08/12/2009 | Rückmeldung | PDF | drucken

Luzern (Gemeinde)

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Polit. Gem. LU, Amt L., am Ausfluss der Reuss aus dem Vierwaldstättersee gelegen. 840 luciaria. Das ma. L. bestand aus der Klostersiedlung Sankt Leodegar, dem Kern der städt. Siedlung am rechten Reussufer und der in der 2. Hälfte des 13. Jh. um den Brückenkopf auf dem linken Flussufer entstandenen Kleinstadt. Entscheidend für die Entwicklung der Stadt war das Aufkommen des Handels über den Gotthardpass im 13. Jh. Die ganze frühe Neuzeit hindurch blieb die städt. Siedlung im Wesentlichen auf den Raum innerhalb des zweiten Mauerrings aus dem beginnenden 15. Jh. beschränkt. Im 19. und 20. Jh. wuchs die städt. Siedlung auf beiden Seiten der Luzernerbucht und entlang der Ausfallstrassen. Eine weitere räuml. Ausdehnung der Stadtgemeinde wurde lange verhindert, weil sich die Agglomerationsgemeinden nicht eingemeinden liessen. Als grössere unbebaute Gebiete blieben der Gütschwald im Westen der Stadt, die Höhen des Utenbergs und Dietschibergs im Nordosten und die Exklave am Bürgenstock erhalten. 2007 stimmten die städt. Stimmbürger der Eingemeindung von Littau per 2010 zu.

L. ist Kantonshauptstadt und Sitz der kant. Behörden. Es fungiert als Handels- und Dienstleistungszentrum für die wachsende Agglomeration und die Innerschweiz. Auch im Bereich der Bildung (Universität Luzern, vier Teilschulen der Fachhochschule Zentralschweiz, Pädagog. Hochschule, Zentral- und Hochschulbibliothek) und Kultur (Kultur- und Kongresszentrum, Stadttheater, Museen) erfüllt es zentralörtl. Aufgaben. L. ist Sitz des Eidg. Versicherungsgerichts (Bundesgericht) und der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva). Ab den 1830er Jahren entwickelte sich L. aufgrund seiner hist. Denkmäler, seiner Lage am See und der Nähe zu viel besuchten Bergen (Rigi, Pilatus und Bürgenstock) zu einem der wichtigsten Fremdenverkehrsorte der Schweiz.

Bevölkerung Luzern
JahrEinwohner
1445ca. 3 500
1654ca. 4 000
1700ca. 4 000
17844 235
17984 314

Jahr18501870a18881900191019301950197019902000
Einwohner10 06814 40020 31429 25539 33947 06660 52669 87961 03459 496
Anteil an Kantonsbevölkerung7,6%10,9%15,0%20,0%23,5%24,9%27,1%24,1%18,7%17,0%
Sprache          
Deutsch  19 64527 30335 92843 61556 38561 32251 44950 252
Italienisch  2851 2422 2951 9982 1994 7552 3831 627
Französisch  2935298111 0241 4041 070763677
Andere  911813054295382 7326 4396 940
Religion, Konfession          
Katholischb9 75113 12417 34123 95530 91735 09743 77353 29841 99535 682
Protestantisch3171 2912 7574 9337 52410 63014 55214 47611 1349 227
Andere 1092163678981 3392 2012 1057 90514 587
davon jüdischen Glaubens  184299435469457410277196
davon islamischen Glaubens       399721 824
davon ohne Zugehörigkeitc       8933 8106 310
Nationalität          
Schweizer9 70313 41618 38125 14132 29341 66356 83560 78750 53947 412
Ausländer3651 1081 9334 1147 0465 4033 6919 09210 49512 084

a Einwohner: Wohnbevölkerung; Religion, Nationalität: ortsanwesende Bevölkerung

b 1888-1930 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

c zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

Quellen:Autor; eidg. Volkszählungen

1 - Ur- und Frühgeschichte

Es liegen nur spärl. Zeugnisse über die ur- und frühgeschichtl. Besiedlung auf dem Gebiet der Gem. L. vor. Der älteste Fund ist eine Silexspitze aus dem Quartier Würzenbach, die aus der späten Mittelsteinzeit (6700-5500 v.Chr.) stammen dürfte. Die Jungsteinzeit (5500-2200 v.Chr.) ist durch vereinzelte Beile und eine Lochaxt aus Stein vertreten, die alle bei Bauvorhaben im 19. Jh. zum Vorschein kamen. Ein Silexartefakt wurde 1993 bei der Ausgrabung einer ma. Lokalität an der Krongasse gefunden, kann aber innerhalb der Steinzeit nicht näher datiert werden. Vermutungen über prähist. Siedlungen am ehem. Ufer des Vierwaldstättersees konnten noch nicht durch entsprechende Funde belegt werden. Beim Bau des Casino Parkings wurde 2000 eine jungsteinzeitl. Ufersiedlung mit Holzkonstruktionen ohne vorgängige Untersuchung zerstört. Das jungsteinzeitl. Siedlungsniveau lag anscheinend etwa fünf Meter unterhalb des heutigen Seespiegels, was durch botan. Analysen bestätigt wurde. Zeugnisse aus der jüngeren Urgeschichte (Bronze- und Eisenzeit) liegen bis heute nicht vor. Aus der Römerzeit stammen versch. Münzen aus dem 2. und 3. Jh. n.Chr. Am Mühlenplatz wurde eine Münze in etwa vier Meter, am Rotsee in etwa zweieinhalb Meter Tiefe gefunden.

Autorin/Autor: Ebbe Nielsen, Hermann Fetz

2 - Herrschaft und Politik in Mittelalter und Frühneuzeit

Der Grund und Boden, auf dem im 12. und 13. Jh. die Stadt L. entstand, gehörte ursprünglich zumindest zu einem grossen Teil dem Kloster Murbach und dessen Propstei St. Leodegar im Hof. Die rechts der Reuss gelegene "Grossstadt" lag zwischen den grundherrl. Fronhöfen im Hof und in der Geissmatt. Das Gebiet der linksufrigen "Kleinstadt" scheint im 9. Jh. zu Kriens gerechnet worden zu sein. Als Vögte der beiden Klöster beteiligten sich im 13. Jh. auch die Gf. von Habsburg und die Herren von Rothenburg an der Stadtherrschaft.

Die ersten Stadtmauern samt Türmen und Gräben sowie die ersten Palisaden im See wurden im 13. Jh. errichtet - wahrscheinlich mit Billigung der Stadtherren, vielleicht sogar auf deren Anstoss hin. Am Wasserturm, dessen Bau möglicherweise ins 13. Jh. zurückgeht, behauptete das Kloster im Hof noch 1367 das Obereigentum. Ebenso hielt es damals noch das Obereigentum an städt. Einrichtungen wie dem Rathaus, dem Haus der "Cawertschin" (Wechsel, Pfandleihe), den "Schalen" (Markthallen), Mühlen und dergleichen mehr. Manche dieser Rechte verlor das Kloster erst durch den Generalauskauf von 1479. Ferner besass die Kirche im Hof, wie bereits der Pfarreibrief von 1178 zeigt, die Pfarreirechte über die Stadt. Die Kapelle St. Peter galt als ihre Filiale. Der städt. Pfarrbezirk umfasste auch die Dörfer Littau und Ebikon.

Die Stadtgemeinde bildete sich in der 1. Hälfte des 13. Jh. heraus. 1241 ist erstmals ihr Siegel bezeugt. 1252 dürfte die älteste Version des Geschworenen Briefes entstanden sein, ein nach einer schweren Fehde geschlossener Vertrag zwischen den Herren von Rothenburg und der Stadtgemeinde, welche das städt. Friedensrecht festhielt und die gerichtl. Zuständigkeit für das Friedensrecht in die Hände der Vertragspartner legte. Von nun an versammelte sich die Gem. jeweils am 27. Dez. und am 24. Juni in der St. Peterskapelle, um den Eid auf den Geschworenen Brief zu wiederholen. Nach dem Aussterben der Rothenburger nahm der Geschworene Brief die Form eines Vertrags zwischen den städt. Behörden und der Gem. an. Die Gemeindeversammlung befasste sich gelegentlich auch mit Sachgeschäften und trat bei Bedarf zwischen den beiden Schwörtagen zusammen. Eine feste Zuständigkeit für bestimmte Geschäfte beanspruchte sie erst ab 1489 (Krieg und Frieden, Steuern, Kauf und Verkauf von Land und Leuten, Verschuldung und Verpfändung der Stadt).

Die Führung der Gem. lag vom 13. Jh. an beim Kl. Rat. Er bestand aus zwei Hälften, die sich gegenseitig wählten und je 18 lebenslänglich amtierende Mitglieder zählten. Eine Hälfte führte die Geschäfte vom 27. Dez. bis zum 24. Juni, die andere in den übrigen sechs Monaten. Den Vorsitz hatte der sog. Ratsrichter inne, der bis 1427 jede Woche, dann jedes halbe Jahr wechselte. Der Gr. Rat entstand während der Unruhephasen von 1328 bis 1330 und 1343. Die Zahl seiner Mitglieder sank 1343 von 300 auf höchstens 100 und reduzierte sich im 15. Jh. weiter. Ungeachtet der Verkleinerung wurde der Gr. Rat auch später als die "Hundert" bezeichnet.

Der Schultheiss war ursprünglich der aus den Reihen der Bürger ernannte Vertreter der österr. Herrschaft. 1328 wurde er erstmals vom Kl. Rat gewählt. In den 1380er Jahren setzte sich der jährl. Wechsel des Amtsinhabers durch. Die Altschultheissen bildeten nun eine Art Spitzengruppe unter den Kleinräten. Häufig kehrten sie mehrmals in das Amt zurück.

Die Stubengesellschaften und die in ihnen - meistens als Untergruppen - organisierten Handwerke traten erst am Ende des 14. Jh. deutlich in Erscheinung, als sie begannen, Häuser ("Stuben") zu erwerben und schriftl. Stubenordnungen zu errichten. In der polit. Organisation der Stadt spielten sie keine Rolle, sondern blieben auf gesellige, militär. und religiöse Funktionen beschränkt. Im 15. Jh. wurden sie gelegentlich von den Behörden angehört und wirkten bei der Reglementierung ihrer Berufssparten mit. Ab dem letzten Viertel des 16. Jh. überwachten die Handwerke (nun als Meisterschaften bezeichnet) weitgehend selbstständig die Einhaltung ihrer Berufsordnungen und erliessen manchmal selbst solche Ordnungen.

Die städt. Selbstverwaltung basierte auf der Tätigkeit nebenberufl. Amtsleute, deren Zahl im Laufe der Jahrhunderte wuchs. Die wichtigsten Ämter lagen in den Händen von Kleinräten; andere, z.T. nicht unwichtige Funktionen waren den "Hundert" reserviert (z.B. das Amt des Gerichtsweibels, der Vorsitzender des Stadtgerichts war). Zahlreiche weitere Aufgaben wurden von einfachen Gemeindemitgliedern übernommen. In vielen Ausschüssen (Stadtrechner, Feuerschau, Marktaufsicht usw.) und an den Gerichten waren Klein- und Grossräte, in manchen Fällen sogar die Bürgerschaft vertreten.

Die innerstädt. Konflikte des späten 14. und des 15. Jh. wurden als Auseinandersetzungen zwischen der Bürgerschaft und den "Hundert" einerseits sowie dem Kl. Rat andererseits erlebt. Nach der Mitte des 15. Jh. spielten dabei die Handwerke eine beträchtl. Rolle (Höhepunkte 1463, 1471). Spätestens in den 1480er Jahren überlagerten sich diese Konflikte mit den Auseinandersetzungen zwischen den freien Reisläufern und den Anhängern des Pensionensystems.

Die Entwicklung zur patriz. Herrschaftsform ab dem Ende des 16. Jh. änderte wenig an den Grundzügen der institutionellen Organisation. Sie spielte sich vielmehr als sozialer Prozess ab, durch den sich die Zahl der im Kl. und Gr. Rat vertretenen Geschlechter allmählich reduzierte. Grundlage der Rechtssprechung war nach wie vor der inzwischen vielfach modifizierte und erweiterte Geschworene Brief. Ergänzt wurde er durch das erstmals um 1477 zusammengestellte Eidbuch, in dessen Formeln sich ein beträchtl. Teil des zeitgenössischen öffentl. Rechts spiegelt, sowie das Stadtrecht, einer Sammlung von Statuten mit vorwiegend zivilrechtl. Inhalten (erste Fassung ca. 1480). Die beiden Sammlungen wurden im Verlauf der Neuzeit ebenfalls mehrfach erweitert und neu redigiert. Das Stadtrecht erschien 1706 im Druck ("Municipale").

Bei innerstädt. Auseinandersetzungen nahm der traditionelle Antagonismus zwischen dem Kl. Rat auf der einen und der Bürgerschaft und den "Hundert" auf der anderen Seite nun die Gestalt eines Gegensatzes zwischen patriz. und nichtpatriz. Bürgergeschlechtern an. Dieser Gegnerschaft ist wohl bereits der Pfyffer-Amlehn-Handel (1569) zuzuordnen; noch deutlicheren Ausdruck fand sie im Burgerhandel (1651-53) oder im Schumacher-Handel (1763-64). Dazu kamen Auseinandersetzungen innerhalb des Patriziats (z.B. die Meyer-Schumacher-Fehde der 1760er Jahre). Dabei spielten zwar zumindest im 18. Jh. gegensätzliche polit. Vorstellungen eine Rolle (Befürworter und Gegner staatskirchl. Reformen), doch lassen sie sich auch einfach als Rivalitäten zwischen führenden Fam. und Einzelpersonen verstehen, wie sie für aristokrat. Gemeinwesen typisch sind.

Autorin/Autor: Konrad Wanner

3 - Wirtschaft und Gesellschaft vom Mittelalter bis ans Ende des 18. Jahrhunderts

Den Ausgangspunkt für die Stadtentwicklung bot der Markt, der sich von der Gegend der Hofkirche zur Reuss hinzog und nach der Errichtung der Reussbrücke (1. Hälfte 12. Jh.) über den Fluss hinüber reichte. In dieser Zone scheinen mehrere Siedlungskerne entstanden zu sein, und diese dürften sich um 1200 zu einer Stadtanlage verdichtet haben. Die Stadtmauern mussten auf der Kleinstadtseite bereits im 13. Jh. erweitert werden und umschlossen dann auch das um 1269 erbaute Franziskanerkloster (aber nicht die ab dem 8. Jh. bestehende Klostersiedlung im Hof). Aus dem endenden 13. und dem 14. Jh. stammen die gedeckten Brücken, welche die Mauern ergänzten und seither das Bild der Stadt bestimmen: die Spreuer- und die Kapellbrücke sowie die 1834-52 etappenweise abgerissene Hofbrücke. Die Museggmauer mit ihren Türmen wurde erst Ende des 14. und zu Beginn des 15. Jh. errichtet. Sie bildete nie einen geschlossenen Mauerring und ist wohl, was die Verteidigungskonzeption betrifft, mit den Letzimauern zu vergleichen.

Zu den Befestigungsanlagen wurde in der Folgezeit nur wenig hinzugefügt. Dafür gewann die Stadt im Innern an urbaner Qualität, etwa durch den Rathausneubau von 1602-06, durch das in die Vorstadt im Obergrund verlegte Bürgerspital (1654-60), die Münz am Mühlenplatz (1703-04) und durch andere öffentl. Gebäude, aber auch durch eine Reihe von repräsentativen Privathäusern, darunter das innen und aussen mit Wandgemälden Hans Holbeins des Jüngern geschmückte Hertensteinhaus (abgebrochen 1825), sowie durch kirchl. Bauten. Zu den Letzteren zählt das Jesuitenkollegium (Ritter'scher Palast, heutiges Regierungsgebäude, 1556-78) mit Kirche und Gymnasium (welche im 17. und 18. Jh. durch Barockbauten ersetzt wurden), die 1633-44 nach einem Brand vollständig erneuerte Hofkirche, das Kapuzinerkloster auf dem Wesemlin (1584-89) und schliesslich das Ursulinenkloster (1676-84). Ausserhalb der Stadt, aber in deren nächster Umgebung, entstanden im 17. und 18. Jh. zahlreiche Herrensitze.

Man vermutet, dass die Einwohnerzahl in der 1. Hälfte des 14. Jh. die Grössenordnung von 4'000 erreichte und danach zurückging. Ab dem letzten Viertel des 15. Jh. stieg sie wieder leicht an, ging aber bis zum 18. Jh. nicht wesentlich über 4'000 hinaus.

Als Kloster- und Marktort spielte L. bis ins 13. Jh. hinein lediglich eine regionale Rolle. Mit der Etablierung der Gotthardroute fand es Anschluss an den Fernverkehr zwischen der Oberrheinebene und Mailand (ab letztem Drittel 13. Jh., Blütezeit im 16. und im 1. Drittel des 17. Jh.). Dem Gotthardverkehr verdankte die Stadt wohl auch den Erfolg ihrer Messen; diese vierzehntägigen Grossveranstaltungen fanden bis 1417 einmal pro Jahr statt; dann wurden sie zweimal und schliesslich bis 1713 sogar viermal jährlich abgehalten. Eine wichtige Rolle spielten daneben der Luzerner Wochenmarkt (jeweils am Dienstag) und der tägl. Markt. Sie dienten der Stadt und dem Umland (inkl. der Länderorte) bei der Versorgung mit Lebensmitteln und anderen Gütern.

Die von Basel kommenden Transitgüter wurden im SpätMA bei der Schifflände am Wasser (vor der heutigen Jesuitenkirche) auf Nauen umgeladen; nach Eröffnung der Sust auf dem Kapellplatz (1545) geschah dies im Bereich des heutigen Schwanenplatzes. Im 16. Jh. löste sich das Speditionsgeschäft vom Fernhandel ab. In L. wurde es zunächst von der Niederlassung (Faktorei) eines Mailänder Unternehmens betrieben. Aus dieser ging um 1618 die Firma Meyer und Balthasar hervor, welche bis weit ins 18. Jh. hinein das Luzerner Speditionsgewerbe dominierte. Die führenden Fam. beteiligten sich im 17. und 18. Jh. nur noch begrenzt an Handels- und Speditionsgeschäften. Sie konzentrierten sich auf Staatsverwaltung, Solddienst und Kirche.

Das Handwerk produzierte v.a. für den regionalen Bedarf. Die Sparten waren im SpätMA und in der Frühneuzeit ungefähr die gleichen wie in vielen anderen Städten: Wirte, Metzger, Fischer, Bäcker, Gerber, Schuhmacher, Kürschner, Schneider, Holz verarbeitende Berufe, Maurer, Schmiede, Waffenhandwerker usw. Eine Art Exportgewerbe betrieben Luzerner Sensenschmiede, welche im 15. Jh. ihre Produkte bis nach Genf verkauften. Verordnungen von 1463 und 1471-72, mit denen man die Zahl der von jedem Bürger ausgeübten Erwerbszweige zu beschränken versuchte, lassen erahnen, dass sich damals nur wenige Handwerker ausschliesslich von einer Sparte ernährten. Im 17. und 18. Jh. griffen Spezialisierungen innerhalb der traditionellen Handwerksberufe um sich, was zu Abgrenzungsproblemen führte.

Das kirchl. Leben der Luzerner Stadtbevölkerung fand u.a. im Musegger Umgang seinen Ausdruck, einer jährl. Prozession (am 24. März), deren Anfänge ins 13. Jh. zurückgehen. Sie lockte im 17. und 18. Jh. jeweils Tausende von Pilgern an. Wie an anderen Orten erfuhr das religiöse Leben durch die kath. Reform eine Intensivierung. Der lokale Klerus wurde im 16. und 17. Jh. durch die Ansiedlung neuer Orden (Kapuziner, Jesuiten, Ursulinen) verstärkt; zahlreiche Stadtbewohner traten in Orden ein oder ergriffen den Priesterberuf (Höhepunkt 1. Hälfte 18. Jh.). Zu der sich entwickelnden kath. Identität der Stadt trug ferner bei, dass diese nach der konfessionellen Spaltung der Eidgenossenschaft zu einem Zentrum des kath. Lagers wurde. In L. errichtete Spanien 1595 eine Gesandtschaft, der Hl. Stuhl bereits 1586 eine ständige Nuntiatur.

Schon im 15. Jh. war ein Teil der Bürger des Lesens, Schreibens und Rechnens kundig. Manche von ihnen verdankten ihre Kenntnisse der Stiftsschule im Hof, welche zu dieser Zeit nicht nur für den Elementar-, sondern auch für den höheren Unterricht zuständig war. Die Schule im Hof entwickelte sich im 17. und 18. zu einer Schule für Arme und Hintersassen, während die Söhne der übrigen Einwohner die öffentl. Stadtschule (Prinzipienschule) besuchten. Die Schule der Franziskaner diente ursprünglich der Ausbildung von Ordensangehörigen. Sie wurde 1543 durch eine öffentl. Lateinschule verdrängt, welche ihrerseits 1574 vom Jesuitengymnasium abgelöst wurde. Dieses vermittelte Laien und angehenden Priestern eine humanist. Grundausbildung und bot ab 1599 zusätzlich Studiengänge in Philosophie und Theologie an ("Lyzeum"). Nach der Aufhebung des Jesuitenordens (1773) wurde die Schule eine staatl. Anstalt. Die Mädchenschule trennte man 1584 von der Stadtschule ab und vertraute sie 1588 den Beginen im Bruch an. Nach der Berufung der Ursulinen (1659) übernahmen diese die Mädchenbildung. Ihre Schule wurde 1786 durch Josef Ignaz Zimmermann einer Reform unterzogen.

Die bemerkenswerteste Erscheinung im kulturellen Leben der Stadt war die ab der Mitte des 15. Jh. bezeugte Theatertradition (Fasnachts-, Passions- und Osterspiele). Die Spiele wurden im 17. und 18. Jh. v.a. von der Jesuitenschule durch Aufführungen in lat. Sprache weitergeführt. Diese fanden bis 1677 noch gelegentlich auf öffentl. Plätzen statt. 1768 schrieben die Behörden für Schulaufführungen die dt. Sprache vor.

Autorin/Autor: Konrad Wanner

4 - Politisch-administrative Entwicklung von der Helvetik bis zur Gegenwart

4.1 - Entwicklung der Gemeindestrukturen

In der Helvetik wurde die bisherige Einheit von Kantons- und Stadtverwaltung aufgelöst. Die Sönderungskonvention von 1800 legte die Eigentumsverhältnisse zwischen dem Staat und der Stadtgemeinde L. fest. Auf kommunaler Ebene entstanden zwei Gemeindeorganisationen: Die Munizipalgemeinde, politisch dem Gleichheitsprinzip verpflichtet, umfasste alle ortsansässigen Aktivbürger. Ihr stand in L. die elfköpfige Munizipalität vor, die u.a. ortspolizeil. Aufgaben wahrnahm. Der zweiten Gem., der Anteilhabergemeinde, gehörten alle Stadtbürger des Ancien Régime an. Sie wurde von der Gemeindekammer (mit neun Mitgliedern) geleitet; ihr oblag die Armenpflege und die Verwaltung der wertmässig bedeutenden Gemeindegüter.

Die Mediationsverfassung von 1803 schaffte die Zweiteilung ab. Einzig die Gem. der ansässigen Ortsbürger blieb bestehen. Ihr stand die neunköpfige Gemeindeverwaltung (ab 1808 Verwaltungsrat) vor. Daneben gab es das Gemeindegericht (Stadtgericht), das Reste des Einwohnerprinzips repräsentierte und von den Einwohnern der Stadt L. gewählt wurde. Der Staatsstreich vom 16.2.1814 des ehem. Patriziats und der Stadtbürger bewirkte ein teilweises Wiederaufleben der vorrevolutionären Verhältnisse. Die Restaurationszeit war geprägt von der Dominanz des Ortsbürgerprinzips. Nur mehr die stimmfähigen Gemeindebürger wählten Grossräte, Bezirksrichter und Gemeindebeamte. Mit dem "Reglement für die Bürgergemeinde der Stadt L." erhielt die Stadt 1814 ihre erste geschriebene Verfassung. Der Verwaltungsrat der anteilberechtigten Bürger übernahm mit dieser Neuordnung als nunmehr einzige Stadtbehörde auch die Polizeiaufgaben, die ab 1803 vom Gemeindegericht ausgeübt worden waren. 1822 wurde die Trennung der städt. Gemeindegüter in Armen- und Korporationsgüter durchgeführt, wodurch die Unterscheidung von Ortsbürger- und Korporationsgemeinde vorbereitet wurde.

Die liberale Revision der Kantonsverfassung von 1831 brachte die Dreiteilung des Luzerner Gemeindewesens; zusätzlich zur Korporations- und Ortsbürgergemeinde wurde die Einwohnergemeinde geschaffen. Die Einwohnergemeinde übernahm hauptsächlich Aufgaben der ehemaligen helvet. Munizipalgemeinde. Sie erhielt das Recht auf den Bezug von Polizeisteuern. Die Ausdehnung des Stimm- und Wahlrechts auf die niedergelassenen Kantonsbürger, die in der Stadt schon längst eine grosse Mehrheit bildeten, stellte in etwa wieder den helvet. Zustand her. Der Verwaltungsrat wurde durch einen Engeren und einen Grösseren Stadtrat (mit 9 bzw. 45 Mitgliedern) ersetzt, die von der Einwohnerversammlung gewählt wurden. Die anteilsberechtigten Bürger bildeten die Korporations- und die Ortsbürgergemeinde. Die Ortsbürgergemeinde blieb für die Betreuung des Armen-, Vormundschafts- und Bürgerrechtswesens bestehen. Vier Mitglieder des bisherigen Verwaltungsrates traten in den Armen- und Waisenrat über (ab 1873 Engerer Ortsbürgerrat, ab 1964 Bürgerrat). Die Hintersassen durften an den Versammlungen der in dieser Form neuen Ortsbürgergemeinde teilnehmen, während die ehemaligen vollberechtigten Bürger in der Korporationsgemeindeversammlung unter sich blieben. Die Funktion der Korporationsgemeinde beschränkte sich auf die Verwaltung ihres Korporationsgutes, hauptsächlich Wälder in der Stadt und den umliegenden Gem., Alpliegenschaften und Fischenzen.

Die Einwohnergemeinde besass im Gegensatz zur Bürgergemeinde nur geringe finanzielle Mittel und kein Bauland auf Stadtboden, was ihren Spielraum stark einschränkte. Ab den 1860er Jahren trat der Stadtrat stärker auf. 1862 erhielt er vom Gr. Rat des Kantons die Bewilligung, den bisher dem Armen- und Waisenrat unterstellten Ursulinen-Fonds für die städt. Töchterschule selbst zu verwalten. Erst das Organisationsreglement der Ortsbürgergemeinde (1873) und das revidierte Organisationsreglement der Einwohnergemeinde (1879) trugen dem durch Migration wachsenden Anteil von Nichtbürgern Rechnung: Die Einwohnergemeinde war nun politisch nicht mehr von der Bürgergemeinde abhängig und konnte in der wirtschaftlich aufstrebenden Stadt eine eigenständige Rolle übernehmen.

Die Gesetzgebung auf Bundes- und Kantonsebene (ZGB und kant. Einführungsgesetz) führte 1915 dazu, dass das Vormundschaftswesen in die Zuständigkeit der Einwohnergemeinde fiel. Als 1924 die neuen kant. Armen- und Bürgerrechtsgesetze das Wohnsitzprinzip im Armenwesen und das unentgeltl. Ortsbürgerrecht für kant. Bürger mit 20 Jahren Wohnsitz in einer Gem. brachten, veränderte sich die Aufgabe der Bürgergemeinde grundlegend: Sie hatte nun die Armenpflege aller armengenössigen Stadtbewohner zu gewährleisten und musste dazu 1926 eine Armensteuer einführen. Während die Initiative der Unabhängigen Frauenliste zur Auflösung der Bürgergemeinde 1990 scheiterte, führte die Initiative der Liberalen (FDP) 2000 zum Zusammenschluss von Einwohner- und Bürgergemeinde. Der Gr. Bürgerrat und der Bürgerrat, das Legislativ- und das Exekutivorgan der Bürgergemeinde, wurden aufgelöst, und deren Aufgaben dem Gr. Stadtrat bzw. dem Stadtrat übertragen. Die Korporationsgemeinde konnte sich halten, sie führt das Stadtforstamt und bewirtschaftet nicht nur die eigenen Waldungen, sondern auch die Wälder der Stadt L. und seit 2000 diejenigen von Kriens.

Autorin/Autor: Markus Trüeb

4.2 - Behörden, städtisches Parlament und politische Kräfte

Dem Stadtrat gehörten 1831-79 neun, dann bis 1899 sieben Mitglieder an. Im 1. Drittel des 20. Jh. veränderte sich die Sitzzahl von fünf (1899-1915) auf sechs (bis 1932) und auf sieben (bis 1935). Seit 1935 bilden fünf Stadträte - die erste Stadträtin wurde 1996 gewählt - die Exekutive. Die Stadt L. war im Gegensatz zum konservativ geprägten Kanton jahrzehntelang liberal dominiert (die Liberale Partei der Stadt Luzern LPL nennt sich, wie die Kantonalpartei, seit 2000 FDP; bereits vom Anfang des 20. Jh. bis in die 1960er Jahre nannte sie sich freisinnig). 1832-39, 1845-46, 1848-87 und 1889-90 gab es liberale Alleinregierungen. 1890 kam im Stadtrat eine ständige konservative Vertretung dazu. Die SP hielt 1915 Einzug. 1958-91 herrschte parteipolit. Konstanz in der Zusammensetzung: Die LPL hielt zwei Stadtratssitze, die Konservativen bzw. die CVP, die SP und die Unabhängigen je einen. 1991 gewann die CVP einen zweiten Sitz auf Kosten der Unabhängigen, den sie 2000 an das Grüne Bündnis verlor. Seit 1996, als ein aus der LPL ausgetretener Politiker Stadtpräsident wurde, ist die Partei nur noch mit einem Sitz in der Exekutive vertreten (2004: FDP, CVP, SP, Grüne je ein Sitz, Stadtpräsident parteilos).

Nach der Gemeindeordnung von 1831 schloss der 45-köpfige "Grössere Stadtrat" die neun Stadträte mit ein. Erst das Organisationsreglement von 1879 trennte Exekutive und Legislative. Mit dem Einzug von zehn SP-Vertretern, möglich geworden durch die Aufstockung des Gr. Stadtrats auf 60 Mitglieder, wurde ab 1899 der liberal-konservative Dualismus überwunden. 1927 reduzierte man die Sitzzahl auf 40. Wegen der Zusammenlegung von Einwohner- und Bürgergemeinde wurde sie 2000 wieder auf 48 aufgestockt.

1832-91 erfolgte die Wahl der Räte durch die Gemeindeversammlung in der Jesuiten- oder der Franziskanerkirche, ab 1879 mit gedruckten Kandidatenlisten und Stimmcouverts. Es galt das offene absolute Stimmenmehr. 1895 lösten Majorzwahlen an der Urne die Versammlungen ab; für Abstimmungen über Sachvorlagen wurde die Gemeindeversammlung bis 1915 beibehalten. Eine Initiative der SP führte 1919 zum Proporz, der auch kleineren Parteien den Einzug ins Parlament ermöglichte. Die LPL verlor die absolute Mehrheit. Mit der Einführung des Frauenstimmrechts stieg 1971 die Anzahl der Stimmberechtigten von 18'878 (1967) auf 43'965.

1923-27 waren zusätzlich die Kommunisten, 1947-51 die PdA im Rat vertreten. Der LdU konnte sich 1939-87 im Parlament halten. 1975 kamen die POCH hinzu, die sich 1987 zum Grünen Bündnis (ab 2006 Grüne Luzern) wandelten. Die Unabhängige Frauenliste ergänzte den linken Flügel (1987-95). 1996 zog die SVP mit vier Männern neu ins Parlament ein. 2004 wurde die SP mit 14 Sitzen zur stärksten Partei (SVP 9, CVP, FDP und Grünes Bündnis mit Jungen Grünen je 8 Sitze, CHance 21 1 Sitz).

Autorin/Autor: Markus Trüeb

4.3 - Regionale Zusammenarbeit

In der 2. Hälfte der 1940er Jahre entstand die erste Form regionaler Zusammenarbeit: Die Pluna (Planung L. und Nachbargemeinden) legte 1950 und 1956 zwei Berichte u.a. mit einem generellen Nutzungsplan des Wirtschaftsraumes L. vor. Die Pläne für die einzelnen Gem. erreichten zwar keine Rechtsverbindlichkeit, beeinflussten aber die folgenden Planungen massgeblich. Bei den seit den 1960er Jahren entstandenen regionalen Zweckverbänden, die sich mit Infrastruktur (Abwasser, Kehricht, öffentl. Verkehr 1996) und Regionalplanung befassten, sind die demokrat. Einflussmöglichkeiten eingeschränkt. 1984 entstand die Regionalkonferenz VBL (Verkehrsbetriebe Luzern), 1987 die Regionalkonferenz Kultur und 1992 jene für Umweltschutz. 2000 wurde das Projekt Agglo und Stadt Luzern (PASL) gegründet, bei dem 18 Gem., der Verband Luzerner Gem. und der Kanton mitmachten. Ziel des PASL war es, neue Formen der überkommunalen Zusammenarbeit zu finden. Nach der Auflösung von PASL wurde 2006 als Nachfolgeorganisation der Netzwerkverein Luzern Plus gegründet, an dem sich 13 Gem., darunter auch Hergiswil (NW), beteiligen.

Autorin/Autor: Markus Trüeb

5 - Wirtschaft und Gesellschaft von 1800 bis zur Gegenwart

5.1 - Bevölkerungsentwicklung

Die polit. Umwälzung der Helvetik stand am Anfang sowohl eines wirtschaftlich-sozialen wie eines demograf. Aufschwungs. Im 19. Jh. wuchs die Stadtbevölkerung in drei Schüben zunehmender Intensität, deren Höhepunkte 1810-16, in den 1860er und in den 1890er Jahren lagen. Bis 1837 verdoppelte sich die Einwohnerzahl von 4'314 auf 8'339. Waren es bis 1870 v.a. Wanderungsgewinne, so trug danach auch der Geburtenüberschuss zum starken Wachstum bei, das bis 1910 anhielt. Nach dem 2. Weltkrieg wuchs die Bevölkerungszahl wieder verstärkt und erreichte 1967 mit 73'617 Personen ihren Höhepunkt. Wegen Wanderungsverlusten und Sterbeüberschüssen sank danach die Bevölkerungszahl, stabilisierte sich aber gegen Ende des 20. Jh. bei rund 60'000 Personen. Im Zeitraum von 1960 bis 2000 wuchs dagegen die Bevölkerung im Agglomerationsgürtel von 60'000 auf rund 120'000 an.

Der Bevölkerungsrückgang war verbunden mit einer Abnahme der Steuererträge (die in L. überwiegend von natürl. Personen stammen), während die Ausgaben für die Infrastruktur im Sozialwesen, in der Bildung und Kultur im zentralschweiz. Vergleich überdurchschnittlich blieben. Die Alterung der Bevölkerung ist wie in anderen Städten ausgeprägt. Wegen der hohen Zahl an Zupendlern (v.a. aus der Agglomeration), aber auch von Wegpendlern (in die Agglomeration sowie die Kantone Zug und Zürich) hat speziell der motorisierte Verkehr stark zugenommen.

Im letzten Viertel des 19. Jh. waren die Fremdenindustrie und das Baugewerbe die Hauptfaktoren für das rasche Wachstum der Stadt. Ab den 1890er Jahren herrschte akute Wohnungsknappheit. L. wies in diesen Jahren prozentual den grössten Bausektor aller Schweizer Städte auf. Der Wohnungsbau hielt mit dem Bevölkerungswachstum trotzdem nicht Schritt. Auch nach dem 1. Weltkrieg herrschte Wohnungsnot, die sich bis Ende der 1920er Jahre stetig verschärfte. Die Stadt betrieb kaum eine eigene Wohnbaupolitik. 1920 wurde eine Initiative zur Schaffung kommunaler Wohnungen abgelehnt, der Gegenvorschlag zur Förderung des genossenschaftl. Wohnungsbaus aber gutgeheissen. Vom Mieterverband initiiert, entwickelte sich die Allg. Baugenossenschaft Luzern (ABL, 1924) zur grössten sozialen Vermieterin.

Autorin/Autor: Markus Trüeb

5.2 - Siedlungsentwicklung

Im Juni 1833 brannte ein Teil der rechtsufrigen Stadt (Unter der Egg, Weinmarkt) nieder. Dieses Ereignis markiert den ersten wichtigen städtebaulichen Aufbruch. Mit dem Brandschutt wurde am gegenüberliegenden Reussufer der Jesuitenquai aufgeschüttet. Am rechten Ufer beim Seeausfluss erfolgte der Bau des Hotels Schwanen. Durch einen Vorplatz, der 1835 an die Stadt überging, drängte man den See beim Grendel zurück. Als Gegenleistung für den erhaltenen Platz bewilligte die Stadt den Abbruch jenes Teils der Hofbrücke, der nun nicht mehr über das Wasser führte. Mit der aufkommenden Dampfschifffahrt (ab 1837) und dem Warenumschlag an Markttagen bildete sich dort ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. 1844 entstand mit dem Schweizerhof das erste Grandhotel am See. Stück für Stück wurde der Quai weiter aufgeschüttet und die Hofbrücke verkürzt, bis 1852 der letzte Rest entfernt wurde. Der Stadtrat wollte 1855 alle Stadttore abbrechen, stiess aber auf den Widerstand der kant. Regierung, die alle Türme mit Ausnahme der Museggtürme als Gefängnisse nutzte. 1856 einigten sich Stadt und Kanton, und im gleichen Jahr wurde als erster Turm das Obertor abgebrochen. Dank dem 1862 eröffneten Zentralgefängnis benötigte man die Turmverliesse nicht mehr. Bis 1867 wurden in L. 18 ehem. Wehrbauten geschleift oder verändert. Der Abbruch ermöglichte den Stadtausbau (u.a. Zuschüttung des Unteren Hirschengrabens in der Kleinstadt) und beseitigte einige Verkehrsengpässe. Beim Abbruch des Burgerturms 1864-65 kamen erste Bedenken auf. Nach 1868 trat die Erhaltung des Stadtbildes immer stärker in den Vordergrund. Die Spreuer- und Kapellbrücke sowie die Museggmauer wurden zu Fremdenverkehrsattraktionen.

Ausserhalb des ma. Stadtkerns entstand das Hofquartier mit grosszügigen Wohnungen, mondänen Hotels, Museen und der Seepromenade. Das linke Seeufer blieb bis Mitte des 19. Jh. stark von der Landwirtschaft geprägt. Feuchtgebiete zogen sich dem Ufer entlang. Dieses Gebiet diente der Stadt als Baulandreserve. Die Siedlungsentwicklung folgte zuerst den Strassenachsen nach Kriens (Obergrund) und nach Emmen (Untergrund). Um 1860 wohnte bereits ein Drittel der Stadtbevölkerung in diesen Quartieren. Nach 1890 setzte eine rasante städtebauliche Entwicklung ein, die bis um 1930 andauerte.

1853 erteilte der Luzerner Regierungsrat der Schweiz. Centralbahn die Konzession für die Linie Olten-L. 1856 fuhr der erste Zug bis Emmenbrücke. Diskussionen um den Bahnhofstandort in der Stadt verzögerten den Anschluss L.s. 1859 wurde der Bahnhof am linken Seeufer eröffnet, ein Jahrzehnt bevor die Seebrücke die beiden Ufer verband. Die Stadt begann sich rund um den Bahnhof zu erweitern. Die Bahnanlagen parallel zur Reuss behinderten mit den Jahren die städtebauliche Entwicklung. Mit dem Neubau des Bahnhofs (1896 eröffnet) konnten die Linien verlegt und damit ein grossräumiger Stadtausbau eingeleitet werden.

Der Schwerpunkt L.s verlagerte sich auf das linke Ufer. 1895 schrieb der Stadtrat einen Ideenwettbewerb aus zur Überbauung der Hirschmatt, der Himmelrichmatt, des Tribschenmooses und der Sälimatte, der 1897 zum Stadtbauplan von Heinrich Meili-Wapf und Robert Winkler führte. Innerhalb weniger Jahre entstand auf diesem flachen Gelände eine grossstädt. Blockrandbebauung. Im frühen 20. Jh. erfolgte v.a. die Überbauung der Hügel (Steinhof, Bramberg usw.). Mit dem Wettbewerb für einen Stadtbauplan 1928-29 begann eine neue Phase der Stadtplanung, die mit dem Plan von Armin Meili 1933 ihren Abschluss fand. In der Hochkonjunktur der Nachkriegszeit hielten sich die Behörden in Planungsfragen gegenüber Wirtschaft und Privaten zurück. Nachdem in den 1970er Jahren viele Wohnungen durch Abbruch oder Umnutzung der sog. Citybildung zum Opfer gefallen waren, wurde 1982 mit der offenen Quartierplanung ein neues Kapitel der Stadtplanung eingeleitet. Zwanzig Jahre nach dem Brand von 1971 konnte der Bahnhofneubau eingeweiht werden. Mit dem 1998 bzw. 2000 eröffneten Kultur- und Kongresszentrum (KKL) von Jean Nouvel, dem das Kunsthaus von Armin Meili (1933) weichen musste, erhielt das Bahnhofgebiet ein neues, dominantes Gesicht.

Autorin/Autor: Markus Trüeb

5.3 - Verkehr und Wirtschaft

Auf die erste Eisenbahnverbindung von Olten folgte 1864 die Linie nach Zug und Zürich, 1875 nach Langnau im Emmental und Bern und 1889 die Brünigbahn (Teilstück Alpnach-L.). Erst 1897 kam der Anschluss an die Gotthardbahn, obwohl L.s Einsatz für die Gotthardbahn jenen der anderen Kantone überstieg. Aus unternehmer. Gründen verzichtete die Gesellschaft vorerst auf den Bau der Strecke Immensee-L. Dennoch war die Eröffnung der Gotthardbahnlinie 1882 für die Fremdenverkehrsstadt eines der bedeutendsten verkehrsgeschichtl. Ereignisse. Wegen der starken finanziellen Beteiligung der Stadt L. hatte die Gotthardbahngesellschaft bei der Gründung 1871 ihren Sitz nicht in Zürich, sondern in L. genommen (hier 1887-88 Bau ihres Verwaltungsgebäudes).

1899 nahm die Trambahn der Stadt L. ihren Betrieb auf. Sie verband die Aussenquartiere Maihof und Untergrund. Ein Jahr später fuhren die Trams nach Kriens, 1903 nach Emmenbrücke. 1945-61 erfolgte die Umstellung von Tram- auf Busbetrieb. 1974 wurde L. auf der Nord-Süd-Achse ans Nationalstrassennetz angeschlossen (A2), zwei Jahre danach der Sonnenbergtunnel als Umfahrung eröffnet. Wegen zunehmender Überlastung der Strassen begann man am Ende des 20. Jh. mit dem Ausbau der Regionalzuglinien um L. zur S-Bahn; der erste Teil des Netzes konnte 2004 in Betrieb genommen werden.

Bekannte Industrieunternehmen hatten ihre Anfänge in der Stadt L., so die 1842 gegr. Eisenwerke von Moos oder die 1874 entstandene mechan. Werkstatt Schindler, die sich zur Aufzüge- und Motorenfabrik entwickelte. In den 1950er Jahren zog diese wegen Platzproblemen nach Ebikon. Mit 1'150 Arbeitsplätzen war Schindler 1957 der grösste Arbeitgeber in L. Als einziger Grossbetrieb blieb der Stadt die Brauerei Eichhof erhalten, für die Heineken 2008 ihr Kaufinteresse bekundete. 1955 gehörten gegen 50% der Arbeitsplätze zum 2. Sektor (Bau, Industrie, verarbeitendes Gewerbe), 2005 noch gut 10%. Allein 1991-98 ging die Beschäftigtenzahl im 2. Sektor um fast 4'000 Personen (40%) zurück. Die Bedeutung des 3. Sektors nahm im 20. Jh. stark zu: 84% aller Beschäftigten arbeiteten 1995 im Dienstleistungssektor (2005 89%).

L. entwickelte sich seit dem Anschluss ans Schienennetz immer stärker zu einer Fremdenverkehrsstadt: 1850 zählte L. 250 Fremdenbetten, 1890 waren es bereits 3'500. Auf einem ersten Höhepunkt wies L. 1910 8'000 Fremdenbetten, 192'000 Gäste und 575'000 Logiernächte auf. Die Bettenzahl erreichte 1914 mit 9'400 das Maximum, die Nachfrage der Gäste war aber bereits gesunken. Der 1. Weltkrieg führte zu einem starken Einbruch beim Tourismus, der sich aber in der Zwischenkriegszeit erholte. Auch nach dem 2. Weltkrieg blieb L. eine der wichtigsten Tourismusdestinationen der Schweiz. Während in der 1. Hälfte der 1980er Jahre jährlich rund eine Mio. Übernachtungen gebucht wurden, sank die Zahl danach deutlich. Der Neubau des KKL und die damit einhergehende Erneuerung der Hotellerie brachte im Jahr 2000 wieder ein Überschreiten der Millionengrenze. Auch wenn eine längerfristige, kontinuierl. Zunahme von Schweizer Gästen zu verzeichnen ist, so beträgt die mittlere Aufenthaltsdauer in L. zu Beginn des 21. Jh. nur rund 1,8 Tage, ähnlich wie in Zürich, aber deutlich weniger als in Locarno oder Montreux.

Eng mit dem Tourismus verbunden sind weitere Dienstleistungsbereiche (Banken, Zulieferunternehmen, Detailhandel). Bis 1970 hatte der Detailhandel mit dem Einzugsgebiet Zentralschweiz eine sehr starke Stellung. 1967 eröffnete das Einkaufszentrum Schönbühl am südl. Stadtrand - als erstes der Schweiz, wenn auch noch kleines - seine Tore. Mit der individuellen Mobilität entstanden grössere Shoppingcenter in der Agglomeration und der weiteren Region (Kriens, Emmen, dann auch Sursee, Stans und Schwyz), die zunehmend für Konkurrenz sorgten.

In L. haben sich auch eidg. Institutionen und schweiz. Firmen niedergelassen. 1848 war L. bei der Wahl der Bundesstadt gegen Bern unterlegen. 1908 wurde es zum Sitz des Eidg. Versicherungsgerichts und der Suva bestimmt. Beide Institutionen nahmen 1918 ihre Tätigkeit in L. auf, die Suva nach der Übersiedlung aus Zürich. Als Folge davon verlegten 1919 die Christlichsoziale Kranken- und Unfallkasse der Schweiz (heute CSS) und die Schweiz. Kranken- und Unfallkasse Konkordia (seit 2000 Concordia) ihren Hauptsitz nach L. (von St. Gallen bzw. Zug). Seit den 1960er Jahren hat sich die Agglomeration L. zu einem Zentrum der Markt- und Meinungsforschung entwickelt; in der Stadt wurden 1961 Demoscope (seit 1985 in Adligenswil) und 1981 das Institut Link gegründet.

Autorin/Autor: Markus Trüeb

5.4 - Bildung und Kultur

In L. bildete sich ab der 2. Hälfte des 19. Jh. ein breit gefächertes höheres Schulwesen heraus. 1861 gründete die Gemeinnützige Gesellschaft der Stadt L. die Handwerker-Fortbildungsschule, die 1891 zusammen mit der freien Zeichenschule zur gewerbl. Fortbildungsschule vereinigt und Teil der städt. Schulorganisation wurde. 1903 verselbstständigte sich die weibl. Abteilung und erweiterte sich zur Frauenarbeits- und Töchterfortbildungsschule. Die Stadt führte ein eigenes Lehrerseminar, bis dieses 1997 mit dem kantonalen fusionierte (heute Pädagog. Hochschule). Das 1958 in der Sentimatt eröffnete Zentralschweiz. Technikum zog 1974 und 1977 in zwei Etappen nach Horw um. Seit 2000 ist L. auch Sitz einer Universität. Diese hat sich aus der auf das jesuit. Lyzeum zurückgehenden theol. Fakultät entwickelt und umfasst die drei Fakultäten Theologie, Geisteswissenschaften und Rechtswissenschaften. Das Konservatorium wurde 1942 gegründet.

L. weist zahlreiche Museen auf, darunter der Gletschergarten (1873), das Bourbaki-Panorama (1889, renoviert 1997-2000), das Richard-Wagner-Museum (1933), das Natur-Museum, das Kunstmuseum (1873, ab 2000 im KKL), das Verkehrshaus der Schweiz (1959), das Hist. Museum (1878-1970; Neueröffnung 1986) und die Sammlung Rosengart (2002). 1902 wurde in L. auf Initiative des poln. Industriellen Jan Bloch das Internat. Kriegs- und Friedensmuseum eröffnet. Dessen Ausstrahlung bewirkte, dass 1905 in L. der 14. Internat. Friedenskongress durchgeführt wurde; von der weltpolit. Entwicklung überholt, erfolgte 1920 die Schliessung.

1806 wurde die Theater- und Musikliebhabergesellschaft in L. gegründet. 1929 schloss sie sich mit der 1922 gegr. Orchestergesellschaft der Stadt L. zur Allg. Musikgesellschaft Luzern zusammen; ab 1933 gab sie regelmässig Konzerte im neuen grossen Kunsthaussaal und wirkte als Orchester des Stadttheaters (seit 1998 nennt sie sich Luzerner Sinfonieorchester). 1837-39 wurde das Stadttheater (heute Luzerner Theater mit regionaler Trägerschaft) errichtet, das seither mit kurzen Unterbrechungen als Dreispartenbetrieb geführt wird. Die Gründung der Internat. Musikfestwochen 1938 (ab 2001 Lucerne Festival) trug L. ein internat. Renommee ein. L. verfügt neben der etablierten Kultur über eine breite alternative Kulturszene, die L. mit neuen Veranstaltungen bekannt machte: Fumetto (Internat. Comix-Festival, 1992), das Festival für Film, Video und neue Medien Viper (aus den Krienser Filmtagen hervorgegangen, 1985-99 in L., ab 2000 in Basel) und die Modeschau Gwand (1993-2004).

Autorin/Autor: Markus Trüeb

5.5 - Kirche und religiöses Leben

Die Ausdehnung der Stadt gegen Süden erforderte die Errichtung neuer kath. Pfarreien. 1918 wurde die 1854 errichtete Kuratkaplanei der Franziskaner zur selbstständigen Pfarrei erhoben, im selben Jahr auch die Pfarrei St. Paul gegründet. Im Lauf des 20. Jh. kamen fünf neue Pfarreien hinzu, u.a. St. Karl (1934) und St. Josef im Maihof (1941). Die Einführung der Kirchensteuer 1918 hatte die Expansion finanziell ermöglicht. Unter dem Druck von Zürich und Bern ist 1826 die Bildung einer ref. Gemeinde zustande gekommen. Dank Spenden aus der ganzen Schweiz konnte 1861 die ref. Matthäuskirche eingeweiht werden. Die 1883 entstandene christkath. Genossenschaft errichtete 1892 den ersten christkath. Kirchenneubau der Schweiz, die Christuskirche auf Musegg. Jüd. Familien siedelten sich 1866 im Bruchquartier an. 1867 wurde der Isr. Kultusverein gegründet (ab 1917 Jüd. Gemeinde), 1912 die Synagoge errichtet. Als Folge der Migration seit den 1970er Jahren sind auch in L. die Muslime zur grösste nichtchristl. Religionsgruppe herangewachsen. 2005 bewilligte der Stadtrat den islam. Gemeinschaften ein Gräberfeld auf dem städt. Friedhof Friedental.

Nachdem der Bundesrat im Kulturkampf die diplomat. Beziehungen zum Vatikan abgebrochen hatte, wurde die Nuntiatur 1873 aufgehoben. Wichtige Impulse für das kirchl. Leben gehen von der theol. Fakultät und dem 1878 gegr. Priesterseminar St. Beat aus.

Autorin/Autor: Markus Trüeb

Quellen und Literatur

Archive
– Archiv der Bürgergem. L. (StadtA und StALU)
– StadtA
– StALU
– ZHBL, Bildarchiv, Hs.
Quellen
SSRQ LU, 1994-
Literatur

Autorin/Autor: Markus Lischer