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Gersau

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Polit. Gem. und Bez. SZ. Dorf und Landschaft in geschützter Lage am Südabhang der Rigi Scheidegg und an den Ufern des Vierwaldstättersees mit mildem Klima (Kurort). Bis ins 19. Jh. war G. nur auf dem Seeweg oder über den Gätterlipass (von Lauerz) erreichbar. 1390/1433-1817 freie Republik, seit 1817 einzige Gem. des gleichnamigen Bez. des Kt. Schwyz. 1064 Gersouwe. 1774 ca. 1'000 Einw.; 1850 1'585; 1870 2'270; 1880 1'775 (Niedergang der Seidenindustrie); 1900 1'887; 1910 2'263 (neue Blüte der Seidenindustrie); 1950 1'890; 2000 1'934.

Aus der mittleren Bronzezeit stammt eine bei der Kindlimordkapelle gefundene Dolchklinge. 1985 gelang bei einem Tauchgang die Bergung eines in die Mitte des 7. Jh. zu datierenden Skramasax. Das Kloster Muri im Freiamt, das den Hof G. als Stiftungsgut von den Gf. von Lenzburg erhalten hatte, ist der früheste bekannte kirchl. Grundherr. Die Bauern und Fischer von G. hatten als Hof- und Gotteshausleute dem Kloster Muri Abgaben zu entrichten. Erwähnt werden Käse, Ziger, Fleisch, Fische, Kleinvieh, Tuch, Schafwolle, Filz, Häute, Felle, Geld, Nüsse, Obst. Die klösterl. Landgüter gelangten allmählich in die Hand der Habsburger, doch übergaben die Hzg. Albrecht und Otto von Österreich 1333 die Güter und Gülten in G. an Rudolf von Freienbach und Jost von Moos; damit fielen Gerichtsbarkeit und Rechte in die Hand von Luzerner Edelleuten. 1359 wurde G. ins Bündnis der Eidgenossen aufgenommen, wobei die rechtl. Stellung G.s zu den eidg. Orten der eines zugewandten Ortes gleichkam: die Waldstätte übernahmen für G. eine Schutz- und Schirmherrschaft, das dafür seine waffenfähige Kriegsmannschaft zur Verfügung zu stellen hatte. Ein erstes Mal kämpften Gersauer 1386 auf dem Schlachtfeld von Sempach, wo sie das Banner des Gf. Rudolf von Hohenzollern erbeuteten. 1390 kaufte sich G. für eine Summe von 690 Pfund Pfennigen von der habsburg. Verpfändung und Vogteigewalt los, die damals in der Hand der Luzerner Bürger Johann, Peter und Agnes von Moos lagen. Dadurch fielen Gerichtsbarkeit, Vogtei- und Steuerrechte an die Hofleute von G., das damit eine freie, unverpfändbare Gem. wurde. 1433 erhielt G. von Ks. Sigismund in Basel die urkundl. Bestätigung der alten Freiheiten, Rechte und Privilegien und wurde damit als reichsunmittelbare Gem. direkt unter den Schutz des dt. Kaisers gestellt. Nach der Anerkennung als Freistaat und Republik ordnete G. 1436 sein gemeindl. Staatsleben mit einem eigenen Hof- und Eherecht. Die höchste Gewalt lag bei der von einem Landammann geleiteten Landsgemeinde. Richtstätte und Galgen waren Zeichen der hohen Gerichtsbarkeit. Mit der Franz. Revolution (1798) wurde G. eine Munizipalität, 1804-14 ein Bez. des Kt. Schwyz, und von 1814-17 lebte G. unter ausdrückl. Genehmigung von Schwyz nochmals als Republik auf. Polit. Zentrum der Republik G. war das Rathaus (1745) mit Rats- und Gerichtssaal (heute Museum) und "Chefi" (ehem. Gefängnis, heute Ausstellungsraum von sechs Stradivari-Instrumenten der Stradivari-Stiftung Habisreutinger). 1817 entschied die Tagsatzung auf der Grundlage der Erklärung des Wiener Kongresses und der im 1. Artikel des Bundesvertrages von 1815 ausgesprochenen Gewährleistung des Gebietes aller Kantone, dass der Flecken und die Landschaft G. mit dem Kt. Schwyz vereinigt und auf immer ein Bestandteil desselben sein soll. Seit 1818 ist G. Gem. und Bez. im Kt. Schwyz.

Die dem hl. Marzellus geweihte Kirche (ecclesiam Gersouvo) wird in den Papsturkunden von 1179 und 1189 erstmals erwähnt. Aus dem Besitz des Klosters Muri gelangte das Patronatsrecht an die Habsburger, später an versch. Private. 1483 verkaufte Hans von Büttikon den Kirchensatz den Kirchgenossen von G. 1806-12 erfolgte der Bau einer neuen Pfarrkirche St. Marzellus unter dem Einsiedler Bruder Baumeister Jakob Nater, gefördert durch den aus G. stammenden Einsiedler Abt Beat Küttel. Renommierte Kunsthandwerker wie Johann Josef Moosbrugger (Altäre und Stuckaturen), Josef Anton Mesmer (Deckengemälde) und Martin Braun (Orgel) prägten den Innenraum des 1812 eingesegneten Neubaus. Die feierl. Kirchweihe erfolgte erst nach der Auflösung des Bistums Konstanz und wurde 1821 durch den päpstl. Nuntius Ignazio Nasalli vorgenommen. Die Kirchgem. verwaltet das Kirchen- und Pfrundvermögen. Weitere Sakralbauten sind: die Kapelle Maria Hilf im Kindli (sog. Kindlimordkapelle, 1570 erbaut), eine ehem. Wallfahrtskapelle; die Kapelle St. Josef, 1683 anlässlich der Erneuerung der Sennenbruderschaft auf dem Käppeliberg errichtet; die kleine Feldkapelle ("Büölchäppeli") am Weg zum Büöl und zur Richtstätte am See; die Kapelle auf der Rigi-Scheidegg. Abgebrochen wurde die 1900 eingeweihte, zweistöckige Lourdeskapelle "auf der Tschalun" (heute Wohnhaus Neumühle). Noch heute bestehen in der Pfarrei G. vier Bruderschaften: Niklausenbruderschaft (karitativ tätig), Sennenbruderschaft (Pflege der alten Traditionen der Land- und Alpwirtschaft), Sebastiansbruderschaft (Pflege des Schützenwesens) und St.-Anna-Bruderschaft.

Bis zum Zeitpunkt der Ausscheidung des Korporationsgutes vom Bezirksgut (1838) bestand zwischen der Allmendkorporation (Genosssame) und der polit. Gemeinde kein Unterschied. Genossengut und Gemeindegut wurden gemeinsam genutzt und verwaltet. An Grundstücken gehörten der Genosssame die Alpen und Allmenden ("an Grund und Boden und Wäldern"), wobei die einzelnen Grundstücke nicht namentlich aufgezählt wurden. Auch nach der Ausscheidung galt der Grundsatz, dass das Genossenvermögen als Stammgut nicht veräussert werden dürfe. Zugewanderte oder Beisässer besassen keine Nutzungsrechte. Noch heute sind nur die Nachkommen der alteingesessenen Ortsbürger von G. nutzungsberechtigt. Dazu gehören nur jene mit den Familiennamen Baggenstos, Camenzind, Dahinden, Küttel, May, Müller, Niederer, Nigg, Rigert, Schöchlin, Waad. Heute werden die Aufgaben der Genosssame (Verwaltung über Holz, Feld und Alpen) vom fünfköpfigen Genossenrat erledigt, unterstützt vom Genossenschreiber, vom Bannwart und vom Weibel. 1992 gehörten der Genosssame noch 350 Bürger an.

Oberstes Organ des Bez. ist die Bezirksgemeindeversammlung, die jeweils im Frühjahr stattfindet. Über die der Urnenabstimmung unterstellten Sachgeschäfte ist vorher an der Gemeindeversammlung zu beraten. Der siebenköpfige Bezirksrat mit dem Bezirksammann an der Spitze ist das vollziehende und verwaltende Organ des Bez. und vertritt diesen nach aussen. Der Landschreiber steht der Bezirkskanzlei vor. Das Bezirksgericht urteilt in erster Instanz. Der 1987 gegr. Wuhrkorporation Gersauer Dorfbäche steht ein siebenköpfiger Wuhrrat vor. Diese Korporation hat den Zweck, die Gersauer Dorfbäche zu verbauen und dadurch das Dorf vor Bachüberschwemmungen und die Bergliegenschaften, Wälder und Alpen vor Erdrutschen zu schützen.

Schon zur Zeit der Republik gab es in G. neben Alp- und Landwirtschaft auch Gewerbebetriebe (Kalk- und Ziegelbrennerei, Nagelschmieden). Aus dem aus Sargans herbeigeschafften Roheisen wurden in G. Nägel und Griffeisen hergestellt, die grossen Absatz fanden. Die Handwerker schlossen sich 1730 in der Meisterzunft zusammen. Im gleichen Jahr bewilligte die Gersauer Landsgemeinde Sebastian Melchior Rigert das Fäulen von Seidenabfällen. Fergger überwachten die Kämmlerarbeit, wobei die Gersauer Fergger und ihre Kämmler-Arbeiter ihrer Ehrlichkeit und ihres Fleisses wegen geschätzt wurden. In der Blütezeit des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jh. (vgl. Bau der Pfarrkirche) liessen die Firmen Seidenabfälle sogar auswärts, v.a. im benachbarten Vitznau und Weggis fäulen, in Engelberg und Nidwalden kämmen und im Zugerland sowie Schwyz spinnen. Mit dem Bau von drei Spinnereigebäuden (1846 im Eggi, 1856 in der Bläui und 1861 am See) und der Einführung von mechan. Spinnmaschinen wurde G. der führende Seidengarn-Industrieort der Innerschweiz. Die Seidenindustrie bildete damals in G. den wichtigsten Erwerbszweig. Nach der Krise von 1875-92, in deren Verlauf ca. 90 Personen nach Amerika auswandern mussten (Reisegeld vom Bezirk Fr. 250.-), und der Übernahme der drei Fabriken durch die Firma Camenzind & Co. AG konnte die Seidenindustrie in G. wieder ausgebaut und gestärkt werden. Nach Umstrukturierungen beschäftigte die Firma in der sog. Schappeseiden-Spinnerei 1992 etwa 65 Arbeitskräfte, 2004 noch 32. Daneben sorgen Gewerbebetriebe (Sägerei, Holzhandel, Schreinereien, Baugeschäfte) für weitere Erwerbsmöglichkeiten. 2000 war im 1. Sektor rund ein Zehntel der Erwerbstätigen beschäftigt (im Winter sind viele von ihnen zusätzlich im Bau- und Holzgewerbe tätig), im 2. Sektor rund ein Viertel und im 3. Sektor etwas mehr als die Hälfte. Rund die Hälfte der Beschäftigten sind Wegpendler. Mit dem Aufkommen der Dampfschifffahrt, dem Bau einer Bahn vom Kaltbad zur Rigi-Scheidegg (1870-75) und der Erschliessung G.s durch eine 14 Fuss breite Strasse nach Brunnen (1861-67) und nach Vitznau (1884-86) setzte der Fremdenverkehr ein. 1875 zählte der Kurort G. über 30 Hotels, Restaurants und Pensionen; die berühmtesten waren: Hotel-Pension Scheidegg (1840) und Hotel Müller (1863, 1978 abgebrannt und neu errichtet).

Mit Fasnacht ("Gerfaz"-Figur), Mittefastenfeuer, Sennengemeinde auf "Holzbüöl", Sennenkilbi mit "Tschämeler" (Wildmannen), Klausentricheln und Klausenumzug kennt G. ein vielfältiges Brauchtum. Noch heute erinnern Ausdrücke wie "Gersauern" oder "Gersauerstückli" an die Eigenart G.s und ihrer Einwohner zur Zeit ihrer Republik. Sie gehören, wie etwa die Taten der Leute von Merligen, in das Kapitel der Schildbürgerstreiche.


Literatur
– «Gersauer Bibl.», in Schwyzer H. 40, 1987
– A. Müller, «G. - 3. Juni 1390», in MHVS 82, 1990, 81-87
– A. Müller, G. z.Z. der Helvetik 1798-1803, 1998

Autorin/Autor: Albert Müller