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Muotathal

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Polit. Gem. SZ, Bez. SZ. Hauptort des gleichnamigen Flusstals, das östlich des Schwyzer Talkessels liegt und sich bis zu den Kantonsgrenzen von Uri und Glarus erstreckt. M., flächenmässig mit über 172 km2 die zehntgrösste Gem. der Schweiz, besteht aus den Teilen Schachen, Wil, Hinterthal (eigene Poststelle ab 1896, mit Schachen zusammengewachsen), Bisisthal und Ried. Dazu kommen ausgedehnte Alpweiden (z.B. Glatt-, Tor-, Charetalp und Goldplangg). 1246 Muthathal und Mutetal. 1850 1'680 Einw.; 1900 2'221; 1950 2'475; 2000 3'507.

Einige Funde in Karsthöhlen legen indirekt eine Begehung des Gebiets Silberen und des Chalbertales durch mesolith. Jäger nahe. Angesichts der spärl. Zeugnisse aus der Bronze- (Beil) und der Römerzeit (Münzen) scheint eine Besiedlung auch für diese Epochen noch wenig plausibel. Die Kirchenpatrone Sigismund und Waldburga könnten auf eine alemann. Landnahme im 8. und 9. Jh. hindeuten. Alpwüstungen wie die archäologisch untersuchte bei Spilplätz auf der Charetalp belegen höhergelegene temporäre Siedlungen ab dem 10. Jh. In den Alpgebieten gab es nachbarschaftl. Verbindungen zu Uri und Glarus; um sie entstanden aber infolge der Ausdehnung der Grossviehwirtschaft und aufgrund von Klimaschwankungen auch Grenzstreitigkeiten. Die Ahaburg (Fundament 1959 ausgegraben) war vermutlich der Wohnturm eines Ministerialen; sie wurde im 13. und/oder 14. Jh. bewohnt. Das M. bildete mit Illgau eines der sechs Viertel des alten Landes Schwyz. Dem Siebner, dem Viertelsvorsteher, kamen u.a. verschiedene Aufgaben bei der im M. besonders bedeutenden Allmeindaufsicht zu. Auswärtige Herren, z.B. die Kyburger, und das Terziarinnenkloster St. Josef hatten im SpätMA im Tal Grundbesitz. Letzteres geht auf eine nach 1250 erscheinende Sammlung frommer Männer und Frauen zurück, die 1288 die dritte Regel des hl. Franziskus angenommen hatte. Der Konvent starb im späten 14. und dann noch einmal im 16. Jh. vorübergehend aus. Ab 1580 erlebte das Kloster jedoch einen allmähl. Aufschwung und im 18. Jh. seine eigentl. Blütezeit. Die Klosteranlage wurde 1684-93 wegen wiederholter Überschwemmungen an erhöhtem Standort in der Form eines Patriziersitzes neu erstellt (1986-88 Restaurierung); von den ma. Gebäuden blieb nur die Kapelle erhalten, die unmittelbar an der Muota liegt. Das Kriegsjahr 1799, v.a. die Versorgung der Verletzten und die Kontributionen, setzten dem Kloster zwar zu, bedrohten aber nicht seinen Fortbestand. M. ist eine der ältesten Pfarreien im alten Land Schwyz; die Abkurung von Schwyz erfolgte zu einem unbekannten Zeitpunkt vor 1281. Eine erste Pfarrkirche wurde vielleicht schon im 9. Jh. errichtet, sicher bezeugt ist der Bau von 1369. Dieser wurde 1786 abgebrochen und durch die heutige spätbarocke Pfarrkirche St. Sigmund und Waldburga ersetzt (Weihe 1792), die gut 100 m östlich des alten Standorts liegt. An den alten Kirchenplatz erinnert das Beinhaus von 1469 (1583, 1760 und 1978 Erneuerungen). Die Kapelle St. Maria in Hinterthal wurde um 1780, die Filialkirche Herz Jesu in Bisisthal 1892-96 erbaut.

Zwischen Mai und Okt. 1799 war das M. Schauplatz schwerer Kämpfe zwischen österr. bzw. russ. und franz. Truppen. Besonders die Gefechte der Armee General Alexander Suworows, der Ende September nach seinem Durchbruch am St. Gotthard über den Kinzigpass das M. erreichte und sich von dort aus über den Pragelpass und Panixerpass nach Graubünden zurückziehen musste, blieben im Gedächtnis der Bevölkerung verankert.

M. war während Jahrhunderten - auch von Uri und Glarus aus - nur auf Saumpfaden erreichbar. Die 1865 eröffnete Strasse um den Giebel war die erste befahrbare Verbindung nach Schwyz. 1922 nahm ein Buskurs den Betrieb auf. Ein Eisenbahnprojekt, dass 1907/08 eine Ringbahn Brunnen-Schwyz-Muotathal-Iberg-Einsiedeln vorsah, erwies sich als nicht durchführbar. Seit 1945 war das Tal gut für den motorisierten Privatverkehr erschlossen.

Wegen der fehlenden Verdienstmöglichkeiten begaben sich jahrhundertelang viele Talbewohner in Fremde Dienste oder wanderten aus. Bis ins 20. Jh. hinein dominierte die Landwirtschaft (Viehzucht), wobei die Alpwirtschaft im Sommer auch weiterhin viele Arbeitskräfte beschäftigte. Im späten 19. und im 20. Jh. entwickelte sich das lokale Gewerbe; v.a. holzverarbeitende Betriebe (Möbelfabriken) spielen eine bedeutende Rolle. 2005 stellte der 1. Sektor ungefähr einen Viertel, der 2. Sektor ca. zwei Fünftel der Arbeitsplätze in der Gemeinde. Ein Schule wird erstmals 1683 erwähnt; seit 1972 ist M. Standort einer Mittelpunktschule.

Im Talboden sind zahlreiche kulturhistorisch bedeutende Bauernhäuser aus der Zeit vom späten 16. bis ins 19. Jh. erhalten. Natursehenswürdigkeiten sind das Urwaldreservat Bödmeren, die Karrenfelder (Karren = Erosionsrinnen) auf Silberen und das Hölloch. Dieses weitverzweigte Höhlensystem, mit über 175 km vermessenen Gängen eines der längsten der Welt, wurde 1875 erstmals begangen. Um die Jahrhundertwende sollte es - in diesem Zusammenhang entstand auch das Ringbahn-Projekt - die Basis für die Entwicklung der Gem. zu einem Ziel des internat. Tourismus werden; die Pläne wurden aber nach der schweren Überschwemmung von 1910 und dem Ausbruch des 1. Weltkriegs aufgegeben. Das Hölloch ist heute für die Forschung und geführte Wanderungen offen.


Literatur
HS V/1, 675-688; IX/2, 669-671
– A. Gwerder, 700 Jahre Frauenkloster M., 1288-1988, 1987
Üsäs Muotithal,1991
– A. Camenzind, Maultiere machen Gesch., oder, Suworows Krieg in den Schweizer Alpen im Jahre 1799, 1992

Autorin/Autor: Erwin Horat