Niederbipp

Polit. Gem. BE, Amtsbez. Wangen, die am südl. Jurahang liegt und das gleichnamige Dorf sowie die Weiler Walde, Holzhüsere, Lehn und Aussenhöfen umfasst. 968 Pippa, 1302 Nider-Bippe. 1764 1'041 Einw.; 1850 2'337; 1900 2'245; 1950 3'050; 2000 3'930. Neolith. Einzelfunde im Oberfeld, hallstattzeitl. Grabhügel im Längwald. Im Komplex der Erlinsburg auf der Lehnfluh Siedlungskontinuität von der Bronzezeit bis ins MA. Röm. Villa im Gebiet der Kirche, Gebäudereste und Römerstrasse im Niederfeld. Frühma. beigabenlose Bestattungen bei der Kirche. Im Buchli Münzdepot (um 1200). N. gehörte zur frohburg. Adelsherrschaft Bipp. Um 1300 wurde die Erlinsburg (Reste dreier ma. Burgen, im 15. Jh. zerfallen) Zentrum des Amts Erlinsburg, das 1332 an die Gf. von Neuenburg-Nidau kam. Von da an teilte N. das Schicksal der Herrschaft Bipp. Zum Niedergericht N., dem Landvogt oder Weibel vorstand, gehörten auch Wolfisberg, Walliswil bei N. und Rufshausen. Im Lehn lag die einstige Richtstätte der Landvogtei mit Galgen. Die 1263 erw. Kirche (ma. Bau, im 17. und 18. Jh. umgebaut) war Eigenkirche der Frohburger im Bistum Basel, die sie 1322 dem Kloster St. Urban schenkten (1324 Inkorporation); 1579 erwarb Bern den Kirchensatz. Zur Pfarrei bzw. Kirchgemeinde N. zählte auch Walliswil bei N. Das Ackerbauerndorf N. hatte mit anderen Gem. Weide- und Holzrechte im obrigkeitl. Längwald (seit 1852/63 Waldanteil im Besitz der Burgergemeinde). Die kleine Siedlung Waldkirch südöstlich des Dorfs war schon im 16. Jh. eine Wüstung.

Zusatzverdienste in der landwirtschaftlich geprägten Gem. bot etwas Heimarbeit (Stricken im 18. Jh.). Im 19. Jh. erfolgte der Übergang auf Milchwirtschaft (1848 Gründung der Käserei, 1892 der landwirtschaftl. Genossenschaft). Die Ziegelhütte bestand 1833-1974. Eine wirtschaftl. Neuausrichtung setzte mit dem Anschluss an die Bahnlinien Olten-Solothurn (1870), Langenthal-N. (1907) und Solothurn-N. (1918) ein, welche einerseits die Arbeitssuche ausserhalb (v.a. Eisenwerke in der Klus) erleichterten und anderseits Gewerbe und industrielle Betriebe (1890 Uhren-, 1927 Lampenfabrik) stimulierten. Die Ersparniskasse des Amtsbez. Wangen wurde 1824, die Spar- und Leihkasse 1874 gegründet. Die Bautätigkeit nahm nach 1950 zu, v.a. nach Eröffnung der Autobahn 1967. Trotz erweiterten Arbeitsplatzangebots (u.a. Lampen-, Papierfabrik, Kieswerke) ist der Anteil an Wegpendlern v.a. in die Region Solothurn gross, 2000 lag er bei über 60% der in N. wohnhaften Berufstätigen. In N. wurde 1838 das erste Lehrerinnenseminar im Kanton (später nach Hindelbank verlegt) und 1899 die Sekundarschule eröffnet. Versch. Aufgaben erfüllt N. mit anderen Kommunen in Gemeindeverbänden, so die Forstverwaltung Bipperamt (1906), das Bezirkspital (Bau 1923 und 1964, heute Teil der Spitalregion Oberaargau) und das Altersheim (1989). Das Räberhus und das Räberstöckli dienen als kulturelle Begegnungsstätten.


Literatur
– H. Freudiger, Die politisch wirtschaftl. Entwicklung des Amtes Bipp, 1912.
N. und seine Bewohner, 1991
– S. Steger, Bauinventar der Gem. N., 2004
– J. Obrecht, «Frühe Siedlungen, vier Burgen und ein spektakulärer Burgweg», in Jb. des Oberaargaus 50, 2007, 123-143

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler