Aostatal

Region Italiens mit Sonderstatut (offizieller Name: Autonome Region A.), mit 3'262 km² Fläche und ca. 114'000 Einw., umgeben von Mont Blanc, Gran Paradiso, Matterhorn und Monte Rosa. Seine Lage im Nordwesten der Alpensüdseite und die Existenz wichtiger Pässe (Kl. und Gr. St. Bernhard) machten das Tal stets zum bevorzugten Durchgangsweg zwischen Italien und Nordwesteuropa. In Aosta wie auch in Martigny gefundene, gleichartige Stelen von menschl. Gestalt deuten auf alpenquerende Kontakte bereits in vorgesch. Zeit hin.

Nach der Unterwerfung durch die Römer wurde das damals von den Salassern, keltisierten Ligurern, bewohnte A. zur röm. Kolonie mit dem 24 v.Chr. gegr. Hauptort Aosta (Augusta Praetoria). Die Stadt blieb seither unangefochten Hauptstadt des Tals, und ihre Gesch. ist mit der des A.s untrennbar verbunden. Mit dem Untergang des Röm. Reichs fiel A. 443 (?) an die Burgunder, 508 an die Ostgoten, 535 an Byzanz und 568 an die Langobarden. Nach dem Sieg des merowing. Kg. Gunt(h)ram über die Langobarden (575) gehörte das Tal bis zum Ende der Karolinger zum Frankenreich, danach zum Zweiten Königreich Burgund. 1032 wurde es ein Lehen des Hauses von Savoyen, dessen Schicksal es bis zum Ende des Königreichs Italien (1946) teilte.

Der Einfluss des Unterwalliser Klosters Saint-Maurice, das im A. über beträchtl. Besitz verfügte, führte zu einer raschen Verbreitung des Mauritiuskults und der Verehrung anderer Hl. der Thebäischen Legion. 975 schuf das Frankfurter Konzil das Erzbistum Tarentaise mit den Diözesen Moûtiers, Sitten und Aosta, was die Bande zwischen dem A., dem Wallis und Savoyen verstärkte. Das im 11. Jh. von Bernhard von Aosta gegr. Hospiz auf dem Gr. St. Bernhard sowie die Chorherren vom Gr. St. Bernhard, die in der Regel aus dem Wallis oder aus dem A. stammten, gewährten den Reisenden Sicherheit und den beiden benachbarten Talschaften die Kontrolle über diesen Pass.

Mit der Freiheitsurkunde von 1091 festigte das Haus Savoyen endgültig seine Herrschaft über die lokalen Adelsgeschlechter, die aber ihren Selbstbehauptungswillen weiter pflegten. Dieser war der Grundstein für Selbstverwaltungsorgane, die auf die ständ. Gesellschaft in einem Land zugeschnitten waren, das sich als "weder diesseits noch jenseits, sondern zwischen den Bergen" ("Non citra nec ultra sed intra montes") gelegen verstand: Vertreter der drei Stände (Adel, Klerus, Kommunen) tagten ab dem 14. Jh. in der Assemblée générale des Etats. Diese gab sich 1536 mit dem Conseil des commis eine Art Exekutive, die sich allmähl. zum wichtigsten Entscheidungsorgan entwickelte. Vom ausgehenden 17. Jh. an jedoch schränkte die savoy. Zentralgewalt die Freiheiten der Aostataler beträchtl. ein, so dass sich diesbezügl. das (1238 geschaffene) Herzogtum Aosta immer weniger von den übrigen Territorien des Königreichs Sardinien unterschied. Unter Napoleon I. wurde das A. 1801 Teil des franz. Dep. Doire (Dora) mit Ivrea als Hauptort. 1814 fiel es an das Haus Savoyen zurück, dem es auch nach der Einigung Italiens sowie dem Anschluss Nizzas und Savoyens an Frankreich (1860) erhalten blieb.

Bis zur Reformation unterhielt das A. enge Beziehungen zum Wallis und zu Genf. So liessen sich z.B. vom ausgehenden 12. Jh. an zahlreiche Adlige aus dem A. im Wallis nieder. Zwischen 1162 und 1323 waren vier Aostataler Bf. von Sitten, und 1300-25 waren die Aostataler im Sittener Domkapitel gleich stark vertreten wie die Walliser. Die de Challant, eine Fam. aus Aosta, spielten in Sitten, Lausanne und Neuenburg eine führende Rolle. Im 13. Jh. kamen Walser-Siedler aus dem Oberwallis herüber und liessen sich im Lystal in Issime, Gressoney-Saint-Jean und Gressoney-La-Trinité nieder, wo man noch heute walserdt. Dialekte spricht. Ende des 17. Jh. eröffneten die Chorherren vom Gr. St. Bernhard in Aosta das Priorat Saint-Jacquême. Gelegentl. kam es aber auch zu Spannungen: Im 16. Jh. drohten die Walliser wegen des Konflikts um die Alp Chermontane (Gem. Bagnes) mehrmals damit, ins A. einzufallen.

Als ab dem 14. Jh. das Latein einen Niedergang erlebte und als Verwaltungs,- Kirchen- und Kultursprache aufgegeben wurde, setzte sich im A. natürlicherweise das Französische durch. 1561 wurde es per Dekret von Emanuel Philibert von Savoyen zur alleinigen Amtssprache erhoben. Im Tal entwickelte sich ein bedeutender Literaturbetrieb, im Kollegium Saint-Bénin (1604) wurde die Elite geschult, und gegen Ende des 17. Jh. entstand ein dichtes Netz von Landschulen. Als unmittelbar nach der Einigung Italiens (1861) das Italienische das Französische als Schul-, Verwaltungs-, Gerichts- und Pressesprache zu verdrängen begann, leisteten die Talbewohner Widerstand, insbes. die Intellektuellen und allen voran die Kleriker. So begann ein heftiger Sprachenstreit. Nachdem der Faschismus im A. jeden Rest der Frankofonie auszulöschen versucht hatte, kam es 1948 zu einer Entspannung, als der ital. Staat dem Tal ein Statut polit. Autonomie und kultureller Zweisprachigkeit gewährte. Rund 50 Jahre später dominiert nun zwar das Italienische, doch sind vier von fünf Aostatalern des Französischen mehr oder weniger mächtig, und rund 50% bezeichnen das Frankoprovenzalische als ihre Erstsprache. Der Anteil der deutschspr. Walser beträgt 1%.

Im 18. Jh. erlebte das A. einen grossen wirtschaftl. Aufschwung: Die Ablösung der Grundzinsen (1784), der letzten Feudalrechte, die Einführung neuer Nutzpflanzen (Mais, Kartoffel) und techn. Verbesserungen gaben der Landwirtschaft neuen Auftrieb. Dank dem Abbau von Blei, Eisen, Mangan, Anthrazit und Gold sowie mit der Eisenverhüttung entstand eine blühende Industrie. Nach dem 2. Weltkrieg machte das Tal einen tiefgreifenden wirtschaftl. Strukturwandel durch. Der Ackerbau geriet in eine Krise und spielt heute nur noch eine untergeordnete Rolle; einzig die Viehzucht und der Weinbau scheinen dem Wandel widerstehen zu können. Die Grossindustrie (Eisenverhüttung, Kunstseide) ist am Verschwinden, die kleinen und mittleren Unternehmen entwickeln sich nur zaghaft. Gegenwärtig stammen die Einkünfte v.a. aus dem Dienstleistungssektor (Verwaltung, Handel, Spielcasino in Saint-Vincent), und einzig der Tourismus scheint interessante Zukunftsperspektiven zu eröffnen (z.B. Feriengebiete Breuil-Cervinia, Gressoney-Saint-Jean, Courmayeur).

Seit dem Ende des Faschismus sind die Beziehungen zwischen dem A. und den Westschweizer Kt. wieder enger geworden, wozu u.a. 1964 die Eröffnung des Strassentunnels am Gr. St. Bernhard beitrug. Die Chorherren vom Gr. St. Bernhard gründeten 1951 in Aosta eine landwirtschaftl. Schule, die später zu einem Agrarinst. ausgebaut wurde. Sie leistete einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung der Landwirtschaft und insbes. des Weinbaus im A. Seit den 1980er Jahren wurden Organisationen für internat. Zusammenarbeit ins Leben gerufen, z.B. die Communauté de travail des Alpes occidentales (Cotrao), die regelmässige Kontakte zwischen kulturellen Vereinigungen, Beamten und Politikern der Regionen A., Piemont, Rhône-Alpes sowie der Kt. Genf, Waadt und Wallis sicherstellen und die Realisierung gemeinsamer Projekte ermöglichen.


Literatur
– J.A. Duc, Histoire de l'Eglise d'Aoste, 10 Bde., 1901-15, (Neudr. 1985-)
La Valle d'Aosta, 2 Bde., 1959
– L. Colliard, La culture valdôtaine au cours des siècles, 1965 (21976)
– B. Janin, Le Val d'Aoste, 1968 (41991)
– A. Zanotto, Histoire de la Vallée d'Aoste, 1968 (21980)

Autorin/Autor: Alexis Bétemps / MF