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Altdorf (UR)

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Polit. Gem. UR. Das Dorf A. liegt südl. des Urnersees und am östl. Rand der Reussebene an der Transitachse über den Gotthardpass. Über dem steil ansteigenden Bannwald befindet sich auf einer Höhenterrasse die Streusiedlung Eggberge. Als Hauptort des Kt. Uri ist A. Sitz der kant. Behörden und Verwaltung, alter Marktflecken und moderner Mittelpunkt der Industrie in der Reussebene. 1223 Alttorf, bei Topographen und Reiseschriftstellern des 16.-19. Jh. bisweilen Uri.

Bevölkerung
JahrEinwohner
1600ca. 3 100
1629ca. 1 500
1650ca. 3 000
17433 025
1799ca. 2 000
18371 903

Jahr 18501880a19101930195019701990
Einwohner 2 1122 9063 8544 2406 5768 6478 282
SpracheDeutsch 2 8443 6314 0176 2147 7577 290
 Italienisch    41 161 177 252 659 315
 Andere    21   62   46 110 231 677
KonfessionProtestantisch  103 241 335 732 884 643
 Katholisch 2 7913 6073 8995 8337 7306 982
 Andere und konfessionslos   12     6     6   11   33 657
 davon konfessionslos       182
NationalitätSchweizer2 0882 7343 5153 9846 2367 6597 158
 Ausländer   24 172 339 256 340 9881 124

a Einwohner, Nationalität: Wohnbevölkerung; Sprache, Konfession: ortsanwesende Bevölkerung

Quellen:StAUR und BFS

1 - Von der Ur- und Frühgeschichte zum Frühmittelalter

Auenwälder und Sumpfgebiete schränkten den fruchtbaren Boden ein. Verkehrsmässig hatte A. vor der Entwicklung des Gotthardverkehrs im SpätMA nur eine Binnenstellung. Aus der Bronze- und sehr wahrsch. aus der späten Latènezeit stammen eine Bronzenadel und Eisengeräte aus dem Bannwald über dem Kapuzinerkloster. Mit der galloröm. Bevölkerung vermischten sich ab dem 7. Jh. zugewanderte Alemannen, deren ältestes Zeugnis ein in die Zeit um 670/680 datiertes Grab eines bewaffneten Reiters in der Pfarrkirche St. Martin ist. Damit begann ein langer Urbarisierungsprozess, in welchem sich die zuvor inselartigen Kulturflächen sowohl in unmittelbarer Siedlungsnähe wie auch in der Reussebene allmähl. verdichteten.

Autorin/Autor: Hans Stadler

2 - Vom Hochmittelalter bis zur Helvetik

2.1 - Siedlung und Wirtschaft

Spätestens in der 2. Hälfte des 13. Jh. hatte der Landesausbau in der Ebene das Reussufer erreicht. Neben der Hauptsiedlung A. sind 1277 Utzingen, 1284 Hartolfingen, Magigen und Untereien als Weiler erwähnt. Die Eggberge dürften schon im 14. Jh. besiedelt gewesen sein. Intensiv genutzt wurden damals v.a. die guten Böden im Matt-Gebiet westl. und südl. des Dorfes, während die Gegend entlang der Reuss grossenteils Allmend blieb. Bis ins 17. Jh. bestand eine rege Zuwanderung, u.a. von Walsern aus Bosco/Gurin.

In der Landwirtschaft herrschte Feldgraswirtschaft vor. Die Rinderhaltung war im SpätMA vorrangig vor Kleinvieh und Getreidebau. Daneben wurden Reben, Obst- und Nussbäume, Hanf und Gemüse kultiviert und Fischerei betrieben. Wahrsch. um 1522 konnte A. die ausschliessl. Nutzung eines grossen Teils der nahe gelegenen Allmend erwerben. Der Bannwald wurde von den Dorfleuten für den Eigenbedarf gemeinschaftl. genutzt. Der schon im 14. und dann im 17. Jh. streng durchgesetzte Bann gewisser Waldpartien diente dem Schutz vor Steinschlag und Lawinen.

Das Dorf entwickelte sich aus zwei Mittelpunkten heraus: Um die frühma. Kirche St. Martin entstanden die Pfrundhäuser, und in nächster Nähe befanden sich der Saal und der Turm im Winterberg, wahrsch. das urspr. Verwaltungszentrum des Fraumünsters. Etwas weiter östl. lag die Gebreite mit der 1257 erstmals erw. Gerichtslinde, dem 1407 erw. Rathaus und dem Türmli, wo sich verm. auch der urspr. Marktplatz entfaltete. Durch den vom Hafen in Flüelen herführenden Weg, der sich beim Rathaus in die Schmiedgasse (1437 erw.) und die Hellgasse (1508 erw.) verzweigte, erhielt das Dorf seine dreistrahlige Grundform. Im 16.-18. Jh. siedelten sich Magistraten- und Solddienstfam. ausserhalb des Dorfkerns an den Strassen nach Flüelen, Bürglen und Schattdorf an. Dreimal (1400, 1693, 1799) wurde A. durch grosse Brände zerstört. Nach 1693 liess die Gem. die Strassen verbreitern und begradigen; der Wiederaufbau erfolgte jedoch grösstenteils in Holzbauweise mit z.T. steinbeschwerten Schindeldächern. Erst nach dem Brand von 1799 verlangte die Gem. den Wiederaufbau in Stein und Ziegeldächer.

Vom 13. Jh. an sind in A. eine Vielzahl von Handwerken und Gewerben nachgewiesen; die Gewerbeordnung von 1553 nennt 32 Berufe. Zünfte nach städt. Vorbild waren unbekannt. Der sog. Dorfbach, ein spätestens im frühen 14. Jh. erstellter Kanal, lieferte Brauchwasser für die Einw. und das Gewerbe, trieb die Räderwerke der Mühlen, Sägereien usw. an und diente als Vorfluter für die Abwässer.

A. war von unbekannter Zeit her ein offener Marktflecken ohne besondere Vorrechte gegenüber den anderen Urner Dörfern. Im 15. Jh. sind regelmässige Wochen- und Jahrmärkte belegt, welche der regionalen Versorgung mit einheim. und Einfuhrprodukten dienten. Der Markt von A. war auch als Zwischenhandelsstation für Wein, Vieh, Käse, Korn und Salz auf dem Gotthardweg bedeutsam. Daneben spielten vom SpätMA an im Rahmen des Gotthardverkehrs die Säumerei und die Schifffahrt, für einzelne Soldunternehmerfam. der fremde Kriegsdienst eine wachsende Rolle.

Autorin/Autor: Hans Stadler

2.2 - Die kommunale Gesellschaft, kirchliches und kulturelles Leben

Mit der Schenkung des Pagellus Uroniae durch Kg. Ludwig den Dt. waren die Altdorfer 853 zehntpflichtige Gotteshausleute des Zürcher Fraumünsters geworden. Sie besassen teils eigene Güter, teils sassen sie auf abgabepflichtigen Kloster- oder Widemgütern. Im 13. Jh. sind auch Adelsfam. überliefert, welche selber in A. wohnten oder durch Gefolgsleute und Grundbesitz vertreten waren, so die von Rapperswil, Utzi(n)gen, Hasenburg, Schauensee, vom Turn und von Attinghausen. Die meisten dieser Geschlechter verschwanden im 13. und 14. Jh. aus Uri. Versch. adlige grundherrl. Rechte gingen noch im 13. Jh. an Klöster über, z.B. an Wettingen. Die Meier und Ammänner der geistl. Grundherrschaften hatten eine hervorragende soziale und wirtschaftl. Stellung inne. Der Auskauf der geistl. grundherrl. Rechte 1359 durch das Land Uri und der Übergang der Zehntrechte des Fraumünsters an A. 1428 förderten den ständ. Ausgleich unter den Kirchgenossen. Rechtl. hoben sie sich im SpätMA und in der frühen Neuzeit von den benachteiligten Hintersassen ab. Sozial entwickelte sich im 16. und 17. Jh. eine sich zusehends abschliessende Gruppe von Urner Solddienst- und Magistratenfam., die vom 17. Jh. an mit wenigen Ausnahmen in A. wohnhaft waren und in Politik, Wirtschaft und Kultur eine dominierende Stellung einnahmen.

Erstes Zeugnis christl. Glaubens ist der aus der Zeit um 670/680 stammende älteste Bau der Pfarrkirche St. Martin. Zur Landespfarrei gehörten neben A. auch Erstfeld, Attinghausen sowie sämtl. Ortschaften am Urnersee. Durch die Schenkung von 853 kam zweifellos auch St. Martin mit Widem und Zehntrechten an das Fraumünster. Das Patronatsrecht wurde von der Äbtissin ausgeübt, welche 1244 vom Bf. von Konstanz die volle Inkorporation erlangte. Neben dem Kirchherrn bzw. Leutpriester -- die Namen sind ab 1225 bekannt -- sind schon im 13. Jh. Vikare nachgewiesen. 1317 wurde die Liebfrauen- oder Frühmesserpfründe gestiftet. 1428 ging die Pfarrwahl vom Fraumünster an die Kirchgenossen über. Mit dem freiwilligen Verzicht des Zürcher Rats auf das der Abtei verbliebene Kollaturrecht wurden die Altdorfer Kirchgenossen 1525 fakt. zu Patronatsherren. Durch weitere Stiftungen entstanden 1548-1785 neun Familienpfründen. Von der Pfarrei A. lösten sich seit 1387 neun Tochterpfarreien.

Die kath. Reform hatte infolge des Einflusses von Kardinal Karl Borromäus in A. einen Stützpunkt. 1581 wurde das Kapuzinerkloster, 1677 das Franziskanerinnenkloster zum Oberen Hl. Kreuz gegründet. Zur Zeit der barocken Frömmigkeit entstanden mehrere religiöse Bruderschaften. Neuartig war im 17. Jh. die Vita devota Altorfensis oder Devotio Michelina, eine myst. Frömmigkeitsbewegung. Zwischen 1542 und 1731 residierten acht päpstl. Nuntien und zwei span. Gesandte in A. Dem Klerus gegenüber zeigten die Kirchgenossen eine betont staatskirchl. Haltung.

Dem ersten Saalbau (?) von St. Martin folgte im 9./10. Jh. eine zweite, dreischiffige Kirche, welche wahrsch. noch im 14. Jh. durch einen grossen und repräsentativen got. Bau abgelöst wurde. Anfangs des 17. Jh. erfolgte ein Umbau im Stil der Renaissance und des Frühbarock. Nach dem Dorfbrand 1799 wurde das Gotteshaus im klassizist. Stil wieder aufgebaut. Die Sakrallandschaft bereichern die 1570 erbaute St. Jakobskapelle, das 1596 errichtete Beinhaus, die Zwyerkapelle von 1599, die um 1615 geweihte Kapelle St. Karl zum Oberen Hl. Kreuz, gefolgt nach der Pest von 1629 vom Unteren Hl. Kreuz und 1657 von der Ölbergkapelle.

Schon im 15. Jh. entstanden Gesellschaften und Bruderschaften, welche teils überdörfl. organisiert und von zunftähnl. Charakter waren und vereinzelt bis heute bestehen. Ein Schulmeister ist erstmals 1472 mit Johannes Bürgler erwähnt. Die älteste Schulordnung datiert von 1579. Danach war die Schule von A. eine Landesschule, an der auch Latein unterrichtet wurde. Sie führte u.a. Theater auf, welche spätestens seit 1512 mit dem "Urner Spiel vom Tell" Tradition haben. Ab 1697/1704 konnten die Mädchen die Klosterschule der Franziskanerinnen besuchen. Die gehobene Kultur der Magistratenfam. ab dem 16. Jh. zeigt sich beispielhaft im spätgot. Familiensitz Jauch mit Treppengiebel (um 1550) und im reich ausgestatteten Haus im Eselmätteli (17./18. Jh.). Die kirchl. Kultur präsentiert sich am eindrücklichsten im Kirchenschatz von St. Martin, zu dem versch. Goldschmiede von A. ihre Werke beigesteuert haben.

Autorin/Autor: Hans Stadler

2.3 - Verfassung, dörfliche Einrichtungen und politisches Leben

Erstmals 1366 tritt die Gem. der dorfflütt von A. bei der Durchsetzung alter Nutzungs- und Bannrechte im Bannwald in Erscheinung. Die 1428 vom Zürcher Fraumünster erhaltenen Rechte stärkten die Gem. wesentlich. Seit 1522 sind Protokolle und Satzungen überliefert. Aus ihnen stellte Dorfschreiber Johann Jakob Püntener 1684 das sog. Dorfbüchlein zusammen, aus welchem die Ordnung von A. hervorgeht: Oberste Instanz war die Dorfgem., d.h. die Versammlung der Dorfgenossen unter Ausschluss der Hintersassen. Das Dorfgericht (später der Gemeinderat) bestand aus dem Dorfvogt, dem Seckelmeister, sechs weiteren Mitgliedern, Schreiber und Weibel. Versch. dörfl. Beamte, unter denen der Kirchenvogt der wichtigste war, stellten das Funktionieren des Gemeinwesens sicher.

Das Fremdenspital, aus einer Stiftung von 1437 hervorgegangen, wurde um 1551 von der Gem. neu erbaut und 1584 mit einer ewigen Mussspende für Arme dotiert. Es diente einheim. Kranken und v.a. armen und kranken Durchreisenden als Herberge und Pflegestätte. 1636 erstellte A. wohl bei der St. Jakobskapelle ein Siechenhaus. Die Dorfleute hatten spätestens im 16. Jh. das Recht, im Heilbad Moosbad zu baden. Das Trinkwasser wurde von den meisten Liegenschaften aus den fünf, überwiegend in der 2. Hälfte des 16. Jh. erstellten öffentl. Brunnen geschöpft. Daneben gab es versch. private Wasserleitungen. An den Gemeingütern des Landes Uri (Gärten, eingeschlossene Allmend, Scheit- und Bannwälder) hatte A. versch. Sondernutzungsrechte. A. oblag mit den Gem. Attinghausen und Erstfeld die Verwaltung der sog. Rinderhirte (Rinderalp) Surenen. Gegen die Hochwasser von Reuss und Schächen wurden Wuhrgenossenschaften geschaffen, für welche die Gem. die Wuhrmeister bezeichnete und Beiträge zahlte. Zur Vorbeugung vor Feuersbrünsten patrouillierte nachts eine Föhnwache. Die Föhnwachtordnung wurde 1631 erneuert. Nach dem Dorfbrand von 1693 erstellte die Gem. ein besonderes Wachthaus beim Kapuzinerkloster.

Innerhalb des Landes Uri bildete A. eineinhalb Genosssamen und stellte deshalb neun Vertreter im Landrat (Sechziger). Ausgeprägter war das Übergewicht des Hauptorts in der Exekutive: Die wichtigsten Landesämter wurden zwischen 1650 und 1847 fast ausnahmslos von den Altdorfer Magistratenfam. beansprucht. Damit bestand zwischen dem Hauptort und den ländl. Gebieten ein Spannungsfeld, das vor und während der Helvetik eine merkl. Aufladung erfuhr. In dieser Zeit begannen versch. Mitglieder der alten Solddienstaristokratie und der vermögenden Kaufmannschaft das aufklärer. Gedankengut zu rezipieren und sympathisierten offen mit der Helvet. Republik.

Autorin/Autor: Hans Stadler

3 - Das 19. und 20. Jahrhundert

3.1 - Wirtschaft und Verkehr

Die Verbesserung der Transportwege (fahrbare Gotthardstrasse 1830, Gotthardbahn 1882, A2 Flüelen-Erstfeld 1973) minderte die Bedeutung A.s als Markt- und Etappenort im Gotthardverkehr. Dagegen stiegen die Möglichkeiten der Industrie.

Die landwirtschaftl. Nutzfläche wurde durch die Reussverbauung (1850-63) und die Melioration der Reussebene (1919-24) ausgeweitet. Schwergewichtig wurde Feldgraswirtschaft betrieben: 1906 entstand die Viehzucht-, 1919 die Milchverwertungsgenossenschaft, 1910 die Viehversicherung. Vor der Eröffnung der Gotthardbahn deckten mehrere kleinere Gewerbebetriebe entlang des Dorfbachs den regionalen Bedarf. Eine grössere Zahl von Heimarbeiterinnen betrieben Seidenkämmelei und Baumwollspinnerei für auswärtige, u.a. in Gersau sesshafte Textilunternehmer. Nach der Inbetriebnahme der Gotthardbahn (1882) und des Elektrizitätswerks A. (1895) wurden versch. Industriebetriebe gegr., vorwiegend solche der Textil- und der Holzverarbeitungsbranche. Die meisten überdauerten nur kurze Zeit. Bestand hatten die Eidg. Munitionsfabrik (1895, heute Schweiz. Munitionsunternehmung) und die Dätwyler AG (1915, v.a. Kabel, Gummiprodukte, Bodenbeläge). Weitere wichtige Firmen sind die Bandweberei Streiff (1945) sowie die Merck & Cie. KG (1969, Chemie, Pharma). Die Hotellerie wurde durch bequeme Fahrstrassen (Axen 1864, Klausen 1900) gefördert. Nach dem Bau einer Luftseilbahn (1955) entwickelten sich die Eggberge zum Ferien- und Wintersportgebiet. Die Konzentration von Detailhandel (über 70 Geschäfte), Banken, Versicherungen und der Kantonsverwaltung in A. widerspiegelt, ebenso wie die Pendlerstatistik (1990 54% Zu-, 35% Wegpendler), dessen Bedeutung als regionales Dienstleistungszentrum.

In der Erwerbsstatistik kommen die wirtschaftl. Strukturveränderungen im 20. Jh. zum Ausdruck: 1930 zählten 17% der Arbeitsplätze zum 1., 53% zum 2., 30% zum 3. Sektor. Das Wachstum des Dienstleistungssektors und die Schrumpfung zunächst des Agrar-, dann des Industriesektors schlagen sich in den Zahlen von 1980 (3% im 1., 52% im 2., 45% im 3. Sektor) und 1990 (2% im 1., 39% im 2., 59% im 3. Sektor) nieder.

Autorin/Autor: Hans Stadler

3.2 - Siedlung, Gesellschaft, Kultur und Bildung

Von der Franzosenzeit erholte sich die Bevölkerung nur zögernd; ihre Zahl erreichte erst um die Mitte des 19. Jh. wieder den Stand vor 1799. Danach wuchs sie dank dem gefestigten Gewerbe rasch an. Arbeitskräfte wanderten v.a. aus den andern Gem. des Kt. zu. Der Bau der Gotthardbahn (1872-82) brachte eine zusätzl. Zuwanderung, v.a. aus Innerschweizer Kt. und Italien. Nach Abschluss des Bahnbaus hielt mit der fortschreitenden Industrialisierung die Zuwanderung an, die Zahl der Eingesessenen hingegen stagnierte.

Noch gegen Ende des 19. Jh. präsentierte sich A. als weitgehend geschlossener Flecken. 1834 umfasste die Gem. 153 meist steinerne Gebäude, 1900 351 Häuser mit 665 Haushaltungen und ca. 250 landwirtschaftl. Gebäude. Die um 1880 erbaute Bahnhofstrasse und die 1906 eröffnete Strassenbahn A.-Flüelen verbanden den Dorfkern mit den Bahnstationen. Nach 1900 weitete sich die Bautätigkeit den Strassenzügen entlang über die Kernzone aus. In neuerer Zeit entstanden versch. Wohnquartiere, Industrie- und Lagerzonen (Eidg. Getreidemagazin). Noch um 1900 besassen die meisten Altdorfer ein eigenes Haus mit Garten. Im 20. Jh. nahm die Zahl der Mietwohnungen stark zu. 1950 standen in A. 701 Häuser mit 1'471 Wohnungen bzw. 1'498 Haushaltungen. Eine grossräumige Scheidung von Wohn-, Gewerbe- und Industriezone kennt A. nicht. Gegenwärtig herrscht im Dorfkern der Trend vor, Geschäfts- und Büroräume zu Lasten der Wohnungen auszuweiten. Eine moderne Bauordnung besteht seit 1942, ein Zonenplan seit 1975.

Über die Vermögensverhältnisse wird 1834 berichtet, dass 20'000-30'000 Gulden ein grosses Vermögen, 100'000 Gulden eine Seltenheit darstellten. Die Einkommens- und Vermögenssteuer-Statistiken von 1922 und 1957 geben Einblick in die finanziellen Verhältnisse der Haushalte: Sie weisen auf eine leichte Verringerung der wirtschaftl. Gefälle und ein relatives Wachstum der Mittelschicht hin. Um 1990 betrug das durchschnittl. Einkommen der steuerpflichtigen Altdorfer 122%, das durchschnittl. Vermögen 154% des kant. Mittels.

Die soziale Schichtung der Bevölkerung kannte nach 1800 keine scharfen Trennlinien. Nur für Hintersassen ohne Landrecht, zu denen v.a. die Knechte und Mägde, oft auch gewisse Handwerker und Gesellen gehörten, war ein sozialer Aufstieg bis gegen Ende des 19. Jh. kaum möglich. Die Oberschicht bestand auch nach der Helvetik fast ausschliessl. aus Vertretern der Solddienstaristokratie des Ancien Régime, die als kapitalkräftige Kreditgeber beim Volk weiterhin grossen Einfluss ausübten. Unternehmer. Geist war ihnen hingegen weitgehend fremd. Gegen Mitte des 19. Jh. wurden sie ergänzt und allmähl. abgelöst von erfolgreichen Spediteuren, Händlern und Wirten. Auch akadem. Gebildete (Juristen, Ingenieure, Ärzte) stiegen in führende Stellungen auf. Im 20. Jh. kamen Vertreter von Industrie und Gewerbe sowie kant. Chefbeamte hinzu. Die Mittelschicht setzte sich aus Beamten, gut situierten Handwerkern, Säumern (bis 1882) und Bauern zusammen, zu denen sich im 20. Jh. Detaillisten und Angestellte gesellten. Die Unterschicht, zahlenmässig die grösste Gruppe, war schon im 18. Jh. v.a. von Subsistenzkrisen existentiell bedroht gewesen. Zu ihr gehörten Kleinbauern, Taglöhner und Gesellen. Die Helvetik mit den umfangreichen und aufwendigen Einquartierungen und dem verheerenden Dorfbrand von 1799 stürzte viele ins Elend. Anfangs des 19. Jh. war jeder sechste Urner, darunter mancher Altdorfer, unterstützungsbedürftig. Der Rückgang der Heimarbeit, die gehäuften Überschwemmungen und die Modernisierung im Transportwesen (zu Lasten der Säumer und Kleinkarrer) nach Eröffnung der Fahrstrasse über den Gotthard (1830) hemmten bis zur Mitte des 19. Jh. eine Verbesserung der Zustände. 1843 waren 292 Einw. (15,3%) unterstützungsbedürftig, 1890 noch deren 220 (7,5%). Erst die Industrialisierung bot nach 1900 der Unterschicht eine sicherere Existenzgrundlage.

Soziale und wirtschaftl. Ziele wurden öfters auf Vereins- und Genossenschaftsbasis angestrebt. So entstanden 1880 der Krankenunterstützungsverein und die Suppenanstalt für Kinder, 1906 der Konsumverein A. und Umgebung, 1908 die Pro Altdorf, welche das Kleingewerbe gegen Grossverteiler zu schützen versuchte, 1913 die kath. Krankenpflegestation, 1945 die Wohnbaugenossenschaft Pro Familia und 1958 die prot. Krankenpflegestation. Quartiervereine bildeten sich auf dem Lehn (1783, 1888 neu organisiert) und in der Hellgasse (1856).

Schulhäuser entstanden 1811 auf dem Josefsplatz, 1915 an der Bahnhofstrasse, nach dem 2. Weltkrieg im Hagenbez. und beim Frauenkloster. Die Knabenschule wurde 1846-1974 von Marianisten geführt. Seit 1862 unterrichten die Lehrschwestern von Menzingen in A. Im gleichen Jahr wurde die Sekundarschule eingeführt. Von Gewerbe- und Handelskreisen wurde 1883 eine gewerbl. Fortbildungs- und 1911 eine kaufmänn. Berufsschule gegr. Das Mittelschulwesen wurde 1906 vollst. in das neu gegr. kant. Kollegium Karl Borromäus verlegt.

Auch der Klerus engagierte sich neben der Seelsorge stark in schul. und sozialen Belangen. 1968 entstand die Kapelle auf den Eggbergen, 1969 folgte die Kirche Bruder Klaus. Die Reformierten hielten seit 1911 regelmässig Gottesdienst in A. und errichteten 1924 eine Kirche samt Pfarrhaus. Sie gehören seit 1885 zur neu gegr. ref. Kirchgem. Uri und besitzen eine eigene Kirchenpflege. Seit der 2. Hälfte des 19. Jh. sind zahlreiche kirchl. Standesvereine entstanden.

Ausdruck des kulturellen Schaffens im späten 19. Jh. sind das 1895 enthüllte Telldenkmal von Richard Kissling und die 1898 gegr. Tellspielgesellschaft. Einen bedeutsamen Akzent setzte ab 1916 das Kino Leuzinger. Sakral-, Blasmusik und Gesang (Gesangsvereine) werden in A. seit dem frühen 19. Jh. aktiv gepflegt.

Autorin/Autor: Hans Stadler

3.3 - Entwicklungen im politisch-administrativen Bereich

1913 schieden sich die Einwohner-, Kirch- und Bürgergem. von A. aus. Da A. in der kant. Regierung oft übervertreten war, beschränkte die Kantonsverfassung von 1888 die Zahl der Regierungsräte pro Gem. auf max. drei. Organisierte polit. Gruppen und Parteien entstanden mit dem Grütliverein (1881), der fortschrittl.-demokrat. Gruppe (1892, Vorgängerin der FDP), den Sektionen A. der Konservativen Partei (1900/01) und der SP (1908). An Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften entstanden u.a. 1886 der Handwerker- und Gewerbeverein A. und Umgebung, Sektionen des Smuv (1916), Christl. Holz- und Bauarbeiterverband (1927) und Christl. Metallarbeiter-Verband (1932) sowie 1941 die Gewerkschaft christl. Verkehrspersonal A./Flüelen. Eine bleibende Druckerei erhielt A. erst 1826. Wichtige Zeitungen wurden 1838-48 das "Wochenblatt von Uri", 1849 das "Amtsblatt des Kt. Uri", 1875 das Urner Wochenblatt, 1892 die Gotthard-Post und 1973 die "Alternative". Das Gemeindehaus stand 1867-1915 in der Schützengasse (heute Tellspielhaus), seither am Gemeindehausplatz. Das Fremdenspital verlor nach Eröffnung des Kantonsspitals 1872 an Bedeutung und wurde 1878 mit dem Armengut zusammengelegt. 1805 entstand auf privater Basis eine Armenpflege. Sie erbaute 1848 ein grosses Bürgerheim, welches 1853 kommunalisiert wurde und 1982 im regionalen Alters- und Pflegeheim Rosenberg aufging. 1888 wurde eine leistungsfähige Wasserversorgung aufgebaut. Die Wuhrpflicht an Reuss und Schächen ging schrittweise an den Kt. über. Den Steinschlagverbauungen des ausgehenden 19. Jh. im Bannwald folgten in jüngster Zeit mit Schutzverbauungen kombinierte Walderschliessungsstrassen. 1902-04 baute der Bund auf der Landleutematte ein neues Postgebäude, nachdem schon 1853 der Telegraf und 1884 ein erstes Telefonnetz eingerichtet worden waren. 1964 wurde die ARA A. mit regionalem Einzugsgebiet, 1969 die ARA Eggberge erstellt. 1978 nahm das von der Gem. mitgetragene regionale Schwimmbad Moosbad den Betrieb auf.

Quellen und Literatur

Archive
– StAUR, Archiv der Armenpflege
– GemA
– PfarrA
Quellen
– C.F. Müller, «Das Dorfbüchlein des Fleckens A. von 1684», in HNU NF 8/9, 1953/54, 7-230
Literatur
– H. Ammann, «Die Talschaftshauptorte der Innerschweiz in der ma. Wirtschaft», in Gfr. 102, 1949, 105-144
– C.F. Müller, Das Bürgerhaus im Kt. Uri, 21950
– H. Stadler, «Landammann und Ständerat Gustav Muheim (1851-1917) von A.», in HNU NF 26/27, 1971/72, 1-258
– J. Bielmann, Die Lebensverhältnisse im Urnerland während des 18. Jh. und zu Beginn des 19. Jh., 1972
– S. Fryberg, Unters. über die hist. Demographie im Kt. Uri im 19. Jh., Liz. Basel, 1977
– M. Stadler et al., A., 1978
– A. Zurfluh, «Die Einwohnerzahl A.s und des Kt. Uri von 1600 bis 1830», in HNU NF 37/38, 1982/83, 101-111
INSA 1, 171-257
– J. Speck, «Ein latènezeitl. Hortfund von A. UR», in Gfr. 139, 1986, 5-22
Innerschweiz und frühe Eidgenossenschaft, 2 Bde., 1990
– K. Zurfluh, Steinige Pfade, 1990
– U. Kälin, Die Urner Magistratenfam., 1991
– Stadler, Uri 1
Kdm UR 1

Autorin/Autor: Hans Stadler