Schüpfheim

Polit. Gem. LU, Hauptort des Amts Entlebuch. Das Gemeindeterritorium umfasst die Talsohle der Waldemme bzw. des Oberlaufs der Kl. Emme mit dem Dorf S. und reicht im Nordwesten bis an die Gr. Fontanne sowie im Südosten bis an den Grat der Schafmatt. Zu ihm gehörte lange auch das ausgedehnte Gebiet von Flühli, das 1836 eine selbstständige Gem. wurde. Um 1160 (Kopie 14. Jh.) Schipfen, 1324 Schuphen, 1660 Schüpf Heim, mundartlich noch heute Schüpfe. 1650 ca. 1'350 Einw.; 1798 2'600; 1816 3'430; 1850 3'125; 1860 2'859; 1900 3'038; 1950 3'763; 1980 3'537; 2000 3'897.

Die wohl Ende des FrühMA einsetzende Besiedlung ging von den sonnigen Hangterrassen am linken Ufer der Kl. Emme aus. Die spärl. Zeugnisse über Güter in S. weisen auf Streubesitz versch. Eigentümer, darunter um 1160 das Kloster Muri und 1173 das Stift Beromünster hin. 1264 verkauften die Frh. von Wolhusen, die ab dem 11. Jh. das Entlebuch beherrschten, ein Gut an das Kloster St. Urban. Die Kirche bzw. die Pfarrei S., eine Abspaltung von der Grosspfarrei Entlebuch, ist 1275 erstmals indirekt bezeugt. Über den mit einem Kanzelgericht verbundenen Kirchensatz verfügten die Frh. von Wolhusen. Mit dem Verkauf der inneren Burg Wolhusen Ende des 13. Jh. gelangte er vom Seniorzweig der Frh. von Neu-Wolhusen an die Hzg. von Österreich, die in S. die gesamte Gerichtsbarkeit besassen. Als Teil der Entlebucher Pfandschaft kam S. nach 1385 unter die Herrschaft der Stadt Luzern. Zum ursprüngl. Pfarrsprengel gehörten im Wesentlichen die Gemarkung S. südöstlich der Kl. Emme und der grösste Teil der Gemarkung Flühli, die 1782 zu einer eigenen Pfarrei erhoben wurde. 1601 kam der Schüpferberg dazu, der davor zur Pfarrei Entlebuch gezählt hatte. 1805 wurde unter Niklaus Purtschert der Grundstein zur heutigen Pfarrkirche St. Johannes und Paul gelegt. Als Befriedungsmassnahme nach dem Bauernkrieg liessen Schultheiss und Rat von Luzern 1655 ein Kapuzinerkloster erbauen (heute Haus der Gastfreundschaft Sunnehügel). 1913 wurde in S. das erste ref. Gotteshaus des Amts Entlebuch geweiht.

Aufgrund der zentralen Lage entwickelte sich S. zum Zentrum von Vogtei und Land Entlebuch. Bereits das Grafengericht der Frh. von Wolhusen hatte hier getagt. 1416 ist erstmals die Abhaltung des Landgerichts in S. nachgewiesen. Baul. Kennzeichen für die hohe Gerichtsbarkeit war der kurz nach 1443 errichtete Gefängnis- und Archivturm, der um die Mitte des 19. Jh. abgetragen wurde. Das Dorfrecht von 1591 regelte v.a. Aufgaben überlokaler Art, wie die Infrastruktur für Landgericht, Schwörtag oder Pferde- und Viehmarkt. Bis 1798 bildete S. das mittlere Amt des Landes Entlebuch (ab Ende des 16. Jh. Funktion als Gerichtsbezirk), 1803-1913 den Gerichtsbez. S. (auch nach 1836 zusammen mit der Gem. Flühli). In der Helvetik war S. namengebend für den gesamten Entlebucher Distrikt.

S. lag verschiedentlich im Brennpunkt der Revolten gegen die städt. Herrschaft, so 1478 im Amstaldenhandel und 1653 im Bauernkrieg. 1629 starb durch eine Pestepidemie mehr als ein Viertel der Dorfbevölkerung. Der planmässige Neuaufbau nach dem Grossbrand von 1829 gab dem Dorfzentrum entlang der Hauptstrasse ein stattl. Erscheinungsbild. Ein frühes Beispiel für das dörfl. Vereinswesen des 19. Jh. ist die 1842 gegr. Musikgesellschaft. Die Landwirtschaft war vom MA an durch Einzelhöfe mit Vieh- und Alpwirtschaft und einem eingeschränkten Getreidebau geprägt, der die ganze frühe Neuzeit hindurch betrieben wurde. Die Alpen wurden individuell bewirtschaftet. Die kollektive Nutzung von Allmend- und wohl auch von Ackerland war auf der Ebene von Einzelhofgruppen organisiert. Spätestens im 16. Jh. kam es jedoch zu einer Privatisierung durch die Einzelhöfe. Der Hochwald, den die luzern. Obrigkeit 1596 unter den drei Entlebucher Ämtern aufgeteilt hatte, verblieb als kollektive Reserve für Weidgang und Holzhau, war jedoch stetem Nutzungs- und Arrondierungsdruck ausgesetzt. 1807-08 wurde das Hochwaldareal unter den Gemeindegenossen aufgeteilt. Mit dem Aufkommen der Talkäserei entstanden ab den 1830er Jahren Käsereien und Käseexportfirmen. In der 2. Hälfte des 19. Jh. hatte die Heimarbeit (Strohflechten und Rosshaarknüpfen) eine gewisse Bedeutung. Der Anschluss an die Eisenbahnlinie Langnau-Luzern 1875 löste eine Bauphase aus, die zur Ausdehnung des Dorfs und zur Ansiedlung von einigen grösseren Betrieben führte (Seidenweberei 1881-1908, Holzverarbeitung). Aus der Sägerei und Kistenfabrik, die ihre Produktion 1897 mit einer Dampfsäge aufgenommen hatte, ging 1939 die Kistag hervor. 1974 eröffnete die Aluminium AG Menziken in S. ein Zweigwerk, das 1986 von der Almatec übernommen wurde. 1926 wurde die Volksbank Schüpfheim gegründet, die sich 1994 mit der Spar- und Leihkasse Entlebuch sowie der Sparbank Escholzmatt zu der Clientis Entlebucher Bank zusammenschloss. 2005 stellte der 1. Sektor noch gut 26% der Arbeitsplätze in der Gemeinde.

Der Zentrumscharakter der bevölkerungsreichsten Gem. des Amts Entlebuch äussert sich v.a. in den Bereichen Kultur und Bildung. Seit 1878 gibt die Buchdruckerei S. den "Entlebucher Anzeiger" heraus. Im Kulturzentrum Entlebucherhaus befindet sich das 1978 eröffnete Entlebucher Heimatmuseum. Einige regional bedeutende Ausbildungsstätten haben ihren Sitz in S., so die Kantonsschule, das kantonale heilpädagog. Zentrum und das landwirtschaftl. Bildungs- und Beratungszentrum, welches auch das Management des Unesco-Biosphärenreservats Entlebuch beherbergt.


Literatur
– S. Bucher, Bevölkerung und Wirtschaft des Amtes Entlebuch im 18. Jh., 1974
– E. Emmenegger, S. im Wandel der Zeiten, 1978
– E. Waser, Die Entlebucher Namenlandschaft, 1988
– S. Jäggi et al., 850 Jahre Entlebucher Geschichtskunde, 1990

Autorin/Autor: Peter Mulle