Heiligenschwendi

Polit. Gem. BE, Amtsbez. Thun. Die Gem. liegt auf einer Terrasse über dem rechten Thunerseeufer in 900-1125 m Meereshöhe. Die Streusiedlung umfasst das "Dörfli" H., Schwendi mit Klinik, Halten, ferner Hofgruppen und Einzelhöfe. 1285 Helgeswendi. 1764 315 Einw.; 1850 532; 1900 506; 1920 962; 1950 1'159; 1970 646; 2000 707.

Als Teil des kyburg. Äusseren Amts kam das Gebiet von H. 1384 an Bern und wurde im Freigericht Steffisburg im bern. Amt Thun verwaltet. Kirchlich gehörte es stets zu Hilterfingen. Es umfasste die zwei "Gemeinden" oder Baursamen H. (nid dem Wald) und Schwendi (ob dem Wald), die 1362 erstmals erwähnt werden, sowie Hünibach (jenseits des Bachs), das weder über Allmend noch Seeanstoss verfügte und sich später zu einer Taunersiedlung entwickelte. Schwendi und H. hatten mit Teuffenthal im bergigen Grenzgebiet Weide- und Waldgemeinschaft (1362 erw.). Ihre eigenen Allmenden unterlagen teilweise vom Ende des SpätMA an Nutzungsordnungen (Seyordnung). 1782 zählte H. 109 und Schwendi 79 Einwohner und sie führten gemeinsam eine Schule in Neuschwendi, während Hünibach mit 84 Einwohner eine eigene Schule hatte. Nach Schaffung der Einwohnergemeinde H. blieben H. und Schwendi getrennte Burgergemeinden; 1867 erfolgte die Aussonderung der Vermögensanteile. 1925 wurde eine Kapelle beim Schulhaus als gemeinsamer Predigtort der Landeskirche und der Evang.-methodist. Gesellschaft erstellt, 1929 der Friedhof. Dank der Seestrasse (1884) und der Trambahn Steffisburg-Interlaken (1913) wurde der tiefer gelegene Gemeindeteil Hünibach als Wohnort im Sog der Stadt Thun zunehmend attraktiv. Mit der Bautätigkeit, dem Zuzug von aussen, der neuen Infrastruktur (Schulwesen, Kanalisation, Höhenstrasse) richtete sich Hünibach (1950 369 Einw.) zunehmend auf Hilterfingen aus. Nach längeren Verhandlungen um die Entschädigung wurde 1958 die Umteilung Hünibachs zu Hilterfingen vollzogen.

Der überregionale Ruf H.s gründet auf dem 1895 eröffneten Tuberkulosesanatorium in Schwendi, das ursprünglich vom Verein der Bern. Heilstätte für Tuberkulöse getragen wurde. Sein Erfolg führte ab 1912 zu steter baulicher Erweiterung (Kinderpavillon, Männerhaus), der Angliederung des Landwirtschaftsbetriebs und der Einrichtung einer Filiale in Saanen (Kindersanatorium Solsana 1946-68). Ab 1960 ging das Sanatorium sukzessive auf die Behandlung von Asthma über. Mit der Umwandlung in die Bern. Höhenklinik H. (Asthmaklinik, Rehabilitationsstätte für Herzkranke) war der Neubau 1976 verbunden. Der Sanatoriumsbetrieb öffnete die Berggemeinde der neuen Zeit: 1895 wurde die Fahrstrasse über Goldiwil nach Thun angelegt, auf der ab 1896 ein Postkutschenkurs bzw. ab 1918 ein Postautokurs verkehrte. Von 1919 an wurden erste Sightseeingtouren am Thunersee durchgeführt; 1904 hielt die Elektrizität in H. Einzug. Ab 1902 wurden in Schwendi auch Hotelbetriebe, Gaststätten und Pensionen neu erstellt oder in bestehenden Wohnhäusern betrieben, teils durch Einheimische, teils durch Personal des Sanatoriums. Die seit den 1920er Jahren propagierten Präventivmassnahmen und die Gründung der Bern. Liga gegen die Tuberkulose 1930 wirkten sich indes jahrelang verheerend auf die Hotellerie und Parahotellerie aus: Gäste blieben aus Furcht vor Ansteckung bis zur Überwindung der Tuberkulose aus. 1933 erfolgte die Gründung des Verkehrsvereins. Heute zählt H. neben vier Hotels v.a. viele Ferienwohnungen. Der grösste Arbeitgeber der Berggemeinde ist die Höhenklinik. Seit 1920 ist die Gem. Mitträger der Sekundarschulgemeinde Hilterfingen. 1976 kam sie mit ihrer Konzeption des Quartiers Halten (Landerwerb, Projektierung, Parzellenverkauf an Bauwillige mit Steuersitz H.) der Bauspekulation zuvor. Die Christl.-therapeut. Wohngemeinschaft Sonnegg für jugendl. Drogenabhängige besteht seit 1981.


Literatur
– E. Heimann, Chronik von H., 1285-1985, 1985
– R. Buser, U. Schneeberger, Bauinventar der Gem. H., 2004

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler