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Schwyz (Gemeinde)

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Polit. Gem. SZ, Bez. S., die am südl. Fuss der Mythen liegt, sich vom östl. Ende des Lauerzersees über die Haggenegg bis zur Ibergeregg erstreckt und den überwiegenden Teil des Schwyzer Talkessels umfasst. Das Gemeindegebiet ist durch die Streusiedlungsweise geprägt; neben dem Dorf S. zählen die Filialen Ibach, Rickenbach und Seewen, die Weiler Aufiberg, Oberschönenbuch und Ried sowie die Streusiedlungen Ängiberg, Haggen und Perfiden zur polit. Gemeinde. Vor 972 (?) lat. Switz, 972 lat. Suittes, 1269 (?) dt. Schwitz; im 17. und 18. Jh. oft in der Form Schweitz. Franz. Schwytz, ital. Svitto, rätorom. Sviz. Als Kantonshauptort ist der Flecken S. Sitz der Regierung, des Kantonsparlaments, der Gerichte sowie der kant. Verwaltung.

Bevölkerung Schwyz
JahrEinwohner
16212 052
1669ca. 2 500
17434 639
17996 338
1802ca. 5 000
18375 225

Jahr18501870a18881900191019301950197019902000
Einwohner5 4326 1376 6167 3988 0008 25610 25912 19412 87213 802
Anteil an Kantonsbevölkerung12,3%12,9%13,2%13,4%13,7%13,2%14,4%13,2%11,5%10,7%
Sprache          
Deutsch  6 4247 0727 5497 8669 82711 20611 53012 441
Italienisch  110246352245255744453273
Französisch  6162519585354023
Andere  21184850922098491 065
Religion, Konfession          
Katholischb5 4286 1146 5527 2687 8078 0049 88811 61511 42011 269
Protestantisch43864129184246358501667751
Andere 2 19613787851 782
davon jüdischen Glaubens  13135
davon islamischen Glaubens       5225502
davon ohne Zugehörigkeitc       17160377
Nationalität          
Schweizer5 4065 9876 3806 9117 3997 8309 89611 08011 31911 756
Ausländer261672364876014263631 1141 5532 046

a Einwohner: Wohnbevölkerung; Religion, Nationalität: ortsanwesende Bevölkerung

b 1888-1930 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

c zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

Quellen:Autor; eidg. Volkszählungen

1 - Älteste Siedlungsspuren

Aus voralemann. Zeit sind aus dem Raum S. lediglich Streufunde und einzelne röm. Münzfunde bekannt, die keine Rückschlüsse auf die Siedlungsverhältnisse zulassen. Funde aus dem Gräberfeld im Bereich der Pfarrkirche und der Bau der ersten Kirche in der 1. Hälfte des 8. Jh. belegen, dass die dauerhafte Besiedlung durch die Alemannen um 700 einsetzte. Bereits die erste Kirche war dem hl. Martin geweiht, der in der Folge der Landespatron wurde. Dieses Patrozinium weist auf den Bezug zur fränk. Reichskultur hin und legt die Vermutung einer adeligen Eigenkirche nahe.

Autorin/Autor: Erwin Horat

2 - Vom Hochmittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts

2.1 - Kirche, Pfarrei und Klöster

Die Pfarrei S. umfasste mit Ausnahme von Arth anfänglich das gesamte Gebiet des heutigen Bez. S. Nach 1200 erfolgten die Abkurungen von Steinen (vor 1281), Muotathal (vor 1281), Morschach (1302), Oberiberg (1481), Lauerz (nach 1600) und Ingenbohl (1618). Die Kollaturrechte lagen bei den Gf. von Lenzburg, dann bei Habsburg. 1433 verlieh Ks. Sigismund den Schwyzern das Privileg, in allen Pfarrkirchen des Landes - also auch in S. - Geistliche einzusetzen. Archäolog. Untersuchungen (1965-66) anlässlich der Restaurierung der Pfarrkirche haben fünf Vorgängerbauten an der gleichen Stelle nachgewiesen. Auf die erste Kirche aus dem 8. Jh. folgte um 1000 die zweite ottonische, die möglicherweise 1117 durch ein Erdbeben zerstört wurde. 1121 wurde die dritte Kirche, ein rom. Bau, geweiht. Im 15. Jh. folgte die wesentlich grössere vierte Kirche, die 1642 dem Dorfbrand zum Opfer fiel. Die fünfte, frühbarocke Kirche wurde wegen schwerer Baumängel durch die heutige spätbarocke, 1774 geweihte Kirche ersetzt.

S. weist eine reiche Sakrallandschaft mit einer Vielzahl von Weg- und Hauskapellen sowie Bildstöcken auf. Eine Route des Jakobswegs führt von Einsiedeln über die Haggenegg nach S. Im Wald oberhalb von Rickenbach liegt die Einsiedelei Tschütschi, deren Anfänge ins späte 12. Jh. zurückreichen. Vor 1275 wurde das Dominikanerinnenkloster St. Peter am Bach gegründet, das aus einer Samnung frommer Frauen hervorging. Im Zuge der Kath. Reform liessen sich 1585 zwei Kapuzinerpatres im Tschütschi nieder. 1586 wurde auf Beschluss der Landsgemeinde das am Rande des Orts gelegene Kleinkloster St. Joseph im Loo erbaut, das sieben Patres Platz bot. 1620 bezogen die Kapuziner die neuen Klostergebäude am westl. Dorfrand.

Autorin/Autor: Erwin Horat

2.2 - Ortsbild

Gemäss der Abbildung in der Chronik Johannes Stumpfs von 1548, der ältesten zuverlässigen Darstellung des Zentrums von S., die überliefert ist, prägten damals der Dorfplatz, die Kirche mit dem Friedhof, das Rathaus, das Gasthaus, der Archivturm und mehrere in lockerer Anordnung um das Zentrum gruppierte Häuser - vermutlich noch mehrheitlich Holzbauten - das Ortsbild. Um 1500 wurde S., wohl in Abgrenzung zum Land S., gelegentlich Kilchgassen genannt; dieses Toponym, welches das Dorf rings um die Pfarrkirche ohne die Filialen bezeichnete, wurde später nicht mehr gebraucht. Der Brand von 1642, der im Zentrum des Fleckens 47 Gebäude zerstörte, ermöglichte eine Neukonzeption des Dorfkerns. Dieser wurde durch einen grösseren und repräsentativeren Hauptplatz, in den alle wichtigen Strassen münden, die neue Kirche und das neue Rathaus sowie durch die in Massivbauweise erstellten und städtisch angeordneten Bürgerhäuser aufgewertet. Der einheitl. Plan akzentuierte die Siedlungsstruktur mit einem klaren Zentrum und den umliegenden Filialen. Ein weiteres architekton. Merkmal von S. ist der Kranz der rund 30 herrschaftl. Hofstätten, der das Dorfzentrum umgibt.

Autorin/Autor: Erwin Horat

2.3 - Gemeinde und Hauptort

S. war durch die Doppelfunktion als Gemeinwesen und Hauptort des Standes S. geprägt. Hier fanden sich deshalb viele zentralörtl. Institutionen wie Rathaus, Spital, Markt, Landesmetzg, Landsgemeindeplatz, Siechenhaus und Richtstätte. Wegen dieser Doppelfunktion bildete die Gem. S. nur schwache Verwaltungsstrukturen aus, denn manches wurde durch die Kanzlei sowie Beamte und Behördenvertreter des übergeordneten Standes besorgt. Zwei der sechs Viertel des Landes S., das Alt- und das Neuviertel, lagen ganz bzw. teilweise im Territorium der heutigen Gemeinde. Gelegentlich wird vermutet, das diese beiden jüngeren Viertel durch Teilung eines schon vorher bestehenden Viertels, des sog. Obwässerviertels, entstanden seien; Belege für ein Obwässerviertel liegen aber bis heute nicht vor.

Um 1500 werden für das Dorf Verwaltungsstrukturen in den Bereichen Wasserversorgung und Brandschutz erkennbar. Die erste Ordnung der Dorfleute (Häuserbesitzer im Dorfzentrum) von 1491 befasst sich in erster Linie mit der Verhütung von Bränden. Aus dem gleichen Jahr stammt die Tüchelordnung, ein Verzeichnis der öffentl. Brunnen und Wasserleitungen.

Der Häuserrodel von 1506 vermittelt einen Überblick über die Dorfstruktur. S. war in zwei Teile gegliedert, wobei der westliche das Gebiet vor, der östliche dasjenige hinter der Kirche umfasste. Die Besitzer der genannten 125 Häuser waren dem Land Schwyz steuerpflichtig. Im späten 16. und frühen 17. Jh. ist für die östl. Dorfhälfte eine Gesellschaft der Burger zu fassen, die einerseits ähnl. Funktionen wie die Dorfleute im Zentrum und im westl. Gebiet des Dorfs erfüllte, andererseits aber auch noch Spezialaufgaben wie die Bestattung unbekannter fremder Personen übernahm. Daneben besass sie eine wichtige gesellschaftl. Funktion.

Eine bedeutende Rolle - insbesondere auch als Landbesitzer - kam der Genosssame zu; ab der Mitte des 17. Jh. wird die Oberallmeindkorporation allmählich als Institution fassbar (Oberallmeind); vorher hatte die Landsgemeinde über Landesgeschäfte (polit., jurist. und wirtschaftl. Angelegenheiten wie z.B. den Verkauf von Land) bestimmt. Die Korporation war auch für die Zuteilung von Holz und Gartenland verantwortlich.

Autorin/Autor: Erwin Horat

2.4 - Wirtschaft

Im SpätMA erfolgte auch in S. der Übergang von der Subsistenzwirtschaft zur exportorientierten Grossviehwirtschaft. Rindvieh und Pferde wurden nach Oberitalien und in die Städte Luzern und Zürich verkauft. Obwohl S. nicht direkt am Handelsweg über den Gotthard lag, war es durch den Hafen in Brunnen doch mit diesem verbunden; dieser "Nebenzubringer" zum Gotthard, der sowohl von Süden nach Norden wie auch in umgekehrter Richtung rege frequentiert wurde, spielte für die Schwyzer Wirtschaft eine zentrale Rolle. Von dem bedeutenden Handel in den Süden profitierte z.B. das Handelshaus Castell, das ab dem 17. Jh. im Tuchhandel und im Gütertransport (Wein, Käse und Lebensmittel von und nach Italien) tätig war.

Ein Markt in S. wird 1313 erstmals erwähnt, bestätigt in einer Einung von 1413 und der Dorfordnung von 1491 sowie im Landbuch, das 1501 von einem Wochenmarkt und vier Jahrmärkten spricht. Die staatl. Landesmetzg und die Ankenwaage unterstreichen die Bedeutung von S. als regionalem Marktort. Für die Versorgung - insbesondere mit Getreide und Salz - waren die Märkte in Luzern und Zürich wichtig.

Ab dem 16. Jh. wandelte sich S. zu einem gewerbl. Zentrum. Fassbar ist diese Entwicklung an der Gründung der Schneider- und Schuhmacherzunft um 1550, derjenigen der Schreiner- und Hammerzunft 1751, der Ziegelhütte in Ibach und den zahlreichen Bestimmungen über Gewerbeeinschränkungen bei Föhnwind. Der Dorfbach wurde zur gewerbl. Lebensader; 1750 waren an diesem Bachlauf 15 Betriebe angesiedelt (Mühlen, Sägereien, Gerbereien, Reib-, Stampf- und Ölmühlen). Um 1750 fasste die Protoindustrie in der Form von Verlagsarbeit für die Gersauer Seidenindustrie im Schwyzer Talkessel Fuss.

Autorin/Autor: Erwin Horat

2.5 - Bildung und Kultur

Eine Dt. Schule ist in S. ab dem 15. Jh. belegt, das Schulhaus ab 1520; sie wurde auch als Landesschule bezeichnet und vom Land S. bezahlt. 1668 ist erstmals eine Filialschule in Seewen erwähnt. 1627 wurde anstelle des leer stehenden kleinen Klosters im Loo ein neues Gebäude erstellt und als Lateinschule eröffnet. Die Studenten führten gelegentlich Theaterstücke auf, mehrfach gastierten Theaterwandertruppen in S. Künstlerisch hervorragend sind die Holzarbeiten (Intarsien) der ansässigen Schreiner und Kunsthandwerker sowie die Stuckaturen der oberital. und süddt. Spezialisten im Rathaus, in der Pfarrkirche und in den Herrenhäusern. Der Medailleur Johann Carl Hettlingen erlangte im 18. Jh. europ. Bedeutung.

Autorin/Autor: Erwin Horat

3 - 19. und 20. Jahrhundert

3.1 - Politisch-administrative Entwicklung

S. wurde im Mai 1798 Hauptort des helvet. Kt. Waldstätten. Wegen der ablehnenden Haltung der Bevölkerung gegenüber der Helvetik erhoben die neuen Machthaber nach dem sog. Hirthemmlikrieg im Mai 1799 Zug zum Hauptort. S. blieb Zentrum des Distrikts S., verwaltet von der Munizipalität. Der Ort litt schwer unter den Kämpfen zwischen der franz. Armee und kaiserl. Truppen sowie Emigrantenkorps Mitte Aug. 1799. Ab 1803 fungierte S. wieder als Hauptort des Kantons. Die vorherigen Verwaltungsstrukturen etablierten sich wieder; allmählich entstand aber eine gemeindeähnl. Struktur. Im Gemeindearchiv S. sind die Kirchenratsprotokolle ab 1814 erhalten, erst seit 1847 heissen sie Gemeinderatsprotokolle. Aufgrund der kant. Politik wurde S. 1833 und 1847, nach dem verlorenen Sonderbundskrieg, von eidg. Truppen besetzt. Bestrebungen, einen Teil der Hauptortsfunktionen (Sitz des Kantonsparlaments) im ersten Verfassungsentwurf von 1848 von S. weg zu verlegen, scheiterten in der Volksabstimmung. S. blieb unbestrittener Hauptort des Kantons und Zentrum des Bezirks.

Ab 1848 oblag die Verwaltung dem Gemeinderat (1848 zwölf Mitglieder, seit 2002 neun Mitglieder). Dieser wurde bis in die 2. Hälfte des 20. Jh. von den Kath.-Konservativen, dann von den bürgerl. Parteien dominiert. Untergebracht war die Gemeindeverwaltung zunächst im Spittel; seit den 1970er Jahren ist sie auf mehrere Standorte verteilt. Zentralörtl. Leistungen erbringt S. neben der Zentrumsfunktion für Kt. und Bez. S. mit der regionalen Sportanlage Wintersried und dem regionalen Kongress- und Mehrzweckzentrum MythenForum, die beide 1997 errichtet wurden. In den Bereichen des Sozial- und Gesundheitswesens sowie der Abwasserreinigung arbeitet S. mit den umliegenden Gem. zusammen. Die Gem. richtete vom Offiziersfest 1856 bis zum Trachtenfest 2010 immer wieder gesamteidg. Feste aus, u.a. auch die Bundesfeiern 1891, 1941 und 1991.

1819 und 1823-30 erschien das "Schwyzer Wochenblatt" und von 1833 bis 1844 der "Waldstätter Bote". 1849 folgte die "Schwyzer Zeitung", bis Mitte der 1860er Jahre die wichtigste konservative Zeitung der Schweiz. Zu Beginn des 21. Jh. war die "Neue Schwyzer Zeitung" Kopfblatt der "Neuen Luzerner Zeitung". Seit 1858 wird der "Bote der Urschweiz" herausgegeben; anfänglich lag er auf der Linie der liberalen Partei, seit den 1980er Jahren hat er sich zur Forumszeitung gewandelt.

Autorin/Autor: Erwin Horat

3.2 - Siedlungsentwicklung und Infrastruktur

Im 19. Jh. wuchs die Bevölkerung nur langsam; S. geriet im Vergleich zu anderen Gem. in Rückstand. Einen Schub brachten in den 1870er und 80er Jahren der Bau und die Inbetriebnahme der Gotthardlinie. 1950 überschritt S. einwohnermässig die Städtegrenze. 1850-1950 stieg der Schwyzer Anteil an der Kantonsbevölkerung auf 14,4%, danach ging er bis 2009 wieder auf 9,8% zurück - ein Indiz für das grosse Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum ausserhalb des Schwyzer Talkessels. 2004 löste Freienbach S. als einwohnerstärkste Gem. im Kanton ab.

Die Siedlungsentwicklung verlief nach zwei Mustern: Zum einen wuchsen die Siedlungskerne S., Ibach, Rickenbach und Seewen, zum anderen entstanden ausgedehnte Wohnquartiere mit Ein- und Mehrfamilienhäusern. In der Konsequenz sind Dorf und Filialen praktisch zusammengewachsen, die Grüngürtel dazwischen sind weitgehend überbaut worden. Trotzdem weist S. noch immer viele Grünflächen auf, die nahe an den Dorfkern heranreichen. Der Begriff Flecken charakterisiert das Siedlungsbild deshalb in gewisser Hinsicht auch heute noch treffender als die Bezeichnung Stadt.

Das Dorfbach- und Hinterdorfquartier war lange Zeit gewerblich geprägt und von Gewerbetreibenden bewohnt. Mit der Ansiedelung von Industrie in Ibach und dem Bahnanschluss in Seewen (1882) veränderte sich die Einwohnerstruktur. Probleme zwischen dem Dorf und den Filialen entstanden manchmal bei Infrastrukturfragen. Ansonsten führten die Dorfteile ein recht eigenständiges Leben, was sich z.B. in der Vielzahl der Vereine manifestiert.

Nach 1848 erfolgte zuerst der Ausbau des Strassennetzes. Wichtige Etappen waren der Bau der Schlagstrasse Richtung Sattel (1859-64), der Muotathalerstrasse (1864-65), der Schützenstrasse Richtung Ibach bzw. Brunnen (1867), der Strasse ins Ybrig (1873), der Bahnhofstrasse Richtung Seewen bzw. Bahnhof und der Gotthardstrasse zwischen Ibach und Seewen (1882). Der Anschluss ans Eisenbahnnetz erfolgte 1882 mit der Inbetriebnahme der Gotthardbahn. Die Tramlinie S.-Seewen verkehrte ab 1900, die weiterführende Linie nach Brunnen ab 1915. Ende 1963 wurden sie durch Autobusse ersetzt. Mit dem Busbetrieb bereits erschlossen waren das Muotatal (1922), Sattel (1922) und Oberiberg (1947). Die A4, die S. mit Zug und Zürich verbindet, wurde ab 1976 abschnittsweise eröffnet.

S. wurde mit Ausnahme Seewens vom mondänen Tourismus der Belle Epoque kaum tangiert, stand aber nach dem 2. Weltkrieg dem Wintertourismus positiv gegenüber. Die Drahtseilbahn Schlattli-Stoos nahm 1933 ihren Betrieb auf; die Talstation steht auf dem Gemeindegebiet von S. 1947 wurde der Skilift Handgruobi-Brünnelistock eröffnet und 1957 die Seilbahn Rickenbach-Rotenfluh (Betrieb 2004 eingestellt). In den 1970er Jahren wurden die bestehenden Skiliftanlagen erweitert, zudem kamen neue Skilifte dazu. 2010 zählten 15 Anlagen zur Skiregion Mythen. 1853 wurde in Seewen das erste Bad im Lauerzersee eröffnet, es stand nur Männern offen. 1913 folgte die zweite Badeanstalt mit getrennten Abteilungen für Männer und Frauen; sie gehört seit 1948/49 der Gem. S.

Der Telegrafenanschluss erfolgte 1857, der Telefonanschluss 1893; das Kraftwerk Wernisberg des Elektrizitätswerks Schwyz wurde 1897 eröffnet. 1952 wurde das Elektrizitätswerk des Bez. S. gegründet, das 1957 das Kraftwerk Wernisberg übernahm. Das Gaswerk nahm 1911 seinen Betrieb auf. Der Bau der modernen Wasserversorgung setzte nach 1891 ein. Seit 2009 stellt die Agro Energie AG mit einem Biogas- und Holzschnitzelheizwerk die Versorgung von öffentl. und privaten Bauten im Talkessel mit Fernwärme sicher.

S. war immer wieder durch Naturgefahren bedroht. Durch Entwässerungen und Aufforstungen im Schutzwald oberhalb von S. in Richtung Mythen mit Kosten von 4,1 Mio. Fr. zwischen 1923 und 1990 und weiteren 1,7 Mio. Fr. nach 1990 wurden diese eingedämmt. Weil der Kt. S. beträchtl. Aufforstungsflächen erworben hat, ist der Wald nun Staatswald. Die Muota wurde nach den verheerenden Überschwemmungen von 1910 mit Dämmen versehen, die Verbauungen des Tobel- und Nietenbachs folgten später.

Autorin/Autor: Erwin Horat

3.3 - Wirtschaft

1910 zählte der 1. Sektor 24% der Beschäftigten, 1960 16% und 2007 5%; der 2. Sektor 1910 48%, 1960 47% und 2007 29% sowie der 3. Sektor 1910 28%, 1960 37% und 2007 66%. S. war lange landwirtschaftlich geprägt. Die starke Stellung des Gewerbes zeigt sich an den Beschäftigtenzahlen im 2. Sektor 1910 und 1960. Der Schritt zur Dienstleistungsgesellschaft und zum kant. Verwaltungszentrum fand nach 1960 statt.

S. verfügte über ein starkes Baugewerbe; das im späten 19. und frühen 20. Jh. führende Baugeschäft Blaser beschäftigte zeitweise über 200 Angestellte. In der Hochkonjunktur nach 1945 bestanden mehrere grosse Baubetriebe. Die Industrie hielt 1858 mit der Baumwollspinnerei Ibach Einzug. 1884 folgte die spätere Messerfabrik Victorinox, die nach 1945 stark expandierte. Die 1951 gegr. Celfa/Folex ist auf Film- und Papierbeschichtung spezialisiert. Die Firma Felchlin (1908) konzentriert sich auf Couverturen und Edelschokoladen. 1889-2005 bot das eidg. Zeughaus in Seewen viele Arbeitsplätze an; während des 2. Weltkriegs verzeichnete es über 500 Beschäftigte.

Die Sparkasse Schwyz wurde 1812, die Bank in Schwyz 1873 (Stundung 1920, 1920-37 im Besitz der Bank in Zug, ab 1937 Schweiz. Kreditanstalt) und die Kantonalbank 1890 gegründet. Vielfältig ist auch das Stellenangebot im Dienstleistungssektor in den 1972 bzw. 2004 eröffneten Einkaufszentren, dem Mythencenter in Ibach und dem Seewen Markt. Nach 1960 wurden überdies die kant. Verwaltung (2010 1'450 Vollzeitstellen), das Spital Schwyz (2010 382) und die Behindertenbetriebe in Seewen zu bedeutenden Arbeitgebern.

Autorin/Autor: Erwin Horat

3.4 - Kirche, Bildung, Kultur

Zur Pfarrei St. Martin S. gehörten alle Katholiken der Gem. S., bis 1966 Ibach und Seewen eigene Pfarreien erhielten. Die kath. Kirchgemeinde S., gegründet 1972, umfasst diese drei Pfarreien. Die 1886 entstandene evang.-ref. Kirchgemeinde Brunnen-S. erhielt 1957 die staatl. Anerkennung. Sie erstreckte sich anfänglich über den inneren Kantonsteil bis nach Uri; 2010 zählten acht Gem. im Bez. S. zu ihr. Die evang.-ref. Kirche in S. wurde 1958 eingeweiht.

Die Schulorganisation von 1848, welche die Schulpflicht einführte, stellte das Volksschulwesen auf eine neue Grundlage. Einen wichtigen Schritt bedeutete die Errichtung der Schulhäuser in S. (1879, Architekt Dagobert Kaiser), Ibach und Seewen (um 1900) sowie Rickenbach (1949); dazu kamen die Schulgebäude in den Weilern. S. ist auch Standort einer Mittelpunktschule für die Sekundar- und Realschule (1972). Der Ausbildung der Lehrlinge diente das 1929 erstellte Gewerbeschulhaus. Seit 1967 befindet sich die kant. Berufsschule für Innerschwyz in Goldau. Die Kaufmänn. Berufsschule S. bezog ihr neues Schulgebäude in S. 1978. Das Lehrerseminar in Seewen öffnete 1856 seine Tore; zwischen 1868 und 2006 wurden Lehrer (ab 1973 auch Lehrerinnen) in Rickenbach ausgebildet. 2006 nahm die Zweigstelle Goldau der Pädagog. Hochschule Zentralschweiz den Lehrbetrieb auf. Die Lateinschule bestand nach 1800 wieder; ab 1836 wurde sie von den Jesuiten geführt, nach 1844 im neu eröffneten Jesuitenkollegium. Die Ausweisung der Jesuiten nach dem Sonderbundskrieg zog die Schliessung der Schule nach sich. 1856 initiierte Pater Theodosius Florentini den Neubeginn der Gymnasialausbildung. Das Kollegium Maria Hilf wuchs schnell und zählte teilweise bis zu 800 Schüler (Brand 1910). Seit 1972 wird es als Kantonsschule geführt.

1823 wurde die Schwyzer Bibliotheksgesellschaft gegründet, die den polit. Wirren der frühen 1830er Jahre zum Opfer fiel. Nach 1848 wurde die Kantonsbibliothek ins Leben gerufen, die v.a. als Verwaltungsbibliothek fungierte. Nach der Anstellung eines vollamtl. Bibliothekars und dem Bezug geeigneter Räumlichkeiten stand sie ab 1970 der Bevölkerung offen. Seit 1986 ist sie in der Ital-Reding-Hofstatt untergebracht.

Das 1936 eröffnete Bundesbriefarchiv wurde 1992 in das Bundesbriefmuseum umgewandelt. Das Turmmuseum, das Heimatmuseum des Bez. S., bestand 1953-95. Das Forum der Schweizer Geschichte S., eine 1995 im ehem. Korn- bzw. Zeughaus eingerichtete Zweigstelle des Schweiz. Nationalmuseums, fokussiert sich auf die Alltagsgeschichte der Eidgenossenschaft vom 14. bis ins 18. Jh. Seit 1982 ist die Ital-Reding-Hofstatt mit dem Herrenhaus von 1609 und dem 1287 erstellten Holzhaus Bethlehem für Besucher zugänglich.

S. weist eine reiche (Laien-)Theatertradition auf; dazu zählen Fasnachtsspiele (seit 1857 Japanesenspiele), die drei Bundesfeierspiele (1891, 1941 und 1991) und die zahlreichen Theateraufführungen an Mittelschulen und von Vereinen. Seit 1966 geniesst die Bühne 66 einen guten Ruf als gehobenes Laientheater. Die Kleinkunstszene ist mit der 1989 gegr. Kleinbühne Chupferturm vertreten. In den 1910er Jahren gab es in S. während kurzer Zeit ein Kino. Von 1907 bis 1938 waren allerdings die Wanderkinos Wallenda und Leuzinger wichtiger. 1946-84 bestand das Kino S., das 1997 neu eröffnet wurde.

Autorin/Autor: Erwin Horat

Quellen und Literatur

Archive
– GemA S.
– PfarrA S.
– StASZ, Landes- und Volkskunde
Literatur
– H. Ammann, «Die Talschaftshauptorte der Innerschweiz in der ma. Wirtschaft», in Gfr. 102, 1949, 105-144, v.a. 117-123
– W. Keller, I. Müller, S., Pfarrkirche St. Martin, 1774-1974, 1974
Kdm SZ NF 1, 1978
– J. Wiget, Wasser und Wacht: Gesch. der Dorfgenossenschaft S. vom SpätMA bis zum ausgehenden 19. Jh., 1988
– A. Suter, J. Wiget, S., 1990
– J. Wiget, «Die Ges. der Burger zu S.», in MHVS 86, 1994, 55-70
INSA 8, 425-504
– H. Steinegger, S., Ibach, Seewen, Rickenbach kennen lernen, 1996
HS IV/5, 841-888; V/2, 575-603
– E. Horat, 250 Jahre Schreiner- und Hammerzunft S., 2001
– A. Hug, «Gesch. der Urpfarrei S. im MA», in MHVS 100, 2008, 20-23
– O. Landolt, «Der Dorfbrand von S. 1642 und der Wiederaufbau des Fleckens», in MHVS 102, 2010, 31-89

Autorin/Autor: Erwin Horat