Baden-Württemberg

B. wurde als Bundesland der Bundesrepublik Deutschland 1952 neu geschaffen, nachdem ab 1945 eine Demarkationslinie zwischen der amerikan. und der franz. Besatzungszone die alten Länder Baden und Württemberg durchschnitten hatte. Die Tendenzen zur Bildung eines "Südweststaates" waren von 1946 an insbes. im von der US-Militärregierung gebildeten "Württemberg-Baden" (Hauptstadt Stuttgart) gewachsen, während im zur franz. Zone gehörenden (Süd-)Baden (Hauptstadt Freiburg i.Br.) starke Kräfte die Wiederherstellung der alten Länder angestrebt hatten. Eine Volksabstimmung ergab am 9.12.1951 eine Mehrheit für den Südweststaat.

B. ist mit einer Fläche von 35'752 km² das drittgrösste Land Deutschlands, nur wenig kleiner als die Schweiz, deren Bevölkerung es mit rund 10,5 Mio. Einw. (2000) übertrifft. Allerdings besitzt auch B. siedlungsarme Flächen, und über ein Drittel (13'000 km²) des Landes ist bewaldet. Das natürl. Bevölkerungswachstum stagnierte in den letzten Jahren. Stets jedoch hatte B. Wanderungsgewinne, anfangs durch den Zuzug von Vertriebenen und Flüchtlingen, ab den 1960er Jahren durch die Zuwanderung von Gastarbeitern (v.a. Türken), in jüngster Zeit durch die Einwanderung von Um- und Aussiedlern. Der Ausländeranteil betrug in den letzten Jahren ca. 9-10%. Konfessionell ist die Bevölkerung des Landes gemischt (ca. 43% kath., ca. 48% prot.).

Der Landesverfassung von 1953 zufolge bildet ein aus ca. 125 Abgeordneten zusammengesetzter, zuerst alle vier, heute alle fünf Jahre neu gewählter Landtag die Legislative. Der Ministerpräs. und sein Kabinett bedürfen des Vertrauens der Landtagsmehrheit. Stärkste Partei seit Bestehen des Landes war stets die CDU. An zweiter Stelle lag bisher jeweils die SPD. Die im Südwesten traditionell starke FDP fiel 1992 zurück. Die Grünen sind seit 1980 im Landtag vertreten (2001 10 Sitze). 1968 erreichte die neonazist. NPD 12 Mandate, 1992 kamen die rechtsnationalist. Republikaner auf 15 Sitze, 2001 scheiterten sie an der 5-Prozent-Klausel und schieden aus dem Landtag aus. Die Regierungschefs des Landes, darunter der spätere Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (1958-66), wurden seit 1953 stets von der CDU gestellt. 1992 bildete die CDU mit der SPD (2001 45 Mandate) eine Gr. Koalition, seit 1996 regiert die CDU (2001 63 Sitze) mit der FDP (10 Sitze). Insgesamt gilt B. als ein Land mit parteipolit. Stabilität. Von grossem Gewicht ist die kommunale Selbstverwaltung.

Ausgewogen und in vielem mit der Schweiz vergleichbar ist die Sozial- und Wirtschaftsstruktur. Es gibt keine riesigen Ballungszentren. Die sozialen Gegensätze sind durch abgestufte Schichtung gemildert. Ein breiter Mittelstand prägt die Verhältnisse. Im Bundesdurchschnitt hatte B. bisher einen hohen Industrialisierungsgrad, ein hohes Lohnniveau, relativ niedrige Arbeitslosenquoten und nach Bayern die niedrigste Pro-Kopf-Verschuldung. Der Anteil mittelständ. Betriebe ist überdurchschnittl. hoch; andererseits hat mit Daimler-Benz der grösste Konzern Deutschlands seinen Sitz in B. Auf dem Gebiet der Hochtechnologie hat das Land traditionell grosse Ressourcen (Uhren, Feinmechanik, Elektronik). Die Landwirtschaft, die u.a. auch Obst, Tabak, Spargel, Hopfen und Wein produziert, und die Forstwirtschaft beschäftigten 1995 nur noch ca. 3% der Erwerbstätigen in etwa 115'000 Betrieben; fast zwei Drittel davon waren Nebenerwerbsbetriebe. Im Schwarzwald und am Bodensee ist der Fremdenverkehr zum bedeutendsten Wirtschaftsfaktor geworden.

Wichtig im rohstoffarmen Land waren und sind die Bildungseinrichtungen. Zu den neun Univ. des Landes zählen zwei Techn. Hochschulen. Ausserdem hat B. fünf Kunsthochschulen, sechs Pädagog. Hochschulen, acht Berufsakad. und vierzig Fachhochschulen mit insgesamt weit über 200'000 Studierenden. Für jüd. Mitbürger - 1933 rund 31'000, heute nur wenige Tausend - entstanden neue Synagogen sowie in Heidelberg eine Hochschule für jüd. Studien. Angesichts des reichen hist. Erbes legt das Land grossen Wert auf die Kunst- und Kulturförderung, gepflegt in über 900 staatl., kommunalen und privaten Kunstsammlungen und Museen sowie zahlreichen Theatern (seit 1945 über 20 Neubauten). Eine grosse Tradition haben in B. Chor- und Musikvereinigungen, die Blasmusik und Sängerbünde.

B. besitzt gemeinsame Grenzen mit Frankreich und der Schweiz (316 km, ohne die im Bodensee nicht festgelegte Strecke) und pflegt intensive Beziehungen zu den Nachbarregionen. Organisator. am weitesten ausgebaut sind diese im "Dreiländereck" zwischen Südbaden, der Nordschweiz und dem Elsass im Rahmen der "Regio" sowie im Bodenseeraum mit dem Bodenseerat und der Internat. Bodenseekonferenz. Gemeinsam werden v.a. Probleme des Fernverkehrs, der Verbrechensbekämpfung, der Energieversorgung und des Umweltschutzes bearbeitet. Eine enge Zusammenarbeit gibt es in den Bereichen von Bildung, Wiss. und Kultur. B. ist das dt. Bundesland mit den engsten wirtschaftl. Beziehungen zur Schweiz. Die Zahl der Wegpendler in die Schweiz wuchs von ca. 20'000 in den 1980er Jahren auf rund 30'000 in den 90er Jahren. Aus der Schweiz kamen 1995 nur ca. 1'000 Beschäftigte. 1990 gingen ca. zwei Fünftel der schweiz. Ausfuhren nach Deutschland in den baden-württemberg. Raum; ein Viertel der schweiz. Einfuhren aus Deutschland kamen aus B., vorwiegend Investitionsgüter. Die Handelsbilanz ist recht ausgeglichen: Sie belief sich 1993 auf Waren im Wert von ca. 8 Mrd. Fr.


Literatur
B. in Wort und Zahl, 1953-
Hist. Atlas von B., 1972-
– H. Bausinger et al., B., eine polit. Landeskunde, 2 Bde., 1975-94
– P. Feuchte, Verfassungsgesch. von B., 1983
Die Gesch. B.s, hg. von R. Rinker, W. Setzler, 1986
Hb. der baden-württemberg. Gesch., hg. von H. Schwarzmaier, 1992-, (bisher Bde. 1-3)
40 Jahre B., hg. von M. Schaab, 1992

Autorin/Autor: Wolfgang Hug