• <b>Veltlin</b><br>Die Bäder von Bormio aus der Originalchronik "Raetia" des Johannes Guler von Wyneck, 1616 gedruckt in Zürich in der Offizin von Johann Rudolf Wolf (Zentralbibliothek Zürich, Abteilung Alte Drucke und Rara). Schon den Römern und den Ostgoten waren die Bäder von Bormio <I>(aquae Burmiae)</I> bekannt. Im 16. und 17. Jahrhundert wurden sie von den Menschen aus den Drei Bünden häufig aufgesucht, wie Guler von Wyneck in seiner Chronik berichtet. Danach erlebten die Bäder einen Niedergang und zerfielen zusehends. Als die Strasse über das Stilfserjoch 1825 eröffnet und damit eine direkte Verbindung nach Südtirol geschaffen wurde, profitierten vor allem die Touristen aus Österreich von den 1834–1835 neu erbauten Bädern. Andreas Rudolf von Planta kaufte und vergrösserte die Anlagen 1859.

Veltlin

Das V. (ital. Valtellina, franz. Valteline, rom. Vuclina) liegt im Tal der Adda und bildet heute mit dem Valchiavenna die ital. Provinz Sondrio, die nördlichste der Region Lombardei. Das V. ist in vier Berggemeinschaften unterteilt, die 65 Gem. umfassen. Im Norden bilden die Rät. Alpen die Grenze zum Kt. Graubünden, im Süden wird die Provinz durch die orob. oder Bergamasker Voralpen begrenzt. Die Felszeichnungen von Grosio bezeugen, dass das V. seit der Jungsteinzeit besiedelt war.

1 - Von der Römerzeit bis zur Eroberung durch die Drei Bünde

Das V. wurde 16 v.Chr. von den Römern unterworfen und ab dem 5. Jh. christianisiert; es entstanden rund zehn von der Diözese Como abhängige Pieven. Die Langobarden scheinen nicht vor 720 ins V. gelangt zu sein. Rund 50 Jahre später übertrug Kg. Karl der Grosse das Gebiet dem Kloster Saint-Denis bei Paris. In der Feudalzeit ging die Herrschaft über das V. an den Bf. von Como über. An den Verkehrswegen durch die Alpen entstanden die Hospize Santa Perpetua in Tirano und San Romerio im Puschlav. Im 11. Jh. gehörte Letzteres wie auch das Gebiet um Bormio dem Bf. von Chur und wurde von den Herren von Matsch aus dem Vinschgau verwaltet. Diese erhielten 1150 vom Bf. von Como auch die Pieve Mazzo zu Lehen. Im 13. Jh. verbündete sich Bormio mit Como, fiel im 14. Jh. aber wieder an den Bf. von Chur zurück.

Zu den auswärtigen Feudalgeschlechtern in Tresivio zählten die Herren von Tarasp. Auch im V. rangen Welfen und Ghibellinen bzw. mit den jeweiligen Faktionen in Como verbundene Familienclans des niederen Adels um die lokale Vorherrschaft. Solche Auseinandersetzungen führten zu einer Zersplitterung von Macht und Grundbesitz; deren Folge waren Konflikte um Weidegründe und Raubzüge auf Vieh. Grenzstreitigkeiten entbrannten u.a. auch zwischen den Leuten von Davos und Livigno sowie zwischen den Engadinern und den Einwohnern von Bormio. 1335 erlangte der Herr von Mailand, Azzo Visconti, die Herrschaft über das Bistum Como und damit auch über das V. und das Valchiavenna. Ausgenommen war das Gebiet um Bormio, das noch weitere 15 Jahre beim Bf. von Chur verblieb. 1406 gaben die Visconti das Puschlav Giovanni Malacrida von Musso zu Lehen; dagegen protestierten die Talbewohner und erreichten zwei Jahre später ihre Aufnahme in den Gotteshausbund. Damals wurde der Turm von Piattamala in Campocologno am Eingang zum Puschlav zur wichtigen Grenzfeste.

<b>Veltlin</b><br>Die Bäder von Bormio aus der Originalchronik "Raetia" des Johannes Guler von Wyneck, 1616 gedruckt in Zürich in der Offizin von Johann Rudolf Wolf (Zentralbibliothek Zürich, Abteilung Alte Drucke und Rara).<BR/>Schon den Römern und den Ostgoten waren die Bäder von Bormio <I>(aquae Burmiae)</I> bekannt. Im 16. und 17. Jahrhundert wurden sie von den Menschen aus den Drei Bünden häufig aufgesucht, wie Guler von Wyneck in seiner Chronik berichtet. Danach erlebten die Bäder einen Niedergang und zerfielen zusehends. Als die Strasse über das Stilfserjoch 1825 eröffnet und damit eine direkte Verbindung nach Südtirol geschaffen wurde, profitierten vor allem die Touristen aus Österreich von den 1834–1835 neu erbauten Bädern. Andreas Rudolf von Planta kaufte und vergrösserte die Anlagen 1859.<BR/>
Die Bäder von Bormio aus der Originalchronik "Raetia" des Johannes Guler von Wyneck, 1616 gedruckt in Zürich in der Offizin von Johann Rudolf Wolf (Zentralbibliothek Zürich, Abteilung Alte Drucke und Rara).
(...)

In der 2. Hälfte des 15. Jh. versuchten die Drei Bünde unter Ausnutzung der polit. Schwäche des Mailänder Hzg. Ludovico Sforza nach Süden vorzustossen. Nach einem ersten Feldzug ins V. im Sommer 1486 siegten die Bündner im März 1487 bei Sondrio in der Schlacht von Caiolo gegen die mailänd. Truppen. Die Bündner zogen erst aus dem Tal ab, nachdem sie ein Lösegeld von 12'000 venezian. Dukaten und Zollfreiheit erhalten hatten. Der Hzg. von Mailand liess daraufhin ein umfangreiches Befestigungssystem entwerfen: Ringmauern sollten Chiavenna, Morbegno, Sondrio, Tirano und Bormio schützen, eine Talsperre in Serravalle den Zugang zur Grafschaft Bormio abriegeln und schliesslich sollten das Schloss von Tresivio sowie der Turm von Piattamala instand gestellt werden. Da die Talschaften, die das Baumaterial liefern sollten, Einwände vorbrachten, wurden nur die Stadtbefestigung von Chiavenna 1488 und diejenige von Tirano 1492 ausgeführt. Ende des Jahrhunderts wurde Lodovico Sforza von den Franzosen geschlagen, die nun für zwölf Jahre das Gebiet beherrschten. Die Rückkehr von Massimiliano Sforza nach Mailand 1512 nutzten die Bündner, um am 24.6.1512 ins V. sowie in die Grafschaften Chiavenna und Bormio einzufallen; sie dürften dabei zwar nicht, wie einige Quellen berichten, mit Begeisterung empfangen worden sein, doch trafen sie auch nicht auf nennenswerten Widerstand.

Zur Rechtfertigung der Annexion beriefen sich die Drei Bünde auf die umstrittene sog. Mastinische Schenkung von 1404: Mastino Visconti war 1385 mit seinen Brüdern und seinem Vater von seinem Vetter Gian Galeazzo Visconti entmachtet und darauf vom Churer Bischof, Gf. Hartmann von Werdenberg, aufgenommen worden. Diesem schenkte er am 29.6.1404 das Gebiet des V.s. Zwar sprach die lat. Urkunde im ersten Teil von einer Schenkung ohne Auflage; da es sich um Lehensgüter handelte, nennt der folgende Teil die Wahrung der Rechte des Kaisers explizit als Voraussetzung und machte die Schenkung von der Rückkehr Mastinos ins Herzogtum abhängig. Für einige ital. Fachgelehrte handelte es sich folglich um eine Schenkung unter Vorbehalt, die wegen der nicht eingetretenen Bedingungen nie in Kraft getreten sei; die gegenteilige Ansicht vertraten die meisten Bündner Historiker.

Die Annexion von 1512 wirft eine weitere Frage auf: Nach Ansicht der meisten Veltliner Historiker sind die Verträge von Teglio im Juni 1512 unterzeichnet und durch den Bundstag von Ilanz am 13.4.1513 bestätigt worden: die Bündner Geschichtsschreibung betrachtet sie hingegen als Erfindung der Veltliner, die damit ihre gewaltsame Erhebung von 1620 hätten rechtfertigen wollen. Wären diese Verträge aber blosse Apologie, so wäre schwierig zu erklären, warum sie für die Veltliner wie für die Bewohner der beiden Grafschaften so bindende Klauseln enthielten wie jene, den Drei Bünden Gehorsam zu leisten und ihnen alljährlich 1'000 Reinesi zu entrichten. Überdies werden die Veltliner darin "Liebe und getreue Bundesgenossen" genannt und ihnen die Teilnahme am Bundstag zugestanden. Als die "frommen leuth ausz s. Jacobsthal, unsere[n] lieben pundtsgenossen" wurden zunächst auch die Bewohner des Val San Giacomo genannt, erst ein Jahrzehnt später wurden sie als Untertanen bezeichnet. Hinsichtlich der Beschickung des Allgemeinen Bundstags enthielten die Verträge hingegen einschränkende Klauseln wie "zum gegebenen Zeitpunkt" und "dann, wenn sie zum Bundstags geladen werden". So blieb das Aufgebot zum Bundstag dem Ermessen der Bünde anheimgestellt, die in der Tat die Veltliner überhaupt nie zu einem Bundstag einluden. Die Bündner verpflichteten sich jedoch, die lokalen Rechte und Gewohnheiten zu respektieren und die Einwohner von der Abgabepflicht an den Kaiser und den Hzg. von Mailand zu entbinden, was auch geschah.

Autorin/Autor: Guido Scaramellini / EB

2 - Die Herrschaft der Drei Bünde

Die neuen Herren behielten die Bezirkseinteilung in drei Terzier bei: der untere bestand aus den Squadren Morbegno und Traona, Hauptort des mittleren Terziers war Sondrio und Gerichtsort des oberen Tirano. Bormio und seine Grafschaft besassen besondere Rechte. Die höchste Gewalt im V. hatte der in Sondrio residierende Landeshauptmann inne. Ab 1545 kam er aus den Drei Bünden und wurde vom Allgemeinen Bundstag gewählt, ab 1603 von den Gerichtsgemeinden. Auch der Vicari, ein Kriminalrichter, dem die Blutsgerichtsbarkeit unterstand, hatte seinen Sitz in Sondrio. Bündner Podestaten sassen in Tirano, Teglio, Morbegno und Traona, während in Bormio die entsprechenden Ämter oft an örtl. Beamte vergeben wurden; hier waren die Befugnisse des Podestaten wegen der Freiheiten der Grafschaft allerdings gering. Den Podestaten standen Assessoren und Kanzler zur Seite, welche unter den drei von den örtl. Gemeinschaften vorgeschlagenen Anwärtern ausgewählt wurden. Die Ämter wurden alle zwei Jahre vom Bundstag der Drei Bünde und ab 1603 von den Bündner Gerichtsgemeinden im Turnus an die Meistbietenden verpachtet. Diese Praxis war im V. und den benachbarten Grafschaften schon unter den Mailänder Herzögen durchaus üblich. Der Stelleninhaber musste während seiner Amtszeit als Richter und als Vertreter der Zentralgewalt die für die Pacht entrichtete Summe wieder aus dem Gebiet herausholen. Das V. überwies jedes Jahr 500 Philippstaler oder 1'250 Gulden Gehalt für die Amtsleute, eine bescheidene Summe im Vergleich zu den Zahlungen von 4'000 bis 40'000 Scudi, welche die Amtsinhaber für die Pacht aufzuwenden hatten. Daher griffen die Podestaten zu jedem legalen oder illegalen Mittel, um sich nicht nur schadlos zu halten, sondern auch einen Gewinn zu erzielen. Die Bündner Herren respektierten die geltenden Statuten, unterzogen sie aber ab 1531 einer Revision. Sie anerkannten auch die Autonomie der Talkörperschaften, der Räte der Terzier und des Talrats. Letzterer bestand aus fünf Vertretern, je einem aus dem oberen und mittleren Terzier, einem aus Teglio und je einem aus den Squadren Morbegno und Traona.

In der 2. Hälfte des 16. Jh. strömten zunehmend ital. Glaubensflüchtlinge ins Valchiavenna und ins V. Sie konnten hier frei von Verfolgungen predigen, da das mehrheitlich ref. Graubünden die freie Religionsausübung gewährleistete. Bis 1615 durften die Bf. von Como, von drei Ausnahmen abgesehen, jedoch keine Visitationen durchführen. Religionsgespräche zwischen Katholiken und Reformierten fanden 1592 in Sondrio, 1595 in Tirano, wo noch zu Beginn des Jahrhunderts eine Muttergotteserscheinung angekündigt worden war, und 1597 in Plurs im benachbarten Valchiavenna statt. Eine wichtige Rolle für die Ausbreitung des Protestantismus im V. und in Italien spielte die Druckerei Landolfi in Poschiavo. Gleichzeitig begannen sich auch die internat. Spannungen auf das Gebiet auszuwirken. Die Annäherung Graubündens an Venedig alarmierte Spanien, welches Mailand beherrschte und 1603-04 an der Nordgrenze des Mailänder Staats die Festung Fuentes erbauen liess. In der Bevölkerung hatte ab 1557 das Edikt von Ilanz, welches die Nutzung kath. Kirchen für den ref. Gottesdienst erlaubte, und der gescheiterte Versuch, in Sondrio eine ref. Landesschule einzurichten, für Missstimmung gesorgt. 1618 starb der wegen antibündner. Umtriebe vor das Thusner Strafgericht geschleppte Erzpriester von Sondrio, Nicolò Rusca, unter der Folter.

Auf span. Druck bildete sich unter Führung einiger Adliger eine Verschwörung. Im sog Veltliner Mord metzelten zwischen dem 19. und dem 23.7.1620 die Verschwörer 600 Reformierte nieder. Nach dem Massaker wurde der Versuch der Bündner, ins V. einzurücken, von den Spaniern unterbunden; diese eroberten auch das Valchiavenna. Ein Schlichtungsversuch des Papstes, der 1623 eine Schutzmacht von 1'500 Mann Fussvolk und 500 Reitern schickte, scheiterte. Die Franzosen ihrerseits griffen ein, um die span. Macht zurückzubinden. Im Mailänder Kapitulat von 1639 erhielten die drei Bünde das V. und die beiden Grafschaften zurück, mussten sich aber verpflichten, nur die kath. Konfession zuzulassen und die Niederlassung von Protestanten zu verbieten. Kriegszüge und Pest hatten die Bevölkerung in der Ära des Dreissigjährigen Kriegs schwer gezeichnet (Bündner Wirren). Es war auch die Zeit der Hexenprozesse, in der Dutzende von Unglücklichen auf dem Scheiterhaufen endeten.

Die Existenzgrundlage der einheim. Bevölkerung bildete eine wenig ertragreiche Landwirtschaft, die auf Roggen, Rispen- und Kolbenhirse, Gerste, Kastanien und Erzeugnissen aus den Rebbergen beruhte; Letztere stellten für die Bündner die wichtigste Einnahmequelle im V. dar. Von 75'000 hl im V. produzierten Wein wurden gegen Ende des 18. Jh. 45'000 bis 53'000 nach Graubünden, ins Tirol und nach Süddeutschland ausgeführt. Dank Begünstigungen erwarben die Bündner viele Rebberge im V. Der Weizen wurde hingegen aus der Lombardei importiert: Von der jährl. Einfuhrquote von 7'300 hl verblieben 2'300 hl im V. und den beiden Grafschaften. Auch ein Teil des Rohstoffs für die lokale Seidenverarbeitung kam aus dem Mailänder Gebiet; das Endprodukt wurde dann in Graubünden, der Eidgenossenschaft, ja bis nach England abgesetzt. Manufakturen bestanden in Morbegno, Delebio und Traona. Die Weberei als Winterbeschäftigung der Bauern war im Gerolatal und östlich von Sondrio anzutreffen, wo auch zu Beginn des 21. Jh. noch die pezzotti (aus Woll- und Baumwollausschuss gewobene Teppiche) auf Handwebstühlen hergestellt wurden. Rund 30 Gerbereien beschäftigten 50 Arbeiter an neun versch. Orten: Rinder-, Ziegen- und Jungziegenhäute kamen aus der Schweiz, Widder-, Kalbs- und Kuhhäute lieferte die örtl. Viehzucht. Bis zur Revolte von 1620 wurde das in den Veltliner Bergen abgebaute Eisenerz für den Kanonenguss an die Bündner verkauft, danach genügte es den Anforderungen nicht mehr. Das Vieh, das ab 1514 bis Anfang des 19. Jh. auf dem wichtigen Markt von Tirano angeboten wurde, kam aus Graubünden, der Eidgenossenschaft und dem Tirol. Hauptziel der im 17. und 18. Jh. anwachsenden Auswanderung war Venedig, zu dem der Freistaat gute Beziehungen pflegte. Diese erfuhren allerdings einen Unterbruch, als die Lagunenstadt 1764 die Allianz mit dem Freistaat aufkündigte. Andere Bündner liessen sich in Genua und Rom nieder. Die Auswanderer organisierten sich in Vereinen, Schulen, Kassen oder Laienbruderschaften und übersandten Kirchengeräte versch. Art sowie milde Gaben für die Armen an die Kirchen ihrer Heimatgemeinden. Damals entstanden auch neue Kirchen und Klöster; andere wurden umgebaut.

Autorin/Autor: Guido Scaramellini / EB

3 - Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Auf die Vorherrschaft einiger Bündner Fam., insbesondere der Salis, reagierte die Bevölkerung mit Beschwerden und Schmähschriften; die Nichtbeachtung des Niederlassungsverbots für auswärtige Protestanten, die den Unwillen der einheim. Bevölkerung erregte, sowie die Ausbreitung aufklärer. Ideale unter den Adligen führten schliesslich dazu, dass der Einmarsch der napoleon. Cisalpiner 1797 begrüsst wurde. Am 22. Juni wurden der Bündner Landeshauptmann und sein Vicari entlassen; etwa einen Monat später zog auch Bormio nach. Napoleon hatte trotz z.T. anders lautender Forderungen der Veltliner entschieden, das V. als vierten Bund mit den Drei Bünden zu vereinigen, doch lehnten diese, wenn auch mit knapper Mehrheit, einen solchen Anschluss ab: 24 Gerichtsgemeinden stimmten gegen, 21 für eine Aufnahme des V.s, 14 waren unsicher und vier enthielten sich der Stimme. Am 10.10.1797 gliederte daher Napoleon das V. und die beiden Grafschaften in die Cisalpin. Republik ein. In der sog. Confisca wurden die Vermögenswerte der Bündner im V. beschlagnahmt und öffentlich versteigert. Die Veltliner verstanden diese Konfiskation als Entschädigung für ungerechtfertigte Bereicherungen der Bündner Amtsleute, in Wirklichkeit handelte es sich um eine pauschale Massnahme zugunsten von Adel und Bürgertum, die als einzige über die Mittel zum Erwerb dieser Güter verfügten. Gleichzeitig wurden Bündner Denkmäler und Wappen zerstört.

Nach Napoleons Niederlage bei Leipzig rückten die Bündner unter dem Befehl des Zivilkommissärs Rudolf Maximilian von Salis-Soglio am 5.5.1814 wieder in Chiavenna ein, wurden jedoch durch eine österr. Intervention zum Rückzug gezwungen. Auf dem Wiener Kongress ersuchte die Veltliner Delegation um eine Aufnahme als Kanton in die Schweiz oder um einen Anschluss an das unter österr. Herrschaft stehende Lombardo-Venezian. Königreich nach. Letzteres wurde ihnen gewährt. Österreich begann mit einer gründl. Verwaltungsreform und wichtigen öffentl. Arbeiten, darunter die Passstrasse auf das Stilfserjoch. 1834 wurde auch die Frage der Confisca geregelt: den Bündnern wurde eine Entschädigung von 1'625'576 Gulden zugesprochen. Als sich die Kunde von der Mailänder Erhebung von 1848 verbreitete, wurden die österr. Offiziere in Sondrio gezwungen, ihre Kommandos niederzulegen; anschliessend wurden Tausende von Freiwilligen auf das Stilfserjoch und auf den Tonalepass entsandt. Nach der Niederlage Karl Alberts von Savoyen kehrten die Österreicher zurück. Während des 2. ital. Unabhängigkeitskriegs 1859 stiess Giuseppe Garibaldi durch das Tal bis nach Bormio vor, während die Österreicher sich immer weiter zurückzogen.

Im 19. Jh. suchten zahlreiche Katastrophen das V. heim: der Mehltau der Weinreben und Krankheiten der Seidenraupen brachten Verdienstausfall, Überschwemmungen und Cholera forderten Hunderte von Todesopfern. Rebbau und Weinhandel waren weiterhin eine wichtige Einnahmequelle für die Bewohner des V.s und des Puschlavs; noch zu Beginn des 21. Jh. waren 50 Personen aus Brusio Eigentümer von Rebbergen mit einer Gesamtfläche von 60 ha und von Obstpflanzungen in der Grösse von ca. 75 ha. Im Viehhandel kamen 1835 100 von 600 Rindern und 25 von 100 Pferden, die auf dem Markt von Delebio verkauft wurden, aus der Schweiz. Herden aus dem V. und dem Bergamaskischen wurden auf Schweizer Alpweiden gesömmert, aber die zunehmende Aufgabe der Viehzucht und die Auflassung der Bergdörfer nach dem 2. Weltkrieg bereiteten dieser Form der Transhumanz ein Ende. Im 19. Jh. wurde viel Holz aus der Eidgenossenschaft eingeführt und dank der Zollvergünstigungen für Güter aus dem Tessin und aus Graubünden gelangt es auch heute noch in die Lombardei und ins Piemont. Ab Mitte des 19. Jh. setzte die Auswanderung nach Übersee ein, doch ab der Jahrhundertwende fanden viele Veltliner auch in der Schweiz ein Auskommen (1904-08 4'350 Personen im Jahresdurchschnitt gegenüber 1'393 nach Übersee). 1921 arbeiteten im Jahresdurchschnitt 1'812 Personen und 1930-33 2'653 Personen in der Schweiz. 1950-53 wanderten im jährl. Mittel 1'968 Personen in die Schweiz aus; diese Zahl stieg bis 1961 auf 5'254. 1968 nahm der Bündner Arbeitsmarkt, v.a. der Bausektor und das Gastgewerbe, 57% der in der Schweiz erwerbstätigen Personen aus dem V. und dem Valchiavenna auf.

Die Bahnlinie Mailand-Tirano erhielt 1910 mit der Berninabahn eine Verbindung zum Kt. Graubünden. 1917 begann im V. die Stromproduktion aus Wasserkraftwerken. Von den rund 20 gebauten Werken wird dasjenige von Livigno (1962) von einer Schweizer Gesellschaft betrieben. Der seit Langem zur Steigerung der Familieneinkommen betriebene Schmuggel erlebte in den 1960er Jahren einen starken Aufschwung, da die illegale Einfuhr von Zigaretten, Zucker und Kaffee aus der Schweiz recht einträglich geworden war. Die industrielle Entwicklung, die Verbreitung des Massentourismus und der Erfolg der Skigebiete, die ausgehend von Bormio, wo 1985 die Skiweltmeisterschaften stattfanden, an versch. Orten entstanden, prägen die jüngste Geschichte des V.s.

Autorin/Autor: Guido Scaramellini / EB

Quellen und Literatur

Literatur
– E. Mazzali, G. Spini, Storia della Valtellina e della Valchiavenna, 3 Bde., 1968-73
– G. Scaramellini, La Valtellina fra il XVIII e il XIX secolo, 1978
– D. Benetti, M. Guidetti, Storia di Valtellina e Valchiavenna, 1990
– Collenberg, Amtsleute
– M. Mandelli, D. Zoia, La Carga: contrabbando in Valtellina e Valchiavenna, 1999
Das Ende der Bündner Herrschaft im V. und in den Grafschaften Chiavenna und Bormio, hg. von G. Jäger, G. Scaramellini, 2001
Economia e società in Valtellina e contadi nell'età moderna, hg. von G. Scaramellini, D. Zoia, 2 Bde., 2006 (mit CD)
– A. Maissen, Das V. und die Grafschaften Chiavenna und Bormio, 2006
– L. Lorenzetti, Destini periferici. Modernizzazione, risorse e mercati in Ticino, Valtellina e Vallese, 1850-1930, 2010
1512: die Bündner im Veltlin, in Bormio und in Chiavenna, hg. von A. Corbellini, F. Hitz, 2012

Autorin/Autor: Guido Scaramellini / EB