• <b>Lothringen</b><br>Herzog René II. bei seinem Besuch im Oktober 1476 in Luzern. Illustration in  Diebold Schillings  "Luzerner Chronik", 1513 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung, Eigentum Korporation Luzern). Das obere Bild zeigt den Herzog, mit Bart und roter Robe, am Tisch des Luzerner Rats. Am 7. Oktober 1476 schloss er mit den acht Alten Orten, vertreten durch den Luzerner Schultheissen Peter Rust, in Luzern ein Bündnis. Der Herzog erhielt das Recht, für den Kampf gegen Karl den Kühnen eidgenössische Truppen auszuheben. Im unteren Teil des Bildes verteilt der Herzog den Kindern, die ihn am Reussufer erwarten, Goldstücke.

Lothringen

1960 geschaffene franz. Region (Hauptort Metz), zu der die Dep. Meuse (Maas), Meurthe-et-Moselle (Meurthe und Mosel), Moselle (Mosel) und Vosges (Vogesen) gehören. L. grenzt an den Hennegau, die Champagne, das Burgund und das Elsass, seine Nachbarn sind Deutschland, Luxemburg und Belgien. L. war ein Teil der röm. Provinz Gallia Belgica (Belgica), als es von den Alemannen und später von den Franken (Teilkönigreich Austrasien) besetzt wurde. Als Teil Lotharingiens, von dem es seinen Namen hat, wurde L. 880 dem ostfränk. Reich zugeschlagen (Frankenreich). Bis 939 war es ein Stammesherzogtum. 959 teilte Otto I. das Gebiet L. in zwei Herzogtümer auf, wobei Oberlothringen das heutige L. umfasste. Das Herzogtum um Nancy gehörte zum Hl. Römischen Reich Deutscher Nation und grenzte im Westen an die Grafschaft und das spätere Herzogtum Bar (Bar-le-Duc, Barrois). Die drei Fürstbistümer Metz, Toul und Verdun waren Enklaven. Als Ende des 15. Jh. unter derselben Dynastie die Herzogtümer L. und Bar zu einem grossen Territorium vereinigt wurden, übte Frankreich vermehrt Druck aus: Es erlangte die Herrschaft über das Gebiet Barrois mouvant und annektierte die Drei Bistümer (1552, 1559 anerkannt). 1736 trat Hzg. Franz III. sein Herzogtum im Tausch gegen das Grossherzogtum Toskana an den ungekrönten poln. König Stanislaus Leszczyński ab, der es auf Lebenszeit erhielt. Als dieser 1766 starb, fiel es an Frankreich und wurde eine franz. Landschaft. 1871-1914 waren der grösste Teil des Dep. Mosel und einige Gebiete des Dep. Meurthe deutsch (Reichsland Elsass-L.). Im 2. Weltkrieg besetzte das Dritte Reich das Dep. Mosel und unterstellte es 1940-44 einem Gauleiter.

Obwohl L. und das Gebiet der heutigen Schweiz zeitweilig zu denselben staatl. Gebilden gehörten, sind ihre gegenseitigen Beziehungen wenig erforscht. Auf polit. Ebene erreichten sie ihren Kulminationspunkt während der Burgunderkriege. René II. von L. verlor sein Herzogtum an Karl den Kühnen von Burgund, worauf er sich 1475 mit den Feinden seines Gegners vereinigte, um gegen diesen vorzugehen. In der Eidgenossenschaft versuchte René II., Verbündete zu finden und Truppen anzuwerben. Nachdem er in Murten an der Seite der Eidgenossen gekämpft hatte, gelang es ihm 1476, mit diesen ein Bündnis zu schliessen. Der Herzog brachte eine Streitmacht von 9'000 Eidgenossen und 500 Baslern auf, mit der er nach Nancy zog, das vom Herzog von Burgund belagert wurde. Dort schlossen sich ihm die Elsässer Kontingente an. In der Schlacht bei Nancy verlor Karl der Kühne am 5.1.1477 sein Leben, während der Herzog und die Eidgenossen einen triumphalen Sieg errangen. René II., dem das Herzogtum L. zurückerstattet wurde, mass dem Bündnis mit den eidg. Orten grosse Bedeutung zu, zumal er auch Ambitionen auf die Provence und Gebiete Italiens hegte. Mindestens zweimal kam er noch in die Schweiz, um Söldner zu rekrutieren (1480, 1483). Seine Nachfolger pflegten die Beziehung zu den Eidgenossen weniger, Anton kämpfte in Marignano gar auf Seiten der Franzosen. Sie waren aber an einem guten Verhältnis mit den eidg. Orten interessiert, hauptsächlich weil sie Söldner sowie Absatzmärkte für das lothring. Salz brauchten. Die diplomat. Beziehungen waren unbedeutend, nur ausnahmsweise wurden ausserordentl. Gesandte abgestellt. 1790 meuterte in Nancy das in franz. Diensten stehende Regiment Châteauvieux, worauf die Schweizer Regimenter 1792 entlassen wurden.

<b>Lothringen</b><br>Herzog René II. bei seinem Besuch im Oktober 1476 in Luzern. Illustration in  Diebold Schillings  "Luzerner Chronik", 1513 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung, Eigentum Korporation Luzern).<BR/>Das obere Bild zeigt den Herzog, mit Bart und roter Robe, am Tisch des Luzerner Rats. Am 7. Oktober 1476 schloss er mit den acht Alten Orten, vertreten durch den Luzerner Schultheissen Peter Rust, in Luzern ein Bündnis. Der Herzog erhielt das Recht, für den Kampf gegen Karl den Kühnen eidgenössische Truppen auszuheben. Im unteren Teil des Bildes verteilt der Herzog den Kindern, die ihn am Reussufer erwarten, Goldstücke.<BR/>
Herzog René II. bei seinem Besuch im Oktober 1476 in Luzern. Illustration in Diebold Schillings "Luzerner Chronik", 1513 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung, Eigentum Korporation Luzern).
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Die wirtschaftl. Beziehungen konzentrierten sich lange auf Basel. Von dort zogen Kauf- und Fuhrleute über die Vogesen nach L. (Metz, Nancy, Messen in Saint-Nicolas-de-Port), verkauften Produkte aus der Mittelmeerregion und erwarben Rohstoffe und Fertigprodukte. Schweizer Trommeln versch. Typs waren im 15. Jh. in Metz sehr gefragt. Lothringer besuchten wahrscheinlich die Messen in Genf. Im 16. Jh. betrieben Basler Kaufleute Glashütten in Vôge (Gem. Darney) und eröffneten eine Kupfergiesserei in Le Thillot. Wichtigste Handelsware war jedoch das Salz. In der Region Basel wurde es spätestens ab dem 15. Jh. verkauft. Vom Bistum Basel ausgehend erfuhr der Handel bis ins 18. Jh. einen Aufschwung und erreichte die Städte Solothurn und Bern, dann auch Zürich und Luzern. Preis und Qualität begründeten den Erfolg der Ware. Die lothring. Fürsten und der Kg. von Frankreich setzten das Salz gegenüber der Schweiz als diplomat. Mittel ein, wobei um 1760-70 jährlich rund 50'000 Zentner importiert wurden.

Der kulturelle Austausch war von geringerer Bedeutung. Der Literatenkreis von Saint-Dié-des-Vosges (sog. gymnase vosgien) stand mit den Basler Humanisten in Verbindung. Bis ins 18. Jh. besuchten rund hundert lothring. Studenten die Univ. Basel. Zu ihnen gehörten Jean Lud, der Sekr. von René II., sowie der spätere Reformator Pierre Toussaint. Aus der Schweiz kamen die ref. Prediger in L., hauptsächlich jene in Metz (Guillaume Farel). Die bis 1685 in den franz. Gebieten L.s lebenden Pastoren waren in Genf ausgebildet worden. In der Schweiz fand auch die ref. Minderheit Zuflucht, nachdem L. zu einem Zentrum der Gegenreformation geworden war, die v.a. von Hzg. Karl III. und seinen Cousins, den Hzg. von L.-Guise, betrieben worden war (1572 Univ. Pont-à-Mousson). In Genf starb beispielsweise der Bildhauer Ligier Richier (1567).

Im 19. und 20. Jh. veränderten sich die Beziehungen zwischen der Schweiz und L. wegen des polit. und wirtschaftl. Wandels, sie wurden jedoch nicht intensiviert. An der ETH ausgebildete Ingenieure waren in den lothring. Bergwerken und Fabriken tätig und lösten die Söldner ab. Die ital. Auswanderer durchquerten die Schweiz, um nach L. zu gelangen. Die Industrieunternehmung Société Pont-à-Mousson (heute Saint-Gobain PAM) unterhielt 1899-1914 in Basel ein Einstellungsbüro. Produkte der Glashütten (Saint-Gobain, Baccarat) und der Stahlwerke (bis um 1960) ersetzten das Salz, das ab Anfang des 19. Jh. nicht mehr ausgeführt wurde. Nestlé übernahm die Mineralwasserquellen in Vittel und Contrexéville 1992 und führte so die Basler Investitionen fort, welche die Schaffung von Fabriken in den Vogesen ermöglicht hatten.


Literatur
– W. Mohr, Gesch. des Herzogtums L., 4 Bde. 1974-86
Histoire de la Lorraine, hg. von M. Parisse, 1977 (41987)
Histoire de la Lorraine, hg. von G. Cabourdin, 7 Bde., 1990-94

Autorin/Autor: Pierre Pégeot / PTO