Rafz

Polit. Gem. ZH, Bez. Bülach. Bedeutende Gem. des Rafzerfelds rechts des Rheins mit drei Grenzübergängen nach Deutschland. 870 (Fälschung des 10. Jh.) und 1096 Rafsa. 1634 412 Einw.; 1722 827; 1800 837; 1850 1'583; 1900 1'436; 1950 1'690; 2000 3'395.

Jungsteinzeitl. Einzelfunde, mittel- und spätbronzezeitl. Grabhügel, Flachgräber aus der Latènezeit sowie ein frühma. Grab belegen eine frühe Besiedlung. Um 1100 erscheint mit Pilgrim von R. ein Dienstmann der Gf. von Nellenburg, der evtl. mit den westlich bzw. nördlich von R. gelegenen Burgstellen Hellikofen oder Laubegg in Verbindung steht. Im HochMA besassen die Frh. von Tengen als wichtige Grundherren das Niedergericht, das Markwart von Baldegg um 1450 erwarb. Nachdem dieses vorübergehend an die Stadt Zürich gelangt war, ging es 1463 mit der Herrschaft Eglisau an den steirischen Frh. Bernhard Gradner und von diesem 1496 definitiv an Zürich über. Bis 1798 gehörte R. zur Landvogtei Eglisau. Die Landeshoheit mit dem Hochgericht erwarb Zürich erst 1651 von den Gf. von Sulz, die diese 1408 als Inhaber der Landgrafschaft Klettgau von den Gf. von Habsburg-Laufenburg übernommen hatten. 1798 wurde die Gem. dem helvet. Distrikt Bülach, 1803 dem gleichnamigen Bezirk, 1814 dem Oberamt Embrach und 1831 wieder dem Bez. Bülach zugeteilt.

Kirchlich gehörte das Dorf, das im SpätMA über eine Kapelle St. Nikolaus verfügte, zu Lottstetten (heute Baden-Württemberg). Nach der Reformation bildete R. mit den Weilern Solgen und Langenriet eine eigene Kirchgemeinde. Die Kollatur hatte der Kl. Rat der Stadt Zürich inne. 1556 wurde das Pfarrhaus, 1585 eine neue Kirche gebaut (mit Kirchturm von 1910). Seit 1994 besteht die kath. Kirche Maria Magdalena, die zur Pfarrei Glattfelden-Eglisau-R. gehört.

1499 erlitt das Dorf durch schwäb. Truppen schwere Schäden. Die Lage an der Landstrasse Schaffhausen-Baden und an der Abzweigung nach Zürich machte R. in der frühen Neuzeit zum Gewerbezentrum des Rafzerfelds, eines ausgeprägten Getreide- und Weinbaugebiets, in dem die Graswirtschaft erst gegen Ende des 19. Jh. an Bedeutung gewann. Die starke Zerstückelung der Bodenparzellen führte in R. schon 1915-22 zu einer ersten Güterzusammenlegung. 1798-99 und 1813-14 belasteten die Einquartierungen franz., österr. und russ. Truppen das Dorf erneut schwer.

1848 wurde an der Strasse nach Lottstetten eine Zollstelle eingerichtet. 1897 erhielt R. Anschluss an die Nordostbahn von Eglisau nach Neuhausen am Rheinfall. Mit der Industrialisierung entstanden in R. neue Betriebe wie 1863 die Grossziegelei (später Zürcher Ziegeleien), 1890 die Handelsgärtnerei Hauenstein, 1894 die Schuhfabrik Güttinger, 1918 das Sägewerk Sigrist sowie das Holzwerk der SIG Neuhausen, die eine Bevölkerungsabwanderung verhinderten (1930 je 39% der Erwerbstätigen im 1. und 2. Sektor). Anlässlich des Baus der Schnellstrasse Eglisau-Lottstetten wurden 1966 fünf der sechs Höfe des Weilers Solgen abgebrochen und die Bewohner ausgesiedelt. R. blieb ein semiagrar. Gewerbeort und wies 2005 1'145 Arbeitsplätze auf, wobei der 1. Sektor 13% und der 2. 40% stellte.


Literatur
– H. Hofer, Wirtschafts- und Siedlungsgeographie des Rafzerfeldes und seiner angrenzenden Gebiete, 1941
– T. Neukom, «R. im SpätMA», in ZTb 1996, 1995, 103-133
– T. Neukom, «"Hoche grichte und übrige herrligkeit"», in ZTb 2002, 2001, 1-51
– T. Neukom, R., 2005

Autorin/Autor: Ueli Müller