Riggisberg

Polit. Gem. BE, Amtsbez. Seftigen, Verwaltungskreis Bern-Mittelland, in der Mulde zwischen Längenberg und Gibelegg gelegen, umfasst das Dorf R., Weiler und Einzelhöfe sowie seit 2009 die ehem. Gem. Rüti bei Riggisberg. 1239 Ricasperc, 1270 Riggesberg. 1764 519 Einw.; 1850 1'474; 1900 1'753; 1950 1'913; 2000 2'162. Gräber mit eisernen Beigaben (Kreuzbühlhölzli). Röm. Siedlungsreste (Muriboden). Die Freiburger Burgerfamilie von R. hatte im 13. Jh. an ihrem Herkunftsort wohl schon keine Rechte und Güter mehr; Letztere befanden sich 1276 im Besitz des Priorats Rüeggisberg. In der 1. Hälfte des 14. Jh. gehörte die Herrschaft R. zu Burgistein und kam durch Heirat an Petermann von Wichtrach, der sie 1350-62 arrondierte und dem Landgrafen in Burgundia circa Ararim (Burgund jenseits der Aare), Rudolf von Neuenburg-Nidau, 1358 die dazugehörigen hohen Gerichte abkaufte. Daher blieb R. im Landgericht Seftigen auch unter Bern (1388-1798) vom Gerichtszwang befreit und der Stadt nur militärisch-steuerlich unterstellt. Die Herrschaft bestand aus dem Sitz Uf Gsteig, dem Dorf R., Höfen, den Gerichtsrechten über R. und über Rüti (gemäss Twingrecht von 1542). 1387-1799 befand sich R. im Besitz der Bernburgerfamilie von Erlach, den Erben der von Wichtrach. Sie liess um 1700 den alten Herrschaftssitz zur Schlossanlage erweitern. 1798 verlor sie die Herrschaftsrechte, 1799 verkaufte sie Karl Friedrich Steiger Schloss und Güter, die 1869 an dessen Cousin, den Iren Robert Pigott, übergingen. 1880 erwarben die Gem. des Regierungsstatthalteramts Bern-Land sowie der Amtsbez. Konolfingen, Seftigen und Schwarzenburg das Schloss und richteten darin die Mittelländ. Armenanstalt ein. 1939 wurde das ältere Lange Schloss abgebrochen und 1965-70 das um 1700 erbaute Hohe Schloss renoviert, in dem zu Beginn des 21. Jh. die Verwaltung des Wohnheims R. untergebracht war. Das Herrschaftsgebiet, bestehend aus R. und einem Teil von Rüti, gehörte zur Grosspfarrei Thurnen und verfügte über eine vermutlich im 12. Jh. gestiftete und 1343 erw. Sebastianskapelle. Der spätrom. Chorturm stammt aus der 2. Hälfte des 12. Jh. Das 1687 angefügte Schiff wurde 1939 und 1977-79 erweitert. Ab 1874 bildete R. mit Rüti eine Kirchgemeinde, die seit 1935 selbstständig ist. Während die Zone der Weiler und Einzelhöfe v.a. Landwirtschaft (Ackerbau, Vieh- und Milchwirtschaft) betrieb, verfügte das Dorf auch über Gewerbe (u.a. Gerbereien, Schmieden, Wirtshaus), drei Jahrmärkte (ab 1872) sowie eine Spar- und Leihkasse (1903). Zu Beginn des 21. Jh. bestanden neben vielfältigem Kleingewerbe (v.a. Baugewerbe) mehrere Dienstleistungsbetriebe wie Bezirksspital, Altersheim, das 1967 eröffnete Textilmuseum mit Forschungs- und Restaurierungszentrum der Abegg-Stiftung, die 1961 vom Zürcher Textilindustriellen Werner Abegg gegründet worden war, und die 1914 eingerichtete regionale Sekundarschule für sechs Gemeinden. 2005 stellte der 3. Sektor 81% der Arbeitsplätze in R.


Literatur
– R. von Stürler, Die vier Berner Landgerichte Seftigen, Sternenberg, Konolfingen und Zollikofen, 1920
– H. Zehnder, 50 Jahre Kirchgem. R.-Rüti, 1986
R., 1998
– T. Hurschler, Bauinventar der Gem. R., 2008

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler