Sempach

Polit. Gem. LU, Amt Sursee. Städtchen am südöstl. Ufer des Sempachersees. Um 1695 ca. 550 Einw.; 1798 1'113; 1816 891; 1850 1'086; 1900 1'028; 1950 1'308; 2000 3'483. Um 1160 Sempach, 1173 Sempahc. Im Uferbereich des Sempachersees wurden jungsteinzeitl. Spuren und bronzezeitl. Siedlungen gefunden. Im Weiler Kirchbühl kamen Reste eines röm. Gutshofs zum Vorschein. Im HochMA entstand in S. zunächst ein Meierhof. Er kam vor 1173 von den Lenzburgern zu den Habsburgern und 1232/34 an die Habsburg-Laufenburger. Kurz vor 1234 wurde am Ort des Meierhofs die Stadt von den Habsburgern oder Habsburg-Laufenburgern gegründet, wobei feste Türme (Geschlechtertürme?) schon vorher bestanden. 1235 wird erstmals der Schultheiss genannt, 1285 die universitas civium, 1296 der Rat. Von 1297 datiert das früheste überlieferte Stadtsiegel. 1273 wurde S. von der älteren Habsburger Linie übernommen und mit Geuensee, Krummbach, Eich, Ludiswil und Adelwil im officium S. zu einem Verwaltungsbezirk vereint, dessen Mittelpunkt sich vermutlich bald nach Rothenburg verlagerte. Zur Stadt gehörten innerhalb des äusseren Friedkreises 14 Höfe auf dem Land, z.T. aus der Berghof-Gruppe. Der Meierhof befand sich im 14. Jh. im Besitz von St. Blasien und kam über diverse Inhaber 1787 zu Luzern, das ihn der Seevogtei unterstellte.

Bedeutung erlangte S. unter habsburg.-laufenburg. Herrschaft und um 1300, als sich die Gotthardroute über Sursee etablierte und sich Ministerialen in S. niederliessen. 1315 verpfändeten die Habsburger die Stadtsteuer dem Strassburger Heinrich von Mülnheim. Die Bürger von S. wehrten sich Ende des 14. Jh. gegen diese Belastung, die Pfandablösung erfolgte jedoch erst 1462. Um 1380 erhielt S. von Österreich einen Stadtzoll. Ab 1367 wurde es von den Grünenbergern, den Pfandherren des Amts Rothenburg, bedrängt, welche die Schultheissenwahl und die 14 Höfe beanspruchten. Nach dem Luzerner Überfall auf Rothenburg schloss S. am 6.1.1386 ein Burgrecht mit Luzern, was mit ein Grund für den Ausbruch des Sempacherkriegs am 9.7.1386 war. 1388 wurde das Städtchen vom österr. Landvogt im Aargau überfallen. 1415 ging S. durch Burgrecht offiziell an Luzern über und erhielt für den Stadtbereich den Blutbann (bis 1798) sowie im Umfang der heutigen Gem. einen Fried- bzw. Niedergerichtskreis. Das Burgrecht mit Luzern wandelte sich bis Ende des 16. Jh. zum Untertanenverhältnis. Während die frühen Stadtrechte verloren gingen, sind Fassungen von 1474, 1477 und 1520 überliefert. Das Regiment bestand aus neun Stadträten inklusive Schultheiss; bei der Schultheissenwahl hatte S. gegenüber dem Luzerner Rat das Vorschlagsrecht.

Die Kirche St. Martin wurde zwischen dem 10. und 12. Jh. auf dem Kirchbühl erbaut. Sie gehörte zum Meierhof und diente der Pfarrei Kirchbühl-S. später als Pfarrkirche. Der Kirchbühler Pfarrer ist 1234 als plebanus in S. überliefert; zu dieser Zeit residierte er wohl schon bei der Filialkirche St. Stephan, die 1275 erstmals erwähnt wird. 1275 war der Kirchensatz der Pfarrei der einträglichste im Dekanat. Ein erster Schulmeister wird 1271 genannt. 1828-33 wurde die ma., barockisierte Kirche St. Stephan von Baumeister Josef Händle aus Tirol durch einen Neubau ersetzt und mit der Verlegung des Friedhofs definitiv zur Pfarreikirche erhoben. Die nordöstlich der Stadt gelegene Schlachtkapelle St. Jakob von 1387 wurde 1473-74, 1551-52 und 1638-41 umgebaut.

1412 erhielt S. vier Jahrmärkte. Unter Luzern kamen der Tor- und Seezoll mit Zollzwang dazu (zusätzl. Seezoll beim Deckenhüsli 1640-1765, Strassenzoll beim Seehüsli 1765-1834) sowie das Seefrachtmonopol. 1425 wurden S. bei der Erneuerung des Burgrechtsbriefs Böspfennig und Hofstättenzinsen überlassen, 1546 auch das Ungeld. Der wirtschaftl. Aufschwung blieb aber zunächst aus und eine Abwanderung nach Luzern setzte ein. 1477 verwüstete ein Brand die Stadt. Ein Stadtspital besteht seit dem 16. Jh. Im Bauernkrieg 1653 wurde S. bedrängt, weil es zur Luzerner Regierung hielt. Mit der Zunahme des Landverkehrs im 17. und 18. Jh. erlebte S. eine wirtschaftl. Entfaltung, blieb jedoch noch lange vorwiegend agrarisch geprägt; im Stadtbild herrschte noch der Holzbau vor. Im 18. Jh. wurden eine Färberei, eine Öltrotte und eine Tabakstampfe eingerichtet.

1798-1803 war S. Distriktshauptort, 1814-1913 Hauptort eines Gerichtsbezirks mit Eich, Hildisrieden, Neuenkirch und Nottwil. Ebenfalls in der Helvetik kam es zur ersten grossen Allmendaufteilung. Der Weidgang wurde nach 1810 aufgehoben. Im 19. Jh. betrieben die Einwohner S.s vermehrt Vieh- und ab 1950 Schweinezucht (Sitz des Schweiz. Schweinezucht- und Schweineproduzentenverbands, Schlacht- und Mastleistungsprüfungsanstalt) sowie Obstbau (Kirsch). 1818 konstituierte sich in S. die kantonale Landwirtschaftl.-ökonom. Gesellschaft, der spätere liberale, gewerbepolit. Kulturverein, der 1859 in S. als liberaler Bauernverein neu belebt wurde. 1864 erfolgte die Einrichtung einer Jugendbibliothek. 1814-80 wurde versucht, die Stroh- und Rosshaarflechterei sowie die Strumpfweberei einzuführen. 1871 nahm eine Fabrik für Kunstblumen ihren Betrieb auf. 1909 gründete die Gem. die gewerbl. Fortbildungsschule. Ab 1909 erschien der "Anzeiger von S." (ab 1925 "Sempacher Zeitung", seit 1995 "Sempacher Woche"). Die Linienführung der 1859 eröffneten Schweiz. Centralbahn war für S. ungünstig, erst die 1981 fertig gestellte A2 belebte die Stadtentwicklung. S. verfügt über ein Ortsbild von nationaler Bedeutung und beherbergt seit 1924 die Schweiz. Vogelwarte.


Literatur
– P.A. von Segesser, Rechtsgesch. der Stadt und Republik Luzern 1, 1851
– F. Schaffer, Die Gesch. der luzern. Territorialpolitik bis 1500, 1941
– G. Boesch, S. im MA, 1948
Kdm LU 4, 1956, 367-412
– A. Helfenstein, Werken und Wirken zu S., der kleinen Stadt, 1974
– F. Glauser, J.J. Siegrist, Die Luzerner Pfarreien und Landvogteien, 1977, v.a. 79-81
JHGL 2, 1984, 92; 3, 1985, 76-78; 4, 1986, 105 f.; 5, 1987, 48-50; 8, 1990, 133-135
– A. Helfenstein, Die Korporation S. im 19. Jh., 1986
– C. Merkli, Lebensraum im Wandel, 1993

Autorin/Autor: Waltraud Hörsch