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Horw

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Polit. Gem. LU, Amt Luzern. Vorort der Stadt Luzern, setzt sich aus der Horwer Halbinsel, einem Schattenhang am Fusse des Pilatus und dem dazwischen liegenden, bis ins 20. Jh. versumpften Talboden zusammen. 1231 Horwe. Um 1352 54 Haushalte; 1583 ca. 300 Einw.; um 1695 ca. 630; 1798 836; 1850 1'254; 1900 1'747; 1950 4'621; 1970 10'632; 2000 12'648. Stein- und bronzezeitl. Siedlungsplätze. Zunächst wurde v.a. die Halbinsel (wohl bis nach letzter Eiszeit Insel) und der Rand des Talbodens und Schwemmlandes besiedelt. Die frühen Siedlungskerne Langensand, Winkel und Ennethorw sind auf den Vierwaldstättersee orientiert. Auf Krebsbären stand evtl. eine befestigte Anlage. Vermutlich im 9. Jh. wurde das Gebiet von H. dem Kloster im Hof in Luzern geschenkt und vom Meierhof Langensand aus verwaltet (1278 erstmals erw.). 1291 erwarben die Habsburger die Herrschaftsrechte und den Kirchensatz von H. (zusammen mit den anderen Rechten in der Innerschweiz, die Kg. Rudolf von Habsburg von der Abtei Murbach, der das Kloster im Hof unterstellt war, übernommen hatte). Ab etwa 1314 gehörte H. zum neu errichteten habsburg. Amt Rothenburg. Das Meier-/Kellneramt gaben die Habsburger als Lehen aus: 1341-93 an die Herren von Littau, ab 1393 an die von Meggen. Die ebenfalls habsburg. Vogtei war um 1316 Hartmann von Ruoda verliehen, 1361 Hans von Hunwil. Zwischen 1395 und 1415 gelangte die hohe Gerichtsbarkeit als Teil des Amtes Rothenburg an die Stadt Luzern. 1396 erscheint der erste Luzerner Vogt in H. 1421 schuf Luzern die Landvogtei Kriens-H. 1425 erwarb die Stadt Twing und Bann sowie das Frevelgericht.

Anfang des 15. und im 16. Jh. wurden die Allmend- und Gerichtsgrenzen zwischen H., der Stadt Luzern und Kriens gezogen. Den Hochwald am Fusse des Pilatus teilten sich H., Kriens, Malters und Luzern 1483 und 1588. Die moderne Gem. entstand aus dem Amt H. (als Teil der Landvogtei Kriens-H.). Als Gerichts- und Gemeindehaus diente im SpätMA das Rössli (im 16. Jh. "Amtshaus"). Die Horwer waren bis um 1585 privilegiert als Luzerner Hintersassen.

Die Pfarrei entstand im 12. oder frühen 13. Jh. durch Abtrennung von Luzern. Der Kirchensatz gehörte ab 1291 Habsburg, spätestens ab 1433 Luzern. Die heutige klassizist. Pfarrkirche St. Katharina wurde vom Baumeister Josef Singer 1813-15 errichtet und 1937-38 um ein Joch nach Westen erweitert. Ausgrabungen im Jahr 1993 haben drei Vorgängerbauten nachgewiesen: eine Saalkirche wohl aus dem 11. Jh., einen Apsisbau aus dem 12./13. Jh. und ein spätgot. Gotteshaus aus dem 14. oder frühen 15. Jh. Letzteres musste nach einem Brand 1446 neu geweiht werden. Die Bruderklausen-Kirche in Kastanienbaum entstand 1962, die ref. Kirche in H. 1956-57. Die Schwesterngemeinschaft auf dem Schwesternberg zog um 1245 nach Rathausen. Waldbrüder erscheinen vom Ende des 15. bis ins 19. Jh. (Längacher bis 1657, Winkel ca. 1750-1821).

Auf der klimatisch milden Halbinsel praktizierten die Bauern Getreidebau, Viehhaltung und zu Beginn des 16. Jh. auch Rebbau. Ab dem 15. Jh. spezialisierten sie sich auf Vieh- und Alpwirtschaft. 1608-1811 besass die Gem. die Alp Risch in Entlebuch. H. gehörte zum Einzelhofgebiet mit Streusiedlung und arrondiertem Besitz. Die dörfl. Zentren H., Winkel und Ennethorw blieben bis ins 19. Jh. ausgesprochen klein. Am Seeufer errichteten Luzerner Patrizier die Landsitze Stutz, Krämerstein, Kastanienbaum und St. Niklausen. Nach dem Nidwaldner Vorbild war die Gem. in der frühen Neuzeit in vier Ürten aufgeteilt. Die Ablösung des Zehnten und anderer Feudallasten erfolgte bereits 1567-1610.

Im Unterschied zu den meisten anderen Luzerner Gem. privatisierte H. das Allmendland zu Beginn des 19. Jh. nicht. Die Kleinbauern überwogen, Gemüse- und Feldobstbau ergänzten die Milch- und Viehwirtschaft. Edelkastanien gediehen nicht nur am See, sondern auch im Dorf H. Die Fischerei war ein Lehen des Klosters im Hof, ab dem 15. Jh. der städt. Obrigkeit. Dem Verkehr dienten bis ins 19. Jh. v.a. Wasserwege; die Fähre im Winkel (ab dem 14. Jh. belegt) versah die Seeverbindung nach Unterwalden. Im Bauernkrieg 1653 forderten die Horwer vergeblich das Recht, Exportvieh nach Flüelen zu transportieren. Der Ausbau des Strassennetzes und die Dampfschifffahrt (Anschluss der Halbinsel 1875) führten zur Aufgabe des Fährbetriebs. Im 18. Jh. bezog die staatl. Ziegelhütte zu Luzern Tonmergel aus Ennethorw, 1898 wurde die Horwer Ziegelei gegründet (heute AG Ziegelwerke Horw-Gettnau-Muri, AGZ, mit Hauptsitz in H.); ab 1929 Kieshandel, 16.-20. Jh. Sandsteinabbau. Die Papiermühle entstand um 1637, als Niklaus Probstatt seinen Betrieb aus dem Stadtgebiet nach H. verlegte (1867 Schliessung). Industriebetriebe wurden v.a. ab Ende des 19. Jh. gegründet, nach dem Bau der Brünigstrasse (1859-61) und Brünigbahn (1889). Um 1871-99 waren eine Teigwaren- und Zigarrenfabrik in der ehem. Papiermühle eingerichtet. Mit der Allmendentwässerung 1917-24 wurde neues Bauland erschlossen. 1903 entstand eine Glashütte (bis 1919), 1909 eine Möbelfabrik und 1913 eine Acetylenfabrik (bis 1923). Mehrere grosse Baufirmen, die Stahl- und Maschinenbau AG (1954-92) und andere Betriebe siedelten sich im Talboden an. 1955 wurde zwischen Luzern und Ennethorw das erste Autobahnteilstück (A2) der Schweiz eröffnet. Nach dem 2. Weltkrieg entwickelte sich H. zu einer Wohn- und Wegpendlergemeinde. Bildungseinrichtungen und therapeut. Institutionen von überregionaler Bedeutung kamen in die Gemeinde. In Ennethorw wurde 1973-76 das Zentralschweiz. Technikum (heute Hochschule für Technik + Architektur) mit der Höheren Wirtschafts- und Verwaltungsschule HWV (1971, 1996 nach Luzern verlegt, heute Hochschule für Wirtschaft) und dem Abendtechnikum der Innerschweiz (ATIS, 1977) erbaut. 1982 nahm das Medienausbildungszentrum MAZ in der Villa Krämerstein (erbaut 1907) seinen Betrieb auf. Das 1916 gegr. Forschungszentrum für Limnologie in Kastanienbaum ist heute Zweigstelle der Eawag Dübendorf. 1921 entstand das Blindenheim, 1940 das Therapieheim Sonnenblick für weibl. Jugendliche des Basler St.-Katharinenwerks und 1976 das Behindertenarbeitszentrum Brändi (heute Filialen in Sursee, Hochdorf). In der ehem. Papiermühle besteht seit 1981 ein Kulturzentrum.


Literatur
– J. Brülisauer et al., H., 1986
– J. Bill, «Archäologie im Kt. Luzern 1993», in JHGL 12, 1994, 68-107
– P. Schnider, Fabrikindustrie zwischen Landwirtschaft und Tourismus, 1996
– F. Glauser, «Die Amtsfahne der Vogtei Kriens und H. (16. bis 19. Jh.)», in JHGL 17, 1999, 49-58

Autorin/Autor: Waltraud Hörsch