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Herzogenbuchsee

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Polit. Gem. BE, Amtsbez. Wangen. Das Dorf im Önztal, wichtigste Gem. im Amtsbez., erstreckt sich auch auf den ehem. Weiler Holz. 886 Puhsa, 1220 Buchse; zur Unterscheidung von Münchenbuchsee erstmals 1301 Herzogenbuchze. 1764 481 Einw.; 1850 1'525; 1900 2'533; 1950 3'790; 2000 5'338.

Im früh besiedelten Raum H. dominieren neben neolith. (Löli) und evtl. bronzezeitl. Einzelfunden (Dorf) sowie hallstätt. Tumuli (Ober-/Unterwald) v.a. die röm. Überreste: Ein Gutshof mit Mosaiken lag auf dem Kirchbühl, eine Tuffstein-Wasserleitung wurde im Bereich Friedhof/Kappelifeld entdeckt, und Einzelfunde und Münzen stammen aus den Fluren Sandacker, Rechenberg sowie Biblis. 886 gehörte H. zur Herrschaft der Adalgoz-Sippe, die dort im Tausch Güter von der Abtei St. Gallen erwarb. Im 11. Jh. war es Teil des Oberaargauer Besitzes der Gf. von Rheinfelden; Agnes, Tochter Rudolfs von Rheinfelden und Gattin Hzg. Berchtolds II. von Zähringen, schenkte der Benediktinerabtei St. Peter im Schwarzwald um 1093 Güter und Rechte in H. und im Önztal. Weiterer Besitz kam von den Zähringern nach 1218 an die Kyburger (Amt Gutisberg). Unter Kyburg-Habsburg entstand ein eigenes Amt H. mit hohen und niederen Gerichten, das von einem kyburg. Beamten (1264 Minister, 1372-83 Schultheiss) - seit 1313/63 als österr. Lehen - verwaltet wurde. Die Kirche (vormals vermutlich eine Kirchenburg, 1128 erw.), der Kirchhof und eine kleine stadtartige Niederlassung waren mit Mauern und Graben befestigt; die Anlage diente der Dorfbevölkerung im Gümmenenkrieg (1331-33), Guglerkrieg (1375) und letztmals im Bauernkrieg (1653) als Zuflucht. Durch die Verschuldung der Kyburger kam H. 1356-75 als Pfand an die Gf. von Neuenburg-Nidau und nach deren Aussterben 1375 an die Fam. von Grünenberg. Mit der Landgrafschaft Burgund erwarb Bern 1406 von Kyburg auch den hof ze Buchsi als kyburg. Sondergericht. Nach der Ablösung des Pfandes der Herren von Grünenberg liess Bern 1407 auf einem Landtag in H. das Recht des Hofgerichts kodifizieren. Die Grund- und Gerichtsherrschaft H. umfasste H., Ober- sowie Niederönz, Röthenbach, Heimenhausen und Wanzwil; in Blutgerichtsfällen war das Hofgericht H. zuständig für die Städtchen Huttwil und Wangen sowie für Ursenbach. Schliesslich unterstellte Bern H. hochgerichtlich der Landvogtei Wangen, die es zur Organisation seines oberaarg. Besitzes neu geschaffen hatte.

Die Kirche H. (886 indirekt bezeugt, Martinspatrozinium, Bau von 1728 mit mindestens drei Vorgängerbauten über röm. Villa aus dem 2. und 3. Jh.) gelangte um 1108 mit der Güterschenkung an die Abtei St. Peter, die in H. eine Propstei errichtete. Kastvögte waren die Zähringer, nach 1218 die Gf. von Kyburg bzw. deren Pfandinhaber, seit 1406 Bern. Die Propstei war kein Kloster, sondern ein geistl., administratives und gerichtl. Zentrum mit angegliedertem Meierhof. Dem Propst, einem Mönch aus St. Peter, und dem diesem unterstellten Leutpriester oblag die Betreuung der Grosspfarrei, der bis 1528 auch die solothurn. Gemeinden Aeschi, Burg, Bolken und Etzikofen sowie bis 1549 das bern. Rütschelen angehörten. Ihm unterstand ausserdem die Leitung des Meierhofs mit Rechten eines Freihofs und damit die Verwaltung des Grundbesitzes und der Kirchensätze in H., Seeberg und Huttwil. Dem 1363 erstmals erw. Dinghofgericht des Propstes, der als Gerichtsherr im Frühling und Herbst seine Zinsleute aufbot, hatte Kyburg auch die Niedergerichte zugelegt. Der Meierhof mit der 1220 genannten Marienkapelle und dem Gerichtsplatz lag im Raum Gemeindehaus/Kornhaus. An Hochgerichts- und Landtagen hatte der Propst die Hochgerichtsherren zu verpflegen. Die Propstei stand im 15. Jh. im Burgrecht mit Solothurn und Bern. Als Bern 1527 alle Klöster bevogtete, gab es auch der Propstei H. einen weltl. Verwalter und überliess das Niedergericht dem Landvogt von Wangen. Nach der Säkularisation 1528 verwaltete ein bern. Schaffner den Güterbesitz bis zur Übernahme durch die Landvogtei Wangen. 1557 entschädigte Bern St. Peter für die säkularisierten Güter und Rechte sowie die Kirchensätze von H., Seeberg und Huttwil. Die grosse Kirchgemeinde H., die mit Berken, Bettenhausen, Bollodingen, Graben, Heimenhausen, Hermiswil, Inkwil, Nieder- sowie Oberönz, Ochlenberg, Röthenbach, Thörigen und Wanzwil noch 13 andere Einwohnergemeinden umfasst, erhielt 1861, 1954, 1968 drei zusätzliche Pfarrstellen. 1953-54 erfolgte der Bau der kath. Kirche im Heimenhausenfeld.

Das Zelgdorf H. war einer der dörfl. Marktorte im spätma. Staat Bern; neben dem Wochenmarkt wurden vier Jahrmärkte abgehalten. Den Ackerbau flankierten somit früh regionales Handwerk und Gewerbe (Gasthöfe, Schmiede, Schlosserei, Färberei, Krämerei). Eine Dorfordnung ersetzte 1533 das Recht des Dinghofs aus dem 14. Jh. Dank seiner zentralen Lage wurde H. im Bauernkrieg von 1653 Treffpunkt der Aufständischen. Bei H. besiegten dann bern. Truppen unter General Sigmund von Erlach Reste von Niklaus Leuenbergers Bauernheer; das Gefecht forderte unter Bauern und Bewohnern H.s etwa 40 Tote, das Dorf ging in Flammen auf. Der Gefechtsplan von Ingenieur Johann Willading (1654) gibt eine gute Vorstellung der damaligen Siedlung. Von den Gebäuden im fast gänzlich umschlossenen "Städtli", dem Bereich um Dorfplatz und Kirchgasse, überdauerten das ehem. staatl. Kornhaus (1581-82 erbaut anstelle der Marienkapelle und des Gerichtsplatzes; heute Museum, Gemeindebibliothek), das Gemeindehaus (Standort des ehem. Priorats; 1753-55 erstelltes Doppelpfarrhaus) sowie die Gasthöfe Sonne und Kreuz (errichtet im 18. Jh.). Im Verkehrsknotenpunkt H. mit Zollstelle stiess die neue, 1756-64 erstellte Landstrasse von Bern in den Aargau auf den Handelsweg von Basel über Aarwangen nach Bern; die alte Landstrasse streifte H. im Süden. Nach Eröffnung der Bahnlinien Olten-Bern (1857) und H.-Solothurn-Biel (1857; seit 1992 Busverkehr) war H. bis zum Bau der Gäubahn 1876 Drehscheibe zwischen Bern und dem Jura. Dies löste eine starke Bautätigkeit im neuen Bahnhofsquartier aus, in dem sich mehrere, teils neu gegr. Unternehmen niederliessen (Käsehandel, Seidenbandwebereien mit Verlags- und Fabrikbetrieb, Schuhfabrik). 1880 wurde der Handwerker- und Gewerbeverein ins Leben gerufen. Den Strukturwandel vom gewerbl.-bäuerl. zum Industrie- und Dienstleistungsort kennzeichneten die Eröffnungen einer Maschinenbaufabrik 1903, einer Konstruktionswerkstätte 1933, eines Apparatebauunternehmens 1943, einer Schokoladenfabrik 1947 sowie einer Likörfabrik nach 1950. In den Industriequartieren Heimenhausenfeld und Hofmatt siedelten sich nach 1960 neue Firmen an; heute sind Futtermittel-, Obstverwertungs- sowie Maschinenindustrie die grössten Arbeitgeber. Als Marktort verfügt H. über Waren-, Schlachtvieh-, Obst- und Gemüsemärkte. Dank dem vielfältigen Arbeitsplatzangebot auch in der Baubranche, im Bankensektor, im Handel und im starken Gewerbe zieht H. v.a. seit den 1960er Jahren Zuzüger und Zupendler an, was die Schaffung von neuen Quartieren (Farnsberg 1946, Burgerland 1964, Bleikematt 1980, Zubacker 1981, Oberönzfeld 1993) und den Ausbau der kommunalen Infrastruktur seit den 1950er Jahren bedingte (u.a. Schulhausbauten 1956, 1966; Gasversorgung 1982; Abwasseranlagen 1992). Ursprünglich war H. Schulort für die ganze Kirchgemeinde, bis die "aussern" Gemeinden zwischen 1645 und 1720 eigene Schulen eröffneten. Neue regionale Aufgaben übernahm H. mit der 1835 gegr. Sekundar- (Schulverband mit 14 Gem.) und der Berufsschule, der ersten bern. Haushaltungsschule (Annex des ersten alkoholfreien Gasthauses, 1890 gegr.), dem Therapie- und Rehabilitationszentrum Wysshölzli (1892 bzw. 1932 gegr.), dem Bezirksspital (1905 bzw. 1925; Neubau 1971, ab 2000 Teil der Spital Region Oberaargau), dem Altersheim (1980; anstelle des Altersasyls) und den Erholungsanlagen (Frei- und Hallenbad 1975-76). Die 1857 gegr., politisch einflussreiche "Buchsi-Zeitung" war unter ihrem Redaktor Ulrich Dürrenmatt 1880-1908 über die Region hinaus angesehen. Das kulturelle Angebot im Dorf (Konzerte, Theater, Ausstellungen) und das Vereinsleben sind aussergewöhnlich reich.


Quellen
– Planaufnahme der Siedlung von 1654 durch Johann Willading (ZBZ-GS)
SSRQ BE II/2
Literatur
– K.H. Flatt, Errichtung der bern. Landeshoheit über den Oberaargau, 1969
– H. Henzi, Das Ende des Bauernkrieges 1653 in H., 1975
– H. Henzi, Die Kirche der Bergpredigt, 1978
– W. Aerni, «125 Jahre Eisenbahn in H., 1857-1982», in Jb. des Oberaargaus 25, 1982, 197-238
– H. Henzi et al., H., 1985
HS III/1, 751-761
– A.-M. Dubler, «Die Region Oberaargau», in Jb. des Oberaargaus 44, 2001, 74-114

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler