• <b>Silenen</b><br>Sust, Wohnhaus zur Sust und Meierturm. Bleistiftzeichnung von   Johann Rudolf Rahn,   1889 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv). Die Sust im Weiler Dörfli, in der Säumerware gelagert wurde, war im 19. Jahrhundert zerfallen. Sie wurde 1976 restauriert und neu gedeckt. Hingegen zeigt sich das angebaute Wohnhaus zum Zeitpunkt von Rahns zeichnerischer Dokumentation noch in seiner ganzen Mächtigkeit. Bei der Restaurierung des Gebäudes 1939–1940 durch die Gemeinde Silenen und den Schweizerischen Heimatschutz wurden das oberste Stockwerk sowie ein Teil des Hinterhauses abgetragen.

Silenen

Polit. Gem. UR, bestehend aus den Dörfern S., Amsteg, Bristen, den Weilern Hinter- sowie Vorderried und ausgedehnten Streusiedlungen v.a. im Maderanertal. Die flächenmässig grösste Gem. Uris liegt am Gotthardpass und ist Ausgangspunkt der Route über den Chrüzlipass. 857 Silana, 1318 Silenen, rätorom. Silauna. Zusammen mit Gurtnellen 1743 1'304 Einw.; 1799 1'740; nur S. 1837 1'500; 1850 1'542; 1880 2'085; 1900 1'892; 1920 2'493; 1950 2'193; 2000 2'068.

Der Hügel bei der Ruine Zwing-Uri war schon in der mittleren Bronzezeit (ca. 1450-1200 v.Chr.) und der Eisenzeit (Grubenhaus von ca. 700-450 v.Chr.) besiedelt. Zahlreiche rätoromanisch geprägte Flurnamen im Maderanertal machen einen wohl früh- oder hochma. Siedlungsvorstoss aus dem Vorderrheintal über den Chrüzlipass wahrscheinlich. Die Alemannisierung S.s dürfte im FrühMA eingesetzt haben. Im frühen SpätMA war der Landesausbau im Wesentlichen abgeschlossen. Das Fraumünster Zürich besass in S. zahlreiche Zinsgüter und einen Schweighof. Sein Grundbesitz wurde von der 1. Hälfte des 13. Jh. bis Anfang des 15. Jh. von der Fam. von S. verwaltet, welche den sog. Meierturm in Obersilenen bewohnte. Neben den Klostergütern gab es auch bäuerl. Eigen.

Die Kirche St. Albin, deren älteste Spuren wohl ins 7. Jh. zurückgehen, wurde 853 von Kg. Ludwig dem Deutschen dem Fraumünster geschenkt, kam 857 an den Zürcher Priester Berold und 952 durch Kg. Otto I. erneut ans Fraumünster. Der heutige Bau entstand 1754-56. Das Fraumünster besass in S. das Zehnt- und Patronatsrecht. Die Pfarrei war eine der drei Urner Landespfarreien und umfasste das mittlere und obere Reusstal bis in die Schöllenen. Vom HochMA an verfügte sie über zahlreiche Filialkapellen. Die ab 1308 fassbare Genosssame S. stellte sechs Mitglieder im Rat der Sechziger. Sie kaufte 1426 vom Fraumünster das Zehntrecht. 1439 verkaufte sie die Zehnten in Wassen und Göschenen den dortigen Kirchgenossen, die sich im selben Jahr von der Pfarrei S. abkurten. 1903 lösten sich auch Gurtnellen, Amsteg und Bristen von der Mutterpfarrei.

<b>Silenen</b><br>Sust, Wohnhaus zur Sust und Meierturm. Bleistiftzeichnung von   Johann Rudolf Rahn,   1889 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).<BR/>Die Sust im Weiler Dörfli, in der Säumerware gelagert wurde, war im 19. Jahrhundert zerfallen. Sie wurde 1976 restauriert und neu gedeckt. Hingegen zeigt sich das angebaute Wohnhaus zum Zeitpunkt von Rahns zeichnerischer Dokumentation noch in seiner ganzen Mächtigkeit. Bei der Restaurierung des Gebäudes 1939–1940 durch die Gemeinde Silenen und den Schweizerischen Heimatschutz wurden das oberste Stockwerk sowie ein Teil des Hinterhauses abgetragen.<BR/>
Sust, Wohnhaus zur Sust und Meierturm. Bleistiftzeichnung von Johann Rudolf Rahn, 1889 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).
(...)

Die Säumergenossenschaft mit dem Transportrecht bis Wassen erliess 1383 Statuten. Die 1354 bezeugte Sust von S. büsste Anfang des 18. Jh., als sich die Strackfuhr zunehmend durchsetzte, an Bedeutung ein. Nach dem Strassenbau um die Ortfluh vor 1800 verlor S. seine Stellung als Etappenort im Gotthardverkehr an Amsteg. Vom 15. bis 18. Jh. blühte im Maderanertal und am Bristen der Bergbau. Möglichkeiten zu Nebenverdiensten boten ab dem SpätMA auch Harzbrennerei und Strahlerei. Aus der dörfl. Oberschicht ragte bis ins 15. Jh. die Fam. der Meier von S. heraus. Die stattl. Bauernhäuser, die vom 16. bis ins 18. Jh. v.a. entlang des Gotthardsaumpfads entstanden, zeugen von einem begüterten Bauernstand.

Die ab 1830 fahrbare Gotthardstrasse förderte die Fuhrhalterei, bis 1882 die Gotthardbahn mit der Station S.-Amsteg den Betrieb aufnahm. Wegen des Bahnbaus stieg die Bevölkerung zwischenzeitlich stark an. Die lokalen Verbindungen wurden durch die Bristenstrasse (1912) mit Postautokurs (ab 1935) und die Busverbindung nach Flüelen (1989) verbessert. Im 19. Jh. kamen der Tourismus und der Alpinismus auf. Neue Arbeitsplätze brachten auch das Kraftwerk Arni (1910), das SBB-Kraftwerk (1918-22), dessen Errichtung einen zweiten Bevölkerungsanstieg nach sich zog, sowie das Eidg. Zeughaus in Amsteg (1943). Amsteg und Bristen blieben auch nach ihrer Abkurung von der Pfarrei 1903 Teil der polit. Gem. S. Die Primarschule wird dezentral in S., Amsteg und Bristen, die Oberstufenschule seit 1971 zentral in S. geführt. Die Behördensitze verteilen sich nach alter Gewohnheit auf die drei Dörfer. Die Ausscheidung der Güter der Korporationsbürgergemeinde erfolgte 1943. Die Autobahn A2 (1980) isolierte S. wegen der Abnahme des Durchgangsverkehrs zusätzlich. 1982 erbaute S. im Gebiet von Schüpfen ein imposantes Gemeindehaus. Neue Wohnquartiere entstanden Ende des 20. Jh. im Evibach, im Grund nördlich von Amsteg und in Bristen. 2000 waren gut zwei Drittel der in S. wohnhaften Erwerbstätigen Wegpendler.


Literatur
– P. Hubler, Adel und führende Fam. Uris im 13./14. Jh., 1973
– W. Meyer et al., Die bösen Türnli, 1984
– L. Lussmann, S.-Amsteg-Bristen, 1991
– H. Stadler-Planzer, Die Pfarrkirche St. Albin und die Kapellen in S., 2007
Kdm UR 4, 2008, 41-132

Autorin/Autor: Hans Stadler