• <b>Andermatt</b><br>Drei Touristen begegnen 1862 einem Bauern mit Fuhrwerk, Farblithografie von   Eugène Cicéri (Museum für Kommunikation, Bern).

Andermatt

Polit. Gem. UR. A. liegt am Ausgangspunkt des Oberalppasses und seit der Eröffnung der Schöllenen um 1200 an der Gotthardstrasse. 1203 de Prato, 1290 A der Matte. Bei Topographen und Reiseschriftstellern des 13.-20. Jh. auch Ursern, ital. früher Orsera, rätorom. früher Ursera. A. ist Haupt- und Marktort der Talschaft Ursern, Waffenplatz und Wintersportzentrum. 1799 605 Einw.; 1850 677; 1900 818; 1950 1'231; 1970 1'589; 2000 1'282.

Die Waldgrenze lag urspr. auf der Oberalp. Die älteste Dauersiedlung rom., vielleicht auch alpinlombard. Prägung entstand vor 1000 und lag am Fusse des Nätschen. Im 12. Jh. wanderten Walser ins Urserntal ein und gründeten u.a. A. unter dem Gurschenwald. Die urspr. Siedlung hiess bereits gegen 1500 "zum alt(en) Dorf". Die Grundherrschaft stand dem Kloster Disentis zu, welches den Boden den Walsern als freie bäuerl. Erbleihe überliess. Das nicht in Sondernutzung stehende Gebiet (Wälder, Alpen) gehörte der Talschaft Ursern. 1649 löste das Tal die grundherrl. Rechte des Klosters ab. Die erste Kirche St. Kolumban entstand um 1100. Das Gotteshaus gehörte ebenfalls dem Kloster Disentis und war Pfarrkirche für das ganze Tal. Die Pfarrei war Teil der Diözese Chur und des Dekanates Surselva. Um 1400 ist in der Neusiedlung A. die Dorfkapelle St. Peter belegt. 1601-02 bauten die Andermatter die neue Pfarrkirche St. Peter und Paul im engeren Dorfbereich, St. Kolumban wurde zur "Altkirch". 1665 erfolgte die kirchenrechtl. Loslösung von Disentis, und 1688 wurde die Seelsorge den Schweizer Kapuzinern anvertraut. 1882 trennte sich die Kaplanei Realp, 1886 die Kaplanei Hospental von der Mutterpfarrei.

A. verfügte -- trotz der dominierenden Talschaft -- schon früh über eine gewisse Selbstständigkeit. 1397 erliessen die "Teilgenossen an der Matt" einen Waldbannbrief. 1717 erhielten die "Dorfleute an der Matt" den Wald am Gurschen zugeteilt. Um 1500 ist ein Kirchenvogt nachgewiesen, um 1718 ein Dorfvogt und ein Weibel. Eine Dorfschule existiert seit 1481, sie entwickelte sich unter den Kapuzinern zu einer bekannten Bildungsstätte.

Die Bauern züchteten Schlachtvieh für die nordital. Märkte und stellten den berühmten Ursner Weichkäse her. Grosse Bedeutung kam dem Gotthardverkehr zu. Die Frühlings- und Herbstviehmärkte von A. wurden von Urnern, Wallisern, Bündnern und Italienern aufgesucht. Weitere Erwerbszweige waren Kristallsuche und -handel sowie der Solddienst. Der Ende des 18. Jh. betriebenen Baumwoll- und Seidenspinnerei kam nur geringe Bedeutung zu. Neben einer ausgeprägten Oberschicht von Solddienstoffizieren, Händlern und Politikern bestand die Bevölkerung grossenteils aus Bauern und Säumern sowie einer kleineren Gruppe von Hintersassen. Der im 19. Jh. stark angestiegene Passverkehr erfuhr durch die Eröffnung der Gotthardbahn 1882 einen brüsken Niedergang. Die Gotthardbefestigung (ab 1886) mit Kommando, Waffenplatz und Zeughaus in A. brachte einen neuen wirtschaftl. Aufschwung. Im ausgehenden 19. Jh. gewann auch der Tourismus an Bedeutung. A. wurde als Luft-, Milch- und Molkenkurort bekannt. Heute wird A. v.a. als Wintersportzentrum aufgesucht. Die befahrbare Gotthardstrasse (1830), die Oberalpstrasse (1864), die Schöllenenbahn (1917), die Furka-Oberalp-Bahn (1926), in neuester Zeit zahlreiche Skilifte und die Gemsstockbahn förderten diese Entwicklung (1990 79% Arbeitsplätze im 3. Sektor). Die Lawinenverbauungen am Kilchberg und am Gurschen gestatteten die Ausdehnung des Siedlungsgebietes. Verkehrs- und Militärbauten, neue Wohnquartiere entlang der Oberalpstrasse und gegen Westen prägen das heutige Dorfbild. Vom Beginn des 20. Jh. bis 1975 unterhielten die Festungswächter eine private Bundesschule. 1976 wurde die Kreissekundarschule für das ganze Urserntal eröffnet.

<b>Andermatt</b><br>Drei Touristen begegnen 1862 einem Bauern mit Fuhrwerk, Farblithografie von   Eugène Cicéri (Museum für Kommunikation, Bern).<BR/>
Drei Touristen begegnen 1862 einem Bauern mit Fuhrwerk, Farblithografie von Eugène Cicéri (Museum für Kommunikation, Bern).
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Noch 1850 war A. nur in gewissen Bereichen der Lokal- und Dorfverwaltung autonom; als Behörde wirkte aber bereits ein Gemeinderat, der sich aus dem Dorfvogt, dem Weibel und den Talräten von A. zusammensetzte. Die Kantonsverfassung von 1888 anerkannte A. als polit. Gem., doch wurden Armenwesen und -güter bis 1976 weiterhin von Ursern verwaltet. 1897 erfolgte die Ausscheidung von Einwohner-, Ortsbürger- und Kirchgemeinde.


Literatur
– A. Christen, Ursern, 1960
– I. Müller, Gesch. von Ursern, 1984
– P. Ziegler, 100 Jahre Gotthard-Festung, 1885-1985, 1986
300 Jahre Kapuziner-Pfarrei A., 1989

Autorin/Autor: Hans Stadler