Willisau Stadt

Ehemalige politische Gemeinde LU, Amt bzw. Wahlkreis Willisau, seit 2006 mit Willisau Land Teil der neuen Gemeinde Willisau. Sie liegt im Luzerner Hinterland am Fuss des nördl. Napfausläufers. 1101 Willineshouwo. Im 15. Jh. vermutlich 450-550 Einw.; um 1695 rund 570; 1798 970; 1850 1'231; 1900 1'594; 1950 2'129; 2000 2'996.

In röm. Zeit war die Umgebung von W. spätestens im 2.-3. Jh. besiedelt, möglicherweise existierte ein Gutshof. W. entstand während der letzten Welle ma. Stadtgründungen als eher atyp. Kleinstadt am Rand des Mittellands aus einem grösseren Pfarrdorf. Als Inhaber der Kirche und der Kirchenvogtei, zu der vermutlich auch das Kanzelgericht und die Siedlung gehörten, werden 1101 die Herren von Honstetten (Hegau) und 1245 die Frh. von Hasenburg erwähnt. 1302/03 wurde W. zur Aufwertung der Hasenburger Herrschaft mit einem habsburg. Markt- und Befestigungsprivileg zur Stadt erhoben, 1302 traten die Freiherren in habsburg. Lehensabhängigkeit. Der Stadtboden war Kirchengut und blieb Hasenburger Eigen, die Stadt stand den Habsburgern offen. Im Sempacherkrieg 1386 warben Bern und Luzern um Einfluss, Hzg. Leopold von Österreich liess W. als unsichere Position brandschatzen.

1407 kaufte Luzern von den Gf. von Aarberg-Valangin die Herrschaft, die im 15. Jh. zum fakt. Verwaltungszentrum des Amts wurde. Luzern bestimmte wie die Rechtsvorgänger den Schultheissen - zuerst ein grafschaftl. Vogt, unter Luzern ein Untervogt des Amts und anstelle des bisherigen Ammanns ein Stadtvorsteher -, ernannte den Stadt- und Amtsschreiber und die neun Stadträte. Im 15. Jh. wird ein Stadtrecht erwähnt, das dem Amtsrecht teilweise nachgeordnet blieb. Für den bis 1653 in Luzern residierenden Landvogt übernahm die Stadt im 15. Jh. die Vogtei- und Gerichtsverwaltung, nämlich gewisse polizeil. und landgerichtl. Funktionen, das Zivilgericht in der Pfarrei Willisau und in weiteren Teilen des Amts. Im Zwiebelnkrieg 1513-15 traten zwischen der Stadt und dem Amt Willisau Gegensätze auf. Im Bauernkrieg 1653 konnte W. seine Autonomie stärken. Die Stadt besass weder ein eigenes Blutgericht noch eine eigene Militärorganisation. Im SpätMA zeichnete sich die Bevölkerung durch eine hohe Mobilität aus. Erst im 17.-18. Jh. wurden die Bürgeraufnahmen restriktiver gehandhabt.

Nach den Hasenburgern und den Aarbergern hatte Luzern bis 1895 die Kollatur inne. Zur alten Pfarrei Willisau gehörten vermutlich bis ins HochMA auch Luthern, Ufhusen, Menznau und Hasle, im SpätMA nur noch W. und Willisau Land (ohne Mittmis- und Olisrüti), Hergiswil bei Willisau (bis 1605), Hilferdingen und Ruefswil (heute Ufhusen), einige Höfe auf dem Menzberg und in Richtung Grosswangen. Die Kirche Peter und Paul, deren Vorgängerbau ins FrühMA datiert, wurde 1648-52 und 1689-93 neu errichtet bzw. umgebaut. Die heutige Kirche mit dem spätrom. Turm aus dem 13. oder dem beginnenden 14. Jh. wurde 1804-10 von Josef Purtschert und Josef Singer neu gebaut. Wichtige Filialkapellen sind die Ende des 12. bis Anfang des 13. Jh. errichtete Kapelle St. Niklaus auf dem Berg und die im 15. Jh. entstandene und 1674-75 erneuerte Wallfahrtskapelle Heiligblut. Seit 1886 gibt es in W. auch eine ref. Kirchgemeinde.

1798-1807 entstanden die beiden selbstständigen Gemeinden Willisau Stadt und Willisau Land. Erstere wurde territorial auf Bürgerzihl und Allmenden reduziert. In der Helvetik und der Mediation war W. politisch benachteiligt, da es keinen Grossrat stellen konnte. 1814 erhielt es das Munizipalrecht. Bei der Gründung der Stadt wurde eine Anlage mit einer Wehrmauer an der Durchgangsstrasse Luzern-Bern bzw. Solothurn gebaut. Im Gugler- und im Sempacherkrieg 1375 bzw. 1386 wurde W. zerstört, 1471 und 1704 von verheerenden Bränden heimgesucht. Bis 1704 waren die Häuser v.a. aus Holz. Das Rathaus ist seit dem 15. Jh. belegt, das Spital ab 1407, das Siechenhaus ab 1418. Eine städt. Schule entstand im 16. Jh. W. beherbergte 1808-10 das kant. Lehrerseminar. 1833-36 befand sich die Erziehungsanstalt Friedrich Froebels im Landvogteischloss. Die Mittelschule (ohne Maturaklassen) wurde 1864 als erweiterte Bezirksschule ins Leben gerufen. Vom beginnenden 19. Jh. an entwickelte sich zwischen dem Untertor und dem Bahnhof eine Vorstadt. 1979-80 erfolgte der für das heutige Stadtbild prägende Neubau des 1854 abgebrochenen Untertors.

W. bewahrte als Ackerbaustädtchen die dörfl. Zelgverfassung. Vermutlich nach den Bränden des 14. Jh. erhielt es von den Stadtherren die bedeutenden Hochwälder im Gebiet der alten Pfarrei Willisau. Das Gewerbe war lange wenig spezialisiert; Handwerkerbruderschaften existierten ab Anfang des 16. Jh. Wochen- und Jahrmärkte sind seit 1330 belegt; im 18. Jh. bestanden sechs Jahrmärkte. W. diente dem Hinterland als Umschlagplatz u.a. für Tuch, Molkereiprodukte und Vieh. Ein erstes Kaufhaus wurde 1375/86 zerstört, 1471 fiel es einem Brand zum Opfer und wurde nach dem Brand von 1704 an einem anderen Standort neu gebaut. Um 1810 wurde im obersten Geschoss ein Theatersaal eingerichtet. Zur Finanzierung der öffentl. und militär. Bauten erhielt W. von Luzern vor 1465 den Zoll und den Böspfennig sowie 1458 eine Getreidesteuer verliehen. Aus dem 16.-17. Jh. sind neun Tavernenrechte bekannt. Im 19. Jh. entstand eine grössere Seidenweberei. 1894 erfolgte der Anschluss an die Wolhusen-Huttwil-Bahn. Seit 1918 besteht die Distillerie Willisau SA (Diwisa), seit 1948 eine Biskuitfabrik (Willisauer Ringli) und seit 1931 die Möbelfabrik Wellis AG. Der Zweigbetrieb der Zofinger Ritex siedelte sich 1947 an, der Produktionsbetrieb der Lego 1993 (2006 geschlossen). Die Sparkasse Willisau hatte 1903-40 Bestand; die Volksbank Willisau AG wurde 1906 ins Leben gerufen. 1996 fusionierte sie mit der Luzerner Landbank zur Luzerner Regiobank AG. Seit 1851 erscheinen in W. Lokalzeitungen; die Willisauer Bote Medien und Print AG besteht seit 1923. 2005 stellte der 2. Sektor 42% und der 3. Sektor 57% der Arbeitsplätze. Ab 1966 organisierte Niklaus Troxler Jazzkonzerte in Willisau, 1975 gründete er das Jazz Festival Willisau.


Quellen
SSRQ LU, II/2/2
Literatur
Kdm LU 5, 1959, 223-280
– A. Bickel, Willisau, 2 Bde., 1982
– J. Brülisauer et al., Das Heilig Blut zu Willisau, 1992
– P. Eggenberger, Die Gesch. einer viermal zerstörten Stadt, 2002
700 Jahre Willisau, redigiert von M. Freihofer-Heger et al., 2003

Autorin/Autor: Waltraud Hörsch