• <b>Bayern</b><br>Quelle: F.W. Putzger, Historischer Atlas, <SUP>9</SUP>1975, 91–93  © 2002 HLS und Kohli Kartografie, Bern.

Bayern

Vor 1800 bestanden zwischen der Eidgenossenschaft und dem Herzogtum bzw. ab 1623 dem Kurfürstentum B. nur punktuelle Beziehungen. So gelangte z.B. 1309 Unterwalden in den Genuss der Reichsunmittelbarkeit, weil Ludwig von Bayern im Thronkampf mit Friedrich dem Schönen den Waldstätten ihre Freiheiten ohne genaue Prüfung summarisch bestätigte. Bayr. Herzöge vermittelten mehrfach in Konflikten, an denen die Eidgenossenschaft beteiligt war, so 1461 nach der Eroberung des Thurgaus beim Frieden von Konstanz, 1468 bei der Beendigung des Waldshuterkriegs und 1474 beim Abschluss der Ewigen Richtung mit Sigismund von Habsburg. Im ausgehenden 15. Jh. hatten Eidgenossen und das Herzogtum B. zeitweise gemeinsame Interessen, weil die Ansprüche der Wittelsbacher Herzöge auf österr. Besitzungen am Rhein ein Gegengewicht zum habsburg. Einfluss darstellten und der Schwäbische Bund sich auch gegen das Haus Wittelsbach richtete. Nachdem die eidg. Orte 1488 noch eine Aussöhnung zwischen dem Herzog von B. und dem Schwäb. Bund gesucht hatten, schlossen sie 1491 mit B. ein Bündnis auf fünf Jahre, das eine Söldnerwerbung B.s in eidg. Gebiet sowie eine erleichterte Salzeinfuhr aus B. vorsah. Verhandlungen über ein Hilfsbündnis zerschlugen sich nach 1500. Nach der Glaubensspaltung reduzierten sich die polit. Beziehungen auf seltene Kontakte, z.B. der kath. Orte zu B. als Haupt der 1609 von Maximilian I. von B. gegr. Kath. Liga oder im Span. Erbfolgekrieg bei Verhandlungen um die eidg. Neutralität und den Schutz des rechten Rheinufers.

<b>Bayern</b><br>Quelle: F.W. Putzger, Historischer Atlas, <SUP>9</SUP>1975, 91–93  © 2002 HLS und Kohli Kartografie, Bern.<BR/>
Bayerisch-schweizerische Grenzen 18.-20. Jh.

Nach 1800 intensivierten sich die Beziehungen zwischen B. und der Schweiz. B. profitierte von Napoleons Deutschland-Politik, welche die sog. Mittelstaaten gegenüber Preussen und Österreich aufzuwerten suchte. Für Gebietsverluste westlich des Rheins wurden ihm jene vorher mehrheitlich reichsunmittelbare Territorien in Franken und in Schwaben zugeteilt, die neben Altbayern bis heute zum Freistaat gehören. Nach der Schlacht bei Austerlitz erhielt der Kurfürst von B. im franz.-bayr. Vertrag von Brünn (10.12.1805) u.a. Vorarlberg und Lindau sowie im Frieden von Pressburg (25./26.12.1805) Tirol und wurde damit für ein Jahrzehnt direkter Nachbar der Schweiz. Am 1.1.1806 wurde B., mit dem die Schweiz seit 1803 ständige diplomat. Beziehungen pflegte, nach dem Willen Napoleons ein Königreich. Auf eine Stärkung der Mittelstaaten zielte auch das am 16.1.1806 von Frankreich, Bayern, Italien, Baden und Württemberg geschlossene Geheimbündnis, dem auch die Schweiz hätte beitreten sollen; es wurde aber wegen Misshelligkeiten unter den Vertragspartnern nie ratifiziert. 1814 musste B. Vorarlberg und Tirol an Österreich zurückerstatten. Die einzige Möglichkeit, von eidgenössischem direkt auf bayrisches Territorium zu gelangen, war fortan die Schifffahrt über den Bodensee zum Hafen von Lindau. Am Wiener Kongress setzte sich Erbprinz Ludwig von B. vergeblich für einen Bund ein, der alle deutschsprachigen Länder, damit auch die Schweiz, umfassen sollte. Nach seiner Thronbesteigung als Kg. Ludwig I. 1825 verschlechterten sich die Beziehungen zur Schweiz. Den Prinzipien Fürst Metternichs folgend, schwenkte Ludwig auf die schweizfeindl. Politik Österreichs und Preussens ein und schloss sich den Protesten dieser Mächte sowohl gegen die Teilung Basels 1833 wie auch gegen den Savoyerzug 1834 an. B. unterstützte auch eine Protestnote Österreichs, Preussens und des Grossherzogtums Baden an die Schweiz nach einem Bankett republikanisch gesinnter Arbeiter im Juli 1834 in Bern und berief seinen Gesandten zurück. Am 1.1.1835, dem Tag, an dem Bern Vorort wurde, stellte B. mit andern Mächten Garantieforderungen. Da die Antwort unbefriedigend ausfiel, kehrte der Gesandte nicht nach Bern zurück, und bayer. Arbeitern wurde die Einreise in die Schweiz untersagt. Erst als Bern das Bankett offiziell missbilligte und versöhnl. Schritte bei der bayr. Regierung unternommen hatte, entspannten sich die Beziehungen. Neben verschiedenen Verträgen, die v.a. die Schifffahrt und Fischerei auf dem Bodensee betrafen, ratifizierten alle Kantone 1822 ein Abkommen über die Niederlassungsfreiheit und 1847 ein Auslieferungsabkommen. Dennoch verbesserten sich die Beziehungen erst, nachdem Ludwig I. im März 1848 abgedankt und sein Sohn Maximilian II., ein gemässigter Liberaler, den Thron bestiegen hatte. Mehrere Revolutionäre, die in der Schweiz Zuflucht gefunden hatten, darunter auch Johann Philipp Becker, kehrten nach B. zurück. Nicht ohne Besorgnis verfolgte man in der Schweiz die preuss. Siege über B. und Österreich 1866 und als deren Folge die Annäherung und das Schutz- und Trutzbündnis zwischen B. und Preussen. Von 1867 an nahm die schweiz. Botschaft in Berlin auch die Schweizer Interessen in B. wahr. Nach dem Abbruch der diplomat. Beziehungen zwischen B. und Frankreich im Sommer 1870 vertrat der schweiz. Minister in Paris die Interessen B.s. Die schweiz. Besorgnis nahm zu, als B. 1871, unter Wahrung einer grossen Autonomie, in das Dt. Reich eintrat. Obgleich die Aussenpolitik nach 1871 grundsätzlich Reichssache war, unterhielt B. bis zum Ende des 1. Weltkriegs einen Gesandten in Bern, der sich v.a. mit konsular. Angelegenheiten befasste.

Nach der Revolution von 1918 und dem Sturz der Monarchie fand Kg. Ludwig III. in der Schweiz vorläufig Asyl. Schweiz. Organisationen ermöglichten nach dem 1. und später auch nach dem 2. Weltkrieg bayr. Kindern Erholungsaufenthalte in ihrem Land und leisteten B. Lebensmittelhilfe. Nach der nationalsozialist. Machtergreifung 1933 fanden mehrere bayr. Flüchtlinge Aufnahme in der Schweiz, darunter der ehem. Landtags- und Reichstagsabgeordnete Wilhelm Hoegner, der im Sept. 1945 Ministerpräs. des Landes wurde. Hoegners Vorstellungen für eine bayr. Verfassung waren vom schweiz. Bundesstaatsmodell beeinflusst; eine besondere Rolle spielte dabei der Staatsrechtler Hans Nawiasky, der damals in St. Gallen lehrte und später auch als Sachverständiger an der Ausarbeitung der bayr. Verfassung mitwirkte. Seit 1972 arbeitet das Bundesland B. in der Arge Alp sowie in der Bodenseekonferenz mit Kantonen der Ost- und Südschweiz zusammen.

Bedeutsamer als die polit. Beziehungen waren die ökonomischen und kulturellen; diese betrafen allerdings bis Ende der frühen Neuzeit v.a. reichsfreie Städte im süddeutschen Raum, die erst im frühen 19. Jh. zum bayr. Territorium geschlagen wurden. Im 14. Jh. gewann der Handelsweg durch das schweiz. Mittelland für die Markt- und Messestädte von Nürnberg und Augsburg bis nach Genf und Lyon wie für die Handelsgesellschaften (Ravensburger Gesellschaft, Diesbach-Watt-Gesellschaft) an Bedeutung, weshalb sich z.B. Nürnberg und St. Gallen 1387 gegenseitige Zollpräferenzen zusicherten. An der im SpätMA einsetzenden Leinen- und Barchentproduktion hatten der süddeutsche, heute bayr. Raum und die Nordschweiz gleichermassen Anteil wie an der textilen Protoindustrie im 18. Jh., in welcher sowohl Allgäuer Garnspinner für Ostschweizer Verlagskaufleute wie auch Appenzeller Heimarbeiter für süddeutsche Verleger arbeiteten. Von den Zuwanderern in den vom Dreissigjährigen Krieg geschädigten süddeutschen Raum stammten zahlreiche aus der Schweiz, u.a. als "Schweizer" bezeichnete Melker und Käser. Salz aus B. wurde bereits im SpätMA über den Bodensee importiert. Gegen Ende des 18. Jh. exportierten die Salinen von Reichenhall ca. zwei Drittel des gewonnenen Salzes in die Deutschschweiz. Im 19. Jh. führte die Schweiz v.a. Stickereiwaren, Uhren und Wein aus, Salz, Eisen und Industrieprodukte aus B. ein. Mit der Donauschifffahrt (Donau), dem Lindauer Hafen und später dem Bahnnetz war B. ein wichtiges Transitland für den schweiz. Warenverkehr von und nach Österreich und Ungarn. Desgleichen spielte der Banken- und Finanzplatz Augsburg jetzt eine wichtige Rolle für die Deutschschweiz. In der 1. Hälfte des 19. Jh. wurden die Handelsbeziehungen zwischen den beiden Ländern durch die protektionist. Politik B.s behindert, das u.a. 1817 die Zollsätze massiv erhöhte und einen Handelsvertrag mit der Schweiz ablehnte. Die Lage besserte sich erst 1834 mit dem Beitritts B.s zum Deutschen Zollverein. Im 19. Jh. gründeten zahlreiche Schweizer Industrielle Unternehmen in B., dessen Schweizer Kolonie vor 1914 nach der österreichischen und der italienischen die drittstärkste war. Nach dem 2. Weltkrieg erfuhren die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Schweiz und B. einen starken Aufschwung, besonders in den Bereichen Landwirtschaft, Industrie und Banken. Die Schweiz wurde nach Österreich, Italien und Frankreich zum viertwichtigsten Abnehmer bayr. Waren.

In der Barockzeit wirkten sowohl Bündner Baumeister und Stuckatoren in Süddeutschland (z.B. Jakob Engel in Eichstätt) wie auch Künstler des bayr. Spätbarocks in der Schweiz (z.B. Gebr. Asam in Einsiedeln). Die versch. Univ. in B., ganz besonders aber München, zogen zahlreiche Schweizer Studenten und Professoren an. Vor dem 1. Weltkrieg galt die bayr. Hauptstadt v.a. für Deutschschweizer Künstler als eine der herausragenden Kulturmetropolen. Auf religiösem Gebiet strahlten die süddeutschen Zentren Dillingen an der Donau, Eichstätt sowie im 15. Jh. Kastl in die Schweiz aus, in welcher auch die kath. Aufklärung Impulse aus B. empfing. In der 1. Hälfte des 19. Jh. standen viele kath. Schweizer unter dem Einfluss des Regensburger Bf. Johann Michael Sailer, des "Erneuerers der Theologie". Ebenfalls in dieser Zeit bereiste Bf. Ignaz Albert von Riegg, der Kg. Ludwig I. hinsichtl. des Wiederaufbaus des Klosterlebens beriet, die Schweiz, um Novizen für die Benediktinerklöster zu werben.


Quellen
– DDS
Literatur
– H.-W. Langen, Der Einfluss der schweiz. Verfassungszustände auf die bayer. Verfassung, 1949
Hb. der bayer. Gesch., hg. von M. Spindler, 4 Bde., 1967-88 (31995-)

Autorin/Autor: Jean-Jacques Langendorf / AA