Elsass

Der Name E. wurde in der lat. Form Alsatius schon im 7. Jh. zur Bezeichnung des Landes zwischen Vogesen, Rhein und Jura verwendet. Heute umfasst das E. (franz. Alsace) die Dep. Haut-Rhin, Bas-Rhin sowie das Gebiet von Belfort (Territoire de Belfort). Vom 8. Jh. an gehörte das Oberelsass zur Diözese Basel und das Unterelsass zur Diözese Strassburg. In der Karolingerzeit zählte man auch die Abtei Moutier-Grandval und einen Teil des Juras zum E. Die Kontakte zwischen elsässischen geistl. Fürstentümern und Klöstern und solchen im Gebiet der heutigen Schweiz waren sehr eng: Ein Bf. von Basel war z.B. gleichzeitig Abt von Murbach. Gut bezeugt sind die Beziehungen zwischen St. Gallen und dem Bf. von Strassburg. Das St. Galler Verbrüderungsbuch verzeichnet viele Einträge von Personen elsäss. Ursprungs. Die Abtei Murbach war vom 8. Jh. bis 1291 Herr von Luzern, das Kloster Im Hof blieb der elsäss. Abtei in geistl. Angelegenheiten bis 1456 unterworfen. Das Cluniazenserpriorat St. Peter, das einer der Siedlungskerne Colmars war, wurde von der Abtei Payerne gegründet.

1466 schloss Mülhausen für die Dauer von 25 Jahren ein Bündnis mit Bern und Solothurn sowie 1506 ein weiteres mit Basel. 1515 wurde die Stadt schliesslich zugewandter Ort der 13 Kantone. Die Basler Klöster (St. Alban, Klarissen, Dominikaner), das Domkapitel und der Adel (z.B. die Herren von Eptingen) besassen Güter und Rechte im E. Während des 14. und 15. Jh. war das E. Schauplatz krieger. Auseinandersetzungen zwischen den Habsburgern und den Eidgenossen; davon zeugen zahlreiche Bildchroniken. In Fehden Basels mit elsäss. Adeligen zerstörten die städt. Truppen mehrere Dörfer. Die Beziehungen des E. zur Eidgenossenschaft betrafen in erster Linie Basel. 1460 wurde die Basler Universität gegründet, an der Elsässer wie Peter von Andlau oder Johann Ulrich Surgant wichtige Rollen spielten.

In der Zeit des Humanismus und der Reformation intensivierten sich die intellektuellen Beziehungen zwischen dem E. und der Schweiz. Gut dokumentiert sind die Kontakte zwischen Basler und Strassburger Druckern sowie zwischen Basler und Elsässer Autoren: Sebastian Brant, der Dichter des "Narrenschiffs", lebte in Basel und Strassburg; Beatus Rhenanus war mit den Amerbachs, Johannes Froben und Erasmus von Rotterdam befreundet. Enge Beziehungen pflegten v.a. während der Reformation auch verschiedene eidg. und elsäss. Geistliche untereinander wie auch mit den humanist. Gelehrten. Bekannt sind z.B. die Freundschaft der Elsässer Martin Bucer und Leo Jud mit Huldrych Zwingli sowie diejenige zwischen Nikolaus Prugner, dem Reformator von Mülhausen, und Johannes Oekolampad. Auch Johannes Calvin verbrachte einige Jahre in Strassburg. Schweizer Städte boten Zuflucht und Hilfe, wenn elsäss. Städte in Bedrängnis waren (etwa Mülhausen 1587). In den folgenden Jahrhunderten wurden die Kontakte etwas schwächer. Im 18. Jh. besuchten auch Schüler aus dem E. das Kollegium von Bellelay wie umgekehrt Schweizer die von Gottlieb Konrad Pfeffel in Colmar gegründete Militärakademie.

Nach dem Westfäl. Frieden 1648, mit dem der Grossteil des E. zu Frankreich kam, wandelten sich die Beziehungen zur Schweiz. Das Bistum Basel hatte keine gemeinsame Grenze mehr mit dem Reich. Fast das gesamte Oberelsass, ein wichtiger Teil der Diözese Basel, war nun französisch; einzig Mülhausen, das 1515-87 mit allen Kantonen, 1587-1777 mit den ref. Kantonen und danach wiederum mit der gesamten Eidgenossenschaft verbündet war, wurde Frankreich erst 1798 einverleibt. Das im Dreissigjährigen Krieg verwüstete E. wurde von vielen Schweizer Einwanderern beider Konfessionen - Katholiken v.a. aus dem Kt. Luzern, Reformierte v.a. aus dem Kt. Bern - wiederbevölkert. Die Wiedertäufer entwickelten die Landwirtschaft im Ried und in der Gegend von Markirch (Sainte-Marie-aux-Mines), wo es 1693 zur Abspaltung der Amischen von den Schweizer Wiedertäufern kam. Diese Einwanderung, die für das Fürstentum Murbach und die Herrschaft Hanau besonders gut erforscht ist, trug wesentlich zum Wiederaufbau des E. bei. Später wurde Getreide, Vieh und Salz aus dem E. in die Schweiz ausgeführt; Georges Livet bezeichnete den Sundgau gar als den "Brotkasten der Eidgenossenschaft". Gut bezeugt ist auch die Teilnahme von Elsässern an den Basler und Genfer Messen. Basler Bürger wiederum beteiligten sich an der Gründung von Indienne-Manufakturen (1746), die das Landschaftsbild des Oberelsass gründlich verändern sollten. Die Tradition intellektueller und militär. Zusammenarbeit blieb weiterhin lebendig, v.a. dank Fam., die in der Schweiz wie im Elsass zu Hause waren. Die Waldner von Freundstein, die Bürger von Aarau, Basel und Mülhausen waren, befehligten ein Schweizerregiment im Dienste Frankreichs. Josua Hofer, Stadtschreiber von Mülhausen, war Mitglied der Helvet. Gesellschaft.

Die Franz. Revolution unterbrach die jahrhundertealten Kontakte zwischen Basel und dem Oberelsass. Die 1790 erfolgte Unterteilung Frankreichs in Departemente, von denen jedes ein Bistum wurde, veränderte die kirchl. Landkarte völlig. Die Bischöfe hatten nun ihre Sitze im jeweiligen Hauptort des Departements, im E. also in Colmar. Mülhausen wurde 1798 nicht der Helvet. Republik, sondern Frankreich zugeschlagen. Das 1793 gebildete Dep. Mont-Terrible wurde 1800 aufgelöst, sein Gebiet blieb bis 1814 in das Dep. Haut-Rhin eingegliedert. Delsberg und Pruntrut waren wie Altkirch, Belfort und Colmar Unterpräfekturen. Während und nach der Revolution blieben jedoch die religiösen Bande weiterhin lebendig, wie die Wallfahrten nach Mariastein zeigen. Auch die wirtschaftl. Verflechtungen bestanden fort; in den Kriegszeiten waren sie eher kleinräumig und nachbarschaftlich, nach Friedensschluss wurden sie sofort wieder sehr intensiv und grossräumig. So gründeten Schweizer Textilunternehmen Tochterfirmen im E., etwa Ziegler-Greuter in Gebweiler und Sandoz in Sennheim (Cernay). 1844 wurde die Eisenbahnlinie zwischen Basel und Strassburg vollendet, die erste Bahnstrecke auf eidg. Boden. Die Schweiz und v.a. Basel blieben der bevorzugte Zufluchtsort der Gegner aller franz. Regime (v.a. während der Restauration und der Julimonarchie). Gegen Ende des 19. Jh. strömten viele Emigranten nach Basel; bis 1914 blieb die Grenze für polit. Flüchtlinge weit offen. Viele Elsässer studierten im 19. und 20. Jh. an der Univ. Freiburg (1889-1939 236, davon 210 an der theol. Fakultät).

Nach 1870 und der Eingliederung des E. in das Dt. Reich änderten sich die Beziehungen zur Schweiz nochmals. Besonders die nahe Umgebung Basels (Saint-Louis, Hüningen), wo sich grosse Schweizer Unternehmen niederliessen, entwickelte sich rasch. Die Eisenbahnverbindung nach Frankreich wurde über Boncourt nach Delle umgeleitet. Ab 1918 und v.a. nach 1945 verfestigten sich die wirtschaftl. und polit. Kontakte. Starke Bande der Solidarität zeigten sich 1944 und 1945, als die Schweiz Elsässer Flüchtlinge und dann Kinder und Jugendliche aus dem Dep. Haut-Rhin aufnahm. 1947 wurde der zunächst binationale Flughafen Basel-Mülhausen gegründet. Die Zahl der Grenzarbeiter nahm mit den Jahren ständig zu, und die Regio Basiliensis erlebte einen starken Aufschwung. Die Politiker trafen sich regelmässig und schlossen mehrere zwischenstaatl. Abkommen wie z.B. 1992 den Kooperationsvertrag zwischen dem Kt. Jura und dem Dep. Haut-Rhin. Die "Rom. Strasse", welche die bedeutendsten rom. Bauten des E. verbindet, führt bis Basel.


Literatur
L'Alsace et la Suisse à travers les siècles, 1952
Histoire de l'Alsace, hg. von P. Dollinger, 1970 (21984)
– A. Berchtold, Bâle et l'Europe, 1990 (21991)
– C. Sieber-Lehmann, Spätma. Nationalismus, 1995
L'abbaye de Saint-Gall et l'Alsace au haut Moyen Age, hg. von J.L. Eichenlaub, W. Vogler, 1997

Autorin/Autor: Jean-Luc Eichenlaub / AW