie verwarfen. Entscheidend für deren Ablehnung waren die unerfüllten Wünsche im konfessionellen und Schulbereich sowie der Wegfall der bisherigen Sonderregelungen für ihren Landesteil.

Autorin/Autor: Beat Junker

4.1.7 - Die Parteienlandschaft seit den 1880er Jahren

Im späten 19. Jh. wandelten sich die bern. Parteien. Bei den Freisinnigen traten anstelle der weltanschaulich geprägten alten Radikalen nüchterne Sachpolitiker in den Vordergrund, z.B. Alfred Scheurer, der als Regierungsrat die Kantonsfinanzen wieder ins Gleichgewicht brachte. Bei den Konservativen entstand ein neuer Schwerpunkt im Oberaargau um die Berner Volkszeitung. Ihr Redaktor und Verleger Ulrich Dürrenmatt wirkte mit seiner populären Schreibweise weit über die eigene Partei hinaus und mobilisierte v.a. bei Volksabstimmungen die Massen wie ein Volkstribun. Er forderte die Bewahrung traditioneller, bäuerlich und christlich geprägter Lebensformen und erwartete als Föderalist vom Staat B. mehr Eigenständigkeit gegenüber dem Bund. 1882 vereinigten sich der Anhang Dürrenmatts und die meist patriz. Konservativen der Stadt B. zur Bernischen Volkspartei, doch war den Partnern fast nur die Abneigung gegen den Freisinn gemeinsam.

Auf der Linken hatten Arbeitervereine wie der Grütliverein im 19. Jh. noch den Freisinn unterstützt. Auch Albert Steck, ein Fürsprecher aus einem Stadtberner Burgergeschlecht, kam vom Linksfreisinn her. Er gehörte 1888 zu den Mitbegründer der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz. Wie den meisten bern. Sozialdemokraten schwebten ihm nicht der Klassenkampf oder eine Diktatur des Proletariats vor, sondern in erster Linie eine Verstaatlichung der Produktionsmittel und ein Recht auf Arbeit. Grössere Wahlerfolge hatten die Sozialdemokraten aber erst nach der Einführung des Proporzwahlrechts, in der Stadt B. erstmals 1894, im Kt. B. 1922. Bereits 1914 hatten sie vier Nationalräte und 18 Grossräte gestellt.

Die bern. Bauern hatten im 19. Jh. die traditionellen Parteien unterstützt, v.a. den Freisinn. Aber spätestens vom 1. Weltkrieg an geriet der Freisinn ihres Erachtens immer stärker unter den Einfluss von Handel und Industrie, Arbeitnehmern und Konsumenten und verfocht kaum mehr bäuerl. Anliegen. Deshalb gründeten 1918 junge, nach Einfluss strebende Bauern, darunter Rudolf Minger, eine Partei, die sich bald mit Gewerbevertretern und den übrig gebliebenen Konservativen in der Stadt B. und im Oberaargau zur bern. Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB, ab 1971 Schweizerische Volkspartei) zusammenschloss. Diese gewann 1919 bei den ersten Nationalratswahlen nach dem Proporzsystem gleich 15 der 32 Berner Mandate, dies v.a. auf Kosten des Freisinns, und einen Ständeratssitz. Im Gr. Rat errang sie fast die Hälfte der Sitze, und 1920-38 beanspruchte sie immer fünf der neun Stellen im Regierungsrat. 1938 zogen erstmals zwei Sozialdemokraten in die Kantonsregierung ein, 1946 deren drei. Danach hatte die Formel mit vier BGB-, drei SP- und zwei FDP-Regierungsräten bis 1986 Bestand.

Mitte der 1930er Jahre schlossen sich die sog. Jungbauern (Bauernheimatbewegung) unter Führung von Hans Müller (1891-1988) zusammen, zuerst innerhalb der BGB, ab 1935 von ihr losgelöst. Sie unterstützten vorerst sozialpolit. Postulate, zeigten aber auch zunehmend Sympathien für eine straff geführte "autoritäre Demokratie", die sie in die Nähe des Frontismus führten. Dem polit. Höhepunkt mit den Nationalratswahlen von 1935 folgte ein allmähl. Niedergang, und kurz nach dem 2. Weltkrieg verschwanden die Jungbauern als selbstständige polit. Organisation wieder. Die Freiwirtschaftl. Bewegung der Schweiz war im Kt. B. zwar nicht überdurchschnittlich vertreten, gewann aber durch den Emmentaler Grossrat Fritz Schwarz grösseres Ansehen. Die Katholisch-Konservativen hatten im Nordjura ihre stärkste Basis.

B. gehörte nicht zu den Pionierkantonen der polit. Gleichberechtigung der Frauen. Zwar hatte der liberale Patrizier Beat Rudolf von Lerber schon um 1830 diese Forderung erhoben, aber als Aussenseiter kein Echo gefunden. Im Nov. 1900 lehnten die Stimmberechtigten die Wählbarkeit von Frauen in Schulkommissionen ab, doch fand diese dann in erweiterter Form im Gemeindegesetz von 1917 Zustimmung. Eine Ermächtigung der Gemeinden, in kommunalen Angelegenheiten das Stimm- und Wahlrecht für Frauen einzuführen, wurde noch 1956 an der Urne zurückgewiesen. Ihre Annahme kam 1968 zustande, weil die zustimmenden Mehrheiten in den städt. Amtsbez. B., Biel, Nidau und im gesamten Jura die ablehnenden Mehrheiten in allen ländl. Gebieten des alten Kantons übertrafen. Die eidg. Vorlage von 1959 über das Frauenstimm- und -wahlrecht verwarfen die Berner Stimmbürger noch mit einer Zweidrittels-Mehrheit. Die Vorlage von 1971 fand jedoch mit derselben Mehrheit Zustimmung, und Ende 1971 wurde das Stimm- und Wahlrecht für Frauen auch auf kant. Ebene eingeführt. Allgemein fielen im 20. Jh. öfters die Stimmen zweier unterschiedl. Partner in die gleiche Waagschale, nämlich die der städt. Agglomerationen und die der Jurassier, die gemeinsam Mehrheiten gegenüber den konservativ Gesinnten gewinnen konnten.

Das starke Wachstum des Verwaltungsapparats im 19. und 20. Jh. war z.T. durch die Zweisprachigkeit des Kantons bedingt, der z.B. im Erziehungswesen und auch für die Rechtspflege manche Strukturen doppelt erhalten musste. Zudem engagierte sich der Staat B. stark in der Wirtschaft, etwa im Verkehr und in der Energieversorgung, auch wenn die Bern. Kraftwerke (BKW) und die Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn (BLS) nicht Teile der Kantonalverwaltung waren, sondern gemischtwirtschaftl. Unternehmen mit starkem Einfluss der Behörden. Oft dienten ihre Chefsessel als Alterssitze für Politiker am Ende ihrer Karriere. B.s Verwaltung war z.T. auch deshalb umfangreich, weil sie noch lange auf relativ kleinen Einheiten wie den Amtsbezirken aufbaute, obwohl diese für die Einwohner viel von ihrer Bedeutung verloren. Auch anderweitig wurde Überliefertes ungern aufgegeben. So leistete sich der Kt. B. mit 200 Grossräten und neun Regierungsräten (bis 1990) die grösste Legislative und Exekutive aller Kantone der Schweiz.

Zur immer stärkeren Belastung wurde in der Nachkriegszeit die Jurafrage. Nach langen polit. Auseinandersetzungen (Berner Jura) löste sich 1978 der Nordjura vom Kt. B. und konstituierte sich neu als Kt. Jura. Im bernisch gebliebenen Südjura gewannen danach sowohl die Idee eines Anschlusses an den Kt. Jura als auch die Frage einer rechtl. Sonderstellung des nunmehr verkleinerten franz. Sprachgebiets im Kt. B. an Gewicht.

Mit formellen Änderungen der Kantonsverfassung hielt B. zurück und vollzog nach 1846 nur zweimal eine Totalrevision. Während der radikalen Vorherrschaft wandte sich namentl. auf dem Lande stets eine grosse Zahl von Stimmbürgern gegen Neuerungen. Selbst nach der Abtrennung des Nordjuras blieb eine Verfassungsrevision bis 1993 aus. Das polit. Gewicht des Kt. B. in der Schweiz hat abgenommen. Vertraten 1848 18% aller Nationalräte den Kanton, so waren es 1999 noch 13,5% (27 von 200).

Autorin/Autor: Beat Junker

4.1.8 - Die 1980er und 90er Jahre

In Bewegung und Unruhe geriet die kant. Politik durch die sog. Finanzaffäre (1984-88), die nach dem Verlust des Nordjuras das bern. Staatsbewusstsein zusätzlich erschütterte. Im Sommer 1985 zeigte der Untersuchungsbericht einer parlamentar. Kommission, dass zuvor Zahlungen von Behörden an polit. Gruppen nicht immer den Vorschriften entsprochen hatten. In den Regierungsratswahlen von 1986 traten die FDP und die SVP erstmals mit getrennten Listen an. Die FDP verlor im 2. Wahlgang ihre beiden Sitze an die Freie Liste, eine Oppositionsgruppe ursprünglich bürgerl. Herkunft, die sich besonders für Umweltanliegen einsetzte. Auf die Wahlen von 1990 hin wurde der Regierungsrat durch eine erfolgreiche Volksinitiative von neun auf sieben Sitze verkleinert. Diese gingen wieder an die grossen traditionellen Parteien (drei SVP, zwei SP, zwei FDP). Im Gr. Rat dagegen gewannen in den 1980er und 90er Jahren jüngere links-grüne wie auch rechtsbürgerl. Parteien grössere Anteile.

Das Laufental hatte sich im Herbst 1983 an der Urne zum Verbleib im Kt. B. bekannt, doch zeigte es sich später, dass die Kantonsregierung den Entscheid mit geheimen Zahlungen unzulässig beeinflusst hatte. Deshalb ordnete das Bundesgericht eine Wiederholung an, die Ende 1989 knapp zugunsten eines Anschlusses an das Baselbiet ausfiel, so dass der Amtsbez. Laufen auf den 1.1.1994 aus dem Kt. B. ausschied.

1993 nahmen die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger eine revidierte Kantonsverfassung an, die vorwiegend Bisheriges weiterführte, es aber übersichtlicher darstellte und zeitgemässer formulierte. Neu wurden z.B. soziale Grundrechte und das konstruktive Referendum eingeführt.

Nationalratswahlen 1919-1999 (ausgewählte Jahre)
Partei1919192719391951196319751987a1999b
BGB/SVPc16151011111098
SP9111012121178
FDP56566655
KK/CVPd12222111
Grütliverein1       
Jungbauern  3     
LdU  12211 
EVP     111
NA/SDe     111
Freie Liste      31
Autoparteif      1 
EDU       1
Grünes Bündnis       1
Total3234313333312927

a nach 1978 ohne den Nordjura (Gründung des Kt. Jura)

b nach 1994 bzw. 1996 ohne den Amtsbez. Laufen und die Gem. Vellerat

c ab 1971 SVP

d ab 1970 CVP

e ab 1990 SD

f ab 1994 Freiheits-Partei

Quellen:Autor

Grossratswahlen 1926-2002 (ausgewählte Jahre)
Partei19261938195019621974198619982002
BGB/SVPa10464797979696667
SP6355686859495858
FDP4328323937403836
KK/CVPb1311101010622
Jungbauern 22      
LdU 14124  
Freiwirtschaft 11     
Junges Bern   211  
EVP    36811
NA/SDc    5533
POCH/Grünes Bündnisd    1255
Freie Liste/Grüne-Freie Listee    11910
EDU      44
Freiheits-Parteif      4 
Andere 1 13734
Parteilos11      
Total224184194200200200200200

a ab 1971 SVP

b ab 1970 CVP

c ab 1990 SD

d ab 1987 Grünes Bündnis

e ab 1997 Grüne-Freie Liste

f vor 1994 Autopartei

Quellen:Autor

Autorin/Autor: Beat Junker

4.2 - Das kantonale Wehrwesen bis 1874

Die Helvet. Republik stellte eine stehende Truppe auf und begann den Aufbau einer Nationalgarde, in der alle Bürger im Alter von 20 Jahren zwei Jahre Militärdienst leisten sollten; kant. Organe oder Einheiten waren nicht vorgesehen. Mit der Mediation kehrte das Wehrwesen unter kant. Hoheit zurück. Der Zeitraum 1803-74 war gekennzeichnet durch ein Nebeneinander von kant. und eidg. Wehranstalten, wobei sich das Schwergewicht nach 1848 zum neu gegr. Bundesstaat hin verschob. Neben den beiden Kontingenten (Auszug bzw. Reserve), die der Kanton dem Bund zu stellen hatte, stand ihm eine Landwehr zur eigenen Verfügung. Ausbildung, Ausrüstung, Bewaffnung und Rekrutierung der Bundeskontingente blieben zunächst den Kantonen überlassen.

Die Grundlage des bern. Wehrwesens in der Mediationszeit waren das Gesetz von 1804 und die kant. Militärorganisation von 1812, die keine allg. Wehrpflicht kannten. Die 5'500 Mann starken Bundeskontingente des Kt. B. setzten sich aus Freiwilligen und durch das Los bestimmten Wehrmännern zusammen. Das von der eidg. Tagsatzung erlassene allg. Militärreglement von 1817, das im Wesentlichen bis 1850 bestehen blieb, brachte Bewegung auch in das bern. Wehrwesen. Der Kt. B. hatte einen Einwohneranteil von 2%, insgesamt 11'648 Männer, zu den Bundeskontingenten beizusteuern. Vermehrt traten Spezialtruppen in Erscheinung: Scharfschützen, Kavallerie, Artillerie, Train, Sappeure und später auch Pontoniere. 1818 führte B. die allg. Wehrpflicht ein. Die Verordnung von 1826 regelte die Ausbildung des Auszugs an der kant. Militärschule in der Stadt B.: Einer Rekrutenschule von sechs Wochen folgten einige wenige Wiederholungskurse als Garnison der Stadt B. Die Landwehr blieb beim System des Drills auf Exerzierplätzen. An Artillerie hatte B. zum eidg. Heer vier Zwölfpfünder, 22 Sechspfünder und sechs Zwölfpfünder-Haubitzen zu stellen, insgesamt 32 Feldgeschütze. B. bemühte sich, den andern Kantonen mit gutem Beispiel vorangehend, die eidg. Artillerieordonnanz von 1819 durch die Beschaffung der neuen Sechspfünder-Feldgeschütze und einer Batterie Zwölfpfünder vom engl. Typ, der ersten in der Eidgenossenschaft, in die Tat umzusetzen. Schon während der Restauration entstammten viele Unteroffiziere und Offiziere bis zum Hauptmannsgrad der ländl. Oberschicht. Bei den Stabsoffizieren jedoch dominierten Bernburger. In der bewegten Regenerationszeit zerfielen Ausbildungsstand, Disziplin und Dienstfreudigkeit des Heers. Die Militärverfassung von 1835 bedeutete eher einen Rückschritt, indem der Auszug von zwölf auf acht Jahrgänge herabgesetzt, die Trüllen (Drill) aufgehoben und gesetzlich vorgeschriebene Ausbildungsdienste suspendiert wurden. 1840 umfassten die bern. Truppen 12'666 Mann im Bundesauszug, 6'100 Mann in der Bundesreserve, 19'357 Mann in der Landwehr, eine Stadtwache von 92 Mann und ein Studentenkorps von 113 Mann. Das starke Bevölkerungswachstum führte in dieser Zeit zu einem Anstieg der Mannschaftsbestände und einem empfindl. Mangel an Offizieren und Unteroffizieren. Mit der Militärorganisation von 1847, die v.a. das Werk des Militärdirektors und späteren Bundesrats Ulrich Ochsenbein war, wurde das bern. Militärwesen gestrafft und die Krise überwunden. Bereits 1842 hatte auf eidg. Verordnung hin die Einführung des Infanteriegewehrs mit Perkussionsschloss begonnen.

Im Bundesstaat regelte das Bundesgesetz über die Militärorganisation von 1850, welches das Kontingentsheer grundsätzlich beliess, das Militärwesen. Die gesetzl. Anpassung des bern. Militärwesens an diese Bundesordnung erfolgte 1852 durch das Gesetz über die Militärorganisation des Kt. B., welches die letzte kantonalbern. Wehrordnung blieb. Mit der Verfassungsrevision von 1874 wurde das Wehrwesen Sache des Bundes.

1803-46 stand stets eine Kollegialbehörde dem Berner Militärwesen vor: 1803-15 die dem Staatsrat unterstehende Militärkomm., 1815-31 der Kriegsrat nach altbern. Vorbild, 1831-46 das Militärdep. Gemäss der Verfassung von 1846 hatte in der Folge ein Regierungsmitglied die alleinige Leitung der Militärdirektion inne.

Autorin/Autor: Georges Grosjean

5 - Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur im 19. und 20. Jahrhundert

5.1 - Bevölkerung und Siedlung

5.1.1 - Bevölkerungsentwicklung

In der 1. Hälfte des 19. Jh. gehörte B. zu den Kantonen mit dem stärksten Bevölkerungswachstum. Seither liegt es unter dem schweiz. Durchschnitt. Die Krisen der 1850er, 1880er 1970er und 1990er Jahre trafen B. besonders heftig. Sie bewirkten 1850-56 und 1970-80 sogar Bevölkerungsrückgänge. In den Grenzen seit 1997 war B. bis 1930 der bevölkerungsreichste Kanton, wurde dann aber vom Kt. Zürich überflügelt. Der Berner Anteil an der Schweizer Wohnbevölkerung ging 1850-1990 kontinuierlich von 17% auf 13,7% zurück, und die Wanderungsbilanz war mit Ausnahme der Periode 1930-70 negativ. Dieser Trend spiegelt den im schweiz. Vergleich hohen Anteil an Randregionen sowie die unterdurchschnittl. Wirtschaftsentwicklung.

Bis 1850 verteilte sich das Wachstum recht gleichmässig über das Kantonsgebiet. Seit dem Anschluss an das Bahnnetz ab 1857 entwickelten sich die einzelnen Regionen jedoch sehr unterschiedlich, wobei die jeweils dominierenden Wirtschaftszweige und deren Konjunktur eine zentrale Rolle spielten. So wuchs der Südjura in den 1850er Jahren dank der Uhrenindustrie um 25%, und Biel war bis 1910 die am schnellsten wachsende Stadt der Schweiz. Die Krise nach 1974 liess die Bevölkerung Biels und des Berner Juras jedoch drastisch zurückgehen. Die Region um die Stadt B. war wegen ihrer gemischten Wirtschaftsstruktur krisenresistenter und legte bevölkerungsmässig am stärksten zu. Das agrarisch geprägte höhere Mittelland mit dem Emmental und dem Schwarzenburgerland verlor dagegen durch Abwanderung kontinuierlich an Gewicht. Das Seeland blieb hinter der kant. Entwicklung zurück, bis es nach 1945 in den Sog der Agglomerationen Biel und B. geriet. Die Oberaargauer Bevölkerung wuchs bis 1980 langsamer, seither aber deutlich schneller als die des gesamten Kantons. Das Berner Oberland entwickelte sich uneinheitlich: Der Tourismusboom der Belle Epoque erfasste v.a. die Amtsbez. Interlaken und Saanen. Das Oberhasli war mit Ausnahme der Kraftwerkbauperiode 1920-40 ein Abwanderungsgebiet. Nach 1860 nahm das demograf. Gewicht der grossen Zentren B., Biel und Thun überproportional zu. Dieses Wachstum dauerte bis in die 1960er Jahre an. Dann setzte die Suburbanisierung ein, und seit 1980 greifen die Agglomerationen in das tiefere Mittelland aus, so dass statistisch gesehen neue Städte (Münsingen, Lyss) entstanden sind.

Konfessionell ist B. der Kt. mit dem weitaus höchsten prot. Bevölkerungsanteil geblieben. Der Anteil der ausländ. Wohnbevölkerung lag immer deutlich unter dem schweiz. Mittel.

Bevölkerungsentwicklung 1850-1990a
ZeitraumEinwohnerbGesamtzunahmecWanderungssaldocAusländeranteilbProtestantenbAltersstruktur: Anteil >59b
1850-1860413'468  -97,7%-
1860-1870419'5187%-2%2,2%96,7%10,0%
1870-1880450'537d6%-4%3,1%96,8%9,5%
1880-1888478'364d1o/oo-10o/oo3,0%96,8%9,3%
1888-1900482 9768o/oo-4o/oo3,1%96,6%9,1%
1900-1910531'97310o/oo-3o/oo4,6%95,2%9,6%
1910-1920587'1005o/oo-3o/oo6,0%93,3%9,7%
1920-1930615'9163o/oo-6o/oo4,1%93,9%10,5%
1930-1941633'1616o/oo1o/oo3,1%93,5%10,9%
1941-1950672'56311o/oo2o/oo1,7%92,9%12,0%
1950-1960742'51311o/oo3o/oo2,8%90,4%11,3%
1960-1970826'02710o/oo2o/oo6,3%86,0%12,0%
1970-1980916'0350o/oo-2o/oo10,8%80,7%14,4%
1980-1990912'0225o/oo4o/oo7,7%78,2%16,5%
1990958'192  10,2%73,3%16,0%

a nach dem Gebietsstand von 1990

b zu Beginn der Berechnungsperiode

c mittlere jährl. Zuwachsrate

d ortsanwesende Bevölkerung

Quellen:Pfister, Bern, 430 f.; HistStat; BFS

Autorin/Autor: Christian Lüthi

5.1.2 - Siedlungsentwicklung

Mit dem Industrialisierungs- und Tertiärisierungsprozess im 19. und 20. Jh. verstärkten sich die Beziehungen zwischen den Siedlungen. Es entwickelten sich regionale und überregionale Siedlungssysteme, wobei sowohl die Voraussetzungen zu Beginn des 19. Jh. als auch der Entwicklungsverlauf von Region zu Region sehr unterschiedlich waren: Im Berner Oberland wurde die von der mehrstufigen alpinen Landwirtschaft geprägte traditionelle Streusiedlung nach dem Bau von Fahrstrassen und Eisenbahnlinien bereits vor dem 1. Weltkrieg durch Hotelbauten des frühen Alpin- und Kurtourismus überformt. Nach dem 2. Weltkrieg führte der Massentourismus zum Bau zahlreicher Ferienhäuser und einzelner Feriensiedlungen. Die Weiler- und Einzelhofsiedlungen des höheren Mittellandes (Schwarzenburgerland, Emmental) sind dagegen vorwiegend agrarisch geblieben. Einzig die an das Bahnnetz angeschlossenen ehemaligen Gewerbesiedlungen wie Langnau, Konolfingen und Schwarzenburg sind Entwicklungszentren von regionaler Bedeutung geworden. Die ehemaligen Bauerndörfer der Region B. und des Aaretals zwischen Thun und B. wurden durch den um 1900 einsetzenden und in der Nachkriegszeit beschleunigten Agglomerationsprozess vorwiegend zu Wohnsiedlungen ("Schlafdörfer"), die funktional stark mit den städt. Zentren verflochten sind. Auch der Raum Biel entwickelte sich infolge der Abwanderung aus der Kernstadt und der Zuwanderung aus ländl. Gebieten in die Bieler Umlandgemeinden zur Agglomeration. Im Seeland wird in den geschlossenen Haufendörfern mit einstigem Zelgensystem seit den Juragewässerkorrektionen und Gesamtmeliorationen intensiver Gemüsebau betrieben. Am nördl. Bielerseeufer dominieren nach wie vor die Rebbaudörfer. Die Dörfer in den Tälern des Berner Juras wurden vom 19. Jh. an stark durch die Uhrenindustrie geprägt. Auf Talterrassen und den Jurahöhen blieben dagegen die landwirtschaftl. Einzelhofsiedlungen erhalten.

Zählte 1850 von den 26 Städten und Flecken des Kt. B. einzig die Stadt B. mehr als 10'000 Einw., so wohnten 2000 39% der bern. Bevölkerung in den 13 städt. Gem. mit mehr als 10'000 Einw. 1850-1910 nahm die Bevölkerungszahl in den Kernstädten stark zu, nach 1950 wuchsen v.a. die Umlandgemeinden innerhalb der Agglomerationen. Durch die Festlegung von wirtschaftl. Entwicklungsschwerpunkten innerhalb und ausserhalb der Agglomerationen versuchen die Kantons- und Gemeindebehörden seit den 1990er Jahren die Siedlungs- und Wirtschaftsentwicklung zu steuern und zu fördern.

Autorin/Autor: Hans-Rudolf Egli

5.2 - Wirtschaft

5.2.1 - Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistungen

Die wirtschaftl. Entwicklung seit 1800 lässt sich als Abfolge dreier Strukturperioden beschreiben, in denen das Wirtschaftswachstum jeweils auf anderen Schlüsselenergieträgern beruhte: bis um 1850 auf dem Boden als Basis für durch Sonnenenergie erzeugte Biomasse (Holz, Nahrung, Futter), 1850-1950 auf der Kohle und der durch Wasserkraft erzeugten Elektrizität, seit 1950 auf Erdöl, Erdgas und Atomenergie. Die Strukturperioden waren überlagert von kürzeren Zyklen des Auf- und Abschwungs, denen bestimmte Innovationen zugeordnet werden können. Diese waren durch eine Wirtschaftspolitik abgesichert, die sich an den jeweiligen kulturellen Leitwerten orientierte.

Neuerungen zur Hebung der Flächenproduktivität, v.a. im Futterbau (Leguminosen als Stickstofflieferanten, verbesserte Düngung dank Stallfütterung und Jauchegruben, Kartoffel), waren nach 1760 von der Ökonom. Gesellschaft propagiert worden. Sie blieben jedoch im Kt. B. lange in einer Vorläuferphase stecken, weil institutionelle (Flurzwang, Naturalabgaben), demograf. (knappe Arbeitskraft) und ökonom. Hindernisse (kein marktfähiges Exportprodukt) ihrer breitenwirksamen Umsetzung entgegenstanden. Erst der Durchbruch des Liberalismus in der Regeneration schuf die Rahmenbedingungen mit der Markt- und Gewerbefreiheit, der Ablösung der Feudallasten und der freien Verfügung über den Boden. Zugleich wuchs mit den geburtenstarken Jahrgängen 1820-35 ein ausreichendes Arbeitskräfte- und Nachfragepotential heran, und mit den neuen Talkäsereien (Pioniergründung Kiesen 1813) liess sich aus der im Überfluss vorhandenen Milch exportfähiger Käse in grossen Mengen herstellen. Damit verlor aber das Berggebiet seine Vorrangstellung im wichtigen Käseexportmarkt.

Für die Jahre 1835-47 signalisiert die Bautätigkeit einen gesamtwirtschaftl. Aufschwung, der sich auch in einem kräftigen Wachstum des Viehbestandes und in der Gründung zahlreicher Talkäsereien, v.a. im östl. Kantonsgebiet, niederschlug. Der Kt. B. führte Käse, Vieh und Holz, Eisen aus den jurass. Hochöfen und in Normaljahren auch Getreide aus. Im Gegenzug wurden Textilien und Genussmittel wie Zucker, Kaffee und Wein, bei Missernten ausserdem Getreide importiert. Trotz des erhebl. Bevölkerungswachstums verschlechterte sich die Ernährungslage nicht. Selbst im Notjahr 1847 hätte sich die Berner Bevölkerung bei gleichmässiger Verteilung der vorhandenen Nahrungsmittel aus eigener Produktion ernähren können. Der damals verbreitete Pauperismus wurzelte somit nicht in wirtschaftl., sondern in sozialen und polit. Missständen.

Aufgrund des grossen ökonom. Gewichts der Landwirtschaft im Kt. B. intensivierte die Agrarrevolution die Austauschbeziehungen mit den exportorientierten Leichtindustrien und mit dem Gewerbe. Um 1800 übte schon jeder Dritte ein Handwerk aus, wobei u.a. eine Vielfalt von Erzeugnissen aus dem Grundwerkstoff Holz hergestellt und auf den Märkten vertrieben wurde. Trotz der erhebl. Expansion von Wirtschaft und Bevölkerung in der 1. Hälfte des 19. Jh. veränderte sich das relative Gewicht der Erwerbssektoren bis um 1856 nicht. Neben der Baubranche gewannen durch den abnehmenden Selbstversorgungsgrad v.a. Bäcker, Metzger und Handelsberufe an Bedeutung. Während die heimindustrielle Leinenproduktion im Emmental an der Konkurrenz durch auswärtige Fabrikindustrie scheiterte, fasste in Biel neben der Metallurgie vorübergehend die Baumwollindustrie Fuss. Die Herstellung von Uhren verbreitete sich vom Kt. Neuenburg her schon seit dem 18. Jh. im Tal von Saint-Imier, zunächst in Heimarbeit (Ateliers), von den 1850er Jahren an in Fabriken.

In der zweiten Strukturperiode, 1850-1950, wurde der Kt. B. durch das Eisenbahnnetz in die entstehende regionale und internat. Arbeitsteilung einbezogen. Bis 1914 treten drei Wellen starker Bautätigkeit hervor (1853-66, 1872-78, 1890-1914). Die ersten beiden wurden vom Eisenbahnbau (bis 1864 Blüte der Eisenindustrie im Jura), die dritte vom Maschinenbau auf der Basis billigen Stahls sowie von der Elektrifizierung getragen. In der Grossen Depression (im Kt. B. 1878-89) wurden mit der Ausweitung der polit. Beteiligung auf Bundesebene, der Durchsetzung der obligator. Schulpflicht und dem Übergang zum "organisierten Kapitalismus" günstige Rahmenbedingungen für die folgende Aufschwungperiode geschaffen.

Die Ausgestaltung des Eisenbahnnetzes bis um 1870 legte die wirtschaftl. Wachstumspole (B., Biel, Thun, Burgdorf, Langenthal) langfristig fest. Nach einer Phase, in der sich weiterhin v.a. traditionelle Leichtindustrien ansiedelten (1889 Uhrenindustrie 20%, Textilindustrie 15% der Beschäftigten im Kt. B.), folgte in der Hochkonjunkturperiode 1890-1914 eine Welle von industriellen Neugründungen. Die über das Bahnnetz verteilte Kohle schuf die Energiebasis für neue Industriezweige, die Prozesswärme benötigten und, mit Ausnahme der Metall- (Selve-Metallwerke in Thun) und der Porzellanindustrie (Langenthal), einheim. Rohstoffe verarbeiteten: die Zementindustrie in La Reuchenette, Laufen und Därligen, die Ziegeleien, die Keramikindustrie in Laufen, die Papierindustrie in Grellingen, Zwingen, Utzenstorf und Deisswil sowie die Nahrungsmittelindustrie (Schokolade, Ovomaltine, Kondensmilch, Zucker, Schmelzkäse). Bei der Erzeugung von elektr. Energie mit Wasserkraft ging der Kt. B. führend voran (Kraftwerke Felsenau, Hagneck, Spiez, Bannwil, Kandergrund, Kallnach, 1909 Gründung der BKW). Die Uhrenindustrie breitete sich am Jurafuss aus und zog die Herstellung von Präzisionsmaschinen nach sich. In Thun gingen Impulse von den eidg. Militärbetrieben aus (Metall- und Verpackungsindustrie), in der Stadt B. u.a. vom graf. Gewerbe (Druckmaschinen). In Langenthal liess sich die Maschinenfabrik Ammann nieder. Die meisten Gründerpersönlichkeiten stammten aus zugewanderten Familien der Deutschschweiz oder des Auslands. Die nach 1890 im Mittelland entstandenen Stich- und Verbindungsbahnen vermochten die wirtschaftl. Attraktivität der Peripherien nicht zu steigern, im Unterschied zu den Touristenbahnen im Oberland und zur Alpen querenden BLS.

Grundlegend wandelte sich 1870-1910 die Beschäftigungsstruktur: Der Anteil der Landwirtschaft ging von 49% auf 33% zurück, derjenige der Industrie stieg leicht von 38% auf 44%. Einen starken Aufschwung von 13% auf 23% erfuhr der Dienstleistungssektor, darin v.a. die kant. und die eidg. Verwaltung, die 1888-1910 um 162% zunahmen.

Die bern. Landwirtschaft erzielte zwischen 1850 und 1915 bei einem leicht rückläufigen Arbeitskräftebestand namhafte Produktionsgewinne im Futter- (+ 90%) und Kartoffelbau (+ 56%) sowie in der Milch- (+ 145%) und Fleischproduktion (+ 170%). Dagegen stagnierte, im Unterschied zu anderen Kantonen, die Getreideproduktion. Die um 1890 einsetzende zweite Phase der Agrarrevolution beruhte technologisch auf der Mechanisierung pferdegezogener Geräte (u.a. Maschinenfabrik Aebi) sowie auf der Anwendung von Dünger und Hilfsstoffen, organisatorisch auf den rasch aufkommenden Landwirtschaftlichen Genossenschaften, welche die Innovationen verbreiteten, politisch auf der Organisation der Bauern im 1897 gegr. Schweizerischen Bauernverband (SBV).

In den beiden Weltkriegen wurden die Elektrizitätswerke unter dem Druck des Energienotstands stark ausgebaut (u.a. Mühleberg, Grimsel) und in Thun die Militärbetriebe erweitert. In Biel siedelte sich in der Wirtschaftskrise 1935 ein Montagewerk der General Motors an. Dieses steht als doppeltes Symbol für eine neue Ära der industriellen Produktion (Fordismus aus den USA) und eine wirtschaftl. Wachstumsphase, die sich nach dem 2. Weltkrieg um die Motorisierung und die Automobilisierung entwickelte und die als erste Wachstumsphase in der Geschichte von fallenden Energiepreisen (Erdöl) profitierte.

Von der Massenmotorisierung wurde auch die Landwirtschaft erfasst. Die dritte Agrarrevolution (1955-65) steigerte die Arbeitsproduktivität ebenso wie die Hektarerträge, die durch Kapital- und Energieeinsatz weiter anstiegen. Sie setzte weitere Arbeitskräfte für die wachsenden Industrien frei. Das industrielle Wachstum der Nachkriegszeit bescherte dem 2. Sektor im Kt. B. 1960 einen Beschäftigtenanteil von 49,1% (Schweiz 50,4%). In der Land- und Forstwirtschaft fiel der Agrarkanton B. dagegen bis 1960 mit 6,5% der Vollbeschäftigten unter den schweiz. Durchschnitt (11,2%).

In diesen Wachstumsjahren zeichnete sich eine neue Tendenz in der Standortwahl der Industrien ab. Als Folge der ausgetrockneten Arbeitsmärkte in den Städten und grösseren Industrieorten kam es zur Dezentralisierung industrieller Betriebe ins Berner Oberland, in die voralpine Hügelzone und in den ländl. Raum, um verbleibende Arbeitsreserven auszuschöpfen und der Verknappung und Verteuerung des Industrielands in den städt. Gebieten auszuweichen.

Neue Akzente in der Standortgunst setzten nach 1960 der Autobahnbau und die neue Planungsphilosophie der räuml. Trennung von Wohnen und Arbeiten. Ausgelöst durch die vielen Güterzusammenlegungen im Zusammenhang mit dem Autobahnbau entstanden entlang der neuen Nationalstrassen, v.a. an Autobahnkreuzen (z.B. Schönbühl, Wankdorf), grosszügige Industrie- und Gewerbezonen, die die alten Industriestandorte entlasteten, aber neuen Pendlerverkehr produzierten. Der Infrastrukturausbau, die planerischen Funktionsentflechtung und das quantitative Wachstum leiteten eine von den städt. Zentren ausgehende Suburbanisierung ein.

Der Kt. B. ging aus diesen Wachstumsjahren mit strukturellen Schwächen hervor. Das hist. Erbe des Agrarkantons, die hohen Infrastrukturkosten der dezentralen Siedlungsstruktur und die Untervertretung wertschöpfungsstarker Branchen warfen ein Pro-Kopf-Einkommen ab, das 1975 um 8,7% unter dem schweiz. Durchschnitt lag. Dem infrastrukturellen Nachholbedarf, den regionalen Disparitäten und den Strukturschwächen der Industrie wird mit einer Wirtschaftsförderung begegnet, die seit 1975 durch das Investitionshilfegesetz des Bundes verstärkt wird.

Nach den Jahren der konjunkturellen Überhitzung mit hohen Inflationsraten anfangs der 1970er Jahre kam der Sturz in die Krise. Hart getroffen wurde v.a. die schweiz. Uhrenindustrie: Sie verlor zwischen 1970 und 1976 45'000 oder 50% ihrer Arbeitsplätze, u.a. weil sie den Einstieg in die Massenproduktion der Quarzuhr, die sie bereits 1967 entwickelt hatte, verpasste. Im Berner Jura und in der Uhrenstadt Biel wurden 40% der Arbeitsplätze abgebaut. Symbolhaft für das Ende des industriellen Breitenwachstums schloss zudem 1975 General Motors die Montagehalle in Biel. Mit der Verlagerung industrieller Arbeitsplätze ins billiger produzierende Ausland ging 1975-85 in der Schweiz eine Desindustrialisierung einher, der 300'000 Arbeitsplätze zum Opfer fielen. Auch im Kt. B. übernahm um 1985 der Dienstleistungssektor die wirtschaftl. Führungsrolle.

Erwerbsstruktura
Jahr1. Sektor2. Sektor3. SektorbTotal
186088'52842,7%68'75933,2%49'80524,0%207'092
1870c97'95148,8%77'66038,7%25'05312,5%200'664
1880c105'31147,2%86'04838,5%31'95214,3%223'311
188891'80642,7%81'55837,9%41'66219,4%215'026
190089'72835,7%105'54442,0%55'99422,3%251'266
191089'11231,7%119'70242,6%72'28125,7%281'095
192092'08330,2%127'69441,8%85'52628,0%305'303
193078'47225,0%135'47143,2%99'36431,7%313'307
194180'17223,7%143'28742,4%114'70833,9%338'167
195031'1168,7%163'81145,6%163'95945,7%358'886
196025'6876,5%193'59749,1%174'95644,4%394'240
197045'59010,6%198'99846,2%185'69343,2%430'281
198039'9739,2%164'17037,9%228'67652,8%432'819
199029'1256,0%143'54629,4%314'88164,6%487'552

a bis 1960 ohne Teilzeitangestellte, inkl. künftiges jurass. Kantonsgebiet

b Residualgrösse

c ortsanwesende Bevölkerung

Quellen:BFS, HistStat

Ende des 20. Jh. konzentrierten sich die hochwertigen industriellen Arbeitsplätze auf die Agglomerationen B., Biel und Thun, wogegen die Klein- und Mittelzentren auch vom Breitenwachstum des Dienstleistungssektors profitiert haben. Der Tourismus sorgt für eine weitere Dezentralisierung des tertiären Wachstums im Kantonsgebiet. Die Strukturschwächen der bern. Wirtschaft sind aber nicht überwunden. Die Rezession der 1990er Jahre hat 1991-93 mehr Arbeitsplätze gekostet (- 9,5% oder 34'000) als im schweiz. Mittel (- 8,9%). Agrar- und Industrielastigkeit in traditionellen Branchen erschweren den künftigen Anpassungsprozess. Die Übernahme bedeutender Berner Firmen durch internat. Konzerne (z.B. Tobler durch Philip Morris, Losinger durch Bouygues) oder die verstärkte Zusammenarbeit (z.B. Ascom mit Ericsson) hat vorerst Arbeitsplätze gesichert. Der Wirtschaftsraum Mittelland ("Espace Mittelland" mit 1,7 Mio. Einw. und 800'000 Arbeitsplätzen Ende der 1990er Jahre) soll inskünftig durch die Zusammenarbeit der Kt. B., Neuenburg, Freiburg und Solothurn national und international als Arbeits- und Wohnstandort aufgewertet werden. Das jüngste wirtschaftspolit. Leitbild des Kt. B. von 1993 setzt auf Ballungen wachstums- und innovationsstarker Branchen (z.B. Telematik, Medizinaltechnik, Beratungsdienstleistungen). Allerdings bleibt die wirtschaftspolit. Handlungsfähigkeit des Staats durch den relativ hohen Steuerfuss und durch die hohe Schuldenlast (1999 rund 10 Mrd. Fr.), die u.a. vom Debakel der Berner Kantonalbank von 1992 herrührt, vorerst beschränkt.

Autorin/Autor: Christian Pfister, Paul Messerli

5.2.2 - Verkehr

Ende des 18. Jh. besass der Kt. B. ein auf die Hauptstadt ausgerichtetes Netz moderner Fahrstrassen, das sich vom Rhein im Nordosten bis zum Genfersee im Südwesten erstreckte. Durch die territoriale Neuordnung von 1815 wurde die Nordwest-Südost-Richtung zur Längsachse des Kantons. Dennoch förderte der Staat weiterhin die nun verkürzten Nordost-Südwest-Transitwege durch das Mittelland und überliess den Bau alpenquerender Passstrassen den Kt. Wallis, Uri, Tessin und Graubünden. Bis um 1900 wurde jedoch auch in den Tälern des Berner Alpenraums das Netz der Hauptpoststrassen ergänzt (zuerst ins Niedersimmen- und ins Frutigtal) und der Weg über den Grimselpass zur befahrbaren Strasse für den Sommerverkehr ausgebaut (1891-94).

Die Eisenbahn verkürzte die Reisezeiten gegenüber dem damaligen Strassenverkehr auf einen Fünftel oder weniger und rückte die Wirtschaftszentren einander deutlich näher. 1857-70 bauten Bahngesellschaften wie die Ost-West-Bahn (ab 1861 Bern. Staatsbahnen) oder die Schweiz. Centralbahn die mittelländ. Hauptstrecken. Im Berner Jura begann der Bahnbau erst nach der dt. Eroberung des Elsasses im Dt.-Franz. Krieg mit der 1872 eröffneten schweiz.-franz. Verbindung Pruntrut-Delle. Im selben Jahr entstand mit der Bödelibahn (Därligen-Interlaken-Ost), die zwischen Thuner- und Brienzersee verkehrte, die erste Bahnlinie im Berner Oberland. 1888 folgte die Brünigbahn (Brienz-Luzern), und ab 1913 verband die BLS das bern. Bahnnetz mit dem 1906 eröffneten Simplontunnel. Damit war endlich eine wintersichere Verbindung von der Ajoie bis ins Wallis vorhanden. Die Zentren der schweiz. Wirtschaft hatten sich allerdings schon weitgehend gebildet, die grössten ausserhalb des bern. Gebiets.

Bereits vor dem Beginn des Bahnzeitalters hatte 1826 auf dem Bielersee die Dampfschifffahrt begonnen. Auf den Oberländer Seen stand der Schiffsverkehr v.a. im Dienst des wachsenden Tourismus. 1835 eröffneten die Gebrüder Knechtenhofer mit der "Bellevue" die Dampfschifffahrt zwischen Thun und Neuhaus (Gem. Unterseen), und 1839 fuhr das erste Dampfschiff auf dem Brienzersee. Dem Ausbau der Bahn- und Schiffsverbindungen bis nach Interlaken folgten 1890 die Bahnlinien in die Lütschinentäler. Dank der Erfindung der Zahnradlokomotive konnten nun auch Steilstrecken überwunden und Bergbahnen gebaut werden (1892 Brienzer Rothorn, 1893 Schynige Platte, 1912 Jungfraujoch). Auf kürzeren Strecken wurden Standseilbahnen eingesetzt (erstmals 1879 Giessbach). Der Rückgang des Tourismus ab 1914 brachte auch den Bergbahnen Rückschläge. Ein neuer Bauboom setzte erst nach 1950 ein: Die zahlreichen Kabinenbahnen, Sessel- und Skilifte dienten nun vorwiegend dem rasch wachsenden Wintertourismus.

Der Motorisierungsschub nach dem 2. Weltkrieg löste den Bau des Nationalstrassennetzes aus. Gemäss dem 1960 genehmigten Bauprogramm konzentrieren sich die Verbindungen im tieferen Mittelland. Dominant ist somit auch im Berner Kantonsgebiet der West-Ost-Verkehr. Die A1 vom Bipperamt über die Stadt B. nach Murten ist seit 1981 durchgehend in Betrieb. Die A12 nach Freiburg war bereits 1977 fertig gestellt. Die A5 am Bielersee entstand zwischen 1973 und 1989; die Fortsetzung zwischen Biel und der A1 bei Solothurn wurde 2001 eröffnet. Von der heute noch fehlenden Strecke durch die Stadt Biel soll der Ostast von Brügg nach Bözingen 2008-2009, der Westast von Brügg an den Bielersee bis 2015 gebaut werden. Die 1966-73 erbaute A6 verbindet B. mit dem Oberland. Ihre 1957-94 errichtete Fortsetzung A8 von Spiez bis zum Brünigpass ist mehrheitlich eine zweispurige Autostrasse. Seit 1997 führt die A16 von Biel bis Tavannes; sie soll um 2010 den Kt. Jura erreichen. Als Folge der wachsenden Umweltprobleme, die zu einem grossen Teil verkehrsbedingt sind, entschied die Öffentlichkeit in den 1990er Jahren, den Alpentransit vermehrt auf die Schiene zu verlagern. Deshalb wird im Rahmen der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale (Neat) eine Lötschberg-Basislinie gebaut und voraussichtlich 2007 in Betrieb genommen.

Autorin/Autor: Klaus Aerni

5.2.3 - Tourismus

Die bern. Obrigkeit bewilligte nach 1650 öffentl. Bäder mit Wirtsrecht, die sich bald in allen Schichten grosser Beliebtheit erfreuten. Dies setzte im 18. Jh. v.a. im Raum Oberaargau-Emmental-Berner Oberland den Bädertourismus in Gang. Zahlenmässig überwogen zwar Lokalbäder (1862 50) mit wenig Betten und einfacher Badeeinrichtung. Für den Tourismus wichtiger waren aber die Kur- und Heilbäder (1862 20), unter denen im Oberland Weissenburg, Heustrich (Gem. Aeschi bei Spiez), Faulensee und Lenk sowie im Gantrischgebiet das Gurnigelbad Ende des 19. Jh. mit Hotelpalästen und exquisiter Unterhaltung mondäne Züge annahmen. Der 1. Weltkrieg setzte der Bädermode ein abruptes Ende. Zu Beginn des 21. Jh. waren nur noch die Kurzentren Lenk und Schwefelbergbad von Bedeutung.

Der Jura kannte vom 18. Jh. bis zum Bahnbau einen auch literarisch belegten Transittourismus. Im Berner Oberland löste die Alpenbegeisterung den Tourismus aus: Naturschilderungen und Reiseberichte (u.a. Rousseau, Albrecht von Haller, Goethe) zogen Fremde vom 18. Jh. an zu den berühmten, oft abgebildeten Gletschern bei Grindelwald und zu den Wasserfällen im Lauterbrunnental. Ausgangspunkt war Interlaken, das sich im 19. Jh. dank leichter Erreichbarkeit (Strasse, Schiff, Bahn) zum internat. Kurort aufschwang. Eine renommierte Hotellerie (ab 1860 Grandhotels "Jungfrau" und "Victoria"), Parkanlagen, Flanierstrassen und der Kursaal (1859) festigten Interlakens Ruf. Die neuen Verkehrsmittel bewirkten den raschen Ausbau der Hotellerie um Thuner- und Brienzersee (Thun, Giessbach), in den Tälern von Meiringen (Rosenlaui, Reichenbach), Grindelwald und Lauterbrunnen (Mürren, Wengen) und nach 1900 auch im Simmental, Saanen- und Frutigland (Lenk, Saanen, Gstaad, Adelboden, Kandersteg).

Seit der Mitte des 19. Jh. ist der Fremdenverkehr im Kt. B. ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, der allerdings wechselnden Modeströmungen unterworfen war. Im 19. Jh. waren es Trink- und Molkenkuren sowie der Alpinismus, dem die Erschliessung der Bergwelt (Erstbesteigung der Jungfrau 1811, des Finsteraarhorns 1812, Goldene Jahre des Alpinismus 1855-65) und das Netz von Schutzhütten des Schweizerischen Alpenclubs zu verdanken sind. Bergbahnen führten ab 1890 zu hoch gelegenen Ausflugszielen. Nachhaltigen Einfluss übte vom ausgehenden 19. Jh. an der Wintersport aus, v.a. der Skilauf (ab 1891). Als erster Kurort eröffnete Grindelwald 1888 die Wintersaison.

Ab 1950 begannen Massensportarten (Ski, Wandern usw.) sowie die Tendenz zu sportlicher und kultureller Aktivität die Konzepte der Kurorte zu bestimmen. Sportbahnen, Lifte, Sporthallen, Pisten und Loipen gehörten zur Norm für einen Wintersportort. Seit den 1980er und 90er Jahren wurden Trend- und Risiko-Sportarten in das Angebot aufgenommen, um v.a. in der Sommersaison ein jüngeres Publikum anzusprechen. Unübersehbar wandelte sich auch die gesellschaftl. Zusammensetzung der Gäste: Bis zum 1. Weltkrieg prägte die engl. Oberschicht die Kurorte. Seit den 1950er Jahren öffneten Billig- und Parahotellerie (Ferienwohnungen, Heime, Camping), Massen-, Gruppen- und Tagestourismus die Bergwelt allen Schichten.

Der Fremdenverkehr verschaffte der Berner Bergbevölkerung vielfältigen Zusatzverdienst. Dem hekt. Aufbau der Hotellerie von 1890-1914 (1880 107 Hotelbetriebe, 1912 665) folgten jedoch konjunkturelle Einbrüche (Weltkriege, 1930er Jahre), die man mit Heimarbeit und Arbeit in Bundesbetrieben zu überwinden suchte. Die bestehenden Tourismuskonzepte erstreben deshalb eine Einbindung der alpinen Land-, Holz- und Bauwirtschaft sowie ein Gleichgewicht von Sommer- und Wintersaison; Interlaken hat sich auf Kongresstourismus verlegt. In den 1950er und 60er Jahren kam der Ausflugstourismus auch am Bieler-, Neuenburger- und Murtensee (z.B. "Drei-Seen-Fahrt"), im Jura und im Emmental (z.B. Erlebnisferien) auf.

Autorin/Autor: Quirinus Reichen

5.3 - Gesellschaft

5.3.1 - Schichtung und Sozialpolitik

Die Berner Sozialgeschichte des 19. Jh. ist, mit regionalen Unterschieden, gut erforscht. Weniger bekannt sind die Verhältnisse im Oberland, Oberaargau und Südjura. Zum 20. Jh. liegen versch. Einzelstudien vor, jedoch fehlt eine Überblicksdarstellung.

Die ländl. Gesellschaft gliederte sich um 1800, gestützt auf den Besitz von Kulturland, Vieh und Lebensmitteln, in vier Schichten: Man unterscheidet im Mittelland und Jura zwischen marktproduzierenden Vollbauern, Selbstversorgern, Nichtbauern mit teilweiser Selbstversorgung sowie Landlosen, im Alpengebiet zwischen Käse produzierenden Bauern mit vielen Kühen, Bauern mit wenigen Kühen, Ziegenbesitzern und Haushalten ohne Vieh. Das Sozialprofil der sechs Landesteile war vom Erbrecht beeinflusst: Die Erbteilung unter allen Geschwistern führte im Seeland, Oberaargau und Südjura zu Kleinhöfen und starker Verbreitung von Handwerk, Gewerbe und Heimindustrie. Das Erbvorrecht eines Sohns hatte dagegen im Emmental und in Teilen des Mittellandes grossbäuerl. Höfe und einen geringen Anteil an Kleinbetrieben zur Folge. Im östl. Oberland waren Land- und Viehbesitz sowie Vorräte nahezu gleichmässig verteilt, und eine reiche Schicht fehlte; gegen Westen nahm die soziale Ungleichheit zu. Sozialprestige und polit. Macht basierten überall weitgehend auf dem Besitz an Kulturland und Vieh. Dies galt auch für die Stadtbevölkerung, deren Oberschicht (ehemalige Patrizier, reiche Bürger) Vermögen in Landgütern, nicht in Fabriken anlegte.

Der soziale Wandel verlief im 19. Jh. regional unterschiedlich: Im Amtsbez. Büren z.B. hatten die meisten Haushalte am "Burgernutzen" teil (Holz, Weide, Pflanzland) und kamen bei der Allmendteilung zu Land, was Taunern und Kleingewerblern ein Überleben sicherte. Im Amtsbez. Konolfingen dagegen wurden Allmenden, die 1800 nicht bereits aufgeteilt waren, den Grosshöfen zugeschlagen. Mangels Chancen wanderten initiative Kräfte ab.

Während im 19. Jh. der Landbesitz weitgehend über die soziale Stellung entschied, änderte sich dies im 20. Jh. tief greifend: Im selben Mass, wie landwirtschaftl. Einkommen zurückblieben, führte nun v.a. der Verdienst aus Industrie und Dienstleistungen zu Vermögensbildung und sozialem Aufstieg. Damit entstand das soziale Gefälle zwischen Industrieregionen (Jura, Biel, Oberaargau), dem Dienstleistungszentrum B. und den agrar. Peripherien, soweit diese nicht in den Pendlergürtel der Agglomerationen einbezogen wurden. Um 1960 stimmte die Verteilung der Wehrsteuererträge - bei grossen Differenzen innerhalb des Kt. B. - weitgehend mit dem schweiz. Mittel überein. Bei den natürl. Personen überwogen die unteren Einkommensklassen massiv. 1987 lebte gemäss einer Studie rund ein Sechstel der bern. Bevölkerung in einer Armut, die als Anspruchsberechtigung auf Ergänzungsleistungen zur AHV/IV, verbunden mit einer Unterversorgung in wesentl. Lebensbereichen (z.B. Wohnen, Ernährung, Gesundheit), definiert war.

In der Sozialpolitik waren die Dorf- und Kirchgemeinden seit dem späten 17. Jh. zur heimatrechtl. Armenversorgung verpflichtet. Im Seeland und im Oberaargau blieben die Soziallasten tragbar. In Teilen des Mittellandes und v.a. im Emmental und Schwarzenburgerland jedoch bedrückte die Massenarmut (Pauperismus) im Jahrzehnt um 1850 die Gemeinden und die ansässige Bevölkerung trotz starker Abwanderung in unerträgl. Ausmass, da auswärtige Arme das Sozialbudget ihrer Heimatgemeinde weiterhin belasteten. Die Überbürdung der Armenpflege nach dem Wohnortsprinzip auf die Einwohnergemeinden und private Armenvereine (1847) löste das soziale Netz und stürzte den Kt. B. in eine tiefe Krise. Als Konsequenz hielt das Armengesetz von 1857 an der Unterstützungspflicht der Wohngemeinde fest, schrieb jedoch subsidiäre Verpflichtungen von Verwandten und Staat vor. Nach einer Hochkonjunkturphase legten die in der Wirtschaftskrise nach 1880 hervortretenden Schwächen der neuen Regelung - das Ausscheren der Burgergemeinden aus der sozialen Verpflichtung, ungenügende Staatsbeiträge, verfassungswidrige Repression der Einwohnergemeinden gegen arme Zuzüger - eine erneute Reform nahe. Das 1897 verabschiedete Armen- und Niederlassungsgesetz sah den Lastenausgleich zwischen den Gemeinden auf der Basis einer kant. Armensteuer vor. Die Revision von 1960 trug den Persönlichkeitsrechten der Unterstützten besser Rechnung.

Autorin/Autor: Christian Pfister

5.3.2 - Lebensweisen

Lebensweisen und Mentalitäten sowie Formen des Zusammenlebens und der Abgrenzung sind erst für einzelne soziale Gruppen oder im lokalen Rahmen erforscht. Gut bekannt sind etwa die Verhältnisse im Stadtberner Bürgertum und in der städt. Arbeiterschaft im 19. und frühen 20. Jh., aber auch örtl. Folgen der Agglomerationsbildung. Erste Erkenntnisse sind zum Verhältnis zwischen Leitbildern und Realitäten bäuerl. Kultur und Lebensführung vorhanden.

Allgemein bestanden bis nach dem 2. Weltkrieg v.a. zwischen Stadt und Land grosse soziale Unterschiede. Jedoch gab es auch innerhalb der Landbevölkerung teils deutl. Gegensätze zwischen Grossbauern mit Gesinde, Kleinbauern und in Armut lebenden Landlosen, wie sie etwa Jeremias Gotthelf genau beobachtet und nachgezeichnet hat. Dem stadtbürgerl. Familienmodell mit dem erwerbstätigen männl. Familienoberhaupt, dessen Ehefrau sich ausschliesslich um die häusl. Aufgaben kümmern musste, konnte jedoch selbst in grösseren Bauernbetrieben kaum nachgelebt werden. Bis zur ersten Mechanisierungswelle um 1890 mussten auf Bauernhöfen alle Familienangehörigen mitarbeiten, zu den Erntezeiten zudem Wanderarbeiter und Taglöhner beigezogen werden.

Zu wichtigen dörfl. Treffpunkten wurden neben den Gaststätten die zahlreichen im 19. Jh. errichteten Talkäsereien. Nach 1860 löste der Import von Getreide aus günstigeren Anbaugebieten per Bahn eine Agrarkrise aus, die ländl. Arbeitskräfte freisetzte. Gleichzeitig schuf die Industrialisierung Arbeitsplätze in den Städten. So trugen Zuwanderer vom Land zum Wachstum der städt. Arbeiterschaft bei. Als Folge dieser Veränderungen in der ländl. und städt. Sozialstruktur entstanden Konsumvereine (1890 in B.) und Landwirtschaftliche Genossenschaften (1887 in Uettligen), die den Bedürfnissen v.a. der Arbeiterschaft und der Bauern nach Selbsthilfe entsprangen. In den nächsten Jahrzehnten breiteten sich diese Körperschaften über den ganzen Kanton aus und nahmen einen wichtigen Platz im dörfl. und städt. Leben ein.

In den Städten waren die sozialen Unterschiede im 19. Jh. besonders gross; Standesgrenzen verloren nur langsam an Bedeutung. So dominierten in der Stadt B. die Patrizier und die übrigen Burger, deren Anteil an der Einwohnerschaft zwischen 1809 und 1910 von knapp 20% auf 5% zurückging, bis um 1900 das polit. und gesellschaftl. Leben. Das Wirtschaftsbürgertum, welches das ökonom. Wachstum der Stadt prägte, stammte hingegen nicht aus dieser Schicht, sondern aus Familien, die im Lauf des 19. Jh. in die Stadt gezogen waren.

Auch die Spanne der Berufe und Lebensformen war in den Städten breiter. Die grösste Berufsgruppe bildeten um 1850 die in bürgerl. Haushalten arbeitenden Dienstbotinnen. Meist junge Frauen vom Land übten diese Arbeit im Normalfall einige Jahre aus, bevor sie heirateten. Nach dem 1. Weltkrieg verlor der Beruf an Bedeutung, da sich den Frauen neue Erwerbsmöglichkeiten (Industrie, Detailhandel, Gastgewerbe, Büro) öffneten.

Um 1890 begann die städt. Arbeiterschaft sich zu organisieren. Vorläufer dieser Arbeiterbewegung waren Handwerksgesellen, die sich ab 1844 in Grütlivereinen zusammengeschlossen hatten. Der Grütliverein erreichte im Kt. B. zwischen 1890 und 1910 mit 40-60 Sektionen und maximal 2'700 Mitgliedern seinen Höhepunkt, wurde jedoch um 1900 an Mitgliederstärke von der SP überflügelt. Parallel zur polit. Organisation entwickelte die Arbeiterschaft, die oft in besonderen Quartieren rund um die Fabriken lebte, eine eigene Subkultur. Ihre Arbeitervereine und Gewerkschaften schlossen sich 1888 in Biel, 1878 und 1890 in B. zu Arbeiterunionen zusammen, die zu polit. und sozialen Schaltzentren dieser Schicht wurden. Die Linke erlangte in B. 1918, in Biel 1921 erstmals Mehrheiten in Stadtparlament und -regierung.

Das besonders nach 1848 entstandene Vereinswesen war vielfältig und teilweise nach Klassen und Geschlecht gegliedert. Bürgerl. Vereine widmeten sich im 19. Jh. dem Gesang (erste Männerchöre in Thun 1829, B. 1833, Langenthal 1841, Liedertafel Biel 1832), dem Turnen (1816 Vaterländische Turngemeinde in B. als erster Turnverein der Schweiz, 1832 Bürgerturnverein B.) oder dem Schiessen. Handwerker- und Gewerbevereine (B. 1839, Langenthal 1852, Worb 1865) verfolgten Berufsinteressen des gewerbl. Mittelstandes. Der 1860 gegr. Handels- und Industrieverein sowie der 1865 und 1882 gebildete Kantonal-Bernische Gewerbeverband bündelten wirtschaftl. Interessen auf kant. Ebene.

Die Zahl der Frauenvereine, die sich mehrheitlich in der Sozialfürsorge engagierten, nahm v.a. 1890-1910 mit rund 600 Gründungen stark zu. Ab den 1920er Jahren entstanden Landfrauenvereine (1930 Verband bern. Landfrauenvereine), die sich um eine verbesserte Selbstversorgung und Haushaltführung bemühten und grosse Anziehungskraft auch auf nichtbäuerl. Landbewohnerinnen ausübten.

Die Hochkonjunktur von 1945-74 brachte einen nie dagewesenen Wohlstand mit sich, der die Lebensformen grundlegend veränderte: Für immer breitere Schichten entwickelte sich der Konsum zum Freizeitvergnügen. Einkaufszentren entstanden an den Achsen des Strassenverkehrs, z.B. 1975 das Shoppyland Schönbühl. Die Anfang der 1960er Jahre einsetzende Suburbanisierung verwischte die Grenzen zwischen städt. und ländl. Lebensweisen. Gleichzeitig nahmen der Energie- und Flächenverbrauch sowie die Mobilität in der Arbeit und Freizeit besonders bei der Bevölkerung der Agglomerationsgürtel massiv zu. So stieg z.B. der Bruttoenergieverbrauch von Münchenbuchsee 1950-90 pro Kopf um den Faktor 13 (Schweiz: Faktor 5,5).

Die Werte des Bürgertums fanden in den 1950er und frühen 60er Jahren quer durch alle Schichten Akzeptanz. Die vorwiegend in den Städten ausgebrochenen Jugendunruhen von 1968 und ab 1980 stellten jedoch diese Normen und Autoritäten grundsätzlich in Frage und bereiteten den Weg für neue Subkulturen mit antibürgerl. Lebenshaltung.

Der Kt. B. hatte 1910 einen Ausländeranteil von 6%, in der Stadt B. betrug er 11%, in Biel 12%. Dabei handelte es sich v.a. um Italiener, die eine eigenständige Kultur pflegten. Nach einem zahlenmässigen Rückgang 1914-45 entstanden nach 1945 erneut grosse Gastarbeiterkolonien aus Südeuropa (Ausländeranteil 1970: 11%). Nach 1980 verlagerte sich das Schwergewicht der Zuwanderung auf Länder im Südosten und ausserhalb Europas. Zugleich erhöhte sich die Vielfalt der Lebensstile, was sich v.a. im Freizeit- und Konsumverhalten (z.B. Musik, Ernährung, Reisen) zeigt. Ein anderes Beispiel verwischter kultureller Grenzen ist die 1982 wieder eingeführte Stadtberner Fasnacht.

Der Berner Jura nimmt in versch. Hinsicht eine besondere Position ein. Er gehört der franz. Sprachkultur an, die im Kt. B. stets eine Minderheit bildete (1990 7,9%). Zudem ist er wenig urbanisiert und massgebend von der Uhrenindustrie geprägt, die eine dezentrale Struktur aufweist. Deshalb orientierte sich die zahlenmässig grosse Arbeiterschaft an kleinbürgerl. Leitbildern. Biel bildet mit einem seit 1900 stabilen französischsprachigen Bevölkerungsanteil von rund 30% einen Brückenkopf zwischen den beiden Sprachgebieten.

Autorin/Autor: Christian Lüthi

5.4 - Kultur und Bildung, Kirchen und religiöses Leben

5.4.1 - Religiöse Bewegungen innerhalb und ausserhalb der Kirchen

Nach dem Zwischenspiel der Helvetik kehrte die ref. Berner Kirche während der Mediation und der Restauration im Wesentlichen zu alten Formen und Inhalten zurück. Zwar war B. seit der Vereinigung mit dem Jura im Jahr 1815 ein konfessionell gemischter Kt., aber auch nachher machte sich ein Altberner, der - wie 1820 Karl Ludwig von Haller - zum Katholizismus übertrat, politisch unmöglich.

Die Erweckungsbewegung, die im frühen 19. Jh. von der Westschweiz her nach B. drang, betonte statt des Intellekts eine Frömmigkeit des Gemüts. Sie erfasste Dienstboten oder Handwerker ebenso wie Damen und Herren aus dem Patriziat. Ihr führender Kopf in B., Karl von Rodt, verzichtete 1829 um des Glaubens willen auf eine polit. Karriere und wurde aus dem Kantonsgebiet verbannt. 1831 zurückgekehrt, gründete er 1833 die von der Landeskirche abgespaltete "Freie Evangelische Gemeinde". Stärker auf dem Lande verwurzelt war die 1831 gegr. "Evangelische Gesellschaft", deren Mitglieder indessen der Landeskirche treu blieben.

Die liberale Kantonsverfassung von 1831 gewährte die Glaubensfreiheit, aber die Radikalen, welche 1846 die Regierung übernahmen, bekämpften v.a. in ihrer Presse Kirche und Glauben. Dies weckte Gegenkräfte, die im sog. Zellerhandel 1847 gegen die Berufung des liberalen Theologieprofessors Eduard Zeller an die Univ. B. protestierten und danach in der Stadt B. christlich geprägte höhere Mittelschulen gründeten: 1851 die Neue Mädchenschule, 1854 das evang. Lehrerseminar Muristalden und 1859 das Freie Gymnasium.

Kirchlich spaltete sich die ref. Berner Bevölkerung im 19. Jh. in "Reformer" und "Positive". Die "Reformer" unter Führern wie Albert Bitzius (1835-82) und den Brüdern Eduard und Ernst Friedrich Langhans betonten Vernunft, Fortschritt und prakt. Nächstenliebe, die "Positiven" das Bekenntnis zu Christus, Bibeltreue sowie die innere und äussere Mission. Dazwischen standen die wenig zahlreichen "Vermittler" um den Pfarrer und späteren Regierungsrat Edmund von Steiger und den dichtenden Pfarrer Gottfried Strasser.

Bedeutendster bern. Vertreter der zu Beginn des 20. Jh. entstandenen religiös-sozialen Bewegung war Pfarrer Karl von Greyerz. Die ref. Landeskirche entging im späten 19. und 20. Jh. dem drohenden Zerfall in einzelne Religionsgemeinschaften, verlor aber im Alltag des öffentl. Lebens viel von ihrer Autorität. Das Kirchengesetz von 1945 brachte u.a. in allen evang. Kirchgemeinden das Frauenstimm- und -wahlrecht. Viele Einzelheiten blieben aber namentlich zwischen den kirchl. Richtungen umstritten, so dass die Vorlage in der Volksabstimmung nur knapp angenommen wurde. Am meisten Zustimmung fand sie im mehrheitlich kath. Nordjura, der den Wegfall der staatl. Genehmigungspflicht für Erlasse kirchl. Oberbehörden begrüsste. Eine Folge des Kalten Krieges war der bern. Kirchenstreit von 1949-51, in dessen Verlauf Regierungsrat und spätere Bundesrat Markus Feldmann Karl Barth und dessen Anhänger öffentlich der Intoleranz gegen andere kirchl. Richtungen und übertriebener Moskauhörigkeit bezichtigte.

Der Alte Kantonsteil hatte keine Gebiete mit einer kath. Bevölkerung. Als B. 1799 Hauptstadt der Helvet. Republik wurde, verlangten aber Gesandte aus kath. Kantonen Gottesdienste in ihrer eigenen Konfession. Erster kath. Pfarrer in B. wurde darauf der berühmte Pädagoge Pater Gregor Girard aus Freiburg. Auf ähnl. Weise kam man ab 1819 den kath. Absolventen der Eidg. Militärschule in Thun mit Messen in der Kirche Scherzligen entgegen.

1815 erhielt B. mit dem Jura einen kath. Bevölkerungsteil, dem der Kanton die Freiheit seines Glaubens garantierte. In der Stadt B. bauten die Katholiken 1864 die Kirche St. Peter und Paul, doch sprach die Regierung diese 1874 den Christkatholiken zu, worauf 1899 die Dreifaltigkeitskirche als röm.-kath. Gotteshaus entstand. 1893 erlangten die röm.-kath. Gemeinden im Jura, 1939 diejenigen im alten Kantonsgebiet die öffentl.-rechtl. Anerkennung.

Im Kulturkampf wollte die Kantonsregierung,v.a. der Kirchendirektor Wilhelm Teuscher, den Einfluss des Bf. von Basel im kath. Nordjura brechen und die Bildung einer von Rom unabhängigen Kirche fördern. Jedoch bildeten sich christkath. Gemeinden nur gerade in Laufen, Saint-Imier, Biel und B. Die kleine, 1874 gegr. christkath. Fakultät der Univ. B. leistete im 20. Jh. einen bedeutenden Beitrag zur ökumen. Bewegung. 2001 wurde sie mit der evang.-theol. Fakultät vereinigt.

Aufgrund der vorwiegend ländl. Struktur des Kt. B. lagen die Bevölkerungsanteile von Personen jüd. und islam. Glaubens stets deutlich unter dem schweiz. Durchschnitt, wobei der islam. Anteil im ausgehenden 20. Jh. stark gewachsen ist. Juden und Muslime haben sich v.a. in den Agglomerationen niedergelassen. In der Stadt B. entstand 1855 eine erste Synagoge, die 1906 von einem grösseren Bau der Israelit. Kultusgemeinde B. abgelöst wurde. Die erste Synagoge der Israelit. Gemeinde in Biel wurde 1882 erbaut. 1997 erhielten die beiden jüd. Gemeinden im Kt. B. die öffentlich-rechtliche Anerkennung. Die Muslime pflegen ihren Gottesdienst in neueren Islamischen Zentren in B. und Biel sowie in kleineren Gebetslokalen.

Autorin/Autor: Beat Junker

5.4.2 - Bildung und Kultur

Privatschulen (z.B. Hofwil) vermittelten schon zu Beginn des 19. Jh. eine kindgerechte Erziehung. Gegen die im Kt. B. besonders gravierende Schulabsenz, u.a. wegen Mithilfe bei der Landarbeit, blieb dagegen auch die liberale Konzeption der obligator. Volksschule trotz Schulgesetzen von 1835, 1860 und 1870 lange wenig wirksam; der Schulbesuch wurde erst nach 1900 regelmässiger. Städte und Marktorte verfügten über ein erweitertes Ausbildungsangebot mit Sekundarschulen (seit den 1830er Jahren) und Progymnasien (Biel 1817, Thun 1838, Burgdorf 1855), die man im Zug der Dezentralisierung des Mittelschulwesens ab 1872 zu Gymnasien aufwertete. Um 2000 bestanden im Kt. B. neben privaten 15 kant. Mittelschulen. Verbesserten Unterricht brachten ab 1833 die Ausbildung der Lehrkräfte in staatl. und privaten Lehrerseminaren (heute Pädagogische Hochschulen), die materielle Besserstellung der Lehrer seit 1850, die Einrichtung der Schulwarte 1879 und die regelmässige berufl. Fortbildung im 20. Jh. Die Ausbildungsgänge verliefen bis in die 1970er Jahre nach Geschlechtern getrennt (1838 eines der ersten Lehrerinnenseminare der Schweiz in Niederbipp). Später entstanden berufl. Fachschulen: Lehrwerkstätten der Stadt B. 1888, gefolgt von Berufsschulen, Technika (heute Fachhochschulen) in Biel 1890 und Burgdorf 1892. Die Hohe Schule in B. wurde 1805 zur Akademie, 1834 zur kant. Hochschule (Universität Bern).

Die Stadtbibliothek B. wurde 1852 der Burgergemeinde zugesprochen und 1903 zur Stadt- und Universitätsbibliothek erweitert. Diese untersteht seit 1951 einer Stiftung von Kt., Stadt- und Burgergemeinde. Ergänzt wird sie durch Bibliotheken des Bundes (Eidg. Parlaments- und Zentralbibliothek 1849, Schweiz. Landesbibliothek 1895) und die Burgerbibliothek (Handschriften, Bernensia). Das öffentl. Bibliothekswesen im Kt. B. wird seit 1963 durch die kant. Kommission für Schul- und Gemeindebibliotheken zum kant. Bibliotheksnetz ausgebaut.

Die Museen der Hauptstadt (Kunstmuseum 1879, Hist. Museum 1896, Naturhist. Museum 1933) bauten auf älteren Sammlungen und Kabinetten auf. Aus privatem Sammeln von Objekten ehemaliger Wohnkultur und Arbeitswelt entstanden nach 1945 zahlreiche von Vereinen getragene Heimatmuseen. Von überregionaler Bedeutung sind das Schweiz. Freilichtmuseum für ländl. Bau- und Wohnkultur Ballenberg (1968), die aus der Privatsammlung Werner Abeggs entstandene Abegg-Stiftung Riggisberg (1967, v.a. Textilien) und das Jugendstilmuseum Schloss Hünegg in Hilterfingen (1966). 2002 wurde in der Stadt B. mit dem Bau eines Paul-Klee-Zentrums begonnen (Eröffnung 2005).

Seit 1819 veranstaltet die Bern. Musikgesellschaft in B. Konzerte. Sie rief auch 1858 die Musikschule, die Vorgängerin des Konservatoriums für Musik und Theater, ins Leben und fördert das 1877 gegr. Berner Symphonie-Orchester, eines der grössten Orchester der Schweiz. Biel hat seit 1969 ein Berufsorchester. Amateurorchester mit einzelnen Berufsmusikern wirken u.a. in Thun, Burgdorf und Langnau. Gstaad erlangte durch das Menuhin-Festival und die Menuhin-Akademie für Solistennachwuchs internat. Ruf. Die Vorliebe des 19. Jh. für Familienmusik mit Mund- und Handharmonika, Alphornblasen und Jodeln in Vereinen (Oberland, Emmental) ist vom Trend zu Mundartliedern einheim. Liedermacher und von internat. Musikströmungen abgelöst worden.

Bestimmende Züge des schweiz. Schrifttums traten in der bern. Literatur besonders hervor, u.a. die formale Nüchternheit und die Tendenz, Gesellschaftsnormen zu rechtfertigen. Um und nach 1900 lehnten sich bern. Schriftsteller gegen diese Wesenszüge auf, so die Aussenseiter Friedrich Glauser, Robert Walser, Carl Albert Loosli und Walter Vogt. Einige emigrierten (Paul Nizon), andere sprengten mit Phantasie die Enge des Alltags (Gertrud Wilker, Kurt Marti, Jörg Steiner). Die Mundartliteratur suchte seit 1900 Heimatgefühl und bern. Selbstverständnis zu erhalten (Rudolf von Tavel, Otto von Greyerz, Simon Gfeller). Von den 1960er Jahren an lebte der Berner Dialekt im Chanson (Mani Matter), ab den 70er Jahren im Mundartrock (Polo Hofer) auf. Weltgeltung gewannen "Der Schweizerische Robinson" (1812-13) von Johann David Wyss, das meistübersetzte Werk schweiz. Herkunft, die Erzählungen Jeremias Gotthelfs und die Dramen Friedrich Dürrenmatts.

In der bildenden Kunst stellten sich die Berner Kleinmeister (Franz Niklaus König, Vater und Sohn Gabriel Lory) über alle polit. Umwälzungen der Zeit um 1800 hinweg auf den Bedarf des Tourismus ein. Befreit vom Einfluss von Kirche und Patriziat, aber auch ohne öffentl. Förderung arbeiteten die Künstler im jungen liberalen Staat. Berge, Bauern und Helden waren bis ins 20. Jh. prägende Motive bern. Kunst (Albert Anker, Ferdinand Hodler). Die bedeutendsten Künstler fanden Anregungen und auch erste Beachtung im Ausland (Hodler, Paul Klee, Meret Oppenheim). Einheimischem Kunstverständnis näher standen Künstler wie Cuno Amiet, Max Buri und Viktor Surbek. Moderne Kunst zeigten die 1918 gegr. Kunsthalle, namentlich unter Arnold Rüdlinger und Harald Szeemann, später auch das Kunstmuseum, beide in der Stadt B. Kunsthandwerk mit höherem Beachtungsgrad lieferten Bauerntöpfereien in Langnau und Heimberg sowie die 1884 gegr. Brienzer Schnitzlerschule.

Das 1903 am Kornhausplatz erbaute Berner Stadttheater stützte sich auf ein konservatives Spielprogramm mit Schwerpunkten im Musiktheater. Mit der Kammerspielbühne Atelier-Theater (1959, seit 1996 "Das Theater") begann die rege Aktivität von Stadtberner Klein- und Kellertheatern. In Biel errang das Städtebundtheater (1927) beachtl. Niveau. Seit 1945 werden auch in Burgdorf, Langenthal und kleineren Orten wie Spiez oder Jegenstorf Theateraufführungen gezeigt. Um 1900 gewann das Volkstheater Bedeutung mit hist. Festspielen (Tellspiele in Interlaken ab 1912), Liebhaberbühnen (Berner Heimatschutztheater 1915, Emmentaler Liebhaberbühne 1960) und Vereinstheatern. In jüngster Zeit hat sich ein Trend zu sommerl. Freilichtaufführungen auf dem Lande entwickelt. Ein Institut für Theaterwissenschaften an der Univ. B., die Schweiz. Theatersammlung und Theateraktivitäten in Schule und Jugendgruppen geniessen öffentl. Förderung.

Die Älplerfeste von Unspunnen (1805, 1808) verschafften den "Nationalspielen der Schweiz" internat. Beachtung. Von diesen besassen besonders das Hornussen und das Schwingen im Kt. B. eine breite Basis. Zur Wehrertüchtigung förderte der Staat das Schiessen und Turnen. Verschiedentlich führten Schützen und Turner ihre Eidg. Feste im Kt. B. durch. Die bern. Turnpädagogen Phocion Heinrich Clias, Adolf Spiess und Johannes Niggeler modernisierten die Methodik der Leibesübungen. Seit den 1880er Jahren kamen immer mehr Sportarten hinzu: Besonders beliebt waren im Kt. B. der Skisport (erstes schweiz. Skirennen auf dem Gurten 1902, Lauberhornrennen seit 1930), Fussball (BSC Young Boys seit 1898, Final der Weltmeisterschaft 1954), Eishockey (SC Bern seit 1931, Weltmeisterschaften 1970, 1990) und Curling (Weltmeisterschaften 1974, 1979, 1997). Vorübergehend gastierte auch der Autorennsport (Gr. Preis der Schweiz 1934-54) in Bremgarten bei B. Zahlreiche Sportanlagen und versch. Anlässe dienen dem nach 1945 aufgekommenen vielfältigen Breitensport.

Autorin/Autor: Franz Georg Maier

Quellen und Literatur

Archive
– StABE
– StadtA B.
– BBB
– StUB
– BHM
Quellen
FRB, 1883-1956
SSRQ BE, 1912-
Aktenslg. zur Gesch. der Berner-Reformation 1521-1532, hg. von R. Steck, G. Tobler, 2 Bde.,1918-23
Literatur
– Historiografie
– Als sich das bern. Patriziat 1831 von der Staatsleitung zurückzog, wandten sich mehrere seiner Angehörigen der Vergangenheit ihrer Heimat zu, so Bernhard Emanuel von Rodt mit der "Geschichte des Bern. Kriegswesens" (1831-34), Johann Ludwig Wurstemberger mit der "Geschichte der Alten Landschaft Bern" (1862) und Eduard von Wattenwyl mit der "Geschichte der Stadt und Landschaft Bern" (1867-72). Anders als sie versah ihr Standesgenosse Johann Anton von Tillier polit. Ämter in Kanton und Bund. Seine Erfahrungen sowie Akten- und Personalkenntnisse kamen sowohl der Darstellung der selbst erlebten Zeit (1843-55) als auch seiner "Geschichte des eidg. Freistaates B." (1838-40) zugute. Dank der Initiative Moritz von Stürlers erschienen von 1883 an die "Fontes rerum Bernensium" als Urkundenpublikation für den Alten Kantonsteil. Von den Inhabern des schweizergeschichtl. Lehrstuhls an der Univ. B. widmete sich Gustav Tobler mehr Einzelstudien, namentlich zur Geschichtsschreibung. Sein Nachfolger Richard Feller wirkte v.a. durch die vierbändige monumentale "Gesch. B.s" (1946-60) bis 1798. Eine zeitl. Fortsetzung fand Fellers Werk in der "Geschichte des Kt. B. seit 1798" von Beat Junker und Christian Pfister. Hans von Greyerz (1907-70) befasste sich besonders mit dem schweiz. Bundesstaat und ergründete Berns Geistesgeschichte ("Nation und Geschichte im bern. Denken" 1953). Als Autodidakt interpretierte der Arbeiterführer Robert Grimm namentlich mit seiner "Geschichte der Berner Arbeiterbewegung" (1913) und der "Geschichte der Schweiz in ihren Klassenkämpfen" (1920) hist. Entwicklungen vom Standpunkt des Sozialismus aus.

Autorin/Autor: Beat Junker, Anne-Marie Dubler