• <b>Campione d'Italia</b><br>Die Schönen und Reichen im Casino. Foto von  Christian Schiefer,  1935 (Archivio di Stato del Cantone Ticino).

Campione d'Italia

Ital. Enklave im Kt. Tessin, Gem. der Provinz Como. Das ehemalige Fischerdorf am Ostufer des Luganersees, heute ein mondäner Ferien- und Ausflugsort, liegt in der Nähe der schweiz. Hauptverkehrsachsen (Eisenbahn und Strasse), 10 km von Lugano entfernt. 721 loco de Campeliune. 1625 45 Feuerstätten; 1797 ca. 300 Einw.; 1915 500; 1980 1'979.

Während der Römerzeit war C. Sitz einer Militärgarnison und eines Handelshauses. 777 vermachte Totone, ein langobard. Kaufmann, Grund- und Hausbesitzer im Ort und in der Gegend um Lugano, seine Güter dem Mailänder Benediktinerkloster S. Ambrogio (kaiserl. Bestätigungen 790 durch Karl den Grossen, 835 durch Lothar). Von 789 (Investitur) bis 1797 stand C. unter der kirchl. und weltl. Herrschaft der Mönche, die sicher bis ins 13. Jh. auch in C. ein Kloster besassen. Verwalter am Ort war ein Ordensgeistlicher in der Funktion eines Statthalters und Richters. Als Sitz diente die aus einem frühchristl. Oratorium hervorgegangene Kirche S. Zeno (769 erwähnt, erst seit 1945 Pfarrkirche). Die Statuten von C. (Fragmente von 1266 wurden 1736 in Venedig publiziert) regelten die Verwaltung der dörfl. Angelegenheiten, die Wahl des Statthalters, seine Pflichten und seinen Lohn. Der Statthalter wurde in seiner Tätigkeit unterstützt von einem Kanzler und zwei Konsuln (consoli), die richterl. Funktionen ausübten. Diese wählten, nach Absprache mit dem Statthalter, zwei Dorfvorsteher (sindaci), einen Dorfsäckelmeister mit Verwaltungsaufgaben sowie zwei Flurhüter (campari). Die polit. und rechtl. Stellung von C. änderte sich 1797 mit der Säkularisation der Güter von S. Ambrogio und der Integration der Gemeinde in die Cisalpin. Republik bzw. in die Diözese Mailand. Bei dieser Gelegenheit verlor die Eidgenossenschaft bisher zustehende Rechte im steuerlichen, militärischen und gerichtsherrl. Bereich, die ihr aufgrund der besonderen geogr. Lage C.s zustanden. 1798 bildete C. den Mittelpunkt der Cisalpin. Bewegung, die das Ende der eidg. Herrschaft über die ennetbirg. Vogteien beschleunigte. Die Schweiz verlangte 1800 und 1815 vergeblich die Eingliederung C.s ins Tessin, während sich 1848 die Gemeinde ihrerseits ohne Erfolg bei der Tessiner Regierung um einen Anschluss bemühte. Nach 1860 wurde C. Teil des Königreichs bzw. der Republik Italien. Aufgrund ihrer Lage mitten in neutralem Gebiet entschied sich C. 1944 als einzige Gemeinde Norditaliens gegen die Integration in Mussolinis Repubblica Sociale Italiana.

Die besondere geogr. Lage prägte C.s Wirtschaft in der vorindustriellen Zeit: Neben Rebbau, Viehzucht und der Herstellung von Olivenöl bildete der Fischfang eine wichtige Einnahmequelle der Gemeinde. Von Bedeutung sind zudem die Steinhauer von C., die vom MA an zahlreiche künstlerisch wertvolle Werke im mittleren Norditalien, aber auch in ihrer Heimat schufen (Kirche S. Maria dei Ghirli mit Fresken aus dem 14. und 17. Jh.). Bis ins 20. Jh. stagnierte die wirtschaftl. und demograf. Entwicklung der Gemeinde. Erst in den letzten Jahrzehnten ist dank des Aufschwungs im Bausektor und in der Tourismusbranche ein deutl. Bevölkerungszuwachs zu verzeichnen. Von entscheidender Bedeutung war die Eröffnung eines Spielkasinos 1933, das dank riesiger Einnahmen und der Schaffung vieler Arbeitsplätze die Wirtschaft von C. nachhaltig veränderte. Seine Wiedereröffnung 1945 war Anlass eines Streites zwischen Italien und der Schweiz, die aus Furcht vor einem Kapitalabfluss den Zugang zu C. sperrte. Der Konflikt wurde mit der Einführung von Einschränkungen für Schweizer Bürger, welche die Spielsäle besuchen, gelöst. Ein kant. Dekret regelt seit 1989, in Erwartung einer internat. Vereinbarung, die Beziehungen zwischen dem Tessin und C. im Schul- und Gesundheitswesen.

<b>Campione d'Italia</b><br>Die Schönen und Reichen im Casino. Foto von  Christian Schiefer,  1935 (Archivio di Stato del Cantone Ticino).<BR/>
Die Schönen und Reichen im Casino. Foto von Christian Schiefer, 1935 (Archivio di Stato del Cantone Ticino).
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Literatur
– A. Colombo, C. nella storia, nell'arte e nel diritto, o.J.
– R. Rusca, La descrittione del borgo di C., 1625 (Nachdr. 1963)
HS III/1, 455-457
– G. Vismara et al., Ticino medievale, 1990

Autorin/Autor: Marco Dubini / CN