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Dagmersellen

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Polit. Gem. LU, Amt Willisau. Strassendorf im unteren Wiggertal an der Durchgangsroute Luzern-Basel. 1070/90 Tagmarsellen, 1173 Tagemarsseildon. Um 1695 ca. 1'050 Einw.; 1798 1'281; 1850 2'005; 1900 1'761; 1950 2'019; 2000 3'311. Im Lerchensand stand im 1.-3. Jh. ein röm. Gutshof, auf dem Gäitschiflüeli fanden sich Reste einer frühma. Holzburg. Um 1070-90 vergabte Seliger (von Wolhusen?) D. an das Kloster Einsiedeln. Bis 1798 war D. ein Dinghof (Gerichtsstätte) für die Einsiedler Eigenleute und Güter zwischen Reuss und Aare. Die Vogtei, die in das hohe Gericht des Amts Willisau eingebunden war, wurde von den Einsiedler Kastvögten verliehen. Um 1283-1376/83 gehörte D. den Herren von Trostberg, die dort eine kleine Burg bewohnten (um 1385 zerstört). Das Lehen bestand aus Twing, Bann und Vogtei in D., Egolzwil und Wauwil. Danach gelangte es in zwei Teilen über Anna von Teitingen und Peter Ottimann von Zofingen 1450 bzw. über die Herren von Liebegg, die Rust von Wolhusen, die Herren von Luternau 1515 an die Stadt Luzern. 1678 kaufte das Kloster St. Urban die Oberlehensherrschaft, musste sie jedoch 1679 Luzern überlassen.

Die 1271 und 1275 belegte Pfarrkirche (Patrone Blasius und Laurentius) versorgte die Einsiedler Eigenleute. Später (evtl. vor 1346) wurde D. Altishofer Filiale und konnte erst 1813 wieder als Pfarrei konstituiert werden (Kollatur der Gem.). Im SpätMA wurde D. von Ettiswil aus pastoriert. 1819-21 wurde anstelle der alten, um 1520 erneuerten Lorenzenkapelle eine neue Pfarrkirche errichtet. 1919 entstand eine evang.-ref. Gem., die 1926 eine eigene, von Armin Meili erbaute Kirche erhielt.

Im Dreizelgendorf D. wurde 1602 ein grosser Teil des Zelgenlands zu wechselwirtschaftlich genutzten Wässerwiesen eingeschlagen, was zu einer Wertsteigerung des Landes führte. Die 1331 erw. Einsiedler Twingmühle existiert noch heute. Dank der guten Verkehrslage beteiligte sich D. früh am Fernhandel (um 1500 Viehhandel nach Oberitalien) und am Fuhrhaltergewerbe. 1446 gab es bereits mehrere Tavernen, wobei das Rössli Einsiedler Gerichtssitz war. 1456 wird ein Gerber erwähnt. Evtl. bereits im 17. Jh., sicher ab dem 18. Jh. hatte D. einen eigenen Schulmeister. Ab 1631 war D. Sitz der Schmiedebruderschaft des "unteren Gäus". Ab 1742 fanden versch. Märkte (u.a. Viehmarkt) statt. In der Frühneuzeit verfügte D. über einen hohen Anteil an Kleinbauern und Handwerkern, im 18. Jh. kam die textile Heimindustrie auf. Im Lauf des 19. Jh. orientierte sich D. vermehrt nach dem seit 1855 durch die Centralbahn erreichbaren Zofingen, was die Ansiedlung von Zofinger Produktionsbetrieben zur Folge hatte. 1857-84 wurde eine automatisierte Seidenbandweberei betrieben (um 1895 Umwandlung in eine Zwirnerei), um 1868 entstand eine Baumwollweberei, 1888-1904 lief in D. die erste schweiz. Reisschälerei, ca. 1916-58 war eine Wollweberei in Betrieb. Dazu kamen Metall- und Maschinenfabriken. 1971 liess sich die R.J. Reynolds Tobacco AG in D. nieder. Nach dem 2. Weltkrieg etablierten sich weitere Industrien in den Bereichen Kunststoff, Aluminium, Möbel, Glasrecycling und Gasvertrieb, u.a. wegen dem projektierten Autobahnanschluss an die A2 (1980).


Literatur
– A. Felber, 900 Jahre D., 1976
– F. Glauser, J.J. Siegrist, Die Luzerner Pfarreien und Landvogteien, 1977
– H. Wicki, Bevölkerung und Wirtschaft des Kt. Luzern im 18. Jh., 1979
– A. Ineichen, Innovative Bauern, 1996

Autorin/Autor: Waltraud Hörsch