• <b>Erstfeld</b><br>Detail von einem Halsring des keltischen Goldschatzes aus dem 4. Jahrhundert v.Chr. (Schweizerisches Nationalmuseum).
  • <b>Erstfeld</b><br>Teilansicht des Orts und der Erweiterung des Reusstals in Richtung Altdorf, um 1950 (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Photoglob). Am linken Reussufer sind die Pfarrkirche St. Ambrosius und St. Othmar (links im Bild), im Vordergrund am rechten Flussufer die Kapelle Jagdmatt, im Hintergrund jenseits der Bahnlinie die am Hang gebauten Kolonien der Eisenbahnerbaugenossenschaft erkennbar. Rechts im Bild stehen das Lokomotivdepot und die Reparaturwerkstatt der SBB. Beim Bau eines Schutzdamms unterhalb der Ribitäler wurde 1962 am oberen Rand des im Bild deutlich erkennbaren Schuttkegels ein keltischer Schatz gefunden.

Erstfeld

Polit. Gem. UR. Strassendorf mit bäuerl. Streusiedlungen im Tal- und Berggebiet. 1258 Ourzcvelt, 1831 Hirschfelden, 1638 lat. in Protocampis. Standort zahlreicher Einrichtungen der Gotthardbahn. 1743 614 Einw.; 1799 700; 1850 916; 1880 1'184; 1900 2'416; 1910 3'149; 1950 3'747; 1970 4'516; 2000 3'933.

1 - Der Goldschatz von Erstfeld

Der sog. Goldschatz von E. wurde am Ausgang des Lochertals im Steilhang der Ribitäler Rüfi, etwa 70 m über dem Talboden unter 9 m Bergsturzschutt gefunden. Vier Hals- und drei Armringe aus hochkarätigem Gold (bis zu 95%) von insgesamt 640 g Gewicht wurden 1962 am Fuss eines mächtigen Felsblocks geborgen. Es handelt sich um praktisch neuwertigen Frauenschmuck. Alle Ringe tragen Verschlüsse und weisen auch sonst zahlreiche Übereinstimmungen auf. Je zwei Hals- und zwei Armringe bilden ein Paar. Bei den Halsringen ist der reich verzierte Vorderteil ausschwenk- bzw. entfernbar und wird durch Nietstifte gesichert. Es handelt sich um handwerklich hochstehende Treibarbeiten aus mehreren verlöteten und mit dem Punzierstift überarbeiteten Goldblechschalen. Der Zierteil in Form eines durchbrochenen Figurenfrieses ist axialsymmetrisch aufgebaut und stellt Menschen, Tiere, Fabelwesen und Pflanzenmotive dar. Da Vorder- und Hinterseite identisch sind, erhalten die wiedergegebenen Gestalten einen nahezu rundplast. Ausdruck. Ihre szenenartige Gruppierung muss in der mytholog. und religiösen Vorstellungswelt verwurzelt sein; die Deutung ist offen. Das Armringpaar trägt ein plast. herausgearbeitetes Pflanzenmotiv in der Ausformung einer typ. kelt. Wellenranke.

Der Erstfelder Goldschatz gehört zu den herausragenden Meisterwerken des kelt. Kunsthandwerks mit wenigen Vergleichen in Europa nördlich der Alpen. Der Fundort selbst weist auf die Begehung der Zentralalpen in kelt. Zeit hin. Unter mehreren Deutungen (u.a. Händlerdepot) findet diejenige eines kultisch motivierten Weihegeschenks zur sicheren Überquerung der Alpen derzeit die grösste Akzeptanz. Empfängerin ist evtl. eine weibl. Gottheit. Die Datierung wird kontrovers diskutiert; ein Ansatz innerhalb des 4. Jh. v.Chr. ist aber unbestritten.

<b>Erstfeld</b><br>Detail von einem Halsring des keltischen Goldschatzes aus dem 4. Jahrhundert v.Chr. (Schweizerisches Nationalmuseum).<BR/>
Detail von einem Halsring des keltischen Goldschatzes aus dem 4. Jahrhundert v.Chr. (Schweizerisches Nationalmuseum).
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Autorin/Autor: Felix Müller

2 - Frühmittelalter bis heute

Die frühen alemann. Streusiedlungen lagen v.a. links der Reuss entlang dem urspr. Gotthardweg. Das rechtsufrige Gebiet blieb dünn besiedelt. Versch. Güter von Adeligen aus dem Raum der Landgrafschaft Burgund wurden im 13. Jh. vom Kloster Wettingen erworben und gingen 1359 in den Besitz des Landes Uri über. Mehrere Höfe und der Zehnt gehörten der Fraumünsterabtei Zürich, welche hier um 1250 ein Meieramt errichtete. Mit ihm verbunden war wahrscheinlich der Turm, dessen herald. Schmuck 1583 von Renward Cysat kopiert wurde. Die Meier von E. waren in der 2. Hälfte des 14. Jh. das führende Geschlecht in Uri. Bis ins 17. Jh. stellte die bäuerl. Oberschicht von E. mehrmals den Landammann. 1428 ging das Zehntrecht an die Landespfarrei Altdorf über.

Die Kirche St. Ambrosius und St. Othmar ist 1318 erstmals erwähnt (1870-72 Neubau, 1956-58 Renovation und Erweiterung). 1393 wurde die Seelsorge zwischen den Kirchgenossen von E. und dem Pfarrer von Altdorf geregelt, 1477 erfolgte die Abkurung von der Landespfarrei Altdorf. 1515 wurde die Kapelle Jagdmatt mit einer Pfründe ausgestattet. 1482 und 1504 wurde je ein Steuerbuch der Gem. angelegt. 1635 ist ein Schulmeister erwähnt. 1555 erhielten die Kirchgenossen vom Land Uri den Stegbannwald. Die Hirte Surenen wurde schon früh von E. gemeinsam mit Altdorf und Attinghausen verwaltet, wofür die drei Gem. spätestens ab 1635 jährlich eine Prozession zur Kapelle in der Blackenalp abhalten mussten. Im Land Uri bildeten E. rechts der Reuss (mit Schattdorf und Bürglen unter dem Gräblein) und E. links der Reuss (mit Gurtnellen) je eine Genosssame. Im 18. Jh. bestanden am Rinächt Marmorsteinbrüche. Der Viehmarkt von E. wurde 1860 aufgehoben.

Mit der Eröffnung der Gotthardbahn (1882) und der Reparaturwerkstätte in E. setzte ein beträchtl. Zuzug qualifizierter, meist ref. Arbeitskräfte ein, was zu einem sozialen Wandel der bisher agrarisch geprägten Siedlung führte. 1885 entstand die Prot. Kirchgemeinde Uri mit Sitz in E. (1899 Bau der ref. Kirche), 1932 eine Gem. der neuapostol. Kirche. Die Bahnangestellten organisierten sich 1885 im Heizerverein. Aus der Grütlisektion E. ging 1905 die Arbeiterpartei hervor, später die SP Uri. Die Gotthardbahn führte 1893-1938 eine eigene Sekundarschule und erstellte 1908 ein Kasino für kulturelle Veranstaltungen. Der rechtsufrige Dorfteil entwickelte sich ab 1880 sprunghaft; v.a. die Initiative der 1909 gegr. Eisenbahnergenossenschaft brachte bedeutende Zeugnisse des Arbeiterwohnungsbaus hervor. 1905 wurde der Allg. Konsumverein mit Geschäften im ganzen oberen Kantonsteil gegründet, 1975 erfolgte die Fusion mit Coop Zentralschweiz. Als Reaktion auf die Aktivitäten der Arbeiterbewegung gründete die kath. Pfarrei zahlreiche Standesvereine kultureller und sozialer Ausrichtung. Um 1905 trat eine konservative Partei in Erscheinung. Gewerbekreise gründeten 1900 die Fortschrittl.-demokrat. Partei und 1917 den Handwerker- und Gewerbeverein, der 1921-33 eine eigene Gewerbeschule führte. 1916 erhielt E. eine Filiale der Urner Kantonalbank, 1927 einen Verkehrsverein. 1902 wurde die Landwirtschaftl. Genossenschaft gegründet, 1935 der Viehmarkt (zusammen mit einem Warenmarkt) wiederbelebt. 1980 wurde mit der A2 auch die Gotthard-Raststätte in E. eröffnet. 1987 erhielt E. Anschluss an das regionale Netz der Auto AG Uri. 2000 arbeitete noch immer ca. ein Drittel der in E. Erwerbstätigen im 2. Sektor. Knapp 50% der Arbeitsplätze waren von Zupendlern besetzt. 1919-29 erfolgte die Melioration der Reussebene. 1961-73 wurden die Ribitäler verbaut. Laufende Verbesserungen der Reussdämme schützen den Lebensraum.

<b>Erstfeld</b><br>Teilansicht des Orts und der Erweiterung des Reusstals in Richtung Altdorf, um 1950 (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Photoglob).<BR/>Am linken Reussufer sind die Pfarrkirche St. Ambrosius und St. Othmar (links im Bild), im Vordergrund am rechten Flussufer die Kapelle Jagdmatt, im Hintergrund jenseits der Bahnlinie die am Hang gebauten Kolonien der Eisenbahnerbaugenossenschaft erkennbar. Rechts im Bild stehen das Lokomotivdepot und die Reparaturwerkstatt der SBB. Beim Bau eines Schutzdamms unterhalb der Ribitäler wurde 1962 am oberen Rand des im Bild deutlich erkennbaren Schuttkegels ein keltischer Schatz gefunden.<BR/>
Teilansicht des Orts und der Erweiterung des Reusstals in Richtung Altdorf, um 1950 (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Photoglob).
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Bereits 1892 wurde die Gem. in eine Einwohner-, Kirch- und Bürgergemeinde ausgeschieden. 1931 baute E. das gemeindeeigene Elektrizitätswerk Bocki (Ausbau 1963). Mit der Hilfs- und Werkschule für den oberen Kantonsteil (1970), dem kant. Zivilschutz-Ausbildungszentrum (1971), der ARA für das mittlere Reusstal (1985) und dem regionalen Betagten- und Pflegeheim (1990) ist E. zu einem regionalen Dienstleistungszentrum geworden.

Autorin/Autor: Hans Stadler

Quellen und Literatur

Literatur
  • Der Goldschatz von Erstfeld

    – R. Wyss, Der Schatzfund von E., 1975
    – F. Müller, «Zur Datierung des Goldschatzes von E.», in JbSGUF 73, 1990, 83-94
    – M.A. Guggisberg, Der Goldschatz von E., 2000
  • Frühmittelalter bis heute

    – T. Herger, Die Pfarrgeistlichkeit von E., 1970
    E., zur 500jährigen Selbständigkeit, 1977
    E., Verkehrswege verändern ein Dorf, 1991