16/02/2005 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Chablais

Das Toponym C. stammt vom klassisch lat. Ausdruck caput lacus (aber caput laci in einem Text von 826), der wiederum auf das kelt. Pennelocus zurückgeht. Es bezeichnete ursprünglich die Region um das "Haupt" des Genfersees, später das gesamte Gebiet am südl. Ufer. Die Region gehörte zu den Besitzungen der Abtei Saint-Maurice und ging an das Haus Savoyen über, als Humbert aux Blanches-Mains 1032 Gf. von C. wurde. Im 13. Jh. wurde das sog. Vieux C. Landvogtei; Chillon wurde Sitz des Vogtes. Die westl. Grenze der Landvogtei war am nördl. Seeufer der Fluss Veveyse, am südl. Evian. Ende des 13. Jh. wurde das Vieux C. mit dem zwischen den Flüssen Dranse und Arve gelegenen Nouveau C. vereint.

Ein Teil des C. wurde 1475 von den Bernern erobert und bildete dann die Vogtei Aigle (heutiges Waadtländer C.). Die übrigen Gebiete des C. fielen 1536 an Bern und ans Wallis. Die Dranse grenzte die Berner Landvogtei Thonon von den Walliser Landvogteien Evian (mit Ausnahme von Maxilly, das bereits Bern den Eid geleistet hatte), Hochtal und Monthey ab. Als der savoyische Hzg. Emmanuel-Philibert 1559 einen Teil seiner Gebiete wieder erlangte, erhob er auch Anspruch auf die Waadt. Er berief sich dabei auf den Restitutionsbefehl, den der Reichstag 1542 Bern erteilt hatte. Das politisch isolierte Bern sah sich gezwungen, das Gex und das C. an Savoyen zurückzugeben. Geregelt wurde dies 1564 im Lausanner Vertrag, der 1567 in Kraft trat. Die Grenze zwischen Savoyen und dem Wallis wurde 1569 mit dem Vertrag von Thonon bis zur Morge bei Saint-Gingolph zurückverlegt, Monthey blieb jedoch beim Wallis. 1589 flammte der Krieg zwischen Genf und Savoyen wieder auf; Genfer und Eidgenossen nahmen Thonon und Ripaille ein. Der Frieden von 1593 schuf die Voraussetzungen für die Rekatholisierung des westl. C.

1792-98 gehörte das C. zum franz. Dep. Mont-Blanc, 1798-1813 zum Dep. Léman. Da Genfs Isolation aufgehoben werden sollte, Ludwig XVIII. sich indes weigerte, einige Gemeinden im Gex abzutreten, spielte man 1814 mit dem Gedanken, Genf durch den Landstrich südl. des Sees mit dem Wallis zu verbinden. 1815 wurde Versoix im 2. Pariser Frieden der Schweiz zugeschlagen, womit das Problem gelöst war. 1816 erhielt Genf von Sardinien 27 Gemeinden, u.a. die Ufergemeinden im C. von Vésenaz bis Hermance (Communes réunies). Das C. sollte zur militärischen Neutralisierung Nordsavoyens beitragen; eine kleine Freizone wurde unmittelbar im Grenzgebiet eingerichtet, eine weitere bildete ab 1829 Saint-Gingolph. 1834 versuchten einige Hundert von den Ideen Giuseppe Mazzinis begeisterte Flüchtlinge, die meisten von ihnen aus Polen, über die Kt. Waadt und Genf das Herzogtum Savoyen zu erobern. Das Unternehmen scheiterte kläglich.

1859 erhob das Eidg. Polit. Departement Anspruch auf das C. und das Faucigny, da es die Abtretung Savoyens an Frankreich mit Gefahren verbunden sah. Ein oder zwei neue Kantone sollten gegründet, Nordsavoyen und das Faucigny Genf und das C. der Waadt zugeschlagen werden. In den betreffenden Gebieten bildete sich eine Bewegung, die sich für den Anschluss an die Schweiz stark machte: In einer Petition kamen aus 23 von insgesamt 60 Gem. 13'651 Unterschriften zusammen, darunter 2'513 aus dem C. Frankreich versprach daraufhin, eine grosse Freizone einschliesslich Nordsavoyens zu schaffen; die Gegenpetition zugunsten Frankreichs und der Schaffung der Freizone erhielt im C. 1'200 Unterschriften. In der Volksabstimmung im April 1860 sprach sich eine klare Mehrheit für Frankreich aus, ausgenommen die Bewohner Saint-Gingolphs, die sich überwiegend der Stimme enthielten (Savoyerhandel). Von diesem Zeitpunkt an vermischt sich die Geschichte des C. mit derjenigen Savoyens. Im Juli 1944, als die Deutschen den franz. Teil Saint-Gingolphs in Brand steckten, flohen dessen rund 500 Bewohner in den schweiz. Teil. Die wirtschaftl. Beziehungen zwischen dem C. und der Schweiz sind, abgesehen von denjenigen mit Genf, bescheiden. Die 1886 gebaute Eisenbahnlinie Evian-Saint-Gingolph wurde stillgelegt. Seit den 1950er Jahren begeben sich die Savoyer nur noch ans andere Ufer, um bei Laubarbeiten und Ernte in den Weinbergen auszuhelfen. 2000 wurde die Einrichtung eines Fährbetriebs Ouchy/Lausanne-Evian abgelehnt.


Literatur
– C. Gilliard, «La conquête du C. par les Bernois en 1536», in ZSG 40, 1931, 193-205
– L. Monnier, L'annexion de la Savoie à la France et la politique suisse, 1932
– A. Dufour, La seigneurie de Genève et la Maison de Savoie 4, 1958
– A. Donnet, «L'occupation du C. oriental par les Valaisans (1536-1569)», in Vallesia 15, 1960, 155-177
– P. Waeber, La formation du canton de Genève 1814-1816, 1974
– H. Beaud, J.Y. Mariotte, Le C., 1980
Un Léman suisse: la Suisse, le C. et la neutralisation de la Savoie, 1476-1932, hg. von G. Delaloye, 2002 (dt. 2003)

Autorin/Autor: Jean-Jacques Bouquet / AL