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Mailand (Stadt)

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Hauptstadt der Lombardei und wirtschaftl. Zentrum der Poebene, wahrscheinlich im 5. oder 4. Jh. v.Chr. von den Insubrern gegründet. 2006 1'308'735 Einw. Die Beziehungen zwischen M. und der Schweiz waren seit jeher intensiv. Die lombard. Hauptstadt fungierte schon immer als Drehscheibe des Personen- und Warenverkehrs von Nord- und Mitteleuropa durch die Schweiz nach Italien und umgekehrt. Seit der Neuzeit ist M. auch bevorzugtes Ziel vieler Schweizer Auswanderer; als religiöses und kulturelles Zentrum übt die Stadt v.a. auf die ital. Schweiz einen starken Einfluss aus.

Die Beziehungen zwischen M. und dem Gebiet der heutigen Schweiz gehen auf die Römerzeit zurück, als das municipium bzw. die colonia M. einen Grossteil des heutigen Kt. Tessin umfasste. In der Spätantike wurde M. eine der kaiserl. Residenzstädte und zum administrativen Zentrum der Diözese Italia Annonaria, der das Tessin und die rät. Provinzen unterstanden. Die Völkerwanderung (5.-7. Jh.) war für M. eine Zeit des Niedergangs. In den folgenden Jahrhunderten behauptete sich die Stadt aber wieder als wirtschaftl., polit. und religiöses Zentrum; sie erlangte im 12. und 13. Jh. die Oberherrschaft über die anderen lombard. Städte. Im SpätMA war M. Ziel- bzw. Ausgangspunkt der Fernhandelswege über die Pässe Mont-Cenis, Gr. St. Bernhard, Simplon, Gotthard, Lukmanier sowie über die Untere (Splügen, San Bernardino) und die Obere Strasse (Septimer, Julier/Maloja). Dieser Handel stellte eine wichtige Einnahmequelle für die Säumergenossenschaften dar, die sich im 13. und 14. Jh. in den vom Transitverkehr frequentierten Schweizer Alpentälern bildeten. Auf Mailänder Seite kontrollierte die Gesellschaft der Kaufleute den Warenverkehr, indem sie in versch. Orten längs der Handelsrouten Agenten einsetzte.

Die Frage der Weggebühren und Zölle führte häufig zu Streitigkeiten zwischen den eidg. Gebieten und M. (Mailänder Kapitulate). Annoni, eines der grössten Mailänder Transportunternehmen, beförderte 1543-45 Waren für über 170'000 fläm. Pfund über Gotthard und Splügen von Antwerpen in die ital. Städte. Zu den Handelsgütern gehörten Tuch, Wolle, kostbare Stoffe, Fisch, Vieh, Milchprodukte, Reis und Waffen, die in M. - einem Produktionszentrum von europ. Rang - hergestellt wurden. Im 17. Jh. verhalf Kaspar Stockalper dem Transitverkehr über den Simplon zu einem Aufschwung und organisierte einen Postdienst zwischen Genf und M., was ihm Privilegien für den Warentransport einbrachte. Der Bau der Fahrstrassen über den Simplon (1805 fertiggestellt), den San Bernardino (1823), den Splügen (1823) und den Gotthard (1830) sowie v.a. die Inbetriebnahme der Eisenbahntunnels am Gotthard (1882) und Simplon (1906) gaben dem Landverkehr zwischen M. und Mittel- und Nordeuropa wieder Auftrieb. Die neuen Basistunnels im Rahmen des NEAT-Projekts verkürzen die Fahrzeit zwischen M. und dem Mittelland erheblich. Der Lötschberg-Basistunnel wurde 2007 eröffnet; der Gotthard-Basistunnel soll bis 2016 vollendet werden.

Bis weit ins 19. Jh. suchten viele - teilweise saisonale - Auswanderer aus der ital. Schweiz in der lombard. Hauptstadt ihr Auskommen, darunter zahlreiche Wirte, Träger, Kastanienröster, Chocolatiers, Kaffeehausbesitzer und Kaminfeger. Maurer, Kunsthandwerker und Künstler wurden vom MA an von der Dombauhütte und an anderen Bauwerken beschäftigt. Als die österr. Behörden 1853 rund 6'000 Tessiner aus dem Lombardo-Venetianischen Königreich auswiesen, flossen die Auswandererströme in andere Richtungen. Ab den ersten Jahrzehnten des 19. Jh. zog M. auch Unternehmer aus den Schweizer Regionen nördlich der Alpen an, die anfänglich v.a. im Textil- und Bankensektor tätig waren. Diese Einwanderer gründeten 1850 eine ref. Gemeinde (seit 1864 eigene Kirche), die 1860 eine internat. Schule für die ref. Familien von M. aufbaute. Daraus entwickelte sich 1919 die heute noch bestehende Schweizer Schule. 1883 konstitutierte sich der Schweizer Verein von M. In der 2. Hälfte des 19. Jh. nahm die Anzahl der Schweizer Unternehmer in M. weiter zu; so liess sich z.B. der Verleger Ulrico Hoepli dort nieder. Zu Beginn des 20. Jh. eröffneten führende Schweizer Unternehmen wie Brown Boveri, Ciba, Sandoz, Nestlé, Wander und Roche Filialen in M. oder erwarben Mehrheitsbeteiligungen an ortsansässigen Firmen. Für die Schweizer Präsenz in Italien wurde M. im Lauf des 20. Jh. immer wichtiger; die 1919 in Genua gegr. Schweizer Handelskammer in Italien wurde 1931 in die lombard. Hauptstadt verlegt.

Die in M. ansässigen Schweizer stammten um 1900 vorwiegend aus den deutschsprachigen Kantonen (65%) und Graubünden. Ihre Zahl, fast 5'000, entsprach knapp der Hälfte der Schweizer Kolonie in Italien. Nach der Machtergreifung der Faschisten hatten sie unter dem wachsenden Protektionismus und Nationalismus Italiens zu leiden; die Affäre Bassanesi verschärfte 1930 die Spannungen zwischen den beiden Ländern zusätzlich. Der Faschismus stiess aber bei einem Teil der Schweizer auch auf Sympathie. 1934 wurde ein schweiz. fascio (faschist. Zelle) in M. gegründet, was zur Spaltung der Kolonie führte. Die Bundesbehörden reagierten mit der Entsendung des Berufsdiplomaten Charles-Edouard de Bavier und erhoben die Mailänder diplomat. Vertretung 1934 in den Rang eines Generalkonsulats. Trotzdem konnten die Spannungen erst im April 1939 beigelegt werden.

Da 1943 eine Bombe den Sitz des Schweizer Vereins in M. zerstört hatte, wurde ein neues Schweizer Zentrum unter der Leitung des Architekten Armin Meili errichtet, das 1952 eingeweiht wurde. Seit 1956 vollständig Eigentum der Eidgenossenschaft, beherbergt es ausser dem Generalkonsulat auch das Schweizer Kulturzentrum, die Schweizer Handelskammer in Italien, Tourismus Schweiz, ein Studio des Radios und Fernsehens der ital. Schweiz und die Büros versch. Schweizer und internat. Firmen. Mit rund 24'000 Personen ist der Konsularbezirk M. heute die drittgrösste Schweizer Kolonie im Ausland überhaupt.

Dank des 1579 gegr. Collegium Helveticum war M. ein bedeutendes Ausbildungszentrum für den kath. Klerus der Schweiz. Im 18. Jh. bestanden Beziehungen zwischen den Schweizer und Mailänder Aufklärern, wie der Briefwechsel zwischen Cesare Beccaria und der Société des Citoyens von Bern beweist. Letztere prämierte den Gelehrten 1765 für sein Werk "Dei delitti e delle pene", in dem er u.a. für die Abschaffung der Todesstrafe eintrat. Die in M. herausgegebene Zeitschrift "Il Caffè", die von Beccaria und den Brüdern Pietro und Alessandro Verri getragen wurde, erschien teilweise in dt. Sprache bei Orell Füssli in Zürich. Die Mailänder Aufklärung hatte auch massgebl. Einfluss auf das kulturelle Leben der ital. Schweiz; für deren Künstler war die Akad. von Brera eine der wichtigsten Ausbildungsstätten. Ende des 20. Jh. wurde die Verbundenheit der Schweiz mit dem lombard. Hauptort durch die Eröffnung des Schweizer Kulturzentrums in M. (1997) und die Zusammenarbeit zwischen der Univ. der ital. Schweiz und den Mailänder Hochschulen noch gefestigt. Der Tessiner Architekt Mario Botta erhielt den Auftrag zum Umbau der Scala, den er 2004 abschloss.


Literatur
– L. Mazzucchetti, A. Lohner Die Schweiz und Italien: Kulturbeziehungen aus zwei Jahrhunderten, 1941
Storia di Milano 1-16, 1953-62
– G. Bonnant et al., Svizzeri in Italia, 1848-1972, 1972
– F. Glauser, «Der Gotthardtransit von 1500 bis 1660», in SZG 29, 1979, 16-52
– R. Ceschi, «Bleniesi milanesi», in Col bastone e la bisaccia per le strade d'Europa, 1991, 49-72
Scuola svizzera di Milano: 75 anniversario, hg. von R.M. Engeler, 1994
– M. Cerutti, «Les Suisses d'Italie à l'époque du fascisme», in SQ 28, 2002, 189-226

Autorin/Autor: Marianne Bauer / PTO