14/06/2004 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Beromünster (Gemeinde)

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Polit. Gem. LU, Amt Sursee, im oberen Wynental. B. besteht aus zwei Siedlungskernen, dem Flecken in einer Mulde und dem Stift B. an deren westl. Rand auf einem Hügel. Drei Häuserzeilen in geschlossener Bauweise, neu gebaut nach dem Brand von 1764, entlang einer Haupt- und einer Nebengasse bilden den Flecken. 1223 villa Beronensis, 1333 Münster in Ergöwe, bis 1934 Münster (LU). Die schon vor der Stiftsgründung bestehende Siedlung entwickelte sich zum Zentrum der Stiftsherrschaft, Marktort, Zentrum versch. Landzünfte, Gerichts- und Amtshauptort sowie zur luzern. Zollstation. 1695 ca. 890 Einw.; 1798 939; 1837 1'071; 1850 1'148; 1860 1'198; 1900 973; 1950 1'434; 2000 2'358.

Die ältesten Siedlungsspuren wurden 1986 anlässlich archäolog. Untersuchungen im Bezirk der Pfarrkirche St. Stephan gefunden. Ein Silexabschlag, ein Leistenziegel- und ein Lavezbecherfragment deuten auf eine Besiedlung hin, die über das FrühMA und die Römerzeit hinaus in die Steinzeit zurückreicht. Der Flecken B. gehörte vor 1798 zum Michelsamt und hatte darin eine Sonderstellung: Zum einen war er exemt von der Vogtgerichtsbarkeit. Über Frevel richtete der Stiftspropst; Totschläger wurden von ihm verhaftet und dem Vogt an ein Gericht ausserhalb des Fleckens ausgeliefert. Auch die Vogtsteuer durfte nur vom Propst erhoben werden. Zum andern hatte das Dorf B. einige städt. Freiheiten, so ein Burgrecht für alle, die in seinen Gemarkungen wohnten, und einen Rat. 1440 ist von Ammann, Rat und Burgern die Rede. Ursprung und Kompetenzen des Rats sind unbekannt. Spätestens ab Mitte des 14. Jh. war B. Marktort mit einem Wochenmarkt und sechs Jahrmärkten. 1490 wurden die Rechtsverhältnisse zwischen Stift und Flecken neu geregelt: Von den acht Mitgliedern des Gerichts wurden vier vom Propst, vier vom Rat von B. ernannt. Die Aufgaben bestimmter Amtsleute des Fleckens bezogen sich auf das ganze Michelsamt. So führte der Ammann einerseits die Geschäfte des Fleckens, andererseits hatte er an Stelle des Propstes den Vorsitz im Gericht inne. Ebenso beschränkte sich die Tätigkeit des Flecken- bzw. Amtsschreibers nicht auf den Ort.

B. liegt an einer Strasse, die in der frühen Neuzeit als Verbindungsachse Luzern-Aarau an Bedeutung gewann. In den 1670er Jahren hatte Luzern hier einen Zoll eingerichtet, der in den 1730er Jahren zu den wichtigeren Zollstationen der Luzerner Landschaft aufrückte. Im späten 16. Jh. entwickelte sich B. neben den Luzerner Landstädten und dem Dorf Ruswil zu einem Landzünfte-Zentrum (Bauleute, Schuhmacher, Schneider, Schmiede, Weber, Kunsthandwerker). Die Struktur von Handwerk und Gewerbe war grossenteils durch die Bedürfnisse des Stifts geprägt: Bau- und Kunsthandwerk, Versorgung mit Lebensmitteln sowie Bekleidung. B. liegt im ehemaligen Zelgengebiet. Zwei Mühlen, die beide zum ältesten lenzburg. Stiftungsgut an das Stift B. gehören, weisen auf einen einst intensiveren Getreidebau hin. Die Allmendaufteilung erfolgte erst im 19. Jh. Nordwestlich des alten Fleckens steht das Schloss B., ein Wohnturm, der mit seinen 70-80 cm dicken Mauern keinen Wehrcharakter hatte. Die Entstehungszeit ist unbekannt; das Mauerwerk deutet auf das 14. Jh. hin. Damals bewohnte ihn ein Zweig der Truchsessen von Wolhusen. Im späten 15. Jh. war der Chorherr Helias Helye von Laufen Besitzer des Schlosses, der hier 1470 den "Mamotrectus", ein Lehrbuch für schwierige Ausdrücke der Hl. Schrift, gedruckt haben soll. Seit 1928 ist ein Verein Eigentümer des ehemaligen Wohnturms und hat darin ein Heimatmuseum eingerichtet. In B. gibt es seit dem 10. Jh. zwei Pfarreien: Der Flecken bildet die Pfarrei St. Stephan, der Stiftsbezirk die Stiftspfarrei mit eigenem Leutpriester. Rechtmässiger Pfarrer von St. Stephan ist der Stiftspropst, der jedoch immer einen Leutpriester anstellt. Die Kirche St. Stephan ist älter als die Stiftskirche. Der erste Bau war eine Holzkirche aus dem 8. Jh. Es folgte im 10. Jh. der erste Steinbau, dessen Chor im 12. Jh. umgebaut wurde. 1469 ersetzte man diese Kirche durch einen grösseren Neubau. Die bestehende, 1985-86 renovierte Kirche wurde 1623 errichtet.

Während der Helvetik war B. Verwaltungszentrum des luzern. Distrikts Münster. 1803 wurde der Flecken dem Amt Sursee zugeteilt. 1803-14 war B. Sitz des Gemeindegerichts Münster mit B., Gunzwil, Pfeffikon, Schwarzenbach, Rickenbach und Ludigen (Gem. Römerswil), 1813-1913 Sitz des Bezirksgerichts Münster mit B., Gunzwil, Neudorf, Pfeffikon, Rickenbach und Schwarzenbach. Seit 1831 gibt es in B. wie vielerorts im Kt. Luzern vier Gemeindeorganisationen: die Einwohnergemeinde, die Bürgergemeinde, welche die Sozialvorsorge und die Führung der Altersheime als Aufgabe hat, die Korporationsbürgergemeinde, die als Rechtsnachfolgerin der ehemaligen Fleckengenossenschaft ihren überkommenen Grundbesitz (Wald und Höfe) verwaltet und die Wasserversorgung der Gem. betreibt, und - als vierte - die Kirchgemeinde.

In B. spielte wie im übrigen Wynental ab dem 18. Jh. die Heimindustrie eine grosse Rolle. Bis zu Beginn des 19. Jh. arbeiteten viele Einwohner für Aargauer Baumwollfabrikanten. Nach dem Zusammenbruch der Baumwollindustrie stellte man zunächst auf Buntweberei, danach v.a. auf Strohflechten um. Die Auftraggeber kamen wiederum aus dem Aargau. Trotz Eröffnung der Bahnlinie B.-Reinach (AG) im Jahr 1906 liessen sich in B. kaum nennenswerte Industriebetriebe nieder. Der Mittelwellensender B. steht auf Boden der Gem. Gunzwil. 1990 waren 7% der in B. Erwerbstätigen in der Landwirtschaft, 34% in Industrie, Handwerk und Gewerbe sowie 59% im Dienstleistungssektor tätig. Die Gem. B. beherbergt seit 1964 als Nachfolgerin der Stiftsschule eine Kantonsschule (seit 1977 Maturitätsschule). Ein als Internat geführtes Studienheim besteht seit 1959.


Literatur
– P.A. von Segesser, Rechtsgesch. von Stadt und Republik Luzern, 4 Bde., 1850-58
– A. Dormann, J. Wallimann, Die Gesch. der Pfarrei St. Stephan B., 1959
– F. Glauser, J.J. Siegrist, Die Luzerner Pfarreien und Landvogteien, 1977
– A. Suter, B. einst und jetzt, 1986
– G. Egloff, Herr in Münster: Die Herrschaft des Kollegiatstifts St. Michael in Beromünster in der luzern. Landvogtei Michelsamt am Ende des MA und in der frühen Neuzeit (1420-1700), 2003

Autorin/Autor: Anton Gössi