14/11/2005 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Einsiedeln

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit Bildern illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

Bez. und polit. Gem. SZ. Wallfahrtsort in einem Hochtal westlich des Sihlsees. Gem. und Bez. bestehen aus der Ortschaft E. und den sechs Vierteln Bennau, Egg, Euthal, Gross, Trachslau und Willerzell. 1073 Einsidelen. 1799 4'958 Einw.; 1850 6'821; 1880 8'383; 1900 8'496; 1930 8'053; 1950 8'423; 1970 10'020; 1980 9'629; 2000 12'622.

Wie archäolog. Funde aus der Stein- und Bronzezeit belegen, hielten sich im dicht bewaldeten Gebiet des heutigen E. schon vor 12'000 Jahren Jäger auf. Noch im FrühMA war E. nicht dauerhaft besiedelt. Im Zuge der Gründung des Klosters E. (934) liessen sich vermutlich Eigenleute der adligen Mönche nieder. Vom umliegenden Wald stammt der Name Waldstatt E., die Bewohner hiessen Waldleute. Das Kloster förderte den Landesausbau im Einzugsgebiet der Flüsse Alp, Sihl und Biber und trieb die viehwirtschaftl. Spezialisierung nach 1250 u.a. mit Schweighöfen (Höfe zur Viehzucht) voran. Diese Intensivierung verschärfte den sog. Marchenstreit mit Bauern aus der Talschaft Schwyz, der erst 1350 beigelegt wurde.

Mit der Errichtung der Schirmvogtei über die Waldstatt 1394 ging die hohe Gerichtsbarkeit an Schwyz, und E. wurde zur Landschaft des Standes Schwyz. Die niedere Gerichtsbarkeit lag beim Kloster. Die sog. Drei Teile, eine Behörde, in der das Kloster, der Schwyzer Vogt und die Waldleute vertreten waren, sind 1399 erstmals belegt. Die Drei Teile entschieden in allen die Waldleute betreffenden Angelegenheiten. Das Waldstattbuch, die älteste bekannte Rechtsaufzeichnung, schrieb den Status der Waldleute als freie Gotteshausleute fest. 1564 gaben sich die Drei Teile unter Abt Joachim Eichhorn eine verbindlichere Ordnung. Nach 1657 trugen sie den Namen Session. Bis 1798 wurden Einkünfte aus den gemeinsamen Gütern zur Bestreitung der Ausgaben der Landschaft E. verwendet.

Das Verhältnis zwischen Waldleuten, Kloster und Schwyz war nicht spannungsfrei. Im Einsiedlerhandel (1764-67) wehrten sich die Waldleute gegen die Einschränkung ihrer Freiheiten durch den Abt. Schwyz schützte die Rechte des Klosters und beendete den Aufstand 1766 gewaltsam. Mehrere Waldleute wurden hingerichtet und die Einsiedler nicht mehr als "Angehörige", sondern als Schwyzer Untertanen bezeichnet. Im Febr. 1798 wurde die Landschaft E. dem Land Schwyz politisch gleichgestellt und mit der Neuorganisation in der Mediation zu einem Bezirk des Kt. Schwyz. Das Kloster behielt seinen starken Einfluss. Wirtschaftl. Differenzen zwischen Kloster und Waldleuten wurden nach 1820 von polit. Auseinandersetzungen überlagert. Die Mehrheit der Bewohner von E. wollte der nach 1815 wieder zunehmenden Vorherrschaft des Bez. Schwyz ein Ende bereiten. Dem Wunsch nach Reformen verliehen die Bez. E., March, Küssnacht und Pfäffikon 1832 mit der Ausrufung des "Kt. Schwyz äusseres Land" und der Verabschiedung einer liberalen Verfassung Nachdruck. Das Kloster stand auf der Seite des konservativen Alten Landes. Dieser Gegensatz belastete das Verhältnis zwischen Kloster und Waldstatt über die Kantonsvereinigung 1833 hinaus bis zur Einführung der Kantonsverfassung von 1848.

Für die Entwicklung von E. war die Wallfahrt von grosser Bedeutung. Kreuzgänge und Pilgerfahrten sind ab der 1. Hälfte des 14. Jh. bezeugt. Die westlich des Klosters gelegene Siedlung besass eine der frühesten städtebaulichen Verordnungen der Schweiz (1419), die auf die Bedürfnisse der Wallfahrt ausgerichtet war. Die Betreiber der zahlreichen Gaststätten, die Händler und Handwerker konnten ihr Gewerbe nur mit Einwilligung des Abtes ausüben.

Die Wirtschaft war stark von der Viehzucht geprägt. Vom 16. bis zum 18. Jh. wurde Bauholz exportiert, was zu einer Übernutzung der Wälder führte. In den ausgedehnten Moorgebieten wurde ab 1750 Torf gestochen. Um 1670 einsetzende Versuche des Klosters, das Seidengewerbe in E. zu etablieren, schlugen fehl. Erst im 19. Jh. wurden in Heimarbeit und Fabriken Baumwolle und Seide verarbeitet (1858 300 Webstühle). Das graf. Gewerbe wurde bis 1798 vom Kloster kontrolliert. Im Zuge der Helvet. Revolution kam es zur Gründung privater Druckereien. 1830 waren es bereits fünf, darunter das Verlagshaus Benziger, das 1860 über 500 Personen beschäftigte. 1882 arbeiteten in E. rund 1'050 Personen im graf. Gewerbe, 1905 noch 500. Als der Benziger Verlag die Buchproduktion aufgab, erlitt das graf. Gewerbe einen Einbruch (1985 255 Arbeitsplätze, 1995 104).

In der 1. Hälfte des 19. Jh. wuchs die Bevölkerung von E. überdurchschnittlich stark; E. gehörte 1850 zu den 15 grössten Orten der Schweiz. Die Wirtschaft bot nicht mehr genügend Arbeit und 1853 zwang eine Missernte viele zur Auswanderung. Die Strasse Biberbrugg-Rabennest-E. (1860-62) und die Wädenswil-E.-Bahn (1877) belebten zwar das Pilgerwesen, das Bevölkerungswachstum jedoch verlief ab 1888 negativ. Der Bau des Sihlsees (Aufstau 1937), der vorübergehend Arbeit brachte, zwang über 100 Fam. zur Umsiedlung. Ein langsames Bevölkerungswachstum setzte 1930 ein. Erst nach 1980 profitierte E. vom allg. Aufschwung des Kt. Schwyz. 1991 arbeiteten 3'905 Personen in 855, 1995 5'129 in 912 Betrieben. Ein ökonom. Standbein ist der Tourismus, insbesondere im Winter. 1990 wies E. mit 1'688 Weg- und 679 Zupendlern einen negativen Pendlersaldo auf.

Der Bez. E. entspricht territorial der Gemeinde E. Der Bezirksrat als Exekutive fungiert als Gemeinderat. Wie jeder Bezirk des Kt. Schwyz verfügt E. über Steuerhoheit, führt die Oberstufenschulen und ein Bezirksgericht. Mit der Gründung der Genossenschaft E. 1835 wurde eine Trennung von Bezirks- und Genossenvermögen unabdingbar. 1849 kam es zur Aufspaltung der Genossenschaft und zur Gründung der sieben selbstständigen Allmendkorporationen Bennau, Dorf-Binzen, Egg, Euthal, Gross, Trachslau und Willerzell.


Literatur
– W. Kälin, Die Waldstatt E., 1983
150 Jahre Genossamen des Bez. E., 1999
Kdm SZ NF 3/1-2, 2003

Autorin/Autor: Andreas Meyerhans