• <b>Lombardei</b><br>Die Söldner des Jost von Silenen, Bischofs von Sitten, werden von den Truppen der Sforza 1487 in Crevola geschlagen. Illustration aus der "Luzerner Chronik" von  Diebold Schilling,  1513 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung, Eigentum Korporation Luzern). Vor der kleinen Stadt Crevola im Val d'Ossola steckten die Walliser Truppen eine Niederlage ein und mussten sich zurückziehen. Rechts unten im Bild sind an den weissen Federbüschen die beiden Anführer der Walliser Truppen zu erkennen. Diese verliessen das Schlachtfeld laut dem Chronisten als Erste.

Lombardei

Region Italiens, die im Norden an die Kt. Graubünden und Tessin grenzt und bis 1743 durch das Eschental (Val d' Ossola) auch mit dem Wallis eine gemeinsame Grenze hatte. Der Name leitet sich vom Volk der Langobarden ab. Nach dem Wiener Kongress 1815 wurde die L. ins Lombardo-Venezianische Königreich und 1861 ins Königreich Italien eingegliedert. Seit 1946 ist sie Teil der Ital. Republik. Sie unterhielt stets enge Beziehungen zur Eidgenossenschaft, insbesondere zur ital. Schweiz.

1 - Wirtschaftsbeziehungen

Schon um das Jahr 1000 war Mailand, die Hauptstadt der L., eine der bevölkerungsreichsten Städte Europas, und auch in der Folgezeit blieb sie ein ziemlich dynam. Handels- und Produktionszentrum mit einer starken Ausstrahlung auf die umliegenden Regionen. Die Eröffnung des Gotthardwegs im 13. Jh. erleichterte die Verbindung der Innerschweiz zu den lombard. Märkten; um 1300 pflegten mindestens 21 Luzerner Handelsgesellschaften Geschäftsbeziehungen zu Comasker und Mailänder Unternehmen. Während des MA und der frühen Neuzeit spielte der Gotthardpass jedoch nur eine zweitrangige Rolle im Fernhandel zwischen der L. und Nordeuropa. Westlich davon kam es im 13. und 14. Jh. wiederholt zu krieger. Auseinandersetzungen zwischen den Bf. von Sitten und Novara - einer ab dem 14. Jh. von Mailand dominierten Stadt - um die Kontrolle der Übergänge zwischen dem Wallis und dem Eschental. Trotz des Friedens von Latinasca 1267 und weiterer Abkommen konnten diese Konflikte nicht beendet werden.

Der Warenverkehr zwischen der L. und den Gebieten nördlich der Alpen über die Pässe Brenner, Gotthard und Simplon, aber auch über den Splügen, den Lukmanier und andere weniger frequentierte Übergänge stellte eine bedeutende Einnahmequelle für die Transitregionen dar und hatte auch günstige Auswirkungen auf die Schweizer Städte. Während und nach dem Dreissigjährigen Krieg förderte Kaspar Stockalper von Brig, ein Verbündeter der L., die Verbreiterung der Simplonstrasse und reorganisierte den Handelsverkehr entlang des Passes; so gelang es ihm, in wenigen Jahren eines der grössten Handelsimperien des Alpenraums zu schaffen.

Während Jahrhunderten belieferte die L. das heutige schweiz. Gebiet, besonders das Tessin, Graubünden und das Wallis, mit wichtigen Nahrungsmitteln wie Getreide, Wein und Salz. Auf der anderen Seite nahmen die lombard. Städte und das Land einen grossen Teil der Ausfuhr der eidg. Orte auf: Vieh und Käse aus der Innerschweiz und Graubünden, Holz aus den Tälern der ital. Schweiz. Mit anderen Gebieten der ital. Halbinsel war die L. zudem bis weit ins 19. Jh. Ziel einer meist saisonalen Auswanderung von Cafetiers, Trägern, Hafnern, Kaminfegern, Maurern, Kunsthandwerkern und Baumeistern aus dem schweiz. Alpenraum.

Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der L. und der Schweiz verfestigten sich im 19. Jh., zunächst mit dem Bau der neuen Fahrstrassen über den Simplon (1805), den San Bernardino (1823), den Splügen (1823) und den Gotthard (1830), im Folgenden dank der Eisenbahntunnel durch den Gotthard (1882) und den Simplon (1906). Der Eisenbahnbau trug auch zur zunehmenden Einwanderung von Arbeitskräften aus der L. und anderen Regionen Norditaliens in die Schweiz bei. Die rasche Industrialisierung der L. und der Aufstieg Mailands zur Industriemetropole ab den letzten Jahrzehnten des 19. Jh. begünstigte gleichzeitig die Niederlassung von zahlreichen schweiz. Unternehmern in der Region, darunter mehrere Textilindustrielle und der Verleger Ulrico Hoepli, denen später Filialen bedeutender schweiz. Gesellschaften (u.a. Brown Boveri, Sandoz, Nestlé, Geigy) folgten.

In der Nachkriegszeit haben v.a. die Fertigstellung einer direkten Autobahnverbindung und die Eröffnung des Strassentunnels durch den Gotthard (1980) die Bindungen nicht nur im Wirtschafts-, sondern auch im Touristiksektor gestärkt. Hauptsächlich für das Tessin hat die Nachbarschaft der L., eines dynam. Wirtschaftsraums, den Aufschwung des Finanzplatzes gefördert. Die Tessiner Industrie konnte von Grenzgängern aus der L. und dem Piemont profitieren, die als günstige Arbeitskräfte in den Kanton kamen. Nach einem Rückgang in den 1990er Jahren (1990 mehr als 40'000 Grenzgänger, 2001 32'700) hat mit dem Inkrafttreten der bilateralen Verträge zwischen der Schweiz und der EU (2002), die den freien Personenverkehr ermöglichen, der Zustrom von Arbeitskräften aus den angrenzenden lombard. Provinzen erneut zugenommen.

Autorin/Autor: Sandro Guzzi-Heeb / RG

2 - Politische und kulturelle Beziehungen

Während des MA gehörte das heutige Tessin in jeder Hinsicht zum lombard. Raum und war eng mit Mailand und Como verbunden. Ab 948 unterstanden die drei Ambrosianischen Täler Blenio, Riviera und Leventina der weltl. und geistl. Herrschaft der Mailänder Kirche. Die Südexpansion der Eidgenossen im 15. Jh. (Ennetbirgische Feldzüge) war begleitet von wiederholten krieger. Auseinandersetzungen mit dem Herzogtum Mailand, das 1395 unter der Führung der Visconti entstanden war und dessen Herrschaft sich über die gesamte L. erstreckte.

Die entscheidende Wende fiel in die Zeit um 1500, als die Eroberungspolitik der eidg. Orte ihren Höhepunkt erreichte. Die militär. Feldzüge jener Zeit (Mailänderkriege) brachten die vollständige Annexion des heutigen Tessins und die lange Herrschaft der Drei Bünde über das Veltlin (von 1512 bis 1797). Erfolglos blieben hingegen die Anstrengungen der Eidgenossen und besonders der Walliser zur Eroberung des Eschentals. 1487 wurden die Truppen des Jost von Silenen, Bf. von Sitten, von den Milizen der Sforza geschlagen; nach der Niederlage von Marignano 1515 wurden die territorialen Ansprüche aufgegeben.

<b>Lombardei</b><br>Die Söldner des Jost von Silenen, Bischofs von Sitten, werden von den Truppen der Sforza 1487 in Crevola geschlagen. Illustration aus der "Luzerner Chronik" von  Diebold Schilling,  1513 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung, Eigentum Korporation Luzern).<BR/>Vor der kleinen Stadt Crevola im Val d'Ossola steckten die Walliser Truppen eine Niederlage ein und mussten sich zurückziehen. Rechts unten im Bild sind an den weissen Federbüschen die beiden Anführer der Walliser Truppen zu erkennen. Diese verliessen das Schlachtfeld laut dem Chronisten als Erste.<BR/>
Die Söldner des Jost von Silenen, Bischofs von Sitten, werden von den Truppen der Sforza 1487 in Crevola geschlagen. Illustration aus der "Luzerner Chronik" von Diebold Schilling, 1513 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung, Eigentum Korporation Luzern).
(...)

Noch früher kam es zu einer engeren Bindung der Täler Italienischbündens mit polit. und kirchl. Institutionen nördlich der Alpen. 960 schenkte Otto I. das Bergell dem Bf. von Chur und trennte es von der Grafschaft Chiavenna. 1367 schloss es sich dem Gotteshausbund an; 1524 befreite es sich endgültig von den Feudalrechten des Bf. von Como. Das Puschlav stand bis 1350 unter dem Einfluss sowohl des Bf. von Chur wie der Stadt Como, als es unter die Herrschaft Mailands kam. Nach einer Rebellion der Puschlaver trat es 1408 dem Gotteshausbund bei; von da an teilte es das Schicksal der Drei Bünde. Das Misox war vom 12. Jh. bis 1480 der Herrschaft der Frh. von Sax-Misox unterworfen, einer rät. Adelsfamilie, die auch Verwandtschaftsbeziehungen mit dem lombard. Adel hatte, als es unter die Herrschaft des Mailänder Condottiere Gian Giacomo Trivulzio kam. 1496 schloss sich das ganze Tal dem Grauen Bund an; 1549 kauften die Talbewohner von Gian Francesco Trivulzio, dem Nachfolger von Gian Giacomo, ihre Rechte los und erlangten die Freiheit.

Die Zugehörigkeit zu unterschiedl. Herrschaftsräumen lockerte aber keineswegs die kulturellen, künstler. und sprachl. Bande zwischen der ital. Schweiz und der L., von denen etwa die Tätigkeit der Kunsthandwerker (Maestranze) beredtes Zeugnis ablegt. Diese Bande gründen auf der jahrhundertelangen religiösen Beziehung zur L. Das Tessiner Gebiet und das Puschlav blieben die ganze frühe Neuzeit hindurch unter der Jurisdiktion der Diözese Como und der Erzdiözese Mailand. Letztere übte besonders in der Zeit der Kath. Reform mit Karl Borromäus einen starken Einfluss aus. Zur Verteidigung des Katholizismus wurde 1579 in Mailand das Collegium Helveticum gegründet, das Studenten aus den eidg. Territorien über 50 Freiplätze anbot. Als die L. 1535 unter span. Herrschaft kam, wuchsen die politisch-religiösen Spannungen. Dies verschärfte den konfessionellen Gegensatz v.a. in den Drei Bünden, wovon etwa die Ermordung der Reformierten im Veltlin (Veltliner Mord) 1620 zeugt.

Die Lage entspannte sich, als die L. 1714 österreichisch wurde. Eine neue Zäsur von grosser Bedeutung ergab sich aus dem Italienfeldzug Napoleons (1796-97), der zur Eroberung und anschliessenden Eingliederung der L. in die Cisalpinische Republik führte. Von diesem Zeitpunkt an wuchs die strateg. Bedeutung der Alpenpässe auf eidg. Gebiet als Verbindungswege zwischen Frankreich und Norditalien. 1797 beendete Napoleon die Herrschaft der Drei Bünde über das Veltlin und verleibte das Tal der Cisalpin. Republik ein; die Bündner Güter in der Region wurden beschlagnahmt (Confisca).

1798 versuchten Anhänger der Cisalpin. Partei im Tessin den Anschluss des Kantonsgebiets an die nahe Republik zu befördern. Die Absicht schlug jedoch wegen der Opposition der einheim. Bevölkerung und der franz. Behörden fehl. Daher blieb die alte Grenze zwischen der L. und dem in der Zwischenzeit in die Helvet. Republik (1798-1803) eingegliederten Tessin bestehen. 1810 wurden das Tessin und das Misox von lombard. Truppen besetzt, um den Schmuggel, der gegen die Kontinentalsperre verstiess, und die Flucht von Deserteuren über die Grenze zu unterbinden. 1811 erklärte sich der Gr. Rat des Kt. Tessin gegen territoriale Kompensationen und andere Zugeständnisse bereit, das Mendrisiotto an das Königreich Italien abzutreten. Die Besetzung wurde 1813 infolge der napoleon. Niederlagen aufgehoben.

Um die Truppenverschiebungen zwischen Frankreich und der Cisalpin. Republik zu beschleunigen, förderte Napoleon den Bau einer breiten Fahrstrasse über den Simplonpass (1801-05). Die strateg. Bedeutung dieses Gebiets beeinflusste das polit. Schicksal des Wallis, das nach dem Willen Napoleons zuerst eine unabhängige Republik (1802-10) und dann ein franz. Departement (Dep. Simplon, 1810-13) wurde.

Der Wiener Kongress bestätigte endgültig die Loslösung der ehem. Untertanenlande der Drei Bünde von der Schweiz. In der Restaurationszeit wurde das kulturelle Leben der ital. Schweiz stark von der lombard. Aufklärung beeinflusst. Die Univ. Pavia entwickelte sich zu einem bevorzugten Studienort der Tessiner Studenten, wie es die Akad. von Brera für die Künstler war. Die Fünf Tage von Mailand (18.-22.3.1848) eröffneten einen neuen Abschnitt in den Beziehungen zwischen der Schweiz und der L. Freiwillige aus dem Tessin und der übrigen Schweiz unterstützten den lombardo-venezian. Aufstand gegen die Österreicher. Nach der österr. Rückeroberung von Mailand (Aug. 1848) nahm das Tessin über 20'000 lombard. Flüchtlinge auf. Als Vergeltungsmassnahme für den gescheiterten Aufstandsversuch Mazzinis im Febr. 1853 ordnete der österr. Feldmarschall Joseph Wenzel Radetzky die Ausweisung der Tessiner aus dem Lombardo-Venezianischen Königreich an. 1859 bestätigten die eidg. Behörden die Loslösung des Tessiner Gebiets von der Diözese Como und der Erzdiözese Mailand, das im Folgenden die apostol. Administration des Kt. Tessin (1884/88-1971) und dann die Diözese Lugano (seit 1971) bildete. Ab dem ersten Jahrzehnt des 20. Jh. und besonders nach der Machtergreifung der Faschisten traten im Tessin ausgeprägt italienfreundl. Anschauungen auf (Irredentismus), die aber nur von einer verschwindenden Minderheit getragen wurden. Bis heute jedoch ist das Gefühl der Zugehörigkeit zum lombard. Kulturraum ein wichtiger Bezugspunkt für viele Intellektuelle der Svizzera italiana geblieben.

Seit den 1970er Jahren haben sich die Bemühungen zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und den benachbarten lombard. Gebieten intensiviert. 1972 wurde die Arbeitsgemeinschaft Alpenländer (Arge Alp) gegründet, der u.a. die L. sowie die Kt. Tessin, Graubünden und St. Gallen angehören. Der Kt. Tessin seinerseits trat 1989 der Arbeitsgemeinschaft der Ostalpen-Regionen (Arge Alpen-Adria) bei, nachdem ein Jahr zuvor die L. Mitglied geworden war. Verstärkt hat sich diese Tendenz im letzten Jahrzehnt des 20. Jh. mit den Projekten Interreg (seit 1990) und mit der Bildung der Insubr. Region (1995), einer Arbeitsgemeinschaft, der u.a. der Kt. Tessin und die ital. Provinzen Como und Varese angehören. Deren Ziel ist es, die Zusammenarbeit zu fördern und das Bewusstsein einer gemeinsamen soziokulturellen Identität zu unterstützen.

Autorin/Autor: Sandro Guzzi-Heeb / RG

Quellen und Literatur

Literatur
– P.L. Zaeslin, Die Schweiz und der lombard. Staat im Revolutionszeitalter 1796-1814, 1960
Lombardia elvetica, 1987
– C. Capra, La Lombardia austriaca nell'età delle riforme, 1987
– M. Meriggi, Il Regno Lombardo-Veneto, 1987
La Lombardia spagnola, hg. von E. Brambilla et al., 1997
– Ceschi, Ticino
– G. Andenna, Storia della Lombardia medioevale, 1999
– C. di Filippo Bareggi, Le frontiere religiose della Lombardia, 1999
Grigioni
– P. Curdy et al., Histoire du Valais, 4 Bde., 2002

Autorin/Autor: Sandro Guzzi-Heeb / RG