Plurs

Die in der nordital. Provinz Sondrio östlich von Chiavenna gelegene Stadt P. (ital. Piuro) wurde 1618 durch einen Bergsturz zerstört. Das erstmals 1021 erwähnte Plurium gehörte anfänglich zu Chiavenna, verfügte aber über Autonomie. Im 15. Jh. erlangte P. die volle Unabhängigkeit, auch in zivil- und strafrechtl. Hinsicht. Es entwickelte sich zu einem wohlhabenden Städtchen, das Abbau, Bearbeitung (Hausgeschirr aller Art, insbesondere Kochtöpfe aus Speckstein) und Export von Lavezgestein betrieb, Seide verarbeitete und in ganz Europa handelte. Dazu schuf es sich auf der Alpennordseite im Valle di Lei eine Basis für intensive Viehwirtschaft. P. blieb 1487 vom Feldzug der Bündner verschont, weil der mit einer Plurser Fam. verwandte Berthold Fontana aus Riom (Oberhalbstein) intervenierte und eine Brandschatzungssumme entrichtete. Als die Bündner 1512 das Veltlin erwarben, wurde P. Amtssitz eines Podestaten. Von der wirtschaftl. Blütezeit zeugt der erhalten gebliebene Renaissance-Palast der Vertemate-Franchi (1577). Um die Mitte des 16. Jh. kamen in Ponteggia und P. unter dem Einfluss des bündner. Bergells evang. Gemeinden auf. Führende Vertreter der Kaufmannsfamilie Lumaga und Camulio, die in Italien der Inquisition ausgesetzt waren, förderten die Reformation und wirkten im ref. Kirchenrat. 1597 führten namhafte ref. und kath. Theologen in der Kirche S. Giovanni eine öffentl. Disputation über den Stellenwert der Messe durch. Der Bergsturz vom 4.9.1618 begrub fast die ganze Stadt und über 2'000 Einwohner unter sich; der forcierte Lavezsteinabbau hatte den Berg Conto unterhöhlt. Die Drei Bünde veranlassten gleich nach der Katastrophe erste Ausgrabungen; letzte Sondierungen erfolgten 1963-66 durch die ital.-schweiz. Vereinigung für die Ausgrabung von P. Die heutige Gem. P. setzt sich aus den Dörfern Campedello, Prosto, Cranna, Borgonovo, Savogno und Santa Croce zusammen.


Literatur
– E. Camenisch, Gesch. der Reformation und Gegenreformation in den Südtälern, 1950
– M. Gianasso, Guida turistica della provincia di Sondrio, 1979
– G. Scaramellini et al., La frana di Piuro del 1618, 1988 (21994)

Autorin/Autor: Martin Bundi