Sigriswil

Polit. Gem. BE, Amtsbez. und Verwaltungskreis Thun. Die 55 km2 grosse Berg- und Seegemeinde am rechten Thunerseeufer umfasst elf Dörfer, nämlich Gunten sowie Merligen am See, Aeschlen, S., Endorf sowie Wiler auf der ersten darüberliegenden Terrasse, Ringoldswil, Tschingel sowie Schwanden auf der zweiten und Meiersmaad sowie Reust jenseits der Wasserscheide zur Zulg. Das Justistal, flankiert von Sigriswilgrat (Rothorn 2051 m) und Güggisgrat, ist Alpgebiet. 1222/23 Sigriswile. 1764 1'706 Einw.; 1850 3'056; 1900 3'093; 1950 3'920; 1970 3'540, 2000 4'496. Aus dem Neolithikum stammen zahlreiche Einzelfunde (Gunten, Guntenschlucht und Schwanden), aus der Bronzezeit ein Depotfund (Ringoldswil) und Skelettgräber (Egglen, Merligen), aus der Latènezeit Skelettgräber (Schönörtli-Örtliboden), aus der Römerzeit eine Münze sowie aus dem FrühMA weitere Körperbestattungen (Endorf). Das Gebiet war Teil des kyburgischen, ab 1384 des bern. Äussern Amts der Grafschaft Thun, gehörte damit zum Landgericht Steffisburg und war mit Steffisburg auch in einem Niedergericht vereint, dem sog. Freigericht an der Lauenen. 1471 wurde das Freigericht an der Lauenen in zwei Gerichtsbezirke geteilt. Fortan bildete S. mit Ringoldswil ein selbstständiges Freigericht im Amt Thun; das Gericht tagte unter dem Vorsitz des Statthalters im Wirtshaus von S. Die Mannschaft von S. gehörte ab 1476 zum Banner der Stadt Thun.

Die 1222/23 erw. Galluskirche von S. ist eine der zwölf in der Strättliger Chronik angeführten "Thunerseekirchen". Die heutige Kirche wurde 1678-79 errichtet; ihre zwei Vorgängerinnen sind in die Zeit vom 10. bis ins 12. Jh. und um 1467 zu datieren. Der Kirchensatz, im 12. Jh. Besitz der Herren von Bremgarten, vererbte sich an Thuner Bürger, die ihn 1223 bzw. 1232 dem Kloster Interlaken vergabten; mit der Reformation fiel er 1528 an Bern. Das an Oberhofen grenzende Ringoldswil zählte bis 1870 zur Kirchgemeinde Hilterfingen. 1937 wurde die Filialkirche Merligen erstellt.

Das bewaldete Berggebiet - noch heute rund die Hälfte des Gemeindebanns - erfuhr im 14. Jh. wilde Rodungen durch die lüt und gemeind von S.; 1347 erwarben diese vom geldbedürftigen Grafenhaus Kyburg alles Land zwischen Sigriswilgrat und dem Blumen. Die elf Bäuerten (heutige Dörfer) waren Genossenschaften zur Nutzung ihrer Allmenden und Alpen, wobei die Auftriebsrechte an die einzelnen Höfe gebunden waren. Im Streit zwischen den Reichen von S. und den Armen von Merligen setzte die Nutzungsordnung (Sey) von 1650 den Umfang eines Auftriebsrechts fest. Das Justistal kam 1253 als Donation der Frh. von Oberhofen an das Kloster Interlaken, dessen Grundbesitz ab 1528 in der gleichnamigen bern. Landvogtei zusammengefasst war; die Alpen wurden an Bauern verliehen und genossenschaftlich genutzt. Der dort hergestellte Käse wird noch heute Ende des Alpsommers im Justistaler "Kästeilet" unter den Genossenschaftern verteilt. Die Bergdörfer trieben Viehwirtschaft, die Dörfer am See Obst- und Rebbau - von Letzterem zeugt auch das spätma. Rebhaus des Klosters Interlaken (heute Schloss Ralligen) - sowie Fischerei, doch überall galt Selbstversorgung mit Getreide. Die Krise im Rebbau führte bis 1914 zu dessen Aufgabe. Nach 1800 steigerten die Dörfer den Holzexport, weshalb die Gem. zum Schutz der Wälder 1838 und 1857 Reglemente erliess.

1798 kam S. zum Kt. Oberland, 1803 zum Oberamt bzw. Amtsbez. Thun; 1834 schlossen sich die elf Bäuerten in der Einwohnergemeinde S. zusammen. Anstelle einer Güterausscheidung zwischen Einwohner- und Burgergemeinde entschied sich S. 1868, das Burgergut der Einwohnergemeinde zu übergeben. Dies führte zu Strukturänderungen: Waren um 1800 noch 881 Auftriebsrechte auf 499 Genossenschafts- und 382 Gemeindealpen verteilt gewesen, so befanden sich 2009 je 20 Alpen in Privat- und Genossenschafts- und zwei Alpen in Gemeindebesitz. 1858 warb S. erstmals für Molkenkuren mit Unterkunft im Wirts- oder Pfarrhaus. Die neuen Verkehrsmittel brachten den Aufschwung des Fremdenverkehrs, so ab 1867 die Dampfschifffahrt mit den Stationen Gunten, Merligen und Beatenbucht (ebenfalls im Sigriswiler Gebiet gelegen) sowie ab 1913 auch das Postauto und die am rechten Seeufer verkehrende Trambahn Steffisburg-Interlaken (seit 1958 Buskurs). Das Gemeindestrassennetz wurde ab 1873 ausgebaut, die Seestrasse 1884 angelegt. Hotellerie und Gewerbe entwickelten sich am See und auf der ersten Terrasse. Ab 1960 setzte ein v.a. durch den Aufschwung der Parahotellerie bedingter Bauboom ein. Während am See die Erstklasshotellerie dominiert, sind es in S. die Apartmenthäuser; der Anteil an Alterssitzen ist hoch. Im Touristikangebot sind Wasser- (Segeln, Surfen, Bäder), Ski- (Lifte, Loipen) und Wandersport. Auf den oberen Terrassen beidseits der Wasserscheide überwiegen Land- und Waldwirtschaft. Das unwegsame Gelände zwang schon im 18. Jh. die Bäuerten zum Unterhalt mehrerer Schulen. Von den einst zehn Primarschulen wurden 2009 noch sieben geführt, nämlich diejenigen in Aeschlen, Endorf, Merligen, Ringoldswil, Tschingel, Schwanden (mit Realschule) und S. (mit Realschule und der 1913 gegr. Sekundarschule).


Literatur
– A. Schaer-Ris, S., 1929
– A. Schaer-Ris, S., 1955 (21979)
– T. Lindt, Kirche S., [1989]
– P. Bannwart, Bauinventar der Gem. S., 2002

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler