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Bürglen (UR)

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Polit. Gem. UR. B. liegt südöstl. von Altdorf am Eingang ins Schächental und ist Ausgangspunkt des Klausenpasses. Über dem links oberhalb des Schächens gelegenen Dorfkern erstrecken sich beidseits des Tals Streusiedlungen bis auf eine Höhe von rund 1700 m. Darüber und insbesondere auch jenseits der Wasserscheide gegen Muotathal liegen ausgedehnte Alpweiden. 857 Burgilla, 1240 Burgelon. 1743 910 Einw.; 1799 1'150; 1850 1'294; 1900 1'656; 1950 2'723; 2000 3'878.

Spätbronzezeitl. Grab(?)-Funde im Dorfkern (um 1300 v.Chr.) belegen eine frühe Besiedlung. Das Dorf liegt an beherrschender Stelle über der Schächenbrücke. Neben weltl. Adligen, z.B. Rudolf von Schauensee, verfügte v.a. die Fraumünsterabtei Zürich über Grundbesitz. Dieser wurde von der Mitte des 13. Jh. an von einem Meier verwaltet, der im sog. Meierturm wohnte. Drei weitere feudale Wohntürme gehörten einer bäuerlichen oder ministerialadligen Oberschicht. Die 857 erstmals erw. Kirche war bis 1326 St. Peter, danach St. Peter und Paul geweiht. Patronatsherrin war das Fraumünster. Die bestehende Barockkirche datiert von 1682-84. B. war eine der drei urner. Landespfarreien und umfasste neben Schattdorf und B. das ganze Schächental und den Urnerboden. 1426 gingen Lämmer- und Kirchenzehnten an die Kirchgenossen von B. über, denen fortan bei Pfarrwahlen auch das Präsentationsrecht zustand. Dem Fraumünster verblieb das Patronatsrecht, auf welches der Zürcher Rat z.Z. der Reformation 1525 verzichtete. Um 1537 erfolgte die Abkurung Schattdorfs, und 1591 wurde Spiringen selbstständig. Zur Sakrallandschaft der Pfarrei gehört heute u.a. die Wallfahrtskapelle Unserer Lieben Frau im Riedertal, deren Gnadenbild aus der Zeit um 1350 stammt. In der Tellskapelle (1582), im Telldenkmal (1891) und im Tellmuseum (1966 eröffnet) hat die Tradition, Wilhelm Tell stamme von B., ihren sichtbaren Ausdruck gefunden.

Eine vom Volk mitgetragene Erhebung der Meier gegen das Fraumünster verlief 1393 erfolglos und endete mit der Absetzung der Meier. 1398 musste der Kirchherr von B. alte Rechte und Gewohnheiten anerkennen und sich verpflichten, das Recht vor den versammelten Kirchgenossen oder vor den Landleuten von Uri zu suchen. Aus der Versammlung der 1426 gestärkten Kirchgenossen entwickelte sich die Kirch- oder Dorfgemeinde. 1426 wird auch der Kirchmeier (später Kirchenvogt) erwähnt. Anfangs des 17. Jh. ist eine Schule nachgewiesen. B. war - wohl vom SpätMA an - unterteilt in die Genosssamen B. ob dem Gräblein und B. unter dem Gräblein. Die Genosssame ob dem Gräblein konnte bis 1798 sechs und 1803-50 vier Abgeordnete, die Teilgenosssame unter dem Gräblein gewöhnlich ein Mitglied in den Landrat entsenden. In den Breiten in Dorfnähe dürfte im HochMA Ackerbau betrieben worden sein. Die zunehmende Bedeutung der Viehwirtschaft mit der Nutzung der Alpen jenseits der Wasserscheide führte um 1350 zu einem langwierigen Grenzkonflikt mit den Schwyzern. 1593 schlossen sich die Älpler von B., Altdorf, Schattdorf und des Schächentals zu einer Sennenbruderschaft zusammen. Bis ins 17. Jh. bekleideten wiederholt Vertreter der bäuerl. Oberschicht von B. das Amt des Urner Landammanns. Ihre repräsentativen Bauten (z.B. Haus in der Spilmatt 1609) prägen bis heute das Dorfbild. Die Nutzung der Wasserkraft des Schächens ermöglichte im 19. Jh. die Ansiedlung versch. Holzverarbeitungsbetriebe im Gebiet der Schächenbrücke. Am Unterlauf des Schächens entwickelte sich aus der 1896 gegr. Laborierwerkstätte die Eidg. Munitionsfabrik Altdorf. 1895 baute das Elektrizitätswerk Altdorf die Zentrale B. In neuerer Zeit entstanden in der Nähe des Dorfs und gegen Altdorf hin grössere Wohnquartiere. Das Pendlerwesen wird durch den laufenden Ausbau der Verkehrsinfrastruktur (z.B. Klausenstrasse 1900, Seilbahn Biel-Chinzig 1951, Strasse Spiess-Bittleten-Waldi 1990) gefördert. 1942 vollzogen die polit. Gemeinde und die Korporationsbürgergemeinde die Güterausscheidung.


Literatur
– K. Scheuber et al., Pfarrei B. 857-1957, 1957 (21975)
– H. Schneider, «Türme zu B. UR», in Nachrichten des schweiz. Burgenvereins 33, 1960, 27 f.; 34, 1961, 2-4
B., 1991
– C. Pütz, Pfarrkirche St. Peter und Paul B., 1997

Autorin/Autor: Hans Stadler