Lützelflüh

Polit. Gem. BE, Amtsbez. Trachselwald, die auf einem weiten Gebiet beidseits der Emme über Mündung und Talanfänge der Grünen und des Dürrbachs bis zum Ramisberg auf Terrassen das Dorf L. (heute Oberdorf genannt), die Weiler Waldhus und Flüele sowie Teile der Dörfer Trachselwald und Ranflüh umfasst. Ferner gehören im Tal auf dem rechten Ufer die Dörfer Ramsei und Grünenmatt, auf dem linken die Gewerbesiedlung Unter-L. (ehem. Goldbachschachen), Teile des Dorfes Goldbach (gemeinsam mit der Gem. Hasle bei Burgdorf) sowie die Exklaven Oberried und Lauterbach dazu. Die seit 1970 bestehende Neusiedlung Lützelflühschachen ist nach Rüegsauschachen ausgerichtet. 1888-89 erfolgten Grenzbereinigungen (Abtausch von Einzelhöfen) mit Rüegsau und Sumiswald. 1225 Lucelfluo. 1764 1'691 Einw.; 1850 3'433; 1900 3'444; 1950 4'042; 2000 3'957.

Zwei hochma. Erdwerke bei Ginsberg und Chälperg, die hochma., urkundlich jedoch nicht belegte Burgstelle Münneberg ob Flüele, die Wehranlage im Talgraben ob Schmidslehn und die Burgruine Brandis (röm. Münzfund) verweisen auf einheim. Herrensitze. Stammsitz und Ausdehnung der hochma. Freiherrschaft L., aus deren Fundus die Abtei Trub vor 1130 gestiftet wurde, sind unbekannt. Das Kirchspiel L. (entspricht ungefähr dem heutigen Gemeindebann) samt Kirche (1250 erw.) mit Kirchensatz bildete wohl ab dem 13. Jh. einen Teil der Herrschaft Brandis. Deren Niedergerichtsrechte reichten nur über die Gemeindegebiete rechts der Emme (Dorf-, Egg-, Grünenmatt-, Ranflühviertel), während das Emmenviertel auf der linken Seite zu den Niedergerichten Ranflüh und Hasle gehörte. Hochgerichtlich unterstand das Kirchspiel dem Landgericht Ranflüh (die Exklaven Lauterbach und Oberried steuerten ab 1602 als "oberer Viertel von Hasle" weiterhin mit dem Emmental). L. teilte das Schicksal der Herrschaft Brandis: 1607 kam es an Bern und war der Landvogtei Brandis, ab 1803 dem Amtsbez. Trachselwald unterstellt.

Der Bau der Emmenbrücke 1583-84 schloss L. an die Strasse nach Burgdorf an, wobei der Brückenzoll den Zoll in Goldbach ersetzte. Der Bevölkerungsdruck ab dem 16. Jh. erzeugte grosse soziale Unterschiede: Grossbauern, v.a. von Einzelhöfen des Eggviertels, in Waldhus und L. (ehem. Zelgdörfer, die im 16. Jh. auf den Feldgrasbau übergingen), sicherten sich mit Leiheverträgen Weideland in den Schachen, da sich arme Taglöhner und Störhandwerker anzusiedeln begannen. Die Ufersicherung (Schwellen) lastete zunehmend auf den armen Schachensiedlungen. Goldbachschachen zählte 1783-84 22 Taunerhäuser, alle in der untersten Steuerklasse. Eine Ausnahme bildete der Farbschachen, wo sich Grossgewerbe, v.a. eine Mühle und 1673 eine Färberei-Bleicherei, niederliess. Im 20. Jh. erlebten die Schachendörfer dank dem Bau der Emmentalbahn 1881, der Emmenverbauung 1886 und der neuen Talstrasse als gewerbl.-industrielle Zentren einen Aufschwung. So entstanden 1898 eine Hafer- und Gerstenmühle, Fabriken, die Apparate, Metallbauteile, Kunstoff und Parkett herstellten, sowie Käseexportfirmen. 1879 errichteten L. und Goldbach eine Sekundarschule. Die Gem. besitzt ferner eine Zivilschutzausbildungsstätte. Das Zentrum Kulturmühle und ein kleines Gotthelf-Museum sind von überregionaler Bedeutung.


Quellen
SSRQ BE II/8
Literatur
– F. Häusler, Das Emmental im Staate Bern bis 1798, 2 Bde., 1958-68
– J. Rettenmund, Amtsbez. Trachselwald, 1991
– R. Hug, K. Zaugg, Bauinventar der Gem. L., 2002

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler