Varese

Stadt in der Lombardei, Hauptort der gleichnamigen Provinz, mit 81'788 Einwohnern 2010. V., dt. früher Väris, franz. Varèse, entstand in der Nähe des antiken Verkehrswegs, der von Castelseprio über Ponte Tresa und den Monte Ceneri zum Lukmanierpass und nach Chur führte. Politisch-administrativ teilte es im Früh- und HochMA das Schicksal des Verwaltungsgebiets (iudiciaria) bzw. der Grafschaft (comitatus) Seprio, ab dem SpätMA jenes des Herzogtums Mailand. Zur Eidgenossenschaft pflegte V. enge Beziehungen. V.a. die heutigen Tessiner Gebiete versorgten sich auf dem ab 1068 erw. Markt von V. mit Getreide und anderen Lebensmitteln, während aus der Eidgenossenschaft hauptsächlich Vieh ausgeführt wurde, das auf dem Vareser Jahrmarkt im Oktober verkauft wurde. Während der Mailänderkriege besetzten und plünderten die Eidgenossen 1510-12 V. und Umgebung wiederholt. Der Ewige Frieden von 1516 beendete schliesslich den Konflikt zwischen den eidg. Orten und dem franz. König Franz I., wobei die Eidgenossen ihre Ansprüche auf das Herzogtum Mailand fallen liessen. Sie behielten jedoch die ennetbirg. Vogteien. Dadurch rückte die Region V. von der Peripherie zum Grenzland des Staats Mailand auf.

In der Gegenreformation wurde 1604-98 auf dem Hügel Velate der Sacro Monte von V. geschaffen, der eindrucksvollste seiner Art im Alpenbogen, der auch zahlreiche Pilger aus dem Tessin anzog. An den Bauarbeiten beteiligte sich u.a. der Stuckateur Francesco Silva aus Morbio Inferiore. Im Sommer 1752 beherbergte V. die österr. und eidg. Verhandlungsdelegationen, welche die Grenzen zwischen der Lombardei und der Eidgenossenschaft genauer festlegen sollten. Deren Unklarheit hatte zu langwierigen territorialen Streitigkeiten geführt und den Kampf gegen den weitverbreiteten Schmuggel in der Grenzregion behindert. Die Verhandlungen mündeten in den Vertrag von V. Seither blieb die schweiz.-ital. Grenze praktisch unverändert. In der 2. Hälfte des 19. Jh. gründeten Schweizer Unternehmer in der Region V. Textilindustrien, v.a. Baumwollspinnereien. Die Baumwollspinnerei Cantoni, eines der grössten ital. Unternehmen der Branche, die auch in der Provinz V. eine Fabrik besass, wurde von mehreren Mitgliedern der Schweizer Fam. Soldini und Jucker geleitet. 1922 eröffnete Suchard in V. eine Filiale. 1935 wurde das Collegium Helveticum von Mailand nach Venegono bei V. verlegt. Nach dem Waffenstillstand der ital. Armee vom 8.9.1943 trafen bis zum Ende des 2. Weltkriegs in der Schweiz über 5'000 militär. und zivile Flüchtlinge aus der Region V. ein. In der Nachkriegszeit nahm die Zahl der in der Provinz V. wohnhaften Grenzgänger stark zu. 2010 betrug deren Zahl 20'563, von insgesamt 47'051 im Kt. Tessin tätigen Grenzgängern. Zur Förderung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit riefen u.a. der Kt. Tessin und die ital. Provinzen Como und V. 1995 die Arbeitsgemeinschaft Regio Insubrica ins Leben. Ende 2011 wurde eine von der Tilo SA betriebene, direkte Eisenbahnverbindung zwischen Bellinzona bzw. Cadenazzo und dem Flughafen Mailand Malpensa (Provinz V.) via Luino und Gallarate eröffnet. Eine weitere und entscheidende Verbesserung des öffentl. Verkehrs zwischen der Region V. und dem Tessin soll die sich im Bau befindende Bahnstrecke Arcisate-Stabio bringen. Diese rückt nicht nur den Flughafen Malpensa näher an die Schweiz, sondern verbindet über den Umsteigebahnhof Gallarate auch die zwei Achsen Lötschberg-Simplon und Gotthard der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale.


Literatur
– L. Borri, Complemento del trattato di V. dell'anno 1752, 1895
– G. Bonnant et al., Svizzeri in Italia, 1848-1972, 1972
– L. Ambrosoli, V., storia millenaria, 2002
– M. Viganò, Da periferia a frontiera: V. francese (1499-1512, 1515-1521) (in Vorb.)

Autorin/Autor: Marino Viganò / CN