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Hochdorf (Gemeinde)

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Polit. Gem. LU, seit 1803 Hauptort des Amtes H., im oberen Seetal gelegen. Zur Gem. gehören auch die Siedlungen Baldegg, Urswil und ein Teil von Ligschwil. 924 Hodorf. 1456 ca. 300 Einw.; um 1695 ca. 1'970; 1798 1'077; 1850 1'370; 1900 1'645; 1910 3'013; 1950 3'768; 2000 7'761.

1 - Ur- und Frühgeschichte

1867 wurden in einer Kiesgrube bei H. spärl. Überreste eines Mammuts geborgen. Mesolith. Freilandstationen um ca. 8000-5000 v.Chr. belegen eine frühe Besiedlung des Gebiets am Südende des Baldeggersees. Am Seeufer vor der ehemaligen Burgstelle Baldegg lagen zwei prähist. Dörfer mit Umfriedung, die 1939 zum grösseren Teil ausgegraben wurden. Das ältere Dorf datiert in die Mitte des 3. Jt. v.Chr. und ist der Schnurkeramikkultur zuzurechnen. Am Ende der Frühbronzezeit (ca. 17. Jh. v.Chr.) wurde an derselben Stelle eine neue Siedlung gegründet. Sie ist durch reiche Bronzefunde bezeugt. Der bekannteste Fund, ein sog. Glockenbecher aus Keramik, weist auf eine Besiedlung des Raumes zwischen den beiden Dörfern hin. 1887 wurde in H. (genauer Ort unbekannt) eine Grabstelle der frühen Latènezeit (um 400 v.Chr.) entdeckt. Die Grabstätte enthielt u.a. sechs Fibeln und drei Armringe. Siedlungsfunde liegen auch aus röm. Zeit vor.

Autorin/Autor: Othmar Wey

2 - Vom Mittelalter bis heute

Im 9. Jh. hatte das Zürcher Fraumünster Besitzrechte in H. Vor 1036 gelangte der Kirchensatz an das Stift Beromünster. Die hohen und teilweise auch die niederen Gerichte unterstanden dem jeweiligen Landesherrn (Lenzburg, Kyburg, dann Habsburg) und versch. Herren, darunter dem Kastvogt von Beromünster. Im 14. Jh. war H. Teil österr. Besitzungen, wurde 1386 im Sempacherkrieg von der Stadt Luzern erobert bzw. 1395 als Pfandherrschaft über den südl. Amtsteil (H., Urswil) von den Gessler übernommen. Luzern leitete daraus den Anspruch auf die Gerichtshoheit in der ganzen Pfarrei ab und H. wurde Hauptort des äusseren Amtes Rothenburg. Der Weiler Urswil wird Ende des 9. Jh. erstmals erwähnt. Im SpätMA war es Gerichtsort des Twings Hohenrain. Bis 1803 bildeten Urswil und Baldegg eigene Gem., bis 1831 waren sie innerhalb des Steuerbriefs H. im polizeil. Bereich und evtl. auch im Schulwesen selbstständig. Ligschwil gehörte als Dinghof (Hofrecht 1299) dem Kloster Beinwil und 1299-1678 dem Kloster Einsiedeln.

H. war eine frühe Grosspfarrei, zu der auch Hohenrain, Ballwil und Gebiete des Berghofs (heute Teile der Gem. Römerswil) gehörten. Die erste frühma. Pfarrkirche entstand über älteren Gebäuderesten. 1036 erscheint sie als Eigentum des Stifts Beromünster, 1302 wurde sie inkorporiert. Hier residierte gemäss Dorf- und Hofrecht von 1455 bzw. 1481 ein Ammann und Meier des Stifts. Seit dem SpätMA ist H. Zentrum eines Dekanats. 1454 bzw. 1469 wurden zwei Kaplaneien gestiftet. Die Pfarrei Ballwil war bis 1454 selbstständig, dann wurde sie der Heiligkreuzkaplanei von H. einverleibt (bis 1678). 1804 wurde die Pfarrei H. bedeutend verkleinert, 1807-09 erfolgte die Abtrennung der Pfarrei Rain. Die Kirche St. Martin erfuhr immer wieder Um- und Neubauten, 1757-58 wurde der barocke Neubau errichtet. Das Pfarrhaus stammt von 1534, das Beinhaus von 1576. Vor 1452 besass H. ein Siechenhaus. 1901 wurde die Prot. Genossenschaft des Amtes gegründet, 1926 die ref. Kirchgemeinde (1928-29 Kirchenbau).

In der Gem. wurde seit dem MA v.a. Ackerbau betrieben, seit der Wende zum 20. Jh. dominieren Milchwirtschaft und Schweinehaltung. Vom SpätMA an profilierte sich H. als Marktflecken und Gewerbeort mit Metzgerei, Bäckerei, Handwerkerbruderschaften und einer Färberei, seit dem 17. Jh. als Gewerbezentrum des Amtes Rothenburg. 1677-1803 befand sich im Dorf eine Zollstelle. Das Guggibad und das Schongerbad entwickelten sich ab 1781 zu beliebten Kurstätten. Nach der Eröffnung der Seetalbahn 1883 siedelten sich Industrie und Gewerbe an. 1893 entstand durch die Fusion zweier Hohenrainer Banken die sog. Volksbank in H. (1907 erste Filialgründung in Luzern, ab 1955 Volksbank H., 1993 von der Luzerner Kantonalbank übernommen), 1879 aus einer 1862 gegr. Kleinbrauerei die Brauerei Hochdorf (ab 1914 einzige Luzerner Landbrauerei, 1988 an Feldschlösschen verkauft, 1992 geschlossen). 1895 wurde für die Exportproduktion die Schweiz. Milch-Gesellschaft AG (seit 2000 Nutritec AG) für die Herstellung von Dauermilchprodukten ins Leben gerufen, die ab 1930 Heliomalt produzierte. Die Ziegelei Hochdorf besteht seit 1898. 1903 bzw. 1904 folgten Holz- und Möbelfabriken (Konkurse 1910 bzw. 1914), eine Stickerei, 1904 die Seifenfabrik Hochdorf (bis 1991), die Schokoladefabrik Lucerna (Konkurs 1911, bis 1921 Cailler) und 1905 bzw. 1943 die Maschinenfabrik Hochdorf AG (seit 1998 Tochter der Aebi Holding AG, Burgdorf). 1907 kam es zu einem Generalstreik. Neuere Betriebe sind in den Bereichen Bau- und Innenausbauelemente und der Kunststoffverarbeitung tätig. Die Kerzenfabrik Hochdorf (erweitert um Parfümerieprodukte und Drogistengrosshandel) besteht seit 1930 bzw. 1939. Seit 1923 befindet sich der Sitz der Verteilzentrale der Manor AG in H. Die 1929 gegr. Buchdruckerei Hochdorf gibt den "Seetaler-Boten" heraus. 1899-1911 verfügte H. über ein Schauspielhaus, ein Casino und ein Warenhaus, ca. 1947-77 auch über ein Kino. Schulmeister wurden schon im 15. Jh. finanziert, vom 17. Jh. an erteilten weltl. Schulmeister den Unterricht. Seit der Helvetik bestanden lokale Schulen in Baldegg und Urswil. Heute gibt es in H. ein Oberstufenzentrum und seit 1970 eine Kantonsschule (heute Kant. Mittelschule Seetal, ab 2005 in Baldegg).

Autorin/Autor: Waltraud Hörsch

Quellen und Literatur

Literatur
– G. Boesch, Zur Gesch. der Pfarrei zu St. Martin in H., 962-1962, 1962
Kdm LU 6, 1963, 135-157
– F. Glauser, J.J. Siegrist, Die Luzerner Pfarreien und Landvogteien, 1977
– J. Sidler, 100 Jahre Seetal-Bahn, 1883-1983, 1983
Kirche St. Martin, H., 1986
– O. Wey, «Seeufersiedlungen am Hallwiler- und Baldeggersee», in Die ersten Bauern 1, Ausstellungskat. Zürich, 1990, 285-292
Wirtschaftswunder H., 1880-1914, redigiert von W. Hörsch, D. Ruckstuhl, 1999