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Hitzkirch (Gemeinde)

Polit. Gem. LU, Amt Hochdorf, am Fusse des Lindenbergs gelegen. 1230 Hiltschilche. 1678 413 Einw.; 1798 632; 1850 766; 1900 738; 1950 1'000; 2000 2'293.

1 - Ur- und Frühgeschichte

Um das Nordende des Baldeggersees erstrecken sich in einem lockeren Bogen mehrere unausgegrabene mesolith. Freilandstationen (ca. 8000-5000 v.Chr.). Durch die Seeabsenkung von 1871 ist in der Flur Seematt östlich des Aabaches eine bedeutende und mehrphasige Seeufersiedlung der Cortaillodkultur sichtbar geworden. 1938 fand eine grössere Grabung statt, die ausser Keramik und Steingeräten auch ein reiches Fundgut an Hirschgeweihartefakten lieferte. Als wichtigster Grabungsbefund konnten erstmals zwei sich überlagernde Siedlungsschichten festgestellt werden. Die erste, untere Siedlungsschicht gehört der älteren Cortaillodkultur (ca. 3900 v.Chr.) an, während das darüber liegende Schichtpaket v.a. der Phase des Cortaillod classique (ca. 3800 v.Chr.) zuzuordnen ist. Es handelt sich um den bis anhin östlichsten Siedlungsplatz dieser Kultur. Weitere Seeufersiedlungen des Neolithikums (u.a. der Horgener Kultur) und aus der Spätbronzezeit (ca. 11.-10. Jh. v.Chr.) sind durch unzählige Funde (Keramik, Steinbeilklingen und Bronzeobjekte) bezeugt. Unter der Kirche von H. bzw. in deren Krypta wurden ausserdem die Fundamente eines röm. Gutshofes sowie alemann. Gräber aus der Zeit um 600 n.Chr. entdeckt.

Autorin/Autor: Othmar Wey

2 - Mittelalter und Neuzeit

Im HochMA war H. Sitz der Herren von H.; dieser gelangte um 1235 samt Kirchenpatronat an den Deutschorden. Aus dieser Zeit sind für 1452 und 1554 erste Hinweise auf eine Schule überliefert; der Schulmeister und Organist wurde damals von der Kommende angestellt. Die rom. Ordenskirche des 13. Jh. wich 1684 einem Neubau von Kaplan Jeremias Schmid, der 1914-17 erweitert und von Wilhelm Hanauer mit einer neubarocken Fassade versehen wurde. Unter dem Einfluss des Komturs wandte sich H. 1529 der Reformation zu, wurde aber nach dem 2. Kappelerkrieg durch Luzern rekatholisiert. Im Mettenberg ist von 1483 bis ins 17. Jh. ein Waldbruderhaus bezeugt.

Die ausgedehnte Pfarrei H. bildete 1425-1803 das ehem. Amt H. bzw. Richensee/H. in den Freien Ämtern, in dem H. allmählich Hauptortsfunktion übernahm. 1803 blieb H. im Luzerner Amt Hochdorf Zentrum eines aus der Pfarrei gebildeten Gerichtsbezirks, dessen Teil Schongau-Aesch 1803-14 abgetrennt, 1814-1913 aber wieder hinzugefügt wurde. Seit 1897 gehören Richensee und die 1883 eröffnete Bahnstation zur Gem. H.

Gewerbsmässig waren in H. v.a. Gerber und Schmiede tätig, in der Frühneuzeit auch Chirurgen, Maler, Krämer, Färber, Glaser und Uhrmacher. Um 1650 existierte im Amt H. eine Bruderschaft der Schuhmacher, Gerber und Sattler. Ab Mitte des 18. Jh. interessierten sich Handelsherren für die an einem Verkehrsknotenpunkt auf der Achse Zürich-Bern gelegene Gem., u.a. Carl Anton Corragioni, der 1761 einen Barockbau als Niederlassung erstellen liess. Am Anfang des 19. Jh. waren die Brüder Meyer von H. als Seidenverleger tätig. Um 1833 bestand eine Vaterländ. Gesellschaft von H. und Hochdorf. Der in H. erst verbreitete, ab dem 19. Jh. schwindende Weinbau wurde 1976 wiederbelebt. 1902 erfolgte die Gründung der Luzern. Obstverwertungs-Genossenschaft H. (heute Granador AG). Ab 1963 siedelte sich Industrie in den Bereichen Wohnbedarf, Metallverarbeitung, Messgeräte und Klimatechnik an, ab 1970 auch Verlage und der Buchdruck (Comenius-Verlag, Zeitung "Hitzkirchertaler"). Am Anfang des 21. Jh. befand sich in H. das Oberstufenzentrum für zwölf Gemeinden. Es hatte sich aus einer 1825 eröffneten Sekundarschule und dem 1868 errichteten Kant. Lehrerseminar (ab 1877 mit Primarschule) entwickelt. Das Dorf, das 1663 abbrannte, besitzt heute ein Ortsbild von nationaler Bedeutung.

Autorin/Autor: Waltraud Hörsch

Quellen und Literatur

Literatur
Kdm LU 6, 1963, 94-128
– E. Achermann, 100 Jahre Lehrerseminar H. 1868-1968, 1969
– E. Achermann, Mein Tal, 1976
– F. Glauser, J.J. Siegrist, Die Luzerner Pfarreien und Landvogteien, 1977, 142 f.
Pfarrkirche St. Pankratius, 1984
– O. Wey, «Seeufersiedlungen am Hallwiler- und Baldeggersee», in Die ersten Bauern 1, 1990, 285-292
– H. Büchler-Mattmann, B. Häfliger, Fam. im Hitzkirchertal 1678, 1991
– O. Wey, Die Cortaillod-Kultur in der Zentralschweiz, 2001, 88-115, 145-159