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Rüeggisberg

Polit. Gem. BE, Amtsbez. Seftigen, Verwaltungskreis Bern-Mittelland, und ehem. Priorat. Die auf dem Plateau des südl. Längenbergs gelegene Streusiedlung umfasst neben dem Dorf R. mehrere Weiler (Ober-, Niederbütschel, Vorder-, Hinterfultigen, Helgisried-Rohrbach) und Einzelhöfe; zum Gemeindegebiet zählt auch als Exklave Alpgebiet an Gantrisch und Nünenenfluh. 1075 mons Richeri, 1224 Ruogersperg. 1764 1'545 Einw.; 1850 3'156; 1900 2'722; 1950 2'220; 1980 1'739; 2000 1'939.

1 - Cluniazenserpriorat

Um 1075 schenkte Frh. Lütold von Rümligen der Abtei Cluny die Martinskirche in R. zur Gründung eines Klosters. Als erstes Cluniazenserpriorat im dt. Sprachraum und vermutlich ältestes Kloster im Bernbiet wurde R. vom Hochadel (Rheinfelder, Zähringer) und von Päpsten, Königen und Kaisern unterstützt. Die Prioratskirche Peter und Paul, ein mächtiger, architektonisch Cluny II verpflichteter Bau, entstand wohl noch Ende des 11. Jh. Das Priorat verfügte über Kirchen-, Grund- und Gerichtsherrschaft im Umfang der Gem. R., über Grundbesitz u.a. in Guggisberg und Alterswil (mit Kirchen), Plaffeien und Schwarzenburg, über Streubesitz am Längenberg und zwischen Aare- und Emmental sowie über Reben am Bielersee. Der von Cluny abhängige Konvent ohne Siegel bestand aus Prior und zwei bis vier Mönchen aus Cluny. Ihm unterstanden die 1148 erw. Priorate Röthenbach im Emmental und Alterswil. Der Eigenhof mit Alpen wurde u.a. mit Frondiensten bewirtschaftet. Die Klostervögte aus den Fam. Rümligen (bis um 1225), Bennenwil, Krauchthal und Erlach verwalteten die Blutgerichtsbarkeit, Klosteramtleute das Niedergericht. Von wirtschaftl. Einbrüchen erholte sich das Priorat jeweils wieder; am Ort arrondierte es seinen Besitz und stiess den im Emmental ab. Die Stadt Bern, Schutzmacht ab 1244, verstärkte im 15. Jh. ihren Einfluss und setzte schliesslich die Inkorporation des Priorats in das 1484 gegr. Vinzenzenstift in Bern durch. Der neue Schaffner veräusserte ab 1486 Güter zugunsten des Stifts. Der ehem. Klostervogt Rudolf von Erlach sicherte sich Vogtei, Hoch- und das halbe Niedergericht; 1565 verkaufte sein Nachfahre Wolfgang diese Rechte an Bern, das die Herrschaft R. nun durch den bern. Stiftsschaffner im Landgericht Seftigen verwalten liess. Nach der Reformation wurden Konventgebäude und Kirche 1541 bis auf den Nordarm des Querhauses abgetragen (1938-47 Ausgrabung und Renovation der Ruine).

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

2 - Gemeinde

Vielleicht bestand eine durch das Gemeindegebiet verlaufende Strassenverbindung zwischen dem Gebiet Aventicum/Payerne und dem Raum Thun schon in röm. Zeit. Über die zwei ma. Burgstellen Büffelhölzli (Erdwerk) und Ramsburg (Graben, Mauerwerk) sowie über die sog. Schlosschäle (in die Felsen des Schwarzwasser-Grabens gehauene Kammern) sind keine schriftl. Nachrichten überliefert. Die erhaltenen Reste der Martinskirche datieren aus der Frühromanik; der Bau wurde mehrfach erweitert (1. Hälfte des 12. Jh., 1532 nach Brand, 17.-20. Jh.). Ein Weltgeistlicher versah den Gottesdienst, ab 1279 auch in der Kirche (Vorder-)Fultigen (1228 erw., nach 1533 abgetragen). Die Bauernbevölkerung hing bis zur Ablösung der Leibeigenschaft um 1500 rechtlich wie wirtschaftlich vom Priorat ab. Trotz Höhen zwischen 740 und 1000 m betrieb sie ab dem MA Ackerbau teilweise in Zelgen; erst vom 19. Jh. an wandte sie sich vermehrt der Vieh- und Milchwirtschaft zu (mehrere Käsereien). Im Dorf gab es seit je auch Gewerbe (Taverne, Metzgerei, Bäckerei). 1803 wurde die Gem. dem Oberamt bzw. Amtsbez. Seftigen zugeteilt. Die Ersparniskasse wurde 1835 gegründet. Die Gem. verzeichnete von 1850 bis 1980 eine stete Abwanderung. Die bessere Verkehrserschliessung (Autobuskurse bis Bern) führte ab ca. 1975 zu einer vermehrten Bautätigkeit; 2000 pendelten 56% der Erwerbstätigen in die Regionen Bern, Thun und Schwarzenburg. Bis zur Gemeindezentralisierung 1947 erfüllten die Gemeindeviertel R., Bütschel, Fultigen und Graben (Rohrbach, Helgisried, Schwanden) kommunale Aufgaben. 2005 war die Gem. mit knapp 54% der Arbeitsplätze im 1. Sektor noch immer landwirtschaflich geprägt. Sie unterhielt 2009 fünf Primarschulhäuser; die Sekundarschule wurde in Riggisberg besucht. Berühmt sind die Rossgraben- und die Schwandbachbrücke, die 1932 bzw. 1933 von Robert Maillart errichtet wurden.

Quellen und Literatur

Literatur
– H.R. Hahnloser, Das Cluniazenserpriorat R., 1950
HS III/2, 643-687
– J.-P. Anderegg, A.-M. Biland, Bauinventar der Gem. R., 1996
– U. Bäriswyl-Schweingruber et al., R., 2005

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler