• <b>Steffisburg</b><br>Bemalter Wandteller aus Terrakotta, mit einer Edelweissverzierung und einer Ansicht von Interlaken, hergestellt in der Manufaktur Wanzenried-Ingold in Steffisburg (Schweizerisches Nationalmuseum). 1872 übernahm Johann Wanzenried (1847–95) von seinem Vater eine Werkstätte, die er zu einer kleinen Geschirrmanufaktur mit rund 30 Angestellten ausbaute. Er spezialisierte sich auf die Produktion von dekorativer Irdenware für die Hotellerie. Seine Frau Marie Luise Ingold führte die Firma bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts weiter.

Steffisburg

Polit. Gem. BE, Amtsbez. und Verwaltungskreis Thun sowie ehem. Landschaft. Die Gem. im unteren Zulgtal und am rechten Aareufer hat Anteil an der Thuner Schwemmebene und am rückwärtigen Hügelland; sie besteht aus der grossflächigen Siedlung S. mit ma. Dorfkern und den Quartieren Au, Schwäbis, Bernstrasse, Glockenthal, Hübeli, Flühli und Hardegg. 1133 Stevensburc, franz. früher Steffisbourg. 1764 924 Einw.; 1850 3'166; 1900 4'829; 1950 8'941; 1980 12'539; 2000 14'349. Einzelfunde aus Neolithikum (Schwäbis, Schulheim Sunneschyn), Frühbronze- (Eichfeld) und Bronzezeit (Wolfgrube, Schönbühl, Dorfhaldewald); röm. Kulturschicht mit Brandspuren (Schwäbis); frühma. Gräber (Zelgmatte, Klosterhubel). Am Ort des 1769 errichteten Burgerheims lag das ma. Thuner Siechenhaus mit Jakobskapelle.

Der Ort gehörte zum Territorium der einheim., 1133 belegten Frh. von Heimberg, das über das ganze Zulgtal reichte. Im SpätMA waren in S. kyburg. Ministerialenfamilien wie die von Rüti, von Matten, von Wichtrach, von Scharnachthal oder von Kien begütert, von denen Besitz vorerst an mehrere Klöster - v.a. Interlaken, aber auch Fraubrunnen, Thorberg und Engelberg - und ab dem 15. Jh. dann an Thuner und Bernburger (Matter, von Erlach) gelangte. Der Ort war Teil des zähring., ab 1218 kyburg. Äusseren Amts der Grafschaft Thun; um 1323 versah hier der kyburg. Vogt Werner Katterli hohe und niedere Gerichte (1385 "Katterlisamt"), den von Matten gehörte die Beizjagd in den Hochwäldern (1320 erw.). Auch unter Bern, das 1384 das Äussere Amt mit Thun erworben hatte, blieb S. Dingstätte und Tagungsort des Landgerichts, das im Oberdorf am Platz des später errichteten Landhauses stattfand. Die Richtstätte lag auf dem Galgenhubel ob Glockenthal. Das sog. Freigericht an der Lauenen, ein Niedergericht, wurde 1471 in die Gerichtsbezirke S. und Sigriswil geteilt; Gerichtshaus des neuen Freigerichts S., das dem Thuner Schultheissen unterstand, war das Landhaus in S. (Bau 1543, ab 1549 auch Taverne, 1581 Freistatt, mehrfach umgebaut, heute Gasthaus). Das Freigericht umfasste wie das Kirchspiel das ganze Zulgtal, ferner Heiligenschwendi, Schwendibach, Goldiwil sowie Herbligen und Brenzikofen. Die Landschaft S. besass ein 1405 kodifiziertes Landrecht, das mehrfach redigiert und 1834 schliesslich aufgehoben wurde. Die Achtzehner, eine eigene Landschaftsbehörde, die aus je sechs Vertretern des Dorf-, Langenegg- und Hombergdrittels bestand, verwalteten das Kirchen-, Schul- und Armenwesen; Amtsleute der Achtzehner und des Gerichts waren die einheim. Statthalter, Weibel und Landsäckelmeister. Die Mannschaft der Landschaft S. gehörte ab 1476 zum Banner der Stadt Thun, hatte aber ihren eigenen Exerzier- und Musterplatz in S. Die Gesellschaft der Büchsenschützen wurde vor 1553 gegründet. 1641 und 1653 nahm S. aktiv an den Bauernunruhen teil; Animositäten richteten sich gegen das Amt und die Stadt Thun. 1798-1803 war S. Hauptort des gleichnamigen helvet. Distrikts, dem auch die Kirchgemeinden Oberdiessbach und Wichtrach angehörten. 1803 wurde es dem Oberamt, 1831 dem Amtsbezirk Thun zugewiesen. 1872 wurde der Landschaftsverband aufgelöst.

Das Dorf S. war Zentrum einer Grosspfarrei. Die zwei Vorgängerbauten der 1224 erw. Kirche (Stephanspatrozinium) stammten jeweils aus der Wende vom 7. zum 8. bzw. vom 9. zum 10. Jh.; der heutige Bau von 1681 integriert Teile einer Basilika aus dem 10. und 11. Jh. sowie den Turm von ca. 1320. Die um 1500 angebaute Beinhauskapelle wurde nach 1528 abgetragen. In der 2. Hälfte des 13. Jh. waren die Herren von Rüti Inhaber des Kirchensatzes, von denen dieser mit dem Hof an der Scheidgasse vor 1299 ans Stift Interlaken kam; 1320 inkorporierte das Kloster die Kirche. In der Reformation 1528 fiel der Kirchensatz an Bern. Die Pfarrei umfasste einst das ganze Zulgtal mit S., Fahrni, Unter- sowie Oberlangenegg, Eriz, Homberg, Buchen und Horrenbach. Heimberg zählte von 1536 bis 1988 ebenfalls zu ihr. Zur Eindämmung des Täuferwesens liess Bern 1693 die Kirche Schwarzenegg errichten und wies dieser das obere Zulgtal zu. 1936 wechselte Homberg von S. zur neuen Kirchgemeinde Buchen. Die Katholiken gehören zur St.-Marien-Kirchgemeinde in Thun.

Das Dorf S. bildete einen von den Einzelhöfen abgegrenzten Zelgverband; seine Allmenden wurden indes bis zur Allmendteilung 1780 auch von den Höfen bestossen. Neben Acker- ist vom 14. Jh. an Weinbau bezeugt; der beträchtl. Rebbesitz des Klosters Interlaken fiel 1528 an Bern. Mit dem Übergang zur Vieh- und Milchwirtschaft ab den 1830er Jahren gewann der Futterbau an Gewicht, während der Weinbau aufgegeben wurde. Die Bauersame hatte vom MA an Nutzungsrechte in den obrigkeitl. Hochwäldern im oberen Zulgtal; 1897 entgalt der Staat die Gem. mit 180 ha Wald im Heimenegg- und Neuenbann; mit 322 ha ist die Burgergemeinde S. heute grösste Waldbesitzerin. Ab dem 14. Jh. sind Wasserwerke (Mühlen, Stampfen, Sägereien, später Walkereien, Öl- und Pulvermühlen) am dörfl. Gewerbekanal bezeugt. Nach dem Roden der Auenwälder längs der Zulg waren Müller und Gem. ab 1591 zur Bachverbauung verpflichtet (Schwellenpflicht); Abhilfe gegen Überflutung verschafften erst die Aare- und Zulgkorrektion im 19. Jh. Ab dem 17. Jh. nahm die Zahl der Handwerksbetriebe zu und neue Gewerbe hielten im Dorf Einzug (nach 1750 Töpferei, 1809 Ziegelei, ab 1818 Bierbrauereien). Die Spar- und Leihkasse eröffnete 1863. Die gute Verkehrserschliessung durch die Landstrasse Bern-Thun, den Weg ins Oberemmental über den Schallenberg (Fahrstrasse 1895-1900 erstellt), die Burgdorf-Thun-Bahn von 1899 (heute zwei Stationen) sowie die Trambahn S.-Thun-Interlaken von 1913 (1958 durch einen Bus ersetzt) einerseits und die Nähe zu Thun andererseits förderten das Wachstum der Gem. ab 1900 entscheidend. S. verzeichnete ab der 2. Hälfte des 19. Jh. die ersten Pendler, die in den eidg. Betrieben in Thun arbeiteten. Im Sog der Stadt Thun erlebte der Ort ab 1900 eine erste Bauwelle, weitere folgten nach 1945, in den 1980er sowie in den 2000er Jahren. Damit änderten sich Beschäftigungs- und Siedlungsstruktur; 2009 lebte nur noch Ortbühl hauptsächlich von der Landwirtschaft (Futter-, Obstbau, Beerenkulturen), die Bevölkerung der anderen Gemeindeteile arbeitete dagegen in Gewerbe-, Industrie- und Dienstleistungsunternehmen. In der Ebene wuchsen die versch. Neuquartiere, deren Bewohner sich auf Thun ausrichteten, rasch zusammen. Das in mehreren Zonen angesiedelte Gewerbe umfasst Maschinenfabriken (u.a. Präzisionsschleif- und Trennmaschinen sowie Verpackungsautomaten), ferner Seilbahn-, Apparate- und Fahrzeugbau, Fensterglas- und Fensterfabrik, Baugewerbe, Milchverarbeitung sowie ein grosses Dienstleistungsangebot. Das vielfältige dörfl. Kleingewerbe ist v.a. im Geschäftszentrum Oberdorf-Unterdorf angesiedelt. Die 1850 eingerichtete eidg. Pferderegieanstalt im Schwäbis wurde 1982 in einen Armeemotorfahrzeugpark umgewandelt; seit 2008 beherbergt die Anlage die Sammlung Hist. Armeematerial.

<b>Steffisburg</b><br>Bemalter Wandteller aus Terrakotta, mit einer Edelweissverzierung und einer Ansicht von Interlaken, hergestellt in der Manufaktur Wanzenried-Ingold in Steffisburg (Schweizerisches Nationalmuseum).<BR/>1872 übernahm Johann Wanzenried (1847–95) von seinem Vater eine Werkstätte, die er zu einer kleinen Geschirrmanufaktur mit rund 30 Angestellten ausbaute. Er spezialisierte sich auf die Produktion von dekorativer Irdenware für die Hotellerie. Seine Frau Marie Luise Ingold führte die Firma bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts weiter.<BR/><BR/>
Bemalter Wandteller aus Terrakotta, mit einer Edelweissverzierung und einer Ansicht von Interlaken, hergestellt in der Manufaktur Wanzenried-Ingold in Steffisburg (Schweizerisches Nationalmuseum).
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S. verfügt über zehn Kindergärten, acht Primar- und zwei Oberstufenschulen (Schönau, Zulg), die eine einzige Schulgemeinde bilden, sowie über die Kirchenzentren Sonnenfeld (1960) und Glockenthal (1968). Zum kulturellen Angebot der Gem. gehören die eigene Kunstsammlung und die Kunstausstellungen in der Villa Schüpbach. An sozialen Institutionen sind das 1913 gegr. Sonderschulheim, das Kinderheim von 1930 sowie sechs Alters- und Pflegeheime zu nennen. 1947 wurde die Gemeindeversammlung durch den 34-köpfigen sog. Grossen Gemeinderat ersetzt. Die Exekutive, der Gemeinderat, zählt einschliesslich des seit 1947 hauptamtl. Gemeindepräsidenten sieben Mitglieder.

Die Gem. weist versch. Architekturdenkmäler auf, so u.a. die Landsitze Ortbühl, ein 1794 von Carl Ahasver von Sinner erweitertes älteres Herrenhaus mit Pächterhaus von 1650, und Glockenthal, erstellt um 1859 durch Hans Heinrich Jud, seit 1929 als Altersheim genutzt. Beim ma. Zulgübergang liegen das Kleine Höchhus, erbaut im 14. Jh. von den Herren von Kien, und das Grosse Höchhus, errichtet um 1480 vom Thuner Schultheissen Heinrich Matter. Die Bäder Schwanden- (1486 erw.) und Schnittweierbad (1547 erw.) überlebten als Gasthöfe.


Literatur
– P. Hurni et al., S., 1983
– P. Eggenberger et al., S., ref. Pfarrkirche, 1994
– H. Schneeberger, Bauinventar der Gem. S., [1995]
– G. Frank, Dank dem Gewerbefleiss früherer Jahrhunderte, 3 Bde., 2000
– A.-M. Dubler, «Die Region Thun-Oberhofen auf ihrem Weg in den bern. Staat (1384-1803)», in BZGH 66, 2004, 61-117
– G. Frank «Gerichtsort S.», in Schlossmuseum Thun, 2013, 37-50

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler